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Steinway & Sons - vom Harz nach New York 1804: Der Köhlerjunge Heinrich Steinweg wächst in den dunkeln Wäldern des Harz auf. Er liebt den Geruch von frisch geschlagenem Holz. Aber er träumt davon, etwas Schöneres daraus zu erschaffen, eines Tages Musikinstrumente zu bauen. Gegen alle Widerstände arbeitet er sich buchstäblich aus dem Nichts heraus. Er wird zu einem angesehenen Klavierbauer, findet in Julianne die Liebe seines Lebens und begründet schließlich in New York eines der bedeu-tendsten Klavierhäuser der Welt: Steinway & Sons. Dies ist die Ge-schichte seines Lebens.
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Titelbild: New York 1851 aus der Vogelperspektive, Blickrichtung nach Norden über Manhattan mit Battery Park und Castle Garden im Vordergrund.
Für Helmut, Daniel, Emmanuel und Catharina, die mich nie im Stich ließen, wenn ich mal den Mut verlor.
Paris 2019
Teil 1804 – 1849: Aus der Alten Welt
Teil 1850 – 1871: Aus der Neuen Welt
Paris 2019
Über die Autorin
Seit Jahren treibt mich die Geschichte dieser goldenen Kette um. Ich kann kaum schlafen, wälze mich im Bett von einer Seite auf die andere. In der Dunkelheit funkeln die Augen meiner Großmutter. Am Morgen unter der Dusche höre ich ihre wispernde Stimme. Oft beruhige ich mich erst, wenn ich an meinem Flügel sitze. Ohne mich abzutrocknen, schlüpfe ich in den Bademantel. Meine nassen Füße zeichnen Abdrücke in den pastellfarbenen Keschan, der ausgebreitet vor dem wunderschönen Instrument liegt.
Ach, ich liebe diesen Flügel. Ohne ihn wäre ich längst tot. Entschlossen gehe ich auf ihn zu, will mich setzen, in seine Tasten greifen und die Ruhe fühlen, die dann in sanften Wellen über mich kommt. Nur - so einfach ist das nicht. Wie so oft streift mein Blick über die Wände dieses Zimmers und hält mich erst einmal davon ab zu spielen. Von den Wänden lächeln mir Aufnahmen meiner Konzerte auf der ganzen Welt entgegen. Ich spielte in London in der Royal Albert Hall, in Paris im Salle Pleyel, im Fenice in Venedig sogar in der New Yorker Carnegie Hall. Das hört sich grandios an, aber bis ganz nach oben habe ich es dennoch nicht geschafft.
Instinktiv gleitet mein Blick weiter zu dem goldenen Kästchen, das auf dem geschlossenen Teil des Flügeldeckels steht. Darin liegt sie: Die Kette, die mir den Schlaf raubt. Vor Jahren schon bekam ich sie von meiner Großmutter. »Dieses feine Collier hat Lydia aus Amerika mitgebracht und mir aufgetragen, es nach ihrem Tod nur an eine gute Frau weiterzugeben«, hatte sie dabei gesagt und mich vielsagend angesehen.
»Verdammt!«, schreie ich wütend. »Was geht es mich eigentlich an, dieses feine Collier? Warum quält mich seit Jahren dieser alte Kram? Urgroßmutter Lydia ist seit über fünfzig Jahren tot.« Ich presse die Handflächen gegen die Wangen und laufe im Kreis. »Beruhige dich«, flüstere ich. »Du bist übermüdet und unzufrieden. Seit fünfunddreißig Jahren arbeitest du hart, um dir so eine Wohnung leisten zu können. Seit deinem vierten Lebensjahr spielst du Klavier. Seit deinem zwölften Lebensjahr sammelst du Trophäen. Was willst du denn noch?«
Dabei weiß ich es genau. Ich will Liebe – und kann sie nicht bekommen. Noch einmal atme ich tief durch und kehre zum Flügel zurück. Grelles Sonnenlicht flutet durch die deckenhohen Fenster, der Himmel ist tiefblau, das Grün des Jardin de Luxembourg leuchtet wie ein Teppich gewebter kleiner Smaragde. Ich lasse die Jalousien herunter und meinen Bademantel fallen. Nackt setze ich mich auf den Klavierhocker und versuche, an nichts anders zu denken als an mein Lieblingsstück: das ›Larghetto‹ aus Chopins ›Konzert Nummer 2‹. Mein Herz klopft wild, doch meine Hände sind kalt und meine Finger liegen wie gelähmt auf den Tasten. Die Musik kommt nicht zu mir, meine Finger weigern sich, mir dabei zu helfen.
Stattdessen höre ich wieder die Stimme meiner Großmutter. Die durchdringende, energische Stimme dieser alten Frau, die ihre unglaubliche Erzählung mit den Worten einleitete: »Hör gut zu, Kindchen. Erst, wenn du diese Geschichte kennst und begreifst, wirst du es vielleicht ganz nach oben schaffen.«
Ich bin müde. Ich möchte schlafen. Gleichzeitig möchte ich spielen. Doch gegen Großmutters Stimme komme ich nicht an. Nur dem leise fallenden Regen und einem sanft pfeifenden Wind gelingt es, ihre Stimme wenigstens zu dämpfen. Ich höre sie wie aus weiter Ferne. In ihren Klang mischen sich viele unterschiedliche Töne. Es klingt nach einer Symphonie, die gerade entsteht: ›Der aus dem Nichts kam‹.
Wolfshagen 1804
»Verfluchter Meiler. Verfluchtes Ding, du da!« Seine Faust schnellte in die Luft. »Verfluchte Nächte! Endlos! Ewig! Schwarz! Verfluchte Arbeit, die uns die Haut vom Leib frisst! Geh zum Teufel!«
Heinrich Zacharias spuckte aus. Der unruhige Wind trieb ihm den Speichel ins Gesicht zurück, vermischt mit Nieselregen. Die Nacht war frisch aber nicht kalt. Hin und wieder zuckte Licht am schwarzen Himmel auf. Es roch nach Unwetter.
»Vater, du sollst nicht fluchen, hat die Mutter gesagt.«
Christoph, zwölf Jahre alt, kam sich sehr erwachsen vor.
»Halt dein dummes Maul und tu deine Arbeit!« Der Alte zeigte nach vorn, und seine roten, vom Schlafbrechen wunden Augen blickten zornig. »Da, Du Rotznase. Zwei Wochen schon steht der aufgerichtete Meiler in Glut. In diesen zwei Wochen haben deine Brüder und ich das brennende Ungeheuer nicht aus den Augen gelassen. So geht es seit Jahren, Monate im Wald, in der Kälte, im Dunkeln! Monatelanges Stieren auf die Meiler. Denn wehe. Ja wehe, wir schlafen ein. Dann gnade uns Gott. Dann war alles umsonst. Nichts zählt in diesen gottverdammten Nächten mehr als Wachsamkeit.«
Christoph ließ sich vom wilden Blick und der barschen Stimme des Vaters nicht einschüchtern.
»Das weiß ich, Vater. Trotzdem sollst du nicht fluchen.«
»Ich fluche, wann ich will!« Heinrich Zacharias hob die Hand, als wollte er den Jungen ohrfeigen. Christoph duckte sich hinter seinen jüngeren Bruder Heinrich Engelhard. »Und heute Abend will ich fluchen. Irgendwann läuft das Fass über!«
Heinrich Zacharias ließ den erhobenen Arm sinken und presste beide Hände gegen seinen Schädel, als fürchtete er, sein Kopf könnte explodieren. Die dunklen Ringe unter seinen Augen waren selbst im rußgeschwärzten Gesicht deutlich sichtbar. Er sah aus wie ein verbrauchter alter Mann. Ein verbitterter Mann, den die rauen, eintönigen und einsamen Nächte zermürbt hatten.
»Es ist, als ob es keinen Tag und keine Sonne für mich gäbe.«
Seine Söhne und die anderen Köhler versuchten, ihn aufzumuntern. Besonders Christoph.
»Ach was, Vater. Hör auf zu jammern. Unsere Arbeit ist viel wert. Sie ist so viel wert wie Holzkohle.«
»Prosaisches Geschwätz«, brummte der Alte und äugte aus schmalen Augenschlitzen.
»Ja, und das Geld, das wir mit der Holzkohle verdienen, sorgt für unser Auskommen, für Brot und ein Dach!«, riefen die Brüder Nathanael, Zacharias, Gottfried im Chor.
Im Grunde käuten sie wieder, was ihnen der Vater täglich einbläute. Ihre Stimmen wurden vom vorwurfsvollen Geschrei eines Nachbarköhlers zerhackt.
»Hey, lamentiert nicht, sondern arbeitet. Der dicke weiße Rauch steigt auf!«
»Ja, er juckt und beißt in den Augen«, wimmerte Heinrich Engelhard, der sich wie üblich in den Hintergrund verzogen hatte. Der Siebenjährige presste sich die Hände auf die Ohren und verfolgte aus ängstlichen Augen das wuselige Treiben um ihn herum. Instinktiv kroch er in den hintersten Winkel der Köte.
»Das ist der Holzessig, der beim Verkohlen aus dem Holz gefiltert wird. Der Rauch ist von ihm durchsetzt, darum juckt es«, erklärte der Vater zum wiederholten Mal.
Sonderbar, dass er das Bedürfnis nicht unterdrücken konnte, den Kindern immer wieder zu erklären, wie Holz allmählich zu Holzkohle wurde. Es war als ob er damit dieses stumpfsinnige Sitzen, Starren und Warten, währenddessen kostbare Zeit seines Lebens zerrann, rechtfertigen wollte. Ja, er war doch zu etwas nütze. Sein Ärger hatte sich gelegt. Was hatte es für einen Sinn, hier im düsteren Wald seiner Wut freien Lauf zu lassen? Dabei kam er keinen Schritt weiter und sein Verdruss über dieses armselige Leben, für das er sich fast zu Tode schindete, wurde nicht gemildert. ›Reiß dich zusammen, Alter‹, sagte er sich. ›Du hast Kinder in die Welt gesetzt und jetzt musst du ihnen beistehen, in dieser Welt zurechtzukommen.‹
»Seht ihr nicht, wie sich der Rauch bläulich verfärbt? Macht euch bereit, die Rauchlöcher der ersten Schicht zu stopfen!«
Ächzend stand der Alte auf und verließ die Köte in geduckter Haltung. Nathanael und Zacharias, seine beiden ältesten Söhne, und zwei Köhler, die gemeinsam mit ihm Wache hielten, begleiteten ihn. Christoph trottete hinterher. Keiner achtete mehr auf den Jüngeren, auf Heinrich Engelhard, der auf allen vieren hinausrobbte, sich wie ein Schatten entfernte und in der dunklen Nacht untertauchte.
Während die Männer am Meiler tätig waren, näherte sich das Donnergrollen. Heinrich Zacharias gefiel das nicht.
»Herrgott-Sakrament muss das auch noch sein«, brummte er übellaunig und schoss einen bösen Blick in den Himmel. Gleichzeitig behielt er den Meiler im Auge. »Verschließt eilig mit Sand die Löcher und stecht neue in der unteren Schicht!«, schrie er aufgeregt, dann wandte er sich plötzlich um. »Wo zum Teufel steckt eigentlich Heinerchen?«
Gekrümmt, aber überraschend flink eilte er in die Köte zurück, griff nach der Öllampe, stürmte wieder heraus und beleuchtete die seitlich abgehenden Pfade. In dem Augenblick zuckte ein greller Blitz über den Himmel. Er tauchte den Weg, an dessen Ende unter einer flachen Überdachung Holz gestapelt war, in Tageshelle. Schimpfend und fluchend stapfte Heinrich Zacharias auf den Stapel zu.
»Wo in Gottes Namen steckst du, Bursche?«
Er hielt die Lampe höher, da blitzte es erneut, stechender, furchterregender. Im grellen Schein flammte kurz die Gestalt von Heinrich Engelhard auf. Dicht an den Stapel geschmiegt saß der Junge da, den Kopf gegen das Holz gelehnt.
»Himmeldonnerwetter, wie oft habe ich dir gesagt, du sollst in unserer Nähe bleiben? Was treibst du eigentlich hier?« Furchtsame Augen fixierten den alten Köhler. »Antworte, sonst mach ich dir Beine.«
Heinrich Engelhard sagte leise: »Das Holz, Vater. Ich möchte es riechen, bevor es verkohlt. Lass mich hier, Vater.«
»Den Teufel werde ich tun. Holz riechen. Pah. Dummes Geschwätz. So wird nie ein Köhler aus dir. Und überhaupt bist du hier in Gefahr. Los, beweg dich. Weg hier. Das verfluchte Wetter.«
Ein gleißend greller Blitz ließ ihn erschrocken innehalten. Der darauffolgende Donner war ein Bersten und Krachen und es folgte ihm das entsetzte Geschrei der Köhler. Heinrich Zacharias drehte sich zu den Köhlern hin. Unweit des Meilers zitterte die Fichte und brach auseinander. Im Bruchteil einer Sekunde begriff der Alte, was passiert war. Er packte seinen Jüngsten an den Haaren und eilte wild schnaufend zum Meiler zurück.
»Meine Buben! Was ist mit ihnen? Alles in Ordnung?«, keuchte er. Die Haare seines Sohnes Heinrich Engelhard ließ er unwillkürlich los.
Als er näher kam, sah er einen Mann auf dem Boden liegen. Die Buben Steinweg schauten aus erschrockenen Augen auf den Reglosen. Heinrich Zacharias beruhigte sich.
»Er stand zu nah an der Wasserstelle«, brummte einer der Köhler.
Noch immer zuckten Blitze und krachte der Donner furchterregend. Doch die Gefahr verzog sich. Der älteste Köhler befahl, den Toten beiseitezuschaffen, ihn zu bedecken und weiter der Arbeit nachzugehen. Indessen packte Heinrich Zacharias seinen Sohn Heinrich Engelhard von Neuem und zerrte ihn bis zur Köte, wo er ihm zwei kräftige Ohrfeigen verpasste.
»Damit du es dir merkst und dich niemals mehr von der Köte entfernst.«
Nachdem der Himmel sich ebenfalls beruhigt hatte, setzten sich die Köhler auf Baumstämme und Holzstapel. Die Arbeit war getan, der Magen knurrte. Wenig später kam ein verwahrlostes Mädchen durch den Wald.
»Hanne bringt Fladen und gebratenen Speck«, riefen die Männer und freuten sich.
Das Mädchen stellte Holzschalen auf den grob gezimmerten Tisch vor der Köte und füllte saure Milch ein. Hungrig griffen die Köhler zu.
»So ein Leben ist das«, brummte Heinrich Zacharias. »Holz schlagen, Holz trocknen, Holz transportieren. Dann warten, starren, sitzen, frieren, Holzkohle schippen. Und das jeden Tag, bis ich ins Grab sinke. Mehr nicht. Verflucht!«
»Hör auf zu fluchen, Vater.«
Sommer 1805
Es war früh am Morgen, als Rosine Steinweg gemeinsam mit ihrem stillen Sohn Heinrich Engelhard zum Wochenmarkt ging. Noch fühlte sie sich etwas wackelig auf den Beinen. Die Geburt des Jüngsten vor einer Woche hatte sie geschwächt, aber schlapp machen durfte sie nicht. Um der Müdigkeit zu Leibe zu rücken fing sie entschlossen an zu singen:
›An einem Fluss, der rauschend schoss,
Ein armes Mädchen saß.
Aus ihren blauen Äuglein floss,
Manch Tränchen in das Gras!
Sie wand aus Blumen einen Strauß
Und warf ihn in den Strom!‹
Dabei schwenkte sie vergnügt den Korb an ihrem linken Arm. ›Ein reicher Herr gegangen kam ... ‹ Sie unterbrach sich kurz und rief: »Aber Heinerchen, jetzt mach nicht so ein Gesicht. Schau in den Himmel und nicht so stur auf die Erde. Die Sonne scheint und wärmt uns. Sing mit mir.«
Klein-Heinrich schüttelte den Kopf.
»Dein Lied ist ja gar nicht lustig«, maulte er.
»Nun, singen wir ein anderes. ›Der Mond ist aufgegangen ... ‹«
»Das ist ein Schlaflied und auch nicht lustig«, unterbrach Heinerchen die singende Mutter.
»Nun hab ich aber genug. Du bist ein richtiger Maulesel. Sei doch ein wenig dankbar und freue dich, dass du gesund bist und so hübsch singen kannst, wenn du es nur willst.«
Missmutig sah Heinrich zur Mutter auf und seufzte.
»Warum soll ich singen, wenn Vater nun den Nathanael mit in den Wald nimmt und nicht mehr mich.«
Erstaunt blieb die Mutter stehen. Mit gerunzelter Stirn musterte sie ihren Sohn. »Ich dachte, du seist froh darüber?«
»Aber nein, Mutter. Nun kann ich das Holz nicht mehr riechen.«
Erheitert warf Rosine den Kopf in den Nacken und lachte.
»Dummes Kind. So ein Unsinn.« Sie klopfte ihm tröstend auf den Rücken. »Ist es da nicht besser, du hilfst mir, Gemüse und Speck zu kaufen? Gemüse riecht sehr gut und Speck ist Vaters Leibgericht.« Sie leckte sich die Lippen und grinste.
»Aber es ist Weiberarbeit.«
»Köhlerarbeit magst du nicht und für Weiberarbeit bist du dir zu schade? Heinerchen, Heinerchen.« Sie drohte mit dem Zeigefinger. »Ich muss dich rügen. Du bist ein unzufriedenes kleines Bürschchen. Das kann ich nicht dulden.«
Heinrich senkte den Blick. Brav ging er neben der Mutter her, während diese auf dem restlichen Weg zum Dorf unermüdlich weitersang. Auf dem großen kopfsteingepflasterten Platz am Rathaus herrschte ein buntes Gewimmel von Karren, Pferden, Menschen, Händlern. Rosine drängte voran.
»Jetzt spür ich wieder die wackeligen Beine. Lass uns schnell alles erledigen und zurück nach Hause gehen.«
Erst wollte sie zum Apotheker, der ein Rezept für den kränkelnden Säugling Christian mischen sollte. In der Zwischenzeit würde sie die Gemüsestände abklappern, wobei sie Klein-Heinrichs Hilfe nötig hatte. Besonders jetzt, da sie fürchtete, schlapp zu machen. Doch Heinrich Engelhard blieb plötzlich fasziniert vor einem Mann stehen, der auf einem Hocker saß und mit einem Ring auf einem sonderbaren Instrument Töne erzeugte.
»Das ist eine Zither«, erklärte Rosine schwer atmend.
»Eine Zither? Was für ein lustiger Name für ein Stück Holz mit gespannten Fäden, an denen man zupft.«
Interessiert näherte sich Heinrich dem Musikanten.
»Komm, lass uns nicht säumen. Ich muss eilends zur Apotheke.«
Vergeblich zog sie den sich sträubenden Jungen weiter. Schließlich ließ sie seine Hand los.
»Nun gut, du bockiges Kerlchen. Dann bleib eben hier, bis ich Kraut und Milch und die Medizin gekauft habe. Alles muss man alleine machen.«
Ungern ließ sie ihn zurück, aber nun, da er darüber traurig war, statt Holz riechen zu können, Kraut und Milch einkaufen zu müssen, wollte sie ihm das bisschen Freude an der Zither nicht verderben. Was konnte ihr schon passieren? Schlimmstenfalls fiel sie um. Na, dann würde schon einer kommen und sie wieder auf die Beine stellen. Sie zog ihr Kopftuch fester und entfernte sich wankend.
Mittlerweile stand Klein-Heinrich vor dem Musikanten.
»Grüß dich Gott, Bursche. Soll ich dir etwas über die Zither erzählen?«, fragte dieser.
Der Junge nickte verlegen.
»Die Zither ist ein uraltes Instrument. Älter noch als die Viola. Und sie wurde von Jubal gespielt, dem ältesten Flöten- und Zitherspieler, den die Welt kennt. Jubal ist ein Nachkomme von Kain. Du kennst doch den bösen Kain, der seinen Bruder Abel erschlagen hat, oder?«
Heinerchen sperrte Mund und Ohren auf. Er war so verblüfft, dass ihm statt einer Antwort eine Artigkeit herausrutschte.
»Oh, was der Herr Musikant alles weiß.«
»Ich bin ein Wandermusiker, Bursche, und durch viele Länder gekommen. Da sieht man viel und lernt den Hafer von der Spreu zu unterscheiden. Das zum Beispiel ... «, er berührte die Saiten, »sind keine Fäden, unwissender Gimpel. Das sind sehr straff gezogene Drähte. Man nennt sie Saiten und spannt sie, wie hier, über Fichtenholz, um Töne zu erzeugen. Willst mal zupfen?«
Darauf hatte Heinrich Engelhard nur gewartet. Der Musikant zeigte ihm, wie er das Instrument handhaben musste, und streifte ihm den Zitherring über den rechten Daumen. Eifrig versuchte Heinrich, dem Instrument Töne zu entlocken. Doch der Ring saß locker an seinem kleinen Daumen und rutschte herunter.
»Das macht nichts. Du stellst dich geschickt an. Brauchst nur den passenden Ring. Willst du meine Zither kaufen?«
Plötzlich erschrocken, schüttelte Heinrich Engelhard heftig den Kopf. Er habe kein Geld. Überhaupt habe niemand in der Familie Geld für so etwas.
»Tja dann ... dann hast du eben Pech gehabt. Ha, ha, ha!«
Nachdenklich entfernte sich Heinerchen. Hinter einem Stand mit Tüchern und Häuten blieb er stehen, duckte sich ein wenig und beobachtete den Zitherspieler. Dann plötzlich fiel ihm seine Mutter ein. Wo war sie nur? Und würde sie nicht schrecklich böse auf ihn sein? Er hatte nicht auf sie gehört. War störrisch gewesen wie neulich im Wald. Wenn beide Eltern auf ihn wütend waren, konnte das ungemütlich werden. Sie ließen ihm dann keine Ruhe mehr und mäkelten immerzu an ihm herum.
Es dauerte nicht lange, da sah er seine Mutter sich einen Weg durch das Gewühl bahnen. Sie sah blass und sehr müde aus. Unter ihren Augen, die funkelten wie die eines Raben, zeichneten sich tiefe dunkle Ringe ab und ihr Gesicht glänzte vom Schweiß. Oh ja, sie würde gleich einen Schwall Schimpfwörter auf ihn loslassen. Aber ihr Gekeife machte Heinrich Engelhard keine Angst. Solange sie noch kräftig genug zetern konnte, war sie gesund. Mehr als das und mehr als Prügel und Hosenspanner fürchtete er die schallenden Ohrfeigen. Die Mutter konnte manchmal tüchtig zuschlagen und unwillkürlich schützte er seine Wangen mit beiden Händen.
»Lass das, Heinerchen. Dich hat die Zither mehr interessiert als Gemüse und Eier und dafür will ich dich nicht strafen. Hilf mir lieber«, rief sie und hielt ihm den gefüllten Korb und einen prallen Leinensack entgegen.
»Da sind Kartoffeln drin, denn die unsrigen im Garten sind bitter und schmecken nach Erde.«
Sie schwankte ein wenig, so dass Heinrich sie stützen musste.
»Setz dich hin, Mutter. Ruh dich kurz aus.«
Der Junge wies auf ein niedriges Fass hinter dem Stand mit den Häuten und Ziegenfellen.
»Nichts da. Zum Faulenzen reicht die Zeit nicht. Los geht's.«
Sie traten den Rückweg an. Diesmal war Rosine nicht nach Singen zumute.
»Dein Vater wird murren, weil wir zum Sonntag kein Fleisch haben. Dafür werde ich diesmal keine Henne schlachten. Wir haben nur noch vier und die müssen wir uns für schlimmere Zeiten aufsparen.«
Mit letzter Kraft schritt sie aus. Besorgt sah Heinrich, wie sie sich abmühte. Sie schnaufte, blieb stehen, seufzte, gab sich einen Ruck und ging schwerfällig weiter.
»Herrgott, Heinerchen. Mach nicht immer dieses düstere Gesicht. Wir tragen niemand zu Grabe. Wir tragen gutes Essen nach Hause.«
Jetzt schmunzelte sie.
Ihr Lächeln, wenn es auch komisch aussah, munterte Heinerchen auf und er lächelte nun auch.
Zwei Jahre später – 1807
Im Ortskern von Wolfshagen herrschte große Unruhe. Alle hatten nur ein Thema: Der Kaiser Napoleon, einst erfolgreicher General und Erster Konsul der Französischen Republik, eroberte nun auch Deutschland.
»Er reißt sich alle Länder Europas unter den Nagel. Seine Schwester Elisa ernennt er zur Fürstin von Lucca, Caroline zur Großherzogin von Berg und seinen Bruder Joseph zum König von Neapel. Da er noch drei weitere Brüder und zwei Schwestern hat, schafft er neue Königreiche. Unter das neu errichtete Königreich Westfalen fällt das Herzogtum Braunschweig und damit auch Wolfshagen.«
Mit diesen Nachrichten kam Elisabeth vom Markt zurück. In einem abgetragenen, knopflosen Wollmantel, den sie mit einer Kordel zuband und der ihr das Aussehen eines Mönchs verlieh, war sie an diesem grauen Herbstmorgen in der Frühe los, um Milch, Brot und Schmalz zu holen. Alle Augen richteten sich nun auf sie, und die Neuigkeiten sprudelten wie aus einer Quelle unermüdlich weiter.
»Jesses Maria, nu mach mal halb lang. So viele Namen kann sich keiner merken«, brummte Mutter Rosine.
Doch Elisabeth meldete unverdrossen weiter: »Wir haben einen neuen König. Er heißt Jerôme, ist der Bruder des Kaisers.«
Sie stellte die Milchkanne neben dem Herd ab und rieb sich die kalten Hände.
»Ist das gut oder schlecht?«, wollte Gerda wissen. Sie war dabei, Holz in die Herdöffnung zu stopfen.
»Was weiß ich? Die jungen Leut' sagen, Napoleon macht es besser als die vielen Herzöge, Grafen und Fürsten, die uns aussaugen wie Zecken.«
»Und was sagen die Alten?«
»Sie fürchten sich. Nichts Gutes, unken sie. Krieg, Hunger, Angst. Und sie schimpfen und behaupten, Napoleon sauge uns noch schlimmer aus als alle Herzöge Deutschlands zusammen. Denn Napoleon soll ein Nimmersatt sein. Und schrecklich dazu. Er war für Venedig ein Attila. So hat es geheißen.«
»Oh, lieber allmächtiger Gott sei uns gnädig. Aber wer um aller Himmels Willen ist denn nun Attila?«, murrte erneut die Mutter.
»Das war der Hunnenkönig, der vor mehr als tausend Jahren mit seinen Mannen wie ein Blitz durch die Steppen und Länder ritt und alles niedermähte.«
»Kind, jetzt hörst aber mit diesen liederlichen Malefizkerlen auf. Die haben nichts anderes im Sinn als zu zündeln und zu schänden und haben an unserem Tisch nichts zu suchen. Fort damit!«
Verächtlich spuckte Rosine auf den Boden und verließ den Raum. Elisabeth hielt schlagartig den Mund. Sie trug noch immer den Leinensack mit dem Brot und dem Topf Schmalz um die Schulter. Gerda hatte derweil das Feuer im Herd entzündet und geschürt. Nun nahm sie Elisabeth den Sack ab, holte den dicken Laib Brot heraus und schnitt ihn in grobe Scheiben.
Leicht verärgert verließ die ältere Schwester ebenfalls das Zimmer. Dabei streifte sie versehentlich Hanne, die verschlafen und unachtsam hereinschlurfte. Elisabeth zuckte zusammen.
»Kannste nicht aufpassen, du Trampel?«
Sie konnte das Findelkind auf den Tod nicht ausstehen. Diese Kreatur aus dem Wald sei die Frucht von Beelzebub und Morgenstern, behauptete sie völlig überzeugt, aber erntete dafür nur das Gelächter der Geschwister. Wie jeden Morgen goss Hanne, die von Elisabeth gebrachte Milch aus der Kanne in einen Topf und stellte diesen auf die Herdstelle. Ihr ungewaschenes, trauriges Gesicht mit den großen, schwarzen Augen und dem zerzausten, blonden Haar eines Engels wirkte angsteinflößend, obwohl sie alles andere als Furcht verbreiten wollte. Jeder erschrak bei ihrem Anblick. Das weizenblonde Haar und das dunkle Gesicht, in dem kohlrabenschwarze Augen funkelten, passten nicht zusammen.
Köhler Heinrich Zacharias hatte sie aufgenommen, als sie in abgerissenen Lumpen, mit rußigem Gesicht und halbtot vor Hunger durch den Wald irrte. Damals war Hanne zehn Jahre alt gewesen und bald schon war das Mädchen mit dem Goldhaar für Mutter Rosine eine unersetzliche Hilfe geworden. Weibliche Wesen gab es wenige im Haus der Steinwegs.
Das erste Kind, Clara, lag zwei Wochen nach seiner Geburt eines Morgens tot in seiner Wiege. Maria, Heinrich Engelhards Zwillingsschwester, überlebte in der rauen Welt, in die sie hineingeboren wurde, nur einen Monat. Hingegen schienen sich die Zwillinge Gerda und Elisabeth einer robusten Gesundheit zu erfreuen.
Die Milch fing gerade an zu schäumen, da kroch, noch schläfrig, auch Heinrich Engelhard, mittlerweile zehn Jahre, aus seinem Nachtlager, einer Art Bretterkiste auf einer Strohschütte, die ein geflicktes Laken notdürftig verhüllte. Als er auf der Bank am groben Holztisch Platz nahm, hatte er ein fleckiges Gesicht und kratzte sich an Kopf und Körper.
»Hast wieder d'Läus? Dann bleib mir vom Leib!«, rief Elisabeth sogleich, als sie wieder den Raum betrat. An ihren beiden Armen hingen zwei volle Wassereimer.
»Nein, hab ich nicht«, krächzte Heinrich Engelhard müde. »Aber ich hab wieder einen Hirschkäfer gesehen.«
»Gütiger Gott!«, riefen nun alle Anwesenden.
»Hast ihn hoffentlich zertreten?«, wollte Elisabeth wissen. Sie stellte die Wassereimer neben dem Herd ab, wobei sie Hanne, die etwas verträumt aus der Wäsche blickte, grob schubste.
»Glotz nicht so dumm, sondern tu deine Arbeit.«
»Nein, ich hab ihn nicht zertreten.«
»Warum nicht? Du weißt doch, was Vater gesagt hat: Hirschkäfer tragen die Glut der Meiler unters Dach der Häuser und dann brennt es überall.«
»Red du nur daher«, knurrte die Mutter und verließ kopfschüttelnd den Raum.
»Und wenn's so ist, dann hilft uns Hanne. Nicht wahr, Hanne? Du brauchst den Hirschkäfermeiler nur anzuschauen und schon haut er ab.«
Hanne nickte und fragte, wo Heinrich das Tier gesehen habe. Er zeigte auf einen Deckenbalken. Als sie auf die Stelle zuging und sich ein wenig streckte, um den Käfer anzuschauen, verrutschte das Tuch, das sie sich um die Hüfte geschlungen hatte und ihre nackten Beine wurden sichtbar. Elisabeth lachte schadenfroh.
»Ha! Wenn Napoleons Soldaten kommen, werden sie ihre Freude an dir haben.«
»Soldaten?« Klein-Heinrich war schlagartig wach.
»Ja, Soldaten des großen Napoleons. Sie spazieren durch den Ort und schauen ganz freundlich. Es sind ja Franzosen. Die wissen, wie man sich benimmt.«
Diese Logik begriff Heinrich nicht. Stirnrunzelnd zuckte er mit den Schultern und tunkte dabei sein Brot in die saure Milch. Die gute, süße Milch war nur für die Kleinsten. Gerda kam mit mehr Holz in die Stube, stapelte es neben dem Herd und griff dann nach einem Gefäß, in das sie die warme Milch goss und Brot einbrockte. Es sollte für den schmächtigen, kränkelnden Gottfried sein, den Zweitjüngsten. Während ihm ein Milchzahn nach dem anderen ausfiel, wuchsen kaum Bleibende nach. Christoph, Zacharias und Nathanael – fünfzehn und siebzehn Jahre die beiden jüngeren, achtzehn der älteste – waren schon mit dem Vater in den Wald aufgebrochen. Gerda rief nach Gottfried und da er nicht antwortete, ging sie in den von der Stube durch einen Vorhang getrennten Raum, in dem der Jüngste mit seinen Brüdern ein Bett aus Fellen und Lumpen teilte.
»Er hat so starkes Fieber. Er brabbelt nur vor sich hin«, seufzte sie. Händeringend stand sie zwischen Stube und Schlafkammer. »Gegen dieses verdammte Fieber helfen keine kalten Wickel und auch kein Weidenrindensaft. Das haben wir vor einem Monat mit Christian erlebt.« Elisabeth machte ein betretenes Gesicht.
»Ja, und die fiebersenkenden Tinkturen, die Mutter in der Apotheke hat mischen lassen, haben erst recht nicht geholfen«, klagte Gerda und kehrte zu Gottfried zurück.
»Hat eure Mutter nicht gesagt, es gibt ein besseres Leben als das auf Erden?« Hanne starrte Elisabeth wild an.
»Und wenn es so ist, warum bist du dann hier? Warum bist du nicht im Wald geblieben und hast dich vom Waldgeist auffressen lassen?« Elisabeths Blick loderte vor Wut. ›Dieses freche Biest, was nimmt sie sich heraus‹, dachte die Steinweg Tochter.
Leise und mit weit aufgerissenen Augen erwiderte das Findelkind: »Ich sehe einen dunklen Wald, in dem wir alle liegen, weil euer Vater die Särge nicht mehr zahlen kann.«
»Böse Hexe, du! Sei still! Die Geschichte von deinen verbrannten Eltern habe ich dir nie geglaubt. Und wenn sie stimmt, so hat sie der Teufel verbrannt.«
Unwirsch stand Elisabeth auf und verließ den Raum.
»Sei nicht traurig, Hanne. Falls der Teufel deine Eltern verbrannt hat, so hat Gott dir unseren Vater geschickt, um dich zu retten. Das glaube ich ganz fest«, sagte Heinrich Engelhard.
Gerda und Christoph kümmerten sich nicht weiter darum, sondern sahen fragend auf die Treppe, auf der die Mutter vor einer halben Stunde hinaufgestiegen war.
Vorhin, am Tisch, hatte Rosine wieder diese Übelkeit gespürt. Dann war Elisabeth mit ihrem erhabenen Geschwätz gekommen und hatte noch eins draufgesetzt. Tat so, als wisse sie alles. Tat so, als sei sie die Schönste, die Klügste und kenne das Leben und die Welt.
›Nichts weiß sie. Nichts vom Kindergebären und Krankheiten in armseligen Zeiten. Wenn jetzt noch so ein Malefizkerl in Deutschland einen Krieg anzettelt, dann soll's der Teufel holen. Wir haben jetzt schon wenig, dann haben wir gar nichts mehr. Und von gar nichts kann man nichts herunterbeißen.‹
Erschöpft saß Rosine auf der Kante ihres Bettes. Eigentlich hatte sie sich ausruhen wollen, aber am helllichten Tag auf der faulen Haut zu liegen, das konnte sie sich nicht erlauben. Allerdings fühlte sie sich verdammt schlecht. Vielleicht waren es die harte Arbeit, die zehn Kinder, das zugige Häuschen. Vielleicht aber hing es mit der kleinen Öffnung zusammen, die sie vor einigen Wochen unter ihrer Brust bemerkt hatte.
»Es stinkt wie verfaulte Zwiebel«, schimpfte sie vor sich hin und sah die Wunde verachtend an.
Sie spuckte darauf, umwickelte die Stelle mit einem sauberen Tuch und setzt sich wieder auf die Bettkante.
»Nicht schlapp machen, Alte. Deine Kinder und dein Mann brauchen dich, auch wenn du nicht mehr viel taugst. Heute hab ich dich mit Spucke behandelt, du Miststück an der Brust. Morgen versuche ich es mit Seiche.«
Sie stemmte sich hoch und stieg schwerfällig die schmale Treppe zur Stube hinunter. Erst als sie hörte, was mit Gottfried los war, wurde sie lebendiger. Sie jagte Elisabeth zum Apotheker, während sie hasserfüllt auf die Quacksalber, auf die Armut und das Leben überhaupt schimpfte. Dann setzte sie sich zu ihrem kranken Sohn.
»Mein Junge, dein Vater sagt zwar immer: Besser ein Kind stirbt als mein Pferd Hubertus. Ich aber sage: Keiner soll sterben. Das Pferd ist so wichtig wie das Kind. Deshalb werde ich es mit einem Essigbad versuchen, bis Elisabeth mit den vermaledeiten Tinkturen zurückkommt.«
Sie faltete die Hände. Da es Gottfried auch am nächsten Tag nicht besser ging, schickte sie Klein-Heinrich zum Pfarrhaus. Viel Hoffnung, dass Pfarrer Gustav Blech seine heiligen Füße ins Köhlerhaus setzen würde, hatte sie nicht, gehörte er doch zu den Menschen, die glaubten, Köhler ständen mit dem Teufel im Bunde. Dennoch wollte sie es nicht unversucht lassen. Ihre Sorge um Gottfrieds Seelenheil war stärker als ihre Zweifel.
Und seltsamerweise ließ der Pfarrer nicht lange auf sich warten. Gab es doch so etwas wie Gerechtigkeit? Bevor der Herr Blech mit gerümpfter Nase eintrat, bläute sie den Kindern ein, diesem Pfarrer, diesem krummbeinigen Gottesdiener, künftig sehr ehrerbietig zu begegnen. Der sei wohl in sich gekehrt, denn er zähle mittlerweile auch die Köhler zu seinen Schäfchen. Solch menschenfreundliche Wendung habe sie ihm nie zugetraut, verriet sie Klein-Heinrich. Ob es wohl geheuchelt sei?
»Mutter, wenn ich ehrlich sein darf: Ich glaube, Heuchler bleibt Heuchler«, antwortete Heinrich-Engelhard kleinlaut.
»Ach geh, schwätz nicht so dumm daher«, brummte sie und zog ihn heftig an den Ohren.
Die Attacken auf seine Ohren hasste Heinrich-Engelhard ganz besonders und er dachte: ›Mutter ist zwar nicht so streng wie Vater, aber dafür ist Vater nicht so dumm wie Mutter‹.
Aus diesem Grund auch ging er am nächsten Morgen zum Alten.
»Man hätte denken können, der Herr Pfarrer predigt für unsere Elisabeth und nicht für unseren Gottfried.«
Natürlich wollte Vater Heinrich Zacharias sofort wissen, wie er auf diesen Unsinn komme. »Na ja, er hat während der Heilsprechung für Gottfried immerzu nur Elisabeth angeguckt.« Heinrich Zacharias runzelte die Stirn und ein pfiffiges Blitzen zuckte in seinen Augen.
***
Wunderbarerweise überstand Gottfried seine schwere Krankheit und plötzlich wuchsen ihm sogar bleibende Zähne. Vater Steinweg wusste nicht so recht, ob er sich darüber freuen oder grämen sollte.
›Ein Esser weniger täte uns wahrhaftig gut‹, hatte er gedacht, als Gottfrieds Leben an einem seidenen Faden hing. ›Und ständig muss der Quacksalber geholt werden. Diese studierten Kerle sind nichts weiter als Beutelschneider. Jetzt wird es so weiter gehen, denn Gottfried ist ein schwächliches Kerlchen. Aus ihm wird ebenso wenig ein Köhler wie aus Heinerchen.‹
Fünf Monate lag die Krankheit nun zurück, und dass der Arzt im Nachhinein den zögerlichen Zahnwuchs mit Gottfrieds hohem Fieber und seiner körperlichen Schwäche in Verbindung gebracht hatte, interessierte niemanden mehr. Der Junge war gesund. Er lebte. Darüber freute sich Rosine und das war für Heinrich Zacharias Trost genug. Denn litt seine Frau, dann litt die ganze Familie.
›Im Übrigen haben wir andere Sorgen‹, dachte der Alte, während er sich an einer Fichte zu schaffen machte. Er und seine Söhne waren im Wald, um Holz zu schlagen. Heinrich Engelhard stand aufmerksam neben ihm. »Wer weiß, vielleicht müssen wir für Napoleon kämpfen, denn wir gehören inzwischen ihm«, murmelte der Alte. »Tja, der Teufel soll's holen: Wir sind keine Franzosen und gehören ihm. Gott verdamm mich! Das wird hart!« Grimmig knurrte er vor sich hin. »Fort mit den unnützen Gedanken!«, rief er nun laut. »Reden wir von unserer Arbeit. Du hast zwar so wenig Talent zu einem Köhler wie ein Wildschwein zu einem Elfentanz, dennoch will ich dir etwas erklären. Hör zu, Junge: Die Bäume müssen gefällt sein, bevor im Frühjahr der Saft aufsteigt.«
Es war Februar. Dicker, harschiger Schnee bedeckte den Waldboden. Heinrichs Schuhe aus schlechtem Leder waren längst durchnässt. Obwohl sie der Flickschuster schon etliche Male zusammengenäht hatte, blieben sie undicht und sahen aus, als zerfielen sie im nächsten Moment in ihre Einzelteile.
Aber Heinrich war stolz und froh darüber, in Lederschuhen gehen zu dürfen, denn die meisten Kinder hatten nichts weiter als grobe Holzpantoffeln oder gingen barfuß.
»Holz ist eine feine Sache, Junge. Ohne Holz läuft nichts auf der Welt. Eigentlich kann man alles aus Holz machen, nur keine Kinder«, lachte Vater Heinrich Zacharias derb. »Holz ist wichtig und wer begriffen hat, wozu Holz gut ist, kann es weit bringen. Noch dürfen wir das Holz in diesem Wald fällen und verwenden. Noch.«
Erneut fiel ein Schatten über sein Gesicht und zwischen zusammengepressten Lippen zischte er: »Allerdings, mein Sohn, es scheint so, als ob die Erde nicht unserem Gott gehört, sondern bald dem Kaiser, den sie den Weltkaiser nennen. Er reißt sie den Herzögen und Fürsten unterm Arsch weg. Beten wir, dass uns Schlimmes erspart bleibt. Gott sei gepriesen.«
Bei diesen Worten trieb er die Axt mit Wucht mehrmals in die Seite des Stammes, die der Fallseite gegenüber lag. Dann schnitt er einen Keil aus dem Stamm. Holzstaub und Späne wirbelten auf und die Luft füllte sich mit Harzgeruch, den Heinrich Engelhard gierig einsog. Nun haute der Vater die Axt so tief in die gegenüberliegende Seite des Baumes, dass sie genau auf die Keilspitze zutrieb. Die Fichte schwankte, ächzte, knarrte und senkte sich. Mit Schwung sprang der Alte zurück, während er gleichzeitig den Fall des Riesen beobachtete.
»Ach, der schöne Baum.«
Ehrfürchtig verfolgte Klein-Heinrich den gewaltigen Sturz.
»Kein Mitleid, Bursche. Wir brauchen das Holz um daraus Holzkohle zu gewinnen, die uns Taler einbringt, mit denen wir unser Brot kaufen können. Das habe ich euch Dummköpfen schon tausendmal vorgebetet. Und das Holz der Fichte ist besonders gut.«
Heinrich horchte auf. »Kann man aus Fichtenholz nicht auch schönere Dinge machen als hässliche Holzkohle, Vater?«
»Es kommt darauf an, Bursche. Was würdest du denn aus Fichtenholz machen?«
Der Vater blickte mürrisch, doch er schien amüsiert.
»Eine Zither«, platzte Heinrich Engelhard heraus.
»Eine Zither?«, wiederholte der Vater und lachte dabei aus vollem Hals. »Eine Zither. Na so was. Eine Zither«, wiederholte er mehrmals lachend.
Heinrichs Gesicht verzog sich beschämt. Stumm sah er dem Vater zu, wie er, seine Brüder Nathanael, Zacharias und Christoph sowie andere Männer im Wald, die nun dazu gekommen waren, ihre gefällten Bäume zerkleinerten und Scheite schlugen. Viele Stunden schwerster Arbeit vergingen. Trotz der Kälte glänzten Schweißperlen in Heinrich-Zacharias' verkniffenem Gesicht, das sich hin und wieder aufhellte, wenn er achselzuckend das Wort ›Zither‹ aussprach.
Während die Älteren hackten und sägten, trugen Heinrich Engelhard und andere Köhlerkinder die Scheite an den Wegrand zu den Pferdefuhrwerken. Dort wurden sie aufgeladen und zu Unterständen gekarrt, wo man sie zum Trocknen aufschichtete. Als der erste Wagen beladen war, trat der Vater neben seinen Sohn und sah ihn mit leisem Spott an.
»So, so, eine Zither willst bauen. Das ist gerade so, als wolltest du ein Luftschloss bauen. Ha, ha, ha.«
***
Zwei Jahre lang lag der Vater seiner Tochter Elisabeth mit dieser unseligen Bitte schon in den Ohren.
»Du solltest den Pfaffen heiraten, Kind. Wen kümmert es schon, dass sein Schädel fast kahl ist und ihm Haare aus der Nase sprießen? Was zählt, ist der Haushalt, dem du vorstehen wirst. Er hat eine Magd und ein Fuhrwerk. Das dumme Volk schaut zu ihm auf, und wenn du seine Frau bist, schauen sie auch zu dir auf.«
Nachdem der Alte gemerkt hatte, wie wenig sein Bitten fruchtete, wandte er Gewalt und List an.
»Du hast die Wahl zwischen dem angesehenen Pfarrer und einem schmutzigen Köhler, du armes Ding. Ein anderer nimmt dich nicht. Und solltest du den Pfarrer verschmähen, werfe ich dich aus dem Haus«, warnte er.
Elisabeths Herz hing an Johann, dem hageren, bleichen Sohn des Schusters. Der war jung und liebenswert. Und der durfte in die Schule gehen, was etwas ganz Besonderes war, denn nur wohlhabende Bürger konnten es sich leisten, ihre Kinder mit einer Schiefertafel, Schreibpapier und Büchern auszurüsten.
Neben Schreiben und Lesen erlernte Johann auch das Schusterhandwerk. Einmal hatte er Elisabeth weiche, dichte Lederschuhe mit kräftigen Sohlen geschenkt. Da wusste sie, dass Johann sie auch liebte. Nächtelang lag sie weinend auf ihrem Lager aus Lumpen und wollte auf der Stelle sterben.
»Sei doch nicht so traurig, Elisabeth. Das macht mich auch traurig«, flüsterte ihr Heinerchen in der Nacht zu.
»Ich kann aber nicht anders als traurig sein, weil ich tun muss, was der Vater sagt und mich zu einem fremden, alten Mann ins Bett legen. Aber davon verstehst du nichts.«
Daraufhin schwieg Heinrich. Der Vater blieb hart. Und als schließlich auch die Mutter mit Warnungen, Drohungen und düsteren Zukunftsvisionen auf sie einhämmerte, schickte sich Elisabeth in das Unvermeidliche und heiratete Gustav Blech an einem windigen Märztag im Jahre 1810.
Seit einigen Wochen sonderte die Öffnung in Rosines Brust stark Feuchtigkeit ab, die übel roch. Ihre Körpertemperatur schwankte. Manchmal packten sie Hitzewellen, dann wieder schlotterte sie vor Kälte.
Beunruhigt beobachtete der dreizehnjährige Heinrich Engelhard seine Mutter. Seitdem der Vater beschlossen hatte, ihn nicht mehr zum Köhlern mitzunehmen, blieb er zu Hause. Dort machte er sich nützlich, indem er Schäden an Dach, Fenstern oder Böden ausbesserte. Nebenbei ließ er seine Mutter nicht aus den Augen. Ihre Veränderung machte ihn traurig. Sie glich in nichts mehr der munteren Frau, die mit ihm zum Markt gegangen war und immerzu diese fröhlichen Lieder gesungen hatte, die Heinrich Engelhard recht dümmlich gefunden hatte.
Als sie wieder einmal zu Tode erschöpft auf der Küchenbank kauerte, um Hanne Anweisungen zu geben, ging er zu ihr und bat sie, ihm ein Lied zu singen.
»Ach, Kind. Ich habe keine Kraft und meine Stimme jagt die Katze davon.«
Um glaubwürdig zu wirken, krächzte sie mühsam einige Töne, die in einem Hustenanfall gipfelten.
»Schade. Ich liebe Musik und wünsch mir eine Stimme, die ewig klingt.«
»Schöne Worte, die nichts einbringen, mein Sohn. Tu lieber deine Arbeit. Wir sehen über den Berg Arbeit kaum hinaus, seit Elisabeth den Pfarrer geheiratet und Gerda sich in einem Bürgerhaus als Wäscherin verdingt hat. Das bringt uns zwar Taler, aber es fehlen zwei Arbeitskräfte.«
Eine Woche später zimmerte Heinrich Engelhard mit den Werkzeugen seines Vaters einen Schemel für die Mutter. Er kopierte aus der Erinnerung das, was er gesehen hatte, als sein Vater einen Tisch schreinerte. Die Arbeit ging ihm so flott von der Hand, dass er den Schemel sogar verschnörkelte. Stolz zeigte er der Mutter sein Werk, doch Rosine schimpfte nur.
»Hab ich dir nicht gesagt, du sollst deinem Vater zur Hand gehen, statt nutzlos deine Zeit zu vergeuden? Der Vater braucht alle Buben. Er arbeitet schlecht, weil er zu viel trinkt.«
Bekümmert stellte Heinrich Engelhard den Schemel in die Schlafkammer und ging beschämt hinaus. Er verkroch sich hinter dem Haus, wo er nachdenklich den Holzstapel im Hof anstarrte und dann zum Himmel hinauf blickte, der in einem durchsichtigen Blau über dem armseligen Steinhaus strahlte.
Alles war still. Ein leichter Wind wehte und bauschte die Wäsche, die Hanne gerade aufhängte. Plötzlich wurde es Heinrich ganz schwer ums Herz. Dort, wo Hanne hinter flatternden Kleidungsstücken ihre Arbeit tat, sah er seine Mutter im abgetragenen grauen Kleid, die Haare unter eine Haube geklemmt. Ihr Gesicht war schön und jung und sie sang mit kräftiger Stimme. Ganz klar hörte Heinrich ihren Klang, so deutlich, als sänge sie jetzt im Augenblick. Und etwas wehmütig lauschte er den Melodien.
Es war an einem zwar kühlen, doch schönen Frühlingsmorgen. Die Wiesen leuchteten, die Sonne strahlte, die Luft schien zu perlen, und mit einem Mal spürte Heinrich Engelhard den unwiderstehlichen Drang zu einem Leben in Schönheit und Helligkeit. Er atmete tief durch und sagte sich: »Ich möchte aus Holz etwas Schönes bauen, das uns Taler bringt und Mutter wieder fröhlich macht.«
***
Einen Monat später, an einem schwülen Sommerabend, ging Nathanael früher als sonst nach Hause. Sein Bruder hatte ihn gedrängt, nachdem er die Brandwunde an Nathanaels Hand gesehen hatte. Er nahm ihm das Versprechen ab, sofort zu Doktor Eisenbart zu eilen. Sie bewachten zu viert zwei Meiler und schliefen abwechselnd. Niemals durften alle schlafen, das war ehernes Gesetz.
Jetzt waren sie zahlenmäßig drei, aber tatsächlich nur zwei, da Heinrich Zacharias ständig einnickte. Nathanael verließ deshalb den Meiler mit schlechtem Gewissen. Um es zu betäuben, kippte er den Schnaps, der zur Desinfizierung seiner Wunde dienen sollte, in die Kehle und umwickelte die Stelle, bevor Mutter darauf aufmerksam werden konnte. Wegen dieser Verbrennung Doktor Eisenbart aufzusuchen, das schien Nathanael geradezu lächerlich.
›Ich bin ein Mann, ich bin stark und hab schon viele Wunden überstanden. Dieses Theater mache ich nicht mit.‹
Niemand beachtete Nathanaels Verband an jenem schwülen Abend. Selbst Rosine, deren Adleraugen in guten Zeiten nichts entging, sah kaum auf und kommentierte sein frühes Kommen mit einem Vorwurf: »Ihr werdet immer fauler. Wenn uns das nur nicht das Genick bricht.«
Sie saßen am Holztisch im Garten bei lauwarmer Gemüsesuppe und geröstetem Brot. Alle, auch Hanne, tunkten ihre Löffel in die eine große Schüssel, die in der Mitte des Tisches stand. Hin und wieder griff Rosine in den Korb mit dem gerösteten, in Würfel geschnittenen Brot und warf es in die Suppe.
Nathanael ging weder zum Arzt noch wechselte er den Verband. Bis auf das lästige Jucken hatte er keine Beschwerden. Auf die Idee, die Wunde zu säubern, kam er nicht, und sein Bruder Christoph, der ihn wegen der Wunde nach Hause geschickt hatte, erinnerte sich nicht mehr an die Sache. Auch der rote Streifen, der sich allmählich von der Wunde ausgehend am Arm hinauf bildete, fiel Nathanael im Gewirr der juckenden Schuppenflechte, die seinen Körper bedeckte, ohnehin nicht auf. Keiner in der Familie bemerkte etwas Ungewöhnliches in den nächsten Tagen. Erst als die Zuckungen kamen, das Zittern aller Glieder, rasender Kopfschmerz und ein teuflisches Grinsen sein Gesicht verzerrte, ging seiner Mutter ein Licht auf.
Wie eine Furie schrie sie: »Sofort zu Doktor Eisenbart. Sofort, du darfst keine Sekunde verlieren. Was hast du nur gemacht, du Gimpel, du dummer?«
Mit wilden Gesten zerrte sie ihn zur Tür hinaus. Christoph, der schlagartig begriff, welcher Teufel in Nathanael tobte, gab dem zuckenden Kranken kräftige Ohrfeigen und Hanne, die ebenfalls begriffen hatte, übergoss ihn mit einem Kübel Wasser. Doch nichts konnte ihn beruhigen und transportfähig machen.
Also rannte Heinrich Engelhard los, Doktor Eisenbart zu holen. Als dieser endlich eintraf, wand sich Nathanael unter heftigsten Zuckungen der Arme, der Beine und des Rückens auf dem Boden.
»Jede Hilfe ist zu spät. Der Tod hat ihn in den Krallen«, konstatierte Doktor Eisenbart trocken.
Und mit aufgerissenen Augen sah Heinrich Engelhard dem Sterben seines Bruders zu. Noch nie hatte er den Tod so deutlich miterlebt.
Wieder zimmerte Heinrich Zacharias einen Sarg. Heinrich Engelhard wollte helfen, doch sein Vater schob ihn grob zur Seite.
»Kümmere dich um deine Mutter, bis deine Schwestern Gerda und Elisabeth eingetroffen sind.«
Es war Herbst geworden. Graue, bauchige Wolken hingen über dem aus gehauenem Stein erbauten Haus der Familie und verdunkelten die ohnehin schon düsteren Kammern. Nicht nur das Wetter war schlecht, auch die Zeiten verschlechterten sich. Die freundlichen Soldaten wurden zudringlicher. Sie hatten Hunger, kamen in die Häuser und verlangten Nahrung. Heinerchen hätte gerne einen Soldaten aus nächster Nähe gesehen.
»Sei froh, dass sie uns in Frieden lassen. Gott weiß, wie lange noch«, unkte die Mutter.
An einem dieser ungemütlichen Herbsttage durfte er wieder bei seiner Schwester essen. Darauf freute er sich die ganze Woche. Gierig sog er den herrlichen Duft nach geschmortem Huhn ein, als er im Pfarrhaus eintraf. Die Magd stellte gerade die Schüssel mit dampfenden Klößen auf den Tisch. So ein Festmahl gab es zu Hause nicht einmal an Weihnachten und seit Mutter krank war überhaupt nicht mehr. Allerdings musste er sich gedulden. Behäbig setzte sich Pfarrer Blech an den Tisch, gefolgt von Elisabeth. Dann erst durfte Heinerchen Platz nehmen.
Zunächst geschah nichts. Die Magd hatte sich in die Küche zurückgezogen, und statt die Teller zu füllen sah Elisabeth abwartend auf ihren Gatten.
›Na los, sprechen Sie schon das Tischgebet, Herr Pfarrer und Onkel‹, dachte Heinrich Engelhard. Doch Gustav Blech ließ die Augen schweifen, machte ›hmm‹ und ›soso.‹
»Tja, tja, tja. Will heute nicht der kleine Heinrich Engelhard Steinweg das Tischgebet sprechen?«
Erschrocken blickte Heinrich auf, direkt in die strengen Augen des Pfarrers.
»Nun, wie ich sehe, willst du es nicht. Dann bekommst du auch nichts zu essen.« Gustav Blech grinste breit.
»Gustav!« Elisabeths Körper streckte sich. »Ich bitte dich, drohe meinem lieben Bruder nicht. Solche Gesten mag der liebe Gott nicht.«
»Liebste Elisabeth, über das, was Gott mag oder nicht, vermagst du nicht zu urteilen.«
Sein gekrümmter Zeigefinger schoss in die Luft. Da Heinrich keinen Streit, sondern essen wollte, beeilte er sich, das Tischgebet zu sprechen.
»Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.«
»Sehr löblich.« Pfarrer Blech trommelte mit fünf Fingern auf die Tischplatte, statt Elisabeth das Zeichen zum Bewirten zu geben. »Hmm«, sagte er gedehnt, »kennst du noch ein anderes Tischgebet?«
Beim Anblick seiner spöttischen Augen kam Klein-Heinrich der Gedanke, der Pfarrer stelle ihn auf die Probe, ja, verspüre sogar Schadenfreude, sollte ihm kein zweites Gebet einfallen.
›Die Freude gönne ich ihm nicht‹, rebellierte es in dem Jungen und geschwind kramte er aus seiner Erinnerung das bevorzugte Tischgebet seiner Mutter hervor.
»Segne Herr uns und diese deine Gaben, die wir von dir empfangen haben. Amen.«
»Sehr löblich.«
Wieder trommelte der Gottesmann mit seinen fleischigen Fingern auf die Tischplatte. Diesmal mit allen zehn.
Heinrich lief beim Geruch der Speisen das Wasser im Munde zusammen. Ausgerechnet unter seine Nase hatte die Magd die Terrine mit der Soße gestellt. Ihr unvergleichlicher Duft nach Kräutern und einem Gewürzgemisch, das man Currypulver nannte und das niemals in die karge Küche seiner Mutter gelangen würde, machte ihn schwindelig.
»Nun, aller guten Dinge sind drei.«
Blech hatte einen verschlagenen Ausdruck.
»Das ist Aberglaube«, widersetzte Elisabeth hastig, um ihren Bruder vor einer dritten Gebetsprobe zu retten.
»Ist es nicht, mein schönes Kind. Es ist eine Andeutung der Dreifaltigkeit«, entgegnete er hämisch lächelnd zu seiner Frau gewandt und richtete sein Augenmerk dann auf Heinrich, wobei sich sein Lächeln zu einem Grinsen verzog.
Der Dreizehnjährige sah seinen Onkel höflich an und faltete erneut die Hände.
»Vater, segne diese Speise. Uns zur Kraft und dir zum Preise. Amen.«
Schlagartig ballten sich Gustavs trommelnden Finger zu Fäusten. Sein Gesicht verschloss sich. Offensichtlich hatte er damit nicht gerechnet und ganz offensichtlich störte es ihn, Heinrich nicht bloßstellen zu können. Er schien mit freundlichen Worten zu kämpfen, denn freundliche Worte waren nicht seine Stärke.
»Wie geht es Mutter?«, fragte plötzlich Elisabeth, während sie sich anschickte, ihrem Gatten Gustav Klöße, Gemüse und Hühnchen zu reichen. Heinrich konnte nicht antworten, denn Gustav schlug mit der Faust auf den Tisch. Elisabeth zuckte zusammen.
»Habe ich dir erlaubt zu servieren?«
Seine Frau presste die Lippen zusammen.
»Liebe Frau, ich habe Heinrich drei Gebete aufsagen lassen, weil die schlechte Zeit viele Gebete verlangt. Wir müssen stark sein und den Invasoren, die vom Teufel kommen, die Stirn bieten. Gott hilft uns, wenn wir gehorsam beten.«
»Die Invasoren kommen nicht vom Teufel. Es sind Befreier. Napoleon will uns von den Herzögen, Grafen und Herrschern befreien, die uns unterjochen«, konterte Elisabeth und sah Gustav Blech dabei geradewegs in die Augen.
›Oh‹, dachte Heinrich stolz, ›ihr freches Mundwerk hat er nicht bezwingen können, der gestrenge Onkel.‹
Sichtlich erregt fragte dieser: »Wer redet so einfältig daher?«
»So reden die jungen Menschen. Der Student Karl, der in Leipzig studiert und gerade in Wolfshagen seinen Vater, den Bürstenmacher, besucht.«
»Was weiß der Schlingel schon? Er hat nur Bücher gelesen und keine Lebenserfahrung.«
»Er sagt, Napoleon sei ein Genie. Bis nach Ägypten ist er mit seiner Armee gezogen und hat von dort viele Truhen Gold mit nach Paris gebracht.«
»Und diesen Emporkömmling nennt dein naiver Student ein Genie? Er ist ein Räuber, ein schlechter Mensch, der die ganze Welt besitzen will. Aber die Welt gehört Gott und nicht Napoleon.«
Beim letzten Satz senkte er deutlich die Stimme. Unwillkürlich sah er sich um. Ein Fuhrwerk rumpelte am Haus vorbei. Sonst war alles still.
»Man muss auf der Hut sein«, flüsterte er hektisch. »Es wimmelt von Spitzeln. Patriotisch gesinnte Männer lässt der Herr Napoleon in den Gefängnisturm werfen. Und er blockiert die Grenzen. Vieles wird verboten.«
Unwillkürlich musste Heinrich Engelhard an das Currypulver denken. Wenn die Einfuhr von englischen Produkten verboten war, woher hatte dann der dicke Onkel den Curry?
»Ist das Befreiung?«, fuhr der Onkel erbost fort. »Und außerdem ...« Seine Augen quollen hervor und er legte den Zeigefinger auf den Mund. »Psst ... und außerdem ist es verboten, zu sagen, was man denkt. Napoleons Befreiung kommt vom Teufel!«
Heinrich duckte sich. Im Grunde war ihm das alles egal. Er wollte nichts anderes als essen. Endlich gab Onkel Gustav seiner Frau das Zeichen.
»Nun, Heinerchen, wie geht es Mutter?«, wiederholte Elisabeth, während sie die Teller füllte.
»Der Arzt sagt, es sei ein bisschen besser geworden.«
Heinrich aß mit Appetit.
»Sie war sehr blass und abgemagert bei meinem letzten Besuch. Und die schönen Möhren, die ich ihr mitbrachte, schaute sie gar nicht an.«
Elisabeths traurige Augen schweiften zu ihrem Mann.
Wortlos beendeten sie ihr Mahl. Fast geräuschlos räumte die Magd ab. Pfarrer Blech holte seine Pfeife und setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster. Elisabeth und Heinrich gingen aus dem Haus.
»Er wird dort eine Stunde sitzen und vor sich hin brüten. Ich muss derweilen in der anderen Nische an einer Näharbeit sitzen. Lieber begleite ich dich und bleibe ein wenig bei Mutter.«
Ein unwirtlicher Winter brach an. Es ging das Gerücht, dass Napoleons durchziehende Truppen nicht nur Hunger hatten, sondern auch Platz brauchten.
»Hört denn das nie auf«, jammerte Rosine an einem kalten Wintertag im Dezember des Jahres 1810.
Sie saß dicht am Kamin in der Wohnstube und stopfte. Hanne schrubbte den Spülstein und sah hin und wieder aus blitzenden Augen auf die Familie.
»Seit Napoleon durch Europa geistert, gibt es überall Krieg. Immer tobt irgendwo eine Schlacht. Fünf Jahre geht das schon. Wo er ist, wird gefochten. Und daran ändert sich nichts, bis er alles beherrscht. Darauf wette ich. Denn dieser Kaiser findet keine Ruhe, bevor ihm nicht die Welt gehört.«
Heute war der Köhler gesprächiger als sonst. Der harte Winter hatte es in den letzten Tagen schwierig gemacht, Holz zu schlagen. Heinrich Zacharias wartete am Kamin auf besseres Wetter.
»Und wie lange soll es dauern, bis ihm die Welt gehört?«
Rosine hob die Augenbrauen und Heinrich Engelhard, der neben ihr saß, blickte erschrocken. Gottfried spielte am Boden mit Murmeln, die ihm seine Schwester geschenkt hatte.
»Bin ich allwissend? Eines jedoch weiß ich: Wenn er jetzt nicht genug hat, dann hat er nie genug. Norditalien, die Niederlande, dann Polen und viele deutsche Länder sind unter seiner Fuchtel. Und jetzt will er auch die Engländer kleinkriegen, indem er ihren Handel mit unseren Staaten vernichtet.« Köhler Heinrich Zacharias stützte den Kopf in die Hände. »Ja, ja, er ist unschlagbar. Im Wirtshaus erzählen sie, dass er auch Russland unterwerfen will. Er ist stark wie tausend Bären.«
»Er ist klein und hat ein großes Maul, erzählen die, die ihn gesehen haben. Der soll die Russen herausfordern? Zacharias, was redest du da? Er ist doch mit ihnen verbündet. Und er tut gut daran, es zu bleiben. Ha!«
Heinrich Engelhard stellte sich die starken Russen vor, wie sie auf schnellen, kleinen Pferden über die Taiga geprescht kamen und bekam eine Gänsehaut. Während sie so redeten, näherte sich von draußen ein sonderbares Geräusch. Es ähnelte einem Raunen, dem Anbranden von Wellen, doch es gab kein Meer in der Nähe und es tobte auch kein Sturm, der dieses Fauchen und Pfeifen in der Luft hätte erklären können. Da die Stille an diesem Ende der Dorfstraße meist nur von Pferdegetrappel, dem Rufen eines Käuzchens oder dem Rauschen der Blätter im nahen Wald durchbrochen wurde, horchten die Bewohner des Häuschens ängstlich auf.
Rosine reckte den Hals und presste Gottfried an sich, Hanne blickte verschreckt und begann, Nahrungsmittel unter ihren Rock zu stopfen. Sie war wie ein Tier. Sie witterte Gefahr, bevor Menschen sie wahrnahmen.
Plötzlich verstummten auch Heinrich Zacharias und sein ältester Sohn Zacharias. Christoph stand auf, ging zum Fenster und linste hinaus. Heinrich Engelhard folgte ihm.
»Was ist da?«, fragte er mit zitternder Stimme.
»Ich kann nicht viel sehen. Aber es sieht aus, als sei dort, wo es zur Dorfmitte geht, plötzlich ein Wald.«
»Dummes Geschwätz«, brummte der Vater.
»Ein Wald, der sich bewegt.«
»Halt's Maul, wenn du nur daher schwätzen kannst wie ein Gimpel!«
»Er hat recht, Vater«, bestätigte Heinrich Engelhard kleinlaut. Nun stapfte auch Vater Steinweg zum Fenster. Was er sah, trieb die Farbe aus seinem Gesicht.
»Das sind ja Menschen. Sie gestikulieren und laufen schnell.«
Auch Christoph wirkte blass.
»Und das dort?«
Heinrich Engelhard wies auf eine Gruppe von Männern, die mit Abstand von der Menschenhorde marschierte. Niemand antwortete ihm, stattdessen ergriff Panik die Bewohner. In aller Eile wurden die letzten Lebensmittel versteckt. Rosine quetschte, was sie konnte, unter die Lappen, die sie am Leib trug. Hanne verschloss zwei Hühnern die Schnäbel und stopfte sie zu den Kartoffeln in ihrem Unterkleid.
Je näher das Raunen kam, umso deutlicher kristallisierten sich erschreckende Geräusche heraus. Panische Stimmen, Getrippel und Schreie mischten sich mit marschierenden Schritten und gebrüllten Befehlen.
»Ich verstehe nicht, was die Wolfshager auf der Straße zu suchen haben?«
»Das sieht nicht gut aus«, prophezeite der zwanzigjährige Zacharias.
»Wollen sie uns das Letzte wegnehmen?« Rosine war wachsbleich. Heinrich Engelhard nahm ihre Hand und beruhigte sie.
»Lass meine Hand nicht mehr los, mein Junge.«
Ihre Stimme versagte. Soldatenstiefel näherten sich. Drohend echoten sie durch den angehenden Abend. Das Knirschen von Staub unter festen Sohlen, das Klirren von Metall, das Reiben von gesteiftem Stoff – dies alles war nun beängstigend nah, erhob sich wie ein Grollen direkt vor dem Haus, schlug gegen die Tür und verstummte schlagartig.
Vater Heinrich war mit einem Sprung an der Tür und wollte sie verriegeln, doch da öffnete sie jemand von außen und schlug sie nach hinten. Ein Offizier, hinter dem sich ein Trupp Soldaten formierte, setzte den Fuß ins Haus und positionierte sich vor Heinrich Zacharias.
Rosine hielt instinktiv die Habseligkeiten fest, die sie unter ihre zerlumpte Kleidung gestopft hatte, Hanne verbarg sich im Hintergrund, Heinrich Engelhard drückte die Hand seiner Mutter und schaute erstaunt auf den Offizier.
›So sehen also Napoleons starke Männer aus‹, dachte er. ›Wie kerzengerade sie stehen. Und wie schön so eine Uniform ist.‹
Doch sogleich riss ihn die Stimme des Kommandanten aus seiner Bewunderung. Sie klang schneidend und rief in gebrochenem Deutsch: »Haus und Garten sind mit Wirkung dieses Dokumentes«, er schwenkte ein Papier, »an Frankreich und Kaiser Napoleon abzutreten.«
»Was schwätzt der daher?« Heinrich Zacharias war wie erstarrt. »Buben, sagt mir, was los ist.«
»Nehmen Sie das Nötigste zu Essen mit et veuillez quitter l'endroit toute de suite«, fuhr der Kommandant unbeirrt fort.
»Antwortet!«, herrschte der Alte seine Buben an.
»Sie wollen das Haus und den Garten, und wir sollen so schnell wie möglich verschwinden«, stotterte Christoph.
Heinrich Zacharias' Stirnader schwoll an. Er ballte die Fäuste, stellte sich aufrecht vor den Kommandanten und rief mit beherrschter, doch leicht zitternder Stimme: »Mein Haus wollt ihr mir wegnehmen? Ein Haus, das ich mit diesen Händen gebaut habe?«
Er öffnete die Fäuste und hielt seine schwieligen, unförmigen Hände dem Mann in Uniform vor die Nase.
»Es war eine Ruine, als wir eingezogen sind. Ein Steinhaufen mit einem kaputten Dach. In den wenigen Stunden, die mir die Köhlerarbeit ließ, habe ich daraus ein Wohnhaus gemacht. Jahre hat es gedauert. Ihr werdet es mir nicht stehlen wie Diebe.«
»Vater!«, schrien die Söhne und packten ihn an den Schultern. »Nimm dich in Acht, was du sagst. Napoleon ist der Befreier! Er ist ein Held!«
Absichtlich wiederholten sie die Worte Napoleon im Zusammenhang mit dem französischen Wort für Held: héro.
»Ein Dieb ist er. Kein Befreier und Held. Hat er nicht in Ägypten und Italien geklaut wie ein Rabe?«
»Que-est ce qu'il dit?«,
