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Haenels Held, Jean Deichel, zieht mit dreiundvierzig Jahren in sein Auto. Er parkt seinen Renault 18 in der Pariser Rue de la Chine und blickt von dort aus auf seine Straße und die in ihr wohnenden Menschen. Lebensprojekte, Überzeugungen oder gar Visionen hat er schon längst nicht mehr. Doch was er sieht, empört ihn. Ein Clochard wird in ein Müllauto gekippt, zwei Afrikaner werden von der Polizei in die Seine gejagt. Der Schock über die Gesellschaft, in der er lebt, führt zur Abwendung von ihr: Jean Deichel schließt sich den «Bleichen Füchsen» an, einer Vereinigung von illegalen Immigranten aus Mali, und marschiert mit ihnen, verborgen hinter Dogon-Masken, um die Pariser Oper. Der Höhepunkt des Buches ist ein Akt zivilen Ungehorsams ... Ein sprachlich meisterhaft gestalteter Roman, ein radikaler politischer Text über die Festung Europa und über uns, ihre Bewohner.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2014
Yannick Haenel
Roman
Haenels Held, Jean Deichel, zieht mit dreiundvierzig Jahren in sein Auto. Er parkt seinen Renault 18 in der Pariser Rue de la Chine und blickt von dort aus auf seine Straße und die in ihr wohnenden Menschen. Lebensprojekte, Überzeugungen oder gar Visionen hat er schon längst nicht mehr. Doch was er sieht, empört ihn. Ein Clochard wird in ein Müllauto gekippt, zwei Afrikaner werden von der Polizei in die Seine gejagt.
Der Schock über die Gesellschaft, in der er lebt, führt zur Abwendung von ihr: Jean Deichel schließt sich den «Bleichen Füchsen» an, einer Vereinigung von illegalen Immigranten aus Mali, und marschiert mit ihnen, verborgen hinter Dogon-Masken, um die Pariser Oper. Der Höhepunkt des Buches ist ein Akt zivilen Ungehorsams ...
Ein sprachlich meisterhaft gestalteter Roman, ein radikaler politischer Text über die Festung Europa und über uns, ihre Bewohner.
Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel «Les Renards pâles» bei Éditions Gallimard, Paris.
Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2014
Copyright © 2014 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
«Les Renards pâles» Copyright © 2013 by Éditions Gallimard, Paris.
Umschlaggestaltung ANZINGER | WÜSCHNER | RASP, München
ISBN 978-3-644-04061-8
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Widmung
Motto
I
Eins Das Intervall
Zwei Der Papyrus
Drei 20. Arrondissement
Vier Die Selbstmorde
Fünf Ferrandi
Sechs Myriam
Sieben Wie ein Hund
Acht Sackgasse Satan
Neun Godot
Zehn Ecce homo cadaver
Elf Das Grauen
Zwölf Die Opfergaben
Dreizehn Polizeigewahrsam
Vierzehn Die Einsamkeit ist politisch
Fünfzehn Alles ist in Abenteuern
Sechzehn Godot kehrt zurück
Siebzehn Die Königin von Polen
Achtzehn Der Bürgerkrieg in Frankreich
Neunzehn Père-Lachaise
Zwanzig Der Griot
II
Für François Meyronnis
Überwindung des Kapitalismus durch Wanderung
Walter Benjamin
Damals wohnte ich in einem Auto. Am Anfang war es nur aus Spaß. Es gefiel mir, da, auf der Straße, zu sein und nichts zu tun. Ich hatte überhaupt keine Lust loszufahren. Wohin auch? Ich fühlte mich wohl unter den Bäumen in der Rue de la Chine. Das Auto stand gegenüber der 27 parallel zum Bordstein. Kirschblütenblätter wirbelten durch die Luft; sie verteilten sich sanft wie Schneeflocken auf der Windschutzscheibe.
Es war ein Sonntag, gegen zwanzig Uhr. Ich erinnere mich sehr gut daran, weil man mich an diesem Tag vor die Tür gesetzt hatte. Seit ein paar Monaten schaffte ich es nicht mehr, die Miete zu bezahlen; die Vermieterin hatte mich gemahnt, und dann hatte sie an jenem Morgen an die Tür geklopft; als ich nicht aufmachte, keifte sie, ich hätte bis zum Abend Zeit, ihr möbliertes Zimmer zu räumen. Ich war wieder eingeschlafen, mit einer Leichtigkeit, die mir heute ziemlich verrückt vorkommt. Damals legte ich keinen großen Wert auf das, was man zwischenmenschliche Beziehungen nennt; vielleicht hatte ich es nicht nötig, die anderen glauben zu lassen, dass ich lebendig sei.
Kurz und gut, ich lag den ganzen Tag im Bett rum, und am Spätnachmittag, als das Aprillicht mit seinen warmen Farben ins Zimmer kam, in dem Moment, wo man das Gesicht gern in den Sonnenstrahlen badet, sammelte ich meine Sachen zusammen. Es waren kaum drei Kartons mit Wäsche und Büchern und eine Grünpflanze – ein Papyrus, der mich schon lange begleitet.
Seit ein paar Monaten war ich ziemlich von der Rolle; mein Leben war unscharf geworden, irgendwie verschwommen. Ich ging nur noch nachts aus dem Haus, um im Eckladen Bier, Kekse und Zigaretten zu kaufen. Habe ich gelitten? Ich glaube nicht. In meinem Zimmer gab es einen Winkel zwischen Heizkörper und Bett, den ich ganz besonders mochte; dort machte ich es mir gleich nach dem Aufstehen bequem; es genügte mir, auf den Dielen zu sitzen, den Rücken in die Zimmerecke gedrückt. Dieser Winkel hatte nichts Besonderes, aber nachmittags gegen fünf erreichte ihn ein Licht, ein besonderes Licht, das mich glücklich machte, eine Art rot-orange-gelber Halo, der im Lauf der Stunden an der Wand entlang bis zu meinem Kopf wanderte, den er schließlich umkränzte.
Eine Flamme zerreißt die Linien; sie wendet eure Einsamkeit dem Lichte zu. Was geschah in jenem Zimmer mit mir? Schuf ich in mir schon den Raum für die bleichen Füchse? Ich weiß nicht, ob mein Leben auch nur den geringsten Sinn hatte, aber ich wartete jeden Nachmittag auf die Ankunft einer Aureole über meinem Kopf. Diese Erwartung füllte meine Tage, riss sie aus dem Gewöhnlichen, weihte sie geradezu.
Mir ist, während ich euch diese Periode meines Lebens beschreibe, ihre Seltsamkeit bewusst; übrigens dachten einige Freunde, ich steckte in einer Depression. Wer weiß? Manchmal erleidet man nur das, was man glaubte, zu begehren. Ich hatte kaum Geld, meine Arbeitslosenunterstützung wurde jeden Monat weniger, weil ich nachlässig war und die Formulare nicht ausfüllte. Aber ich fühlte mich in dieser Leere wohl. Ich hielt mich an meiner Aureole fest. Meine Untätigkeit war ein Experiment. Ich bereitete mich vor. Ich war, ich bin, ich bleibe immer abwesend, etwas fehlt in der Konsistenz der Welt, und ich identifiziere mich mit dieser Sache, die fehlt.
Nachdem ich die Fensterläden geschlossen und den Strom abgeschaltet hatte, trug ich an jenem Sonntag gegen zwanzig Uhr die drei Kartons nach unten und packte sie in den Kofferraum, dann warf ich die Wohnungsschlüssel in den Briefkasten, wie es die Vermieterin verlangt hatte. Keine Übergabe, nichts – ich hatte ohnehin keine Kaution bezahlt.
Ich war also auf der Straße. Man braucht nicht mehr als ein paar Tage, um abzustürzen; eines Abends wird dir bewusst, dass es zu spät ist. In meinem Fall war es noch nicht dramatisch: Ich hatte das Auto. Ich benutze es seit zwei Jahren, es gehört einem Freund, der in Afrika arbeitet. Ich passe darauf auf, bis er nach Frankreich zurückkommt.
Als ich ins Auto stieg, lächelte ich. Kirschblüten schwebten durch die Straße und wurden zu Seerosen auf der Windschutzscheibe. Es gab rosa und weiße, auch violette Lichtpunkte, die Ruhe der Einsamkeit im Abendlicht. Ich glaube, ich war erleichtert, eine Periode abgeschlossen zu haben. Ich mag neue Kapitel. Mit dem neuen Leben kommt etwas Erfrischendes, man könnte glauben, es helfe einem weiter. Auch wenn ich nicht wusste, was tun, klärte sich mein Leben, es öffnete sich – darauf kam es an.
Es war nicht das erste Mal, dass ich am Steuer sitzen blieb, ohne etwas zu tun. Sowieso bewegte ich das Auto nur selten. Es ist ein Kombi – ein riesiger R18 Break, ein wahrer Koloss: Wenn ich diesen Parkplatz verließe, würde ich nie mehr einen anderen finden. Außerdem ist das Parken in der Rue de la Chine gratis, sie ist eine der letzten Straßen in Paris, wo man nicht zahlen muss. Ich setze mich oft für ein, zwei Stunden ans Steuer, nur um nachzudenken. Jedes Mal, wenn ich ins Auto steige, löst sich etwas in mir; ich fahre nicht los, Leichtigkeit erfüllt meine Bewegungen, löscht sie allmählich aus, und ich schwebe. Ist das die Leere? Man ist da, und zugleich existiert man nicht mehr: Die Passanten streifen dich, sie sehen dich nicht, du bist unsichtbar geworden.
Auf jeden Fall öffnet sich am Steuer des Autos jedes Mal mein Kopf. Dann geschieht es. Was? Ich weiß nicht genau, aber wenn es geschieht, hast du das Gefühl, dass wirklich etwas mit dir geschieht; ansonsten geschieht nie etwas, nur das.
Hat es einen Namen? Niemand weiß, was in der Leere vor sich geht. Ich persönlich nenne es das «Intervall». Nicht einfach zu beschreiben: eine Aufwallung von Freude und zugleich ein Riss. Auch nicht einfach zu ertragen: eine Art starker Luftzug. Erstickt es, befreit es? Beides: Es ist, als würdest du in ein Loch fallen und dieses Loch würde dich tragen.
Zweifellos lag es an dem «Intervall», dass ich keine Angst hatte, als ich mich auf der Straße wiederfand. Ich hatte ja das Auto, aber vor allem hatte ich dank des Autos das «Intervall». Es war unumgänglich gewesen, dass ich früher oder später mein Zimmer gänzlich aufgeben würde, um im Auto zu leben.
Ich steckte den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn. In diesem Moment ging das Radio an. Es war genau zwanzig Uhr, es gab Kurznachrichten. Man verkündete den Namen des neuen Staatspräsidenten. Ich musste lachen, da, ganz allein. Wie hatte ich das vergessen können? Ich saß am Steuer meines Autos, das in der Rue de la Chine parkte, an einem Aprilsonntag, in Paris, in Frankreich. Und sicher wusste ich als Einziger nicht, dass an diesem Tag in Frankreich, in Paris und in allen Städten, in den Dörfern, überall, sogar in der Rue de la Chine, ein neuer Staatspräsident gewählt worden war. Ich konnte es nicht fassen. Was war nur mit mir passiert, dass ich nicht auf dem Laufenden war?
Natürlich hatte ich nicht gewählt – aber das war kein Vergessen: Ich hatte beschlossen, nicht zu wählen. Diese Entscheidung lag schon mehrere Jahre zurück, stammte aus einer Zeit, als das, was man in Frankreich «Politik» nennt, zu zerfallen begann, und zweifellos hatte das Eindringen des «Intervalls» in mein Leben mich noch bestärkt. Es ist nicht mehr denkbar, sich an irgendwas zu beteiligen, wenn sich alles in dir löst; die geringste Bindung erscheint dir absurd.
Es war also zwanzig Uhr, und im Radio hatten sie soeben den Namen desjenigen verkündet, den sie den «Neugewählten» nannten. Es gab alle möglichen Kommentare, dann hielt der «Neugewählte» eine Rede.
Sobald er anfing zu sprechen, hörte ich die Worte nicht mehr. Natürlich ging es wie immer um das «Land», die «Nation», die «Anstrengungen» und die «Arbeit», die alle Franzosen gemeinsam leisten sollten. Vor allem das Wort «Arbeit» wiederholte sich: Man müsse arbeiten, immer mehr arbeiten, nur noch arbeiten. Ich fragte mich, ob auch andere Arbeitslose zuhörten, wie der «Neugewählte» ein Loblied auf das sang, was sie nicht hatten und nie haben würden.
Denn die Arbeit, die er in seiner Rede als «republikanische Verpflichtung» darstellte, als «Wert», der, wie er sagte, imstande sei, «das Land zu retten», existierte schlichtweg nicht mehr: Man drängte uns zu arbeiten, obwohl es keine Arbeit gab. Alle Leute, die ich traf, waren entlassen worden, man hatte sie rausgeworfen, sie vegetierten dahin, weil man sie von der Arbeit ausgeschlossen hatte. Wenn also der «Neugewählte» das Wort «Arbeit» wiederholte und so tat, als sehe er darin die Lösung für alle Probleme, erinnerte er uns vor allem daran, dass wir, die einen wie die anderen, in einer Sackgasse steckten und dass es so leicht war, uns zu kontrollieren. Ich sagte mir: Es gibt die, die sich wegen der Arbeit umbringen, und die, die sich umbringen, weil sie keine finden – gibt es einen anderen Weg?
In meinem Fall war die Sache klar. Ich hatte lange in der Banlieue geschuftet, dann hatte ich mich dieser Sklaverei entzogen, heute wollte ich nicht mehr arbeiten. Meine Untätigkeit hatte die Form einer stillen Verweigerung angenommen; ebenso wie der Gedanke an Stimmabgabe in mir gestorben war, war auch der Gedanke an Arbeit verblasst, im Licht einer Aureole erloschen. Ich lebte lieber am Rand, mit wenig Geld, ohne jemandem etwas zu schulden.
Ich weiß, dass man die Untätigen als Parasiten ansieht. Der «Neugewählte» hatte soeben rundheraus allen den Krieg erklärt, die nicht jeden Morgen früh aufstanden, um zur Arbeit zu gehen. Für ihn waren das «schlechte Bürger». Er fand es unzumutbar, dass die Gesellschaft sie weiter unterstützte; so wurden Sozialhilfeempfänger, Minijobber und diejenigen, die ihre Arbeit verloren hatten, eben alle, die aus der Welt der Arbeit verjagt worden waren, in denselben Topf gesteckt.
Man will uns einreden, Arbeit sei die einzige Daseinsweise, obwohl sie das Dasein derer zerstört, die sich ihr unterwerfen. Wer sich vorstellte, dank einer Arbeit zu überleben, fragt sich jetzt, wie er die Arbeit überleben soll. Und wenn jeder mit seinem eigenen Gehorsam Schluss machen, in seinem Leben die verdammte Gewohnheit zu gehorchen durchbrechen könnte? Endlich würde ein Generalstreik ausbrechen und das Land in Aufruhr versetzen. Mit zwiespältiger Freude stellte ich mir vor, wie Frankreich im Chaos versinken würde.
Die Rede des «Neugewählten» ging weiter, aber ich konnte nicht mehr zuhören. Hinter jedem seiner Worte schmerzte etwas – eine Art dumpfes Getrappel, als würde sich die Sprache verzerren. Etwas krachte, die Zahnräder waren abgestumpft oder schlecht eingestellt. Ich dachte: Die Republik Frankreich knirscht mit den Zähnen.
Ich machte das Radio aus. Der Kirschbaum vor der Nummer 27 öffnete seine Äste für die Blüten, die davonflogen. Ich stieg aus dem Auto und steckte meinen Kopf in den Blütenstrom. Das Gesicht den Kirschbaumästen zugewandt, schloss ich die Augen und atmete tief: Die Blüten liebkosten Wangen, Stirn und Mund. Ich lächelte auf der Straße, von Blüten überschwemmt, an einem Frühlingssonntag. Meine Freude war grenzenlos. Ich dachte an den Ausdruck «Neugewählter». War nicht eher ich, aus meinem eigenen Leben ausgestoßen, der Erwählte?
Genau in diesem Moment, kurz nach zwanzig Uhr, habe ich beschlossen, im Auto zu leben. Ich spürte, dass ich genau das zu tun hatte: im Auto bleiben, das Kommen des «Intervalls» abwarten und dann zuhören. Hören, was unter den Worten lag, lange zuhören – die Ohren für das öffnen, was geschah. Es fing gerade erst an, und ich hatte Zeit.
In der ersten Nacht habe ich nicht geschlafen. Ich war aufgeregt wegen all der neuen Dinge, die sich einem darbieten, wenn ein neues Leben beginnt. Ich genoss selbst die kleinste Nuance meines Einzugs ins Auto, als hätte man mir die Tore zu einem Palast geöffnet.
Nachdem ich die Kartons im Kofferraum verstaut hatte, ging ich im Eckladen einkaufen: eine Flasche Wein, Thunfisch, Kekse, Schokolade, einen Sechserpack Mineralwasser. In Reichweite, auf den Beifahrersitz, legte ich das, was ich brauchte: Zahnbürste, Zahnpasta, Medikamente, Stift, Heft, Taschenlampe, alles in einer Keksdose aus Blech. Und auf die Rückbank legte ich eine Decke und ein paar Kleidungsstücke. Alles andere würde man später sehen.
Ich zündete mir eine Zigarette an. Durch das offene Fenster atmete ich die Milde des Abends ein. Der Duft der Kirschblüten und der Glyzinie, der aus einem Garten an der Ecke zur Rue Villiers-de-l’Isle-Adam kam, erfüllte die Luft. Es war ruhig, niemand auf der Straße, ein Wahlsonntagabend.
Mir gefiel die Vorstellung, am Steuer eines Autos zu sitzen, ohne loszufahren. Ich fand das besser als eine richtige Reise. Und außerdem, lag in dieser Phantasie nicht etwas, das an die Kindheit mit ihren Baumhäusern erinnerte? Ihr habt es verstanden: Ich war zufrieden. Es gibt für jeden von uns einen Punkt der Ekstase, der uns in wilde Freude versetzt, auch wenn die Welt zerbricht. An diesem Punkt lebte ich.
Natürlich war mir bewusst, dass mir das Leben in einem Auto sehr schnell einige Unannehmlichkeiten bereiten würde. Wo sollte ich mich zum Beispiel waschen? Diese Frage hatte ich noch nicht in Betracht gezogen. Ich machte mir keinerlei Illusionen über den mangelnden Komfort und auch nicht über die reale Unmöglichkeit, in einem Auto zu schlafen. Aber an diesem Abend kam es nicht in Frage, meinen Sorgen nachzugehen – die Freude hatte Vorrang.
Und dann konzentrierte ich mich auf den Papyrus, den ich auf dem Bürgersteig stehen lassen musste: Seine Halme waren zu hoch, um ins Auto zu passen. Ab und zu warf ich ihm einen Blick zu, um mich zu vergewissern, dass man ihn mir nicht gestohlen hatte. Dieser Papyrus erfüllt mich mit freundschaftlichen Gefühlen. Ich mag seine Schlankheit, seinen vertikalen Stolz. Er erinnert mich an die Skulpturen von Giacometti, jene langen, scharfen Gestalten, die sich auf einem Seil fortzubewegen scheinen. Wie sie, kommt auch er von anderswoher: Seine Eleganz entfaltet sich in einer Welt, die unserer Verrücktheit fremd ist.
Während ich den Papyrus anschaute, sagte ich mir: Er hält sich selbst – mach es wie er, sieh deine Einsamkeit als Adel an. Lass dich nicht beugen oder vom Gegenwind beeindrucken. Trink in der Wüste, sie wird ihren Tau für dich aufsteigen lassen.
Ich schloss die Augen, glücklich bei der Vorstellung, einen Gefährten in der Einsamkeit zu haben. Dann schreckte ich wieder auf. Stand der Papyrus nicht zu weit weg vom Auto? Wenn jemand durch die Straße kam, würde er ihn sicher mitnehmen; so ein verlassen auf der Straße stehender Papyrus muss einfach Begehrlichkeiten wecken. Die Leute benutzen doch so etwas, um ihr Wohnzimmer zu schmücken.
Sogleich stieg ich aus, um einen besseren Platz für ihn zu finden. An der Hauswand, warum nicht. Da stand er am Rand, niemand würde auf ihn achten. Aber es sah aus, als wartete er auf die Müllabfuhr, wie ganz gewöhnlicher Abfall. Näher, das war besser, da konnte ich ihn leichter überwachen. So aber versperrte er den Bürgersteig, man sah nur noch ihn. Ich stieg mehrmals aus dem Auto, um seine Position zu verändern; keine war zufriedenstellend. Am Ende stellte ich ihn direkt an die hintere Autotür, seine Blätter pressten sich ans Auto, einige kamen bis zu meinem Fenster, wie ein Tier, das sein Herrchen anfleht, es einzulassen.
Die Nacht brach an. Als ich sah, wie sich der Himmel hinter den Hochhäusern des Saint-Blaise-Viertels ganz allmählich rot färbte, wurde mir bewusst, dass ich seit Monaten, vielleicht seit Jahren, keine Dämmerung mehr gesehen hatte. Diese Schlichtheit hatte ich verloren. Ich riss die Augen weit auf, als wollte ich mich auf eine Beute stürzen.
So hat mich das Schauspiel dieser ersten Abenddämmerung durch die Windschutzscheibe hindurch aufgerüttelt. Jedes Mal, wenn die Sonne untergeht, wünsche ich mir nur eins: der vernünftigen Welt ein Ende zu machen. Ich möchte zu dieser Weite von Sternen gleiten, die am Himmel lachen und sich an der Dichte der Dämmerung berauschen. Bis zum Nichts will ich dieses rote und schwarze Funkeln trinken. Nur die Trunkenheit der Sterne entreißt mich der Schwere der Erdkugel.
Ich habe es schon gesagt: In jener ersten Nacht habe ich kein Auge zugetan. Ich hatte den Sitz ein Stück nach hinten geschoben, um die Beine auszustrecken, und die Lehne runtergestellt, um meinen Nacken anzulehnen. Ich hatte mich in den Mantel gewickelt, den ich Sommer wie Winter trage. Ich rauchte und dachte an nichts. Oder vielmehr doch: Ich dachte an einen Satz, den eine Sachbearbeiterin im Arbeitsamt zu mir gesagt hatte, als sie erfuhr, dass ich kein Telefon habe: «Sie dürfen aber nicht unerreichbar sein!» Jetzt, wo ich keine Adresse mehr hatte, war ich gänzlich unerreichbar.
Und dann dachte ich an die Stadt um mich herum, die sich in ihrer Reglosigkeit verbrauchte: War sie nicht lange Zeit die Hauptstadt des Protests gewesen? Die Erinnerung an Guy Debord und die Situationistische Internationale schoss mir wie ein brennender Komet durch den Kopf. Sie waren die Letzten gewesen, die dem Wort «Revolution» in Frankreich einen Sinn verliehen hatten – sie als echte Freiheit zu erleben. Seitdem hatte sich alles völlig beruhigt, keine Seele brannte mehr. Die Politik war zugleich mit der Poesie gestorben. Der Verzicht hatte von der Stadt Besitz ergriffen, in der sich allmählich jeder mit seinen Kompromissen abfand und Begehrlichkeiten simulierte, die nicht mehr als traurige Konsumentenreflexe waren.
Dabei reichte so wenig, um die Lunte wieder anzuzünden. An diesem Abend brannte die Zeit so stark, dass die Straßen bebten. In diesem Beben sah ich ein Vorzeichen: War es nicht die Ankündigung, dass die Zeit wiederkehrt? Die unbeugsamen Momente einer ungelösten Geschichte kehren immer zurück, wie Wiedergänger; und das, was wiederkommt, ist die Chance für eine neue Epoche.
Hatte ich vielleicht durch meinen Einzug ins Auto ein wenig Fieber und davon diese Illusionen, die sich so leicht einstellen, wenn man allein ist? Keineswegs: Dieser Aprilsonntag klärte die Dinge, das war alles. Während ich dem «Neugewählten» zugehört hatte, hatte ich begriffen, dass der Ruin nur davon träumt, sich auszubreiten, um sich an sich selbst zu rächen, und dass unter den Lügen der aufeinanderfolgenden Regierungen, hinter ihren Erklärungen, in denen sich der Hass nicht einmal zu tarnen suchte, immer noch und für immer der alte Traum pulsierte, die ganze Welt gleichzuschalten, Paris und seine Banlieues, die einen so bösen Geist in sich trugen, zu vernichten – endlich alles zu zerstören, was sich nicht kontrollieren ließ.
Ich drückte auf den Knopf am Handschuhfach. Die Klappe öffnet sich mit einer Langsamkeit, die mir gefällt. Ein bläuliches Licht geht automatisch an. Es wacht über meine Einsamkeit, bezeugt in gewisser Weise mein Dasein. Seid ihr sicher, dass ihr existiert? Findet ihr es normal, am Leben zu sein? Ich nicht. Ich nehme meinen Herzschlag nicht als Beweis: Existieren ist etwas mehr als der Verbrauch der 750 Gramm Sauerstoff, die ein Körper jeden Tag benötigt. Dieses winzige blaue Leuchten in der Nacht hingegen existiert auf unbestreitbare Weise und verschafft mir ein Empfinden, das meiner Existenz jenen Funken verleiht, den ihr anscheinend alle rauben wollen.
In dem Handschuhfach lagen die Autopapiere, ein Stadtplan von Paris und ein Buch, Warten auf Godot, sicher von meinem Freund in Afrika hier vergessen.
