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Die Saat ist ausgebracht und der Winter scheint vorüber, als ungesehen Unheil über das kleine Kloster hereinbricht: Petersan - ein Mentor - erkrankt und Heilkraut nach Heilkraut schwindet die Hoffnung auf Besserung. Längst weiß keiner mehr Rat, als Ginet - ein Lehrling - einem grünlich schimmernden Geist über den Weg stolpert, der nicht etwa ein schauriges Stöhnen auf den Lippen führt, sondern ein Gedicht. Ein Gedicht von einer besonderen Pflanze handelnd, die, richtig zubereitet, jedwedes Leiden heilen soll. Ginet macht sich alleine auf, dem Geist an die Fersen, voller Hoffnung, die blaue Krone könnte seinen Mentor retten - voller Furcht, vielleicht einem Märchen aufzusitzen.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Die blaue Krone
Von Yves Miller
Yves Miller
c/o autorenglück.de
Franz-Mehring-Str. 15
01237 Dresden
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Den Duft süßen Holzes in der Nase wusste ich, dass wir uns nicht verlaufen hatten. Den Duft brachte der Wind mit, der gewiss schon von der mächtigen Eiche her kam und uns aufforderte, mit den Schritten etwas schneller zu sein.
„Wenn wir einige Baumfrüchte finden und bringen sie zu Betty, meinst du, sie würde sie in die Kohlsuppe hineintun?“
Ich fragte Emi, die wenige Schritt vor mir ging – und die die Kohlsuppe Bettys mindestens genauso langweilig fand wie ich.
Emi grinste. „Wir müssten sie überzeugen. Aber sollten es auf jeden Fall versuchen.“
„Seit wie vielen Tagen schon gibt es Suppe?“
Emi zeigte mir die Hand mit allen fünfen Fingern abgespreizt. „So vielen. Jetzt komm, es ist nur noch dieser Hang da.“ Dann war sie weg, der Weisung des ungeduldigen Windes folgend. Flink und schnell rannte sie, übersprang behände solche Flecken, da unter der Matschschicht noch Eis schimmerte, als wäre sie ein Raubtier auf Witterung: durch nichts zu Fall zu bringen. Ich nahm die Beine in die Hand und machte, dass ich hinterherkam.
Hätte Petersan mir nicht eingeschärft, auch ja auf meine Hose achtzugeben – Betty wird dir eine Neue nähen, wenn du sie wieder zerreißt, aber diesmal wirst du ihr dabei zur Hand gehen müssen, keine Widerrede, und, nein, das wird kein Grund sein, darüber deine Studien zu vernachlässigen –, würde ich es Emi nachtun. Ich würde noch jene Flecken überspringen, die so groß waren, dass ich mich in ganzer Gestalt darin gespiegelt sah und die Emi umsteuerte, und sicherlich würde ich nicht hinfallen und Emi ganz gewiss auch überholen.
Stattdessen akzeptierte ich ihren Spott: „Noch mit Kröte auf dem Kopf wär ich schneller als du.“
„Vielleicht genauso schnell wie ohne Kröte?“
Emi streckte mir die Zunge raus, sagte: „Ich halte es da wie der Zauberer – nur eben ohne Kröte.“
„Es ist eine Geschichte.“
„Na und?“
„Na und keine besonders Gute.“
„Ich mag sie. Wie er allen weismacht, er hätte keine Kröte auf dem Kopf, obwohl sie doch allen gut sichtbar ist. Mit den stummeligen Vorderfüßen die Stirn runter gleich im Gesicht!“
Gerade trat ich zu ihr in den Schatten des Hangs und wollte erklären, dass Petersan sich da einen schönen Unsinn zusammenüberlegt hatte und selbstverständlich der Zauberer derjenige war, dem etwas weisgemacht wurde, als mir der Atem wegblieb. Wie mächtig der Baumgigant war, verstand ich erst bei seinem Anblick. Der Stamm noch verborgen von der Bergwand waren es nur seine Äste, die schienen, als wuchsen sie aus dem Stein heraus, die – eigentlich von grünem Behang – jetzt und heute unter weißer Schneelast zitterten. Dabei waren sie dick und massig! Ich versuchte mir vorzustellen, einen der Äste in voller Gänze zu umklammern, doch scheiterte daran. Ich würde überhaupt gar keinen erreichen können! Gewiss zwei Manneslängen waren es vom Untersten von ihnen zum Boden herunter. Petersan noch würde Schwierigkeiten haben zu ihnen hochzugreifen. Und selbst wenn ich es schaffen würde, mich an den Ast zu klammern, würde mir der Schnee sicher die frischgenähte Hose durchnässen.
„Sie ist viel größer als das Kloster?“, fragte Emi und klang wie verzaubert.
Klang wie Petersan, mimte er in der blöden Geschichte die zur Magievorführung Geladenen, wenn sie im Anschluss versuchten, die Tricksereien zu entschlüsseln. Wenn sie fragten, ob sie die Magie erlernen könnten.
Ich stellte mich der Aufgabe, einen Vergleich anzustellen, und kam schnell zum Ergebnis: Das Kloster war zwar ordentlich hoch, aber die oberen Äste des Baumes überragten es zweifellos.
„Viel höher.“
Ich hörte Emi nicken.
„Fast so dick wie Kri. Der Ast da.“
Ich lachte mit ihr und sagte: „Komm, ich wette, der Stamm sogar ist dicker.“
„Nicht möglich“, erwiderte Emi und ließ sich von mir um den Hang herumziehen.
So weit kamen wir, bis wir auch die andere Seite des Baumes sahen, dann beide verharrten. Wie festgewachsen. Bereits wenige Schritt vor uns begann der Eiche umfassendes Blattwerk: ein schneebeladenes Dach, durch das hie und da immergrüne Blätter stachen und das das Licht der getrübten Sonne nur spärlich durchscheinen ließ. Wo Sonnenlicht auf die grünen Blätter traf, war die Schneelast durchgebrochen und lag als Haufen am gefrorenen Boden.
Sogar der Wind wehte hier schwächer. Gab sich beeindruckt und ehrfürchtig. Und in der Luft lag eine greifbare Süße. Die Kohlsuppe Bettys mit einer Handvoll Luft des Eichenbaums darin wäre schon bedeutend schmackhafter als ohne sie – nur hielt sich Luft enttäuschend schlecht zwischen den Fingern.
Mit wenigen Schritten überwand Emi den Abstand zum Schirm des Baumes und verfehlte selbst im Sprung mit hochgestreckter Hand noch die am tiefsten hängenden Äste. Um ein gutes Stück verfehlte sie sie. Ja, ihre Hose war nicht erst neu genäht worden – sie durfte im Schnee baden, den ihr ein geschüttelter Ast herab reichte, ohne einen Rüffel zu kassieren.
„Hilf mir mal!“, schrie sie herüber.
Und ich ging und gemeinsam versuchten wir, die weiße Hand des Baumes zu schütteln, uns an seinem abstehenden Finger emporzuziehen – und ich vergaß, was Petersan gesagt hatte. Es war sowieso unmöglich, wussten wir. Der Baumriese bot uns nicht wirklich seine Hand – und schon gar nicht wollte er uns verfroren unter seinen Ästen wissen.
Petersan würde Kri nach uns schicken und dann uns beiden eine Predigt halten. Er würde etwas sagen wie, dass wir uns glücklich schätzen könnten, uns keinen Frost eingefangen zu haben – und, dass er sich keine Sorgen um uns machen wollte. Und er würde uns mit diesem Blick bedenken, den Betty in Wahrheit besser hinbekam.
Irgendwie also war es richtig, damit aufzuhören, dem Riesen einen Finger abspreizen zu wollen.
Emi ließ sich auf den frostigen Boden fallen, da das bleiche grüne Gras wie von hungrigen Kühen abgenagt schien, ganz erschöpft vom Versuch, einen der Äste zu erreichen. Gemeinsam starrten wir hin zum Herz des Baumes, hin zum Blattwerk, das dicht genug war, eine rechte Düsternis zu bewirken. Wo sich Schneehaufenberge mehrten – manche von ihnen so hoch, dass ich mich darin verstecken könnte. Und Emi war noch einen Kopf kleiner als ich.
Vielleicht könnte sich sogar Kri in ihnen verbergen.
Ich wollte zum Stamm laufen. Hinein in den Schatten des Giganten treten (auf die Schneehaufenberge aufpassen) (der Dunkelheit zum Trotz). Vielleicht die Rinde fühlen.
„Wollen wir nicht hinüber gehen?“, fragte ich Emi, zeigte mit einem Kopfnicken, dass ich den mächtigen Stamm meinte.
Emi zögerte.
Sie stand auf, klopfte sich ein wenig Schnee von der Hose – blieb zögerlich. Der Stamm ragte eben auch finster.
„Sollten wir nicht eher langsam umkehren?“
„Wir gehen nur kurz hinüber. Ich will einmal die Rinde fühlen. Dann kehren wir um und sind rechtzeitig zurück.“
Ich sah Emi an, sie blickte mich an, straffte sich und nickte: „Vielleicht finden wir ein paar Baumfrüchte. Für die Suppe.“
„Betty wird uns danken.“
Wir lachten und liefen los. Erst nach einigen Schritten merkte ich, dass wir bis zur Rinde ein gutes Stück zu gehen hatten. Wir folgten einer Schneise aus Licht, entlang einer Mauer heruntergebrochenen Schnees und achteten darauf, nicht unter jenen Schichten weißer Last herzugehen, die leise knirschten.
„Weißt du“, vertrieb Emi die Stille, „ich hab mal gelesen, dass das Herz des Baumes in seinem Stamm schlägt. Wenn du es spürst, das Klopfen, musst du es mir beschreiben.“
Das Herz des Baumes.
Von dergleichen hatte ich noch nichts gelesen. So unbeweglich der Baum stand, fiel es mir überhaupt schwer, ihn als Lebewesen anzusehen. Vielleicht schlief er auch. Oder – schliefen Bäume denn überhaupt? Genoss er vielleicht den Wind, wenn er ihm durch Äste fuhr und über Blätter streichelte? Oder ist der Wind so lästig wie eine Fliege, die selbst in der Nacht keine Ruhe findet? Oder sind wir des Baumes Fliegen? Wir haben versucht, an ihm herumzuzupfen.
Mit Geheul und Getöse ging irgendwo ein Schneehaufen nieder. Ich schrak zusammen und Emi griff nach meiner Hand. Aber das Getöse verging, meine Hose blieb unbeschadet und es senkte sich diejenige unwirkliche Stille herab, die schon zuvor da gewesen war, die irgendwie vom Schneedach ausging. Vom kraftlosen Anbranden des Windes gegen die Schneelasten.
„Meinst du“, begann ich, zögerte dann und fragte schließlich doch: „Meinst du, der Baum friert vielleicht?“
Emi war entgeistert.
„Na ja, und deswegen schmeißt er den Schnee von sich ab! Weil ihm darunter kalt ist! Uns wäre kalt, würden wir uns in Schnee einhüllen!“
„Dummerchen, wir sind klein und schwach. Der Baum ist riesig und stark. Wie soll etwas so Großes denn frieren können?“
Meine Zweifel behielt ich für mich: Emi war zu flink mit Zunge und Argumenten, als dass ich es auf einen Streit ankommen lassen wollte.
Je näher wir dem Herz des Baumes kamen, desto weiter entfernten sich die Äste von uns. Und trotz der Worte Emis wurde ich das Gefühl nicht los, dass die Äste zitterten, dass sich der Baum darauf freute, den Schnee bald geschmolzen zu wissen, dass er sich danach sehnte, den Ballast abzuwerfen.
Ein Ächzen klang wie das Stöhnen eines Riesen – und die Dunkelheit machte uns blind fürs Geschehene. Wir beschleunigten unsere Schritte. Vielleicht wieder nur der Wind, dachte ich. Vielleicht die Stimme des Baumes, die befiehlt, dass wir umkehren sollen. Denn Dunkelheit und Finsternis sind nicht, wo Kinder spielen sollen.
Aber wir waren nicht zum Spielen gegangen.
Unser gerader Weg zum Stamm endete jäh an einer halbmannhohen Schneemauer, die unmöglich zu durchwaten schien, weil eher festgebacken und schwer als pulvrig und nachgiebig. Einen Moment standen wir ratlos da, bis Emi mir zeigte, dass tatsächlich die Sonne einen Lichtfächer bis zur Rinde hin warf und der Schnee ausgerechnet da niedrig genug zum Durchwaten schien. So gelangten wir zum hölzernen Giganten. Der wie verwurzelt in einem Kübel aus Eis stand.
Wollte ich näher heran, so nah, dass ich die Rinde des alten Baumes fühlen konnte, musste ich durch den Schnee durch. Und dann wäre nicht nur meine Hose so klamm und frostig, dass sie Tage am Herd hängen müsste, sondern mein Hemd gleich dazu. Gut und gerne stand mir der Schnee bis zur Brust.
Probehalber streckte ich den Arm aus. Erreichte die Rinde nicht.
„Ich glaube, ich kann das Herz bis hierher spüren“, meinte Emi tröstend.
Und sie hatte Recht: Einmal schon hatte ich mir den Frost geholt, als ich mich kopfüber in einen Schneemann gestürzt hatte. Und nicht nur den Frost hatte ich mir zugezogen, sondern auch den Ärger Kris, seine kunstvolle Kreation verschandelt zu haben.
Sie hatte zweifach Recht: Da schlug ein Herz im Eis. Ich spürte es ganz nahe.
Ich beugte mich vornüber und starrte dem Eiskübel gerade in die schreckgeweiteten grellgelben Augen. Ich blinzelte, doch das Eis hielt den Blick. Was ich für Dreck – abgebrochene Rinde vielleicht – gehalten hatte, erkannte ich da im stärker werdenden Sonnenlicht als gleichmäßige Musterung. Und erkannte auch: Der Schnee hielt das Gemusterte gefangen.
„Schnell! Hilf mir! Da ist was im Eis!“
Und Emi, die sich an mir vorbeizwängte, sah sofort, was ich meinte.
Gemeinsam schaufelten wir die grellgelben Augen frei, behutsam darauf bedacht, das Gemusterte ja nicht zu verletzen.
In der ganzen Zeit, die wir brauchten, Schnee und Eis beiseitezuschaffen, ging nicht ein einziges Blinzeln durch die schimmernden Augen – als befreiten wir nichts Lebendiges, sondern einfach irgendein glitzerndes, glänzendes Ding.
Schließlich – das letzte bisschen einer gebogenen, spitzen Kralle befreit – hielt ich eine Ihn-Eule in meinen zitternden Händen. Eine ganz kleine Ihn-Eule: so klein, dass sie sich beinahe vollständig in meinen Händen verbergen ließ. Und die Ihn-Eule starrte mich an, fixierte mich mit ihren in gelben Kristall eingelassenen Knopfaugen. Und sie regte sich kein bisschen! Ihr Gefieder war starr, so ganz anders als vermutet; nicht flauschig und weich wie die Decken im Kloster, aber mit weniger Flöhen darin, sondern trocken und rau, kalt und ... und brüchig. Ich schob noch etwas Eis von den grauen Federn.
„Ein ... ein Junges!“ Emi klang ganz aufgeregt. „Es ist noch ein Junges.“
Die Eule starrte weiter zu mir.
„Aber ... ist es ... ist es tot? Ist es tot?!“
Ich fuhr zu Emi herum. Erschrocken durch die Frage, entsetzt durch die Möglichkeit und verwirrt, weil es so offensichtlich schien und ich doch keinen Augenblick lang darüber nachdenken wollte.
„Es bewegt sich gar nicht!“ Emi schrie weiter: „Es sollte sich doch bewegen! Zumindest die Augen! Es sollte nicht so tief im Schnee stecken! Es sollte ...“
„Es lebt. Ganz ... ganz sicher lebt es.“
Ich war mir nicht sicher.
„Am Bauch ... da sind die Federn warm.“
Sie waren weniger kalt als am Rücken. Warm waren sie nicht.
Doch Emi schien sich zu beruhigen.
„Aber ... es sieht so schwach aus.“
„Wir müssen zurück. Zu Petersan. Zu Betty.“ Die mickrige Eule in meinen Händen schien wie versteinert, konnte meinen Worten nicht zustimmen.
„Betty wird helfen können.“ Emi konnte es. Sprach aus, was ich mich zu beschwören nicht getraut hatte, und so würde es nun geschehen müssen.
Als würde vom Baum, vom dunklen Blätterschirm irgend böses Unheil ausgehen, drehten wir um und rannten davon. Wir rannten, so schnell wir konnten, ohne Spaß an der Sache, auch nicht, um zu sehen, wer denn die Strecke zum Kloster am schnellsten schaffte – wir rannten aus Notwendigkeit. Ich hielt mir die Eule unter den Mantel an die Brust gepresst, folgte Emi mit den Füßen und mit den Gedanken und bat, dass sie sich nicht täuschte. Dass Betty noch etwas würde verrichten können.
Die Eule fiepte nicht, behielt auch ihren Schnabel bei sich – obwohl sie doch sicher entrüstet sein musste, vom Eiskübel befreit gleich unterm verschwitzten Mantel zu stecken.
Uns ging beiden die Kraft aus. Emi lief noch vorweg, doch keuchte wie ein alter Kessel, wenn der Tee vergessen auf dem Herd stand, und ich ging nur noch hintendrein; der Gedanke auf Hoffnung half meinem schwachen Atem nicht und so ließ ich ihn ziehen.
Der Wind hatte aufgefrischt. Nachdem die dunklen Wolken aufgezogen waren. Und dann hatte er gedreht und nicht mehr nur in die Seite gezwickt.
Wir gingen langsamer jetzt.
Die Tränen hatten zu brennen begonnen.
Der Wind – nicht Traurigkeit oder gar Angst! – steckte dahinter: der Wind, der mit feurigem Atem hinter mir ritt und hin und wieder auch von vorne heranstürmte. Der anders als Kri kein einziges freundliches Wort dabei hatte, sondern stattdessen die Stiefel schwerer machte wie Matsch und Schlick.
Der steinige Boden hüpfte mit meinen Schritten mit: auf und ab, auf und ab.
Und ich hörte Kri brüllen: „Du musst nach vorne sehen –“ – sonst stolperst du nur über deine eigenen Füße; ich weiß.
Wäre Kri mit uns mitgekommen –
Er hätte die Ihn-Eule längst zu Betty gebracht.
Ich richtete den Blick nach vorne. Emi war nur mehr ein verschwommener Umriss. Vielleicht vom Wind verweht. Angetan mit bösem Zauber.
Emi stoppte. Vage glaubte ich zu sehen, wie sie sich zu mir umdrehte.
Aber Worte hatte sie keine für mich.
Die Wichtigen sind ohnehin gefallen: Betty wird helfen können.
Gegen den Wind führten wir nur diese wenigen Wörter an – und tatsächlich trieben wir ihn zurück. Irgendwie. Irgendwie. Irgendwie flaute er ab. Sein feuriger Atem ließ nach und die Tränen verloren ihre beißende Schärfe. Und in die Ferne erhob sich ein Plateau, ein Plateau, das ich zu erkennen glaubte.
Emi, die jetzt neben mir ging (die zurückgefallen war), und ich tauschten einen schnellen Blick.
Und dann machten wir schneller, als wir die Kühe hörten.
Ihr Muhen. Das Muhen Brias. Das Geklingel der Glocke, die der alten Bria so besonders um den Hals hing.
Auf der Weide sahen wir Betty! Wie sie sich um ein Kalb kümmerte. Ganz als wüsste sie um unser Kommen und auch, wie viel Kraft es uns gab, sie inmitten der Herde zu sehen.
Brias Glockengebimmel klang freudig heran und Betty, die das Läuten verstand, drehte sich sogleich um.
Da waren wir schon bei ihr.
Und Emi sprudelte los: „Ein Ihn-Eulen-Junges. Ganz schwach und klein. Bei der alten Eiche. Es steckte dort im Schnee! Du musst ihm helfen! Es ist ganz, ganz starr und kalt und ... leblos und ...“ Emi verkrallte sich in den weiten Ärmel von Bettys Tunika und trocknete sich ihre Tränen darin.
Mir ging es kaum besser und ich nestelte zum Wortfluss Emis hilflos an meinem Mantel herum, um der Hausherrin die Eule zu zeigen. Um ihr zu zeigen, dass sie sich jetzt gleich um das Junge kümmern musste.
Gerade wollte ich Betty die Eule übergeben – ihre stechend gelben Augen starrten mich schon wieder blicklos an –, als sie abwinkte: „Halte sie nur weiter warm. Wir gehen zum Schuppen. Schnell.“
Mühsam nur hielten wir mit ihren großen weiten Schritten mit und Emi schaffte es, atemlos zu fragen: „Du ... du kannst ihm doch helfen, oder?“
Es waren nur zwei, drei hastig getane Atemzüge, die Betty überlegen musste – aber mein frisch gewonnener Mut wankte sofort.
„Ihr seid gleich zurückgekommen, richtig? Und du hast sie die ganze Zeit warmgehalten, Ginet?“
„Ja“, nickte ich. „Sind so schnell gerannt, wie ... wie wir konnten.“
„Dann besteht Hoffnung.“ Betty drehte sich nicht zu uns um, machte weiter Strecke, als wollte sie die Bestzeit Kris schlagen, und wirkte schrecklich nachdenklich.
Vom überraschenden Schneefall war der Bergpfad immer noch in Matsch gebadet und im Wettkampf mit Kri würden wir uns wohl darauf einigen, auf den Schlick etwas achtzugeben; aufgeschürfte Knie beendeten noch jeden spaßigen Wettstreit. Für das Leben der Eule allerdings wollte ich rutschen und schlittern und auch auf die Hose nicht achtgeben.
Ich hielt Ausschau nach dem Kloster, nach dem kleinen Schuppen an der Bergwand, während ich die Biegungen des Pfades zählte. Vereinzelte gedrungene Bäume wuchsen am Hang, hielten sich im Schatten des Berges und erweiterten ihn mit ihren tiefhängenden, kahlen Ästen. Im Vorbeilaufen spähte ich ängstlich hin zu ihren Stämmen, doch nirgends blitzten grelle gelbe Äuglein auf, die in eisigen Kammern aus Schnee festhingen. Da lag überhaupt nirgends mehr Schnee.
„Wenn wir sie retten können, ist das alleine euch beiden zu verdanken“, vertrieb Betty die Stille mit ihrer warmen Stimme, gerade als sich das Kloster endlich hinterm Hang hervor schälte. Betty drehte sich im Laufen um und blickte aufmunternd drein: „Und wenn nicht, hättet ihr beiden nichts tun können, um ihr dort draußen zu helfen. Wir gehen in meinen Schuppen, los.“
Der Schuppen stand gleich gegenüber vom beeindruckenden Kloster, das überm steilen Hang zu schweben schien, und drückte sich in den Schatten der Bergwand: Bettys kleine Bastelhütte.
Weder Petersan noch Kri sah ich im Hof.
Betty zog eilig die knarrende Holztür auf.
Ihr hinterher stolperten Emi und ich ins Innere und blieben dichtgedrängt beieinander stehen; finster war es im Schuppen, aber klar genug, um wenigstens schemenhaft die vielen Basteleien zu sehen, die Betty gewohnheitsmäßig einfach über den Boden verteilt hielt. Petersan würde sie dafür rügen; Emi und ich hofften, nicht bereits eines der Kunstwerke zertreten zu haben.
Irgendwie fand Betty zu einem Paar loser Bretter in der Wand und schob sie auf. Sogleich flutete Tageslicht den Raum.
Und es offenbarte das ganze Ausmaß der schieren Bastelwut: Beinahe rundherum lagen die kunstvoll geschnitzten Holzapparaturen, die wirkten, als gehörten sie entstaubt und poliert, statt auf dem Boden liegengelassen. Viel zu lange hing mein Blick an einem Teil, das ich gleich als strategische Erweiterung des Spiels um den Gipfel verstand, bevor ich mich willens der verletzten Eule in meinem Hemdmantel erinnerte.
Schuldbewusst nestelte ich wieder an den Knöpfen herum, während Betty mich ungeduldig musterte. Weder sie noch Emi sagten ein Wort, als ich mich vor lauter Nervosität viel zu lange an den Schnüren abmühte. Und was auch sollten sie sagen?!
Viel zu klein war die Eule, befand ich, wie ich sie endlich aus meinem Mantel befreit hatte, und viel zu unbeweglich und starr. Unverwandt und kalt fixierten ihre grellen Äuglein mich – immer noch. Immer noch war sie völlig regungslos, ihre schmutzig-grauen Federn eisig. Aber am Bauch waren sie wärmer! Ganz sicher waren sie wärmer am Bauch!
Ich händigte Betty die Eule aus, die sie behutsam entgegennahm und hin zur Holzbank am Fenster trug und gleich dort ablegte – als sei das Junge kein Junge, sondern ein ... ein lebloses Ding, eine Holzschnitzerei!
„Und? Und?“ Emi konnte sich nicht mehr zurückhalten, drängte auf Betty ein.
Raubte mir die eigenen drängenden Fragen.
Betty überging unsere Ungeduld, mit kritischem Blick aus halb zugekniffenen Augen die Eule musternd. Die Eule starrte zurück – und so unbedingt wollte ich sie lebendig wissen, dass ich dachte, darin die Aufforderung zu jenem Duell zu sehen, das derjenige verlor, der zuerst die Augen schloss oder den Blick abwandte oder sich sonst regte. Ein ungleicher Kampf dann. Schon gegen mich hat sie ihn gefochten und so spielerisch gewonnen. Nur hat sie ihren Sieg überhaupt nicht gefeiert, mich auch mit keinem Schmähwort bedacht!
Betty gab sich geschlagen, aber nur, um es mit einer neuen Strategie zu versuchen: Mit ihren Händen ging sie jetzt nach der Regungslosen, befühlte ihr Gefieder – zuerst die Federn des Bauches, die erleichternd warmen, dann die an den Flügeln und kurz nur die des Rückens. Zuletzt kniff sie den Vogel in die Kralle – und die Kralle zuckte! Und auf einmal wirkte der Blick der grellen Äuglein verärgert – und hatte das Junge tatsächlich geblinzelt?
Emi boxte mich in die Seite. Sie hatte es auch gesehen.
„Kommt, wir gehen rüber ins Kloster. Die Eule wird sich erholen.“
Damit war es entschieden: das Versprechen eingelöst! Zärtlich nahm Betty die Eule auf und wollte sich scheinbar nicht geschlagen geben, denn versuchte ein zweites Mal das Blickduell gegen unser verletztes Tier, gestand sich die Niederlage aber schnell mit einem Kopfschütteln ein.
„Wie ... wie großartig!“ Emi – vor Erleichterung blind für die vielen Schnitzwerke um uns herum – sprang auf, und wäre ich nicht einen halben Schritt zur Seite gewichen, hätte es mich oder aber eines der Kunstwerke erwischt.
„Einfach so wird sie wieder gesunden?“ Ich wollte Emi beipflichten, aber musste dringend nachfragen. „Wirst du sie jetzt gleich wieder freilassen?“
Einen kurzen Moment dachte Betty darüber nach, schüttelte dann entschieden den Kopf. „Nein, dafür ist sie noch zu schwach. Der nächste Schneefall könnte sie vielleicht wirklich töten.“ Betty blieb frohgemut: „Aber lasst uns erst einmal ins Kloster gehen. Ihr beiden seht nicht minder durchgefroren aus als unsere kleine Verletzte hier. Ein wenig Wärme wird auch euch nicht schaden.“
Erleichtert folgten wir Betty auf den Hof hinaus.
„Ihr könnt wirklich stolz auf euch sein. Ohne euch beiden wäre sie mit Sicherheit da draußen erfroren.“
Ich dachte an Emis Worte und war mir mit einem Mal sicher, dass jeder noch so große Baum unterm Schnee frieren musste – vielleicht ist er ihnen nicht gefährlich, aber mit Blick auf die unbewegliche Eule schauderte ich vor der genaueren Überlegung.
„Was ist geschehen?“ Auf einmal stand Kri neben Betty und maß das Junge mit neugierigem Blick.
„Besser Emi und Ginet berichten davon“ – Betty wandte sich dem Kloster zu – „ich würde selbst gerne die ganze Geschichte hören.“
Ich wechselte einen Blick mit Emi und sie begann zu erzählen: „Wir ... waren auf dem Weg zur alten Eiche und ... dort angekommen wollten wir unbedingt an ihren Ästen zupfen. Es ...“ Sie stockte kurz, sprach dann unbefangener weiter: „Ihre Äste waren so mit Schnee bedeckt wie unser Dach manchmal! Und ganz nahe beim Stamm der Eiche lag ein riesengroßer Schneehaufen. Durchgebrochen. Von den Ästen runter.“ Kurz maß sie Kri. „Selbst du hättest ganz reingepasst! Und darin ... darin steckte die Eule fest.“
„Wir haben sie aus dem Schnee freigegraben und ... sie hat sich aber nicht geregt ... und da sind wir so schnell wie möglich zurückgekommen.“
„Und ihr habt richtig daran getan!“
Emi strahlte vor Freude und ich dachte, dies könnte der Beginn einer wunderbaren Geschichte Petersans sein. Der Beginn einer längeren Geschichte – von Helden und Abenteuern.
Als Abenteurer müsste ich jetzt in den Wind spucken – als Zeichen meiner Herausforderung.
Inzwischen aber war der Wind so weit abgeflaut, dass die Geste kaum zählen würde. Und Betty würde schelten. Nicht ein Lüftchen ging über den Hof, als wir vom Holzschuppen Bettys hinüber zum Kloster stapften.
Ich betrachtete sogleich meinen Vergleich von vorhin und kam zum selbstgerechten Ergebnis: So beeindruckend das Kloster auch war – mit seiner unmöglichen Nähe zum Hang und der auf Wolken gebauten Kapelle –, rein von der Höhe her unterlag es der alten Eiche um einige Längen. Und das obwohl – ich kniff die Augen zusammen – ja selbst Petersan, der Betty und Kri auf seinen Schultern träge, selbst diese drei zusammengenommen nicht die Dachgiebel greifen könnten. Kämen höchstens hoch bis zum kleinen Fenster mit der Kerze. Mit den interessanten Büchern dahinter. Aber für die Eiche könnten sie noch mich und ich noch Emi aufladen – und Emi noch die Eule! – und wir wären in der Sechserkette überfordert, uns am Wipfel festzuhalten.
„Noch ist unser Junges zu klein und schwach, um da draußen zu überleben“, begann Betty, während sie die wenigen Stufen zur Eingangstür des Klosters hochstieg. Es folgten Kri, Emi und ich zuletzt. „Wahrscheinlich hat sie einfach der Schnee überrascht. Vielleicht wäre ihr nichts geschehen, hätte sie rechtzeitig Schutz gesucht.“ Betty hielt die schwere Holztür auf – wir folgten hinein. „Ihr habt gesagt, ihr habt sie gleich unter der Eiche gefunden, richtig?“, fragte sie und lief zwischen mir und der Küche vorbei, in die ich möglichst unauffällig hinein zu spähen versuchte. Ein Brutzeln drang aus ihr – und ein Wohlgeruch, der mich intuitiv an anderes als Kohlsuppe denken ließ. An Wohlschmeckenderes.
„Ja“, übernahm ich die Antwort. „Nahe beim Stamm, in einem Schneehaufen.“
„Dann wird sie auf einem der oberen Äste gesessen haben und – vom plötzlichen Schnee überrascht – hinuntergestürzt sein. Der Schreck erklärt vielleicht ihre Starre. Das Gefieder von solchen Jungtieren ist noch nicht sonderlich ausgereift.“ Betty sprach, während sie an der Küche vorbei, hin zur Bibliothek steuerte, aber im Kräutergarten um die Ecke verschwand. „Setzt euch nur schon ans Feuer“, rief sie. „Ich hole schnell etwas vom Hyänenfinger.“
Emi, Kri und ich verschwanden also in die Küche, wo ich es mir nicht nehmen ließ, gleich einen langen Blick in den brodelnden Topf zu werfen – darin: Kohlsuppe. Dem Anblick nach jedenfalls, dem Geruch aber ...
„Na, na gegessen wird erst später“ – schon war Betty zurück – „nur unsere Verletzte bekommt gleich was.“
Kris verhaltenes Prusten galt meinem unbeholfenen Versuch, meine Scham herunterzuspielen: „Ich wollte gar nicht ... Ähm, nur gucken, ob es wieder Kohlsuppe ist, denn ...“
„Denn?“
„Denn ... denn es riecht köstlich.“
„Ah ja.“
Kri feixte: „Wie köstlich genau, Ginet?“
Betty, die die Ihn-Eule zu einer kleinen Anrichte trug, und sich daran machte, ihr einen Tee zuzubereiten (und die leider zu viel auf ihre Suppe hielt), drehte sich nicht einmal um, um zu mahnen: „Emi ist so schmal und zierlich, dass ihr eure beiden Portionen gerade gut bekommen würden. Und Emi meckert bestimmt nicht, oder?“ Ihr fragender Unterton ließ keine Ausflüchte zu.
Alle Augen richteten sich auf Emi und erwarteten ihre weittragende Entscheidung. Gerissen lächelnd murmelte sie mit honigsüßer Stimme: „Ganz bestimmt nicht. Ich könnte mir ja gleich jetzt einen Teller nehmen?“
„Lass bloß deine Griffel von meinem Geschirr!“
„Aber Kri hat den Teller zerbrochen!“
„Das ist mir egal. Und jetzt kommt endlich her, damit ich euch zeigen kann, wieso der Schneefall diesem Jungen hier so zusetzen konnte.“ Sofort waren wir aufgesprungen und versammelten uns um Betty, die den Tonfall der Lehrerin angeschlagen hatte, jetzt also erst recht völlig außerstande war, Ungehorsam zu erdulden. „Seht her“, begann sie, „diese sehr dunklen Federn hier, gleich innen am Flügelsaum, sind noch viel zu fein und dünn.“ Mit gebührender Vorsicht griff die Lehrerin der Eule unter den Flügel und präsentierte uns dort eine Reihe wirklich feiner Federn, die fast schwarz waren. „Sie werden im Laufe des Lebens der Eule weiß werden und auch dicker und gröber. Wärmespendender letztlich.“
„Und das wird sie in Zukunft vor solchem Schneefall schützen?“, fragte Kri, der typischerweise die gesprochenen Worte verdrehte, um den Anschein zu erwecken, sehr schnell zu verstehen.
„Das und ihr für gewöhnlich scharfes Auge. Der Schnee gestern kam zu plötzlich für sie; auch die Wolken zeigten ihn nicht gerade an.“ Betty wirkte nachdenklich, scheuchte uns dann auf: „Jetzt geht, setzt euch noch einige Stunden an eure Studien. Und kommt mir meiner Fleischbrühe nicht zu nahe!“
Hatte ich es doch gleich gewusst!
Nicht ohne den beiden einen triumphierenden Blick zuzuwerfen, rannte ich Kri und Emi davon.
Jetzt lagen wir im Wettstreit. Und meine Chancen zu gewinnen standen nicht schlecht: Kri war groß und schnell, aber nicht gerade stark. Und Emi war ein Mädchen, das von solcherlei Wettbewerben nichts hielt. Was sie jedenfalls behaupten würde, würde ich sie danach fragen.
Dabei habe ich gesehen, wie sie es heimlich versucht hat, aber beim dritten Bündel schon aufgegeben hat.
So doof ist das alles also nicht.
Der Schweiß stand mir auf der Stirn und die Wiese befand sich noch nicht einmal in Sichtweite – und doch hatte ich eigentlich bereits gewonnen. Ich könnte zwei der Bündel hier lassen, schnell zur Wiese rennen, zurückkommen und die anderen beiden holen. Kri würde dann allerdings lachen und Emi einen Weg finden, die Regeln so zu verdrehen, dass nur ich wusste, dass ich gewonnen hatte. Deswegen hatte ich keine Wahl.
Kri lief mit seinen drei Bündeln vorweg. Zwei unter dem einen Arm, eines unter dem anderen. Immer wieder drehte er sich zu mir um, sah nach, wo ich war.
Hintendrein, ja, aber ich habe vier Bündel. Vier!Zwei unter jedem Arm nämlich. Dass die Bündel schwer waren, war nicht das Problem – jedenfalls nicht das einzige –; das Problem war, dass meine Arme zu kurz schienen.
Und dass die Wiese noch weiter entfernt lag als selbst der alte Hinkel.
„Soll ich dir nicht ein Bündel abnehmen?“, fragte Emi mich, die zwischen Kri und mir lief und selbst nur ein einziges Bündel trug. Sie winkte mit der freien Hand.
„Nein, nein“, antwortete ich so gelassen wie möglich und ärgerte mich über mein Gekeuche. „Ist ja nicht weit.“
„O“, lachte Kri von vorne, der selbstverständlich alles gehört hatte, „noch keine Wiese in Sicht, muss ich sagen. Und auch kein Muhen zu hören.“
Emi stimmte ins Lachen ein: „Wenn wir nicht genügend Bündel dabei haben, wird Betty ganz bestimmt Ginet zurückschicken, um noch welche zu holen.“
Sie hatte Recht.
Und beim Gedanken, den weiten Weg noch einmal mit vier Bündeln zu laufen, wurde mir ganz schwummrig zumute.
Andererseits trugen wir zusammen acht. Gewiss reichte das.
Ich blinzelte mir den Schweiß aus den Augen und wunderte mich nur ein bisschen darüber, dass man bei solcher Kälte derart schwitzen konnte. Blickte ich rechter Hand den Hang hinauf, musste ich nicht weit blicken, um den Schnee daran haften zu sehen. Und mein Atem ging in kleinen klirrenden Wölkchen.
Der morgendlichen Frühe wegen lag unser Pfad weitestgehend im Dunklen. Die kahlen Bäume, die ihn säumten, ließen ihre verzweigten Äste wie krumme Finger über den Weg hängen. Streckten sich, als wären sie begierig, mir meine Bündel Heu zu stehlen – als wollen sie mir die Mütze von den Ohren ziehen, die doch nichts gegen die Kälte bringt.
Eine abrupte Biegung brachte das Kloster vollends außer Sichtweite. Endlich! Der Bäume Schatten bildeten jetzt ein finsteres Gewimmel auf dem steinigen Boden und wenn der Wind heftig von einer Seite zur anderen ging, dann schien es, als bewege er den Boden gleich mit, dann zuckten die Schattenfinger darüber wie ekliges Gewürm.
Ich fasste die Bündel stärker in meinen schwitzigen Griff.
Erst die Sonne, die neben dem Hang auftauchte, vertrieb die Würmer und Kleintiere zurück in ihre Erdspalten; hier endeten die Bäume und gleich würde die Wiese folgen, wusste ich voller Vorfreude. Kri hört bestimmt schon die Glocke. Jedenfalls ist er still geworden. Wie auch Emi still geworden ist. Und in der Stille klang es dann erlösend: das Gebimmel der Glocke Brias, auf das unzählig viele und anstrengende Schritte später das vielstimmige Muhen folgte.
Emi und Kri hatten die Wiese beinahe erreicht.
Und Betty wartete dort – mit in die Hüfte gestemmten Fäusten. Inmitten der Kühe. Und sie runzelte die Stirn. Die alte Bria stand ihr beiseite und ahmte den gestrengen Blick unserer Lehrerin so gut sie konnte nach – was ihr für eine Kuh ziemlich trefflich gelang (glücklicherweise fühlte ich mich zu erschöpft, um über das Bild zu lachen; gewiss würde Betty nicht einstimmen).
Sogar die Ungeduld Tante Bettys wusste sie zu imitieren, ihr Blick war ziemlich eindeutig miesepetrig: Ich warte überhaupt nicht gerne auf mein Fressen, schien sie sagen zu wollen.
Erst als Kri zu ihr auf die Wiese trat, vergaß Bria ihren Groll und trappelte dem schlaksigen Riesen entgegen – drückte sogleich die Nase gegen eines der Bündel. Schnupperte geräuschvoll. Zeigte sich denn gnädig. Ließ Kri passieren. Anschließend war Emi an der Reihe, vorzuzeigen, was sie mitgebracht hatte. Wieder zeigte Bria sich gnädig, wenn sie auch einen Moment länger zögerte.
Ja, Emi hat nur ein Bündel mitgebracht. Bria, merk es dir: ein Bündel nur.
Wie stolz ich auf meine vier war! Und darauf, dass ich den Weg ohne Murren hinter mich gebracht hatte, dass ich Kraft und Ausdauer bewiesen hatte – und der Wettstreit offenbar gewonnen war. Mir würden die Kühe ihre sämtliche Dankbarkeit zeigen!
Ich bringe sie herbei!
Die Bündel entglitten mir denn, kaum hatte ich die Wiese erreicht. Und meine Beine waren schwach genug, dass nur Bettys enttäuschter Blick, der stimmlos sprach „etwas habt ihr übersehen und dafür werde ich euch rügen“, mich davon abhielt, es mir gleich selbst neben den Bündeln gemütlich zu machen. Sogar Brias raue Zunge bekäme mich dann nicht mehr von Ort und Stelle.
„Ihr seid zu spät“, erklärte Betty nach gebotener Zeit. „Eine ganze Weile zu spät.“ Der Blick ihrer zusammengekniffenen Augen ging um. „Stellt euch darauf ein, auch noch den Mittag hier zu verbringen. Gewiss doch habt ihr ordentlich gefrühstückt.“
Sie schien auf Einwände zu warten, aber wohl war Emi, Kri und mir bekannt, dass in solchen Momenten Widerrede einzulegen, nur zu zusätzlichen Aufgaben führte. Also schwiegen wir. Schwiegen wir gemeinschaftlich.
„Und Ginet“ – Betty musterte mich scharf – „könnte ich dich bitten, noch einmal vier Bündel zu holen?“ Ich fühlte regelrecht, wie ich blasser und meine Hände zittriger wurden. Ich konnte doch kaum mehr die Arme heben! „Nein? Ausgeruht wird jedenfalls erst heute Abend.“
Und damit war alles gesagt.
Einen schnellen Blick warf ich zu Kri – um ihn zu warnen, jetzt keinen Spruch zu bringen.
„Los, los, verteilt das Heu“, wies Betty weiter an. „Ich werde später nach dem Rechten sehen.“ Und damit verließ sie die Wiese und schloss das Tor hinter sich: ein Zeichen an uns, das wir hier zu tun hatten.
Und das hatten wir.
Bria und auch einige andere Kühe begannen bereits, sich am Heu zusammenzurotten, und das Gebimmel der Glocke Brias war mir ein Zeichen, möglichst schnell zu machen – die Kühe müssen auseinandergehalten werden, sonst kriegen sie sich beim Fressen in die Haare, hatte Kri durch Betty mitgeteilt – und jetzt das: Durchs Gebimmel lockte die alte Kuh alle anderen zu sich! Dabei funkelten ihre dunklen Augen seltsam vergnügt – fast so, als verstünde sie sehr genau, uns mit der Glocke anzutreiben, als teilte sie insgeheim den Groll unserer Lehrerin!
„Schnell, ihr verteilt die Bündel und ich schneide sie auf“, übernahm Kri denn gleich, der Betty als Einziger schon bei der Fütterung unterstützt und der als Einziger ein Messer hatte. Schon kniete er überm nächstbesten Ballen – die schmale Klinge in der Hand, um die Schnüre zu kappen.
„So machen wir’s“, meinte auch Emi, schnappte sich ihr Bündel und sprang rechts am Zaun entlang.
Seufzend drängte ich mich an der alten Bria vorbei zu meinen Bündeln und einen Augenblick war mir, als läge im abschätzigen Nicken der lieben Kuh die Aufforderung, die Bündel endlich aufzuschneiden. Ich konterte jedenfalls, indem ich Bria die leeren Handflächen zeigte – kein Schneidewerkzeug. Dann bückte ich mich runter zum Heu und die riesigen Augen gerieten eindeutig misstrauisch. Und vielleicht tat ich den Fehler darin, das Heu überhaupt aufzuheben, vielleicht darin, es der alten Kuh nicht zur Probe hinzustrecken – in diesem Moment jedenfalls gebaren ihre lieben Augen wild tanzende Flämmchen; ich zuckte zurück; die Flämmchen ihrer Augen schlugen höher, tanzten wilder; ich tat einen Schritt nach hinten, unbeholfen über ein anderes Bündel und gleich neben eine weitere Kuh, die mich stillstehend musterte.
„He, he, Bria. Guck mal drüben bei Kri“ – ich sprach aus einem Bauchgefühl heraus.
Ich bückte mich zum zweiten Bündel und hob es auf.
Ich dachte, die anderen hole ich nach, und dachte den Gedanken vielleicht irgendwie zu laut zu Bria hin, die keinerlei Interesse am Wirken Kris zeigte, denn ganz bei mir war, wie sie muhend zeigte – mit geblähten Nüstern und schnaubend.
Mit dem Schwanz peitschte sie die Luft, schlug wie beiläufig eine Fliege weg und setzte mit den Vorderläufen an.
Ich nahm die Beine in die Hand.
Sicher werden Emi und Kri sich kugeln, mich lächerlich nennen, vor der guten Bria Reißaus zu nehmen, „die doch allen Kühen die liebende Tante ist, Ginet!“ – aber sahen sie die tanzenden Flämmchen, wie ich sie sah? So viel Kraft sammelte ich, um den Vorderfüßen mit einem Sprung zu entgehen!
Und ich entkam auch – war aber kaum halb auf den Beinen, da sah ich, dass die alte Kuh überhaupt nicht angesetzt hatte, mich umzustoßen.
Viel schlimmer: Sie stürzte wild schnaubend hin zu mir.
So schnell ich konnte rappelte ich mich vom feuchten Gras hoch, packte die zwei Bündel, die ich irgendwie mit mir mit befördert hatte, und machte nun, dass ich wirklich davon kam.
Ein letzter Blick über den Rücken verriet mir: Bria war offenbar fest entschlossen, mich einzuholen – und sie war beträchtlich schnell für eine dicke Kuh – dann ging es einen Abhang runter. Mein Herzschlag echote mir in den Ohren und die Glocke Brias bimmelte unheilverkündend. Das schwarz-weiß gefleckte Ungetüm schnüffelte mir geräuschvoll an den Fersen.
Wenn sie stürzt, dann erschlägt sie mich. Der Gedanke ließ mich einen Haken schlagen und beinahe nur über meine eigenen Füße stolpern – ich verlor nur einen Ballen. Er rollte den Hang hinab und kam zum Liegen.
Bria zeigte sich unbeeindruckt.
Weiter nach rechts ausweichend bemerkte ich aus dem Augenwinkel, dass eine zweite Kuh meine Verfolgung aufgenommen hatte. Diese rannte versetzt zu Bria (die überhaupt keine Probleme damit hatte, den Hang hinunter zu kommen, nur noch merklich schneller wurde!) und wirkte glatt, als wollte sie mir den Weg abschneiden – ihre Zunge sah ich beängstigend weit aus dem Maul ragen.
Ich hielt mich am Zaun, konnte nirgends mehr hin ausweichen und rannte schneller noch, als wenn Kri mich antreiben würde. Ich hörte das nahe, triumphierende Muhen und glaubte längst, einen heißen Atem im Rücken zu spüren, Geifer, den vor lauter Hunger das Maul versprühte!
Es lag doch überall Heu!
Warum ich, Bria – warum?!
Plötzliche Schreie ließen mich herumfahren.
„Ginet!“ Emi schrie und sie lachte. Lachte, als würde mich der langsame Zauberer mit seiner Kröte verfolgen und kein sabberndes Ungetüm, das mir wohl mit der Zunge zu nahe kommen wollte.
Ihr Lachen wurde lauter. Sie schrie auf.
Als wollte sie mich warnen!
Dann fiel ich.
Geistesgegenwärtig riss ich im Fall die Hände hoch und durch welches Kunststück auch immer verging sich mein Sturz in einen Purzelbaum, der jäh von etwas Weichem gestoppt wurde. Im gleichen Moment, in dem Kri und Emi in ein gemeinsames ohrenbetäubendes Lachen ausbrachen, sah ich mich meiner Verfolgerin Aug in Aug.
„Mensch, Gin, du musst doch nich’ vor der lieben Bria davonlaufen!“, brachte Emi prustend heraus, die Gefahr vollends verkennend.
„Du solltest sie allerdings mit zum Hinkel nehmen, könntest dann glatt meine Bestzeit schlagen“, lachte Kri mit – und wusste nicht, dass unser letztes gemeinsames Rennen vielleicht schon geschlagen war.
Ich wollte ihnen zurufen, dass sie offensichtlich blind waren – oder jedenfalls blöde –, nicht einzusehen, in welcher Gefahr ich mich befand: Gestellt von Bria und auch hilflos zu Boden gebracht. Ich wollte gerade den Mund öffnen, als ich sah, dass der Kuh vor mir zum einen die Glocke fehlte und sie zum anderen gar nicht mich als ihr Fressen begehrte – sondern vielmehr das, was mein unfreiwilliger Sitz geworden war: den Ballen Heu.
Eilig befreite ich meine Beine aus dem Bündel und auch aus der Reichweite der langen rosa Zunge – und ließ erschöpft und erleichtert den Kopf ins nasse Gras fallen.
Einige Atemzüge lang schlug mein Herz noch, als ... als wäre ich geradenwegs einer ... fürchterlichen Schauergeschichte Petersans entkommen. Einige Atemzüge, die mein Körper schlechter als mein Kopf verstand, dass keine Gefahr bestand. Keine Gefahr. Die Bläue des Himmels – mit nur wenig weißen Wolken darin – wirkte schließlich beruhigend (zusammengenommen mit der Tatsache, dass Bria längst an einem der fallengelassenen Bündel knabberte).
Die anderen lagen noch oben.
Gleich. Ich hole sie gleich.
Emi und Kri lachten lauthals, inzwischen dazu übergegangen, solch panische Schreie nachzuahmen, von denen ich sicher war, dass sie jeder Grundlage entbehrten. Zu allem Überfluss pflichteten ihnen manche der Kühe bei, die gar nicht mehr aufhören wollten herumzumuhen. Und sogar ein Vogel schloss sich dem lächerlichen Konzert an. Den Vogel machte ich auf einem Baum etliche Längen entfernt aus und irgendwie gelang es ihm, mit ihnen allen mitzuhalten. Zum Geschreie und zum Muhen trug er ein Gezwitscher bei, das klang, als wolle er im Chor meiner Schande auf keinen Fall nur die Ersatzstimme sein.
Eine Fliege landete mir auf der Nase. Und mit erhobenem Bein bot sie mir, auch sie hätte das alles unglaublich lustig gefunden.
Die Luft war so getränkt von Heiterkeit, dass ich mich selbst kaum mehr beherrschen konnte. Und noch als ich dachte, endlich aufstehen zu müssen, war ich derart geplagt von Lachanfällen, dass ich lieber gleich liegenblieb. Vor der lieben alten Bria bin ich weggelaufen!
„Bleib ruhig liegen, Gin, kein Grund zur Eile. Ich erledige gerne selbst die Aufgaben, mit denen ich eigentlich euch betraut habe.“ Bettys Stimme durchschnitt die Luft und fegte alles durcheinander.
Im nächsten Moment dann war ich aufgesprungen und bemerkte zum Einen, dass der Chor völlig verstummt war (selbst der ferne Vogel schwieg), und zum Zweiten die betroffenen Gesichter, die Emi und Kri machten. Betty kniete derweil über den von mir zurückgelassenen Bündeln und durchschnitt die Schnüre mit dem eigenen Messer. Bria ließ sich davon nicht stören und kaute hingebungsvoll weiter.
„Ähm. Ich habe“ – ich stammelte sehr. Ich straffte mich: „Als ich die Bündel dort hier herruntergeschafft habe, da haben mich ... Bria ... und ähm auch eine andere Kuh – sie ähm haben mich verfolgt. Und da bin ich in Panik geraten ... und gestolpert.“
Es war eine lahme Ausrede. Also – es klang nach einer lahmen Ausrede, einer schlechten Ausrede. Die ja aber keine Ausrede war! Die plötzliche Stille verwirrte mich!
„Ah ja. So so. Du bist in Panik geraten? Wegen ... Bria?“
Ich nickte langsam.
„Und hast es dir dann im Gras gemütlich gemacht? Weil du dich erst einmal beruhigen musstest?“
„Ja.“
Alle Heiterkeit war fort. Das Lachen steckte mir tief im Hals.
„Hm. Dann bist du jetzt ausgeruht genug, um Petersan zu helfen? Auf dem Dach des Klosters liegt noch der Schnee der letzten Tage.“
Betty hielt den Blick angestrengt gesenkt, aufs Bündel, dessen Schnüre sie kappte, und sah nicht ein einziges Mal auf – und da sagte mir ein Gefühl, dass sie sich vielleicht mühte, ein Lachen zu unterdrücken. Ein leises Lächeln sah ich jedenfalls im abgewandten Gesicht und in der ruhigen Stimme glaubte ich, ein unterdrücktes Schmunzeln zu hören.
Kri schien ähnlich zu denken: „Geschrien hat er.“ Mit in die Luft gerissenen Armen rannte er im Kreis herum und schrie schlimmer noch als eben. Emi liefen Tränen übers Gesicht, während sie schon wieder zu lachen anfing.
Und diesmal lachte Betty mit.
Und Bria blickte uns alle an – der Reihe nach, einen nach dem anderen mit Flämmchen in den Augen –, als hätten wir jeden Verstand verloren.
„Ich hab überhaupt nicht geschrien!“
„Geschrien hat er“, wiederholte Kri und drehte schnell eine weitere Runde und schrie schriller gar als bei der letzten.
Und als Emi ihm plötzlich eine Hand auf die Schulter legte und Kri unter der Berührung zusammenzuckte wie ein aufgeschreckter Vogel und ihm der schrille Schrei auf den Lippen erstarb, brach es aus uns allen hervor.
Betty fing sich zuerst. „Du solltest wirklich gehen, Ginet. Emi und Kri, ihr bleibt bei mir – wir müssen einige von denen hier zum Fluss bringen. Sie trinken schlecht in letzter Zeit.“
Wie ich den Hang hoch stiefelte und mich daran machte, die Wiese zu verlassen, beäugte Bria mich misstrauisch mit dem einen, während sie mit dem anderen Auge das Heu am Boden maß und keinen Moment lang innehielt, davon zu mampfen. Da war ein wenig Furcht in ihrem Blick, ich wollte ihr das Heu vielleicht doch wegnehmen – ein wenig Mahnung auch, ich sollte es nur versuchen.
Grinsend verabschiedete ich mich von Kri und Emi und machte mich auf den Weg zum Kloster zurück. Ich wollte Petersan nicht warten lassen – auch wenn er weit geduldiger war als Betty – und rannte die Strecke.
Ohne die Bündel in den Armen war es, als wäre ich schnell wie der Wind, wie ich da unter der kahlen Bäume gierigen Ästen drunter durchsauste.
Petersans lange Gestalt wartete bereits im Hof auf mich, wartete anders als Betty nicht mit in die Hüfte gestemmten Fäusten, sondern überschlagenen Händen. Sorglos vor dem Bauch verschränkt. Überhaupt war Petersan selbst dann nicht ungeduldig, wenn er solche Schlussfolgerungen, die zu dröge waren, um gleich einleuchtend zu sein, ein zehntes Mal erklärte.
Er rührte sich erst, als ich bei ihm angelangt war und auch – vom Rennen erschöpft – wieder zu frischem Atem gefunden hatte.
„Gut, dass du so schnell gekommen bist“, grüßte er. „Betty hat dir Bescheid gegeben?“
„Ja. Es liegt zu viel Schnee auf dem Dach?“
Petersan grinste. „Wie der Schneefall der letzten Tage euer Eulen-Junges überrascht hat, so hat er auch uns überrascht. Eigentlich sollte ja so spät keiner mehr fallen, aber wenn nicht einmal die Tiere das Wetter sicher durchschauen können, können es meine Bücher wohl erst recht nicht.“ Er sprach weiter, während er sich umdrehte: „Komm mit. Wir müssen in Bettys Schuppen. Ich bin mir sicher, dass wir dort die alte Schaufel finden.“ Er drehte sich wieder zu mir um: „Aber kein Wort zu Betty. Sie nimmt es mir immer übel, wenn ich ihre Basteleien inspiziere.“
Ich folgte Petersan zum kleinen Schuppen – nicht ohne die Hoffnung, selbst einen Blick auf eventuelle neue Spielereien zu erhaschen. Bevor ich aber ins Innere lugen konnte, hatte Petersan schon eine Schaufel bei der Hand und streckte sie mir hin.
„Wenn auf dem Dach zu viel Schnee liegt und dann noch mehr Schnee dazukommt, droht es einzubrechen. Zumindest Teile davon. Am ehesten wäre wohl meine Bibliothek betroffen, also“ – er verließ den Schuppen, zog die Tür zu und schlug den Weg zum Kloster ein – „besteht kein Grund für dich, dich zu sorgen, aber um meine Bücher wäre es schon schade.“
Um die Bücher, die ich selbst eines Tages lesen wollte, begriff ich. Die hinterm Spitzfenster mit der Kerze lagerten, direkt unterm Dach.
In der Tat sah ich, als ich am Kloster hochblickte, den Schnee überm rauen Holz liegen. Die Planken waren sämtlich durchs silbrige Schimmern versteckt.
Unwillkürlich fragte ich mich, wie ich denn dort hinauf kommen sollte. Die Arme auszustrecken würde sicherlich nicht reichen.
„Wir gehen durch’s Kloster“, beantwortete Petersan meine ungestellte Frage. „Von drinnen kannst du auf’s Dach steigen, wirst dich dann am Dachfirst festhalten und so am besten den tiefer gelegenen Schnee hinunterstoßen.“ Er bemerkte meinen zweifelnden Blick. „Ich will es dir zeigen.“
Im Kloster passierten wir die Küche – aus der diesmal überhaupt kein Geruch drang; es würde Kohlsuppe geben – und stiegen eine schmale hölzerne Treppe empor. Hier oben fand sich alles Mögliche, was Petersan alleine vorbehalten war – viel mehr noch als nur die besonderen Bücher. Emi, Kri und ich kamen eigentlich nur hoch, wenn wir dazu aufgefordert wurden – selbst unseren Unterricht erhielten wir unten in der Kapelle.
„Du hast trittfeste Stiefel an?“, fragte Petersan, wartete kurz auf mein Nicken, ehe er sich im schmalen Flur nach rechts wandte. Hin zu seiner eigenen kleinen Bibliothek.
Hin zu derjenigen Bibliothek, die jene Bücher des Spitzfensters umfasste: jene Bücher, von denen ich gleich dachte, dass von ihnen sämtlicher staubig-erhabener Geruch ausgehen musste. Mein Herz schlug höher beim Gedanken, dass der Geruch niedergelassen zwischen den Seiten steckte und noch die Regalbretter drumherum belastete und also auch alle Bücher in ihrer Nähe zu Besonderem machte! Der den zu Papier gebrachten Gedanken derjenigen innewohnte, die über ihre Ideen und Erkenntnisse zauberten (und immer zaubern würden) – wie der Zauberer mit Kröte es mit seinem Stab zu tun behauptete.
Und auf diese Weise – das pflegte Petersan immer zu sagen, die Geschichte jedes Mal aufs Gleiche zu beenden –, können wir alle das Zaubern erlernen.
„Also“, begann er, während er aus der Decke eine Leiter ausklappte, „über diese Leiter hier kommst du aufs Dach. Bevor du ganz heraussteigst, hältst du dich mit der freien Hand am besten am First fest. Du solltest ihn ohne Probleme erreichen können. Dann suchst du dir mit den Füßen einen guten Stand und ja schubst mit der Schaufel den Schnee herunter. Ganz einfach.“
Ich wusste nicht so Recht, wie Petersan sich das genau vorstellte – aber sein frohgemutes Lächeln war aufmunternd. Probeweise löste ich die rechte Hand vom Griff der Schaufel und wog die Schaufel in der Linken. Sie wog leichter als gedacht.
„Das wird schon klappen“, erklärte Petersan aufmunternd. „Du bist etwas gewachsen, musst du wissen.“ Er drehte sich einmal im Kreis, so als suche er irgendwas, gab dann aber auf. „In einem der Bücher hier steht, dass diejenigen, die nicht in der Lage zu hören sind – da sie vermeintlich alles besser wissen – diejenigen sind, die sich für blöde halten sollten – was sie freileich nicht tun. Ein schönes Paradoxon, das sich daraus ergibt, aber die Idee des Autors ist: Veränderung wird nur in der Außenperspektive wahrgenommen, das heißt die eigene Veränderung kann einem selbst alleine durch Dritte zugänglich werden. Lass dir also durch mich sagen, dass du in der Tat gewachsen bist.“
Schön –
Irgendwie glaubte ich ihm ja. Und außerdem echote mir noch der furchtbare Schrei Kris in den Ohren und ich gedachte, ihn zu vertreiben, indem ich Mut bewies. Der Blick von der Kapelle abwärts ist ja auch viel unheimlicher.
Mein Mut begann gleich auf der untersten Stufe zu wanken, die nämlich ganz furchterregend knirschte. Von solcher Tiefe war ihr Knirschen, dass sich mir meine sämtlichen Haare aufstellten.
Schließlich – irgendwie – streckte ich den Kopf oben durch die Luke und raus aufs Dach. Ein eisiger Wind blies mir ins Gesicht und atmete mir sogleich mit beißendem Hauch vor, dass ich ganz und gar nicht willkommen war, blies mir Schnee entgegen – davon ein feines Wölkchen, das sich geschwind um mich herum verteilte und kalt in den Augen landete. Das Dach schien überhaupt völlig in Schnee gehüllt: Zur langsam abflachenden Seite hin wuchs die Schicht in die Höhe und zum First blieb immerhin ein silbriger Schimmer. Ich streckte die Hand aus zum First – und erreichte ihn.
Ich atmete auf.
Während ich vorsichtig die Schaufel nach oben zog, meldete sich Petersan zu Wort: „Ach ja: Schippe nicht allen Schnee vom Dach. Gerade so ein bisschen. Am besten bleibt eine gleichmäßige dünne Decke zurück. Durch nur etwas Schnee verbleibt die Wärme länger im Haus. Und jetzt gerade kann wirklich keiner sagen, wie lange wir noch mit diesem Frost zu kämpfen haben.“
Zu genau wusste ich: Es hätte längst wärmer werden sollen. Darüber beklagten sich Betty und Petersan tagein, tagaus – darin waren sie sich einhellig und bestätigten sich auch immer wieder, immer und ständig darüber sprechen zu müssen. Immer dann, wenn es auch Kohlsuppe gab. Und besonders seit wir das Eulen-Junge gefunden hatten.
„Und kannst du den First erreichen?“, fragte Petersan, nachdem ich den ersten Fuß irgendwie zwischen zwei Planken bekommen hatte. Glücklicherweise lag auf Höhe der Luke kaum Schnee, sodass ich einen halbwegs sicheren Stand hatte.
„Ich denke schon, ja.“
Er war eisig kalt. Trotz der Lumpen, die ich mir um die Hände gewickelt hatte. Und dringend musste ich noch den anderen Fuß nachziehen, wollte ich mir nicht den Arm verrenken. In diesem Moment aber wurde der Wind ein Problem: Auf den Versuch, den Fuß von der Leitersprosse zu nehmen und aufs Dach zu ziehen, heulte er auf und zerrte und zog wie wildgeworden an mir, dass ich mich erst panisch auf die Sprosse zurückfallen ließ, und dann nachsah, dass der Stiefel noch an meinem Fuß steckte, nicht etwa geraubt und weggeschleudert worden war.
In die ewige Tiefe dicker weißer Wolken herunter.
Mehrmals versuchte ich, den anderen Fuß nachzuziehen, mit immerzu stärker schlagendem Herzen – und jeden Versuch unterwarf der Wind fauchend.
„Komm, ich halte dich. Du kannst das.“ Petersan stand jetzt gleich unter mir – ich spürte ihn meine wackeligen Knie halten. Und ich vertraute ganz darauf, dass er – und sollte der Wind noch wilder werden und mich vom Dach zu zerren drohen, mit ganzer Gewalt vorgehend – mich festhalten würde.
Den Fuß brachte ich mehr schlecht als recht in einem Dreieck von schiefen Planken unter und schöpfte dann frischen Atem – während ich nur wartete, dass das Getöse um mich nachließ, während ich immer wieder kontrollierte, ob Petersans Hände mir weiterhin die schlotternden Knie hielten. Längst hatte ich kein Gefühl mehr in den Beinen: Längst waren sie bloße Eiszapfen, aufgeschürft vom Hin und Her des Windes. Und plötzlich dann brachte ein neuerlicher Kontrollblick die Angst: Petersan gab keinen Halt mehr. Obwohl mir die Beine so schrecklich zitterten! Selbst an stürmischen Tagen, wenn wirklich ein miserabler Tag fürs Wettrennen war, da der Wind von Süden wehte und uns den ganzen Weg zum Hinkel hin seine wüsten Flüche entgegenschleuderte, war es niemals so furchterregend gewesen, ihm standhalten zu müssen. Hier in der Höhe – mit wenig Stein, aber vielen Wolken unter den Füßen – schien es, als wäre er frei jeder Hemmung. Brüllte unerbittlich so fuchsteufelswild, mich hier auf dem Dach zu sehen.
Und mein Blick krallte sich, am Dach vorbei, in die schwindelmachende Tiefe.
Meine Hand steckte im First – und ich begann mit der Arbeit.
Löste erst meinen Blick und begann dann, die Schaufel zu nutzen, wie es eben angeraten war. Der Schnee ging mit donnerndem Geheule nieder – als begehrte der Wind nun noch stärker auf, als wollte mir die Natur selbst nahelegen, das mit dem Schneeschubsen lieber sein zu lassen und mich die Leiter bloß schnell, schnell wieder herunterzumachen. Der Wind müsste ja nur ein wenig an mir zupfen, einfach unter meine Hand fahren und einen Finger nach dem anderen lüften, dann schon könnte er mich nach Belieben schubsen, geradenwegs das Dach herunter.
In die ewige Tiefe dicker weißer Wolken.
Den Blick hielt ich starr geradeaus, erlaubte mir nur aus dem Augenwinkel nachzusehen, wie ich mit dem Schnee vorankam. Es ist ja nicht viel wegzuschaufeln ...
„Weißt du, als ich selbst diese Arbeit früher verrichtet habe“ – ich hörte Petersan sprechen und wie dankbar ich war, dass er nicht zum Lesen in seine Stube gegangen war! Ich konzentrierte mich ganz auf seine viel zu leise Stimme – „da war oft ein Vogel mein Begleiter. Eine Schwalbe. Glaube ich. Mit wunderschönem blauen Gefieder. Und sie beobachtete mich. Und so habe ich mir immer eingeredet, dass sie meinetwegen herbei kam.“
Unwillkürlich ließ ich meinen Blick schweifen, suchte die Schwalbe, bis ich mich an der weißen Tiefe erschreckte, dann mit Taubheitsgefühl in den Beinen, und Schwindelgefühl im Kopf erst einmal innehielt.
„Sie saß immerzu auf dem Dachfirst. Wachsamen Auges saß sie dort und“ – der Wind brüllte und zerriss die Stimme Petersans, schreckte mich auf, dass ich beinahe die Hand vom First gelöst hätte – ich klammerte mich nur umso fester daran. Das Brüllen des Windes verlor sich in einem leiseren Fauchen – „wenn ich mich dann an ihr vorbeischieben musste.“
Vorsichtig machte ich, dass ich weiterkam.
Löste die Füße nacheinander aus ihren sicheren Plätzen und schob mich weiter vorsichtig den First entlang. Fand neue Planken zum Verkeilen – die glücklicherweise kaum ächzten –, bevor der Wind erneut aufbrauste, mich in Panik zu versetzen.
Der Schnee musste auf der ganzen Länge entfernt werden: Ein Glück, dass das Dach nicht so lang wie breit war!
„Einmal“ – bitte sprich immer weiter, beschwor ich Petersan gedanklich –, „ich erinnere mich ganz genau, da kam sie erst, als ich schon so gut wie fertig war. Und da habe ich mich geradezu tierisch gefreut, als ich sie habe anfliegen sehen! Ich weiß noch, wie ich dachte: Dem Himmel sei Dank – ihr ist nichts zugestoßen. Ginet, ich habe mich wahrlich und tatsächlich um die Schwalbe gesorgt.“ Petersans Lachen klang klar und deutlich zu mir, erwies sich als stärker als jeder Wind. „In manchem Winter – ganz ähnlich diesem jetzigen sogar – ließ der Schnee ziemlich lange auf sich warten. Und selbst in solchen späten Wintern noch besuchte sie mich und dann ein anderes Mal“ – Stück für Stück schob ich mich das Dach entlang und schubste Schnee in die Tiefe, angekommen im neugewonnenen Rhythmus Petersans Erzählung – „saß sie ganz am Ende des Firsts.“
Auf den rauschenden Abfall des Schnees folgte ein Brüllen des Windes, das die Geschichte unterbrach und von mir wegriss, das, an- und abschwellend anhielt, und erst zwei weitere Stöße später ganz verging.
Ich begann jetzt, dem Fauchen des Windes mit Trotz zu begegnen; es war ein Spiel – und ein bisschen erfüllte es mich mit Stolz, ihm so zu widerstehen und alle Ängste einfach herunterzuschlucken wie brühwarme Milch. Sie das Dach herunter zu schubsen wie den störenden Schnee.
„Ich interpretierte ihr Verhalten als ein Signal an mich, an diesem besonderen Tag innezuhalten.“ Petersans Stimme wurde erst leiser, war dann kaum zu verstehen. Und zuletzt war da jäh Stille. Und ich bemerkte, dass ich fast schon am Ende des Daches angelangt war – noch vielleicht zehn Schaufeln Schnee. „Und ich hielt inne und ich ließ meinen Blick schweifen. Wirklich – das ist zwar jetzt schon lange her aber – zuvor habe ich nie hinunter gesehen, nie den Hof und die Welt überhaupt von oben betrachtet. Danach habe ich geglaubt, dass die Schwalbe mir vielleicht genau das von Beginn an hatte zeigen wollen: Wie ansprechend noch die kahlsten Bäume von oben aussehen, wie viel atemberaubender der Blick den Berg hinab ist als ein Blick, den ich von der Ebene aus niemals gewagt hätte.“
Ich schaufelte weiter und schob mich ganz ans Ende des Daches. Und mich über mich selbst wundernd, suchte ich die Schwalbe noch einmal: in der Weite des Himmels, in den Daunen der weißen Wolken – und schreckte diesmal nicht zurück.
Fünf Schaufelstöße lang wartete ich darauf, dass Petersan seine Geschichte fortsetzte. Dass er mir erzählte, was er den Berg runter denn so Beeindruckendes gesehen hatte.
Und wandte mich schließlich enttäuscht ab und stellte immerhin fest, dass ich endlich allen Schnee beiseitegeschafft hatte, dass das raue tiefbraune Holz nur noch von feinem silbrigen Staub bedeckt war und die Schneekörner sich gleichmäßig in den Fugen türmten.
Und dann – ganz von selbst – fiel mein Blick das Dach herunter. Und ich beugte mich ihm hinterher und sah ihm nach.
Er rutschte. Er rutschte an der Klosterwand entlang, den groben Stein abwärts, und stürzte dann noch tiefer, geradeaus hinab – stürzte noch tiefer als die weißen Wolken, die nämlich just auseinanderdrifteten, gerade bevor sie ihn auffingen. Und der dunkelgraue Nebel des Hinkels fehlte, ihn zu verschlucken, erkannte ich spätestens, als mein Blick plötzlich einen sicheren Halt fand: einen Platz im Gefieder einer stolzen Schwalbe, deren Flügel unmöglich waren, da sie den gesamten weiten Himmel zu umfassen schienen, und deren Flug unmöglich war, da sie mich nämlich mitnahm.
Da sie mich auflas aus der Luft und von der Flöckchen-Gischt der Schneewellen abschirmte, während sie mit zurückgestrichenen Flügeln – ganz nahe meinen Wangen! – am schneebewährten Hang entlang schabte, seinen silbrigen Glanz fürs eigene Gefieder stehlend.
Über eine aufgespannte Lichtung – grün bewachsen, tiefgrün bewachsen – trug die Schwalbe mich hinweg; in halsbrecherischen Kurven um harten Stein herum, immer näher zu einem gewaltigen See aus Eis hin, der in seiner Größe immer noch zunahm und machte, dass mir ganz schwindelig wurde, mir nämlich die schneegefärbten Bauchfedern der unmöglichen Schwalbe zeigte – ihre Schönheit in Mattheit gefangen.
