Die Bienen - Meelis Friedenthal - E-Book

Die Bienen E-Book

Meelis Friedenthal

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Beschreibung

Der junge Student Laurentius besitzt nicht mehr als eine Reisetasche und einen neugierigen Papagei namens Clodia, als er Ende des 17. Jahrhunderts im winterlichen Estland, in der Universitätsstadt Tartu ankommt. In diesem Umfeld, das in der Zukunft zum Zeitalter der Aufklärung führen sollte, sucht Laurentius wie besessen nach einem Heilmittel für die Krankheit, die ihn quält und die seine Zeitgenossen Melancholie nennen. Während er sich mit Fragen beschäftigt, die er nicht beantworten kann – woher kommt die Seele? Welche Beziehung besteht zwischen ihr und dem Körper? - wird er von der Welt des Aberglaubens und der Heilmittel der Bauern auf dem Land angezogen. Eine Welt, die er schon als Kind kannte, und die ihn in Träumen und Visionen heimsucht. Und eine Welt, die er fürchtet und die sich mit der Realität zu vermischen beginnt.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Meelis Friedenthal

Die Bienen

1. Auflage

© 2024 Kommode Verlag, Zürich

Alle Rechte vorbehalten.

Original

Meelis Friedenthal

Mesilased

© Varrak, Tallinn 2012

Übersetzung: Cornelius Hasselblatt

Lektorat: Matthias Jügler

Korrektorat: Marie-Claire Hofstetter, torat.ch

Cover, Gestaltung und Satz: Anneka Beatty

ISBN 978-3-905574-34-0 eISBN 978-3-905574-35-7

Kommode Verlag GmbH, Zürich

www.kommode-verlag.ch

Die Übersetzung wurde gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

Meelis Friedenthal

Die Bienen

Aus dem Estnischenvon Cornelius Hasselblatt

Inahlt

MONTAG

MONTAGABEND

NACHT

DIENSTAG

DIENSTAGNACHMITTAG

DIENSTAGABEND

NACHT

MITTWOCH

MITTWOCHMITTAG

MITTWOCHNACHMITTAG

MITTWOCHABEND

NACHT

DONNERSTAG

DONNERSTAGNACHMITTAG

DONNERSTAGABEND

DONNERSTAG SPÄTABENDS

NACHT

FREITAG

FREITAGMITTAG

FREITAGNACHMITTAG

FREITAGABEND

NACHT

SAMSTAG

SAMSTAGMORGEN

SAMSTAGMITTAG

SAMSTAGNACHMITTAG

SAMSTAGABEND

NACHT

NACHBEMERKUNG DES AUTORS

Es regnete in einem fort. Der Regen hatte die Ernte auf den Feldern verfaulen lassen, die Holzwände der Häuser mit Schimmel überzogen und die Decksplanken der Schiffe unter einer glitschigen Algenschicht begraben. Seit Monaten aß Laurentius vergammeltes Brot, er hatte in vermoderten Häusern gewohnt und war in der letzten Woche über ein feuchtes Schiffsdeck geschlittert. Schwarze Galle sammelte sich in ihm wie Schlamm, der an einem Stock haften bleibt, den man in einen Fluss gesteckt hat. Endlich stieg er nun vom schwankenden Boot auf den Hafenkai, trat auf die schlüpfrigen Bohlen, die auf die in den Uferschlamm getriebenen Pfeiler gehämmert waren, und schaute sich unschlüssig um. Unter tief hängenden Wolken spritzte ihm der Wind in Böen Gischt ins Gesicht, und er versuchte zu begreifen, was das für ein Land war, in das er sich aus freien Stücken begeben hatte. Der kahle Uferstreifen mit seinem weißen Sand und den vereinzelten Schilfbüscheln sowie die gleichförmigen grauen Wolken erinnerten ihn sehr an jenen Hafen, in dem er seine Reise angetreten hatte. Vor dem Hintergrund des grauen Himmels sah der Mast genauso aus und die daran emporgezogenen Leinentücher waren ebenso grau und ausdruckslos wie beim Antritt seiner Reise. Neben der weit ins Meer hinausragenden Brücke wurde eine teilweise von schmuddeligem Wasser überspülte Mole sichtbar, an deren Ende ein altes Wachhäuschen im Wasser kauerte, das offenbar schon geraume Zeit von niemandem mehr benutzt wurde. Solche Hausrudimente gab es in allen Häfen, und trotz seiner Erbärmlichkeit vermittelte dieser Anblick Laurentius ein Gefühl von Geborgenheit. Auch hier wurden Häfen umgebaut, auch hier erfolgte ein Ausbau für die neuen Schiffe, und die alten Wachhäuschen wurden aufgegeben.

Er seufzte und zupfte nervös das wassertriefende Tuch über dem Vogelbauer zurecht.

Es hatte ihm keine großen Anstrengungen bereitet, seine Habe mitzunehmen. Eine aus Eichenbrettern zusammengezimmerte Kiste reichte vollkommen aus – alles, was er für sein Studium benötigte, passte hinein. Sie ging jetzt mit den anderen Waren aus dem Laderaum des Schiffs zum Zoll, und wahrscheinlich würde er sie erst heute Abend ausgehändigt bekommen. Die Fracht des Schiffs mitsamt dem persönlichen Gepäck der Reisenden wurde sorgfältig inspiziert, und alles, was auch nur entfernt Zollgebühren einbringen konnte, wurde registriert. Das bereitete ihm an sich keine Sorgen, er hatte keine besonderen Wertgegenstände, die wenigen Bücher, die er sein Eigentum nannte, waren ganz offiziell zugelassen, und an Medikamenten hatte er nur einen winzigen Vorrat mitgenommen. Schwierigkeiten konnte dagegen der Vogelbauer mit dem Halsbandsittich bereiten. Schon daheim hatte man ihn gewarnt, der Transport eines Vogels würde nicht unbedingt einfach werden, und die klimatischen Bedingungen könnten für solch ein Tier fatal sein. Andererseits wollte er sich auch nicht von seinem Gefährten trennen, sodass er beschloss, das Risiko auf sich zu nehmen. Im Moment bestand seine größte Sorge darin, den Vogel möglichst rasch aus dem kalten Regen ins Warme zu schaffen.

Laurentius wischte das Regenwasser weg, das ihm trotz des breitkrempigen Hutes in die Augen geflossen war, warf unter seinem Mantel einen Blick auf die Taschenuhr und hielt nach jemandem Ausschau, der ihm den Weg zu einem Wirtshaus weisen und vielleicht später auch seine Kiste beim Zoll abholen könnte. Den Vogelkäfig wagte er niemandem anzuvertrauen. Es war Eile geboten, weil die Wege schon jetzt ziemlich schlecht waren und er die Weiterreise unter keinen Umständen hinauszögern wollte. Die herbstlichen Regenfälle, die immer dichter und heftiger wurden, unterspülten die ohnehin schon aufgeweichten Wege, und mit jedem Tag wurde ein Durchkommen schwieriger. Die Luft wurde allmählich eisig. Der Papagei konnte sich verkühlen. Es musste sofort ein Fuhrwerk oder Gespann gefunden werden, das Richtung Tartu aufbrach.

»Heda!«

Auf dem regennassen Hafenkai gab es nur ein paar vereinzelte Neugierige, die trotz des widerwärtigen Wetters hinausgekommen waren, um sich die eintreffenden Schiffe anzusehen. Ihnen war vermutlich völlig klar, dass sie kaum Aussicht auf Arbeit hatten, weswegen sie auf Laurentius’ Zuruf zunächst überhaupt nicht zu reagieren wussten. Die gesamte Fracht wurde von den Matrosen beim Zollhaus abgeladen, und mit gelangweilter Nachlässigkeit machten sich die von den Kaufleuten gedungenen Ladearbeiter daran, die glitschigen Kisten und durchfeuchteten Säcke auf ihre Karren zu hieven. Amtmänner verzeichneten die Waren.

Laurentius rief erneut:

»He, du da!«

Als der Schaulustige in seinem fadenscheinigen und abgenutzten Wams träge aufblickte, machte Laurentius eine einladende Handbewegung für den Fall, dass der andere seine Sprache nicht verstünde. Der Mann sah aus wie eine Figur auf den Gemälden schwermütiger Künstler aus dem mittleren Zeitalter, die er in Holland gesehen hatte: Unter einem platt gedrückten Filzhut lugten Haarsträhnen unbestimmter Farbe hervor, die Nase war höckerig und gerötet, unter den schütteren Bartstoppeln konnte man ein vernarbtes Kinn erahnen. Laurentius hatte das Gefühl, dem Mann hätte wunderbar ein Schild mit der Aufschrift »Niedertracht« um den Hals gepasst. In allen Häfen lungerte solch Volk herum, und meistens war das aufgrund ihres Äußeren instinktiv getroffene Urteil korrekt. Andererseits waren diese Figuren die besten Kenner der Krüge und Herbergen einer Stadt, und so konnten sie von großem Nutzen sein. Sie hauten einen freilich immer übers Ohr, die Frage war nur, ob man mehr oder weniger betrogen wurde.

»Bring mich in ein ordentliches Wirtshaus«, bedeutete Laurentius ihm kurz und sah zu, wie der Mann sich, ohne ein Wort zu sagen, in Bewegung setzte. Also hatte er die Sprache hoffentlich verstanden – oder wenigstens erahnt, worum es ging.

Laurentius nahm den Papageienkäfig vorsichtig auf den Arm und folgte dem Mann in die Stadt. Der Vogel kreischte aufgeregt.

»Pst, Clodia, sei ruhig.«

Sie schritten durch die rasch einsetzende Dämmerung weiter, und Laurentius versuchte, den Käfig möglichst wenig zu schwenken. Gegen den Abendhimmel zeichneten sich drohend die dicke, aus klobigen Steinbrocken aufgestapelte und steil aufragende Stadtmauer, die runden, mittelalterlichen Festungstürme und vier hohe Kirchen ab, während die niedrigeren Häuser von einem teigigen Dunstschleier verschluckt wurden, der aus den Wolken träufelte. Der Mann vor ihm hatte einen überraschend hurtigen Schritt und schien sehr genau zu wissen, wohin er wollte. Bei Laurentius dagegen brach die alte Krankheit immer heftiger hervor. Diese unaufhörlich hervorquellende Feuchtigkeit, die sich überall einnistete, wirkte sich schlimmer aus als in früheren Jahren. Für gewöhnlich machte der Überschuss der in seinen Gedärmen gärenden schwarzen Galle seinen Körper erst im Spätherbst matt und schlaflos, aber in diesem Sommer hatte es schon um Johanni herum zu regnen begonnen, und dieses endlose Geplätscher hatte seine Eingeweide, sein Herz und sein Hirn in einen kleistrigen Nebel gehüllt. Als er nun vom Schiff an Land gegangen war und auf den platten, blank gewetzten Pflastersteinen einherschritt, erzeugte die Erinnerung an das Schwanken des Schiffes zusätzlich ein Gefühl, als müsse er sich durch einen Sumpf quälen. Jeder Schritt war eine Kraftanstrengung.

»Uff«, brummte er. »Noch ein kleines bisschen.«

Er betrachtete den gekrümmten Rücken des vor ihm gehenden Lumpenbündels und nahm sich vor, doch lieber jemand anderen nach seiner Kiste zu schicken. Mit solchen am Hafen aufgelesenen Tagedieben konnte es leicht Ärger geben. Vermutlich würde ihm der Wirt helfen können. Er versuchte sich daran zu erinnern, wie die Tallinner Münzen aussahen, über die ihm auf dem Schiff verschiedene Reisende Auskunft gegeben hatten und über die vollständige Klarheit zu erlangen ihm, wie er schon damals geschlussfolgert hatte, verwehrt bleiben würde. In der Ars apodemica, den Büchern, die von der Kunst des Reisens berichten, wurden die Verhältnisse in Estland und Livland beinahe mit keinem Wort erwähnt – dort fanden sich eher allgemeine Richtlinien, worauf man achten sollte und wie man verständig seine Umgebung studierte. Die hiesigen Städte und Länder waren apodemisch ein völlig unbeschriebenes Blatt – zum Vergnügen fuhr man schließlich woandershin, in den Süden. An Orte mit Kultur und Geschichte. Er konnte sich jedenfalls an nichts Diesbezügliches erinnern. Ihm dröhnte der Kopf.

»Nun gut«, entschied Laurentius schließlich. »Ein Sechstel Öre müsste auf jeden Fall genug sein.«

Es war schon beinahe stockdunkel, als sie endlich unter einer gelben Laterne haltmachten, die ein überraschend anständig aussehendes Wirtshaus beleuchtete, das nur ein kleines Stück vom Stadttor entfernt war. Der Mann streckte seine Hand aus und Laurentius ließ die kleine Münze, die er sich schon heimlich aus seiner Tasche herausgesucht hatte, hineinfallen und senkte den Blick. Der Mann beäugte die ihm ausgehändigte Münze einen Moment und schenkte ihm dann ein breites Lächeln.

Verflixt, dachte Laurentius. Habe ich ihm doch zu viel gegeben.

Er zwängte sich mit seinem Käfig durch die Tür.

»Wünschen der Herr noch etwas?«, erkundigte sich das Lumpenbündel in überraschend gutem Deutsch.

Laurentius zögerte. Am liebsten hätte er den Mann schnellstmöglich verschwinden sehen, denn wer sich aus eigenem Antrieb an deine Fersen heftet, ist gewöhnlicherweise ein rechter Spitzbube.

»Ich muss nach Tartu«, sagte er dann zu seinem eigenen Erstaunen. »Und möglichst schnell.«

Nach der Kiste würde er trotzdem jemand anderen schicken, aber eine Erkundung der Reisemöglichkeiten war unverfänglich. Irgendwelche Fuhrmannskutschen sollten hier verkehren, und auf dem Schiff hatte jemand zu berichten gewusst, dass beinahe jede Woche eine Gesellschaft nach Tartu aufbrach. Ihm waren auf der Karte sogar zwei mögliche Routen angewiesen worden – beide nahmen einige Tage in Anspruch, und in Abhängigkeit vom Zustand der Wege mochte es noch länger dauern.

Der Mann warf noch einmal einen Blick auf den Papageienkäfig und ging dann fort – Laurentius kam es vor, als mache er dabei eine spöttische Verbeugung.

Er zuckte mit den Schultern, stellte den Käfig auf einen Tisch, der in unmittelbarer Nähe des Kamins stand, zog den dunklen, durchnässten Tuchfetzen ab und schaute zu, wie sich der Papagei auf seiner Stange aufplusterte.

»Na, Clodia, bist du zu einer weiteren Reise bereit?«

Die der Feuerstelle entströmende Wärme wirkte anregend und tat seiner Stimmung und dem unterkühlten Körper des Papageis gut. Er nahm ein paar Körner aus einem Papier in seiner Tasche und streute sie auf den Boden des Käfigs. Es war nicht sicher, ob man hierzulande Sonnenblumenkerne bekommen konnte, also hatte er welche mitgenommen. Wie gewöhnlich scharten sich die Gäste, die bislang tatenlos im Raum herumgestanden hatten, sofort um den Käfig, alle wollten den wundersam bunten Vogel betrachten.

»Wo der wohl herkommt?«

»Was frisst er?«

»Kann er auch singen?«

Laurentius gab Erläuterungen. Einerseits war das Mitschleppen des Papageis natürlich lästig und unbequem – und nicht nur für Laurentius, vermutlich litt der Vogel selbst sogar noch mehr darunter –, aber andererseits half er großartig bei der Kontaktaufnahme mit Menschen, und Clodia war ihm schon auf dem Schiff eine große Hilfe gewesen.

»Ihr seid Student, nicht wahr?«, fragte jemand am Tisch und erhob sich.

»Ja«, antwortete Laurentius. Der Mann schien ihn schon eine Weile betrachtet zu haben – solche Dinge spürte er genau und er wusste seinen Blick gesenkt zu halten, um einen beliebigen Neugierigen nicht versehentlich direkt anzugucken. Schon in jungen Jahren hatte er begriffen, dass daraus nur Scherereien entstehen. Anfangs sind die Menschen argwöhnisch, danach kreuzen sie hinter ihrem Rücken die Finger, während sie sich mit einem unterhalten, kehren an der Straßenecke um und meiden einen dann gänzlich. Am sichersten ist es, den Blick zu Boden zu richten.

»Ich würde Euch momentan nicht empfehlen, nach Tartu zu fahren.«

Durch die oberflächliche Höflichkeit des Mannes schimmerte Ironie hindurch, ebenso klang die Art, wie er Laurentius anredete, missbilligend.

»Wieso denn?« Laurentius versuchte ihm zu widersprechen. In Wirklichkeit wusste er natürlich, was für Argumente es gegen eine Fahrt nach Tartu geben könnte.

»Schlechte Zeiten. Selbst die Professoren nehmen derzeit ihre Aufgaben nur sehr träge wahr. Der Sommer war verregnet, es wird unvermeidlich Hunger geben, die Preise werden steigen.«

»Das ist überall so.«

Laurentius ließ einen schnellen Blick über die etwas hochmütige Pose des Mannes gleiten und schloss aus dem an seinem Gürtel hängenden Kurzschwert, dass es sich um einen Adligen handelte. Höchstwahrscheinlich. Er hatte schon gehört, dass ihnen Tartu seltsamerweise besonders zuwider war.

»Mein Stipendium ist nun einmal für Tartu.«

»Ach«, sagte der Mann und winkte ab.

Laurentius öffnete vorsichtig die Käfigtür und nahm den Papagei auf seinen Finger. Der Vogel verstand ihn gut und hatte eine Auffassungsgabe für Stimmungen, und ihm vermittelten Clodias Betragen und Haltung Sicherheit. Unterstützung und Ratschlag eines Freundes.

Der Vogel plusterte sich drollig auf seiner mageren Hand auf, die von Tinkturen und Medikamenten gegerbt war und eine pergamentartige Haut hatte, und pickte dann sorgsam an seinem Fingernagel. Die Schaulustigen wichen respektvoll einen Schritt zurück, als würden sie befürchten, der Vogel könnte sie jeden Moment angreifen. Als hätte er einen kleinen Dämon aus seinem Käfig geholt. Laurentius streichelte den Vogel zärtlich und spürte den warmen Körper unter seiner Hand – das von Federn und Haut verhüllte Blut und das darin pulsierende Leben. Er hat diesen Papagei, seit er denken konnte. Er hatte immer unter einem Überschuss an schwarzer Galle gelitten, und gerade deswegen hatte sein Taufvater Pastor Theodus ihm den Papagei geschenkt. Die Idee hatte er von Plutarch, der in seinen Tischreden Vögel als wirksames Remedium bei Leiden, wie sie Laurentius quälten, erwähnte. Das sanguinische Zwitschern des Papageis und seine Fröhlichkeit konnten Laurentius’ Körperflüssigkeiten tatsächlich ins Gleichgewicht bringen und ihm helfen, mit seiner Krankheit besser fertig zu werden. Niemand anderem als dem Papagei war es anzurechnen, dass er die Regengüsse dieses Sommers einigermaßen ertragen hatte.

»Der Vogel wird die Reise nach Tartu wohl kaum überleben.« Der Adelsmann ließ nicht locker.

»Wahrlich, man müsste einen geschlossenen Wagen finden, der möglichst bald nach Tartu aufbricht. Ich hatte von Anfang an nicht vor, zu Fuß zu gehen«, sagte Laurentius.

Ihm war durchaus klar, dass der Großteil der Studenten sich zu Fuß nach Tartu begab und sich nur wenige den Luxus gestatteten, für ein Fuhrwerk zu bezahlen, aber unter den jetzigen Umständen schien das die beste Lösung.

Der Mann mit dem Schwert schaute ihn an und schmunzelte.

Laurentius wandte den Kopf schnell zur Seite, lächelte und streichelte Clodia. »Ich habe ihn schon fast zehn Jahre, ich weiß, was er verträgt und was nicht. Kälte kann er sehr gut ertragen.«

»Fahrt hier bloß nicht mit jedem mit, es sind wirre Zeiten, und man könnte Euch ausrauben.«

»Ich weiß. Aber bei mir gibt es nicht viel zu holen.«

Die Taschenuhr mit den Verzierungen, die er unter seinen Kleidern verborgen hatte, erwähnte er lieber nicht. Dieses edle und durchaus wertvolle Objekt war ebenfalls ein Geschenk seines Taufvaters Theodus, es stammte von englischer Meisterhand.

»Euren Mantel würde ich schon nehmen, und Euer Hut ist auch beachtlich. Sowieso kann man Euch des Lebens immer berauben.«

Es lag keine Drohung in der Stimme des Mannes, eher manifestierte sich darin ein praktischer Geist. Möglicherweise war ihm selbst einmal so ein Hut geraubt worden und man hatte ihn halb tot am Wegesrande liegen lassen. Das Leben ist zart und bleibt wie ein Wunder im Körper, wie die Vögel am Himmel, wie die Sterne in den supralunaren ätherischen Sphären.

Laurentius versuchte, seiner Stimme einen gelehrten Klang zu geben. »Wenn es nicht von Anbeginn mein Eigentum ist, kann es mir auch niemand nehmen.«

»Habt Ihr schon anderswo studiert?«

Laurentius nickte.

»Es ist eine zweifelhafte Gesellschaft, in die Ihr Euch da in Tartu begebt. Sie sind dort die wildesten Trunkenbolde und Säufer im ganzen schwedischen Reich. Und die Schweden sind bekannt ob ihrer Zecherei«, sagte der Mann verächtlich.

Laurentius runzelte daraufhin die Stirn. Das Gespräch ödete ihn mittlerweile an, und er schaute sich nervös im Raume um. Wo war der Wirt, bei dem man ein Zimmer mieten konnte? Danach konnte er fort und herausbekommen, wie man nach Tartu reisen könnte. Er hatte nicht die geringste Absicht, sich hier mit Wildfremden über seine Zukunft und die Einzelheiten des Studiums auseinanderzusetzen.

Und doch konnte er es nicht unterlassen, auf die Kritik des anderen hin zu sticheln: »Ihr sprecht aus eigener Erfahrung?«

Der Mann gab ein breites Lächeln von sich und setzte sich zu Laurentius. »In gewisser Hinsicht habt Ihr recht, natürlich. Was geht mich das an? Aber ich habe begriffen, dass Ihr selbst kein Schwede seid. Aus welcher Gegend kommt Ihr denn überhaupt?«

Laurentius versteifte sich und rückte instinktiv von dem Mann ab. Natürlich hatte er recht. Peinlich, auf diese Art und Weise einander Vorhaltungen zu machen. Die Reiseführer empfahlen, gerade solche Situationen zu vermeiden.

»Ich bitte um Entschuldigung. Es war zu keinem Moment mein Anliegen, grob zu sein.«

»Entschuldigung angenommen.«

»Aber trotz allem möchte ich alsbald nach Tartu gelangen, denn die Wege werden mit jedem Tag schlechter, und soweit ich weiß, dauert es fast eine Woche, ehe man dort ist.« Laurentius streckte seine Hand zum kleinen Käfig aus, und der Vogel sprang brav auf seinen Stock zurück.

»Wo ist denn hier der Wirt?«

»Das Wirtshaus gehört mir«, verkündete der Mann mit dem Schwert. »Der Wirt hat in der Stadt etwas zu erledigen.«

»Euch?«

»Hört, warum wollt Ihr so eilig nach Tartu?« Der Adelsmann reagierte nicht auf Laurentius’ Frage. Er schien bereits gehörig angetrunken zu sein, weswegen er einen leicht überheblichen, gönnerhaften Ton angenommen hatte. Das konnte Laurentius nicht im Geringsten ausstehen. »Habt Ihr Scherereien gehabt? Für gewöhnlich begeben sich Leute von anderswo nur nach Tartu, wenn sie an anderen Orten nicht aufgenommen werden, oder eben solche, die kein Geld haben. Ihr scheint zu keiner der beiden Gruppen zu gehören.«

»Tartu soll die Stadt sein, die den Musen am meisten zugewandt ist.«

»Ihr wollt euch dort wohl vom Geist beflügeln lassen? Nun gut, ich werde nicht in Euren Geheimnissen herumstochern.«

»Was soll das heißen?«

»Ich sage Euch voraus, dass Ihr dort diesen Herbst und diesen Winter nicht viel Geistigkeit antrefft. Dafür aber ganz gewiss viel anderes.«

Laurentius erhob sich und schritt nervös im Raum auf und ab, nahm seine Uhr aus der Tasche und warf einen raschen Blick darauf. Sofort bereute er, sie an einem öffentlichen Ort wie diesem zum Vorschein geholt zu haben, aber nun war nichts mehr zu machen. Etwas verlegen stopfte er die Uhr zurück in seine Westentasche.

»Sei’s drum«, murmelte er vor sich hin.

Er konnte noch eine Weile in aller Ruhe durch die Stadt spazieren. Merkwürdig, dass der Mann nicht begriff, dass Laurentius, wenn er schon einmal bis nach Estland gelangt war, seine Entscheidung kaum aufgrund eines zufälligen Wirtshausgespräches revidieren würde. Eine solche Wankelmütigkeit hätte nur zu Leuten gepasst, die nichts von geistiger Disziplin hielten. Er aber tat das. Man musste es tun.

»Ich bitte sehr um Verzeihung, aber ich muss jetzt gehen.«

»Na, geht nur. Aber ich warne Euch, Ihr werdet den Entschluss noch bereuen.«

»Kann ich meinen Käfig hierlassen?«

MONTAG

»Chch-chch.«

Er atmete ein und aus. Die Kühle der Herbstabende kondensierte die ausgeatmete warme und feuchte Luft zu Dampf, der für einen Moment vor seinem Gesicht schwebte. Sein Atem, der sich in seinem Körper befindet und beweist, dass er beseelt ist, dass er lebt. Statt den Puls zu fühlen, kann man dem Menschen einen Spiegel vor den Mund halten und je nachdem, ob er beschlägt, sehen, ob er noch lebt oder nicht. Ob er noch fähig ist, Feuchtigkeit zu erzeugen, die Existenz der Seele zu beweisen.

»Lebendig«, flüsterte er, nickte und stieg mit den anderen in die Fuhrmannskutsche. Nachdem er sich einen Platz am Fenster, das aus in eine Bleiplatte geschlagenen Löchern bestand, ausgesucht hatte, schaute er zu, wie die anderen Reisenden in diesen leblosen Kasten aus Holz und Metall stiegen und sich auf ihre Plätze setzten, wobei sie ununterbrochen atmeten. Alle waren am Leben, alle waren aktiv, sie wussten, was sie wollten und wohin sie fuhren. Sie hatten schon zwei Tage hier beisammengesessen, und alle Gesprächsthemen waren aufgebraucht – die Aufregung vom Beginn der Reise hatte dumpfer Langeweile Platz gemacht, zu der sich die Beklemmung angesichts Clodias Schicksals gesellte.

Der Kutscher ließ die Zügel knallen, und der Sarg auf Holzrädern setzte sich in Bewegung. Der Sarg, der zuvor leer dagestanden hatte wie ein Standbild oder eine leere Hülle, hatte sich beim Eintritt der Menschen mit Leben gefüllt, er schwankte und ruckelte und machte sich gleichsam zielgerichtet auf die Reise. Ein Objekt, das keinen eigenen Willen hat, bekommt eine Seele und erhält durch diese Seele ein eigenes Leben. Und die Menschen im Sarg, geben sie ihre Seele an den äußerlichen Körper ab oder bleibt sie ihnen doch erhalten, ihre ureigene Seele, die ihnen selbst zu Gebote steht?

»Wenn ich in die Kutsche klettere«, überlegte Laurentius, »kann ich dann noch ich selbst sein oder habe ich einen neuen Körper angenommen, einen Körper, der rollt, statt zu schreiten, einen Körper, der nur auf einem matschigen oder mit Schotter bedeckten Weg fahren kann?«

»Wie bitte?«

»Nichts.«

»Ihr habt doch etwas gesagt?«

»Ach, ich faselte nur so, nichts Wichtiges. Verzeihung.«

Laurentius lehnte seinen Kopf an die Wand und tat so, als würde er versuchen zu schlafen. Der Sarg aber suchte sich seinen eigenen Weg, die großen Speichenräder ratterten in den ausgefahrenen Rillen durch ein scharfkantiges Loch, und im gleichen Rhythmus stieß er seinen Kopf empfindlich an der Blechplatte.

»Au.«

Er dachte an seinen Papagei. Kaum hatte er das Wirtshaus verlassen, hatten ihn die Kerle dort offenbar mit etwas gefüttert – obwohl sie es später alle entrüstet von sich wiesen –, und als er aus der Stadt zurückkam, zitterte Clodia bereits. Das Zittern und die Trägheit hatten die ganze Nacht angedauert, der Vogel aß und trank nichts, und am nächsten Morgen war der Papagei verschieden. Laurentius hatte mit Entsetzen das Herannahen des Todes beobachtet, wie zuerst ein kraftloses Beben beginnt, dann verliert er das Gleichgewicht, und schließlich benebelt sich sein Blick und verlöscht. Clodia hat keine zwei Tage auf Estlands Boden durchgehalten. Wenigstens war der Tod des Vogels nicht seine Schuld, wenngleich ihn das nicht trösten konnte. Schuldig oder nicht, immerhin war sein Liebling verstorben, und nun lag das kleine Spätzchen steif und leblos hinten auf dem Gepäckträger der Kutsche in seinem Käfig.

Laurentius wollte ihn hier nicht einfach so zurücklassen. Nein, er nahm Clodia wenigstens bis Tartu mit, und da er schon Vorkehrungen für eine Reise mit der Kutsche getroffen hatte, machte er sich auch nicht zu Fuß auf den Weg. Wer weiß, vielleicht ist es auf den Landstraßen tatsächlich so gefährlich, wie behauptet wird.

»Ein neuer Körper«, sagte die neben ihm sitzende Frau wieder. »Ein neuer Körper oder etwas in der Art, das sagtet Ihr … Aber wie kommt der neue Körper denn?«

»Wir nehmen ihn uns.«

»Auf welche Art? Ich dachte schon, Ihr redet wieder von Eurem Papagei. Nun begreife ich wirklich gar nichts mehr.«

Laurentius ballte seine Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Seine Hände, sein Körper. Sind sie genauso die seinen wie diese Kutsche? Meine Kutsche, meine Reise. Mein Käfig.

Die Frau legte ihre Hände resolut auf ihre Reisetasche.

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte Laurentius.

Hier gibt es doch nichts zu erklären, alles ist trivial, aber er hatte keine Lust, das zu wiederholen, die Geschichte noch einmal zu erläutern. Er hatte zu Beginn, als sie in Tallinn in die Fuhrmannskutsche gestiegen waren und sich einander vorgestellt hatten, von dem Papagei erzählt, aber niemand konnte seine Verzweiflung begreifen. Für sie war ein Papagei nur ein exotischer und teurer Vogel. Sie hatten Mitleid mit ihm wie mit einem Kaufmann, dessen Ware im Sturm auf den Grund des Meeres gesunken war. So etwas kommt vor, was soll man tun, das Leben geht weiter … Laurentius seufzte und schwieg, stützte seinen Kopf wieder an die Blechplatte und ließ ihre Kühle seine schmerzhafte Stelle streicheln, wie man einen Löffel auf eine Beule legt. Das Leben geht weiter.

»Was bedeutet dieser neue Körper denn dann?« Die Frau ließ nicht locker.

Ihr Gatte, der bislang zurückhaltend geschwiegen hatte, schmunzelte jetzt und schüttelte leicht überdrüssig seinen Kopf. »Fangt nun bloß nicht wieder an.«

Laurentius starrte angestrengt auf den Fußboden und überlegte, wie er aus dieser Situation herauskäme – der Stimme der Frau war eine deutliche Erregung zu entnehmen. Solche Kutschengespräche erwiesen sich häufig als unbeholfen und verschroben. Er konnte nicht mit Menschen verkehren, obwohl er es sich wünschte.

»Ich meinte, dass die Seele anfangs im Körper ist. Aber die Seelen sind doch unsterblich«, sagte er schließlich. »Kurzum, wenn der Körper stirbt, wo sind dann die Seelen bis zur Auferstehung?«

»Aber ich bitte Euch, bei Gott doch?«

»Aber wo ist Gott?«, fragte Laurentius.

»Im Himmel. Überall.«

»Genau. Aber dann sind die Seelen gleichfalls überall. Auch hier.«

»Wollt Ihr behaupten, es gebe hier Geister?«, gab die Frau schnippisch zurück.

»Nein, das nicht … Eher Erinnerungen.«

»Also«, folgerte die Frau triumphierend, »wenn hier in der Kutsche Erinnerungen sind und die Erinnerungen Seelen sind, dann müsste diese Kutsche lebendig sein. Aber das ist sie doch nicht. Sie bekommt keine Kinder!«

Laurentius dachte an Aristoteles und die Betten. »Auch nicht alle Menschen bekommen Kinder.«

Die Frau wandte sich ab und glotzte aus irgendeinem Grunde wütend in den Mittelgang.

»Natürlich geht es nicht darum.«

Die Frau aber schwieg, sogar geradezu halsstarrig, entschieden. Laurentius spürte, dass er seine Geschichte vielleicht doch noch einmal erzählen und die Gründe seiner Verstimmung erläutern müsste. Gleichzeitig aber kam es ihm unpassend vor, er hatte es schon so viele Male getan. Man sollte seine Reisegefährten damit nicht aufs Neue belästigen. Es war schließlich Clodia gewesen, der ihm half, mit Menschen in Kontakt zu treten, und mit seiner Aufgewecktheit und seinem Zwitschern für Lebendigkeit gesorgt hatte. Genau solch einen Gefährten hätte er jetzt gebraucht.

Aber stattdessen lag sein Genosse aus Kindheitstagen in ein Laken gehüllt im Käfig zwischen durchnässten Koffern. Tot.

»Widerwärtig«, murmelte er leise.

»Was habt Ihr gesagt?«

»Nichts.«

»Ich habe aber doch etwas gehört«, erwiderte die Frau barsch und sagte danach kein Wort mehr. Die anderen vier Reisenden schauten sie erschrocken an – die ganze Reise lang war es ihnen nicht gelungen, ein vernünftiges Gespräch zustande zu bringen.

Er seufzte ratlos, schloss dann aber wieder die Augen und unternahm einen ernsthaften Versuch einzuschlafen. Die Kutsche ruckelte gleichmäßig, in einem ausgeglichenen und beständigen Rhythmus, wie er dem Pendel einer Uhr eigen ist, holperten die Räder über die Löcher in der unebenen Straße. Er stellte sich die Kutsche wie den großen Golem von Rabbi Elijahu vor, in dessen Bauch die Menschen wie Papierstreifen, die alle mit dem Namen Gottes beschriftet waren, hineingestopft wurden. Aber wie fühlt sich der Streifen im Bauch einer Maschine? Hat er dort seinen eigenen Platz, oder ist er dort nur vorübergehend, langweilt sich und wünscht sich an einen anderen Ort? Und wie ist es im Inneren eines Menschen? Wie kommt die Seele dort hinein, woher, und wohin geht sie? Wie ist es in einem Papagei?

Laurentius schüttelte den Kopf und schaute sich nervös um. Nein, er durfte nicht ins Grübeln geraten, die Gedanken mussten rational bleiben. Trotzdem gelang es ihm nicht, Gedankensplitter, Sätze und Erinnerungen drangen an die Oberfläche seines Bewusstseins und beschmutzten es wie Blut den um eine Wunde gelegten Verband. Die Wunde seines Bewusstseins, er pflegte und behandelte sie, aber sie verheilte nicht. Laurentius versuchte, sich immer mit Literatur zu umgeben, mit Theater, anderen Menschen, der Wissenschaft, all das, um seine Wunde zu kühlen und verheilen zu lassen. Aber sie eiterte, der Gedanke regte sich, und das böse Blut stieg an die Oberfläche.

Mit einem Rums fuhr die Kutsche plötzlich über ein größeres Schlagloch, sodass alle durcheinandergerüttelt wurden und erschrocken die Stirn runzelten. Dem Mann, der Laurentius gegenübersaß, fiel die Reisetasche von den Knien.

»Au!«

Sie war dem neben ihm sitzenden Reisenden auf den Fuß gefallen.

»Verzeihung … ich bin kurz eingeschlafen und habe mich am Kopf gestoßen«, entschuldigte sich der Mann und befühlte vorsichtig sein Ohr. »Der Zustand der Wege ist hier schlimmer, als ich jemals erlebt habe, wo immer ich gereist bin. Also in Schweden, da gibt es Wege. Dort ist natürlich auch der Untergrund fester, da gibt es nicht so viel Sumpf. Aber hier …«

Die Frau schnaubte nur mürrisch, sagte aber nichts.

Der Mann schwadronierte weiter, als hätte er sich die ganze Zeit zurückgehalten und nun auf diesen Aufprall hin beschlossen, sich alles von der Seele zu reden.

»Hier müssten letztlich die örtlichen Gutsbesitzer die Wege in Ordnung halten, aber weit gefehlt! Bei jeder Gelegenheit drücken sie sich davor, und vom Zustand der Wirtshäuser an den Landstraßen lohnt sich schon mal gar nicht zu sprechen. Bei einigen kann man von Glück reden, wenn man außer Schnaps und Bier überhaupt etwas anderes bekommt. Schlafen muss man auf muffigem Stroh direkt auf dem Lehmboden. Dessen ungeachtet ist alles verdammt teuer. In Schweden hingegen sind die Wirtshäuser anständig, überall bekommt man eine warme Mahlzeit, überall gibt es Betten mit frischem Stroh. Ich sage Euch, das ist eine vollkommen andere Sache.«

Laurentius richtete sich auf seinem Sitz auf und lächelte traurig. Die Zustände dort waren keineswegs so viel besser. Er faltete seinen Rockschoß ordentlich zusammen und legte ihn als Polster zwischen seine Schläfe und die Wand. Das unterdrückte zwar das Rütteln ein wenig, nicht aber das Geschwätz des Mannes. Draußen schlugen die Tropfen immer heftiger gegen die Kutsche, sie trommelten an seine Schläfe und durchnässten den Stoff seines Mantels dermaßen, dass ein kaum spürbarer Modergeruch aus seinen Fasern hervordrang. Eigentlich hatte er Glück gehabt, dass er eine geschlossene Kutsche bekommen hatte. Die meisten der zwischen Tallinn und Tartu verkehrenden Kutschen waren kaum besser als offene Heuwagen, da hätten sie alle im kalten Regen sitzen müssen wie der Fuhrmann und der Diener hinten auf dem Gepäckträger.

»Hm, widerwärtig«, fauchte der Mann ihm gegenüber missmutig, beendete dann seine Tirade über den Zustand der Wege und Wirtshäuser in Estland und Livland und streckte seine Beine mit den verdreckten Schuhen lang aus.

Laurentius dachte währenddessen an den im Käfig liegenden Papagei und überlegte, ob man ihn in irgendeine kleinere Schachtel legen sollte. Sonderbar war es, einen toten Vogel auf diese Weise mit sich zu führen. Andererseits hatte er sich so an das Tragen des geflochtenen Drahtkäfigs gewöhnt, an das Zwitschern, das von dort kam, an den Umgang mit Clodia, an seine Umsorgung. Clodia hatte sich immer gerne auf seine Hand gesetzt und an seinen Fingern gepickt, der kleine gefiederte Körper war immer überraschend warm gewesen, als hätte er Fieber gehabt. So lebendig. Doch einen Käfig mit einem toten Vogel in die Kutsche zu nehmen, schien unschicklich. Die Mitreisenden hätten wer weiß was von ihm gehalten.

»Wahrhaftig«, sagte Laurentius, ohne jemanden recht anzuschauen. Dann hüstelte er unsicher in der entstandenen Stille, schloss die Augen und versuchte daran zu denken, was er in Tartu unternehmen wird, wie er sich einlebt und zur Universität geht. Statt klarer Gedanken hämmerte aber das gleichförmige Rattern der hölzernen Kutschenräder in seinem Kopf, das an- und abschwellende Sausen der Windböen, das Geklapper des unter der Plane verschnürten Gepäcks und das ununterbrochene Rauschen des Regens an den Kutschenwänden. Rhythmisch schlug der Kopf auf das aus dem Mantel zusammengefaltete Kissen, sodass ihn die Schläfe schmerzte. Nichts Klares und Verständliches. Seine Gedanken lagen brach.

»Nchchn.«

Laurentius öffnete die Augen, richtete sich auf und starrte die Menschen in der Kutsche an – alle hatten den Blick gesenkt, alle saßen still da. Jetzt konnte er sie betrachten. Die Frau neben ihm hatte sich zusammengekrümmt, in einer Haltung, die ihr der Holzsitz der Kutsche aufgezwungen hatte. Den Kopf in die andere Richtung gewandt, in die Ferne. Ihr Körper war zwar hier ganz nah, aber nicht anwesend. Ein Körper ohne Augen, ohne Blick, ohne Leben. Eine leere Hülle. Laurentius wollte reden, zu jemandem etwas sagen, konnte sich aber kein Thema ausdenken, über das man hätte reden können. Er hatte abermals Angst, aus einer Nichtigkeit heraus Streit zu erzeugen.

Gelangweilt nahm er die Uhr aus der Tasche und betrachtete das Ziffernblatt mit dem einen Zeiger. Bald würde es ganz dunkel sein. Er beugte sich vor und versuchte, durch das kleine gelöcherte Fenster einen Blick nach draußen zu erhaschen. Dort wurde ein wilder Fluss sichtbar, der mit scheinbarer Zufälligkeit seinem Ziel entgegenströmte. Wie Regentropfen glänzten die vielfarbigen Blätter, gemächlich glitten vereinzelte Lichtungen vorbei. Nichts, woran sich der Blick heften konnte, und er konnte seine Gedanken nicht mehr zusammenhalten. Gerade jetzt hätte er so sehr Clodias unterstützendes Gezwitscher gebraucht, aber um ihn herum waren nur Menschen, die halb im Schlaf, halb bei Bewusstsein waren. Er versuchte, die wirr hin- und herschwankenden Gedanken abzuwehren, aber der Streit mit den Dämonen der Erinnerungen machte sie nur klarer und gab ihnen Form. Der Verstand gebiert Ungeheuer.

Laurentius hustete, er hatte ein Kribbeln im Hals, das Atmen fiel ihm schwer.

Plötzlich spürte er, wie ein beißender Geruch in die Fuhrmannskutsche drang. Anfangs war er kaum wahrnehmbar, aber mit der Zeit wurde er allumfassend und bemächtigte sich aller Sinne, übermannte ihn wie der Schlaf einen ausgemergelten Leib.

Panisch schaute er um sich. Woher kam das? Die anderen saßen nach wie vor ruhig auf ihren Plätzen, nicht einmal ein Naserümpfen war ihnen anzumerken. Er beugte sich erneut zum Fenster und schaute hinaus. Irgendwo musste der Gestank schließlich herkommen! In der Ferne war die düstere Silhouette eines Gebäudes zu erkennen, in einer albtraumhaften und dräuenden Dunkelheit, die die einbrechende Abenddämmerung mit sich brachte, ein riesiger Koloss aus Balken. Er strengte sich an, um durch die Wassertropfen hindurch etwas zu erkennen, und wischte den feuchten Untergrund mit der Hand sauber, auf der ein gräulich-schmutziger Streifen zurückblieb. Durch den Dunstschimmer erschienen neben der regennass schimmernden Lichtung einige verfallene Mauern, verschwommene aus Brettern zusammengezimmerte Dachsparren, herabhängende Schindeln und hervorstechende Stäbe. War das eine Scheune? Das ganze Bauwerk war unbeleuchtet, ohne jegliches Lebenszeichen.

Offenbar kam es daher, beschloss Laurentius, von den verschimmelten und ausgespreizten Dachsparren. Bestimmt von dort.

Er schaute nach, ob jemand vielleicht ein Feuer bei der Scheune machte, obwohl schon von vornherein klar war, dass man bei solchem Wetter kein anständiges Feuer machen konnte. Natürlich. Kein einziger züngelnder gelber Fleck, gegen den mittlerweile dunkelblauen Himmel zeichnete sich nur trübe Leblosigkeit ab. Aber irgendwo musste es doch etwas geben, einen Körper, eine Flüssigkeit, Zersetzung, aus der das Gift hervordrang. Fauliges, qualmendes Heu im Inneren der Scheune?

Während er durch die kleinen Löcher spähte und versuchte, ein besseres Bild von seiner Umgebung zu bekommen, drückte er sein Gesicht an die kalte Platte, aber durch die Metallschlitze war nur eine schwarze und zuckende Landschaft zu sehen, Einzelheiten, die sich zu keinem Gesamtbild zusammensetzen ließen.

Laurentius versuchte gerade, sein Auge vor ein etwas größeres Loch zu schieben, als die Kutsche plötzlich besonders heftig gerüttelt wurde und seine Braue schmerzhaft an das kalte Metall schlug, sodass ihm schwarz vor Augen wurde. Er unterdrückte ein Stöhnen. Die anderen Reisenden suchten mit den Armen Halt an den Wänden und richteten sich verstört auf ihren Sitzen auf. Etwas knirschte zunächst kaum hörbar, dann immer lauter, und plötzlich kippte ihr Sitz krachend auf die Seite, man hörte ein Fluchen des Fuhrmanns und wie er »Brr!« rief. Die Kutsche hielt an. Für einen Moment herrschte Stille, und dann konnte man hören, wie die Kisten vom Gepäckträger hinunter auf den Weg in den Matsch purzelten.

»Ah.«

Laurentius rieb sich die verletzte Stelle und versuchte, aus der umgekippten Kutsche hinauszuklettern. Das war nicht leicht, und als er die Tür endlich aufbekommen hatte, sah er, wie der Fuhrmann und der Diener der Frau sich bereits am hinteren Teil der Kutsche zu schaffen machten. Das Speichenrad hatte zum Glück keinen größeren Schaden genommen, es war nur von der Achse gesprungen und ein Stück weiter im Matsch stecken geblieben.

»Na, hol sie zur Hilfe«, sagte der Fuhrmann. »Allein kriege ich das wohl kaum wieder ran. Lass alle aussteigen.«

Laurentius vernahm die verärgerte Stimme der Frau, die neben ihm gesessen hatte: »Aber es regnet doch?«

»Die Dame kann natürlich drinnen bleiben«, brummte der Fuhrmann daraufhin. »Was wiegt so eine schon.«

Laurentius streckte seine Glieder und schaute sich um. Sie befanden sich am Rande einer kleinen Lichtung, am Wegesrand standen nur ein paar halb kahle Bäume, denen der Wind noch nicht alle Herbstblätter hatte entreißen können. Hinter ihren grauen Stämmen erstreckte sich eine braune Ebene, in deren Mitte sich auf einer kleinen Anhöhe die besagte schwarze Scheune befand, die Laurentius zuvor durch das Löcherfenster zu erspähen versucht hatte. Unerklärlicherweise bekam er Schüttelfrost. Abermals fuhr ihm der beißende Gestank in die Nase wie eine mühselig unterdrückte grauenhafte Erinnerung. Er fiel mit den Regentropfen herunter, auf sie und die Fuhrmannskutsche, durch Kleidung und in Nasenlöcher, die Essenz der schwarzen Galle, worin vielleicht Schwefel, vielleicht Säure war. Dieser widerliche Odem kroch in die feuchte Kleidung, unter die Hüte, in die Haare, unter die Haut, in die Nase und von dort weiter zu Lunge, Fleisch und Herz. Das Beißende und Scharfe, Überraschende und Feindselige machte sich zunächst auf der Zunge breit, danach in der Nase. Er erinnerte sich vage daran, dass er einst vor langer, sehr langer Zeit einen vergleichbaren Geruch vernommen hatte, ein vergleichbares Grauen. Die Spurenelemente dieses Gestanks, seine Dornen, sein Inhalt und seine Erinnerungen hefteten sich an die Naseninnenwand, an den Gaumen, und bewegten sich durch seine Gefäße in sein Gehirn und seine Seele. Dieser Gestank gelangte in seinen Kopf wie ein entsetzliches Schauspiel, Totschlag, Vergewaltigung, ein Notgeschrei, das unmöglich zu vergessen war. Schon längst verblasste Eindrücke wurden wieder freigelegt. Aus der Wunde floss Blut. Er erinnerte sich. Natürlich erinnerte er sich.

»Wie bitte?«

Laurentius rieb sich nervös die Nase und versuchte, sie sich sogar zuzuhalten. Vergeblich. Der Geruch hatte sich überall eingenistet, und es bestand keinerlei Hoffnung mehr, sich seiner jemals wieder zu entledigen. Grauen überkam ihn, während die anderen beinahe munter am Deichselende werkelten.

»Als hätte der Satan dieses Rad verhext«, fluchte der Fuhrmann. »Bevor wir uns auf den Weg machten, habe ich alles persönlich kontrolliert, da war alles in Ordnung. Irgendein Teufel muss hier seinen bösen Blick drauf gerichtet haben.«

»Wie bitte?« Laurentius bekam einen Schreck. Aber nein, der Fuhrmann schaute nicht einmal in seine Richtung, er fluchte leise, als würde er beten oder hexen.

»Ja, was habt Ihr denn? Kommt und fasst hier an, und dann heben wir gemeinsam an«, erläuterte der Mann, der zuvor die hiesigen Wegeverhältnisse verflucht hatte.

»Riecht Ihr diesen Geruch auch?«, fragte Laurentius.

»Wie bitte?«

»Diesen Geruch?«

»Hä? Ich rieche nichts, ich habe seit einiger Zeit heftigen Schnupfen. Vielleicht weht der Wind ihn her. Die Einheimischen verbrennen hier allen möglichen Müll.«

Laurentius schüttelte den Kopf, schaute sich noch einmal um und massierte sich nervös die Nase. In ihm drehte sich alles.

»So. Mit einem Mal. Hau ruck.«

Er packte gemeinsam mit den anderen die Kutsche an. Mit aller Muskelanstrengung, die Stiefel tief in den Matsch gedrückt, gelang es ihnen schließlich, die Kutsche auf die richtige Höhe zu heben, sodass der Fuhrmann das abgefallene Rad mit ein paar Hammerschlägen wieder befestigen konnte, wobei er im Takt der Schläge immer noch etwas vor sich hin murmelte. In Laurentius, in seinen Gedanken und seinem Gehirn, machte sich aber immer mehr der stechende Gestank breit, dunkle Galle ergoss sich in alle Körperteile. Grauen, Widerwärtigkeit, die Hölle. Wo waren sie?

»Wo sind wir bloß?«

Der Fuhrmann grummelte etwas Unverständliches, wies mit dem Kopf zum Weg und fuhr fort, mit seinem Hammer das Rad anzuschlagen. Laurentius verstummte und traute sich nicht, noch einmal zu fragen. Er schaute sich nur nervös um. Wahrhaftig, wo waren sie?

»Wir sind fast da, von hier ist es nur noch ein kleines Stück. Tagsüber könnte man, so glaube ich, Tartu von hier aus schon sehen«, erläuterte dann einer der Männer, als sie die Kutsche endlich hinunterlassen konnten. »Eine dumme Geschichte mit diesem Rad, jetzt kommen wir erst in völliger Dunkelheit an. Sammeln wir lieber schnell das Gepäck ein.«

Laurentius nickte und versuchte, ein freundliches Gesicht zu machen. »Ja, wirklich ein Unglück.«

Zum Glück war wenigstens seine Kiste noch auf dem Gepäckträger der Kutsche. Der Käfig mit dem toten Papagei jedoch war unter den Bündeln, die auf dem Gepäckträger verblieben waren, leider nicht zu erblicken, und er war auch nicht bei den Sachen zu sehen, die verstreut auf dem matschigen Weg herumlagen. Laurentius beugte sich vor, um einen Blick auf die schwarze Ebene zu werfen. Die anderen bugsierten ärgerlich schnaufend ihr Gepäck hinten auf die Kutsche, der Diener schnürte sie fest, und der Fuhrmann machte sich immer noch am Rad zu schaffen. In den Regenschlieren und der Dämmerung konnte man fast überhaupt keine Einzelheiten mehr ausmachen. Laurentius schaute angestrengt umher und nahm ein paar Schritte Abstand vom Wagen, wobei er die länglich gefurchten Pfützen sorgfältig vermied.

Er zuckte zusammen und spürte, wie die Hitze aus dem Bauch langsam in den Kopf stieg – ein heißer und feuchter Körpersaft, der Wut und Angst erzeugt.

Ein paar Meter entfernt kauerte im Schatten einer stämmigen, hohen Fichte eine Lumpengestalt mit gekrümmtem Rücken und eingefallenem Gesicht, und sie hielt seinen Papageienkäfig in der Hand. Die Käfigtür war aufgerissen, und Laurentius sah etwas Buntes in den knochenfarbenen Fingern des Lumpenbündels, die dünn wie eine Peitsche waren. Der sonderbare Gestank wurde immer stärker. Die Lumpengestalt krächzte ein paar Worte in einer unverständlichen Sprache und versuchte zu lächeln. Unter einem grauen Bartbüschel wurde ein Mund sichtbar, dessen Zähne, dunkle Stummel, kreuz und quer hervorragten.

»Gib ihn mir zurück«, sagte Laurentius und versuchte, seine Stimme fest und gebieterisch klingen zu lassen.