Die Bluthunde von Paris - Christina Geiselhart - E-Book

Die Bluthunde von Paris E-Book

Christina Geiselhart

0,0

Beschreibung

Philippine Sanson, die Nichte des Henkers von Paris, ist wunderschön, klug und ungewöhnlich, aber ihr verkrüppelter Fuß und die Ereignisse in ihrer Kindheit, scheinen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft im Keime zu ersticken. Um ihrem Elternhaus zu entfliehen - ihre Mutter ist Hure, der Vater königlicher Verhörvollstrecker - reitet sie oft stundenlang durch die Wälder von Saint-Ouen. Dort entdeckt sie eines Tages ein verfallenes Landhaus, in dem sich ein junger Mann von aristokratischem Aussehen vor den Schergen des Königs versteckt. Sie versorgt ihn regelmäßig mit Lebensmitteln, erfährt sein Schicksal und verliebt sich in ihn. Während sie ihn heimlich trifft, betreibt Mutter Lea ihr Hurengeschäft und zieht auch Philippines Schwester Frieda mit hinein. Anfangs werden die Freier im Haus des Folterers empfangen, doch als dieser eines Tages früher von seinen grausamen Geschäften zurückkommt und die Umtriebe aufdeckt, jagt er beide Frauen in rasendem Zorn davon. Lea lässt sich von der Wut ihres Ehemannes nicht aus der Fassung bringen. Sie heuert willige Mädchen an und findet schließlich Mittel und Wege, in der Stadt ein Bordell zu errichten. Indessen hofft Philippine auf eine gemeinsame Zukunft mit dem jungen Mann. Maxence hingegen hat wichtigere Pläne. Er wartet auf die Revolution. Auf das Ende des Absolutismus. Als der Sturm auf die Bastille das Land erschüttert, kehrt er nach Paris zurück. Philippine sieht ihren Traum vom gemeinsamen Glück zerrinnen. Doch da eröffnet sich ihr eine Chance. Ihr Vater, der von Frau und ältester Tochter betrogene Folterer, schickt sie zu seinem Bruder Charles-Henri Sanson nach Paris. Im Strudel einer umwälzenden Epoche dient Philippine fortan dem Henker von Paris als Schreibkraft und folgt gleichzeitig unerschütterlich der Spur ihres Geliebten. Als die beiden sich endlich finden, ist ihr Glück in Gefahr. Auf Maxence wartet die Guillotine.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 605

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum

Copyright: © 2016 Christina Geiselhart Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de Lektorat: Doris Leddin

Inhalt

I

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

II

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

III

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

I

1. Kapitel

Frühjahr 1774

Als Philippine zur Welt kam, war ihr Vater im Begriff die Waden eines Häftlings zwischen die Eisenplatten des Spanischen Stiefels zu spannen. Der Verhörvollstrecker ließ sich vom Gewinsel des Verurteilten nicht erschüttern. „Hab Erbarmen, sonst komm ich in meiner Todesstunde auf allen Vieren daher. Mein Sohn Albano aber soll mich aufrecht in Erinnerung behalten“, bettelte das Opfer gequält. Doch Karl schüttete heißes Blei nach und drehte fester.

Charlemagne Sanson, von Familie und Freunden Karl genannt, bekleidete seit drei Monaten das Amt des Verhörvollstreckers in Paris. Dass seine Frau heute niederkam, hatte er vergessen, denn sie kam fast jedes Jahr nieder. Zwei von den fünf Kindern waren mittlerweile gestorben, weshalb also sollte er sein Herz an ein weiteres hängen? Wichtiger war sein Beruf.

Er brachte ihm 3000 Livres pro Jahr ein und sicherte ihm, kraft des königlichen Erlasses, viele Lebensmittel umsonst. Jede Eierfrau, die ihm über den Weg lief, schuldete ihm ein Ei, jedem Milchverkäufer durfte er ein Viertel Milch abnehmen, dem Obst- und Gemüsehändler zwei Äpfel oder zwei Tomaten und dem Bäcker einen Laib Brot. Schwieriger war es gewesen, ein Dach über dem Kopf zu finden. Das abergläubische Volk fürchtete ihn. An seinen Händen klebte Blut, seine Arme peitschten, schlugen, seine Finger rissen Haare aus, fügten Brandwunden zu. Diesen finsteren Mann zu beherbergen, kann von Gott nur bestraft werden, sagten sich die Bürger von Paris und verschlossen ihre Türen, wenn Karl anklopfte. Deshalb begnügte sich der Folterer nach gewisser Zeit mit einem baufälligen Haus im Norden, nicht mehr als achthundert Meter von der Stadtgrenze entfernt. Ein geräumiger Holzschuppen lehnte an der südwestlichen Mauer des Gebäudes, während sich seine Südfront zu einer weiten Wiese hin öffnete, die zum Seineufer abfiel. Er lebte gut und träumte davon, einen Gehilfen einzustellen. Ja, er lebte gut, dennoch war er ruppig, argwöhnisch, immer schlechter Laune.

*

Freitagabend. Erschöpft stapfte Karl durch die Tür des einfachen Hauses in Saint-Ouen. Bei seinem Eintreten verstummte das Geplapper der Kinder und unbeweglich wie kleine Statuen blickten sie auf den finsteren Mann. Ohne nach seiner Frau zu fragen, setzte sich dieser an den gedeckten Tisch. Großmutter Marthe hatte Huhn im Topf zubereitet und der würzige Dampf, der von seinem Teller aufstieg, steigerte Karls Appetit. Heißhungrig tauchte er den Löffel hinein. Jetzt durften auch die Kinder zu ihrem Besteck greifen und ohne Lärm zu machen, löffelten sie brav ihre Suppe. Außer Karls Schmatzen und dem Kratzen des Bestecks im Teller war nichts zu hören.

Normalerweise lebte Großmutter Marthe bei ihrem ältesten Enkel, dem Henker von Paris. Doch Karls Not hatte sie herbeigerufen. Zum ersten Mal schien seine Frau Lea unter einer Schwangerschaft ernsthaft zu leiden sodass sie zu nichts mehr taugte. Die letzten Wochen vor der Niederkunft hatte sie weder gewaschen, noch die Stube geschrubbt, nicht geputzt und gekocht, kein Holz gehackt, keinen einzigen Eimer Wasser getragen und sich schon gar nicht um die Mädchen gekümmert, die allmählich verdreckten und Läuse bekamen. Lea lag schwer atmend herum. Alles, was sie zustande brachte, waren Häkel- und Strickarbeiten. Das wiederum gelang ihr sehr gut. Es entstanden hübsche Leibchen mit Blumenmuster. Da aber auch diese Tätigkeit von ihrem andauernden Stöhnen und Röcheln, von Jammern und Tränen begleitet wurde, fürchtete Marthe das Schlimmste. Am Tag der Geburt lag Lea leichenblass im Laken und atmete kaum. Ihre Hände wirkten abgestorben, das herrliche Haar farblos, die Lippen blutleer, und die grünen Augen blickten wie schwarze Tümpel.

„Sie macht es nicht mehr lange. Es wäre also anständig von dir, nach ihr und dem Neugeborenen zu sehen, bevor sie das Zeitliche segnet.“ Marthe hatte Karl kommen hören und stand nun vor ihm. Bei ihrem plötzlichen Erscheinen verbrannte er sich die Lippen an der Suppe.

„Ist es wieder ein Mädchen?“, schlürfte er ungehalten. Marthe nickte und bekreuzigte sich.

„Verdammt und Teufel noch mal! Hab’ ich nicht schon genug Weiber im Haus? Wir brauchen einen Kerl, einen, der mithilft. Ich schaffe es nicht, alles allein zu besorgen, und ein Gehilfe frisst mir nur die Haare vom Kopf!“

„Dummes Geschwätz. Du verdienst genug mit deinem abscheulichen Handwerk, um dir einen Gehilfen leisten zu können.“

„So abscheulich wie zu deiner Zeit, Großmutter, ist mein Beruf nicht mehr!“ Karl schlug auf den Tisch, dass der Teller einen Satz machte und die Brühe überschwappte. „Die Methoden sind sanfter. Es wird nicht mehr gerädert. Das Radebrechen nenn’ ich ein abscheuliches Handwerk. Zuerst wurden dem Verurteilten mit Krammen und Brecheln die Gliedmaße zerschmettert, damit er sich leichter in die Speichen des Rades einbinden ließ. Dann richtete man das Rad auf und übergab den Unglücklichen seinem Schicksal. Das heißt, er verfaulte am Rad oder wurde von Tieren zerfetzt. Gegenüber solch grässlicher Folter ist die Daumenschraube oder der Spanische Stiefel ein Zuckerlecken.“ Karl neigte sein von Narben verunziertes Gesicht wieder über den Teller, löffelte und schlürfte weiter, während Marthes Kopf erregt herumfuhr:

„Hast du etwa heute den Spanischen Stiefel angelegt?“

Karl hörte auf zu schlürfen und glotzte mit offenem Mund seine Mutter an:

„Und wie ich ihn ihm angelegt habe, dem armen Lump. Da krachte die Wade und kam ganz schön ins Schwitzen, aber erst als ich heißes Blei dazu goss, hat der Hund geredet.“

„Himmel, Kreuz und Donnerwetter, noch mal! Du bist dümmer als jeder vierbeinige Hund!“

„Warum, zum Teufel? Mit dem Kerl hatte ich keine Gnade.

Er ist der Chef einer Räuber- und Mörderbande, die sich in Bürgerhäuser einschleicht und alles niedermacht, was ihnen begegnet.“

„Tut er es für einen guten Zweck oder bereichert er sich nur selbst?“

„Er hält sich für den Cartouche unserer Zeit, einen Retter der Armen und hat sich vorgenommen, genauso zu leiden, wie vor über fünfzig Jahren Cartouche, der Bandit.

Der tapfere Kerl hat trotz fürchterlichster Qualen keinen einzigen seiner Kumpane verraten.“

„Cartouche hat auf seine Leute gezählt und auf der Place de Grève ein Wunder erwartet. Aber die Feiglinge haben sich nicht blicken lassen. Und dein Gefangner? Ist er an der Folter gestorben, der arme Kerl?“

„Nein!“ Karl sah kurz auf, hielt den gefüllten Löffel vor den offenen Mund und sagte, bevor er ihn hinein schob: „Aber sein Fuß ist zu einem Klumpen geschmolzen und nun hinkt das arme Schwein. Ein Kerl, der flink wie ein Wiesel durch die Wälder jagte, von Baum zu Baum kletterte und mit seinen emsigen Füßen immer ein gutes Versteck fand: dieser Kerl hinkt für den Rest seines Lebens, wenn er nicht aufs Schafott kommt.“

Marthe stand böse blickend neben ihm und schien nicht mehr zuzuhören. Ihre tiefdunklen Augen mit dem Silberrand starrten nun zur Tür hinter der die Mutter und das Neugeborene lagen. In den Gesichtern der Kinder bewegten sich nur die Augen. Sie folgten Marthes Blick und ahnten, was sie dachte. Denn die drei Mädchen hatten den Säugling gesehen und waren bei seinem Anblick furchtbar erschrocken.

„Wann hast du ihm den vermaledeiten Spanischen Stiefel wieder abgenommen und den verkrüppelten Fuß gesehen?“

„Du stellst Fragen!“ Karl rülpste. „Irgendwann vor ein paar Stunden. Was tut es zur Sache? Jedenfalls quäle ich ihn seit gestern. So ein Fuß schmilzt nicht in Sekunden.“

„Verflucht seist du, dummer Kerl! Warum wurden in unserer Familie solche Halunken geboren?“ Sie spuckte den Zahn aus, auf dem sie schon seit dem Morgen herum kaute. Jetzt hatte sie nur noch zehn. In großen, für ihr hohes Alter ungewöhnlich energischen Schritten, strebte sie auf die Tür zur Schlafkammer zu. Bevor sie dahinter verschwand, drehte sie sich um und spie ihrem Enkel mit glühenden Augen entgegen.

„Und wage es nicht, deine Tochter mit deinen blutigen Händen zu streicheln. Es reicht, wenn du sie anschaust. Das wird dir ohnehin zu denken geben, wenn du überhaupt denken kannst, du Dummkopf.“

*

Im Nebenzimmer richtete sich Lea auf. Die lauten Stimmen hatten sie aus dem erholsamen Schlummer geweckt und nun betrachtete sie ihr Kind, das in einer grob geschnitzten Holzwiege auf dicken Kissen lag. Es hatte der Mutter das Gesicht zugewandt und blickte sie aus großen Augen an. Im Schein der beiden Kerzen funkelte der Blick des Kindes geheimnisvoll und fasziniert beugte sich Lea weiter vor, um die Züge des Neugeborenen studieren zu können. Sie waren anmutig, ebenmäßig. Die glatte Haut schimmerte, das spärliche Haar glänzte wie dunkles Gold.

„Du bist ein schönes Kind!“, seufzte Lea. „Zum ersten Mal habe ich fast schmerzlos ein schönes Kind geboren. Und dabei habe ich während der Schwangerschaft so sehr um dich gebangt. Ich möchte dich in meine Arme nehmen und küssen.“ Doch als sich Lea anschickte, aus dem Bett zu steigen und den Säugling hoch heben wollte, wurde ihr schwarz vor Augen. Sie ließ ihn los und fiel aufs Kissen zurück. In dem Moment trat Marthe ein.

„Dein Mann ist ein Schmierlappen!“, war ihr erster Satz, dann fixierte sie streng die junge Frau.

„Was treibst du überhaupt? Wieso bleibst du nicht brav liegen, wie es die Hebamme verordnet hat? Du hast viel Blut verloren. Das Kind war eine schwere Geburt. Du bist ermattet. Wenn du nicht zu Kräften kommst, erlischt dein Lebenslicht in den nächsten Tagen, warnte die Hebamme!“

„Oh, nein. Nein! Die Geburt war so leicht wie keine zuvor. Mir geht es gut!“

„Leicht? Das redest du dir nur ein. Es ging Stunden. Sehr ungewöhnlich für eine Mutter, die schon fünfmal geworfen hat. Die Hebamme und ich haben während der Geburt ständig gefürchtet, du stirbst uns unter den Händen weg, so grün und leblos hast du ausgesehen.“

„Aber Großmutter! Ich werde doch nicht sterben, nachdem ich solch ein schönes Kind geboren habe. Alle meine Mädchen sind hässlich. Frieda hat ein hässliches Mahl auf der Wange, Rosel eine Hasenscharte und Alberta will nicht wachsen. Dieses Kind aber ist schön wie eine Rose.“

„Schön? Bist du toll?“ Erregt wickelte Marthe das Neugeborene aus den Tüchern und hielt es Lea nackt vor die Nase. „Da hier, schau dir das an! Ist das schön?“

Lea blickte nur in das Gesicht des Kindes.

„Philippine soll sie heißen!“, sagte sie mit leuchtenden Augen. „Sie ist die Sonne, das Leben, die Schönheit, die Freiheit auf dem Rücken eines Pferdes.“

„Du hast zu viel Blut verloren. Dein Verstand liegt brach wie ein Acker im Winter. Es ist wahrhaftig ein Kreuz mit euch. Mein Enkel Charlerie ist Henker, Karl ist ein Wüstling, deine Kinder sind hässlich, aber das hier ist der Gipfel. Das Ding ist doch nichts wert.“ Bei diesen Worten fing Philippine aus Leibeskräften an zu schreien und schnell wickelte sie Marthe wieder in die Tücher. Lea bäumte sich auf, doch fiel alsbald ins Laken zurück.

„Du bist böse, Großmutter! Es ist der Verstand deines Enkels, der zu mir spricht und nicht dein Herz. Schau dir das Gesicht des Mädchens an. Seine Augen, das goldene Haar. Es sieht aus wie ein Engel.“

„Pahh, Engel. Könnte es fliegen, wäre die Sache gewonnen, aber so ...“. Seufzend legte Marthe das kleine Wesen in die Wiege zurück. Eine Weile betrachtete sie es, dann traten ihr Tränen in die Augen und erstickt flüsterte sie: „Ja, deine Mutter hat recht. Du hast das Gesicht eines Engels, in deinen Augen strahlt die Sonne, doch was nützt uns das, wenn dir dein Körper nicht gehorchen wird? Du kannst keine Wassereimer tragen, keine Wäsche aufhängen, kein Holz holen und aufschichten. Wozu wirst du gut sein? Zum Angucken?“

Ihr Blick, der zärtlich auf Philippines Gesicht geruht hatte, streifte hinunter zu den Beinen und blieb dort mit Schaudern hängen. „Ach was, sag ich? Ein Mannsbild guckt dir nicht nur ins Gesicht und wenn du zum Arbeiten nicht taugst, hält er sich an deinem Hintern schadlos. Oh, Kind. Welche Zukunft!“

„Schweig, Marthe! Bring mir lieber Suppe, statt düstere Zukunftsbilder zu malen. Ich fühle mich schon etwas besser.“

Vorsichtig richtete sich die junge Mutter im Bett auf. Marthe schüttelte ihr das Kissen zurecht und Lea lehnte sich gegen die hölzerne Kopfleiste des Bettes. Die beiden Frauen musterten einander, ohne ein weiteres Wort. Im nervösen Spiel der zerrupften Brauen, an den zuckenden Lippen, den funkelnden Augen konnte man ahnen, was hinter Marthes runzeliger Stirn vorging.

Es war allerdings nicht nötig, die Zeit mit Ahnungen zu verschwenden, denn die Alte tat sich keinen Zwang an und sagte rundheraus was sie dachte. Lea indessen verbarg ihre wahren Gedanken. In den ersten Jahren nach ihrer Hochzeit hatte sie klaglos neben einem rohen Mann dahinvegetiert, seine blutverkrusteten Kleider gewaschen, die er nachlässig trug, hatte für ihn gekocht, geputzt, genäht, gestrickt. Sie hatte erduldet, wenn er sie bestieg, und sie ertrug den Anblick seiner Kinder, die sie ebenso hasste wie den Mann. Ihre Energie, ihre Kraft wurde von diesen vier Menschen aufgesogen und ihr Körper rächte sich dafür mit glanzlosem Haar, fahler Gesichtshaut, stumpfen Augen. Sie hatte dies alles zugelassen, bis sie eines Tages eine überirdische Begegnung hatte. Sie saß am Bach nahe der Hütte, in der sie damals hausten, und sah im brackigen Wasser die Augen ihrer Mutter.

Fest blickten sie Lea an, ließen sie nicht mehr los, zogen sie an sich. Und da plötzlich erhob sich vor Lea die ganze Gestalt der Mutter. Aufrecht, schön, stolz und selbstbewusst wuchs sie in die Höhe. Dies war nicht derselbe Mensch, den Lea aus ihrer Kindheit kannte. Dieser Mensch erstand aus dem morastigen Gewässer als käme er nochmals zur Welt. Ihre Mutter war nackt. Eine Hand lag auf ihrer Scham, die andere zeigte zu Lea und eine hohle Stimme rief: „Wir sind keine Mähren, die man zu Tode reitet! Wir sind Prachtpferde und Prachtpferde werden von guten Reitern bestiegen und nicht von Ochsen. Merke dir das, mein Kind und setze deine Pracht richtig ein. Liebe deinen Hintern, liebe deine Scham und lass ihnen nur Gutes zukommen. Pflege deine Haut, dein Haar, deine Zähne und wenn dich dein Mann daran hindert, tritt ihm kräftig in die Stelle, die ihm besonders teuer ist. Fürchte ihn nicht. Er ist ein Quäler. Er ist ein Schwächling. Viel schwächer als du!“

Von diesem Tag an hatte Lea ihrem Körper viel Gutes getan und dazu brauchte sie andere Männer. Sie war nicht wählerisch. Schönheit interessierte sie nicht, aber jung musste er sein und er musste sein Geschäft verstehen. Schon nach wenigen Monaten erblühte ihr Körper von neuem und bekam ihr Haar frische Farbe.

Heute nun, am Geburtstag der jüngsten Tochter, war sie noch schöner geworden. Wieder war ein Stück von der alten Haut abgeblättert. Philippines Geburt hatte sie zwar viel Blut gekostet, aber keinen einzigen Zahn. Ihre Augen flammten auf, als habe das Kind, dem sie das Leben schenkte, auch ihr Lebenslicht neu entzündet. Während ihr düsterer Ehemann, die gute Großmutter und die einfältigen Kinder glaubten, ihr Herz höre bald auf zu schlagen, regte sich überschäumende Energie in ihr. Damit wollte sie Frankreich erobern, alle Männer auf die Knie zwingen, ihnen soviel Geld abnehmen, um eines Tages mit der schönen Tochter in einem Schloss zu wohnen. Niemand, auch sie selbst nicht, konnte ahnen, welch zerstörerische Kraft dieser Energie innewohnte.

2. Kapitel

1781

Im Frühjahr dieses Jahres saß Karl neben seinem Bruder Charles-Henri, dem ältesten der zehn Kinder des alten Charles-Jean-Baptist Sanson und starrte dumpf auf den leeren Teller, den er vor sich hatte. Die beiden Männer erwarteten ihre vier Brüder, die aus Blois, Tours, Toulouse und Reims zum monatlichen Brudertreff in der rue Neuve-Saint-Jean der Vorstadt Poissonière kommen wollten. Dort bewohnte Charles-Henri ein geräumiges Haus und war von seinem Arbeitsplatz weit genug entfernt, um das Blut nicht zu riechen und gleichzeitig nah genug, auf dem Weg dorthin nicht allzu viel Zeit zu verlieren. Besonders schätzte er es, von seinen Nachbarn respektiert zu werden, was nicht selbstverständlich war, wenn man sein Geld mit dem Tod anderer verdiente. Mit Ausnahme von Karl übten alle das Amt des Scharfrichters aus, und da jeder auf den Namen Charles getauft worden waren – Charles-Herni, Charles-Baptiste, Charles-Martin – redeten sie sich kurzerhand beim Namen der Stadt an, in der sie arbeiteten. Charles-Henri wirkte nicht nur in der königlichen Stadt Paris, er hatte auch den besten Ruf und wurde schaudernd mit „der Herr von Paris“ angesprochen.

Mittlerweile lebte Großmutter Marthe wieder beim Herrn von Paris, da Lea vor Gesundheit strotzte und behauptete, Marthes Hilfe nicht mehr nötig zu haben. Sie konnte ja nicht ahnen, dass Lea sie einfach nur loswerden wollte. Seit Rosel von der Tollwut dahingerafft worden war, gab es für Lea deutlich weniger Arbeit, denn das Mädchen mit der Hasenscharte hatte beim Essen Tisch und Kleider beschmutzt, beim Sprechen Speichel gespuckt und sich häufig übergeben, weil sie wie ein hungriges Tier alles unzerkaut hinuntergeschlungen hatte. Lea trauerte nicht lange. Schon nach wenigen Tagen fühlte sie den Verlust als ungeheure Erleichterung. Nun konnte sie sich mehr ihrem Lieblingskind widmen, das sie aufgrund seiner Verkrüppelung sehr in Anspruch nahm. Aber nie klagte Lea, nie beschwerte sie sich, wenn die tapsige Philippine den Vorhang herunterriss, an dem sie sich hielt, um ihr Gleichgewicht zu halten. Wenn sie gegen den Tisch stieß, dass dabei Milchkannen umkippten und Teller zerschlugen. Marthe war froh, nicht mehr mit anhören zu müssen, wie Alberta und Frieda für allen Schaden verantwortlich gemacht wurden, den Philippine anrichtete. Der wütende Vater verdrosch jeden Tag ein anderes Mädchen, wagte es aber niemals, Philippine anzurühren. Einerseits war Marthe froh, das Haus verlassen zu können, aber sie ging voller Unruhe, denn sie fürchtete den Hass, der langsam in den Herzen der älteren Mädchen keimte. Wenn er ausgereift ist, wird er Philippine darunter begraben, dachte Marthe und erschauderte bei dem Gedanken, wie leicht es sein würde, den schönen Krüppel zu ertränken oder einen Abhang hinab zu stürzen.

Vor sechs Monaten hatte sie ihre Urenkelinnen zuletzt besucht und vom Hass nichts bemerkt. Die Mädchen schienen gutmütige Geschöpfe zu sein. Sie schienen Philippine zu lieben und der Mutter ihr ungerechtes Verhalten zu verzeihen. Deshalb dachte Marthe heute, im Frühjahr des Jahres 1781, nicht mehr an Philippine, sondern daran, die Herren von Tours, Toulouse, Reims und Blois mit ihren Kochkünsten zufrieden zu stellen. Brot und Wein wurden von Charles-Henris Gehilfen serviert und die Alte wachte darüber, dass diese sich sorgfältig gewaschen hatten und keine Blutspuren an Waden, Armen oder im Gesicht vorwiesen. Sie saß am oberen Ende des Tisches und hörte unkonzentriert der Unterhaltung der beiden Männer zu. Charles-Henri beschwerte sich über seine minderwertigen Arbeitsinstrumente. Er dürfe so nicht weitermachen, aber könne sich anderseits von seinem schmalen Gehalt keine besseren leisten.

„Was meckerst du denn? Du musst ja nur aufs Beil achten!“, murrte sein jüngerer Bruder. „Ich aber habe unterschiedliche Geräte, die sich verziehen und schnell Rost ansetzen. Es ist eine Mordsarbeit, alles instand zu halten und die Gehilfen machen sich ihren Spaß draus. Die Zangen, mit denen ich Finger und Zehen zusammendrücke, sind auch nicht das was sie sein sollten. Erst gestern hat meine Daumenschraube durchgedreht und dem Unglücklichen den Daumen zu Brei zermalmt.“

„Warum hackst du den Daumen nicht gleich ab, statt armselig herumzuschustern?“

„Wir haben unsere Vorschriften, Bruder!“ Karl zog an der ledrigen Haut seines Unterlids. „Zerbrechen von Gliedmaßen, Abzwicken von Fingern oder Zehen und Augenausstechen ist nach der neuen Ordnung für ‚peinliche Befragung’ verboten.“

„Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als sie Cartouche aufs Rad spannten!“, erzählte Marthe mit gesenktem Kopf. „Keiner ließ sich das schaurige Schauspiel entgehen. Es konnte vorkommen, dass Gott eingriff und ein Gemarterter lebend vom Rad fiel. Seine Verletzungen wurden behandelt, er kam mit dem Leben davon, blieb aber für immer ein Krüppel. Damien jedoch ..“ Beim letzten Wort hob sie den Blick und senkte ihn in Karls Augen. Der reagierte nicht. Teilnahmslos saß er auf seinem Stuhl, abgebrüht glotzte er sie an, als sähe er sie zum ersten Mal. Er ist seelenlos und hirnlos, dachte Marthe. Wie ist es möglich, dass solch ein Gimpel der Vater eines schönen Kindes sein kann? Und der Verdacht, den sie seit dem Tag hegte, an dem sie Lea glückstrahlend und fiebrig vom Holzholen hatte zurückkehren sehen, regte sich erneut in ihr. Schnell verscheuchte sie ihn und steuerte dem Gespräch ein wenig Vergangenheit bei: „Ich war so blöd und hab an jeden Unsinn geglaubt, die mir die Alten wie Zuckerwasser einflößten. Auch an den verteufelten Satz des Dorfpfaffen: Um den bösen Buben zu wehren, muss man Räder, Galgen, Kerker, Peitschen, Beil und Henker haben.“

„In der Tat muss man ein dickes Fell haben, sonst kann man solche schweren Aufgaben nicht ordentlich erledigen.“

„Und dieses Fell hast du, Bruder Karl!“, grinste Charles-Henri und dachte für sich, dass nicht nur Karls Nerven und Empfindungen abgestumpft waren, sondern auch sein Verstand wie ein ungeschliffenes altes Messer vor sich hinrostete. Zu nichts nutze. Indessen erzählte Marthe weiter.

„Mein Großvater hat die Hinrichtung Damiens mit angesehen. Ein starker junger Mann war er, bevor sie ihn gerädert haben. Er hat den Zangen getrotzt, die ihm das Fleisch herausrissen, auch dem heißen Blei, das sie in seine Wunden gegossen haben. Vielleicht hätte er sogar die Pferde ausgehalten. Aber das Rad hat er nicht überstanden. Gott hat ihm nicht geholfen, weil er ihn herausgefordert hat.“

„Gott herausgefordert?“, nuschelte Karl. „Aber er hat doch den König morden wollen, nicht Gott.“

„Lieber Karl!“, sagte Charles-Henri, wobei er allerdings lieber gesagt hätte: dummer Karl. „Wenn du dich am König vergreifst, ist das, wie wenn du Gott erschlagen wolltest. So eine Sünde muss streng bestraft werden. Der Täter muss, damit die schwere Sünde gereinigt wird, schon auf Erden durchs Fegefeuer. Sozusagen. Nur töten wäre eine Gnade für den Frevler, der ein Heiligtum besudelt hat.“

„So ist es! Ja, ja, so ist es!“, brummte Marthe. „Der König darf sich alles erlauben. Er hat eine Madame Pompadour, die ihm junge Mädchen ins Bett legt und es ist ihm ganz egal, was aus seinem Volk wird. Genau so ist es mit Gott. Es kümmert ihn einen Dreck, wenn wir verrecken.“

„Großmutter, wir sind im Jahre 1781 und unser König ist nicht mehr Ludwig XV mit seinen zahlreichen Maitressen. Unser jetziger König liebt nur seine Frau und die Hirsche im Hirschpark. Du solltest wahrhaftig nicht so gedankenlos daher reden.“

„Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist, Charlerie!“ Marthe zog den Namen Charles-Henri absichtlich zu einem Charlerie zusammen, weil es weniger aristokratisch klang. Charles-Henri Sanson antwortete nicht.

Eine Weile blickten sie einander an, dann sahen sie zur Tür, lauschten auf das Rasseln eines Fuhrwerkes, auf Schritte, die sich näherten, doch am Haus vorbeigingen.

Die Herren von Tours, Reims, Toulons und Blois ließen auf sich warten.

„Welche Köpfe lagen heute im Korb und wie viele?“, fragte Marthe unvermittelt.

„Es gab sechs auf einen Streich, am Nachmittag. Sechs Verurteilte mit Brandmarkung ergeben rund gerechnet 200 Sous. Dazu kommt der Zuschlag von 20 Sous pro Person, weil es sechs auf einmal waren. Für den Nachmittag ist das ein recht gutes Geschäft.“

„Schön, meine Junge, aber erzähl mir heute nicht, was die armen Menschen angestellt haben. Viel wird’s nicht gewesen sein.“

„Hab’s sowieso vergessen. Aber ich hab’ gemerkt, dass das Hackbrett von einem schlechten Schlag und schartig ist. Hab’s von Seine-et-Oise. Aufgefallen ist mir auch, wie übel das Hackebeil arbeitet. Viermal musste ich zuschlagen, bis der Kopf abging.“

„Bei allen sechs?“ Großmutter riss ihre Augen auf, schwarz mit silbrigem Rand, wie die eines Tintenfisches.

„Ach, was nur bei einem. Aber ich war unaufmerksam und dann fiel der Junge vom Gerüst.“

„Es gibt genug Gesindel, das dem Henker helfen will“, brummte Karl. „Ich merke es, wenn ich Kerle zum Foltern anheuere. Die rennen mir die Tür ein.“

„Gesindel kann ich nicht brauchen. Gesindel ist teuer. Auch die Weidenkörbe für die Köpfe haben sich verteuert. Die Stricke zum Binden sind nichts wert. Und wenn ich dran denke, ein neues Hackbrett kaufen zu müssen, vergeht mir der Hunger.“

Trotz dieser Bemerkung und obwohl die Brüder noch nicht eingetroffen waren, gab Marthe dem Gehilfen das Zeichen, den Hühnereintopf zu servieren.

Sie nahm den Deckel ab und der würzige Dampf weckte in Sanson Erinnerungen.

„Da fällt mir ein, dass ich heute einem bösen Weib, einer Magd, den Kopf abschlug. Sie hat ihrem Kind den Hals umgedreht wie einer Henne. Es sei schon das vierte, das der Herr Graf ihr gemacht habe, hat sie eiskalt gesagt. Und allen Kindern habe sie den Hals umgedreht, weil es ja ein Elend sei mit Kindern von einem Herrn, der sie schlägt, wenn sie dick wird. Bleibe sie aber schlank, dann sei er nett und gäbe ihr auch manchmal sogar einen Louisdor.“

„Du aber machst mit sechs Köpfen noch lange keinen Louisdor.“

„Es wird nicht besonders üppig nach Köpfen bezahlt!“, spuckte Karl verächtlich aus. „Der König bestreitet die Kosten der Scharfrichter und Verhörvollstrecker, aber der König ist ein Knicker, er zahlt wenig. Wenn er aber seiner lieben Königin Marie-Antoinette eine Freude machen will, ist ihm nichts zu teuer.“

„Ob zehn Köpfe oder zwei, das Gehalt erhöht sich nicht wesentlich. Gehört der Kopf aber einem reichen Landsmann, bringt er uns seine Schuhe, seine Kleidung und hin und wieder etwas Schmuck ein.“

„Ach was, Charlerie! Du köpfst doch nur arme Schlucker.“ Auf Marthes Ausspruch hin versanken alle drei in nachdenkliches Brüten. Nach einigen Minuten hob Karl den Kopf und ein mörderisches Funkeln blitzte in seinen blöden Augen.

„Es wäre doch zu schön, würden eines Tages die Edelleute geköpft. Die haben es verdient. Die tanzen seit Jahrhunderten auf uns herum und kommen vor Langweile um. Und jeder Kopf bringt viel Schmuck, seidige Kleider und Schuhe! Ja, richtige, schöne Schuhe und wir könnten unser unbequemes Fußwerk, das uns die Zehen verkrüppelt und Beulen verursacht, von uns schleudern.“

„So darfst du aber nicht reden, Karl. Soweit kann es niemals kommen. Da stünde ja die Welt Kopf.“

Pferdegetrappel war zu hören und ein lautes Quietschen direkt vor dem Eingang.

„Fangt an zu essen! Eure Brüder kommen!“, sagte Marthe, die zur Tür gegangen war, um die Herren von Tours, Reims, Blois und Toulons hereinzulassen.

3. Kapitel

1782

„Ein Pferd? Wozu ein Pferd für den Krüppel? Schnitze der armen Kleinen ein paar vernünftige Krücken, damit sie einigermaßen gehen und arbeiten kann, wie es Brauch ist.“ Angewidert starrte Karl auf Philippines armseligen Fuß. „Wo kämen wir hin, gäbe ich unser sauer verdientes Geld für die Spielereien deiner verwöhnten Tochter aus?“ Er spuckte aus und stierte nun seine Frau an, die am Herd stand, den Rock geschürzt, das Haar aufgelöst.

„Du bist ein Geizhals, ein Knicker. Das Geld, das du mit dem Schrecken verdienst, steckst du in neue, fürchterliche Instrumente und sparst an Anschaffungen, die uns das Leben erleichtern könnten.“ Lea stemmte die Hände in die Hüften und schleuderte wilde Blicke nach ihm. Der Folterknecht erhob sich. Drohend näherte er sich zunächst dem Mädchen, so dass dieses fürchtete, von ihm geschlagen zu werden. Wenn er wütend war, schlug er blind zu, und es konnte zuweilen auch Philippine treffen. Gewohnt, sich flink auf einem gesunden Fuß und einem kaputten davon zu machen, duckte sich die Kleine, kroch zwischen seinen Beinen hindurch und wieselte hinaus. Die beiden anderen Mädchen hatten sich längst in den Schuppen geflüchtet, wo sie abwarteten, bis der Alte sich beruhigt hatte. Nun stand er mit glasigen Augen seiner Frau gegenüber, die genau wusste, was auf sie zukam. Je schneller es rum ist, umso besser, dachte sie und riss die Bluse auf. Ihre schwellenden Brüste entfesselten seine latente Gier und im Nu hatte er die Hose gelockert. Lüstern stürzte er sich auf sie, drehte sie um, ritt sie gegen die Tischplatte, knetete ihre Brüste und stöhnte dabei: „Du bist eine Hure! Eine saftige, wüste Hure, der ich es jetzt so richtig besorgen werde.“

„Du besorgst es mir ziemlich schlecht, aber nimm dich in Acht, eines Tages werde ich es dir auf eine Weise besorgen, bei der dir Hören und Sehen für immer vergeht!“, zischte Lea vor sich hin, während ihre Schenkel gegen die Kante des Tisches rammten. Als es rum war, knotete Lea die Zipfel ihrer zerrissenen Bluse zusammen und stieß den befriedigten, grunzenden Mann auf einen Stuhl. Hocherhobenen Hauptes, als habe sie die Szene überhaupt nicht gedemütigt, strebte sie auf eine Vertiefung in einem Winkel des Raumes zu, die durch eine Holzplatte verdeckt war. Dort lagerte sie Nahrungsmittel, die sich nur in der Kühle hielten: Butter, Käse, Fleisch und Cidre, den ihr Mann sehr gerne trank. Sie schob die Holzverkleidung beiseite und entnahm dem Lagerraum eine Flasche gekühlten Cidre und ein kleines Fläschchen. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie den Alten, der wie betäubt im Stuhl hing. Als sie sich vergewissert hatte, dass er sie nicht beobachtete, öffnete sie die Flasche und tröpfelte etwas Flüssigkeit aus dem kleinen Behälter hinein. Oh, nein, sie wollte ihn nicht vergiften. Sie brauchte sein Geld, denn bei aller Brutalität kümmerte er sich doch um die Familie. Niemand hungerte, alle hatten Kleidung, ein Dach über dem Kopf und es gab sogar einige Hennen im Schuppen. Sie wollte ihn nur benebeln, seinen Verstand zersetzen. Es fehlte das Pferd. Ein Pferd für Philippine.Mit schwingenden Hüften und freundlichem Gesicht ging sie zum Tisch, an dem ihr Mann wie benebelt hockte und goss ihm Cidre in den Becher. Karl griff durstig danach. Er leerte einen Becher, dann einen zweiten und einen dritten. „Du bist ein Knicker und manchmal ein ekliger Kerl, aber du bist ein guter Mann, der seine Familie nicht im Stich lässt. Du hast mich geritten wie ein Teufel und kannst das jederzeit wiederholen, aber gib mir nun das Geld für ein Pferd.“

„Lass mich mit deinem Pferd in Ruhe, Alte.“ Er griff nach der nachlässig geknoteten Bluse, die ihre Brustwarzen sehen ließen. Lea streifte sie ab, goss den Rest des Cidres über ihren Busen und setzte sich rittlings auf Karls Schoß.

„Ja, ja, leck es ab, mein Alter. Leck meine Euter, erfreu dich an ihnen, so lange du noch kannst.“

Er gehorchte. Er leckte und labte sich an ihnen, während sie ihr Becken auf seinem Schoß rieb und so tat, als genieße sie seine Begierde. Karl war ganz benommen. Er verschlang ihre Brüste in einem Zustand von Ekstase und Ohnmacht. Das Betäubungsmittel tat allmählich seine Wirkung. Bevor er einschlief, erschlich sie sich von ihm die Summe fürs Pferd. Sein Kopf fiel gegen ihre Brust. Er schnarchte. Erst jetzt richtete sich Lea auf. Wie leblos sackte da sein Körper in sich zusammen und kippte vom Stuhl. Lea gab ihm einen Tritt in den Hintern und spuckte auf ihn.

„Ja, ich bin eine Hure. Du hast Recht! An dem Tag, an dem ich dich geheiratet habe, wurde ich zur Hure, denn sonst hätte ich dich nicht genommen. Wer einen Henker und Folterknecht heiratet, muss am Boden liegen. Und das tat ich. Ganz unten, von einem Trunkenbold in den Dreck getreten, von einer geschundenen Mutter verlassen. Was hätte diese auch tun sollen? Ihre Hände waren entzündet vom täglichen Waschen. Ihr Rücken gekrümmt vom Tragen der Körbe und Wassereimer. Ihr Unterleib klaffend, wund geritten von ihrem Säufer von Mann, der nichts zustande brachte, als sich an ihr zu vergehen und sich zu betrinken. Er wollte, dass ich zusah, wenn er sich über Mutter hermachte. Ich habe mir geschworen, es allen Männern heimzuzahlen, ohne auf Freuden zu verzichten. Denn auch in mir brennt das Verlangen nach einem Mann. Nach einem richtigen Mann, der mir gut tut, der meinem Körper Ehre erweist. Aber das kannst du nicht, du armseliger Wicht!“

*

Am nächsten Tag gingen sie zum Pferdemarkt am südöstlichen Stadtrand. Er hatte seinen Anfang beim Krankenhaus La Salpetrière und zog sich nach Süden an staubigen Wiesen, Feldern und einzeln stehenden Häusern in die Länge. Nahe des Krankenhauses – an dessen Stelle hatte sich einst eine Salpeterfabrik befunden, daher sein Name – warteten stolze Tiere auf reiche Käufer, auf Herzoge, Grafen und Gräfinnen. Dort standen einige Baracken, gab es einen großen Brunnen, Karren mit Hafer, und die Balken, an denen die Pferde angebunden wurden, waren aus blankem Holz. Lea hielt es für überflüssig, soweit vorzudringen, da sie für ihre Tochter keinen Glanzrappen erstehen konnte. Deshalb flanierten Mutter und Tochter im Bereich der erschwinglichen Ware. Hier sahen jedoch die meisten Tiere heruntergekommen aus. Sie waren für den täglichen Gebrauch gedacht. Zum Ziehen der Fuhrwerke, zum Tragen von Lasten und hatten einen dummen, abgestumpften Ausdruck. Enttäuscht musterte Lea die abgemagerten Rücken, die zottigen Schweife und struppigen Mähnen, das glanzlose Fell. Manche hatten verkrüppelte Ohren, verkrustete Augen, manche derbe Fesseln wie Ackergäule, andere wiederum standen auf dünnen Beinen mit kurzen Röhren, dass man fürchtete, sie knickten jeden Augenblick ein. Nein, so stellte sich Lea Philippines künftiges Pferd nicht vor.

„Ich suche ein passables Reitpferd für meine Tochter und nicht einen ausgedienten Klepper!“ Forsch blickte sie den Pferdehändler an. Das sonnenverbrannte Gesicht des Mannes zuckte. Seine lange, dünne Nase kräuselte sich, die hellen, durchscheinenden Augen blitzten und verächtlich antwortete er:

„Womit willst du ein Reitpferd bezahlen, Frau? Mit deinem Hintern, vielleicht? An Geld scheint’s dir zu mangeln, aber sonst hast du was zu bieten.“ Er schnalzte und taxierte sie vom Scheitel bis zu den Hüften, wobei er besonders gierig auf ihre eng geschnürte Bluse starrte. Geringschätzig ließ sie den Händler stehen. Sie kannte diese Blicke, ja sie forderte sie geradezu heraus, denn Lea hatte im großen Spiel des Lebens keinen anderen Einsatz als ihren Körper. Solange ihre Formen fest und lockend waren, das rotbraune Haar üppig, handelte sie damit wie eine Marktfrau mit Gemüse. Spürte sie auf ihrem Hintern die Hand eines Kerls, der ihr nützlich sein konnte, war sie bereit, ihm ihre Schenkel zu öffnen. Lea liebte ihr Hurendasein, besonders wenn sie an aufregende Männer geriet. Da sie aber in ihrem Umkreis sehr selten einen aufregenden Mann traf, der sich für sie interessierte und ihr gleichzeitig nützlich sein konnte, begnügte sie sich hin und wieder mit der Jugend allein. In Anbetracht des derben und ungeschlachten Kerls, der ihr Ehebett entweihte, lief ihr beim Anblick blutjunger Männer das Wasser im Munde zusammen.

So erging es ihr mit dem Pferdeknecht, der gerade ein Tier bürstete, das in Leas Augen recht jämmerlich aussah. Aus seiner Kruppe ragten rechts und links die Knochen, sein weißes Fell war von hellbraunen Flecken übersät, die lange Mähne zerzaust und schmutzig. Der junge Mann hingegen hatte kräftige Arme, einen muskulösen Oberkörper, der durch die Öffnung des Hemdes zu sehen war, einen schönen Hals und ein freundliches Gesicht, in dem braune, lustige Augen leuchteten. Lea spürte ein Ziehen im Bauch.

„Ja, treten Sie nur näher! Sehen Sie sich Vraem genauer an. Sie ist eine gute Stute und ihren Preis wert!“, rief er kühn, als sich Lea näherte. Doch kaum hatte er den Preis genannt, brach ein höhnisches Lachen aus Leas Kehle. Dabei streckte sie ihre Brüste vor und stemmte die Hände in die Hüften.

„Wer sollte das bezahlen? Ein Blinder?“

„Mama! Du tust dem Tier unrecht! Schau seine großen schwarzen Augen. Wie schön und freundlich sie glänzen. Mir gefällt auch sein schmaler, liebenswürdiger Kopf.“

„Ach, Philippine! Man kauft doch ein Pferd nicht seiner schönen Augen und seines lieben Kopfes wegen. Liebes Kind, da sieht man, wie wenig du von Pferden verstehst.“

„Verzeihen Sie meinen Einwand, Madame! Sie täuschen sich. Ihre Tochter hat Recht. In den Augen des Pferdes sehen Sie seinen Charakter. Vraem ist ein liebes und treues Pferd. Es wird Ihnen bis ans Ende der Welt folgen.“

„Aber nicht in diesem Zustand. Der Gaul bricht doch jeden Augenblick zusammen.“

Der Pferdejunge lachte amüsiert. Dann legte er vertraulich seine Hand auf Leas Schulter und sagte:

„Hören Sie mir zu und lassen Sie dabei das Pferd nicht aus den Augen.“

Seine Berührung fühlte sie nicht nur auf der Schulter, sondern auch auf ihren Brüsten und bereitwillig hörte sie zu. Sie stand nun ganz dicht bei ihm und erhaschte durch den offenen Schlitz seines Hemdes die makellose Oberfläche seines Bauches. Nachlässig steckten die Hemdzipfel im Hosenbund, während die Hose eng seine Lenden umspannte. Lea hörte kaum auf seine Worte, sie hatte nur noch einen Gedanken im Kopf. Und der erregte sie so sehr, dass sie heftig atmete.

„Hier!“, er strich dem Tier über seinen Nasenrücken, über Backen, Hals und Maul. „Dies alles ist perfekt, edel gebaut. Markanter Widerrist, harmonische Oberlinie. Ist die Mähne einmal gewaschen und gekämmt, hat die Stute einen prachtvollen Kopf. Und hier!“, er beugte sich, fuhr über Vorarm, Unterschenkel und Fesseln, dann hob er die Hufe an, was das Pferd widerspruchslos geschehen ließ und zeigte Lea deren Innenseiten. „Vraem hat steile Hufe und der Strahl ist durch die Trachten nicht beengt.“ Die Frau hätte ihn auch nicht verstanden, hätte sie zugehört. Ihr Interesse galt seiner Hose und ihrem Inhalt. Sie stellte sich vor, wie sie rittlings auf ihm saß und ihn in sich spürte. Ein tiefer Seufzer und der Ausruf ihrer Tochter holten sie in die Realität zurück.

„Oh, ich will die Stute, Mama! Sie und sonst keinen! Ich werde sie waschen und striegeln, bis sie glänzt wie der Schnee im Wald von Saint-Ouen.“

Genau das habe ich mit dem da vor, dachte Lea und sah den Knecht auffordernd an. Dieser war höchstens achtzehn und schien nicht sehr erfahren in gewissen Dingen, aber er glühte vor Neugier. Das bemerkte Lea sehr wohl.

„Wo können wir den Preis verhandeln?“ Sie konnte ihr Verlangen kaum bezähmen. Der Knecht schien zu verstehen und wies auf einen Schuppen hinter den Ständen, wo sie Futter für die Tiere lagerten. Nicht weit von diesem Schuppen befand sich allerdings ein niedriger Pavillon aus hellem Sandstein, in dem einige Männer gestikulierten und stritten. Es war das Gebäude der Marktüberwachung und Lea fürchtete, im Schuppen beobachtet zu werden. Der junge Knecht zwinkerte, als ob er ihre Ängste erraten habe. Und da er Feuer gefangen hatte und sich die zu erwartenden Wonnen keinesfalls entgehen lassen wollte, sagte er hastig:

„Beunruhigen Sie sich nicht. Die Ordnungshüter haben nur den Markt im Auge, nichts anderes interessiert sie, denn nirgends wird mehr betrogen und mit Köpfen geschachert als auf einem Pferdemarkt. Hier treibt sich viel Gesindel herum, das feilscht und so laut schreit, dass man sein eigenes Wort nicht versteht.“

Beruhigt sah sich Lea um und beobachtete erleichtert ihre Tochter. Die hatte schon nach der kräftigen Bürste fürs Fell und dem grobzinkigen Kamm für die Mähne gegriffen und setzte mit zärtlichen Strichen die Reinigung des Pferdes fort.

Auf dem Weg kamen ihnen zwei Männer mit Heuballen entgegen und drei Frauen, die jammernd Wassereimer zu den Pferden schleppten. Es stank nach Urin und Abfall, doch im Schuppen überwog der Geruch von Heu und Hafer. Kein Mensch war zu sehen, deshalb fackelte Lea nicht lange. Leidenschaftlich drehte sie sich dem jungen Mann zu und fasste mit beiden Händen in die Öffnung seines Hemdes.

Sie zog die Zipfel aus dem Hosenbund, streifte ihm das Hemd über die Schulter und ließ ihre Zunge über die Kuhle seines Brustkastens gleiten hinunter zum Bauchnabel, in den sie ihre Zungenspitze bohrte, während sie ihm den Hosenschlitz aufknöpfte. Begierig lauschte sie auf sein lustvolles Stöhnen, als sie sein Glied in ihren Händen rieb.

„Du wirst die Mähre nicht los, denn sie ist zu zart für einen gestandenen Mann, nicht wahr?“, flüsterte sie heiß und schob ihn in den hintersten Winkel des Schuppens.

„Du hast Recht!“, stotterte er. Ungeschickt nestelte er an ihrer Bluse. Lea ergötzte sich an seiner Unschuld und kam ihm zu Hilfe. Ihre nackten Brüste brachten ihn fast um den Verstand.

„Nimm sie in die Hand, knete sie, küsse sie! Los, los. Wir haben nicht viel Zeit. Du hast doch deine Zunge nicht nur zum Sprechen.“

Er tat sein Bestes. Indessen sie im Winkel angekommen waren und auf die Heuballen niedersanken, schwang Lea ihren Rock und öffnete ihre Schenkel. Tatsächlich hatte der Junge wenig Erfahrung. Ehe er sich versah, drang er dank ihrer geübten Gesten in sie ein und verfolgte mit steigerndem Verlangen ihre Bewegungen auf seinen Lenden. Ihre Brüste wippten, das Haar schimmerte im einfallenden Tageslicht, während sie in höchster Lust auf ihm ritt. Er sah aus als erlebte er dieses Entzücken zum ersten Mal.

„Mach mir einen akzeptablen Preis für die Mähre! Meiner Tochter scheint sie zu gefallen!“, keuchte sie.

Tatsächlich wirkte Albano – er war wie sein Pferd portugiesischer Herkunft – so verzückt, als habe er noch bei keiner Frau solch heißes Begehren erlebt. Er sah aus als durchströmten ihn die köstlichsten Gefühle.

„Ich mach dir den halben Preis, wenn du mich noch öfters an deinen herrlichen Körper lässt!“, stöhnte er und schnappte nach ihren Brustwarzen. Lea war ganz in ihrem Element. Das vor Lust erhitzte Gesicht des jungen Mannes unter ihr entzückte sie, der geschmeidige Ritt erregte sie in höchstem Maße und keuchend galoppierte sie weiter. Dann schrie sie leise auf, sank mit einem stöhnenden, ausgedehnten Seufzer auf seine Brust nieder und grunzte gesättigt, während sich der arme Junge ungeschickt in ihr weiterbewegte. Als auch er ermattet zurückfiel, richtete sich Lea abrupt auf. Sie streifte ihre Kleidung zurecht, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Albano war ebenfalls aufgestanden und zog die Hose hoch.

„Einverstanden! Der halbe Preis! Und ich führe dich in ein Spiel ein, das du noch dürftig beherrschst. Mit dem hier!“, sie griff in den Hosenschlitz und nahm sein Glied erneut in die Hand „kannst du jeder Frau das Leben versüßen, wenn du deine Sache verstehst und nicht nur an dein eigenes Wohl denkst. Dieses Spiel ist die Freude der Armen. Spielen wir es gekonnt!“

Albano erbebte und nickte heftig.

„Ich wohne in Saint-Ouen im Haus des Verhörvollstreckers.“

Beim Erwähnen des Wortes Verhörvollstrecker zuckte Albano zusammen und wurde blass. Lea bemerkte es nicht und redete weiter:

„Komm alle Tage und gib meiner Tochter fleißig Reitstunden. Ich werde dich mit meinem Hintern so gut bezahlen, dass du noch im Alter von mir träumen wirst, du Grünschnabel.“

4. Kapitel

Vier Jahre später. 1786

An einem Abend im März brach Karl Sanson, der Verhörvollstrecker, beim Abendessen am Tisch zusammen. Sein Kopf schlug auf den Tonteller, aus dem die Suppe spritzte, schwer fielen die Arme rechts und links am Körper herab und ein fürchterliches Ächzen erschütterte seine Brust. Bestürzt schnellte Lea von ihrem Stuhl hoch und beugte sich über ihn. „Was ist mit dir, Karl?“, schrie sie gellend. Karl rührte sich nicht und Panik ergriff Lea. Scharf befahl sie Frieda, ihr zu helfen, den Ohnmächtigen zum Bett zu schleppen und bat Philippine in milderem Ton, einen Arzt zu holen.

Das Mädchen rannte in den Schuppen und verlangte von ihrem Pferd das, was ihm Albano beigebracht hatte und was das Mädchen mittlerweile beherrschte: Es schlug sanft gegen seine Vorderhufe, damit es in die Knie ging und Philippine aufsteigen konnte. In Windeseile jagte sie in den Ortskern von Saint-Ouen, wo der Arzt wohnte. Er war ein guter Freund des Verhörvollstreckers, weil dieser ihm zahlreiche Kunden zukommen ließ, deshalb trödelte er auch nicht, sondern sattelte seinen alten Klepper und ritt sogleich mit dem Mädchen zurück. Während Philippine in den Stall ging und sich um Vraem kümmerte, trat der Arzt ins Haus. Karl hatte sich mittlerweile etwas erholt. Ruhig ließ er des Doktors Untersuchungen über sich ergehen.

„Es muss wohl eine Herzattacke gewesen sein!“, diagnostizierte der Mediziner. „Es klopft unregelmäßig und die Atmung ist hektisch.“

„Wie bekommt man so eine Attacke?“

„Er arbeitet zu viel. Ist angestrengt, leidet unter seiner Tätigkeit. Vielleicht gehen ihm die wimmernden Opfer zu sehr zu Herzen.“

Bleich und mit zitternden Händen streichelte Lea den Kopf ihres Mannes. „Kann es auch von etwas anderem kommen?“, bei diesen Worten bugsierte sie den Arzt aus der Schlafkammer.

„Man kann ein Herz auch durch üble Nahrung lahm legen. Hast du ihm etwa ein wenig Säure in die Suppe gekippt, damit du mehr Freiheiten genießen kannst?“ Kaum waren sie allein, klopfte er der jungen Frau dreist auf den Hintern. Wütend stieß sie seine Hand weg. Ungern erinnerte sie sich daran, dass sie es auch mit ihm schon mehrmals getrieben hatte. Einmal im Schuppen wo nun Vraem stand. Ein andermal an den Ufern der Seine und ein drittes Mal bei ihm zu Hause, während seine Frau in der Apotheke Rezepte mischte. Das Feuer in ihrem Hintern war nicht zu löschen und je öfter sie es trieb, um so mehr gelüstete sie danach. Seitdem sie nach einer verpfuschten Abtreibung durch eine Engelmacherin unfruchtbar geworden war, betrachtete sie ihren Schoß nur noch als Lustquelle.

„Nimm’s mir nicht übel, Lea! Ich würde dich niemals verdächtigen, deinen Alten abmurksen zu wollen. Er taugt zwar im Bett nicht, aber er bringt Geld. Denn Geld lässt sich nicht so leicht beschaffen, auch nicht mit solch einem saftigen Hintern wie dem deinen!“

Blitzschnell fasste er unter ihren Rock. Angewidert stieß ihm Lea ihr Knie in die Hoden. Er schrie gepeinigt auf.

„Du Luder!“ Er ohrfeigte sie. „Sei froh, dass ich deinen Alten nicht von deinem Lotterleben erzähle. Er würde geradewegs ins Grab sinken, vor Scham, mit solch einer Hure verheiratet zu sein.“

„Ich bin keine Hure!“ Sie spuckte ihm ins Gesicht. „Merk dir ein für allemal, dass dir mein Körper nicht mehr zur Verfügung steht. Ich bin sehr wählerisch geworden.“

Bedächtig wischte sich der Arzt den Speichel von der Wange, dann verzog er seinen Mund zu einem breiten Grinsen, aus dem im nächsten Moment ein höhnisches Wiehern dröhnte.

„Wählerisch! So weit ich informiert bin, hat sich halb Saint-Ouen an deinem Hintern gütlich getan. Das ist nicht sehr wählerisch.“

„Meistens waren es junge, ansehnliche Männer und nicht solch grobschlächtige Kerle wie du.“

„Ach, geh zum Teufel, dummes Weibsstück!“ Er wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um. „Gib deinem Mann, dem armen Kerl, keinen Alkohol, lass ihn Milch und Suppe trinken, aber misch kein Hexenkraut darunter und koche das Trinkwasser gut ab. Schick mir morgen Philippine. Ich werde eine Medizin brauen lassen, die ihn wieder auf die Beine bringt.“

Schnell duckte sich Philippine hinter das hohe Fass, das neben dem Eingang stand, damit der Arzt sie nicht sehen sollte. Sie war vom Geschrei der beiden angelockt worden und hatte, in der Annahme, es ginge um den Zustand ihres Vaters, ins Haus gehen wollen. Im letzten Moment hielt sie inne und wurde dabei unfreiwillig Zeugin der derben Unterhaltung. Nicht zum ersten Mal erlebte und hörte sie Dinge, die die dunklen Seiten ihrer Mutter ans Licht zerrten. Bis heute hatte sie nichts davon geglaubt. Lästermäuler sind es, die meine Mutter schlecht machen wollen. Böse Zungen, die ihr die Schönheit neideten. Weit und breit gibt es keine Frau, die mit dreiunddreißig Jahren und nach sechs Geburten noch so blüht. So dachte Philippine bisher. Heute jedoch fiel der Zweifel auf fruchtbaren Boden. Er fing an zu keimen.

Philippine wartete eine Weile, bevor sie ins Haus trat. Der Raum war leer. Jedenfalls sah es zunächst so aus. Doch da entdeckte sie Frieda. Verborgen kauerte sie in einem Winkel des Zimmers und zitterte.

„Was ist mit dir, Schwester? Warum zitterst du am ganzen Leib?“

„Ich habe Angst!“, stotterte die Ältere. Ihre Zähne schlugen gegeneinander, ihre Lippen zuckten und aus aufgerissenen Augen starrte sie die jüngere Schwester an.

„Ist es wegen Vater? Hast du Angst um sein Leben?“

Mit versteinertem Gesicht nickte Frieda. Beruhigend streichelte Philippine über Friedas Haar und sagte:

„Die Medizin wird ihm helfen. Bald ist er wieder gesund.“

Da schüttelte Frieda den Kopf. Unaufhörlich schüttelte sie ihn, immer heftiger und wilder als machte er sich selbstständig, als wollte er sich von ihrem Körper lösen. Dabei stieß sie zerrissene Sätze aus.

„Wir müssen uns ... in Acht nehmen! Vater ... Alberta ...!“

„Alberta? Was ist mit Alberta?“

„Spazieren! Spazieren!“ Frieda wiegte den Kopf hin und her wie eine Schwachsinnige. Besorgt kniete sich Philippine neben sie, rüttelte sie und fragte, wo sie Alberta gesehen habe.

„Im Wald, im Wald. Das Moor ...!“

Philippine standen die Haare zu Berge.

„Sie ist bis zum Moor gegangen?“

„Nein, nein ... nur bis zum Weiher!“

„Oh, der ist an manchen Stellen tückisch. War sie allein?“

Frieda schüttelte den Kopf. Dann wurde sie mit einem Mal kreidebleich. Schritte waren zu hören. Zitternd duckte sie sich tiefer in den Winkel, während die Jüngere rasch zur Tür humpelte und so tat, als sei sie eben eingetreten.

„Wie geht es Vater?“, rief sie der entgegenkommenden Mutter zu.

„Er ist bei Besinnung!“, antwortete Lea nervös. „Kümmere dich um ihn. Ich laufe kurz auf den Markt und hole Fleisch, damit er wieder zu Kräften kommt.“

„Fleisch!“, wiederholte Philippine leise für sich. „Woher nimmt sie nur immer das Geld dafür?“ Fragend sah sie ihr nach. Indessen war Frieda aus ihrem Winkel gekrochen.

„Ich weiß es, aber ich darf es dir nicht sagen.“

Heftig drehte sich Philippine zu Frieda um. Aus panisch geweiteten Augen sah die Ältere auf die Jüngere. Um die verängstigte Schwester nicht noch mehr zu verschrecken, sagte sie ruhig:

„Wenn es dir solche Angst macht, es mir zu verraten, dann behalte es eben für dich. Aber sage mir dann, mit wem Alberta zum Weiher gegangen?“

„Niemals!“, schrie Frieda. „Niemals!“, wiederholte sie angstgelähmt. „Frage mich nie mehr danach, wenn dir mein Leben lieb ist!“, stieß sie heftig hervor und stürzte davon.

*

Auf dem Weg zum Markt kam Lea am Pfarrhaus vorbei. Sie hatte es vor gut einem Jahr zum ersten Mal betreten. Unwillkürlich blieb sie stehen und starrte auf die schiefe Haustür. Damals wollte sie wissen, ob Pfarrer Roumanet etwas für sie tun könne. Es sei lebenswichtig.

„Alles was dem Leben dient, soll auch mein Dienst sein!“, hatte der schmalbrüstige Gottesmann geantwortet.

„Dann lehrt meiner Tochter Lesen und Schreiben und sorgt dafür, dass ihr verkrüppelter Fuß seine natürliche Form zurückbekommt. Dein Gott hat meinem Kind ein schönes Gesicht, aber einen hässlichen Fuß in die Wiege gelegt. Das nehme ich nicht hin. Ich will Mittel und Wege kennen, diese grässliche Entstellung aus der Welt zu schaffen und wenn ich dabei den Teufel herausfordern muss.“ Wie es ihre Gewohnheit war, hatte Lea die Hände in die Hüften gestemmt und dabei ihre Brüste zur Geltung gebracht. Pfarrer Roumanet hatte zunächst verwirrt reagiert und war zurückgewichen. Bald jedoch hatte er sich gefangen und gesagt:

„Schick mir deine Tochter zum Unterricht. Was ihre Entstellung angeht werde ich mich kundig machen.“

Eilig hatte er sich daraufhin entfernt und Lea war unzufrieden gegangen. Seit dieser Zeit lernte Philippine bei ihm Lesen und Schreiben. Für ihren Fuß jedoch hatte er bis heute nichts getan.

„Ich sollte ihm in seinen knochigen Hintern treten, damit er merkt mit wem er es zu tun hat.“ Sie spuckte aus und ging weiter in Richtung Markt.

„Nicht jetzt, du verschwitzter stinkender Gottesmann. Aber bald! Sehr bald werde ich kommen und dich gesalzen an dein Versprechen erinnern. So leicht wird man Lea nicht los!“

Lea kaufte einen Kalbskopf, Lebertran, Mehl und Eier. Den Einkauf verstaute sie in ihrem Korb, den sie sich auf den Rücken schnallte. Dann strebte sie durch das Gewirr der Händler und Marktschreier auf eine enge Gasse zu. Vor einem schiefen unwirtlichen Gebäude mit schmutziger Fassade hielt sie an. Sie stieß die Haustür zurück und stieg eine abgewetzte Treppe hinauf. Das Geräusch ihrer Schritte verscheuchte eine fette Ratte, die zwischen Leas Füßen ins Freie witschte.

Merlen – seit zwei Wochen ihr Liebhaber und Komplize – wohnte direkt unterm Dach in einer miserablen Mansarde. Wie Lea träumte er von einer rosigen Zukunft. Da er faul war, weder lesen und schreiben konnte, noch sonst eine Arbeit zufriedenstellend verrichtete, hatte er sich auf das älteste Gewerbe der Welt spezialisiert. Anfangs hatte er sich Provinzmädchen gehalten, die anschafften. Das eingenomme Geld frischte seinen Verdienst als Knecht eines Hufschmieds ein wenig auf, reichte allerdings nicht aus, die Arbeit beim Hufschmied aufzugeben. Erst mit Lea fing das Geschäft an zu blühen. Lea wusste worauf es ankam. Lea hatte das Gespür für Feinheiten und sie lehrte ihn den Unterschied von Quantität und Qualität zu bedenken. „Zwei gute, wollüstige Weiber bringen dir mehr ein, als vier, die nur die Beine spreizen!“, hatte sie erklärt und Merlen glaubte ihr. Wieso hätte er an ihren Worten zweifeln sollen, war sie doch selbst der beste Beweis dieser Aussage?

„Bevor wir vom Geschäft reden, wollen wir es miteinander treiben. Hätte ich dich, nachdem Albano uns verlassen hatte, nicht ausfindig gemacht, würde ich eingehen. Ich brauche den täglichen Ritt wie die Blume das Wasser, mein Hengst. Denke schon seit Stunden an nichst anderes.“ Während sie redete, knöpfte sie ihre Bluse auf und streifte sie ab. Sie gab Merlen, der bei ihrem Eintreten von seinem Bett aufgesprungen war, einen kräftigen Schubs, so dass er zurück in die Laken fiel. Im Handrumdrehen hatte sie seine Hose geöffnet und ihren Rock geschürzt.

Eine halbe Stunde später lagen sie ermattet und schweißgebadet auf dem Rücken.

„Ich sage es dir noch einmal: Meine dumme, feiste Tochter wird unsere Kassen füllen. Ich schwöre es! Aber dazu brauch ich dich, mein Junge. Du musst ihren Hintern arbeitsfähig machen. Noch ist er nichts weiter als ein breiter Hintern, den sie nutzlos durch die Gegend schiebt.“ Lea lachte hämisch.

„Einfach wird das nicht sein. Ich habe deine Frieda einmal gesehen und nichts Aufreizendes an ihr gefunden. Sie ist eher abstoßend!“

„Du wagst es?“ Lea richtete sich ein wenig auf und drohte ihm mit der Faust. Merlen packte das Handgelenk der Frau, sah sie entschuldigend an und flüsterte:

„Wer ein Weib wie dich gekannt hat, wird wählerisch!“ Er zwinkerte. Leas Arm sank aufs Bett zurück. „Dennoch muss ich dich warnen. Das Mädchen hat ein dämliches Gesicht und dieses grässliche Muttermal auf der Wange. Wie willst du mit dieser Kreatur deine Kassen füllen? An ihr werden nur Hungerleider Geschmack finden. Arme Schweine, die nichts Besseres bekommen können. Das ist nicht unser Ziel.“ Verwegen blickte er sie an. Durch Lea ging ein Ruck. Sie stand auf, stellte sich in ihrer ganzen Nacktheit vor ihm auf und stemmte die Hände in die Hüften.

„Ich habe dich für klüger gehalten. Aber du scheinst ein Schwachkopf zu sein, nicht halb so klug wie das Eisen, das du schmiedest.“ Verächtlich spuckte sie vor ihm aus. „Was geht dich ihr dämliches Gesicht an? Was geht euch Mannsbilder überhaupt das Gesicht an, wenn ihr nichts weiter wollt als einen guten Ritt. Glotzt du einem Pferd ins Gesicht? Einer Kuh in die Augen oder einer Ziege auf ihre geschwungenen Lippen? Frieda hat prächtige Schenkel, feste Brüste und einen jungfräulichen, hungrigen Schoß, der darauf wartet, gemästet zu werden. Und zwar von dir, du Gimpel, weil du – so dumm du auch sonst sein magst – auf dem Gebiet deine Sache gut machst. Jeder andere würde sich auf mein Angebot stürzen, aber ich will dich. Statt ihren Schoß zu Schanden zu reiten wirst du ihn gierig machen! Genau das brauchen wir. Stimme du ihren Körper ein, während ich ihr Hirn einstimme und höre auf zu Jammern. Ich habe Frieda erklärt, dies sei ein Gewerbe wie jedes andere. Leider stellt sie sich verdammt moralisch an. Glaubt an Liebe, glaubt an einen sanften Mann, der sie befruchtet und sie dann mit auf sein Schloss nimmt. Ha, dass ich nicht lache. Alles Firlefanz! Die Menschen sind verdorben. Sie kennen nur ihren eigenen Nutzen und trampeln über dich hinweg, wenn du ihnen im Weg bist. Du musst es ihnen gleich tun, sonst überlebst du nicht. Ich weiß, wovon ich rede.“

Sie richtete sich auf und sah ihn böse an. Eingeschüchtert durch ihren Blick und den strengen Ausdruck ihres Gesichtes gab er nach.

„Gut! Ich tue was du verlangst. Aber ich bestehe auf deine Anwesenheit. Ich bestehe darauf, deinen nackten Körper anstarren zu dürfen. So wie jetzt. Das bringt mich auf Touren.“

„Oh, das klingt aufregend. Sehr aufregend.“

*

Am Abend saßen sie vereint beim Essen um den Tisch. Lea, Philippine, Frieda und Karl. Es ging ihm besser, aber das Essen wollte ihm noch nicht so recht schmecken. Nachdem er eine Weile lustlos und mit gesenktem Kopf vor sich hingekaut hatte, sah er irritiert vom Teller auf, ließ seinen trüben Blick schweifen und fragte gelangweilt, wo denn Alberta sei. Philippine antwortete, sie habe einen Spaziergang zum Weiher gemacht und wundere sich, dass sie um diese Zeit noch nicht zurück sei.

Während sie es sagte, beobachtete sie aufmerksam die ältere Schwester. Diese wagte sich kaum zu rühren, schob apathisch das Essen in den Mund und sah dabei ängstlich um sich. Philippine blickte zur Mutter. Die hingegen zeigte keine Sorge, sie war die Ruhe selbst. Gelassen schöpfte sie vom Bohneneintopf und servierte es ihrer Lieblingstochter.

„Alberta ist fünfzehn, Frieda fast siebzehn. Beide sind erwachsen. Ich war jünger, als ich heiratete. Wovor fürchtet ihr euch? Dass dem Mädchen ein Bursche aus der Gegend nachgestellt hat und sie vielleicht dort unten verführt.“

„Könnte sein!“, brummte Karl. „Es ist spät und mir wäre es nicht recht, läge sie mit einem Kerl im Gras am Weiher.“

„Es sollte dir besser recht sein, damit sie weiß, was die Stunde geschlagen hat, wenn sie mal heiratet.“

Diesmal ließ sich Philippine vom Gerede der Mutter nicht beeindrucken. Sie misstraute ihr und machte sich ernsthaft Sorgen. In den Wäldern hausten Räuber, die nachts aus ihren Löchern krochen und ihr Unwesen trieben. Und im Moor konnte man verschwinden. Andererseits hatte Frieda gesagt, Alberta sei nicht alleine. Vielleicht war der schüchterne Nachbarsbursche mit ihr gegangen, der sie schon seit einiger Zeit aus der Ferne anhimmelte. Und doch!

„Alberta ist nie so lange weggeblieben! Es ist beunruhigend. Wir sollten nach ihr suchen!“, sagte sie sehr ernst. Lächelnd ging Lea um den Tisch, neigte sich zu ihrer Lieblingstochter und beschwichtigte sie:

„Mach dir bitte keine Sorgen, mein Kind! Du wirst sehen, morgen ist sie wieder bei uns.“

Bei diesen Worten erstarrte Frieda. Erstaunt nahm Philippine den namenlosen Schrecken in Friedas Gesicht wahr, der sich dort gespenstisch abzeichnete. Philippine hatte den Eindruck, aus der älteren Schwester entweiche jegliche Wärme und breite sich eisige Kälte in ihr aus. Ein Schauder ergriff die Jüngere.

*

Lea hatte Friedas Furcht bemerkt. Die Mutter wusste, dass Frieda herum schnüffelte, dass sie gerne ihre Nase in Dinge steckte, die sie nichts angingen. Der beste Weg, das hirnlose Geschöpf davon abzuhalten, Dummheiten auszuplaudern oder Gerüchte zu verbreiten, die ihrer morbiden Phantasie entspringen, ist, sie gefügig zu machen, dachte Lea zornmütig. Und so füllte sie die kommenden Tage mit Erlebnissen, die Frieda aufwühlen und Albertas Verschwinden verdrängen sollten.

Ihr erster Schritt war ein Besuch in der Dachkammer von Saint-Ouen. Während Philippine auf ihrer Stute durch die Wälder von Saint-Ouen streifte und nach Alberta rief, wurde Frieda dem Hufschmid vorgestellt. Gelangweilt taxierte Merlen das Mädchen und wiederholte, was er schon gesagt hatte.

„Sie reizt mich nicht.“

Lea schlug ihm ins Gesicht. Merlen zuckte und rieb sich die Wange.

„Halt’s Maul und glotze, statt zu blöken! Sieh dir an, was sie zu bieten hat!“, herrschte Lea ihn an. Dann begann sie, die Tochter auszuziehen. Langsam und genüsslich. Sie nahm ihr die Haube ab, schnürte das Kleid auf, enthakte die Korsage und streifte sie bis zur Hüfte, sodass Frieda mit blankem Busen dastand. Merlens Augen blitzten:

„Die Brüste sind appetitlich. Zum Anbeißen. Wenn nur das Gesicht nicht wäre!“

„Gimpel!“ Lea schlug ihm mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. „Was habe ich dich gelehrt? Nun, was denn? Antworte!“ Sie stieß ihn nach hinten. Er wehrte sich nicht, sah sie nur flammend an. Ihr zorniges Auftreten schien ihm zu gefallen.

„Ja, ja! Ist schon gut. Ich weiß es: Das Gesicht ist unwichtig.“

„Richtig, guter Junge. Nur das hier zählt!“ Sie riss Frieda die restlichen Kleider vom Leib. Merlen fielen die Augen aus dem dummen Kopf.

„Wahrlich, wahrlich, sie hat satte Schenkel!“, lallte er.

„Ganz zu schweigen von dem Nest dazwischen.“

Sie ergriff Merlens Hand und raunte: „Mach es satt und schlüpfrig mit deinen rauen Fingern.“

Als Frieda die Männerhand auf ihren Beinen spürte, wich sie ängstlich zurück. Ihre Reaktion missfiel der Mutter außerordentlich. Mit eisiger Stimme zischte sie die Tochter an:

„Und du wirst gehorchen, Kindchen! Wehe, du kommst dem lieben Merlen nicht entgegen. Ich schlage dich vor seinen Augen windelweich. Ich prügele deinen Hintern bis er glüht und ritzrot wird.“

„Ich ... ich ... will tun, was ... ihr von mir ... verlangt!“, stotterte das Mädchen und sein Körper versteifte sich, seine Haare stellten sich auf. Merlens Hand wanderte an Friedas Beinen hinauf und versuchte ihre Schenkel auseinander zu drängen. Sie klemmte sie fest zusammen.

„Was soll ich mit diesem Brett?“, schimpfte Merlen. „Die bringt keinen Sous ein.“

Wütend schubste ihn Lea beiseite. Sie gab Frieda zwei kräftige Ohrfeigen. „Und nun öffne dich, mein Kindchen. Öffne dein Türchen, sonst geht es dir schlecht. Wenn du tust, was Mutter sagt, wird es dir gut gehen. Sehr gut sogar!“