Die blinde Passagierin - Adrian Klahn - E-Book

Die blinde Passagierin E-Book

Adrian Klahn

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Beschreibung

Eine blinde Passagierin? Die Reise aus dem Schattenleben ins Panama des Jahres 1952. Atemberaubend. Bunt. Verwegen. Im Bauch eines Frachtschiffes gelingt einem Mädchen mit sonderbarem Aussehen die Flucht vor dem einzigen Menschen, den sie liebt. Dafür muss Fenia nicht nur das Berliner Antiquitätengeschäft namens Seinerzeit zurücklassen, sondern auch der Bitte ihres toten Vaters nachkommen, der in einem Brief etwas schier Unmögliches verlangt. Nicht nur die lebendige Ladung und Fenias Verfolger treiben sie bis an die Grenzen. Denn sie spürt, weit draußen hinter waghalsigen Abenteuern liegen Antworten und vielleicht auch ein Wunder, das über alles Vorstellbare Hoffnung macht… -eine Geschichte die Sie nach Hause bringt.

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Adrian Klahn

Die blinde Passagierin

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Seinerzeit

Einstein

Schwarzer Kolibri

Ressentiment

Pro Mundi Beneficio

Das achte Weltwunder

Leuchtturm

Der einzige Gast

Epilog

DANKE

Zum Autor

Impressum

Impressum neobooks

Prolog

Die blinde Passagierin

Adrian Klahn

1954

Hätte sie gewusst, dass sie für einen Tag nicht nur bedeutsam, sondern sogar der wichtigste Mensch der Welt sein würde, nie hätte sie an sich gezweifelt.

Erst als ihre Nasenspitze auf den Beckenboden tippte, konnte sie das kalte Wasser an den Wangen, sowie den Augenlidern spüren und einen Moment lang wollte sie für immer hierbleiben und nie mehr nicht wissen was zu tun wäre. Und als sie den Kopf aus dem Waschbecken hob und sich im Spiegel sah, wusste sie, was sie mit ihm anstellen würde…

Im selben Moment fuhr ein Polizeiwagen über die Wiese, der direkt vor der Tür des Mietshauses hielt. Es ist so weit.

Als Credo öffnete blickte sie in das Gesicht eines breitschultrigen Wachtmeisters.

Ohne ein Wort legte der schnauzbärtige Mann der jungen Frau Handfesseln an und führte sie zum Wagen.

„Fräulein hat uns schon erwartet“.

Sein Kollege musterte die junge Frau.

„Fräulein? Haste nachjesehen? Mit dem Bubikopf könntet och ´n Bengel sein.“

Worauf hin der andere ein müheloses Lachen ausstieß.

Credo unternahm keinen Fluchtversuch und wirkte gefasst, doch unter ihrer Maske waren die Nerven gestrafft.

Blitzschnell zog der Schnauzbärtige der Frau einen Sack über den Kopf bevor er sie auf die Rückbank stieß.

„Mach los, wir essen zeiteh.“

Während ein wolkenfreier Himmel Sonnenstrahlen auf der Stadt ausbreitete, raste der schwarze Mercedes 170D über die Frankfurter Allee. Nur an den Schlammstreifen der Radkästen ließ sich erahnen, dass hier kürzlich ein Unwetter tobte.

Da man sich keine Mühe gemacht hatte die Gefangene am Sitz zu fixieren, wurde Credo bei jeder Kurve über die Bank geschleudert, sodass sich ihr Kopf am Fenster abfing. Der Wachtmeister auf dem Beifahrersitz ließ Credo nicht aus den Augen, da er wusste, dies war keine gewöhnliche Festnahme. Er beobachtete sie durch den Rückspiegel als könne sie jede Sekunde aufspringen und den Polizisten von hinten eine Schlinge um den Hals legen.

Doch daran konnte sie nicht mal denken. Credo kämpfte schon jetzt mit den ersten Stirntropfen, die die Hitzewallungen unter dem muffigen Sack verursachten, denn für Mitte April war es ungewöhnlich warm in Berlin. Außerdem trug sie eine Jacke.

Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lang und so trafen die Drei schon sechzehn Minuten später am Parkplatz der vermeintlichen Polizeiwache ein. Es schien so, als sei sie nicht der einzige Gast mit dem man ruppig umsprang, denn kaum öffnete sich die schwere Tür des Mercedes, hörte sie wirre Rufe und sowas wie Tiergeräusche aus dem Inneren des Gebäudes dringen.

Als die junge Frau vom schnauzbärtigen Hauptmann übergeben wurde, packte sie ein nach Schweiß riechender Kerl am Arm, um sie über einen gebohnerten Gang im Gebäude zu führen. Durch den Sack drangen nur vereinzelte Lichtfetzen. Während sein beleibter Körper bei jedem Schritt mitschwang und ungewollt an ihrem Arm rieb, hörte Credo aus einem der hinteren Räume, den Song Peggy Sue.

Vermutlich führte der Dicke das Mädchen in einen Verhörraum. Schroff befahl er Platz zu nehmen als er Credo mit den Handschellen hinter dem Rücken am Stuhl fest machte.

„Der Kommissar kümmert sich gleich um Sie.“

„Kann ich was trinken, bitte?“

fragte sie vorsichtig, woraufhin der Dicke sie ironisch ansah.

„Hört an, der Knabe hat Durst. Klar doch, bei uns ist der Kunde König. Sonst noch wat?“

„Pass auf was Du sagst“, zischte sie in den Raum hinein, da sie ihr Gegenüber immer noch nicht sehen konnte und nur ein kleines Licht der Tischlampe durch den Jutesack schimmerte. Mit gespielt besorgter Miene, die sie nicht sehen konnte, drehte er eine Runde um den Tisch und griff nach einem Gegenstand. Als der beleibte Wachtmeister auf Credos Höhe angekommen war, holte er aus und schlug ihr eine Akte an den Kopf, sodass Credo mit dem Stuhl zu Boden platschte, wie ein Sack Kartoffeln. Der Mund schmeckte nach Rost. Dann richtete er sie wieder auf, zog Credo den Sack vom Kopf und verließ den Raum.

Gläsern sah sie rüber zum Spiegel, hinter dem sich wohl ein weiteres Zimmer befand. Von diesem Zimmer wiederum sah der kahlköpfige Kommissar zurück durch die Scheibe in den Verhörraum, in dem eine schlanke Frau mit kastanienbraunem, kurzem Haar in einer Flieger-Lederjacke saß.

Credo hatte viel gelitten und beinahe wäre sie ein düsterer Mensch geworden, doch ab jetzt wusste sie, dass alles so kam wie es musste.

„Ich habe weder Zeit für Ihr Schauspiel noch für Gefühlsausbrüche, Fräulein Credolan“, raunte Charlie Montag als er das Zimmer betrat. „Credolan, Fenia, das ist doch Ihr Name? Ungewöhnlich für eine Deutsche. Woher stammen Ihre Eltern?“

Fantasielos starrte sie auf ihre verschmierte Hose und fühlte das warme Blut, welches immer noch aus der Nase ran.

Nicht auf eine Antwort hoffend redete der Kommissar weiter:

„Sie haben zwei Möglichkeiten, Fenia. Entweder Sie erzählen mir, was Sie mit Herrn Alasker gemacht haben, wo sich die Leiche befindet und wer ihre Komplizen sind oder sie sitzen die nächsten Jahre ein, ohne den Hauch einer Chance auf Freigang. So wie ich das sehe, steh´n Sie mit dem Rücken zur Wand, …ein alleinstehendes Fräulein, das Bluejeans trägt, ohne Familie, mit eigenen Erwerbsquellen. Sie werden bei Gericht keine Glaubwürdigkeit beziehen. Dr. Alasker ist ein anerkannter Mediziner mit besten Kontakten, glauben Sie ja nicht, dass so ein Fall geradewegs zu den Akten kommt. Also sparen Sie sich die Ausflüchte und kommen mir bei den Ermittlungen entgegen.“

Der Kommissar nahm ihr die Handschellen ab, zog ein Stofftaschentuch aus seiner Weste und ließ es in ihren Schoß fallen.

Credo bemühte sich nicht ihre Nase abzutupfen, sondern ließ die Arme unter dem Tisch, blickte auf und sagte mit zitternden Händen: „…wo er ist kann ich Ihnen sagen. Und auch was ich mit ihm gemacht habe. Allerdings ist die Wahrheit an eine Bedingung geknüpft.“

Auf die Faust des Kommissars, die gerade auf dem Tisch gelandet war, reagierte sie mit einem Zucken. Tief Luft holend zückte er dann eine Schachtel Zuban aus der anderen Westentasche. Einen Moment lang sah er hinüber zum Spiegel als würde er darin noch etwas anderes sehen, als nur sich selbst. Dann entnahm er dem Softpack eine Filterzigarette und zündete sie an.

„Glauben Sie nicht, dass Sie in der Position sind Forderungen zu stellen. Der Richter ist nicht zimperlich mit Leuten, die nach den Luxusgütern rechtschaffener Menschen schielen.“

„Das denken Sie? Dass es um materielle Dinge geht?“ erwiderte Credo wütend.

„Wenn Sie so denken, sind Sie dümmer als ich dachte! Der einzige Mensch, der in dieser Geschichte ein rechtschaffener Mensch ist, bin ich, Herr Kommissar. Und jetzt lassen Sie mich laufen oder Sie werden nie erfahren, was mit ihrem Dr. Saubermann passiert ist.“

„Wollen Sie Ihr Spielchen wirklich fortsetzen, Fräulein?“

„Für Sie FRAU Credolan.“

„Sieh an, sind wir jetzt verheiratet?“ gab Kommissar Montag zynisch von sich.

„Ich brauche keinen Mann um als Frau anerkannt zu werden.“

Charlie Montag nahm seinen Bleistift zur Hand als er ihr gegenüber Platz genommen hatte und machte Notizen auf seinen Unterlagen. Credo beugte sich aufmerksam vor, um mitlesen zu können.

Alter des Tatverdächtigen: 27

Burschikoser Typ.

Mögliches Motiv: Ausgeprägter Hass auf das männliche Geschlecht. 

„Machen Sie sich nicht lächerlich, Herr Kommissar. Oder soll ich Sie Charlie nennen? Charlie, ist das eigentlich ein gängiger deutscher Name?“

Charlie Montag lief um den Tisch des Verhörzimmers herum und krallte sich mit seiner rechten Hand in ihr kurz geschnittenes Haar, sodass er ihre Schweißperlen ganz deutlich auf der Nase sehen konnte. Dann flüsterte er:

„Meinen Sie etwa eine Pferde-Lederjacke und Ihr rotziger Ton genügen, um in der Männerwelt bestehen zu können?! Glauben Sie das?“

Lange blickte ihr Kommissar Montag in die Augen. Beinahe etwas zu lang oder wenigstens von solcher Dauer, dass Credo irritiert war. Dennoch wich sie nicht zurück.

„Was ich glaube, wollen Sie gar nicht wissen, was ich weiß ist was Sie interessiert. Und das werde ich Ihnen sagen. Am kommenden Sonntag, zwölf Uhr. Dreifaltigkeitsfriedhof. Ich weiß, dass der Senat Dr. Alasker etwas schuldig ist nachdem was er für diese Stadt getan hat. Aber glauben Sie mir, Sie wissen nicht mit was für einem Menschen Sie es zu tun gehabt haben. Ich führ´ Sie zu den Forschungsunterlagen, auf die Sie in Wirklichkeit ein Auge geworfen haben. Und auch zu den prekären Dokumenten mit all den wichtigen Namen. Am Sonntag dann werden Sie auch ihn kriegen, oder was von ihm übrig ist, sollte er Ihnen dann überhaupt noch nützlich sein.“ 

„Verstehe, Sie machen also ein Geheimnis draus. Vielleicht wollen wir mit einem leichteren Thema einsteigen und Sie sagen mir was Sie mit dem alten Schlitzauge zu tun haben, das wir halbtot geprügelt gestern auf der Müllkippe gefunden haben und der nichts außer ihrem ungewöhnlichen Namen von sich gab, bevor er abtransportiert wurde?“

Credo spürte einen dumpfen Schlag in ihrer Magengrube, wobei sie niemand berührt hatte und sie musste sich anstrengen sich nicht auf dem Verhörtisch zu übergeben.

„Wenn ich rauskriege, dass Sie was damit zu tun haben…“ zischte sie, „...mach ich Sie fertig! Ich wusste, dass man Euch nicht trauen kann. Sobald ich wieder aus dieser Wache raus bin…“ unterbrach sie sich selbst als sie das Lächeln des Kommissars bemerkte.

„Aber gnädiges Fräulein, wie kommen Sie denn darauf, dass Sie sich auf einem Polizeirevier befinden? Sie sind in der geschlossenen Abteilung der Nervenheilanstalt Lichtenberg, die Sie, in den nächsten zwanzig Jahren, mit Sicherheit nicht verlassen werden.“

Nur ihr Glaube verlieh Credo nun die Kraft durchzuhalten, weil sie etwas wusste, an dass die Meisten nicht einmal zu glauben wagten. Antworten, die eine Wahrheit enthielten, die sie vielleicht mit ins Grab nehmen würde.

Seinerzeit

1952

Albert und Credo setzten sich an einen Rundtisch im Lokal am Schauspielhaus, welches sich in einer dunklen Gasse am Hinterausgang des Theaters befand. Am Eingang der Bar war ein großes Schild an die Tür genagelt.

„Eintritt in Lederwesten, Bluejeans und unordentlicher Kleidung NICHT GESTATTET!“

Zu den Freunden des gepflegten, blondgelockten Albert zählten renommierte Schauspieler, aber auch etablierte Künstler der Berliner Szene. Ihnen war es wohl geschuldet, dass Albert Alasker sich in diese dunkle Bar verirrte. Auch Politiker gaben sich gern mit ihm ab, mieden das Ambiente doch, da man oft eine zu lockere Zunge pflegte und hier auch Bühnenarbeiter verkehrten. Noch unangenehmer als die jedoch war die Presse, die immer auf der Suche nach einer vernichtenden Story war.

Credos Verlobter nickte rüber, zu dem bekannten Psychiater John Pfeffer, der mit einem Martini-Glas neben einer Wachsfigur von Buddy Holly stand, die wiederum ein Elvis-Mikrofon in der Hand hielt.

Zu Pfeffer schien Albert eine lockere und unklare Beziehung zu haben, die nach außen als Freundschaft deklariert wurde, allerdings oft so wirkte als stünde etwas zwischen ihnen.

Albert Alasker begrüßte seine Bekannten zurückhaltend, wie es sich seiner Meinung nach gehörte. Dennoch strahlte Alasker wie immer Präsenz und Energie aus, die die meisten Menschen als anziehend empfanden, und nur böse Zungen als Aura des Getrieben-Seins beschrieben.

Der renommierte Mediziner gab Credo einen vorsichtigen Kuss auf die Wange, gefolgt von einem charmanten Lächeln. Woraufhin sie ihm einen vielsagenden Blick zuwarf, sich seinem Ärmel zuneigte und lang an ihm roch. Albert aber entgegnete entsetzt:

“Hier?“

Sie bestätigte durch eine leichte Kopfbewegung. Worauf Albert ihre Lust mit einem „dafür könnten wir verhaftet werden“, ausbremste. Als sich die Blicke von ihnen abwendeten flüsterte er ihr ins Ohr.

„Kannst froh sein, dass wir uns in ´ner Kaschemme befinden, Süße und Deine knabenhafte Kleidung nicht auffällt.“

Während sie damit beschäftigt war sich den Schmerz, den seine Worte verursachten, nicht anmerken zu lassen, wendete er sich ab, um mit den Herren am Tisch über seine Arbeit zu sprechen.

Zu ihnen hatten sich zwei modische Mädchen gesellt, die in Albert nur zu gern einen Junggesellen sahen. Die noch jüngere blickte Credo abschätzig an und raunte ihrer Freundin zu.

„Ich frag´ mich, was sie überhaupt zu bieten hat. Ihr graues Gesicht kann´s nicht sein. Was findet ´n Mann mit Namen wie er nur an einer wie der?“

„Er soll ja einer sein, der dabei das Licht ausmacht.“ Antwortete die Ältere flüsternd.

„Vielleicht schämt er sich für seine Lustmuskete.“

„Er schämt sich eher für sie.“

Kicherte die andere.

„Er hat ja eine schon großartige Karriere hinter sich.“

„Und sicher eine noch größere vor sich. Vielleicht macht er eines Tages Politik.“

„Ich bin sicher er ist schon dabei.“

Die Nase rümpfend stierte Credo in ihr Glas bis sie laut sagte. „Tja, oft sieht das Hamsterrad von innen aus wie ´ne Karriereleiter.“

Was die Übrigen in der Runde zum sofortigen Schweigen brachte.

„Vielleicht habe ich nie einen Beruf gelernt. Die einzigen Menschen, die mir was beigebracht haben waren die, die mich geliebt haben. Ich bin nicht klug, aber eins kann ich mit Sicherheit sagen. Ich habe wahrhaftig geliebt. Ich habe mich nie verstellt und vorgetäuscht jemand zu sein der ich nicht bin. Das ist wahrscheinlich mehr als Ihr Schnepfen jemals von Euch behaupten könnt.“

Dass Albert Alaskers Hand, die für einen Mediziner ungewöhnlich kräftig war, in diesem Augenblick ihren Oberschenkel zusammenpresste, ignorierte Credo gekonnt.

Da lenkte das ältere Mädchen kampfbereit ein.

„Dass sie wahrhaftig geliebt hat glaub ich ihr auf´s Wort. Ein Blick auf dieses Kostüm oder wie man die Bluejeans mit dem Obenrum nennt, zeigt eindeutig, an welches Geschlecht sich ihre Liebe richtet.“

„Und wenn schon? Wo ist das Problem?“ schoss Credo zurück, die entsetzten Blicke am Tisch ignorierend und fuhr fort.

„Von Anbeginn der Menschheit existiert Liebe unter Frauen und Männern. Wollt Ihr jetzt darüber richten? Außerdem, was bleibt manchen denn übrig beim Frauenüberschuss in der BRD?“

Als ein Raunen durch die Menge ging. Doch bevor Albert Gelegenheit bekam wütend zu werden, lenkte John Pfeffer ein. „Also bitte, Kinder. Alle hier wissen, dass Fenia mit Albert liiert ist und kein Interesse hat an solchen Dingen.“

“An solchen Dingen?“ Wiederholte Credo. „Der springende Punkt ist doch, dass Leute wie Ihr, Angst vor Frauen und Männern haben, die das gleiche Geschlecht lieben, obwohl es Euch eigentlich kalt lassen dürfte. Außer natürlich Ihr liebäugelt damit das Ufer zu wechseln. Wenn´s nach Euch ginge würden sie vermutlich auch den Demokratischen Frauenbund verbieten.“ „Oh hört, der Demokratische Frauenbund, Gleichberechtigung…, ist das nicht der Verein von denen die keinen abkriegen?!“, lachte die eine.

„Ist lesbische Betätigung nicht gesetzlich verboten?“

wollte die ältere wissen.

Wieder ging ein Raunen durch die Menge. Die jüngere fügte verächtlich hinzu:

„Das musst Du unsere vermännlichte Neunmalkluge hier fragen.“ Wieder ein, „Kinder, bitte!“ von John Pfeffer.

„In Eurer Überheblichkeit und Geringschätzung merkt Ihr dummen Gänse nicht, wie Ihr Euch an der Unterdrückung der Frau beteiligt. Und in all der Aufgesetztheit und dem Stumpfsinn fällt Euch gar nicht auf, dass Ihr ohne männliche Begleitung nicht mal ein Bier in dieser Bar trinken dürftet.“

„Schluss mit dem Blödsinn!“

rief dann Albert Alasker, der nur selten laut wurde und eigentlich immer den Eindruck hinterließ, er wäre die Selbstbeherrschung in Person.

Seitdem es Fenia Credolans Vater nicht mehr gab, gab es nicht viele denen sie vertraute. Die meisten Frauen mochten sie, hatten jedoch zu großen Respekt vor ihren Ehemännern, um in deren Anwesenheit mit Credo zu sprechen. So sprachen sie Credo, die hinter vorgehaltener Hand als Suffragette beschimpft wurde, nur an, wenn sie Einkäufe erledigten oder allein waren, während sich die Gatten in Kitty´s Varieté-Show vergnügten. Albert zollte man Respekt, auch wenn seine Lebensgefährtin sonderbar zu sein schien und niemals Kleider tragen wollte. Von wem aber hätte Credo lernen sollen wie sich eine Frau in diesen Jahren kleidet, hatte der Krieg ihre Mutter doch schon vor Jahren fortgespült und sie nie wieder an die Oberfläche getragen. Ansonsten gab es niemanden der ihr ein adäquates, weibliches Rollenvorbild hätte sein können. Also wäre die einzige Informationsquelle zur Petticoat-Mode der 1950er Jahre ihr Vater gewesen, der auf diesem Gebiet weder über Geschmack verfügte noch ein Mann vieler Worte war. Vielleicht so schweigsam deshalb, weil ihn jedermann nach der Herkunft seiner Frau fragte und er es eines Tages satt hatte Dinge zu erklären, die keinen etwas angingen.

„Pssst, seid doch mal ruhig!“, zischte eine Stimme im Raum und deutete auf einen klobigen Flimmerkasten am Ende des Tresens. Das Schwarz-Weißbild zeigte einen Mann mit Schürze, der aufgeregt gestikulierte.

„Wilmenrod stellt seine neue Kreation vor.“ Begeisterte sich der Barmann unter dem Schriftzug Bohème, dessen Neonröhren sein Gesicht grün ausleuchteten.

Sogleich stimmte er an, woraufhin die Gesellschaft im Raum unisono einstieg.

„Don Clemente bittet zu Tisch!“

„Wussten Sie schon das Neueste?“, fragte Pfeffer, der nun einen Arm um die lebensgroße Buddy Holly-Figur gelegt hatte.

„Letzte Woche hat der Wilmenrod sich ein Messer an die Brust gehalten und damit gedroht, es sich hinein zu rammen, wenn nur einer auf der Kruste dieses Planeten existiere, der schwören könne, das Rezept für seine gefüllten Erdbeeren stamme nicht von ihm.“

„Mh, im Grunde ein Mann mit Überzeugungen“, antwortete Albert reserviert. Danach präsentierte der Kerl im Flimmerkasten eine seltsame Kreation. TOAST HAWAII.

„Wo nimmt der verrückte Italiener nur seine Ideen her?“, flüsterte Albert, um seine Begeisterung besser für sich zu behalten.

„Wilmenrod ist kein Italiener“, entgegnete Credo schmunzelnd. „Tatsächlich, Süße? Woher kommt dann bitte das Gericht, das er Pizza nennt? Ist doch wohl italienisch, oder nicht? Ach was weißt ´n du schon. Vom Kochen hast Du doch nie was verstanden.“

Hinter Alberts Rücken warf John Pfeffer einen gütigen Blick zu Credo und flüsterte.

„Wir erfolgsverwöhnten Männer sind zuweilen etwas eigen. Bei mir ist´s meine Frau, die mich mit dem Sammeltick konfrontiert und bei Albert sind es Mädchen, die ihn belehren wollen oder die Nase in seine Arbeit stecken.“

Kaum waren sie zu Hause, da zog Albert seine Verlobte zum Lieblingssessel am Kamin. Wie immer nahm er sich was er brauchte und machte keinen großen Hehl daraus. Eine Cohiba Cigarillo klemmte zwischen seinen Zähnen und während er sie geduldig paffte, entledigte er sie ihrer Kleidung.

„Fick mich schnell!“ sagte sie, da sie wusste, dass er es hören wollte.

Er öffnete lediglich seinen Hosenschlitz, quetschte sein Teil hindurch als er kurzerhand von hinten in sie eindrang.

Jetzt wo Albert auf ihr lag, sie in den Ohrensessel presste, raunte er bei jedem Stoß,

„Du hast mich heute in Verlegenheit gebracht“.

Von hinten umschlang er die Hüfte mit dem linken Arm, nahm die Cohiba zwischen Mittel-, Zeigefinger und Daumen und hielt sie nah neben ihren Lendenwirbel. Da Credo sich kurz wehrte, legte er die Cigarillo in einen Glasaschenbecher auf dem Beistelltisch. Dann packte Albert sie am Hals und stieß weiter zu.

Es war eine Zeit der Enttrümmerung, ein Anflug des Aufschwungs. Einige Familien leisteten sich wieder mehr als nur den Freitagsfisch, während andere, wie Albert und Credo, sogar in der Lage waren, ihre Wohnung neu einzurichten.

An einem Dienstag sah man an der Kreuzung Friedrich-/Ecke Taubenstraße eine Dame mit untertassenförmigem Hut einen Laden betreten, über dem ein Schild hing, mit der Aufschrift:

Seinerzeit

„Bin gleich für sie da“, begrüßte Credo die Kundin, die ihren Hut aus schwarzem Loden und Baumwollsamt selbstverständlich auf eine Kommode aus dem siebzehnten Jahrhundert legte.

„Ein paar schöne Schätzchen haben Sie hier.“ bemerkte sie überspitzt gut gelaunt, zudem mit einem spanischen Akzent. Dann zog sie ihren Lederhandschuh mit den Zähnen aus und fuhr mit der Hand über die Oberfläche eines Sekretärs. Credo war dabei Bücher in ein Regal zu stellen und wendete sich wieder ab. „Sehen Sie sich nur um…“

In das Regal sollten nur auserwählte Werke kommen, deshalb hatte Credo ein paar besonders nostalgische Bücher aus dem Keller des Antiquariats gesammelt. Sie war so sehr beschäftigt damit, auf die Anordnung von Form und Farben zu achten, dass sie ihre Kundschaft von Minute zu Minute vergaß.

„Ein signierter Bogenschützenring. Rícura.“, bemerkte die schlanke Dame laut und abrupt, sodass Credo erschrocken ein Buch fallen ließ.

„Was sagten Sie?“

„In der Vitrine, ein Bogenschützenring? Ein Schätzchen.“

„Ja das ist er. Aus weißer Jade, …so scheint es zumindest.“ „Wie darf ich das verstehen, Chinita?“ hörte die Frau neugierig auf.

„Ich hatte kürzlich einen Experten hier, der Ring ist eine Fälschung und nicht mal ein Drittel von dem wert, was mein Vater dafür bezahlte.“

„So…“, sie tat Credos Aussage mit einem Lächeln ab.

„Solche zinnoberroten Hocker sind wirklich schau, Qing Dynastie?“

„19.Jahrhundert.“

„Sie scheinen einen Faible für chinesische Antiquitäten zu haben, Chinita“, sagte die Frau die vielleicht in den Fünfzigern oder Anfang Sechzigern war, wie Credo schätzte.

„Mein Vater hat mir das Geschäft übergeben. Interessiert sie einer der Hocker? Dieser hier ist handgefertigt aus traditioneller Schnitzarbeit. Wie Sie sehen beugt sich eine schürzenförmige Schulter unter der Sitzfläche hervor, die einer Lotusbordüre gleicht. Das hier am oberen Teil sind Himmelsgeister.“

Während sich die Dame mit der leicht gebräunten Haut und dem seltsamen Dialekt weiter umsah, bemerkte sie beiläufig, „Ihr Vater lässt Sie in diesen Umständen arbeiten, Chinita?“

Alarmiert raunte Credo zurück: „Von welchen Umständen sprechen Sie bitte?“

„Na von den besonderen.“ Flüsterte die Fremde, während sie das R auf eine angenehme Art zu rollen pflegte. Irritiert und ihre Unsicherheit überspielend gab Credo zurück.

„Sie müssen sich täuschen, ich bin keineswegs in besonderen Umständen.“

Und so als würde sie es fast zu sich selbst sagen, fügte sie gekränkt an, „Ihr Mädchen bin ich schon gar nicht…“ Schließlich war Credo alles andere als ein typisches Mädchen der 50er Jahre.

„Ich nehme an, den Preis wollen Sie gar nicht erst wissen?“ „Sprechen Sie spanisch?“, drängte die Fremde auf eine Antwort.“

„Ein wenig.“

Als wäre dem Moment noch kein Gespräch vorangegangen bemerkte die Fremde, die eine Touristin zu sein schien, unter besonderer Betonung des S:

„Interessant, unter all Ihren Kostbarkeiten scheint es nur eine Sache zu geben, die nicht aus China oder Deutschland stammt?“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Der Beistelltisch dort in der Ecke, haben Sie ihm schon mal Beachtung geschenkt?“

„Nein, er stand schon hier als ich den Laden übernommen habe.“

Die Dame zog den mit Ruß beschmierten Tisch etwas hervor und fragte: „Darf ich?“

Zwar gefiel Credo ihre Art nicht, die Dinge einfach in die Hand zu nehmen, dennoch hatte sie das Gefühl, die Frau interessiere sich nicht allein für Antiquitäten und nun trieb sie die Neugier zu erfahren, ob sie etwas anderes im Schilde führte.

“Sie sind ja schon dabei.“

Eine Weile strich sie an den schmutzigen Seitenverstrebungen auf dem Holz entlang und fuhr wiederholt mit dem Daumen über die Kanten, bis Credo mit einem Tuch herbeieilte und einige Aschestellen abwischte.

„Das ist wirklich ein einzigartiges Holz. Kennen Sie den Ursprungsort?“

„Ich glaube es stammt aus Mittelamerika,“ entgegnete sie als sich ihr trübes Gesicht zu einer noch ernsteren Miene verzog. „Mein Vater hat da gelebt.“

Die alte Dame blickte in die verlassenen Augen der Antiquitätenhändlerin und wollte wissen, was ihr Papa so weit entfernt von Deutschland zu tun gehabt habe.

„Ich weiß zwar nicht warum ich Ihnen das erzähle… er war Unterwasser-Holzfäller.“

„Bitte?“, räusperte sich die Dame.

„Es ist gut möglich, dass der Beistelltisch aus dem seltenen Eisenholz der Bäume ist, die dort unten wachsen. Um ehrlich zu sein habe ich noch nie wirklich darüber nachgedacht.“

„Wenn ich darf würde ich gern die Unterseite ansehen, ob er eine Gravur hat oder ein Siegel, verstehen Sie?!“

„Tun Sie sich keinen Zwang an“, gab Credo von der Neugierde der Frau angesteckt zurück und half ihr den Tisch umzudrehen. „Ich kann nichts erkennen“, sagte die Dame mit zusammengekniffenen Augenbrauen, „das heißt aber nicht, dass er nicht wertvoll ist.“

Zu ihrer Profession zurückkehrend bemerkte Credo, „den Wert des Tisches kann ich nur grob schätzen aber der Rohstoff unterscheidet sich deutlich von anderen Hölzern.“

„Oh, ganz sicher. Holz ist das neue Gold, Chinita“, entfuhr es der Dame in einem Singsang ihrem Mund. Credo entgegnete mit einem fragenden Blick, während die Ausländerin wiederholte.

„Ja, ja. Holz ist das neue Gold!“

„Sie scheinen sich gut auszukennen mit Antiquitäten. Bereits als sie reinkamen haben Sie die wertvollsten Gegenstände im Raum bemerkt. Was genau suchen Sie eigentlich?“ Sprachlosigkeit heuchelnd stammelte sie, „…also um ehrlich zu sein wollte ich mich nur mal umsehen und schauen, was uns trotz des erschütternden Krieges für Kostbarkeiten geblieben sind.

Ich hecke nichts aus, kleiner Backfisch. Da zerbrech´ Dir mal nicht Dein hübsches Köpfchen. Versuchen Sie immer das Gute in einer Sache zu sehen.“

„Hübsch, ich? Wissen Sie was ich wirklich nicht leiden kann, …wenn man sich über mich lustig macht! Außerdem waren Sie während des Krieges doch gar nicht hier. Wie lange sind Sie denn schon in Deutschland?“

Als Credo ihr diese Worte entgegenwarf, trat sie einen Schritt aus der Ecke heraus, es knarrte und plötzlich hob sich unter einem Staubwirbel, eine der Holzdielen.

„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will...“ Entgegnete die Frau während Credo sich bückte und die gelöste Diele fokussierte. Sie zog die Holzleiste ein Stück hinauf und wollte sie wieder angleichen. Da bemerkte sie, dass sich zwischen den darunterliegenden Balken und dem Kies noch etwas Ungewöhnliches befand.

„Was ist das denn? Sieht aus als wäre da eine Spieluhr vergraben.“ Kommentierte die Fremde, als würden Credos Augen nicht das Gleiche sehen.

Geschwind steckte Credo die Hand in das Loch, griff nach dem Gegenstand und zog ihn heraus. Als sie den Staub von der Dose pustete, huschte eine pelzige untertassengroße Spinne über ihren Handrücken, die sie unbeeindruckt wegschlug. Beherzt wischte sie einige Male mit ihrem Ärmel über die Schachtel. Zum Vorschein kam eine Elfenbeindose.

„Schauen Sie, die Ornamente, so was hab´ ich noch nie gesehen“, stellte Credo aufgeregt fest und drehte sich um. Doch die Fremde mit dem großen Hut war verschwunden.

„Wer sich dieser Zeilen annimmt, sollte sich im Klaren sein, dass große Verantwortung auf ihm lastet und er sich sehr wahrscheinlich in Gefahr begibt, sollte er die Zeilen bis zum Schluss lesen. Sollte er also nicht der Empfänger dieser Nachricht sein, verbrenne er umgehend dies Papier. Glauben Sie mir, es ist besser für Sie, Ihr Leib und Ihr Leben.

Solltest Du mein liebes Kind allerdings, diesen für Dich bestimmten Brief gefunden haben, so bin ich einerseits froh, dass er der Richtigen in die Hände fällt, andererseits versetzt es mich in tiefe Trauer, da dies bedeutet, dass ich nicht mehr unter Euch weile und ich meinen kleinen Milchrahm allein auf weiter Flur zurücklassen musste. Ich bin untröstlich, dennoch wohlwissend diese Strafe verdient zu haben, wenn ich Dich nun mit diesem Schriftstück einer ebenso großen Gefahr aussetze, wie jener der ich zum Opfer gefallen bin. Allerdings ertrage ich die Vorstellung nicht, dass meine Kleine bis an ihr Ende im Ungewissen über den Verbleib ihres Papas bleiben wird, so wie Du stets im Ungewissen über den Verbleib Deiner Mutter warst. Ich will, dass Du weißt, dass ich Dich nie freiwillig verlasse, denn ich liebe Dich über alles Vorstellbare! Umso mehr schmerzt es mich, Dich in Gefahr zu bringen und Dir solch eine Verantwortung zu überschreiben. Nur bist Du vermutlich der einzige Mensch auf der Erde, dem ich noch trauen kann und die einzige Person, die in der Lage ist dafür zu sorgen, dass La flor de Verdad im Verbogenen bleibt und nicht in die falschen Hände fällt. Seitdem Du in den Kreisen dieses Arztes verkehrst habe ich ein ungutes Gefühl.

Sobald du fündig bist, wirst du verstehen. Sobald Dein letzter Atemzug getan, wirst bei mir sein…

Gott möge mir vergeben, denn ich muss Dich um einen letzten Gefallen bitten. Wenn es Dir möglich ist, finde La flor de Verdad und trage Sorge dafür, dass sie in den nächsten Jahrhunderten nicht gefunden werden kann. Es muss sein. Damit am Ende der Verstand nicht kopfsteht. Da ich Dir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu sagen vermag, weil ich nicht weiß, ob Du letztendlich Empfänger meiner Nachricht wirst, sei nur so viel gesagt. Sollte es Dir schlecht ergehen, halte ein und erinnere Dich an Platons Höhlengleichnis.

In ewiger Liebe, Papa

Mit glasigen Augen hielt sie den in Sütterlin-Schrift gehaltenen Brief aus der Elfenbeindose vor ihre Nase und atmete tief ein. Sie drehte ihn um und wollte ihn wieder zurücklegen als sie plötzlich eine Unebenheit auf dessen Rückseite bemerkte. Aufgebracht sprang Credo hoch, lief zu ihrem Schreibtisch und sah im Licht der grünen Bänker-Lampe, in schwaches violett getaucht, eine Blume, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Auf einem dünnen Strang stand ein zylinderförmiger Kelch mit auslaufenden Spitzen zur Seite und inmitten der Blüte erhob sich ein feinstaubiger Stil. Am ehemaligen Schreibtisch ihres Vaters hatte sie ein solch dickes Papier mit derartiger Struktur bisher nicht gesehen. Auch einen Stempel mit dieser Blume hatte es nie gegeben. Es schien als wären unter der Blume eingestanzte Buchstaben vorhanden, oder eher Zahlen. Vielleicht waren es auch Koordinaten. Aber sie waren zu undeutlich und ohne Farbe als dass man hätte irgendwas Brauchbares erkennen können.

Zornig wich sie mit ihrem Blick auf die grüne Bänker-Lampe aus, starrte einige Sekunden in das Licht während ihr eine Träne über die Nase glitt. Einen Moment überlegend fiel ihr ein, wie oft sie ihren lieben Papa Alfons enttäuscht hatte, weil sie stets ihren Dickkopf durchzusetzen versuchte. Schon vor langer Zeit als Vierjährige schnappte sie sich ihren Puppenkoffer mit Rädern und marschierte, fuchsig über die frühen Bettgehzeiten, zur Tür hinaus, um ihrem Elternhaus für immer den Rücken zuzukehren. Um ihr Überleben zu sichern hatte Credo die Taschen gefüllt mit Kaugummis von der Straße, die sie platt walzte, um sie an Kinder zu verkaufen, die draußen Gummihopse spielten, und kam mit ihrem Plan fast einen ganzen Häuserblock weit.

Doch in letzter Sekunde bemerkten ihre Eltern den spontanen Auszug und holten die kleine Credo von der Straße. Diese war zwar selten befahren aber ab und an zischte schon ein wuchtiges Automobil an ihrer Haustür vorbei.

Dann bekam sie lauten Ärger von ihrer Mutter, die als Ausdruck ihres Entsetzens stets mit „Schockschwerenot!“ reagierte. Doch ihr Vater hielt sich zurück, schüttelte nur seinen Kopf mit den Worten, „mein kleiner Milchrahm“. Geschlagen hatte er sie nie.

Zum Ende seines Lebens benahm sich ihr Papa allerdings immer merkwürdiger. Sie liebte ihn über alles, aber er machte seiner Tochter Angst, als er tagelang in schmutzigen Cordhosen vor seiner Hermes Baby saß, obwohl er die Schreibmaschine nicht berührte. Dann sprach er ständig von einem Drachenwurz, manchmal futuristischer Technik wie ultraviolettem Licht, mit dem versteckte Schriften sichtbar werden, von sich wiederholenden Ereignissen, spirituellen Weisheiten und von Dingen wie, dass es nicht mehr allzu lang dauern würde bis die Welt Fernsehgeräte mit Farbe zu Gesicht bekäme und bald jeder davon eines im Haushalt führe.

Sollte der alte Mann auf seine letzten Tage vielleicht verrückt geworden sein?

Es machte sie wütend, dass auch er Credo viel zu früh allein gelassen hatte. Traurig faltete sie den Brief zusammen und legte ihn zurück in die Elfenbeindose. Und während der Wind draußen Zeitungsreste aufwirbelte, versteckte sie die Dose wieder unter der kaputten Diele.

Die Nachbarschaft steckte noch in den Schlafanzügen als sich Credo in den Schwingsattel ihres schwarzen NSU 251 OSL- Motorrads setzte, um zur Markthalle zu fahren. Am Alexanderplatz blitzte ihr Tank mit den verchromten Seitenfeldern auf. Der laute Motor röhrte am Roten Rathaus entlang, wo die Menschen voller Zuversicht und Träume aufblickten, während Konrad Hermann Joseph Adenauer eine Rede hielt.

Das geteerte Aderwerk der Metropole war noch immer erhärtet durch die kühle Novemberluft, weshalb Credo etwas Gas wegnahm als sie mit ihrem aufsteigenden Atem auf die Menge blickte. Sie stoppte ihr Motorrad einen Augenblick und sah nach einem Zeitungsjungen der mit einem Stern in der Hand lauthals umher brüllte.

„Noch immer echauffiert sich Deutschland, über die Hildegard Knef in ihrer skandalösen Rolle als die Sünderin!“

Mit einem Fingerzeig bedeutete sie ihm rüberzukommen, nahm ihre Motorradbrille nicht ab und drückte dem Jungen mit der zerlöcherten Jacke 10 Pfennig in die Hand und hielt mit ihrem Blick bewundernd auf das Titelbild der Zeitung. Sie las noch im Stehen etwa die Hälfte des Artikels über eine …mutige Frau.

Plötzlich trat ein flaues Gefühl in ihren Unterleib und ließ ihre Begeisterung schwinden. Einen kurzen Moment hielt sie inne, überlegte was sie zum Frühstück gegessen hatte und beschloss, dass der Anflug von Übelkeit an den Frühstückseiern lag. Sie stellte ihre Maschine ab, steckte das Nachrichtenblatt in ihre lederne Umhängetasche und lief über die Straße zur Markthalle.

Für gewöhnlich saß Credo, nachdem sie eine Auswahl des überschaubaren Nahrungsangebots getroffen hatte, eine Weile unter dem Fabrikfenster und nahm die vielen Gerüche auf. Doch heute blieb sie nicht lang. Hier, wo Holzkisten mit Gemüseresten und leeren Weinflaschen gelagert wurden, hockte sie in der Ecke, schnallte sich endlich die Brille von der Lederhaube, kreiste kurz ihre Schultern und aß trotz eines schummrigen Magengefühls ihren Kirschenmichel.

Von gegenüber trug sich der warme Duft von gestapeltem Mischbrot und selbstgemachter Marmelade in ihre Nüstern als Credo das dahinterliegende, gusseiserne Eingangstor zur Kenntnis nahm. Für einen Moment beschlich sie das Gefühl beobachtet zu werden. Da fielen ihr zwei Männer auf in schwarzen Ledermänteln, die bei den Gurkenfässern standen. Weder redeten sie mit einander, noch aßen sie etwas oder kauften ein. Ihre kurz geschorenen Köpfe hielten lediglich in Credos Richtung.

Mit einem Mal dachte sie daran, wie es wäre fliegen zu können und ein knappes Déjà-vu, aus ihrem Traum von letzter Nacht, flammte auf.

Warum verfolgten sie Träume, in denen es darum ging jemanden zu schützen. Was suchte ihr Innerstes ihr mitzuteilen und was sollte sie schützen, …vielleicht Albert? Da gab es doch niemanden. Das waren nichts als phantastische Träumereien, in denen sie stark war und Fliegen konnte, Wunschgedanken also.

Nach einem tiefen Seufzer las die Antiquitätenhändlerin den Rest des Artikels in dem wiederholt das Wort Emanzipation der Druckerschwärze entglitt. Einstweilen machte lautstark der Lieferant seinen Gemüsehändler, auf den zentral organisierten Aufbautag aufmerksam und fragte ob er denn heut mitmache bei der Enttrümmerung.

Trotz der Kälte in der Markthalle lief Credo eine Schweißperle über die Stirn und immer wieder hörte sie in sich eine Stimme sagen, Albert. Gereizt vernahm sie ein Kribbeln unter der Haut, ihr Blick wirkte leicht verschwommen, der Unterleib verkrampfte. Ein Husten drängte sich durch ihre Lunge. Wieder schwappte so etwas wie ein inneres Zusprechen in ihre Gedanken…

Dann sprang sie auf, lehnte sich über einen Stapel Weinkisten und entleerte ihren Mageninhalt. Als sie ihren Mund mit dem Handrücken abwischte, den Oberkörper wieder aufrichtend und zum Eingang blickend, waren die Ledermäntel verschwunden. Auch sonst schien sich niemand für sie zu interessieren. Bis ein Mann mit verschmierter Latzhose zu ihr rüber raunte:

„Na wenn ick mit so em zusammen leben müsste, würdig och täglich spucken!“ Fragend blickte sie zu ihm hoch. „Nu tun ´se bloß nee so, als wüssten se nich wat der so anstellt. Sie sind doch die Fruwe vom Alasker, nich´wahr?“

Credo raffte ihr Zeug zusammen, verließ die Markthalle so schnell es ging und lief, die Ärmel hoch krempelnd, zur Menge vor dem Rathaus hinüber.

Trotz der tiefhängenden Wolkendecke und den Eiskristallen an dem Wohnzimmerfenster im ersten Stock der alten Villa, erkannte man eine große, männliche und eine weibliche Silhouette dahinter. Im Hintergrund flackerte Licht und die Zwei unterhielten sich gelassen, so als würden sie nicht erwarten in nächster Zeit von jemandem gestört zu werden. Der Mann streifte der Frau durch das Haar, und für einen kurzen Augenblick wirkte es so als flüsterte er ihr etwas ins Ohr.

Mit einem Schwindelgefühl schloss Credo die Tür des Schuppens in dem sie ihre Maschine untergestellt hatte. Inzwischen zweifelte sie an ihrer eigenen Wahrnehmung. Mit ihren Zähnen befreite sie sich von den Handschuhen und zog sich am hölzernen Schneckengeländer hinauf in die erste Etage.

Als sie ihre Sachen abgelegt hatte und in die Wärme des Wohnzimmers glitt, rückte Albert seinen chestnut-braunen Rollkragen zurecht und kam ihr schnellen Schrittes entgegen. „Ich bin davon ausgegangen, dass Du arbeiten bist?!“ wollte Credo überrascht wissen.

„Ich nehme mir den Samstag mal frei, sollen andere für mich arbeiten.“ antwortete er mit einem überschwänglichen Lächeln. Dann küsste er Credo auf die Wange und sagte in seiner gewohnt charmanten Art: „Hallo Süße“.

Begleitet von einem rohen Beigeschmack ambivalenter Gefühle warf sie einen unsicheren Blick über Alberts Schulter, zu einer eleganten Dame im karmesinroten Petticoat.

„Hillie kam spontan zu Besuch, wir haben gerade davon gesprochen, wie viel Einfluss ihre Arbeit auf die Politik haben könnte.“

Die Dame im Cocktailsessel machte keine Anstalten sich zu erheben, während sie die Flammen des Kamins genoss. Freundlich lächelte sie Credo zu. „Hallo Schätzchen! Schickes Outfit.“

„In letzter Zeit trägt Fenia häufig diese Motorradkleidung. Im Grunde auch nur ein verzweifelter Versuch sich zu emanzipieren. Mein Fall ist es ja nicht aber, wenn sie sich darin wohlfühlt.“ seufzte er gespielt tolerant, während er ihre Mütze vom Kopf zog.

„Albert war schon immer ein Chauvinist“, schob Hillie keck ein, in dem Wissen, dass er ihr sowas durchgehen ließ. „Ne im Ernst, mir gefällt was Du trägst, hat´s ´ne Bedeutung?“ fügte sie an ohne auf eine Antwort zu warten.

Credo war ihr bisher nur wenige Male begegnet. Ihre gemeißelte Haltung und die Selbstbeherrschung faszinierte Credo, machte sie aber auch gleichermaßen nervös. Eine Strähne rutschte Hillie aus ihrer Hochsteckfrisur und ein wenig Wimperntusche war verwischt. Aber auch diese Tatsachen ließen ihren Glanz nicht bröckeln oder sie gewöhnlicher wirken. Sie schob die Strähne mit einer groben Handbewegung wieder hinters Ohr, stand auf und ging am betagten Klavierflügel vorbei auf Credo zu. Im Anschluss daran küsste, die nach süßem Patschuli duftende Schauspielerin, Credo auf die Lippen. Dabei machte sie eine Bemerkung über Credos Armband, das Hillie dennoch keines Blickes würdigte. Hillie stand mit dem Rücken gewandt zu Albert, so konnte er nicht sehen wie ihre liebreizende Miene einer düsteren Härte wich und ihr Blick starr auf der Bürotür, auf der anderen Seite des Raumes lag. Credo wirkte irritiert. Die Situation wurde immer unangenehmer, also ließ sie den Blick nach unten auf Hillies Bein fallen, an dessen Knöchel eine winzige Tätowierung hervorstach. Vielleicht so etwas wie ein Spiralmuster. Normalerweise kannte sie Tätowierungen nur von Seeleuten oder Gefangenen. Bei Hillie allerdings überraschte sie auch das nicht, da sie sich scheinbar selbst für das anmutigste aller Lebewesen hielt. Trotzdem erschien ihr die Frau zunehmend skurriler. Alsdann entschuldigte sich Hillie im Gehen, dass sie spät dran sei, sie aber das nächste Mal mehr Zeit zum Plaudern mitbringen würde.