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Das Leben ist hart in Condra. Ein karges, schroffes Land, in dem die Sommer verregnet und die Winter eiskalt sind. Viele Geschichten erzählt man sich über diese Region, manche sind vielleicht erlogen, doch in jeder steckt ein Funken Wahrheit. Es sind Geschichten von einem kleinen Volk, dass zu seiner Stärke fand, als es übermächtigen Feinden trotzen musste, es sind Geschichten über Einigkeit und Verrat, Glauben und Betrug, Geschichten von Helden und Halsabschneidern – und all dies nicht selten vereint in ein- und derselben Person. Die blaue Gans Dieses Buch vereint sieben Kurzgeschichten von sieben Autoren, angesiedelt in der fiktiven Welt Condra. Jede der Geschichten kann für sich alleine gelesen werden und gibt jeweils einen ganz speziellen Einblick in die Region und ihre eigenwillige Bevölkerung. Liest man jedoch alle sieben Geschichten aufmerksam, so findet sich noch ein weiteres Körnchen Wahrheit zwischen diesen Zeilen – die wahre Geschichte der blauen Gans, einem der größten Halunken, die Condra je gesehen hat.
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Das Leben ist hart in Condra. Ein karges, schroffes Land, in dem die Sommer verregnet und die Winter eiskalt sind.
Viele Geschichten erzählt man sich über diese Region, manche sind vielleicht erlogen, doch in jeder steckt ein Funken Wahrheit.
Es sind Geschichten von einem kleinen Volk, dass zu seiner Stärke fand, als es übermächtigen Feinden trotzen musste, es sind Geschichten über Einigkeit und Verrat, Glauben und Betrug, Geschichten von Helden und Halsabschneidern – und all dies nicht selten vereint in ein- und derselben Person.
Dieses Buch vereint sieben Kurzgeschichten von sieben Autoren, angesiedelt in der fiktiven Welt Condra. Jede der Geschichten kann für sich alleine gelesen werden und gibt jeweils einen ganz speziellen Einblick in die Region und ihre eigenwillige Bevölkerung.
Liest man jedoch alle sieben Geschichten aufmerksam, so findet sich noch ein weiteres Körnchen Wahrheit zwischen diesen Zeilen – die wahre Geschichte der blauen Gans, einem der größten Halunken, die Condra je gesehen hat.
Der Condra e.V. ist ein LARP-Verein aus der Eifel. Er wurde bereits 2000 gegründet und kümmert sich seither um die Pflege des Hobbys in all seinen Facetten.
Geschichten aus Condra: Die blaue Gans ist die erste rein belletristische Veröffentlichung des Vereins.
Weitere Bände sind in Planung.
Für alle, die durchgehalten haben.
Die Schreiber, die Testleser, die Spieler, die Orga.
Für jene die Neugierig blieben und für jene,
die daran geglaubt haben, dass dieses
Buch Wirklichkeit werden kann.
Über Condra
Prolog
Tobias Cronert: Flamme und Regen
Thomas Michalski Die Bestie von Widdau
Julia Fink Bombenstimmung
Anke Simon Ein Wolf im Schafspelz
Susanne Evans Vergessen
Néomi Havinga und Anke Simon Der gerade Weg
Tim Claahsen und Thomas Michalski Abschied im Schnee
Epilog
Glossar
Nachwort
»Lass deine guten Schuhe zuhause und kaufe dir ein paar Stiefel mit dicken Sohlen. Dort, wo kein Schiefer deine Füße zerfetzen will, wartet der tückische Sumpf nur darauf, dich deines Schuhwerks zu entledigen.
Mi-Parti in gelb und schwarz mag in Betheuer und Engonien als schick gelten, aber in Condra wirst du dir damit nur Pfeile fangen.
Geburtsrecht gilt nichts in Condra, es sei denn, du bist ›net von hä‹. Das vererbt sich bis in die siebte Generation.
›Zum Schrank gehen‹ bedeutet nicht, dass man dich zu einem Schnaps einladen möchte. Im Schrank lagert seit dem Befreiungskrieg traditionell der Bogen.
Die ungepflegten, bewaffneten Halunken mit den grünen Kopftüchern sind Condras Armee und heißen Sturmfalken. Ungepflegte, bewaffnete Halunken ohne grüne Kopftücher sind meist Banditen.
In Condra herrscht der Stärkere oder der, dessen Freunde treuer und zahlreicher sind.
Wenn dir in Quellauen jemand begegnet, der in Zungen spricht, heißt das nicht unbedingt, dass er besessen ist. Es könnte auch ein Eingeborener sein.
Der condrianische Hochstapler ist ein angesehener Mann. Niemand sonst kann so viele Waren auf so schmalen Wagen über so schlechte Wege transportieren.
Condrianische Frauen sind wie condrianische Äpfel: sauer und holzig.«
– »10 nützliche Weisheiten über unsere ruppigen Nachbarn« Aus einem beliebten betheuerianischen Almanach
Wenn man den Erzählungen von Reisenden aus Condras Nachbarländern glaubt, gibt es keinen grässlicheren Ort als Condra: kalt, verregnet, bevölkert von unfreundlichen und misstrauischen Menschen und völlig rückständig. Ein Land, in dem beinahe anarchische Zustände herrschen und in dem man kein einziges anständiges Gasthaus oder auch nur ein anständiges Glas Wein findet. Niemand geht freiwillig dorthin.
Und trotzdem kehren dieselben Reisenden immer wieder nach Condra zurück, manche finden dort sogar ein Zuhause, einen Mann oder eine Frau oder zumindest ein paar gute Freunde. Es muss also etwas geben, was diese ganzen Scheußlichkeiten aufwiegt, die das Land zu bieten hat. Und es muss auch einen Weg geben, sich mit Condrianern anzufreunden.
Die Antwort ist einfach: Condra ist ehrlich. Ehrlichkeit ist aber selten freundlich oder rücksichtsvoll. Die Methode, sich mit solchen Menschen anzufreunden ist genauso einfach: sei ehrlich. Sag laut, dass dir das Geschwätz von dem Kerl da hinten nicht passt. Hau dem Heini aufs Maul, der sich über deine Klamotten lustig macht (aber lass deinen Dolch stecken, der hat in einer ehrlichen Prügelei nichts zu suchen!). Lach laut, wenn dir ein Witz gefällt, egal, auf wessen Kosten er geht. Die meisten Menschen in Condra sind grob, einfach und dein bester Freund, wenn sie wissen, dass du sagst was du denkst.
Diese Methode verhindert leider nicht, dass du ab und an von Räubern überfallen wirst oder mächtig Prügel einstecken musst, weil du über den Kerl mit den größeren Kartoffeln gelacht hast. Aber zumindest sichert es dir den Respekt der Bevölkerung, denn offensichtlich gehst du deinen eigenen Weg. Und nichts geht einem Condrianer über den freien Willen, den der nachtblaue Gottdrache Hydracor seinen Anhängern gewährt.
Ein wichtiger Teil der condrianischen Gesellschaft ist die Verehrung Hydracors, die zu Zeiten der nekanischen Besatzung streng verboten war. Diese noch immer präsente Erinnerung führt dazu, dass die meisten Condrianer sehr religiös sind und vor allem die Religion der Nekaner und seine Repräsentanten mit Inbrunst hassen. Die Nekaner beten ebenfalls einen Gottdrachen an, den ewig flammenden Pyrdracor. Es scheint recht leicht, die beiden in Verbindung zu bringen, Wasser und Feuer, Chaos und Ordnung, Nacht und Tag, aber sag das bloß nicht zu laut, wenn du in Condra bist. Der Hass auf die ehemaligen Besatzer und ihren Glauben sitzt tief und du wirst selbst mit den besten Argumenten nichts dagegen ausrichten können.
Auch wenn der Glaube propagiert, dass man für seine Handlungen verantwortlich ist und sein Leben selbst gestalten soll, hat sich in letzter Zeit eine sehr einflussreiche Kirche mit einem absoluten Oberhaupt etabliert. Wenn du also erfolgreich in Condra leben möchtest, leg dich besser nicht mit der Kirche an. Abgesehen davon wirst du niemals wirklich dazugehören, wenn du einem anderen Glauben angehörst. Es ist nicht so, dass man Andersgläubige verfolgt, aber ein gewisses Misstrauen wird bleiben.
Und genauso wie du dich mit den Menschen in Condra anfreunden kannst, kannst du dich auch mit dem unfreundlichen Land arrangieren. Ein Sumpf ist zwar nass und schwer zu durchqueren, wenn du aber seine Knüppeldämme kennst, kannst du Verfolger leichter abschütteln als in einer zahmeren Umgebung. Außerdem wirst du mit Sicherheit den Geschmack der Tileamer Sumpfgurke zu schätzen lernen mit all den Schnäpsen, die man daraus brauen kann. Und Torf ist ein hervorragender Brennstoff, den man nicht nur zum Schnapsbrennen nutzen kann. Ein verfilzter, düsterer Wald beherbergt meist kostbares Wild, das du ungestraft jagen darfst, denn in Condra gibt es kein geregeltes Jagdrecht. Die verregneten Hügel in Quellauen mögen zwar trist und wolkenverhangen wirken, aber das Gras ist saftig und die Schafe wollig. Mit Socken aus Quellauer Wolle kannst du durch ein nasses Brombeergestrüpp laufen, ohne dass deine Füße mit Wasser oder Dornen in Berührung kommen. Wenn du genauer hinsiehst, kannst du aus jeder unangenehmen Eigenschaft des Landes einen Vorteil ziehen. Zumindest wirst du die unangenehme Eigenschaft gegen deine Feinde einsetzen können, wenn du schon selbst nicht davon profitieren kannst …
Manchmal frage ich mich, warum die Nekaner Condra damals eingenommen haben. Es taugt nicht als Brückenkopf für Feldzüge in seine Nachbarländer. Es gibt dort keine Bodenschätze, keine Reichtümer, keinen guten Ackerboden und erst recht keine treuen Untertanen. Nur einen Haufen dickköpfiger Leute, die diesem Land ein lebenswertes Dasein abringen und sehr stolz darauf sind, dass es ihnen so gut gelingt.
Solltest du also in der Absicht dort hinreisen, ein lohnendes Ziel für deine Expansionsgelüste auszukundschaften, dann lass dir Folgendes gesagt sein: Tu es nicht. Es lohnt nicht. Du wirst es bereuen.
So, nun weißt du genug, dass ich dich ruhigen Gewissens nach Condra gehen lassen kann. Ich wünsche dir eine sichere Reise.
»Bei Furatha!«
Der Würfelbecher schlug vernehmlich auf der alten, mit Wachs verkrusteten Holzfläche auf. Die kräftigen Finger des Reisenden ruhten fast sanft auf dem genähten Leder und für einen Moment verharrte er, während der gesamte Tisch in Schweigen verfiel. Als er dann letztlich die Hand hob und den Blick auf die geschnitzten Holzwürfel darunter freigab, entwisch ein Seufzen aus den Kehlen der sieben Männer, die mit ihm an diesem Tisch Platz genommen hatten.
»Die Zwei, die Vier und drei Mal das halbe Dutzend!«, entfuhr es dem Bauern Mervon, voller Erfurcht vor dem hervorragenden Ergebnis, nach dem das Spiel auch benannt war.
»Das Glück lächelt Euch wirklich ins Gesicht, Fremder. Wie heißt Ihr?« erkundigte sich Lano, seinerseits Torfstecher. Der Reisende goutierte die Frage mit einem schelmischen Lächeln, kaum erkennbar unter den zotteligen, blonden Haaren, unter denen vor allem sein unrasiertes Kinn hervorzustechen schien.
»Bertrap«, erklärte er, »man nennt mich Bertrap.«
»Neue Runde? Vom Spiel und vom Met?«
»Gerne.«
Einer der anwesenden Bauern schritt erneut zum Tresen und ließ die Hörner und Kelche der Anwesenden füllen, während Bertrap den Knobelbecher an Mervon weiterreichte. Als sie alle wieder Platz genommen und auf Furatha, jene Tochter des Gottdrachen Hydracors, die ihnen ihre Gunst und damit das Glück schenken sollte, angestoßen hatten, begann der Bauer die Holzwürfel im Leder kreisen zu lassen. Er gab sich sichtlich Mühe, den eleganten Schwung des Reisenden nachzuahmen, doch offenbar war ihm das Glück nicht so hold wie dem anderen. Kupfermünzen wanderten zunächst in die Tischmitte und dann vor allem zu Bertrap.
Als der Becher wieder bei ihm war und er ihn noch in seinen Fingern kreisen ließ, warf er einen neuerlichen Blick in die Runde.
»Sagt, mögt ihr mir was erzählen?«
»Was denn?«, fragte Lano nach.
»Mir ist’s gleich. Was man sich hier so erzählt. Ich war lange unterwegs und mich dürstet es nach Abenteuern. Erzählten Abenteuern, die man an der warmen Feuerstelle austauschen kann.«
Der Würfelbecher schlug auf, wieder diese Pause, dann wurde das Ergebnis des Reisenden gezeigt.
»Die Zwei, die Vier, zwei Sechsen und eine Fünf. Da beißt mich doch der Glutwurm!«
»Nun, eine Geschichte, die Herren?«
Offenbar ganz glücklich, eine Ablenkung von dem zu ihren Ungunsten verlaufenden Spiel zu finden, war es Mervon, der sich als erstes ein Herz fasste und einen Vorschlag machte. Wohl auch, weil seine Pechsträne sich nur zu verschlimmern schien.
»Schon mal von der blauen Gans gehört, Bertrap? Dem größten Schurken Condras?«
»Die blaue Gans?« Ein neugieriges Funkeln trat in die Augen des Fremden. »Nein, tatsächlich nicht. Magst mir was von dem erzählen, Unglücksrabe?«
Mervon verzog das Gesicht.
»Von dem können Euch hier glaube ich alle was erzählen.«
»Na dann mal los.«
»Sommer ist, wenn der Schnee als Regen fällt. Ich glaube letztes Jahr war’s am Sterntag.« Missmutig musste ich an das alte condrianische Sprichwort denken, als ich die Tür zu meinem kleinen ›Zuhause‹ schloss und die Kapuze tiefer ins Gesicht zog. Nach dem Sprichwort müsste es fast immer in Condra Sommer sein, denn der Schnee ließ mal wieder auf sich warten, was sich in einem wolkenverhangenen und vor allem nassen Himmel bemerkbar machte.
Mein Bauch rumorte und erinnerte mich daran, dass ich seit Wochen nichts Ordentliches mehr zu essen bekommen hatte. Versteht mich nicht falsch, Haferschleim erhält einen Mann am Leben, halbwegs kräftig und lässt ihn zumindest die Hälfte seiner Zähne behalten, aber ich sehnte mich wirklich nach einem warmen frischen Brot, mit Butter und Schinken oder Käse und vielleicht einem Stück gebratenem Huhn. Ich mein, ich bin nicht anmaßend, aber etwas mehr Substanz dürfte es wirklich schon sein.
Ich brauchte diesen Auftrag, wirklich, und als der Junge mit der Botschaft kam, dass Frau Töpfer etwas für mich hätte, wagte ich schon, mir Hoffnung zu machen, meine Pechsträhne wäre vorbei. »Natürlich weißt du es besser«, schalt mich diese andere Stimme aus meinem Hinterkopf. »Du bist zu dem verdammt, was dir passiert und das zu Recht.« Dumme Stimme, aber wahrscheinlich hatte sie Recht.
Seit diesem dummen Zwischenfall mit der Besatzung der Gnadenbringer waren mir mehr als die Hälfte der Aufträge weggebrochen. Niemand wollte den Zorn des Torfkopfs, oder wie er sich selber nannte, Kapitän Jeremias ›Sumpfschädel‹ Walkenwacht, auf sich ziehen, ohne dass es sich lohnte. Und so fand ich heraus, dass meine Dienste wohl doch nicht so einmalig waren, wie ich immer gedacht hatte. »Na«, hörte ich diese Stimme wieder Flüstern, »das hättest du auch vorher wissen können«, doch diesmal musste ich ihr wirklich widersprechen. Als einziger ehrlicher Mann in Condra, oder zumindest hier in Tileam, der sein Schwert und seine Loyalität für Geld verkaufte, war es mir bislang eigentlich ganz gut gegangen. Versteht mich nicht falsch, auch die Condrianer haben ehrliche Leute, aber ihre Auffassung von Ehrlichkeit und Ehre ist eine ganz andere, als die eines nekanischen Legionärs. »Eines ehemaligen Legionärs«, warf diese dämliche Stimme wieder ein. Wenn ich mein Wort gab, dann hielt ich es auch, egal was passiert und das war in Tileam so selten wie Sonnenschein und Feuerblumen. Eine condrianische Wache konnte man bestechen, oder bedrohen, sie hörte auf zu arbeiten, wenn sie merkte, dass sie von ihrem Auftraggeber verarscht worden war … ich nicht. Das wussten meine Auftraggeber und auch mittlerweile die meisten ›wichtigen‹ Personen hier und so hatte ich zumindest immer genug Essen auf den Tisch und ein paar Münzen für meine »Zurück in die Heimat«-Sammlung bekommen, deren Hoffnung mich am Leben hielt und durch so manche Nacht half.
Tja, bis dann der Torfkopf hatte verbreiten lassen, dass jeder, der meine Dienste in Anspruch nahm, sich damit seine Feindschaft zuziehen würde. Nun, dass hieß nicht, dass er jemanden umbringen würde, nur weil er sich mit mir einließ, genauso wenig, wie er mich umbrachte. Aber das war nicht seinem guten Gewissen zu verdanken, sondern den ›Gesetzen‹, die Eusebius Amspfälser – der ›Vogt‹ von Tileam – aufrechterhielt. Nun war keines dieser ›Gesetze‹ aufgeschrieben worden oder auch nur halb so »fest und ehern« wie eine der Tileamer Sumpfgurken, aber der Vogt hatte es bislang immer geschafft, dass die Stadt eben nicht im Chaos versank. Das war in meinen Augen ein halbes Wunder und die Priester und Gelehrten daheim hätten es gar für unmöglich gehalten, aber niemandem wurde grundlos ein größeres Leid zugefügt, oder das Gesetz des Vogtes holte diesen Jemand ziemlich schnell ein.
Diese ganzen Gedanken hatten es tatsächlich geschafft, mich bis zum Durstigen Dolch zu tragen, einer der übleren Kneipen im Hafenteil, in der mich Frau Töpfer treffen wollte. Eigentlich ein ungewöhnlicher Ort für ein Mitglied einer angesehenen Händlerfamilie, sodass ich schon an eine Falle und diverse andere Dinge gedacht hatte; aber eine verruchte Kneipe im Hafenviertel war für Tileamer Verhältnisse schon fast so öffentlich wie anderswo ein Marktplatz. Als ich mich in einer der dunkleren Ecken der Kneipe an einen Tisch setzte, schenkte mir der Wirt weniger Aufmerksamkeit als den Schmutzflecken auf seinem Tresen. Man kannte mich und er wusste, dass zu viel Wissen über die Geschäfte eines anderen in dieser Stadt schnell gefährlich werden konnte. Nun wie auch immer, Frau Töpfer, die wenig später nach mir hereinkam, entpuppte sich eben nicht als die gut situierte Ehefrau und Handelsherrin Frau Jesmelina Töpfer, sondern als die kleine Dienstmagd, die zwar auch auf den Nachnamen Töpfer hörte, deren Vorname aber so unwichtig war, dass ich ihn nicht kannte. Im Stillen beglückwünschte ich mich für die Entscheidung, erstmal nur ein Brackwasser bestellt zu haben, denn der Auftrag sah nicht danach aus, als dass ich mir von der Bezahlung irgendetwas anderes würde leisten können.
Tja, schade. Auf jeden Fall steuerte die junge Dienstmagd geradewegs auf mich zu und fing direkt an zu plappern, wie sie unter alten Handelsgütern ein Tagebuch gefunden habe, das zu einem Schatz führen solle und dass sie mich bräuchte, weil sie niemand anderem vertrauen könne und dass sie nun furchtbar reich werden würde und ich ja auch, weil sie den Gewinn mit mir teilen werde.
Wisst ihr, in Neka-Stadt, dort wo ich herkomme, gibt es einen Ehrenkodex, was den Umgang mit Mädchen und jungen Frauen angeht, falls diese nicht selber Soldat waren, und ich hatte mich mein ganzes Leben daran gehalten. Eine wichtige Sache auf die dieser Kodex aufbaute, war der Grundpfeiler des nekanischen Soldatentums, ›schütze diejenigen, die sich nicht selber schützen können‹, und so sprach mich dieses Mädchen auf eine der fundamentalsten Weisen an, die mein Wesen ausmachen. Ich wollte ihr helfen, einfach weil es das Richtige war. Ich wollte sie in den Arm nehmen, mir ihre fantastische Geschichte anhören, brav nicken und sie dann nach Hause zu ihrem Vater zurückbringen. Danach würde ich zwar hungrig und alleine ins Bett fallen, doch zumindest hatte ich ein unschuldiges Wesen vor einer Dummheit bewahrt. Aber so lief es mit Condrianerinnen nicht. Sie waren zwar voll von unrealistischen Träumen, wie alle anderen jungen Frauen in diesem Alter, aber sie waren auch stur und stolz, wie jeder in diesem verflixten Land, und ich wusste schon im Vorhinein, dass meine Antwort zum Scheitern verurteilt war.
»Hört zu, Frau Töpfer …«, »Anna«, »Gut, Anna. Hör zu, Anna. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich auf einem alten Friedhof oben an einer Klippe ein Jahrhunderte alter Goldschatz befindet. Selbst wenn das Tagebuch echt ist und selbst wenn der Schreiber des Tagebuchs nicht gelogen hat, dann wird wahrscheinlich in den letzten Hunderten von Jahren irgendjemand den Schatz gefunden und ausgegraben haben. Ich würde Euch … ich würde dir empfehlen, die Sache auf sich beruhen zu lassen.«
Nun kam der harte Teil und ich wusste es. Die Dienstmagd guckte mich mit großen Hundeaugen an und es war genau diese Art von Blick, die eigentlich für Väter, Onkel und dergleichen reserviert war und mit dem sie in der Regel alle bekamen, was sie wollten. Ich kannte es, ich war drauf vorbereitet und konnte tief unter dem Schauspiel die Entschlossenheit erkennen, die sagte: »Ich mache auf jeden Fall weiter, egal was du sagst«, während aus ihrem Mund die Worte kamen: »Könnt Ihr mir nicht doch helfen? Bitte!«
Tja, würde ich jetzt nein sagen, dann würde sie sich an einen der vielen Schurken wenden, die hier die Straßen unsicher machten oder, schlimmer noch, es selber versuchen. Sprich, der einzige Weg, ihr wirklich zu helfen, war, ihr zu helfen, aber ihr klar zu machen, dass es einen festen Punkt gab, wo wir aufhören würden.
Also sagte ich: »Ich werde Euch helfen, wenn Ihr möchtet, aber es gibt Bedingungen. Erstens koste ich zwei Kupferstücke pro Tag und zweitens müsst Ihr wissen, dass Euer Auftrag keine Priorität hat. Ich habe zwar derzeit keinen anderen, aber sollte ich in der Zeit einen weiteren, besser bezahlten Auftrag bekommen, dann werde ich mit Eurem pausieren und erst weitermachen, wenn ich den anderen erledigt habe. Und drittens machen wir einen Punkt aus, an dem wir aufgeben und die Sache auf sich beruhen lassen.«
Ich sah den Schock deutlich in den Augen der jungen Frau und wusste, dass ich die Wirkung erzielt hatte, die ich beabsichtigte. Sie erwartete einen ehrenwerten Mann, der alles für sie tun würde, wenn sie ihn nur überredet hatte. Diesen Wind hatte ich ihr direkt aus den Segeln genommen, indem ich klare Bedingungen stellte, unter denen sie meine Hilfe gerne haben könnte. Das mit der Bezahlung war auch so eine Sache. In meiner kurzen Beziehung mit einer Condrianerin hatte ich eines schon von Anfang an gelernt: Sie mochten es nicht, wenn man ihnen Geschenke machte, das Essen für sie bezahlte oder dergleichen. Sie empfanden das als eine Beleidigung, weil es ja ausdrückte, dass sie selber nicht stark oder erfolgreich genug waren. Zugegeben, das gleiche traf auch auf mich zu, aber in Neka war das immer so ein Männlichkeitsding gewesen. Als Mann musstest du stark sein, während du dir als Frau Schwäche erlauben konntest, ja es sogar erwartet wurde. Die condrianischen Frauen wollte auch keine Schwäche zeigen, obwohl es vielleicht für uns alle besser gewesen wäre, wenn wir unseren Stolz mal beiseite schieben und uns helfen lassen würden … aber egal. Die zwei Kupfer würden verhindern, dass diese Farce allzu lange dauerte und sie würde unser Arbeitsverhältnis besser definieren.
»Zwei Kupfer pro Tag?«, fragte sie. »Ich dachte, ich bezahlt euch einfach mit einem Anteil des Schatzes. Ihr könnt die Hälfte haben. Ich denke, das ist ausreichend fair, oder?«
»Es tut mir leid, Anna. Die zwei Kupfer pro Tag sind schon der reduzierte Lohn, den ich normalerweise nur für Freunde und Bekannte reserviere. Ich habe Ausgaben, müsst Ihr wissen, die ich sowieso bezahlen muss, egal ob wir den Schatz finden, oder nicht. Außerdem kann ich natürlich auch nicht in Vorkasse treten, sprich die Bezahlung an mich ist im Voraus. Darüber hinaus könnte ich nicht ruhigen Gewissens die Hälfte des Schatzes als Bezahlung einfordern. Das würde uns zu Partner machen, aber in Wirklichkeit bin ich ja Euer Angestellter. Ihr könnt mir gerne einen Bonus von … sagen wir dem hundertsten Teil des Schatzes versprechen, wenn wir erfolgreich sind, aber ich muss immer vom schlimmsten Fall ausgehen und der ist natürlich, dass wir lange Zeit suchen werden, ohne etwas zu finden.«
Ich ließ sie etwas darüber nachdenken, während ich an meinem Becher mit Brackwasser trank und die Kneipe studierte. Mittlerweile hatten sich einige der üblichen Kameraden für uns interessiert, aber niemand hielt meinem Blick stand, als ich ihnen klarmachte, dass ich sie auch gesehen hatte. Ein Kerl war allerdings richtig gut. Er saß in einer der hinteren Ecken und würfelte mit ein paar ziemlich üblen Gesellen, die ich zumindest vom Sehen her kannte. Ich sah nur seinen Hinterkopf mit längeren strähnigen Haaren, aber was mir auffiel, war, dass er sich nicht für mich interessierte. Nicht für mich interessieren sollte ja eigentlich gut sein, würdet ihr sagen, aber das wusste ich besser. Ich war Nekaner – »Deserteur, Verräter«, warf die dämliche Stimme wieder ein – und das zeigte sich deutlich in meiner Körpersprache, in meinem ganzen Wesen, und die Leute reagierten darauf. Sag, was du willst, aber die 30 Jahre nekanische Besatzung hatten tiefe Spuren bei den Menschen hier hinterlassen. »Straßen, Schulen, Bildung, Zivilisation«, flüsterte die Stimme. »Unterdrückung und Tyrannei«, ergänzte ich, und die Condrianer reagierten darauf. Wenn das jemand nicht tat, dann weil er es bewusst unterdrückte … und das war suspekt.
Es dauerte schon etwas, bevor die junge Frau so weit nachgedacht hatte, wie sie musste und sich wieder an mich wandte: »In Ordnung. Ich gebe Euch den zehnten Teil vom Schatz und ich werde Euch sechs Kupferstücke im Voraus bezahlen. Wenn es mehr als drei Tage dauert, dann schreibt es auf und nach dem Auftrag bezahle ich dann Eure Rechnung.«
Damit konnte ich leben, mit nur einer kleinen Sicherheit: »Ich arbeite nicht länger als fünf Tage auf Rechnung. In dem Fall müsst Ihr erneut in Vorkassen treten.« Die Dienstmagd überlegte einen Augenblick und antwortete für meinen Geschmack etwas zu schnell: »In Ordnung, Einverstanden.«
Der Rest des Abends war einfach. Sie erzählte mir eine Geschichte, von der ich nur die Hälfte glaubte, gab mir ein Tagebuch, wo alle weiteren Dinge drinstehen sollten und teilte mit mir eine herzergreifende Erzählung, wie einer der Männer des Torfkopfs sie um die wichtigsten Seiten des Tagebuchs gebracht hatte. Genau jene, wo die exakten Informationen drin stehen würden, um welches Grab es sich handele. Sich für zwei Kupfer pro Tag wieder mit seinem erklärten Feind anzulegen … das war selbst für meine Verhältnisse ziemlich dumm, da brauchte ich noch nicht mal eine innere Stimme, die mir das sagte. Na ja, wie auch immer, ich hatte den Auftrag angenommen und es war ja sowieso nicht so, als könne ich noch wesentlich tiefer in die Scheiße geraten …
Eigentlich sollte ich es auch besser wissen, den Göttern so eine Vorlage zu geben und dass meine innere Stimme das nicht kommentierte, beunruhigte mich.
Als ich mich von Fräulein Töpfer verabschiedete, versuchte ich noch mal einen Blick auf den Kerl zu erlangen, der mir vorher aufgefallen war, aber der war schon lange verschwunden und so stapfte ich erneut durch die nassen Straßen zurück.
Als ich in dem kleinen Schuppen an der Rückwand der Schmiede ankam, den ich großzügigerweise mein ›Zuhause‹ nenne, begann ich als erstes, die Kerze für die Nachtwache zu entzünden. Das erforderte zunächst, zur Schmiede herüber zu gehen, einen Kienspan an der immer noch heißen Esse zu entzünden und sich dann in meinem Zimmer an der, der Schmiede zugewandten, Seite hinzuknien und die Gebete zu beginnen. Die Worte hatten mir die Priester meiner Jugend unauslöschbar in den Verstand geprägt, aber das richtig aufwendige war, diese nagende Stimme zu ignorieren. »Eine einzelne Bienenwachskerze? Was für ein erbärmliches Feuer soll das denn sein?«, und: »Dieser traurige Verschlag von einer Bretterbude ist noch zu gut für dich. Du hast noch viel schlechteres verdient«, waren ihre häufigsten Einwürfe.
Versteht mich nicht falsch, ich war nie ein sonderlich religiöser Mann und nach dem, was ich hier in Condra gesehen hatte, wie die Condrianer unter den Priestern des Pyrdracor gelitten hatten, hat sich mein Bild der Kirche sicherlich nicht verbessert, aber trotzdem. Hier ging es nicht um irgendwelche Priester, die mich in meiner Kindheit in den Gebeten angeleitet hatten oder nachher in der Armee für die »Moral« gesorgt hatten. Dies war zwischen dem Ewigen und mir, niemandem sonst, und der Ewige versprach Wärme, Ordnung, Regeln, Gesetze und Ehre. Dinge, nach denen ich mich hier in der Fremde nur allzu sehr sehnte und darum entzündete ich Nacht für Nacht eine Kerze, um über meinen Schlaf zu wachen und darum sagte ich jeden Abend, wenn es mir möglich war, meine Gebete. »… schütze uns vor den Kreaturen der Nacht und schenke uns einen neuen Morgen. Pyrdracor, der Ewig Flammende, erhelle meinen Weg«, und damit entzündete ich die Kerze, die nun wiederum mein kleines Zimmer in sanftes, warmes Licht tauchte und mir darüber hinaus erlaubte zu lesen.
Das Tagebuch, was mir die junge Frau Töpfer mitgegeben und aus dem sie schon die paar Zeilen vorgelesen hatte, war wirklich alt, aber trotzdem noch brauchbar. Das Leder hatte man wohl zumindest halbwegs gefettet und die Seiten selber waren trocken und ganz geblieben. Auf den ersten Seiten waren viele, viele Wappen aufgemalt und das größte von ihnen war Gold und Blau geviertelt mit einem Pegasus darauf, das Wappen des engonischen Kaiserreiches. Offensichtlich war es wohl von einem Engonier, einem Ritter oder Herold verfasst worden, der Wappen und Heraldik sehr mochte. Nun das sollte ich schnell genug herausfinden, oder?
Na ja, es stellte sich ziemlich zügig heraus, dass dem nicht so war. Das Tagebuch war von dem Knappen eines reisenden Ritters geschrieben worden, der wohl Lutz hieß. In diesem Buch hatte der Knabe seine Abenteuer in fremden Landen festgehalten, alle etwas subjektiv, aber meist sehr spannend. Sein Herr, Jerevan vom Eibenhain, war wohl ein ziemlich tyrannischer Herr, aber trotzdem schaffte es der Knappe immer, irgendetwas Gutes an ihm zu finden. Ich blätterte schnell zum Ende, weil es ja eigentlich das war, was uns interessieren sollte. Die letzte Seite war hastig geschrieben und enthielt nur wenige Informationen, aber auch einen ersten Anhaltspunkt: »Wir haben uns entschieden, wenn alle Toten begraben sind, weiter nach Süden zu ziehen. Südlich der Retekberge soll es größere Häfen geben, die uns vielleicht nachhause bringen können, so sagt man. Alle Pferde und Esel sind verendet und auch sonst wird der Weg durch den Sumpf oder durch die Berge wohl ziemlich schwer werden, daher müssen wir mit leichtem Gepäck reisen. Alles an Wert lassen wir hier auf der Klippe bei den Gräbern. Ein weiteres Grab wird nicht auffallen und wir können bald zurückkommen und es abholen. Falls es länger dauert, habe ich mir ein schönes Rätsel ausgedacht und es hier auf den letzten Seiten aufgeschrieben, damit wir notfalls auch jemand anderen schicken können, alles zu bergen. Wen auch immer wir schicken, muss dann aber Schrift und Wappen lesen können, ich denke, das wird lustig.«
Hm, in Ordnung, das half schon mal, zumindest würde der Torfkopf höchstwahrscheinlich Hilfe brauchen, um die Sache mit den Wappen zu entschlüsseln, wenn er überhaupt wusste, dass ›die Sachen‹ in der Nähe der Gräber lagen. Aber Hinweise, um was es sich eigentlich handelte, waren immer noch keine vorhanden. Im schlimmsten Falle waren es nur ein paar persönliche Habseligkeiten, aber vielleicht würde mir diese letzte Geschichte in ihrer Gesamtheit ein paar Hinweise geben können.
Tja, das funktionierte dann auch wohl erstaunlich gut. Offensichtlich waren der Knappe und sein Ritter auf einem Grenzbruecker Schiff unterwegs gewesen, das dann vor irgendeiner Küste auf Felsen gelaufen war. Offenbar hatten nur der Knappe und mehrere Seeleute überlebt und dann gab es eine wilde Abenteuergeschichte mit der Suche nach einem Schatz, den das Schiff transportiert hatte, und die dann schließlich mit der letzten Seite endete, die ich eben als erstes gelesen hatte. Offensichtlich hat es viele Tote gegeben und es gab eine kleines Dorf auf einer Klippe, in dem dann auch alle Einheimischen gestorben waren und wo man alle beerdigt hatte.
Tja, wieso sollte das wichtig sein, könnte man mich fragen und dann hätte ich wieder einmal die tolle Möglichkeit, mit meinem rasiermesserscharfen Verstand anzugeben. Denn viele hätten, zu Recht, gedacht, wenn es ein kleines Dorf auf einer Klippe am Meer war, dann könnte es nur an der Ostküste liegen. Wahrscheinlich irgendwo bei Kupferdreh oder Schieferkant, denn an der Nordküste, oder ›Oben in Condra‹, wie der Condrianer sagen würde, gab es nur Tileam und das lag beileibe nicht auf einer Klippe, sondern meist sogar noch ein bis zwei Schritt unter der Wasserkante. Die Condrianer am Meer übergeben ihre Toten den Ewigen Fluten, zumindest meistens, und daher haben sie nur sehr bedingt Bedarf für Gräber. Vor allem hier in Tileam hat so gut wie keiner den Wunsch, jemanden im Torf, Morast oder Sumpf zu beerdigen und Grabsteine würden auch schneller weg sein, als eine verlorene Silbermünze am Kai. Nun ja, es sei denn, man ist Ausländer und von denen gibt es trotz aller Probleme immer noch ein paar. Vor allem die Grenzbruecker hatten damals, als sie Tileam besetzt hatten, die Notwendigkeit, ihre Toten zu beerdigen und haben für den Zweck einen kleinen Knüppeldamm durch den Sumpf zur Nadel errichtet. Die Nadel war eine Klippe, die in Sichtweite von Tileam ins Meer hinausragte und auf deren Rücken ein paar Bäume standen und genug Erde war, um darin zu graben. Es war nicht nur genug Erde dort, sondern offensichtlich waren in der Umgebung auch noch genug Steine zu finden, um Grabsteine zu errichten, was die Grenzbruecker auch prompt getan hatten. Ich war kurz nach meinem Abschied – »Flucht, Verrat« warf die Stimme ein – von meiner Legion zum ersten Mal dort gewesen, um einen Kameraden zu begraben, der nicht, wie sonst bei uns üblich, den Flammen übergeben werden wollte. Weil ich selber einen errichtet hatte wusste ich, dass die »Grabsteine« dort oben aus mehreren Basaltsteinen bestanden, wie sie in Häusern verwendet werden. Nur die ältesten Gräber dort hatten massive Platten, ab einem bestimmten Datum waren alle aus Hauswandsteinen. Genauso, als ob man an einem bestimmten Zeitpunkt viele Gräber hatte bauen müssen und gleichzeitig mehrere Häuser nicht mehr brauchte … tja, wie bei der Geschichte im Tagebuch. Na? War ich schlau, oder was … und glücklich obendrein, denn diese Gräber lagen keinen halben Tagesmarsch von Tileam entfernt und ich kannte den Weg.
Der nächste Tag war erfreulich trocken, was auf der anderen Seite allerdings hieß, dass ein strammer Wind vom Meer in Richtung Land blies und die ganzen Meergerüche mitbrachte. »Immerhin besser als Sumpf, Torf und Tod«, warf die Stimme ein und diesmal musste ich ihr zustimmen. Während ich über den Knüppeldamm wanderte, fragte ich mich, ob Fräulein Töpfer beim Lesen den gleichen Gedankengang gehabt hatte wie ich, oder ob sie einfach angenommen hatte, dass der Schatz in Tileam sei, weil sie das Tagebuch in Tileam gefunden hatte. Ehrlich, ich glaube es war Zweiteres, denn bei aller Intelligenz war das gute Fräulein reichlich naiv und das war genau so eine Sache, an die Mädchen wie sie glaubten.
Auf dem Knüppeldamm durch den Sumpf hätte ich Verfolger Meilen vorher gesehen und so war ich recht überzeugt, alleine zu sein. Der Aufstieg zur Nadel war zwar etwas mühselig, aber ich war schon immer mit kräftigen Beinen gesegnet gewesen und so keuchte ich auch nur leicht, als ich oben angekommen war. Die älteren Gräber lagen mehr ins Landesinnere hinein, aber ich entschied mich erstmal dem Grab meines ehemaligen Kameraden einen Besuch abzustatten, bevor ich mich auf die Suche nach irgendwelchen Hinweisen machte. Er war sehr weit vorne begraben, da wo man schon eine ziemlich gute Aussicht auf das Meer hatte. Er wollte in Richtung Heimat begraben werden. »Das hat er nicht verdient, genauso wenig wie du«, durchbrach diese verdammte Stimme den ansonsten so schönen Tag. Wisst ihr, ich kann es ertragen, wenn sie mich selber runtermacht, das hab ich verdient, aber nicht meine Freunde. Ich wurde wütend, vielleicht auch wegen des sinnlosen Todes meines Kameraden – »Mitverschwörers« – und musste irgendwas zerschlagen oder kaputt machen. Ich griff einen Stein und sah mich nach einem Ziel um, das ich bewerfen konnte und als ich mich zur Klippenseite der Nadel umdrehte, sah ich sie. Eine schlanke, nicht sonderlich große Gestalt in einer grauen Kutte, genau am Rand der Klippe mit Blick auf das Meer. Ihre langen dunklen Haare wehten im Wind und ich kannte sie. Ich wusste gar nicht, wie ich sie eben hatte übersehen können, oder wie es kam, dass sie mich nicht wahrgenommen hatte. Fenya war eigentlich ziemlich gut darin, Menschen zu hören. In unserer kurzen, aber intensiven Beziehung hatte ich es niemals geschafft, mich an sie anzuschleichen, ohne dass sie mich bemerkt hätte. Tja, diesmal war es anders. Ohne sonderlich subtil zu sein, überbrückte ich die restlichen Schritte und hörte nun, dass sie sang. Es war laut, aber es hatte sich so mit dem Wind vermischt, dass ich es vorher nicht herausgehört hatte. Gut zehn Schritte hinter ihr setzte ich mich auf den Boden und wartete, bis sie fertig war … was allerdings ein gutes Weilchen dauerte.
Als sich Fenya endlich zu mir umdrehte, hatte ich den Stein weggelegt und schon mein halbes Brot und das Stück Käse ausgepackt, in die ich mein erstes Gehalt investiert hatte. Ihr Blick war geprägt von aufrichtiger Überraschung und ich nahm mir die Freiheit, alles noch schlimmer zu machen, indem ich ihr in ein Stück von meinem Käse anbietend entgegenhielt.
Versteht mich nicht falsch, ich habe diese Frau schon in einigen verdammt leidenschaftlichen Gewaltausbrüchen gesehen und dass ich mich von hinten habe anschleichen können, wird sicherlich schwer an ihr genagt haben, aber ich bin nicht jemand, der vor Schmerzen davonrennt. »Du suchst die Schmerzen«, kam die dumme Stimme, »weil du sie verdient hast«, aber das war eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen konnte. Mal wieder überraschte sie mich völlig, denn anstatt mir den Kopf abzureißen, schenkte sie mir ein Lächeln, ein wirklich liebreizendes Lächeln. Sie löste ihren Stoffgürtel und während ich sie nun mit dem dämlichen verwirrten Gesichtsausdruck beschenkte, den ich mir eigentlich vor ihr erhofft hatte, zog sie sich die graue Robe über den Kopf und warf sie zur Seite.
Ähm ja, ihr braucht keine Angst zu haben, dass das nun endet, wie in einer dieser grottenhaften Apfelgerber-Geschichten aus der roten Laterne. Sie trug eine Bruche darunter und so ein enges ärmelloses Hemd, das den Bauch freilässt, aber ich bekam, erneut, einen guten Blick auf ihren Körper. Zugegeben ich habe schönere Frauen gesehen, aber Fenyas Schönheit war irgendwie … echter. Sie hatte kräftige Beine und Schultern für jemanden mit einer schlanken Figur, und man konnte definitiv Muskeln erkennen, da wo es sinnvoll war. Sie hatte eine stattliche Anzahl an Narben, mit denen ich nicht wirklich konkurrieren konnte, aber auf ihrer eher blassen Haut sah man sie nur, wenn man wusste, wo man zu suchen hatte. Ich starrte immer noch, als sie sich schon längst eine Hose, Hemd und Tunika angezogen und sich neben mich auf den größeren Stein gesetzt hatte. Ich versuchte aus dem Fiasko noch etwas zu machen und suchte, während ich meinen Speichelfluss wieder unter Kontrolle brachte, nach einer guten Begrüßung, die sie prompt übersprang, indem sie sich ein Stück von meinem Käse abriss und herzhaft reinbiss. Wir saßen eine ganze Weile einfach nur da, ließen uns die Meeresluft durch die Haare wehen und sagten nichts. Schließlich brach sie das Schweigen, indem sie sich hinlegte und an mich kuschelte. »Na? Was machst du denn hier?«
Von der Intimität ein wenig überrascht, fing ich einfach an drauf los zu erzählen. Von dem Auftrag, dem Schatz, dem Friedhof und so weiter. Wir tauschten noch ein wenig weiter Körperkontakt aus, also in einem Sinne von ›gemütlich beisammen sitzen‹, und es stellte sich heraus, dass sie wesentlich mehr Essen zu unserem ›Imbiss‹ beizutragen hatte, als ich. Ähm ja, nachdem die Mittagsstunde schon gut überschritten war, machten wir uns zusammen auf, den Gräbern einen Besuch abzustatten. Es waren sicherlich an die fünfzig, oder noch mehr, die aus derselben Zeit zu stammen schienen und alle Grabplatten oder Steine aus Mauersteinen hatten. In viele waren Wappen eingemeißelt und jetzt, da ich wusste, wonach ich suchte, fielen mir auch immer mehr von ihnen auf. Ich entdeckte sogar das Grab von Jerevan vom Eibenhain, dem Ritter, dessen Knappe das Tagebuch geschrieben hatte. Insgesamt waren es bestimmt zwei bis drei Dutzend mit den unterschiedlichsten Markierungen.
Fenya und ich fanden wieder einen recht schönen Platz, um uns hinzusetzen und laut über das Rätsel nachzudenken, das dieser Knappe Lutz in seinem Tagebuch versprochen hatte.
Na ja, bis der Abend sich langsam anschickte und ich wirklich aufbrechen musste, um noch im Hellen nach Tileam zu kommen, waren wir nicht weitergekommen. Ich brauchte wirklich die fehlenden Seiten aus dem Tagebuch, wollte aber noch nicht darüber nachdenken, mich wieder mit dem Torfkopf auseinandersetzen zu müssen. Stattdessen ließ ich mich auf ein anderes Wagnis ein. »Kommst du mit nach Tileam?«
»Wieso?«
»Vielleicht können wir etwas Zeit zusammen verbringen?«
»Wir haben doch den ganzen Tag zusammen verbracht und Tileam ist nun nicht wirklich die romantischste Stadt des Landes.«
»Ja, stimmt.«
»Bestimmt bald mal wieder irgendwann.«
»Ich weiß nicht, wie ich dich erreichen kann.«
»Wir sehen uns bestimmt wieder.«
»Ich dachte, du glaubst nicht an Schicksal.«
»Tu ich auch nicht und das hat auch nichts mit Schicksal zu tun. Nur mit Vertrauen.«
»Wie alle anderen hab ich Obutep-Priester immer gehasst, aber trotzdem sind mir feste Termine irgendwie lieber.«
»Tja, darauf steht ihr Nekaner, oder? Du bist jetzt in Condra, mein Liebster.«
»Ah, dein Liebster bin ich? Ich werd dich bei Gelegenheit dran erinnern.«
»Keine Angst, das brauchst du nicht, das weiß ich.«
Schweigen.
Als ich wieder nach Tileam hinein kam war es dunkel und es fiel dieser fiese, leichte Nieselregen, der in Condra immer fällt, wenn ich jemanden beschatten muss. Wenn ich Pech hatte, dann war Jasko schon über beide Ohren in seinen dunklen Geschäften, also beeilte ich mich, den Sumpf von den Stiefeln zu schütteln und marschierte strammen Schrittes durch die Straßen zur Kenterhure, die im Hafen vor Anker lag. Die Kenterhure war das offizielle Flagschiff des Kaperrates von Tileam und nur meiner langen Zeit unter den Condrianern war es zu verdanken, dass ich diesen Satz auch nur denken konnte, ohne in erbärmliche Hustkrämpfe auszubrechen. Um ehrlich zu sein hatte der Kaperrat dem Vogt von Tileam das Schiff geschenkt, als dieser offiziell zum Vogt ernannt worden war. Wahrscheinlich war’s einfach nur plump als Beleidigung gedacht, denn das Schiff hatte genauso viel Schlagseite, wie seine Namenspatronin an einem Morgen, nachdem ein Piratenschiff in Tileam eingelaufen war, das einen alinesischen Weinhändler aufgebracht hatte. Aber der Vogt Amspfälser hatte sich mit dem Schiff genauso gut arrangiert, wie mit den … Freihändlern, ihrem Rat und der ganzen Stadt, und nun diente es den mannigfaltigsten Zwecken. Einer davon was der legale Schwarzmarkt. Sprich, der berüchtigtste Hehler und Schieber hatte, wann immer die Kenterhure im Hafen lag, exakt dort seine Lager aufgeschlagen. Dem Vogt reichte es wohl, wenn er die ganz dunklen von den weniger dunklen Geschäften separieren und somit die Stadt halbwegs ›zivilisiert‹ halten konnte. Nun, wie auch immer, zwei Planken führten an Bord und eigentlich blieb einem Beobachter nur die Option, am Kai zu bleiben, wenn er nicht vollends erkannt werden wollte. Oder man hatte eine gute Ausrede. Habe ich erzählt, dass ich Schiffe hasse?
Mir wird immer schlecht, auch wenn sie im Hafen liegen und schon während ich die Planke hinaufging bereute ich, dass der eigentlich so schöne Tag mal mindestens in Übelkeit enden würde. Mit mindestens meine ich, falls alles gut ginge … falls. An Bord, am Ende der Planke, saß ein gelangweilter, hässlicher Schläger auf der Reling, den ich zumindest entfernt mit Jasko in Verbindung bringen konnte, und musterte mich eindringlich. Schon vor langer Zeit hatte ich gelernt, dass die beste Lüge keine Worte erfordert, sondern einfach nur aus Körperhaltung besteht und so tat ich, als wäre dies mein Schiff und meine Anwesenheit das Natürlichste auf der Welt. Als ich gerade an dem ungewaschenen Kerl vorbei war, hörte ich von hinten das Reiben von Holz über Leder, als ob er einen Knüppel oder so was gezogen hätte und ein tiefes, gegrummeltes: »Stehenbleiben!«
Ich tat ihm den Gefallen und der verkappte Linguist erfreute mich mit weiteren Weisheiten aus seinem scheinbar bodenlosen Wortschatz: »Was willse?«.
