Die Bibliothek der Hoffnung - Kate Thompson - E-Book
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Die Bibliothek der Hoffnung E-Book

Kate Thompson

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Beschreibung

Nach einer wahren Geschichte: eine Hommage an Bücher, Bibliotheken und die Kraft der Hoffnung Der historische Roman »Die Bibliothek der Hoffnung« erzählt die Geschichte der U-Bahn-Station Bethnal Green in London, die während des 2. Weltkriegs für 5.000 Menschen zu einer Art Zuhause wurde. London, 1944: In der stillgelegten U-Bahn-Station Bethnal Green suchen die Londoner Schutz vor den Fliegerbomben. Hier haben sie sich eine Art neues Leben aufgebaut, es gibt sogar ein Theater, einen Kindergarten – und eine kleine Bibliothek. Die hilfsbereite Clara Button und die rebellische Ruby Munroe haben unzählige Bücher vor den Bomben gerettet, jetzt schenken sie vor allem Frauen und Kindern Ablenkung, Wissen und Hoffnung. Doch je länger der Krieg dauert, desto härter wird die Entschlossenheit der Frauen, stark zu bleiben, auf die Probe gestellt – denn es könnte die Leben derer kosten, die ihnen am nächsten stehen. Anrührend und hochspannend erzählt die britische Autorin Kate Thompson eine wahre Geschichte: Eine kleine Bibliothek unter den Straßen von London schenkt den Menschen die Kraft, auch in dunklen Zeiten ein Licht zu sehen. Der liebevoll recherchierte historische Roman aus der Zeit des 2. Weltkriegs wird alle Leser*innen von Antonio Iturbes »Die Bibliothekarin von Auschwitz« oder Lea Kampes »Der Engel von Warschau« begeistern.

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Seitenzahl: 565

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Kate Thompson

Die Bibliothek der Hoffnung

Roman

Aus dem Englischen von Anja Schünemann

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

London 1944: 5000 Menschen suchen in der stillgelegten U-Bahn-Station Bethnal Green Schutz vor den Fliegerbomben. Hier haben sie sich eine Art neues Leben aufgebaut, es gibt sogar ein Theater, einen Kindergarten – und eine kleine Bibliothek. Die hilfsbereite Clara und die rebellische Ruby haben unzählige Bücher vor den Bomben gerettet, jetzt schenken sie vor allem Frauen und Kindern Ablenkung, Wissen und Hoffnung. Doch je länger der Krieg dauert, desto härter wird die Entschlossenheit der Frauen, stark zu bleiben, auf die Probe gestellt – denn es könnte die Leben derer kosten, die ihnen am nächsten stehen.

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

Epilog

Die wahre Geschichte um die Bethnal Green Library und den Kampf zu ihrer Rettung

Bibliografie und Quellen

Danksagung

Für die Freundinnen aus dem East End, die nicht mehr unter uns weilen.

Die Sprenkel Sonnenlicht im Schatten.

Trish. Minsky. Dot. Jessie. Ann.

 

Mit Dank an alle Bibliothekarinnen und Bibliothekare, ehemalige wie aktive, mit denen ich viele erhellende Stunden lang plaudern durfte. Ihre Liebe gilt nicht nur den Büchern, sondern auch den Menschen.

 

Und auch für die Mädels meines eigenen Bücherklubs, die das Jahr 2020 verwandelt haben.

xx

Wir werden große Mengen billiger Unterhaltungsliteratur benötigen. Der Soldat wird ein Buch im Marschgepäck tragen; der Zivilist wird Bücher wollen, um sie am Kamin zu lesen. Wir sind ein lesendes Volk, und der Krieg wird die Nachfrage nach Büchern noch steigern.

Frederick J. Cowles, Chefbibliothekar des Swinton and Pendlebury Library Service

Prolog

7. September 2020

Menschen kommen in die Bücherei, um die Welt zu verstehen.

Carol Stump, Präsidentin von Libraries Connected und Chefbibliothekarin des Kirklees Council

Eine alte Frau geht in der U-Bahn-Station Bethnal Green über den Bahnsteig Richtung Westen. Wegen ihrer Arthritis kommt sie nur quälend langsam voran.

»Mum, können wir bitte wieder gehen?«, fragt ihre älteste Tochter Miranda, die sich Mühe gibt, ihre Ungeduld zu verbergen. Sie erwartet später eine Lieferung vom Online-Supermarkt, außerdem lechzt sie nach einem Kaffee. »Jetzt mitten in der Pandemie sollten wir uns besser nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln aufhalten.«

»Ts.« Ihre Mutter winkt mit ihrem Gehstock ab. »Du kannst ja gehen, wenn du willst, aber ohne mich.«

Miranda wirft ihrer jüngeren Schwester Rosemary einen Blick zu und verdreht die Augen. Himmel, ihre Mutter ist manchmal wirklich schwierig. »Eine Naturgewalt«, wie ihr Ex-Mann sie einmal beschrieben hat.

»Zieh wenigstens deine Maske über die Nase, Mum«, verlangt Rosemary, doch die ältere Dame beachtet die beiden gar nicht. Beharrlich setzt sie ihren Weg fort.

Am Ende des Bahnsteigs halten alle drei inne und starren in die gähnende schwarze Mündung des Tunnels.

»›Wir reinigen unser Streckennetz regelmäßig mit antiviralem Desinfektionsmittel‹«, liest die alte Dame halblaut von einem Plakat an der Tunnelwand ab. »Nun, das ist nichts Neues. Im Krieg haben sie das jede Nacht getan.«

»Du bist im Krieg hierhergekommen?«, fragt Miranda und hat ihren Latte augenblicklich vergessen.

»Wir haben hier unten gelebt.« Ihre Mutter lächelt schief – ihr Gesicht ist seit dem Schlaganfall etwas verzogen. »Eure Tante Marie hat hier sogar Stepptanz gelernt.«

Miranda presst besorgt die Lippen zusammen. »Da bringst du sicher etwas durcheinander, Mum. Die Leute haben nur während des Blitz in der Station übernachtet.«

»Ich mag etwas eingerostet sein, aber im Oberstübchen bin ich noch gut beisammen!«, fährt die alte Dame sie an, und ihre Stimme ist scharf wie ein Messer. Sie liebt ihre Töchter heiß und innig, aber sie kann es nicht leiden, wenn die beiden sie nicht für voll nehmen und tun, als sei sie senil.

Sie schließt die Augen. Gedanken strömen in ihr Bewusstsein, marschieren auf wie eine Blaskapelle. Hitze. Blut. Rauch.

Erinnerungen, die sie tief vergraben hatte, von denen sie annahm, sie seien zu Staub zerfallen, drängen jetzt wieder an die Oberfläche, scharf und unaufhaltsam. Sie stolpert, ihr Gehstock fällt mit lautem Klappern auf den Bahnsteig. Ein paar Pendler schauen erschrocken auf, dann wenden sie sich wie die Lemminge wieder ihren Smartphones zu.

»Setz dich, Mum.« Rosemary ist sofort bei ihr und führt sie zu einer Bank unter dem Schild mit dem Namen der Station, Bethnal Green. »Wir bringen dich am besten nach Hause.«

»Nein!«, widerspricht sie unwirsch. »Erst müssen wir die Bücherei finden.«

Ihr entgeht nicht, dass ihre Töchter über den Rand ihrer Masken hinweg vielsagende Blicke wechseln.

»Mum«, sagt Rosemary langsam und zeigt nach oben. »Die Bücherei ist oberirdisch. Wir sind hier in der U-Bahn, hast du das vergessen?«

»Genau genommen ist es zurzeit gar keine Bücherei«, fügt Miranda hinzu. »Es ist ein medizinisches Zentrum für COVID-19-Impfstoffstudien. Ich habe es auf dem Weg hierher gesehen.«

Eine Bahn der Central Line fährt ein und stößt einen Schwall heißer Luft aus. Der Kopf der alten Dame ist müde, ihre Gedanken sind träge und verworren. Was soll dieses Gerede, dass es ein medizinisches Zentrum sei und keine Bücherei? Sie kennt sich in dieser Welt nicht mehr aus.

»Mrs Rodinski?«

Zwei Männer in den Warnwesten der Verkehrsbetriebe und mit glänzenden Plastikvisieren vor den Gesichtern kommen auf sie zu.

»Ja, das bin ich.«

»Mein Name ist Peter Mayhew, ich bin der Pressesprecher, und dies ist Grant Marshall, der Stationsvorstand. Danke, dass Sie uns kontaktiert haben.«

»Ich danke Ihnen, junger Mann, dass Sie mir mein Eigentum zurückgeben wollen. Mir liegt sehr viel daran.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagt der Pressesprecher, der wittert, dass diese Geschichte gute Publicity hergeben könnte.

»Wie alt sind Sie eigentlich, Mrs Rodinski?«, erkundigt sich der Stationsvorstand. »Wenn die Frage nicht zu indiskret ist.«

»Ganz und gar nicht. Ich bin achtundachtzig. Ich habe einen großen Teil meiner prägenden Jahre in diesem Tunnel zugebracht.«

»Meine Güte, Sie haben sich aber wirklich gut gehalten«, bemerkt er kichernd.

»Junger Mann, ich bin eine Frau und kein Baugerüst. Was ist nun, haben Sie meine Briefe?«

»Mum, was hat das alles zu bedeuten?«, will Rosemary wissen. Doch ihre Mutter nimmt die Frage gar nicht wahr, denn der Pressesprecher hält plötzlich einen Klarsichtbeutel mit einem Bündel Briefe in der Hand und überreicht ihn ihr.

»Wir haben sie kürzlich bei Renovierungsarbeiten gefunden, in einer Nische hinter den Kacheln in diesem Tunnel.«

Sie nickt. »Dort war früher die Rückwand der Bücherei.«

Ihre Hände zittern ein wenig, als sie sie aus den Taschen zieht. Sie nimmt das Päckchen, das mit einem cremefarbenen Band verschnürt ist, und hält es an die Nase. »Sie riechen noch immer nach der Bücherei.«

»Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie bereit wären, der BBC ein Interview zu geben und ein wenig davon zu erzählen, wie es für Sie ist, diese Briefe aus der Kriegszeit wiederzubekommen.«

»Selbstverständlich, aber zuerst würde ich gern ungestört mit meinen Töchtern sprechen.«

»Natürlich. Kommen Sie doch bitte zu mir, bevor Sie gehen.«

Die Männer entfernen sich, und die alte Dame wendet sich Rosemary und Miranda zu. Die beiden sind sichtlich verwirrt.

»Das hier«, sagt sie und hält das Briefbündel hoch, »ist der Grund, weshalb wir hier sind. Ich dachte, ich hätte sie für immer verloren.«

Gerüche können Vergessenes wieder heraufbeschwören. Der muffige Geruch des alten Papiers hat in ihrem Geist Schleusen geöffnet, und Erinnerungen stürmen auf sie ein. Sie hört das helle Lachen von Kindern, die durch die Tunnel rennen. Das leise Rascheln von Buchseiten. Plonk. Eine Faust haut einen Stempel in ein Büchereibuch. Ein Bücherwagen quietscht. Sie hat wieder den Geruch von Karbol in der Nase, dem Desinfektionsmittel des 20. Jahrhunderts. Es sind die Gerüche ihrer persönlichen Geschichte.

Doch tief unten, noch tiefer als diese Tunnel, verstecken sich die anderen Erinnerungen. Ein Gedanke lässt ihr deshalb keine Ruhe: Was, wenn dieses Virus sie dahinrafft? Manchmal kommt es ihr vor, als sei es gar nicht die Frage, ob, sondern lediglich, wann. Wenn sie sterben sollte, ohne ihren Töchtern die Wahrheit erzählt zu haben, dann würde ihre Geschichte mit ihr enden, und dieser Verrat wäre doch gewiss viel schlimmer als die Geheimnisse, die sie all die Jahre bewahrt hat?

Wie hat Clara einmal zu ihr gesagt?

Jeder Mensch stirbt zweimal. Einmal, wenn sein Herz aufhört zu schlagen, und noch einmal, wenn sein Name zum letzten Mal ausgesprochen wird.

Es ist an der Zeit, ihre Geheimnisse aus dem Krieg ans Licht zu holen.

»Es war feige von mir, euch nicht die ganze Wahrheit zu sagen«, gesteht sie leise und nimmt ihre Maske ab. »Ich werde euch alles erzählen. Beginnen wir in der Bücherei.«

1

3. März 1944
Clara

Ich fand immer schon, Bibliothekare sollten sich bemühen, ihre Kundschaft zum Lesen zu ermutigen, ohne dabei zu werten. Es geht darum, dass die Leute ihr Leseerlebnis genießen. Wer wären wir, darüber zu urteilen, was für ein Erlebnis das ist?

Alison Wheeler, MBE, ehemalige CEO der Suffolk Libraries, Bibliotheksaktivistin und Kuratorin des Bibliotheksverbands CILIP

Ist Weinen in der Bücherei erlaubt?«

»Lieber Himmel! Wo kommst du denn so plötzlich her?« Clara blinzelte gegen die Tränen an. »Ich dachte, ich hätte abgeschlossen!«

Es war nicht gerade schicklich für eine Bibliothekarin, dabei ertappt zu werden, wie sie mit roten Augen und Rotznase neben ihrem Wagen mit zurückgegebenen Büchern flennte.

Clara schaute über den Tresen. Ein kleines Gesicht blickte ihr entgegen, die Augen hinter dem langen Pony verborgen. »Entschuldige, Liebes, wollen wir noch einmal neu anfangen? Ich heiße Clara Button, ich bin hier die Bibliothekarin.«

»Hallo. Ich bin Marie.« Das Mädchen pustete nach oben, sodass der Pony sich teilte und neugierige braune Augen zum Vorschein kamen.

»Möchtest du ein Lutschbonbon, Marie?«

»Sind Süßigkeiten denn hier erlaubt?«

»Ich habe einen geheimen Vorrat an Zitronenbonbons.« Sie zwinkerte. »Für Notfälle.«

Die Augen wurden groß.

»Wusste ich’s doch, dass das deine Lieblingssorte ist.«

Marie griff blitzschnell nach der Süßigkeit und stopfte sie in den Mund. »Woher hast du das denn gewusst?«

»Ich weiß immer, was die Leute am liebsten mögen.«

»Wetten, du weißt nicht, welches mein Lieblingsbuch ist?«

»Wetten doch? Mal sehen. Wie alt bist du?«

Marie hielt acht Finger dicht vor Claras Gesicht.

»Acht, das ist ein wunderbares Alter!«

Clara ging in die Abteilung für Kinderbücher und krabbelte mit den Fingern flink über die Buchrücken wie eine Spinne. Marie grinste, das Spiel gefiel ihr.

Claras Finger verharrten kurz bei Black Beauty – zu traurig –, wanderten dann weiter zu Aschenputtel – zu rosarot – und blieben schließlich auf Der Wind in den Weiden liegen.

»Habe ich recht?«

Das Mädchen nickte. »Ich mag den Kröterich am liebsten.« Maries Blick glitt voller Verlangen über Claras sorgfältig gepflegten Bücherbestand. »Hier drin ist es wie in Aladins Höhle.«

Clara glühte vor Stolz. Sie hatte fast drei Jahre gebraucht, um nach der Bombardierung ihre Bücherei hier so weit aufzubauen.

»Darf ich das ausleihen? Ich konnte meins nicht mitnehmen.«

»Wurdest du evakuiert?«

Marie nickte. »Mein Vater ist auf Jersey geblieben.«

»Das tut mir leid. Du vermisst ihn bestimmt.«

Die Kleine nickte wieder und zwirbelte ihr rotzverklebtes Ärmelbündchen um die Finger.

»Meine Schwester sagt, ich darf nicht darüber reden. Kann ich denn Bücher ausleihen?«

»Aber ja, ich werde dir einen Leseausweis ausstellen«, erwiderte Clara. »Wenn du deine Mum bittest, zu mir zu kommen und das Anmeldeformular auszufüllen. Ich müsste dazu nur ihren Übernachtungsschein sehen.«

»Sie kann aber nicht kommen. Meine Schwester hat gesagt, ich soll sagen, sie hat immer viel zu tun, weil sie kriegswichtige Arbeit macht.«

»Oh, na, dann kann deine Schwester vielleicht fünf Minuten erübrigen.«

»Warum hast du eigentlich vorhin geweint?«, nuschelte Marie und schob das Zitronenbonbon in die andere Wange, die sich ausbeulte wie bei einem Hamster.

»Weil ich traurig war.«

»Und warum?«

»Weil ich jemanden vermisse, der mir viel bedeutet hat, das heißt, eigentlich drei Menschen.«

»Ich auch. Ich vermisse meinen Vater … Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?« Maries glänzende Augen wurden noch größer. Vielleicht hatte die Süßigkeit ihr die Zunge gelöst oder die Aussicht auf Der Wind in den Weiden, jedenfalls spürte Clara, dass dieses kleine Mädchen dringend jemanden brauchte, dem es sich anvertrauen konnte.

»Großes Ehrenwort«, versprach sie und hob die Schwurhand. »Bibliothekarinnen können wunderbar Geheimnisse hüten.«

»Meine M–«

»Marie Rose Kolsky!«, fiel ihr eine scharfe, helle Stimme von der Tür her ins Wort. »Was denkst du dir dabei, dich hier herumzutreiben!«

Clara wandte sich zum Eingang um und schaute in das blasse, ernste Gesicht eines weiteren Mädchens.

»Es tut mir wirklich leid, Miss, meine Schwester hätte Sie nicht behelligen sollen. Ich habe ihr gesagt, dass sie an unserem Schlafplatz auf mich warten soll.«

»Ich wollte aber die Gutenachtgeschichte hören«, protestierte Marie.

»Sei nicht albern, Marie, die Bücherei ist geschlossen.«

»Nein, nein, deine Schwester hat schon recht«, unterbrach Clara, die das Bedürfnis hatte, das kleine Mädchen zu verteidigen. »Wir halten hier in der Bücherei jeden Abend um sechs eine Vorlesestunde. Nur heute Abend muss sie leider wegen einer Feierlichkeit ausfallen. Aber schaut doch gern morgen wieder herein.«

»Vielleicht. Komm jetzt, Marie.«

Die Größere packte ihre kleine Schwester am Arm und zerrte sie zur Tür. »N’en soûffl’ye un mot.« Clara verstand kein Französisch, aber ihr war klar, dass Marie einen Rüffel bekam.

»Komm wieder, ich lege das Buch für dich zurück.«

Doch die beiden waren schon fort, ihre Schritte hallten über den Bahnsteig Richtung Westen.

Clara schaute den Mädchen neugierig nach. Sie gingen gerade am Theater des Shelter vorbei. Marie lief hüpfend mit, halb von ihrer Schwester mitgeschleift. Sie trug zwei verschiedenfarbige Socken und Turnschuhe. Die Ältere wirkte steif und zugeknöpft. Gar nicht wie die meisten jungen Mädchen, die Nacht für Nacht in dem überfüllten, lärmigen Bethnal Green Underground Shelter schliefen. Die Minsky Agombars und Pat Spicers dieser Welt hatten ein loses Mundwerk und ein affektiertes Gehabe. Jeden Abend, wenn Clara die Bücherei abschloss, sah sie sie in Scharen bei ihren metallenen Stockbetten versammelt, wo sie verschwörerisch tuschelten oder sich mit den Nähnadeln ihrer Mütter gegenseitig Ohrlöcher stachen. Diese hier war anders. Nun, in ihrer kleinen unterirdischen Bücherei bekam Clara die unterschiedlichsten Menschen zu sehen.

Jetzt verschwanden die Schwestern in der Düsternis der von beißenden Gerüchen erfüllten U-Bahn-Station. Im Café in der Schalterhalle eine Ebene höher brieten Dot und Alice gerade Fisch zum Sabbat für die jüdischen Bewohner des Shelter, der Geruch zog von oben herunter und mischte sich in den Karbolgestank. Hier unten in den Tunneln konnte man die Luft schneiden.

Mit einem tiefen Seufzer besann Clara sich darauf, dass ihr kaum noch Zeit blieb, ihr Gesicht in Ordnung zu bringen und ihre Schminke aufzufrischen. Ihr graute schon vor dem Auftritt, der ihr bevorstand.

Ihr düsterer Blick fiel auf die Abendausgabe des Daily Express, die aufgeschlagen auf dem Büchereitresen lag.

BLITZ ENTFACHT LESEFIEBER, lautete die Schlagzeile auf der Titelseite, darunter war eine grässliche Fotografie von ihr abgedruckt und als Bildunterschrift: Perle der Bibliothek geht unter die Erde.

Perle der Bibliothek?

Der Artikel darunter war noch schlimmer.

Die junge, kinderlose Witwe Clara Button leistet ihren Beitrag zu den Kriegsanstrengungen, indem sie die einzige unterirdische Bücherei Großbritanniens leitet. Diese befindet sich über den U-Bahn-Gleisen in der als Notunterkunft genutzten Station Bethnal Green. Als die Zentralbibliothek des Stadtteils in der ersten Woche des Blitz ausgebombt wurde, wobei der leitende Bibliothekar Peter Hinton tragischerweise ums Leben kam, fand sich die Kinderbibliothekarin Mrs Button unverhofft in der Führungsrolle wieder. In Ermangelung männlicher Kollegen trat sie tapfer in die Bresche und sorgte dafür, dass 4000 Bände in die U-Bahn-Station verbracht wurden. Dort, 24 Meter unter der Erde, wurde unter ihrer Leitung eine provisorische Bunker-Bibliothek eingerichtet.

Unsere barbarischen Feinde mögen finster entschlossen sein, London in Schutt und Asche zu legen, doch unter den Straßen der Stadt versieht Mrs Button unerschütterlich ihren Dienst und versorgt ihre Mitmenschen mit packender Lektüre, um sie auf andere Gedanken zu bringen, wenn oben die Bomben fallen.

Die Worte »kinderlose Witwe« waren der Anlass gewesen, weshalb sie vorhin geweint hatte. Die Beschreibung traf natürlich zu, aber war es denn nötig, ihren Status so unverblümt dem ganzen Land kundzutun?

Clara dachte wieder an Duncan, und die Trauer bohrte sich tief in ihr Herz wie ein glühendes Messer. Mehr bedurfte es nicht. Die Erinnerung an sein Gesicht, als er in der Tür stand, im Begriff, in den Krieg zu ziehen, die Stiefel auf Hochglanz poliert, aufgeregt wie ein Kind bei einem Sommerfest. Fragen rankten sich durch ihren Geist wie Unkraut.

Woran hatte er in den Augenblicken vor seinem Tod gedacht? Hätte sie ihre Anstellung in der Bücherei aufgeben sollen? Wie lange würde das Lügengebäude halten?

»Nein!«, schalt sie sich selbst und presste die Fäuste auf die Augen. »Damit fangen wir jetzt nicht an. Nicht ausgerechnet heute.« Einmal am Tag gründlich ausweinen, und niemals in der Bücherei. Das waren ihre Regeln, und eine davon hatte sie bereits gebrochen. Außerdem – wer hier in Bethnal Green trug nicht eine Zentnerlast an Trauer? Die Leute brauchten den Anblick einer fröhlichen, strahlenden Bibliothekarin, nicht das hier.

Ein Geräusch an der Tür ließ Clara aus ihren düsteren Gedanken aufschrecken.

»Verdammich noch mal, wir haben März, aber draußen ist es so kalt, dass einem Eisbären der Schwanz abfrieren würde …«

Ein riesiges Tablett mit Sandwiches und Würstchen im Schlafrock landete krachend auf dem Tresen.

»Knochenschinken, echte Butter … Nicht schlecht. Dot vom Café hat sich auf einen Handel eingelassen … Ich habe ihr versprochen, dass sie nächste Woche doppelt so viele Bücher ausleihen darf. Moment mal, du bist ja noch gar nicht fertig! Der Fotograf von der Picture Post ist schon im Anmarsch.« Eine schmale Hand griff flink nach dem Daily Express mit dem Artikel, den Clara eben gelesen hatte.

»Fantastisch, oder? Allerdings hat dich der Fotograf nicht gerade von deiner Schokoladenseite erwischt. Du siehst aus wie ein Schluck Wasser in der Kurve«, stellte Ruby mit schonungsloser Offenheit fest. »Wir müssen dich zurechtmachen, damit das bei den nächsten Bildern besser wird.«

»Danke, Rubes!« Clara musste lachen.

Ruby Munroe war ihre beste Freundin und seit einiger Zeit ihre Bibliotheksgehilfin. »Ungelernt, nicht qualifiziert wie unsere Clara«, erzählte sie jedem, der es wissen wollte oder auch nicht. »Ich bin dumm wie Bohnenstroh.« Doch das stimmte nicht. Ruby besaß mehr Schneid und mehr Grips als die meisten Männer, die Clara kannte. Ihre beste Freundin seit der Grundschule kam spielerisch durchs Leben, alles schien einfach an ihr abzuperlen, und sie hatte mehr Chuzpe als der durchschnittliche Bethnal Greener. In Rubys Welt war nichts unmöglich, alles ließ sich irgendwie einfädeln und aushandeln.

Es stimmte, dass Clara die Bücher auswählte, auch die Katalogisierung und das Leihsystem lagen in ihrer Hand, sie kümmerte sich um die komplizierteren Anfragen und die bibliografischen Recherchen. Aber Ruby mit ihrer sozialen Intelligenz war diejenige, die zu den unterschiedlichsten Leuten einen Draht fand, denn in die Bücherei kamen Menschen jedweden Schlags.

»Ach, Liebes, du hast ja geweint.« Ruby löste das Kopftuch über ihrer hoch aufgetürmten Frisur und verzog das Gesicht. »Hast du an ihn gedacht?«

Clara nickte.

»Duncan oder Peter?«

»Eigentlich an beide. Es ist wegen dieser Auszeichnung – ich musste daran denken, wie gern die beiden heute Abend dabei gewesen wären.«

Ruby schüttelte den Kopf. »Dieser Abend gehört dir, Clara Button. Wir paffen noch schnell eine – ja, ich weiß, in der Bücherei ist Rauchen verboten, aber heute Abend kannst du wohl mal eine Ausnahme machen. Und während du das hier anziehst« – sie kramte in ihrer Netztasche und förderte etwas völlig Unmögliches in Feuermelderrot zutage –, »mixe ich uns einen kleinen Muntermacher.«

Claras Magen krampfte sich zusammen. »Ich glaube, ich kann das nicht.«

»Ach was, mit zwei Aspirin und einem Gin geht alles, Cla!« Ruby steckte sich grinsend eine schwarze Sobraine an und goss je einen reichlichen Schuss klarer Flüssigkeit aus einem Flachmann in zwei Marmeladengläser. »Du hast das halbe East End zum Lesen für den Sieg angestiftet. Die Leute wollen sich nur bei dir bedanken. Schlechte Zeiten sind gut für Bücher«, fuhr sie fort, dann leerte sie ihr Glas mit einem großen Schluck und schüttelte sich. »Teufel auch, das Zeug hat’s in sich. Du bist ein unverzichtbares Rad im Getriebe der Kriegsmaschine, also genieße deine große Stunde, Mädchen.«

»Aber Rubes, findest du nicht auch, dass die Sache einen seltsamen Beigeschmack hat – ich meine, diese Auszeichnung ausgerechnet heute Abend zu verleihen?«

»’türlich.« Ruby zuckte die Achseln. »Sie wollen von dem schlimmen Ereignis ablenken. Die guten Seiten des Shelter hervorheben, um seine Vergangenheit zu vertuschen. Das liegt doch auf der Hand.«

»Aber es macht dir nichts aus?«, fragte Clara nach. »Ich meine nach allem, was du und deine Mum durchgemacht habt … und natürlich die Hälfte der Leute in dieser Notunterkunft. Hier unten gibt es doch niemanden, der damals nicht irgendwie betroffen war.«

Ruby lächelte dünn, dann begann sie ihren roten Lippenstift nachzuziehen. »Es ist nun mal passiert. Wer hier im Shelter hätte nicht jemanden verloren? Und jetzt hör auf zu trödeln und zieh dich um.«

»Ich dachte mir, ich könnte einfach das hier anbehalten«, erwiderte Clara und schaute an sich hinunter. Sie trug wie üblich eine Bluse, die in die Hose gesteckt war.

»Du wirst morgen auf den Titelseiten sämtlicher Zeitungen erscheinen, da kannst du nicht aussehen wie eine alte Jungfer, die sich in Büchern verkriecht.«

»So weit ist das aber nicht von der Wirklichkeit entfernt«, bemerkte Clara lachend.

Ruby zog eine geschminkte Augenbraue hoch. »Ich muss doch sehr bitten. Du bist erst fünfundzwanzig.«

»Schon, aber das hier geht entschieden zu weit!« Clara hob das rote Kleid hoch und verzog das Gesicht.

»Darüber können wir reden, während ich dir den Reißverschluss hochziehe.« Ruby zwinkerte, ihre Sobraine zwischen die Zähne geklemmt.

 

Eine halbe Stunde später – Clara steckte inzwischen in dem Kleid und in Schuhen mit schwindelerregend hohen Absätzen, die Ruby ihr ebenfalls geliehen hatte – herrschte in ihrer kleinen Bücherei ein Gedränge, wie sie es noch nie erlebt hatte: Mehrere Vertreter des Informationsministeriums waren anwesend, dazu Journalisten und die Stammkundschaft der Bücherei. Die gewölbte Decke des unterirdischen Tunnels verstärkte den Lärm, sodass ihr Kopf dröhnte. Nebenan im Theater des Shelter sollte heute Abend ein russischer Opernsänger auftreten. Er sang sich gerade ein, und seine klangvolle Stimme rollte durch den Tunnel der Central Line wie ein U-Bahn-Zug.

Mrs Chumbley, die resolute stellvertretende Leiterin der Notunterkunft, bemühte sich nach Kräften, die Schar neugieriger Kinder aus dem Shelter zurückzuhalten, die lärmend in die Bücherei drängen und von den Würstchen im Schlafrock stibitzen wollten.

Clara erkannte im Getümmel Maggie May und ihre beste Freundin Molly, außerdem Sparrow, Ronnie, Tubby und die übrigen Tunnelratten, wie sie sich selbst nannten. Die Kinder versuchten, auf allen vieren kriechend unbemerkt hereinzukommen.

Clara zwinkerte ihnen zu. Sie hätte jetzt viel lieber ohne Schuhe im Schneidersitz auf dem Boden gesessen und mit den Kindern gelesen, als sich hier so aufgetakelt vorführen zu lassen wie ein Zirkuspony. Sie hatten Abenteuer der Familie Ruggles von Eve Garnett gerade zur Hälfte durch, und schon nach wenigen Kapiteln hatten die Eskapaden der Hauptfiguren die Kinder in ihren Bann geschlagen.

»Hinaus!«, dröhnte die Stimme von Mrs Chumbley – sie hatte die kleinen Eindringlinge bemerkt und packte Sparrow am Schlafittchen.

Jemand tippte Clara leicht auf die Schulter. Als sie sich umdrehte, sah sie einen regelmäßigen Besucher ihrer Bücherei vor sich, Mr Pepper, einen älteren Herrn, und seine Frau. Die beiden waren vor drei Jahren ausgebombt worden und lebten nun dauerhaft in der U-Bahn.

»Ich möchte Sie nicht lange aufhalten, meine Liebe«, sagte er. »Meiner Frau ist es hier ein wenig zu laut, deshalb ziehen wir uns an unseren Schlafplatz zurück. Ich wollte Ihnen nur noch rasch zu Ihrer Auszeichnung gratulieren, die haben Sie sich wirklich verdient. Diese Bücherei ist das Beste, was dem Shelter passieren konnte.« Er lächelte, wobei sich um seine Augen ein Netz aus Fältchen bildete.

»Danke, Mr Pepper. Sie sind einer meiner eifrigsten Leser.« Clara warf seiner Frau einen Blick zu. »Es gibt nicht viele, die sich rühmen können, Krieg und Frieden in zwei Wochen geschafft zu haben.«

»Früher, bevor wir ausgebombt wurden, hat er jedes Buch verschlungen, das uns ins Haus kam«, erzählte seine Frau. Sie sprach so leise, dass Clara sich vorbeugen musste, um sie zu verstehen. Die ältere Dame roch nach Yardley’s Lavender, und ihre Haut sah unglaublich zart aus.

»Der Verlust seiner ganzen Bibliothek war ein harter Schlag, aber als er Ihre kleine Bücherei hier entdeckte, war das für ihn wie ein Lebenselixier, meine Liebe.«

Mr Pepper schaute seine Frau liebevoll an.

»Leider lassen meine Augen nach, ich kann nicht mehr so lesen wie in meiner Jugend. Aber ich gebe zu, diese Bücherei ist mir in den vergangenen Jahren lieb geworden, ich finde hier Trost und Ablenkung. Ich kann gar nicht in Worte fassen, was Sie für mich getan haben, Mrs Button.«

»Ich bitte Sie, Mr Pepper«, sagte sie zwinkernd, »Sie kennen mich nun schon seit drei Jahren, bitte nennen Sie mich doch Clara.«

»Er ist immer so förmlich, das kommt daher, dass er lange Jahre Schulleiter war«, erklärte Mrs Pepper lächelnd. »Davon werden Sie ihn wohl nicht mehr abbringen können, meine Liebe. Bevor wir gehen, muss ich Ihnen noch etwas sagen: Ich habe eine Cousine in Pinner, die einige Bücher abzugeben hat. Sie wollte sie eigentlich der Büchersammlung spenden, aber wir haben sie überredet, sie stattdessen uns zu überlassen, damit wir sie Ihnen für die Bücherei geben können.«

»Oh, das ist ja großartig!«

»Sie ist ein richtiger Bücherwurm, Krimis liebt sie besonders. Sie hat eine ganze Sammlung von Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und Margery Allingham. Hätten Sie Interesse?«

»Das fragen Sie noch? Krimis sind neben historischen Liebesromanen unsere beliebtesten Bücher, sie werden uns förmlich aus den Händen gerissen.«

»Dabei sollte man meinen, die Leute würden im wirklichen Leben schon genug Gewalt begegnen«, bemerkte Mr Pepper.

»Es geht wohl um die Spannung, das Rätseln, wer der Mörder ist. Darüber kann man diesen Krieg endlich einmal vergessen«, vermutete Clara.

»Äußerst merkwürdig!«

In diesem Moment trat Mrs Chumbley an die kleine Gruppe heran. Sie war so groß, dass Clara trotz ihrer hohen Absätze zu ihr aufschauen musste. Die arme Mrs Chumbley. Sie war nie verheiratet gewesen, sondern wurde nur aus Höflichkeit mit »Mrs« angeredet. Ihr Gesicht zeigte stets denselben unveränderlichen Ausdruck: Missbilligung.

»Sie bevorzugen wohl romantischere Lektüre?« Mr Pepper lächelte.

»Seien Sie nicht albern.«

»Was lesen Sie denn gern, Mrs Chumbley?«, erkundigte sich Mrs Pepper höflich.

»Lesen?«, schnaubte sie. »Woher sollte ich wohl die Zeit dazu nehmen? Ich habe alle Hände voll zu tun, dafür zu sorgen, dass hier im Shelter alles reibungslos läuft. Tubby Amos, leg sofort das Buch wieder hin!«

»Ich habe nichts dagegen, dass sie –«, setzte Clara an.

»Ich weiß, wo dein Schlafplatz ist, und ich werde mit deiner Mutter reden! Wo war ich? Ach ja, ich werde mit Lesen anfangen, wenn wir Hitler und die Seinen aus der Welt gebombt haben.«

»Kommen Sie schon, Mrs Chumbley, Lesen ist doch wirklich kein übertriebener Luxus«, redete Mr Pepper ihr zu. »Unsere Mrs Button könnte Ihnen gewiss die ideale Lektüre empfehlen. Sie scheint eine besondere Gabe zu besitzen, für jeden Menschen genau das passende Buch auszuwählen.«

Mrs Chumbley schaute Mr Pepper an und war augenblicklich besänftigt. Der ältere Gentleman stand bei den Bewohnern der unterirdischen Notunterkunft in hohem Ansehen, und selbst Mrs C war nicht immun gegen seinen kultivierten Charme.

»Vielleicht«, gab sie halb widerwillig nach. »Aber nur wenn es ein Buch ist, aus dem ich etwas lernen kann. Kürzlich habe ich ein Fachbuch gelesen: Kriegsverletzungen und Knochenbrüche: Der umfassende Leitfaden. Es war großartig!«

»Klingt faszinierend«, kommentierte Ruby trocken. Sie hatte sich unbemerkt genähert und zwei Männer mitgebracht, bei denen sie sich rechts und links untergehakt hatte. »Sie sollten sich vor Georgette Heyer in Acht nehmen. Clara, Liebes, tut mir leid, wenn ich störe, aber ich muss dir dringend jemanden vorstellen. Dies ist Minister Rupert Montague, der Leiter der Abteilung Home Publicity im Informationsministerium. Er versucht schon seit einer halben Stunde, mit dir zu sprechen.« Sie wandte sich dem kleineren der beiden Männer zu. Clara mit ihren hohen Absätzen fand sich in der etwas peinlichen Lage, ihn um reichlich zwei Fingerbreit zu überragen.

»Und dies ist Mr Pink-Smythe.«

»Pinkerton-Smythe«, korrigierte er, zog ein Taschentuch hervor und wischte sich damit über den Kopf, was unglücklicherweise den Effekt hatte, dass seine wenigen verbliebenen Haarsträhnen in die Höhe standen wie Antennen.

»Er ist der Vorsitzende des Bibliotheksausschusses, somit unser neuer Chef«, erklärte Ruby.

»Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen«, begrüßte Clara ihn. »Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen.« Sie wandte sich an den Mann vom Ministerium. Dabei wünschte sie insgeheim, sie hätte sich nicht von Ruby überreden lassen, dieses Kleid anzuziehen. »Und willkommen in unserer unterirdischen Bücherei, Herr Minister.«

»Sie sind also die Bibliothekarin, von der alle sprechen«, sagte er strahlend und schüttelte ihr begeistert die Hand. »Dieser Ort ist wahrhaftig bemerkenswert. Ich hätte nie gedacht, dass ich in der U-Bahn einmal Bücher statt Zügen vorfinden würde. Wie tief sind wir hier – fünfzehn, zwanzig Meter unter der Erde?«

»Vierundzwanzig Meter. Dies ist der einzige Ort in Bethnal Green, wo man die Bomben nicht hört«, erwiderte Clara stolz.

»Und verzeihen Sie meine Unwissenheit – was ist mit dem Bahnverkehr?«

»Bethnal Green war eine noch im Bau befindliche Station an der östlichen Verlängerung der Central Line, die einmal Liverpool Street mit Mile End verbinden soll«, erklärte Clara. »Als der Krieg ausbrach, wurden die Bauarbeiten eingestellt. Alles wurde abgesperrt und den Ratten überlassen, bis die ersten Bomben fielen.«

»Und wie entstand dann dieses« – er breitete staunend die Arme aus – »unterirdische Dorf? Wenn die Bezeichnung nicht zu albern klingt.«

»Durchaus nicht. Wir alle, die wir hier unten in diesem anderen London leben und arbeiten, betrachten uns manchmal als Bewohner eines geheimen Dorfes.« Clara schaute sich mit leuchtenden Augen um. »Wir sind alle sehr stolz auf unsere unterirdische Gemeinschaft. Nicht viele U-Bahn-Stationen können sich rühmen, in dreistöckigen Betten Schlafplätze für fünftausend Personen zu bieten, dazu eine Bücherei, eine Bühne für Musik-, Theater- und Tanzaufführungen –«

»Mit einem richtigen Flügel wohlgemerkt«, fiel Ruby ihr ins Wort.

»Genau. Ganz zu schweigen von einer Kinderstube, einem Café, einer Sanitätsstation mit Quartieren für Krankenschwestern und Ärzte, alles unterirdisch«, fuhr Clara fort.

»Wir haben sogar unseren eigenen Friseur hier unten.« Ruby griff sich augenzwinkernd an ihre hoch aufgesteckten Wellen.

»Hören Sie den Opernsänger, der sich nebenan einsingt? Er tritt heute Abend auf. Nächste Woche gibt das Ballett vom Sadler’s Wells hier ein Gastspiel.«

»Du meine Güte! Kultur, Bücher und eine richtige Gemeinschaft. Wenn das Leben unter der Erde so viel zu bieten hat, sollte ich vielleicht selbst hierherziehen.«

Clara fing an, sich zu entspannen. Sie redete über nichts lieber als über den Shelter und seine Bewohner. Sie waren eine Gemeinschaft, wenn auch eine sonderbare, hier in der U-Bahn, wo niemand irgendwohin fuhr. Sie hatte eine Kundschaft, die ihr nicht weglaufen konnte. Ihre kleine Bücherei war das Herzstück dieser unterirdischen Siedlung, das kulturelle Äquivalent zu einem Dorfbrunnen.

»Erstaunlich – und wer oben herumläuft, ahnt gar nicht, was unter seinen Füßen liegt«, sinnierte der Minister. »Wie hat es angefangen?«

»Die Bevölkerung hat erwirkt, dass die Station geöffnet wurde«, erzählte Clara begeistert. »Die Menschen haben ihren Stolz, und die Schutzräume an der Straße hätte man keinem Hund zumuten können. Der Vater der kleinen Phoebe hat in der ersten Woche des Blitz die Schlüssel ›organisiert‹« – sie malte mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft –, »und die Familien kamen zu Tausenden, um hier unten Schutz zu suchen.«

Ruby lachte. »Der alte Harry ist ein Spieler durch und durch – er würde noch auf zwei Fliegen wetten, die an der Wand hochkrabbeln. Aber als es um das Leben seiner Familie ging, war er nicht gewillt, ein Risiko einzugehen.«

»Ich glaube kaum, dass der Minister sich für die Gesetzlosigkeit der subversiven Elemente von Bethnal Green interessiert«, warf Mr Pinkerton-Smythe rasch ein.

»Im Gegenteil«, widersprach Montague. »Ich finde das alles ganz faszinierend. Ich weiß, dass man in Whitehall fürchtete, die Leute könnten in eine Bunkermentalität verfallen, sich unter der Erde verkriechen und nie mehr nach oben kommen wollen, aber hier ist das offensichtlich gar nicht der Fall.«

»Als ob wir uns das leisten könnten«, schnaubte Ruby. »Die Leute müssen tagsüber zur Arbeit. Wir sind werktätige Menschen, keine Maulwürfe!«

Der Minister lachte schallend, offenbar sehr angetan von Ruby.

»Haben Sie UV-Lampen«, fragte er weiter, »um den Mangel an Tageslicht auszugleichen?«

»Nein, Sir«, antwortete Clara. »Ich denke, wir haben uns einfach an das unterirdische Leben gewöhnt. Allerdings leiden wir an Katarrh, und die Gerüche in den Tunneln sind mitunter etwas, wie soll ich es ausdrücken, erdig.«

»Aber dagegen hilft ja die allnächtliche Desinfektion«, fügte Ruby hinzu.

»Und wo sind die Latrinen?«, erkundigte er sich.

»Latrinen!«, kreischte Ruby, und Clara versteifte sich.

»Anfangs mussten wir hier unten unsere Notdurft in Kübel verrichten. Jetzt haben wir wenigstens Chemieklos. Eine zivilisatorische Errungenschaft, oder, Cla?«, grölte sie. Ruby war in Bethnal Green berühmt für ihr unverschämt dreckiges Lachen.

»Zuerst schliefen wir alle hier im westlichen Tunnel«, erzählte Clara. »Aber drei Monate nach Beginn der Luftangriffe mietete die Gemeinde die Station offiziell von den Verkehrsbetrieben.«

»Und da kam ich ins Spiel«, fiel Mrs Chumbley ein. »Wir säuberten die Tunnel, tünchten die Wände weiß und bildeten ein Shelter-Komitee. Wenn man etwas auf die Beine stellen will, braucht man schließlich ein Komitee, finden Sie nicht auch?«

»Und Sie sind …?«, fragte Montague.

»Mrs Chumbley, stellvertretende Leiterin des Shelter unter Mr Miller. Außer uns gibt es noch zwölf in Vollzeit beschäftigte Ordnungskräfte, hinzu kommt das Personal der Kinderstube, des Theaters, des Cafés und der Bibliothek.«

»Aber erklären Sie mir doch bitte, weshalb schlafen die Leute denn auch jetzt hier unten?«

»Wegen der Wohnungsnot«, antwortete Clara. »Es gibt viel zu wenige bewohnbare Häuser. Außerdem haben sich die Leute daran gewöhnt und fühlen sich hier unten wohl. Manche Kinder haben nie ein anderes sicheres Zuhause gekannt.« Sie zögerte. »Das heißt allerdings nicht, dass wir hier unten nicht auch unsere Tragödien erlebt hätten. Sie wissen ja vielleicht von –«

»Sollten wir nicht allmählich zur Sache kommen?«, fiel Mr Pinkerton-Smythe Clara ins Wort.

»Sehr gern«, erwiderte der Minister. Er räusperte sich, dann bat er mit erhobener Stimme um Ruhe. »Und nun möchte ich, nach einer kurzen Rede, Ihnen, Mrs Button, diese offizielle Auszeichnung für Ihre Verdienste um das Lesen für den Sieg überreichen.«

Clara unterdrückte ihre Wut. Warum durften sie nie darüber sprechen? Warum musste ihre Trauer stets im Namen der öffentlichen Moral geopfert werden?

Plötzlich stand ihr wieder das Gesicht ihrer Schwiegermutter vor Augen. Das hastige Begräbnis. Sie hörte wieder die Worte des Arztes. Reißen Sie sich zusammen.

»Clara …«, zischte Ruby und stieß ihr den Ellenbogen in die Seite. »Alles in Ordnung mit dir?«

»Tut mir leid«, murmelte Clara, atmete langsam aus und griff sich an den Hals.

Ihr neuer Chef, Mr Pinkerton-Smythe, starrte sie forschend an.

Der Minister hatte rasch den Fotografen von der Picture Post vor den Büchereitresen geholt.

»Bert, machen Sie doch bitte eine Aufnahme von mir und Clara Button, der Leiterin der einzigen Bücherei Großbritanniens, die in einer U-Bahn-Station betrieben wird. Sie ist das neue Gesicht unserer Kampagne ›Lesen für den Sieg‹.«

»Bin ich das?« Clara blinzelte, als das Blitzlicht sie blendete.

»Aber ja. Diese Bücherei ist in aller Munde. Auch in Whitehall hat man davon gehört …« Er senkte die Stimme. »Sogar Churchill weiß davon. Das ist ein echter Propaganda-Coup.«

»Danke, dass Sie alle heute hier unten bei uns sind.« Stille senkte sich über die Bücherei. Clara sah Mr Pepper und seine Frau zur Tür hinausschlüpfen und wünschte, sie könnte sich ebenfalls davonstehlen.

»Der Feind versucht, Zweifel und Unzufriedenheit unter uns zu säen, um unsere Moral zu zersetzen. Wir müssen stets im Blick behalten, worum es in diesem Krieg eigentlich geht und was auf dem Spiel steht. Zu diesem Zweck sind Bücher unverzichtbar. Die Bücherei des Bethnal Green Underground Shelter leistet unserer Nation einen wertvollen Dienst, indem sie Menschen zum Lesen hinführt und sie mit guter Lektüre versorgt.«

Alle Blicke waren nun auf sie gerichtet, und Clara wäre am liebsten in eines ihrer Bücher gekrochen.

»Als das Bibliotheksgebäude von einer Bombe getroffen wurde und der leitende Bibliothekar ums Leben kam, hätten wohl nicht viele junge Damen den Schneid besessen, in die Bresche zu springen. Da aufgrund der Rationierung von Papier neue Bücher zunehmend knapp werden, gewinnen die aus öffentlichen Mitteln finanzierten Stadtbüchereien wesentlich an Bedeutung.«

Wieder flammten Blitzlichter auf, Reporter kritzelten auf ihre Notizblöcke, und Clara betete, die Rede möge rasch zu Ende gehen. Doch der Minister setzte gerade erst zum Höhepunkt an, dramatisch, als gelte es, die ganze Nation mitzureißen.

»Büchereien sind die Motoren unserer Bildung und unsere Zuflucht vor der harten Wirklichkeit. Nie zuvor spielten sie eine so entscheidende, so prägende Rolle in unserem Leben. Bitte nehmen Sie nun diese Auszeichnung entgegen, die ich Ihnen mit verbindlichstem Dank aus Whitehall überreichen darf.«

Clara ergriff die gerahmte Urkunde. Ihr war klar, dass sie jetzt etwas sagen musste.

»Wir wurden aufgerufen, für den Sieg zu kämpfen, für den Sieg zu graben und für den Sieg zu sparen. Es kann gewiss nicht schaden, wenn wir die Menschen dazu anregen, auch für den Sieg zu lesen«, sagte sie lächelnd.

Applaus brandete durch die Bücherei, und Clara lachte, als Ruby die Finger in den Mund steckte und einen gellenden Pfiff ausstieß, der selbst den Opernsänger nebenan übertönte. Die Tunnelratten draußen vor dem Eingang johlten lauthals und stampften mit den Füßen. Mrs Chumbley bahnte sich energisch einen Weg durch die Menge zu ihnen.

»Du liebe Güte«, bemerkte der Minister. »Ich dachte immer, Büchereien seien Orte der Stille.«

»Diese nicht«, versetzte Ruby und drückte Clara ein Glas in die Hand. »Hier geht es immer so zu. Vor allem abends, da bieten wir nämlich eine Vorlesestunde für die Kinder an.«

»Vorzüglich. Man muss sie für das Lesen gewinnen, solange sie noch klein sind, dann werden sie es ihr Leben lang beibehalten.«

Clara nickte eifrig. »Genau so ist es. Aber wir haben nicht nur die Bedürfnisse der Kinder im Blick. Wir haben auch ein mobiles Angebot für die jungen Fabrikarbeiterinnen im Stadtteil, jeden Freitagnachmittag machen wir mit unseren Büchern die Runde. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt …«

»… muss der Prophet zum Berg kommen«, beendete der Minister den Satz. »Und dazu haben Sie natürlich den –«

»Bücherbus.«

Clara war sehr stolz auf den alten Morris 25HP Saloon, Baujahr 1935, eine Spende der Backwarenfabrik Kearley and Tonge an der Bethnal Green Road. Der Bücher-Lieferdienst, die sogenannte Bücherei vor der Haustür, erfreute sich immenser Beliebtheit. Vor allem die Fabrikmädchen waren begeistert, jede Woche mit Liebesromanen versorgt zu werden.

»Ich finde das wirklich großartig, und was Sie hier tun, ist genau das, was man sich in Whitehall wünscht. Bibliothekare müssen sich etwas einfallen lassen und Initiative entwickeln, um die Bevölkerung zum Lesen für den Sieg zu ermuntern.«

Der Minister hatte sich in Fahrt geredet, er wirkte jetzt richtig überschwänglich. »Ich werde vorschlagen, dass die Times ein Interview mit Ihnen führt. Die Zeitung beschäftigt sich gerade mit der Arbeit öffentlicher Leihbüchereien in ärmeren Stadtbezirken.«

»Ach, ich weiß nicht …«, erwiderte Clara zögerlich.

»Seien Sie doch nicht so schüchtern, meine Liebe«, redete der Minister ihr zu.

Claras weibliche Intuition sagte ihr, dass Mr Pinkerton-Smythe neben ihr mit dem Verlauf dieses Gesprächs durchaus nicht einverstanden war.

»Herr Minister, unser Ziel sollte doch sein, das Lektüreniveau in unserer Stadt zu heben«, warf er mit schmallippigem Lächeln ein. »Wir haben schließlich eine moralische Verantwortung, einen Bildungsauftrag, nicht wahr, Mrs Button? Heutzutage ist so schrecklich viel …« – er ließ den Blick über Claras Bücherregale gleiten – »… geistiges Opium in Umlauf. Schund. Alberne, seichte Liebesromane. Bücher von Halbgebildeten, geschrieben für Ungebildete.«

Clara spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

»Mit Verlaub, Sir, dem kann ich mich nicht anschließen. Peter … mein Kollege war überzeugt, der eigentliche Zweck von Büchern sei die Freude am Lesen.«

Sie dachte wehmütig an den Mann, der ihre Liebe zum Lesen genährt hatte. Er hatte auch ihren Eltern zugeredet, sie an der Aufnahmeprüfung der Central Foundation Girls’ Grammar School in Spitalfields teilnehmen zu lassen, und sie später ermutigt, ihr Diplom als Bibliothekarin zu machen.

»Wer sind wir, darüber zu entscheiden, was Menschen lesen sollten und was nicht?«, fragte sie eindringlich.

»Da hat sie nicht unrecht, oder?«, sagte der Minister, an Mr Pinkerton-Smythe gerichtet. »Der Krieg hat vielen die Tür zur öffentlichen Bücherei geöffnet, die früher allenfalls eine kostenpflichtige genutzt hätten, und diese Klientel würden wir äußerst ungern wieder verlieren.«

»Hören Sie, Mrs Button«, sagte Mr Pinkerton-Smythe herrisch. »Ich bewundere Ihren jugendlichen Elan, aber wir wollen doch nicht vergessen, dass wir als Bibliothekare in der Pflicht stehen, schlechten Geschmack nicht ergeben hinzunehmen und zu bedienen, sondern diesem bedauerlichen Zustand so rasch wie möglich abzuhelfen und unsere Kundschaft zu bilden.«

Clara konnte nicht länger an sich halten.

»Nein!« Sie knallte ihr Glas auf den Büchereitresen. »Da irren Sie! Die Frauen in dieser Unterkunft suchen verzweifelt nach Ablenkung, um der Wirklichkeit zu entfliehen, nicht nach Bildung.«

»Wenn sie nicht mehr die Energie dazu aufbringen, etwas anderes als Schund zu lesen, würden wir ihnen einen echten Dienst erweisen, wenn wir sie daran hindern könnten, überhaupt zu lesen«, schoss er zurück.

»Die Menschen am Lesen hindern!«, rief Clara aufgebracht. »Was soll ich denn Ihrer Meinung nach tun – sämtliche Liebesromane aus dem Verkehr ziehen und vernichten? Soll ich etwa auf dem Bahnsteig eine Bücherverbrennung veranstalten wie Hitler?«

Ruby und der Minister verfolgten das hitzige Wortgefecht in wachsendem Unglauben.

»Na so etwas«, ließ sich der Minister kichernd vernehmen. »Sie sehen, Mr Pinkerton-Smythe, Ihre junge Bibliothekarin ist durchaus nicht geneigt, Dinge ergeben hinzunehmen. Sie hat Leidenschaft und Biss.«

Auf diese Worte folgte ein entsetzlich peinliches Schweigen. Der Minister warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

»Sosehr ich angeregte Diskussionen auch schätze, ich muss jetzt weiter. Mein Automobil wartet bereits.«

Er schüttelte allen die Hand.

»Mrs Button, es war mir wirklich eine Freude, Ihre Bekanntschaft zu machen. Mr Pinkerton-Smythe, nehmen Sie sich in Acht. Mir scheint, Sie arbeiten mit explosivem Material, wie? Meine Mitarbeiter melden sich dann wegen des Interviews mit der Times.«

»Ich muss auch weg«, nuschelte Mr Pinkerton-Smythe. »Ich komme bald wieder, dann können wir die Unterredung fortsetzen«, kündigte er in giftigem Ton an, ehe er erhobenen Hauptes Claras Bücherei verließ.

»Trink aus«, murmelte Ruby und füllte ihr Glas nach. »Du wirst es brauchen, wenn du siehst, wer eben aufgetaucht ist.«

Clara drehte sich um und erstarrte, das Glas auf halbem Weg zum Mund.

»Mum. Du bist gekommen.«

Die Lippen ihrer Mutter waren schmal wie Bleistiftstriche.

»Bitte sag mir, dass du dich nicht in dieser Aufmachung hast ablichten lassen! Du siehst aus wie ein Flittchen! Dabei trägt deine Schwiegermutter noch immer Trauer.«

»Kannst du dich denn nicht einfach für mich freuen, Mum …?« Die Worte blieben ihr im Hals stecken, als sie sah, wie ihrer Mutter Tränen in die Augen stiegen. Wie machte sie das nur? Sie schien auf Kommando weinen zu können.

»Dem Himmel sei Dank, dass dein Vater das nicht mehr erleben muss«, sagte sie mit erstickter Stimme und zog ein Taschentuch hervor.

Clara schluckte krampfhaft, in ihrem Kopf wirbelten Bilder von ihren Eltern herum, wie sie schluchzend an Duncans Grab standen. Niemand hatte ihr direkt die Schuld an dem gegeben, was geschehen war, aber die vorwurfsvollen Blicke waren schwer zu übersehen gewesen.

Wie oft hatten sie sich seither getroffen? Drei-, vielleicht viermal in vier Jahren? Und dann war da noch diese grässliche Scharade am vorigen Weihnachtsfest gewesen.

»Ich wollte nur, dass du in die Bücherei kommst und siehst, was ich hier aufgebaut habe. Ich dachte, dann könntest du vielleicht besser verstehen, weshalb ich meine Anstellung nicht aufgeben wollte.«

»Nun, ich verstehe es nicht. Es war ein Fehler, überhaupt herzukommen. Ich hatte gehofft, du hättest es dir inzwischen anders überlegt und gekündigt.«

Clara bemerkte die Blicke der Umstehenden und senkte die Stimme.

»Mum, ich brauche meine Arbeit. Ich kann Duncan nicht zurückholen, aber hier unten in der Bücherei habe ich wenigstens die Möglichkeit, Menschen zu helfen.« Sie griff nach der Hand ihrer Mutter. »Außerdem ist das hier jetzt kriegswichtige Arbeit. Ich könnte nicht einfach kündigen, selbst wenn ich es wollte.«

Ihre Mutter zog die Hand weg.

»Du lässt dir nichts sagen, wie? Das war schon immer so, schon als Kind musstest du immer deinen Kopf durchsetzen.« Sie wandte sich zum Gehen.

»Mum, bitte bleib doch …«, bat Clara flehentlich.

»Nein, meine Liebe, tut mir leid. Du hast deine Entscheidung getroffen, und nun musst du damit leben. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben.«

Sie richtete ihr Kopftuch und ging. Es war, als bliebe ihr vernichtendes Urteil hinter ihr im Raum stehen.

Clara sah ihr nach wie vom Donner gerührt, dann schaute sie auf ihre Auszeichnung für Verdienste um das »Lesen für den Sieg« hinunter. Hatte sie soeben ihre Familie für die Bücherei geopfert?

2

Ruby

Als in England die Bomben fielen, suchten die Menschen nach einer Möglichkeit, das Grauen auszublenden und in eine neue Welt zu entfliehen, eine aufregende, fantastische Welt. Zwischen den Buchdeckeln eines Romans konnten sie eine solche Welt finden.

Dr. Robert James, Dozent für Geschichte an der University of Portsmouth

Ruby trat mit dem Fuß das Gestell des letzten Klapptisches ein und schleppte ihn zurück in das angrenzende Lesezimmer. Dann zog sie ihren roten Lippenstift aus dem Ausschnitt und benutzte ein Messer als Spiegel, um ihren Lieblingston, Renegade Red, dick neu aufzutragen.

»Ich denke, wir können das als Erfolg verbuchen«, bemerkte sie und vergewisserte sich mithilfe des Messers, dass sie kein Rot an den Zähnen hatte.

»Meinst du?« Clara stöhnte. »Meine eigene Mutter hat sich von mir losgesagt, und unser neuer Chef hasst mich.«

»Ach, Cla. Du und deine Mum. Ihr seid einfach sehr verschieden. Sie wird sich schon wieder einkriegen.«

Clara schüttelte den Kopf. »Diesmal nicht. Ich glaube, es ist ihr wirklich ernst.«

Ruby betrachtete ihre schöne, umwerfend intelligente, einfühlsame Freundin und fragte sich, wie eine so zutiefst menschliche Person nur von Henrietta Buckley abstammen konnte.

»Und ich habe unseren neuen Chef mit Hitler verglichen!«, fügte Clara seufzend hinzu.

Ruby griff nach der Ginflasche und stellte erschrocken fest, dass sie leer war.

»Zu Recht. Was für ein Gedanke, Frauen das Lesen verbieten zu wollen! So ein aufgeblasener Schwachkopf.«

»Schon, aber ich sollte ihn mir nicht zum Feind machen.«

Ruby warf einen Blick auf die Uhr und schluckte krampfhaft. Es war Zeit. Wie sollte sie das schaffen? Sie hatte nicht annähernd genug getrunken.

Mit leicht zitternder Hand steckte sie sich noch eine Zigarette an.

»Wollen wir jetzt nach oben gehen, Rubes?«, fragte Clara leise. »Es ist Viertel nach acht. In einer Minute geht es los.«

»Ich … ich glaube, ich kann das nicht, Cla. Ich warte lieber hier unten.«

Clara drückte ihre Hand. »Ich bin die ganze Zeit bei dir, versprochen. Komm, lass uns hingehen. Für Bella.«

Bella.Ruby hatte ihren Namen nicht mehr ausgesprochen, seit sie an jenem Abend vor genau einem Jahr gestorben war, doch ihre Gedanken kreisten ständig um ihre ältere Schwester. Unablässig quälte sie sich mit dem Gedanken Hätte ich doch nur …

Clara schloss die Bücherei ab, und sie gingen gemeinsam über den Bahnsteig. Ihre Absätze klackten auf dem Betonboden, dann auf den Stufen der Rolltreppe, die außer Betrieb war.

Oben in der Schalterhalle kamen ihnen zwei Männer entgegen, die bewundernde Blicke auf Rubys Kurven warfen. Sie schaute voller Verachtung zurück, dann realisierte sie mit Schrecken, dass sie mit einem der beiden vor mehr als einem Monat an einem ginvernebelten Abend im Bett gelandet war.

»Haben die Sandwiches geschmeckt?«, rief eine kleine Lady mit Schürze, die hinter der Durchreiche des Cafés Tee ausschenkte.

»Köstlich, Dot!«, rief Ruby zurück.

»Du weißt ja, Schätzchen, für dich immer gern. Clara, leg mir was Schönes zurück, ich komme morgen vorbei.«

»Wonach ist dir denn?«

»Nach Errol Flynn und ’nem steifen Gin«, sagte Dot lachend. »Aber wenn du beides nicht auf Lager hast, tut’s auch ein Buch.«

»Soll es was Bestimmtes sein?«

Dot zwinkerte ihr durch den Dampf aus ihrer riesigen Teemaschine zu.

»Mir ist alles recht, wenn nur genug geseufzt und gestöhnt wird, Schätzchen.«

»Ich denke, dann könnte Denise Robins’ Gypsy Lover nach deinem Geschmack sein …«, schlug Clara vor.

»Such du nur für mich aus, Schätzchen, du hast mich noch nie enttäuscht.«

»Gib ihr Denise«, warf Ruby neckisch ein. »Wie könnte eine Frau an einem verregneten Nachmittag zu einem heißblütigen Liebhaber Nein sagen?«

Dot johlte vor Lachen. Ruby wurde bewusst, dass sie mit ihren dreckigen Witzen und ihrem schamlosen Benehmen auf dem besten Weg war, zu einer Karikatur zu werden. Die üppige Blondine von Bethnal Green … Flittchen mit Herz … das Früchtchen mit dem rutschigen Schlüpfer! Seltsam, wie viele Redewendungen es für Frauen gab, die sich nicht an die Regeln hielten. Selbst ihr Spitzname, Ruby Red Lips, klang mehr nach einem gewagten Comic in einem Boulevardblatt als nach einer Frau.

Aber was war die Alternative? Über Nacht grau werden und sich für den Rest ihres Lebens abrackern wie ihre Mutter? Nein, danke. Sie wollte die sexuelle Freizügigkeit auskosten, die in Kriegszeiten möglich war, denn ihr war klar: Wenn der Krieg erst vorbei war, würde so etwas nicht mehr geduldet werden.

»Freches Luder!«, rief Dot. »Macht’s gut, Mädels, und passt auf euch auf. Wir sehen uns morgen, so Gott will.«

»Bis morgen«, antwortete Ruby. Dann blieben sie am Fuß der unseligen Treppe stehen.

Clara hielt sie am Arm fest.

»Ich bin bei dir«, murmelte sie.

Ruby hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr richtig atmen zu können. Nicht jetzt, bitte. Jetzt war keine Zeit für eine Episode.

Sie kniff die Augen fest zu und ging langsam über das Grab ihrer Schwester. Bellas schönes Gesicht stand ihr vor Augen, und der Schmerz durchbohrte sie wie eine Messerklinge. In der plötzlichen Dunkelheit konnte sie den Bildern nicht entkommen, die sie verfolgten, und sie fühlte sich an jenen regnerischen Mittwochabend zurückversetzt.

Schreie. Dumpfes Poltern. Stöhnen. Warum hatte irgendwer Hunderte nasse Mäntel die Treppe hinuntergeworfen? Dann begriff sie. In den Mänteln steckten Körper. Hunderte sich windende, nach Luft ringende Körper, eine einzige Masse aus Menschenleibern. Gliedmaßen, in unmöglichem Winkel ineinander verknotet, Gesichter, die allmählich lila anliefen. Ein Berg, in dem unmöglich zu erkennen war, wo ein einzelner Körper anfing und ein anderer endete.

Dann war Mrs Chumbley da, beugte sich über den Haufen und zerrte verzweifelt Kinder heraus, riss so heftig an ihnen, dass ihre Schuhe stecken blieben.

»Bella! … Bella!«, hatte Ruby geschrien, hektisch an Händen und Beinen gezogen, um Menschen zu befreien, um ihre Schwester zu finden.

Aber sie hatte sie nicht gefunden. Nicht an diesem Abend. Erst fünf Tage später hatte sie sie in der Leichenhalle entdeckt, das Gesicht übersät mit Stiefelabdrücken, das prächtige rote Haar ausgebreitet wie ein Flammenkranz.

Ruby sah sich selbst von oben, wie sie den leblosen Körper ihrer Schwester in den Armen hielt, die schrecklich kalten Hände rieb, als könnte das Leben in sie zurückkehren. Weinte. Um Verzeihung bat.

»Rubes …?« Claras besorgte Stimme holte sie mit einem Ruck in die Gegenwart zurück.

Tränen strömten ihr übers Gesicht, sie lehnte sich mit dem Rücken an die Wand des Treppenschachts und nickte, sprachlos vor Erschöpfung und Schmerz. Die Angst überflutete sie in riesigen Wellen, in denen sie unterzugehen drohte.

»Ist es wieder passiert?«

Sie nickte. »Ich weiß, was du jetzt sagen willst, Cla«, brachte sie endlich heraus, »aber bitte sag es nicht.«

»Wie lange wirst du dir noch selbst Vorwürfe machen?«, fragte Clara flüsternd.

»Wahrscheinlich bis ich sterbe.« Ruby tat einen zittrigen Atemzug, doch es fühlte sich an, als könne sie nicht genug Luft in ihre Lunge bekommen. Hatte Bella in den Augenblicken vor ihrem Tod dasselbe empfunden?

Ruby schaute auf die schmutzige Betonstufe unter ihren Füßen. Was für ein Ort zum Sterben. Wie eilig die Stadt es gehabt hatte, diese Stufen zu reinigen, sobald die Leichen fortgeschafft worden waren! Eigentlich hätte ihr Zorn ihre Schuldgefühle auslöschen müssen, doch das Gegenteil war der Fall: Er schien sie noch zu steigern.

Ein kleines grünes Pflänzchen war aus einem Riss im Beton gesprossen und reckte sich nach oben ans Licht. Ruby fragte sich, wie irgendetwas wachsen konnte, wo der Nachhall solchen Grauens noch immer spürbar war.

»Rubes, schau mich an«, bat Clara. »Auch wenn du dich nicht verspätet hättest, wäre sie wahrscheinlich trotzdem in das Gedränge geraten.«

»Das werden wir wohl nie erfahren. Komm, lass uns weitergehen.« Ruby tat noch einen flachen Atemzug und versuchte, sich zu fassen. »Sehen wir zu, dass wir hier rauskommen.«

Sie traten blinzelnd ins bläuliche Licht eines stillen Märzabends hinaus. Kein Lufthauch regte sich.

Eine seltsame Stille hatte sich über den Abgang zur U-Bahn-Station gelegt, selbst die Vögel waren verstummt, als seien sie einfach vom Himmel gefallen. Es dauerte eine Weile, bis Rubys Augen sich umgewöhnt hatten, wie immer, wenn sie aus ihrer unterirdischen Welt an die Oberfläche kam. Im Zwielicht erkannte sie, dass sicher mehr als hundert Leute vor dem Eingang zur Station versammelt waren.

Männer mit Tellermützen, Frauen mit schwarzen Kopftüchern. Sogar Feuerwehrleute von den Einheiten für schwere Bergungsarbeiten mit respektvoll gesenkten Köpfen. Sanitäter mit weißen Stahlhelmen waren in Scharen gekommen, wie Ruby überrascht feststellte. Natürlich, sie alle waren an jenem Abend vor Ort gewesen, hatten Bilder gesehen, die sie noch jahrelang im Traum verfolgen würden.

Bethnal Green war das lauteste Stadtviertel der Welt, deshalb war es umso bewegender, den Ort so still und andächtig zu erleben.

Sie hielt in der Menge Ausschau nach ihrer Mum. So viele Gesichter, von Trauer gezeichnet. Da war Maud, deren zwei Töchter, Ellen und Ivy, diese Treppe hinuntergegangen und nie zurückgekehrt waren. Maud selbst hatte überlebt, schien aber entschlossen, sich langsam umzubringen, indem sie sich jeden Abend bis zur Besinnungslosigkeit betrank. Inzwischen gab es kaum noch einen Pub in Bethnal Green, wo sie nicht Lokalverbot hatte. Und dort auf den Stufen vor der Kirche stand Sarah, bleich wie ein Gespenst. Gerüchten zufolge hatte Sarah das tödliche Gedränge ausgelöst, indem sie mit ihrem Baby auf dem Arm am unteren Ende der Treppe gestolpert war. Das Baby war gestorben. Sarah hatte überlebt. Sie war über Nacht ergraut, zu einem Leben verdammt, das die reine Hölle war, und brachte ihre Tage fast nur noch in der St John Church zu.

Neben ihr war Flo, die lautlos weinte. Ihre jüngere Schwester war bei der Massenpanik auf der Treppe zur U-Bahn zu Tode gequetscht worden, die ältere während der Verdunkelung von einem Lastwagen geköpft. Nun stand die mittlere Schwester ganz allein da. In Bethnal Green war man von Leuten umgeben, die auf einem Pulverfass saßen.

Doch Ruby spürte die Trauer über Bellas Tod jetzt, ein Jahr später, nicht mehr glühend heiß. In den Wochen danach hatte sie sich gefühlt wie eine fest zusammengeknüllte Papiertüte. In dem Jahr, das seither vergangen war, hatte sie sich allmählich wieder entfaltet, aber die Knicke blieben.

»Da ist Mum«, flüsterte sie, als sie schließlich Netty vor der ausgebombten Bücherei gegenüber dem Eingang zur Station entdeckte. Ruby bemerkte den Lippenstift und den ramponierten Hut. Der Anblick versetzte ihr einen Stich.

»Du siehst hübsch aus, Mum«, sagte sie, als sie und Clara ihre Mutter erreicht hatten.

»Ich habe mir Mühe gegeben, für unsere Bella.«

Ruby beugte sich hinunter und küsste sie sacht auf die Wange. Dabei fragte sie sich, wann ihre Mutter eigentlich so dünn geworden war.

»Was geschieht jetzt?«, fragte sie.

»Der Pfarrer war da und hat ein Gebet gesprochen. Jetzt legen die Leute Briefe und Blumen ab und so. Das da ist von mir.« Sie zeigte auf ein Marmeladenglas voller hübscher Tausendschön auf der obersten Stufe. »Nicht viel für ein Leben …«

Ruby hätte nicht sagen können, wie lange sie alle so dastanden, Schulter an Schulter, jeder allein mit seinen Gedanken und doch in ihrer Trauer vereint. Jedenfalls war es genug Zeit für Erinnerungen.

Es ist nicht deine Schuld. Wie oft hatte Clara ihr das gesagt?

Aber wessen Schuld war es denn, dass ihre Schwester und hundertzweiundsiebzig andere Menschen an jenem Abend diese Hölle erlebt hatten, übereinander gefallen und die Treppe hinuntergestürzt waren, bis der Druck ihnen die Luft aus der Lunge gepresst hatte? Nicht Sarahs, so viel stand fest. Gerüchten zufolge hatte die Gemeinde bei der Regierung Gelder angefordert, um die Treppe sicherer zu machen, ein Mittelgeländer anzubringen, die unebenen Stufen auszubessern. Der Antrag war abgelehnt worden. Das Ergebnis der Untersuchung stand noch aus. Vielleicht war es einfacher, die Leute die Schuld auf sich nehmen zu lassen, als nach der Wahrheit zu suchen?

Ruby war schon lange der Meinung, dass im Krieg die Arbeiterklasse als Kanonenfutter herhalten musste. Bis vor einem Jahr war ihr allerdings nicht klar gewesen, dass das nicht nur für das eigentliche Kampfgeschehen galt, sondern auch für die Menschen an der Heimatfront. Allzu lange wurden sie nun schon von den Vertretern der Reichen und Privilegierten herumgeschubst. Die relative Sicherheit des Shelter in der U-Bahn wurde ihnen auch nur zugestanden, weil sie die Sache selbst in die Hand genommen hatten. Sie atmete tief aus und versuchte, sich zu beruhigen.

»Pass doch auf, wo du hinläufst, Kumpel!«

Ruby drehte sich um und sah einen stämmigen Mann mit dunkler Wollfilzjacke, der sich rücksichtslos einen Weg durch die schweigende Menge zu ihnen bahnte.

»Das hat uns gerade noch gefehlt«, seufzte sie. »Ich dachte, er verbringt den Abend mit seinen Kumpanen?«

Netty schien in sich zusammenzusinken. »Er wollte runter zum Hafen, weil da eine Statue von irgendeinem Kaufmann enthüllt wird. Er hat sich in den Kopf gesetzt, dass er mit dem verwandt ist.«

Der Mann hatte sie jetzt erreicht und baute sich mit einem besitzergreifenden Grunzlaut neben Netty auf.

»Hallo, Liebling«, sagte Netty und rang sich ein Lächeln ab. »Ich dachte, du hättest heute Abend etwas vor?«

»Na klar! Kaum kehre ich den Rücken, da kommt es hier anspaziert und produziert sich.«

Es?

»Niemand produziert sich hier, Victor«, entgegnete Ruby scharf. »Wir gedenken der Opfer.«

»Wozu hast du dich so aufgetakelt?«, fragte er und schlug mit der flachen Hand gegen den Hut seiner Frau. »Aus einem Ackergaul kann man ja auch kein Rennpferd machen.«

Er lachte über seinen eigenen Witz.

»Du bist betrunken«, stellte Ruby fest.

»Hast du Geld?«, fragte er, ohne seine Stieftochter zu beachten. Victor Walsh war der zweite Ehemann von Rubys Mutter, sie hatte ihn geheiratet, um sich über den Tod von Rubys Vater hinwegzutrösten. Wie die liebenswürdige Netty ausgerechnet an diesen Mann geraten war, blieb für alle ein Rätsel.

»Tut mir leid, Liebling, ich bin pleite.«

»Aber heute war doch Zahltag.« Er wurde lauter, sodass seine Stimme über die schweigende Menge hallte.

»Tut mir leid, Liebling«, wiederholte sie peinlich berührt.

»Gibst du ihr etwa ihren Lohn nicht?«, wollte er von Clara wissen. Netty machte einmal die Woche in der Bücherei sauber, außerdem arbeitete sie als Reinmachefrau in der Stadt und hatte eine Teilzeitstelle, bei der sie Kragen wendete.

»Liebling, bitte mach hier keine Szene. Natürlich hat Clara mir meinen Lohn gezahlt, aber das Geld ist schon für Miete, Lebensmittel und ausstehende Rechnungen draufgegangen.«

Wortlos griff Victor nach ihrer Handtasche, zog ihre Geldbörse heraus und öffnete sie.

»Lass sie in Ruhe«, befahl Ruby und riss ihm die Börse aus der Hand. »Selbst wenn sie noch Geld übrig hätte, würde sie es dir bestimmt nicht geben, du Schmarotzer.«

»Gibt es hier Schwierigkeiten, Netty?« Mrs Chumbleys Gestalt ragte über ihnen auf. Victor mochte ein Dreckskerl sein, aber für die stellvertretende Leiterin des Shelter brachte er einen gewissen widerwilligen Respekt auf.

»Alles bestens, nicht wahr, Liebling?«

Netty lächelte verkrampft. »Ja, natürlich, es ist alles in Ordnung, Mrs Chumbley.«

»Wir gehen jetzt nach Hause«, verkündete Victor und legte Netty energisch einen Arm um die Schultern.

»Ich schwöre, lange sehe ich das nicht mehr mit an …«, murmelte Ruby, während sie den beiden nachblickte. »Ich sollte auch gehen und Mum beistehen. Zu Hause wird er ihr die Hölle heißmachen.«

Ruby gab Clara einen Kuss auf die Wange.

»Du warst umwerfend heute Abend, Mädchen. Ich bin so stolz auf dich.«

Clara streichelte ihrer Freundin sacht über die Wange.

»Danke, Rubes. Und denk immer daran: Es war nicht deine Schuld!«

 

Ruby holte ihre Mum und Victor ein. Auf dem restlichen Nachhauseweg sah sie ihrem Stiefvater an, dass er sich innerlich in seine Wut hineinsteigerte.

Und tatsächlich, kaum dass sie die Wohnung betreten hatten, fing er an, Netty zu triezen.

»Wo bleibt mein Abendessen?«