Die Blutsippe - Mona Gold - E-Book

Die Blutsippe E-Book

Mona Gold

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Beschreibung

Ein Mord, ein dunkles Familiengeheimnis und eine Liebesgeschichte..... Nach dem Tode ihrer Mutter erfährt Anna bei der Testamentseröffnung, dass sie eine alte Ritterburg geerbt hat. Dass dem Testament ein Brief ihrer Mutter beigelegt ist, der sie inständig davor warnt, die Erbschaft anzunehmen, interessiert Anna nicht, sie tritt das Erbe an und steuert damit - ohne es zu wissen - direkt in ihr Verderben. Bereits ihre Ankunft wird von rätselhaften Zwischenfällen begleitet, wurde doch kurz zuvor erst die übel zugerichtete Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Ganz in der Nähe der Burg, ganz in der Nähe von Annas neuem Zuhause. Wenig später werden mehr Tote gefunden, überall, immer mehr. Menschen als auch Vampire sind entsetzt. Während die Menschen noch die Täter unter den ihren vermuten, weiß man in der Welt der Vampire längst, dass nur ein abtrünniger Blutsauger zu solchen Taten fähig ist….. Eine fieberhafte Suche nach dem Täter beginnt, ein jeder ist verdächtig, das Misstrauen steigt. Inmitten dieser zunehmend feindlichen Umgebung ist die Liebesgeschichte zwischen dem Vampir Leo und der Buchhändlerin Anna angesiedelt. Eine Liebe, die kaum Aussichten auf Erfolg hat, denn Anna hat sich Feinde geschaffen, mächtige Feinde...

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Seitenzahl: 435

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Mona Gold

Die Blutsippe

Die Rückkehr des Gehenkten Grafen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Die Erbschaft

2. Ankunft in Rittertal

3. Das neue Zuhause

4. Anna unter Verdacht

5. In der Falle

6. Böse Überraschungen

7. Bissspuren

8. Falsche Verdächtigungen

9. Gefangen!

10. Familienkonferenz

11. Folterkeller

12. Sonnenallergie

13. Mittelalterliche Beerdigungsriten

14. Nächtliche Grabungen

15. 100 Liter Blut

16. Blutbad

17. Premiere

18. Dreiste Diebin!

19. Wo ist Anna?

20. Ausflug zum Schloss

21. Markus als Lockvogel

22. Rettung in letzter Minute

23. Premiere Nummer zwei

24. Besuche am Krankenbett

25. Anna und Leo

26. Die Einladung

27. Interessante Details

28. Der See der Vampire

29. Zu Hause… aber wo?

30. Nächtlicher Verfolger

31. Angeklagt

32. Abreise

Impressum neobooks

1. Die Erbschaft

Neugierig schaute sich Anna in dem kleinen, finsteren Büro des Notars um. Zu ihrer rechten und zu ihrer linken Seite befanden sich deckenhohe, altertümliche Bücherwände, deren mit Papierbergen überfüllte Regalböden von millimeterdicken Staubschichten überzogen waren. Vor den Regalen befanden sich weitere Akten in schäbigen Mappen verstaut, die zusammen mit diversen Papierstapeln einen Großteil des Fußbodens einnahmen. Bereits beim Hereinkommen hatte Anna kaum einen Fuß vor den anderen setzen können. Die heruntergelassenen Rollos ließen alles in einem unangenehmen Zwielicht erscheinen, die wenigen Zimmerpflanzen waren schon vor langer Zeit vertrocknet und in ihren Blumentöpfen vergessen worden. Zweifelsohne hatte dieses Büro schon bessere Zeiten gesehen.

Laute, polternde Schritte rissen Anna aus ihren Gedanken. Das musste der Notar sein. Schnell richtete sie sich auf, zupfte ihre Jacke zurecht und verharrte gespannt auf ihrem Stuhl. Hinter ihr wurde die Tür mit einem Ruck aufgerissen. „Guten Tag. Sind Sie Frau Wolfstöter? Wir hatten telefoniert. Mein herzliches Beileid wegen des Todes Ihrer Mutter.“ Es war eine unangenehm kehlige Stimme, die hinter ihr ertönte und Anna zusammenzucken und herumfahren ließ. Der Anblick, der sich ihr in diesem Moment bot, passte zu der unangenehmen Stimme. Vor ihr stand ein untersetzter, dicker Mann mit Halbglatze, dessen Oberhemdknöpfe über der Bauchmitte so stark spannten, dass sie bei jeder Bewegung zu platzen drohten. Sein Gesicht war von tiefen Falten und Aknenarben gezeichnet, die auch durch den Dreitagebart nicht versteckt werden konnten. Seine Augenlider waren so dick und aufgedunsen, dass sie die Augen des Notars zu kleinen, schmalen Schlitzen zusammendrückten. Gekleidet war er in einen schmuddeligen, beigen Anzug im Stil der 80er Jahre. Seine gesamte Erscheinung strahlte einen Unwillen und eine Abscheu aus, dass Anna sich mehr als unwillkommen vorkam.

Mit einem genervten Gesichtsausdruck und mit einer herrischen Handbewegung deutete der Notar auf die Mappe mit den erforderlichen Unterlagen, die er Anna gebeten hatte mitzubringen. Anna schluckte schwer und brachte nur ein stummes Nicken anstelle einer Antwort hervor. Offenbar war der Notar kein Freund zu vieler Worte. Hätte sie nicht vor zwei Wochen seinen Brief erhalten, wüsste sie nicht einmal seinen Namen, denn vorgestellt hatte er sich seit Betreten des Büros auch noch nicht. Doch wagte sie nicht, dies zu kommentieren, denn trotz seiner untersetzten Größe stellte der Notar doch eine respekteinflößende Erscheinung dar, so dass Anna ihn mit einem Anflug von Unbehagen dabei beobachtete, wie er gedankenverloren ihre Papiere betrachtete. „So, so. Sie sind also tatsächlich die Tochter von Frau Wolfstöter. Als ich Sie das letzte Mal sah, waren Sie kaum ein Jahr alt und Ihre Mutter in großer Sorge um Sie. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Es gab kaum einen seltsameren Fall als den Ihren in meiner beruflichen Praxis als Notar.“

Mit einem undurchdringlichen Blick sah er auf und musterte sie lange Zeit, bevor sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. Damit zeigte er eine Gefühlsregung, bei der sich Anna noch vor einer Minute sicher gewesen wäre, dass sie ihm völlig fremd sei. Doch lehnte er sich nun gedankenverloren lächelnd zurück und begann, sich mit leiser Stimme zu erinnern. „Ihre Mutter suchte mich damals noch nach Büroschluss auf, es war ein kalter, regnerischer Novemberabend. Zuerst verwies ich sie auf die Öffnungszeiten, aber sie schüttelte energisch den Kopf und sagte, morgen, morgen könne es zu spät sein. Ich war müde, hatte einen anstrengenden Tag hinter mir und wollte sie zuerst stehen lassen. Doch etwas in ihrem flehenden Blick erweckte mein Mitgefühl. Ich ließ sie in mein Büro. Es war genau hier in diesem Zimmer, dass ich ihre Geschichte hörte, zumindest den winzigen Teil, den sie mir zu erzählen bereit war - und das war nicht viel. Trotzdem schien sie große Angst zu haben, sie sagte, sie sei auf der Flucht, habe mit allen aus ihrem früheren Leben gebrochen und müsse sich nun verstecken. Ihre größte Sorge jedoch galt Ihnen, ihrer kleinen Tochter. Sie sagte, dass Sie unter allen Umständen fern von der Familie aufwachsen müssten und dass es ihr lieber wäre, wenn Sie nie etwas über die Herkunft Ihrer Mutter erführen.“

Anna schaute irritiert. Von solch Geheimniskrämerei hatte sie noch nie etwas gehalten. „Was war denn an der Herkunft meiner Mutter so problematisch? Habe ich vielleicht ein Krematorium oder so etwas geerbt? Oder eine Geisterbahn?“ - „Letzteres ist vielleicht gar nicht so weit von der Realität entfernt.“ Der Notar hatte diese Worte mehr zu sich selbst gesprochen, doch offenbar nicht leise genug, denn Annas Augenbrauen fuhren irritiert in die Höhe. Jedoch bevor seine Klientin irgendwelche Fragen stellen konnte, fuhr er schnell fort. „Aber lassen Sie uns doch mit der Verlesung des Testaments beginnen.“ Hektisch begann er in der Mappe, die er beim Betreten des Büros unter seinem Arm hatte, zu kramen. Als er die richtigen Blätter gefunden hatte, setzte er eine für sein breites Gesicht viel zu kleine Nickelbrille auf und räusperte sich umständlich, bevor er mit der Verlesung des Testaments begann. „Ich, Maria Wolfstöter, setze mein einziges Kind, meine Tochter Anna Wolfstöter, als alleinige Erbin ein. Bevor meine Tochter jedoch ihr Erbe antreten kann, mache ich es zur Bedingung, dass sie erst dem das Testament verlesenden Notar den Brief vorliest, den ich für sie im Falle meines Ablebens zusammen mit meinem Testament bei Selbigem deponiert habe.“

Skeptisch verzog Anna das Gesicht. Was war denn das für eine eigenartige Bedingung? Als sie den Notar danach fragte, lächelte der nur und zuckte mit den Schultern. „Über ihre Beweggründe hat mich Ihre Frau Mutter nur so weit wie nötig informiert. Was den Brief betrifft, wollte sie sicherstellen, dass Sie den Inhalt auch wirklich zur Kenntnis nehmen und den Brief nicht einfach in Ihrer Manteltasche verschwinden lassen würden. Warum all diese Vorsichtsmaßnahmen?“ Hilflos zuckte er mit den Schultern. „Das hat sie mir nicht mitgeteilt. Ich weiß nur noch, dass sie große Angst vor ihrer Familie hatte.“ Während er das sagte, beobachteten seine Augen Anna, keine Regung in ihrem Gesicht schien ihnen zu entgehen. Bei seinen letzten Worten war Anna zusammen gezuckt.

„Was soll das heißen 'Sie hatte große Angst vor ihrer Familie'?“ - „Das sagte mir Ihre Frau Mutter auch nicht. Im Gegenteil. Sie hielt sich sehr bedeckt mit Informationen über ihren familiären Hintergrund.“ - „Dann sollte ich das Erbe vielleicht besser ausschlagen.“ - „Oh, nein! Diesen Schritt sollten Sie gut überdenken. Wissen Sie, es handelt sich dabei um ein nicht unbedeutend großes Erbe, das überwiegend aus Grund und Boden besteht. Schuldenfrei. Gut erhalten. So viel vorab.“ Anna zog kritisch die Augenbrauen zusammen. „Was stimmt nicht mit dem Erbe?“ Allmählich wurde sie doch misstrauisch. Der Notar schaute sie sehr ernst an, bevor er tief seufzte und schließlich zu einer Antwort ansetzte. „Leider kann ich Ihnen dazu auch nicht mehr sagen, da das alle Informationen sind, die ich von Ihrer Frau Mutter zu diesem Punkt erhalten habe. Unglücklicherweise ist sie viel zu früh von uns gegangen, von ihrem Erbe hat sie leider nichts gehabt. Laut dem Testament ihres Vaters, also Ihres Großvaters, hat nur derjenige einen Anspruch auf die Pachteinnahmen u.s.w., der auch dauerhaft auf der Ritterburg lebt. Und das hat sich Ihre Mutter ja nun beileibe nicht vorstellen können. Im Gegenteil. Ihre Familie durfte zeitlebens nicht erfahren, wo sie sich aufhielt. Von Ihrer Existenz, Frau Wolfstöter, wissen die Verwandten bis heute nichts. Das war der Wunsch Ihrer Mutter. Sie hat ausdrücklich verfügt, dass ich erst dann Kontakt mit der Familie aufnehmen soll, wenn Sie sich für die Annahme des Erbes entschieden haben.“

Mit einem traurigen Lächeln schob er ihr einen übergroßen Briefumschlag entgegen. Das Papier war vergilbt, das Siegelwachs dunkelrot mit dem Abdruck irgendeines Wappens. Oder war es ein Symbol? So genau konnte Anna das nicht erkennen. Mit zitternder Hand griff sie nach dem Brief. Ein wenig mulmig war ihr doch zumute, als sie das Siegel brach und ein mindestens ebenso vergilbtes Blatt Papier herauszog. Sofort erkannte sie die schön geschwungene Handschrift ihrer Mutter.

Meine liebe Tochter!

Nun ist es geschehen! Da Du diesen Brief in den Händen hältst, bin ich von dieser Welt gegangen, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, Dich einzuweihen.

Einzuweihen in das düstere Geheimnis meiner, nein, unserer Familie. Zumindest teilweise. Alles werde ich Dir hier nicht mitteilen können, handelt es sich doch um Dinge, die nicht auf Papier gebracht werden sollten. Dinge, die Dein ganzes Leben verändern können und werden, falls Du - wie von mir befürchtet - das Erbe annehmen wirst.

Sollte Letzteres eintreten, hast Du Dich zweifelsohne von der Verlockung des Geldes verleiten lassen, die zugegebenermaßen groß sein wird, werde ich Dir doch nicht viel bieten können außer einem Leben in Freiheit. Einer Freiheit, die ich hier nicht näher beschreiben kann, die Du aber noch zu schätzen wissen wirst, solltest Du Dich für das Erbe entscheiden.

Auf den ersten Blick wird alles wunderbar erscheinen, Dir wird die Hälfte einer Ritterburg sowie die dazugehörigen Ländereien und Immobilien gehören. Jedoch hat es seinen Preis, einen unaussprechlichen Preis, der Teil des dunklen Geheimnisses unserer Familie ist und mich von meiner Familie wegtrieb.

Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich bereits fast zwei Jahre von meiner Familie weg. Zwei Jahre, in denen ich stets auf der Flucht war, Deinen Vater geheiratet habe, schwanger wurde und Dich geboren habe.

An keinem Ort bin ich länger als ein paar Wochen oder Monate mit Dir geblieben, zu groß ist die Angst, dass die Familie mich aufspürt und dann von Deiner Existenz erfährt. Die habe ich nämlich bis jetzt geheim gehalten. Das werde ich auch nicht ändern. Besser, sie wissen nichts von Dir!

Du siehst, noch hast Du die Chance, einfach das Erbe auszuschlagen und Deiner Wege zu gehen. Du wirst nicht reich sein, aber frei. Mein rastloses Leben hat nun ein Ende, viel werde ich Dir abverlangt haben, bevor Du ein eigenes Leben wirst beginnen können.

Deine Schulzeit wird von ständigen Umzügen gezeichnet sein. Selten wird es mal ein Jahr geben, in dem Du nur ein oder zweimal die Schule wirst wechseln müssen. Stets werde ich mit Dir auf der Flucht sein, hoffentlich ohne dass Du auch nur den leisesten Verdacht hegst.

Aber glaub mir, all das wird nur zu Deinem Besten sein, nur so kann ich Dich ohne den Einfluss unseres dunklen Familiengeheimnisses aufziehen! Ein dunkles Familiengeheimnis, das nicht gleich offenbar wird, jedoch wenn man länger auf der Burg verweilt.

Vielleicht bereits nach ein paar Wochen, eventuell aber auch erst nach einigen Monaten. Es ist so unglaublich, so gut geschützt, dass Du es vielleicht erst bemerken wirst, wenn es zu spät ist. Leider handelt es sich um ein Geheimnis, das man nicht aufschreiben kann.

So bedaure ich nun unendlich, Dir nicht früher alles erzählt zu haben. Wir hatten genug Zeit in all den Jahren, die seit dem Schreiben dieses Briefes und meinem Tod vergangen sein werden. Aber da Du jetzt diesen Brief in Händen hältst, werde ich offenbar all die Jahre nicht den Mut dazu gehabt haben, mich Dir anzuvertrauen.

Nun jedoch ist es zu spät dazu, jetzt kann ich nur noch darauf hoffen, dass Du die richtige Wahl triffst. Schlag das Erbe aus und pfeif auf das Geld. Dass Du mütterlicherseits noch eine Familie hast, solltest Du ebenfalls vergessen, auch verrate niemals jemandem, dass Deine Mutter eine geborene von Rittertal ist. Flieh meine Tochter, flieh, solange Du noch kannst!

Deine Dich liebende Mutter

Stumm starrte Anna auf das vergilbte Papier. Das hatte sie nicht erwartet. Ihre Mutter hatte diesen Brief vor über 20 Jahren geschrieben. Offenbar war sie in großer Furcht vor ihrer Familie. Eine Familie von deren Existenz Anna bisher nichts geahnt hatte. Wenigstens wusste sie nun, warum sie zeitlebens immer wieder umgezogen waren. Dieses rastlose Dasein hörte erst auf, als sie ausgezogen war um ihre Ausbildung zur Buchhändlerin zu absolvieren.

Mit einem tiefen Seufzer lehnte sie sich zurück. Das Geld konnte sie schon gebrauchen. Einen Versuch war es wert. Falls es ihr nicht gefiel, konnte sie immer noch zurück nach Berlin gehen. Trotzdem war ihr mulmig zumute. Warum hatte ihre Mutter all diese Entbehrungen auf sich genommen? Sie wurde nicht wirklich schlau aus ihren Zeilen. Doch handelte es sich um zu viel Geld, als dass sie den Versuch ungenutzt lassen würde. Mit nachdenklichem Gesichtsausdruck teilte sie dem Notar ihre Entscheidung mit, alles Notwendige zu veranlassen und verließ die Kanzlei in Richtung Bahnhof, um sich eine Zugfahrkarte zu ihrem neuen Zuhause zu kaufen.

2. Ankunft in Rittertal

Die Ritterburg befand sich in einer ziemlich einsamen Gegend, die von Berlin nicht leicht zu erreichen war. Dreimal war Anna während der fünfstündigen Zugfahrt bereits umgestiegen. Jetzt saß sie in einer alten Bummelbahn, die sie endlich an ihr Ziel bringen sollte. Das Dorf Rittertal. Es war eine verschlafene 400 Seelen Gemeinde, die versteckt in einem tiefen, bis heute unzugänglichen Tal lag und von einem großen Waldgebiet umringt war. In diesem Wald befand sich die Burg Rittertal. Eine ziemlich große Burganlage, in der es jedoch bis zum heutigen Tage weder Strom noch fließend Wasser gab. Ob sich das auch auf das übrige Dorf bezog wusste Anna nicht, bezweifelte dies aber, obwohl die Lage des Dorfes schon recht einsam war. Bis heute führten nur eine Zugstrecke und zwei sandige Straßen hinein bzw. hinaus. Ein Zustand, der die Gemeinde gerade in heftigen Wintern oft wochenlang von der Außenwelt abschnitt. Eine Zugverbindung gab es nur zweimal am Tag, morgens und abends.

In dem so genannten Spätzug saß Anna gerade und überflog immer wieder die Zeilen ihrer Tante, mit denen sie ihre bislang unbekannte Nichte willkommen geheißen und ihr angeboten hatte, sie bei ihrer Ankunft am Bahnhof Rittertal abzuholen. Anna hatte den Brief kurz vor ihrer Abreise über ihren Notar erhalten. Ihre Tante hatte den Brief nicht an die Privatadresse ihrer Nichte geschickt, sondern an den Notar, der seinerseits alles an Anna weitergeleitet hatte. Zuerst hatte sie es als unsinnig empfunden, nachdem der Notar die Familie ihrer verstorbenen Mutter von der Annahme des Erbes durch Anna informiert hatte, die weitere Korrespondenz noch über die Kanzlei laufen zu lassen. Doch der Notar hatte sie überzeugt, erst mal alles weiterhin über ihn abzuwickeln. Im Nachhinein betrachtete Anna seine Einwände sogar als nicht unbegründet. Selbst wenn der Brief ihrer Tante freundlich klang und sie wirklich willkommen war, konnten weder der Notar noch sie selbst die Furcht ihrer Mutter vor ihrer Familie und deren düsteren Geheimnissen leugnen. Was auch immer ihre Mutter damals aus Rittertal vertrieb, es schien so bedrohlich zu sein, dass sie es Zeit ihres Lebens fürchtete. Sollte Anna auch irgendwann so empfinden, durch was auch immer ausgelöst, wäre es besser, wenn sie in ihre Heimat Berlin zurückkehren konnte, ohne dass man auf Burg Rittertal von ihrem genauen Aufenthaltsort in der Hauptstadt wusste. Berlin war groß mit seinen mehreren Millionen Einwohnern. Nur zu wissen, dass sie aus Berlin stammte würde etwaigen Verfolgern keine Hilfe sein.

Aber vielleicht würde es ja gar nicht so weit kommen. Sie würde unvoreingenommen und offen diesem neuen Lebensabschnitt entgegen sehen und sich selbst ein Bild machen. Zufrieden mit diesem Entschluss schaute sie aus dem Fenster in die Dunkelheit hinaus. Es war Anfang Oktober. Jetzt, gegen neun Uhr abends, war draußen bereits alles von der Finsternis der Nacht überzogen, nur noch hier und da konnte sie die Schemen einer besonders großen Tanne oder eines einsam gelegenen Gebäudes ausmachen. So hing Anna eine ganze Weile ihren Gedanken nach, bis sie plötzlich zusammen zuckte. Mitten in der Dunkelheit waren plötzlich zwei leuchtende blaue Punkte aufgetaucht. Sie schienen dem Zug zu folgen und kamen dabei immer näher und näher. Anna dachte sich zuerst nichts dabei und beugte sich ein wenig weiter vor, um die Ursache der beiden Punkte besser erkennen zu können. Die Punkte bewegten sich ein wenig auf und ab und waren dabei sehr schnell. Bald würden sie den Zug erreicht haben. Noch ein kleines Stück, und Anna starrte fassungslos nach draußen. Sie konnte eindeutig den Schatten eines großen, struppigen Wolfes erkennen, dessen blaue Augen böse zu ihr in den Zug zu funkeln schienen. Das waren also die beiden leuchtenden Punkte! Erschreckt rutschte Anna ein Stück weit vom Fenster weg und schielte mit einem unbehaglichen Gefühl in der Magengegend nach draußen.

Ein lautes Klopfen ließ Anna hochschrecken. Das Pochen wurde lauter. Die Stimme des Schaffners klang ungehalten durch die Tür zu ihr ins Abteil. „Wir sind gleich da! Bitte machen Sie sich zum Aussteigen bereit.“ Anna, die derart von der unheimlichen Aura des Tieres eingenommen war, brachte nicht einmal eine kurze Antwort zustande, sondern saß nur schweigend auf ihrem Platz und starrte hinaus. „Hallo! Haben Sie mich gehört? Der Zug hat nur zwei Minuten Aufenthalt in Rittertal!“ Mit einem lauten Quietschen wurde die altersschwache Abteiltür zur Seite geschoben und der Schaffner trat mit einem verdrießlichen Gesichtsausdruck ein. „Haben Sie gehört? Sie sollten schon mal Ihre Sachen zusammenpacken und sich zum Aussteigen bereit machen. Hallo? Wieso reagieren Sie denn nicht?“ Der Schaffner schien nun wirklich besorgt. Mit fragendem Gesichtsausdruck beugte er sich zu der immer noch aus dem Fenster starrenden Anna hinunter und folgte dann ihrem Blick.

Was er dann sah ließ ihn zusammenzucken. Doch auch das bemerkte Anna nur am Rande, viel mehr nahm die Anwesenheit des Wolfes ihre gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass er ihr folgte, nur an ihr interessiert war und sich nicht damit zufrieden geben würde, sie nur von außen zu beobachten. Als ob dieser Gedanke der Auslöser war, setzte der Wolf zum Sprung an. Anna erstarrte und beobachtete fassungslos jede seiner Bewegungen. Selbst als die Schnauze des Wolfes die Scheibe berührte und diese in tausend Stücke zerspringen ließ, war sie zu keiner Regung fähig. Hunderte kleinerer und größerer Splitter flogen in alle Richtungen. „Passen Sie auf!“ Beherzt griff der Schaffner, der ebenso wie Anna fassungslos aus dem Fenster gestarrt hatte, nach ihrem Jackenärmel und zog sie vom Fenster weg. Er selbst hatte ebenfalls seinen Kopf weg gedreht, schützend die Arme über sein Haupt geschoben und sich auf das Schlimmste eingestellt. Mit zusammengekniffenen Augen verharrten sie regungslos.

Doch nichts geschah. Als sie vorsichtig aufsahen, war der Wolf verschwunden. Stattdessen strömte durch den fensterlosen Rahmen die kalte Nachtluft herein und ließ sie frösteln. Doch war es nicht nur die Kühle der Nacht, die ihre Körper mit einer Gänsehaut überzog. Noch etwas Anderes war mit der eisigen Nachtluft herein gekommen. Anna spürte es sofort, noch bevor sie es sah. An der Stelle, an der sich eben gerade noch der bedrohliche Umriss des massives Tierkörpers befunden hatte, war nun nichts weiter als eine schwarz-graue Nebelwolke. Eine klirrende Kälte breitete sich im Abteil aus. Die dunkle Nebelschwade verdichtete sich immer mehr zu einem bedrohlichen Schatten. Mit dem Wolf war etwas herein gekommen. Etwas, das Anna nicht wohlgesonnen war. Ihr war, als lege sich eine unsichtbare, eiserne Hand um ihren Hals. Sie konnte kaum noch atmen, war von einer solchen Angst erfüllt, wie sie sie nie zuvor in ihrem Leben verspürt hatte.

Die Stimme des Fahrkartenkontrolleurs riss sie abermals aus ihren Gedanken. „Geht es Ihnen gut?“ Als Anna nur stumm nickte, schimpfte er los. „Verdammte Gören! Weiß der Teufel wie sie das wieder angestellt haben. Erst beschmieren sie die Züge und jetzt schlagen sie die Scheiben während der Fahrt ein!“ Kopfschüttelnd sah er sich um. „Was haben sie bloß geworfen? Können Sie irgendetwas finden?“ Mit der Fußspitze schob er einige der Glassplitter hin und her. „Haben mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Die dunkle Jahreszeit draußen hat ihr Übriges getan. Ich hatte doch für einen Moment den Eindruck da draußen verfolge ein großer wild aussehender Wolf den Zug und wolle zu uns ins Abteil springen. Leuchtend blaue Augen hat er gehabt. Können Sie sich das vorstellen? Ein Wolf, der blaue Augen hat und einen Zug verfolgt?“ Er lachte in sich hinein. „Es wird Zeit, dass ich in Rente gehe. Bin schon 64.“ Während er sprach hatte er mit einem verärgerten Gesichtsausdruck das Chaos im Abteil betrachtet, so dass ihm Annas erschreckte Reaktion verborgen blieb, als er erwähnte, einen Wolf gesehen zu haben. Er hielt es für Einbildung, wusste nicht, dass auch Anna denselben Wolf gesehen hatte. „Das wird teuer für die Eisenbahngesellschaft und wieder einmal gibt es keinen, den man zur Kasse bitten könnte.“ Er sprach mehr zu sich selbst, schien seinen jungen Fahrgast neben sich völlig vergessen zu haben.

Anna schluckte betreten. Sollte sie zugeben, dass auch sie denselben Wolf gesehen hatte? Doch selbst wenn sie den Zugbegleiter davon überzeugen konnte, dass es keine Einbildung war, wer sonst würde ihnen beiden glauben? Niemand! Sie würden nur wie zwei Narren da stehen. Verunsichert presste sie die Lippen aufeinander. Nein, sie würde nichts sagen. Ein Ruck ließ sie aufblicken. Auch der Schaffner schaute auf. „Der Lokführer hat bereits das Tempo gedrosselt, jetzt sind es nur noch ein paar Minuten bis Rittertal.“ Erleichtert über diese Information raffte Anna, immer noch von Panik erfüllt, ihre Sachen zusammen und ging Richtung Abteiltür. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt und viel Spaß beim Antiquitätenkauf! Obwohl es dafür noch zu früh ist. Der Antikmarkt öffnet jedes Jahr immer erst Ende Oktober.“

Irritiert drehte Anna sich noch einmal um. „Wie bitte? Was für Antiquitäten?“ Der alte Mann stutzte und betrachtete Anna mit zusammengekniffenen Augen: „Sie waren noch nie hier, nicht wahr? Wenn dieser Ort auch sonst ein gottverlassenes Nest mit einer grauenvollen Vergangenheit ist, so ist er doch berühmt für seinen Antikmarkt. In meinen ganzen 48 Dienstjahren habe ich noch nie jemanden auf dieser Strecke erlebt, der nicht den Antikmarkt kannte. Seit jeher überwintert hier eine uralte Händlerdynastie und richtet während der kalten Jahreszeit den Antikmarkt aus. Aus der ganzen Welt strömen die Besucher hierher! Das wissen Sie nicht? Was wollen Sie denn sonst hier?“ Anna war immer noch verwirrt. „Nein. Nein, ich… besuche hier jemanden. Vielleicht bleibe ich auch länger. Das weiß ich noch nicht genau.“ - „Länger bleiben? Du liebe Güte! Noch etwas, das mir in meinen 48 Dienstjahren noch nicht begegnet ist. Jemand, der auch noch freiwillig hierher zieht. Dann noch so jung. Außer einer Dorfkneipe gibt es hier nicht viel für junge Leute. Aber Sie werden schon sehen, was ich meine. Gucken Sie sich erst mal bei Tageslicht in Ruhe um, dafür dürfte es ja nun schon ein bisschen spät sein.“

Mit aufmerksamem Blick spähte er nach draußen. Der Zug fuhr gerade in das Dorf ein. Zumindest musste es das Dorf sein, das in diesem Tal lag und in dessen Mitte sich der Bahnhof befand, an dem man Anna abholen würde. Unscharfe Konturen unterschiedlich großer Gebäude zogen an ihr vorbei. Dank einer fehlenden Straßenbeleuchtung konnte sie nur Schatten erkennen. Dann endlich erhellten sich die Gleise vor ihr und gaben den Blick frei auf ein altes, einstöckiges Bahnhofsgebäude. Mit quietschenden Rädern hielt der Zug. Anna stieg mit ihren wenigen Habseligkeiten aus.

Kaum hatte sie ihre letzte Tasche aus dem Wageninneren gehoben, schlossen sich die Türen auch schon wieder hinter ihr und der Zug setzte sich in Bewegung. Anna sah ihm nach, bis er am Horizont verschwunden war. Langsam drehte sie sich um. Suchend wanderte ihr Blick über das Bahnhofsgebäude. Alles war dunkel und verlassen. Über einem Fenster hing ein Schild. „Information“ stand dort in großen Buchstaben. Jedoch war dahinter ebenfalls alles düster. Ratlos sah sich Anna um. Sie war allein. Mutterseelenallein auf dem leeren Bahnhof. Niemand war gekommen, um sie abzuholen. Dabei hatte ihre Tante doch sogar persönlich kommen wollen. Suchend blickte sie sich um. Eine einzige Laterne erhellte den Bahnsteig. Es gab nicht einmal eine Sitzgelegenheit. Hinzu kam, dass es mittlerweile stockdunkel geworden war. Nebelschwaden zogen auf und von irgendwoher ertönte der Ruf einer Eule. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper und ihr war absolut nicht wohl bei dem Gedanken, hier weiterhin alleine zu warten. Doch mangels etwaiger Alternativen ging sie ungeduldig auf und ab. Dabei stieg mit jeder Minute, die verging, ihre Nervosität. Ständig kehrten die Erinnerungen an den Wolf mit den leuchtend blauen Augen, der in das Zugabteil gesprungen war, in ihr Bewusstsein zurück. Bereits nach wenigen Minuten Wartezeit war ihre Angst so übermächtig geworden, dass jedes Geräusch sie zusammenzucken ließ.

Nein, hier konnte sie keine Sekunde länger bleiben. Energisch fegte sie ihre Angst vor dem einsamen Heimweg in der Dunkelheit zur Seite und marschierte mit ihrem Gepäck los. Die Tür zum Bahnhofsgebäude war verschlossen. Also musste sie einem kleinen Trampelpfad folgen, der rechts um das Bahnhofsgebäude herum führte. Nach ein paar Schritten war sie um die erste Ecke herum und fand sich in völliger Dunkelheit wieder. Ohne das helfende Licht der Straßenlaterne tastete sie sich vorsichtig Schritt für Schritt weiter, bis sie um die nächste Ecke des Gebäudes herum war. Endlich kam wenigstens wieder der Mond zum Vorschein und gab den Blick frei auf eine ungepflasterte Dorfstraße, die nur von wenigen Straßenlaternen erhellt wurde. In deren Schein konnte Anna zumindest einen Großteil ihrer Umwelt ausmachen. Und was sie sah, entsprach genau dem Klischee eines kleinen, verschlafenen Dorfes, das erst vor wenigen Jahren ans öffentliche Stromnetz angeschlossen wurde. Die Häuserreihen zu beiden Seiten bestanden größtenteils aus kleinen, gedrungenen Fachwerkhäusern. Das Bahnhofsgebäude schien eines der wenigen Gebäude aus Stein zu sein. Vom Bahnhof aus führte eine breite Straße weiter ins Dorf hinein. Sie bestand vollständig aus platt gestampftem Sand. Dass es so etwas noch gab? Das konnte ja heiter werden. Mit gemischten Gefühlen blickte sie die Straße herunter. Ein Stück weit von ihr entfernt befand sich ein erhelltes Gebäude. Wenigstens ein Lichtblick. Vielleicht waren die Bewohner noch wach, so dass sie ihr den Weg zur Ritterburg beschreiben konnten. Gerade als sie erleichtert darauf zu gehen wollte, vernahm sie neben sich im Gebüsch ein Geräusch.

Neugierig trat sie näher und sah ein Pärchen verborgen hinter einigen Büschen stehen, völlig auf sich fixiert. So sehr, dass sie ihre heimliche Zeugin sie nicht einmal bemerkten. Die betrachtete die beiden genauer, konnte jedoch nur wenig erkennen, da durch wild wuchernde Hagebuttensträucher das Meiste der beiden verdeckt wurde und Anna nur einen kurzen Blick auf die Schulter der Frau erhaschen konnte. Dort prangte eine Tätowierung in Form einer Fledermaus. Dunkel und scharfkantig hob sie sich von der blassen Haut ihrer Trägerin ab und gab so ein unverwechselbares Erkennungsmerkmal, denn vermutlich gab es in diesem kleinen Nest eher wenige Menschen, die genau dieselbe Tätowierung hatten. Was hatte sie im Internet gelesen? 400 Einwohner zählte das Dorf, das vorerst ihre neue Heimat sein würde - falls sie sich zum Bleiben entschied, hieß das.

Den besten Eindruck hatte sie nicht. Langsam ließ sie ihren Blick über das schäbige Bahnhofsgebäude gleiten, die ungepflegten, wild wuchernden Sträucher rechts und links. Seufzend griff sie nach ihrem Gepäck, um ihren Weg fortzusetzen. Dabei streifte ihr Blick noch einmal das Pärchen vor ihr und ließ sie auf dem eher schmalbrüstigen Oberkörper des Mannes ein eigenartig geformtes Muttermal über seiner linken Brustwarze entdecken. Es hatte die Form eines kleinen Mondes. Die großen, grobschlächtigen Finger der Frau strichen nun mit ihren spitzen Nägeln über seine Brust, über seine Schulter, um dann mit einem der spitzen Fingernägel ein tiefe lange Schramme auf seinen Oberarm zu ziehen. Ein dünnes Rinnsal Blut lief nun dem Arm des Mannes herunter und hinterließ eine schmale rote Linie. Anna schluckte und starrte wie gebannt auf den Arm des Mannes. Direkt vor ihren Augen schloss sich nun der tiefe Kratzer wie von Geisterhand und verheilte innerhalb weniger Sekunden vollständig als ob es nie eine Verletzung gegeben hätte! Anna unterdrückte einen Aufschrei. Wie war diese Blitzheilung nur möglich? Sie hatte es selbst gesehen! Es war ein tiefer Kratzer aus dem Blut quoll. Angewidert schüttelte sie sich und machte auf dem Absatz kehrt. Hektisch hastete sie mit ihren Gepäckstücken die spärlich beleuchtete Dorfstraße entlang.

Sie kam an etlichen dunklen, abweisenden Häuserfassaden vorbei, bis sie endlich das erleuchtete Haus erreichte. Das musste die Dorfkneipe sein, von der der Schaffner gesprochen hatte. Über ihrem Kopf hing ein altes, dunkelrotes Schild auf dem eine dicke golden schimmernde Sonne prangte. Ein leicht aufkommender Wind ließ es quietschend hin und her schaukeln. Über dem Eingang stand in dicken goldenen Lettern „Zur Sonne“. Eigenartig. Einen solchen Namen für ein Wirtshaus hatte Anna noch nie gehört. Auch sonst sah das Gebäude nicht einladend aus. Die Fensterläden hingen schief in den Angeln. Wortfetzen und Gelächter erklangen aus seinem Inneren zu ihr nach draußen. Mit energischem Schritt erklomm Anna die Treppen und öffnete die Tür.

Schlagartig verstummte jedes Gespräch. Alle blickten sie groß an. Anna, die auf eine solche Reaktion nicht gefasst war, schaute sich schüchtern um, unschlüssig, wie sie sich verhalten sollte. Sie befand sich in einer altmodisch eingerichteten Gaststätte, wie sie es von Fotos aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kannte. An der gegenüber liegenden Seite des Raumes war die Theke hinter der eine junge Frau, die ungefähr in ihrem Alter war, stand. Sie war auch die Erste, die ihre Sprache wiederfand. „Guten Abend“ Sie hatte ein sympathisches, hübsches Gesicht, lange rote Locken, die sie zu einem wilden Dutt zusammengesteckt hatte und leuchtend grüne Augen. Ihr Gesicht war über und über mit Sommersprossen bedeckt. „Kann ich Ihnen helfen?“ Anna wusste nicht genau, was sie sagen sollte. Eigentlich sollte sie ja abgeholt werden. Dummerweise jedoch hatte ihre Tante kein Telefon, sie konnte also niemanden auf der Ritterburg erreichen. Die fragenden Blicke der jungen Frau hinter dem Tresen ignorierend, kramte sie noch einmal aufgeregt den Brief aus ihrer Handtasche. Es war ein eigenartiges Schreiben auf geschöpftem Papier, überzogen von einer altmodischen, verschnörkelten Handschrift, das ihr ihre Tante vor ihrer Abreise hatte zukommen lassen. Nein, wirklich nichts. Nur die Adresse der alten Ritterburg. „Ist alles in Ordnung?“ Die Stimme der jungen Frau hinter dem Tresen klang nun wirklich besorgt. Anna schreckte hoch, zu tief saß ihr noch das gerade im Zug Erlebte in den Knochen. „Ja, sicher. Es ist nur…ich will eigentlich zur alten Ritterburg, zu meiner Tante, Adele von Rittertal. Ich bin eben mit dem Zug angekommen. Jemand sollte mich abholen, doch am Bahnhof war niemand. Vielleicht können Sie mir weiterhelfen?“ So viele Ritterburgen würde es hier ja wohl nicht geben. „Sicher. Wir haben oben ein paar Gästezimmer, Sie können gerne über Nacht bleiben und sich morgen auf den Weg machen.“

Mittlerweile war Anna bis zur Theke gegangen und hatte sich auf einen der Barhocker gesetzt. „Nein, nein, das ist gar nicht nötig. Ich gehe, wenn es sein muss, heute Abend noch zu Fuß dahin. Zuhause habe ich mir das auf einer Karte im Internet angeschaut, so weit ist das ja gar nicht. Leider habe ich sie mir nicht ausgedruckt, weil ich ja davon ausgegangen bin, dass ich abgeholt werde.“ Die Frau blickte Anna erschreckt an. „Das sollten Sie lassen! Nachts allein durch den dunklen Wald…“ - „Aber das ist doch ein kleiner beschaulicher Ort.“ Anna verstand die Frau nicht ganz. Was sollte in so einer abgelegenen Region denn schon passieren? Aber die Frau schaute nur noch erschreckter drein und griff nach einer Tageszeitung, die achtlos neben Anna auf dem Tresen lag. Bevor sie sie jedoch wegziehen konnte, hatte Anna mehr aus Neugierde zugegriffen. „Tote im Wald von Rittertal“ stand dort in Großbuchstaben. Rittertal. Das war doch der Name dieses Dorfes. Fragend blickte sie die junge Frau an. „Das ist doch hier, oder?“ Die junge Frau lächelte gequält. „Ja, das ist hier. Vor ein paar Tagen wurde hier im Tal die Leiche einer jungen Frau aus dem Ort gefunden. Wir alle kannten sie gut, ich bin mit ihr aufgewachsen.“ Anna war geschockt. „Hat man schon eine Spur vom Mörder?“ - „Nein, leider. Sie war übel zugerichtet. Ihre Kehle war ganz zerfetzt. Wer macht nur so was?“

Jetzt mischte sich ein Gast aus dem Schankraum ein. Es war ein Mann mittleren Alters mit beginnender Kopfplatte und leichten Geheimratsecken. „Wer? Wohl eher was! Ein Tier natürlich. Was sonst sollte sofort an die Kehle gehen?“ Die junge Frau sah verärgert und zugleich besorgt aus, sagte aber nichts. Aber der Mann setzte nach, beugte sich zu ihr vor und fragte mit einem süffisanten Lächeln: „Oder glaubst du etwa an Vampire?“ Das letzte Wort hatte er regelrecht geflüstert und brach nun in schallendes Gelächter aus. Seine Kumpanen stimmten mit ein, prosteten sich gegenseitig mit ihren Bierkrügen zu. Bei dem Wort Vampire war die junge Frau regelrecht zusammengezuckt, dabei musste sogar Anna bei der Bemerkung des Mannes über Vampire grinsen. Versöhnlich lächelnd richtete sie sich wieder an die junge Frau hinter dem Tresen. „Vielleicht sagen Sie mir einfach den Weg zur Ritterburg? So spät ist es ja noch nicht. Im Internet wirkte es auch gar nicht so stark bewaldet. Mir passiert bestimmt nichts.“ Die junge Frau setzte gerade zu einer Antwort an, als der Mann von vorhin sie schon unterbrach. „Einfach die Hauptstraße runter. Dann kommen Sie direkt auf den Wald zu. Da bleiben Sie auf dem Weg, der ebenfalls gerade durchführt. Das können Sie gar nicht verfehlen.“ Anna dankte und verließ die Kneipe.

Mit weit ausholenden Schritten marschierte sie los. Schon nach ein paar Minuten war sie aus dem Ort raus und tauchte in den dichten dunklen Wald ein. Es war so dunkel, dass sie bereits nach ein oder zwei Minuten kaum noch ihre Hand vor Augen sehen konnte, geschweige denn den Weg vor ihrer Nase. Blind lief sie weiter und wurde allmählich nervös. Die Geräusche der Nacht taten ihr Übriges. Jedes Knacken oder Rascheln jagte ihr unangenehme Schauer über den Rücken. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, allein durch den Wald Richtung Burg zu laufen? Sie war schon eine gefühlte Stunde unterwegs, als sie dicht neben sich ein tiefes Knurren hörte. Anna blieb wie angewurzelt stehen. Wieder ertönte das Knurren, diesmal ganz dicht hinter ihr. Anna schluckte. Panik stieg in ihr auf und ließ sie ihren Entschluss, allein bei Nacht durch diesen unbekannten Wald zu laufen, bereuen. Langsam drehte sie sich um. Ein paar leuchtend blaue Augen starrten sie an. Riesige Reißzähne ragten aus einem muskulösen starken Kiefer. Das tiefe Knurren ertönte wieder. Es war der Wolf, der Wolf aus dem Zug!

Es war ein ungewöhnlich großes Tier, dessen gefährlich blitzende Augen wachsam auf Anna ruhten. Lauernd und mit gefletschten Zähnen begann der Wolf nun sie zu umkreisen. Anna war wie gelähmt, zu keiner Regung fähig. Angsterfüllt starrte sie auf diesen massiven Körper, dessen Muskeln sich nun anspannten. Ein Frösteln erfasste ihren Körper - trotz der milden Temperaturen des ungewöhnlich warmen Oktoberanfangs. Ihr wurde immer kälter, sie begann mit den Zähnen zu klappern. Nebelschwaden zogen auf, bald so viele, dass ihre Umgebung kaum noch wahrnehmbar war. Anna verharrte in Angst, darauf gefasst, dass der unheimliche Wolf jeden Moment zum Sprung ansetzen und ihre Kehle zerfetzen würde. Die junge Frau fiel ihr ein, die man ganz hier in der Nähe tot im Wald gefunden hatte. Wie hatte der Mann gesagt, es sei nur ein Tier gewesen? Nur ein Tier? Aber ein verdammt Tödliches, wenn man ihm so ausgeliefert war wie Anna jetzt. Aber das Erstaunliche geschah. Der Wolf zog sich zurück. In einer unterwürfigen Haltung wich er wimmernd vor den immer dichter werdenden Nebelschwaden zurück und war mit vier, fünf Sätzen ganz in der Dunkelheit des Waldes verschwunden.

Anna blieb schweißüberströmt und zugleich zitternd zurück. Unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, stand sie allein auf dem dunklen einsamen Waldweg, als eine Berührung an der Schulter sie aufschreien und herumfahren ließ. Vor ihr stand ein junger Mann. Groß und breitschultrig hatte er sich hinter ihr aufgebaut, seine smaragdgrünen Augen schauten sie mit einem undefinierbaren Blick an. Angsterfüllt betrachtete Anna ihn. Er hatte markante Gesichtszüge, dunkelblonde Locken, die ihm locker auf die Schultern fielen. „Sie sollten nicht allein im Wald umher laufen.“ In seiner Stimme klang ein leichter Tadel mit. „Die Nacht ist bereits hereingebrochen.“ Annas Kehle war wie zugeschnürt. Sie musste mehrmals schlucken, bevor sie in der Lage war, zu antworten. „Was war das?“ Sie hörte wie ihre Stimme zitterte. „Ein Wolf. Wie ich schon sagte, Sie sollten nicht mehr um diese Zeit im Wald unterwegs sein.“ - „Aber ich wollte doch nur meine Tante besuchen, die auf der Ritterburg lebt. Eigentlich wollte sie mich abholen lassen, aber es ist niemand gekommen.“

Der junge Mann zog kritisch eine Augenbraue hoch. „Und da sind Sie nicht auf die Idee gekommen, sich ein Zimmer für die Nacht zu nehmen? Eigentlich müssten Sie am Gasthaus vorbei gekommen sein, als Sie in den Wald gingen. Es befindet sich direkt an der Hauptstraße.“ Fragend schaute er Anna an. Unter seinem leicht belustigten, leicht tadelnden Blick begann diese, sich allmählich unwohl zu fühlen. Dem entsprechend genervt rollte Anna die Augen, bevor sie antwortete. „Ich habe nicht gedacht, dass mir etwas passieren könnte. Ich wusste doch nicht, dass hier wirklich so ein gefährliches Tier herumläuft, das vielleicht auch die junge Frau getötet hat, die man vor einigen Tagen gefunden hat…“ Amüsiert betrachtete der junge Mann sie. „Ach, Sie haben also von der Toten gehört und die Gefahr einfach nicht ernst genommen?“ Anna spürte wie sie rot anlief. „Vielleicht nehmen Sie die Gefahr jetzt ernst genug und lassen sich von mir sicher zur Burg Rittertal geleiten?“ Mit einem schelmischen Grinsen bot er ihr seinen Arm an. Die Art wie er das sagte ließ keinen Widerspruch zu. Seine Stimme hatte etwas Zwingendes. Ohne dass sie sich groß wehren konnte, fügte Anna sich. Eingehakt ließ sie sich von ihm zur Ritterburg ihrer Tante bringen.

3. Das neue Zuhause

Sie wusste nicht, wie lange sie an der Seite dieses wildfremden Mannes durch den tiefen dunklen Wald gelaufen war, als sie vor sich die Umrisse einer Mauer wahrnahm. Nach einigen weiteren Schritten lichtete sich der Wald und gab den Blick frei auf eine große Mauer und einen Burggraben. „Das ist die Ritterburg Ihrer Tante, von der Ihnen ja nun die Hälfte gehört, wie Sie mir eben so vertrauensselig erzählt haben.“ Anna zog überrascht die Augenbrauen hoch. Sie sollte diesem Mann von ihrem Erbe nach dem Tod ihrer Mutter erzählt haben? Eigenartig, das wusste sie gar nicht mehr… Überhaupt hatte sie keine Erinnerung an ihren Weg durch den Wald mit diesem jungen fremden Mann. Wie war das nur möglich? Überhaupt! Wieso sollte sie diesem Fremden etwas so Privates erzählt haben, etwas, das sie sonst nur ihrer engsten Freundin in Berlin anvertraut hatte? Verstört blickte sie ihren Begleiter an. Er war nicht nur gutaussehend, sondern hatte auch eine äußerst anziehende Ausstrahlung. Anna hatte das Gefühl, sich gar nicht satt sehen zu können. Je länger sie in die Augen dieses Unbekannten sah, desto mehr schien sie sich darin zu verlieren.

Leo von Schwarzenmoor hatte die junge Frau zur Ritterburg gebracht. Nun standen sie sich dicht gegenüber und waren sich näher als für einen normalen Abschied nötig war. Eigentlich sollte er sich jetzt zurückziehen, sich höflich verabschieden und seiner Wege gehen. Aber irgendetwas faszinierte ihn an dieser jungen Frau. Waren es die großen braunen Augen oder die welligen langen Haare? Sie hatte etwas an sich, das ihn magisch anzog. Vielleicht sollte er… Normalerweise nutzte er seine Fähigkeiten nicht für derlei Spiele, aber dieses Mal könnte er ja eine Ausnahme machen. Er konzentrierte sich auf sie, ließ ihren Geist und ihr Bewusstsein zu Wachs in seinen Händen werden. Ihr Blick wurde abwesend, jetzt, jetzt würde sie sich an nichts mehr erinnern. Langsam und voller Vorfreude ließ er seine Lippen auf ihre sinken. Er küsste sie lange und intensiv, als plötzlich ein lautes und bedrohliches Heulen ertönte. Erschreckt fuhr er hoch. Wie hatte er nur so naiv sein können? Der Wolf vorhin im Wald war zu groß, zu kräftig für einen normalen Wolf. Auch waren seine Augen zu wissend, zu verstehend! Nein, das war kein normaler Wolf! Wieso war er nicht eher darauf gekommen? Erst vor wenigen Tagen war die junge Frau aus dem Dorf tot im Wald gefunden worden. Er musste sich um diesen vermeintlichen Wolf kümmern, vielleicht seine Fährte aufnehmen und mehr über ihn herausfinden… Aber zuerst musste er Anna in Sicherheit bringen. Ruckartig griff er sie bei den Schultern, drehte sie herum und führte sie mit schnellen Schritten Richtung Ritterburg, über die Hängebrücke und durch das Tor.

Fast taghelles Licht empfing Anna und Leo als sie in den Hof traten. Noch vor dem Burggraben hatten sie hektische Stimmen vernehmen können. Alles schien in heller Aufregung zu sein, sämtliche Laternen im Hofinneren waren erleuchtet. „Leo! Dass du da bist!“ Eine große hagere Frau stürmte auf den jungen Mann zu und umarmte ihn überschwänglich. Leo war also sein Name. Wenigstens wusste Anna nun seinen Vornamen. Nachdem sie ihm offenbar ganz leutselig weiß Gott was von sich erzählt hatte. Nach dieser überschwänglichen Begrüßung wandte sich die Frau Anna zu. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte sie Anna von Kopf bis Fuß. „Und Sie sind?“ Noch bevor Anna antworten konnte, drehte sie sich wieder zu Leo um. „Du kennst die Regeln!“ Einen letzten vernichtenden Blick auf Anna werfend wandte sie sich zum Gehen. Anna blickte ihr nach, sah wie sie sich galant wie eine Katze davon machte. Ihre langen schwarzen Locken wehten leicht im Wind hin und her.

„Wer war das?“ Leo lachte leise. „Das war meine kleine Schwester. Aber keine Sorge, sie meint es nicht so.“ - „Das hörte sich für mich aber ganz anders an! Was hat sie gemeint, als sie sagte „Du kennst die Regeln!“?“ Anna, die sich immer noch bei Leo untergehakt hatte, spürte wie sich bei dieser Frage dessen ganzer Körper anspannte. Fragend schaute sie ihren Begleiter an. Der wich ihrem Blick aus und deutete stattdessen mit einem Kopfnicken auf einen dunkel gekleideten Mann, der geschäftig im Hofinneren umher flitzte. „Ach nichts! Aber kommen Sie! Ich möchte Ihnen jemanden vorstellen.“ Ehe sie sich versah, fühlte Anna sich mitgezogen. „Johann! Johann warte mal!“

Ein Stück weit entfernt blieb der Mann fortgeschrittenen Alters stehen und drehte sich suchend um. Er war von großer kräftiger Statur, hatte schütteres dunkles Haar und stechende dunkle, fast schwarze Augen, die nun auf Anna ruhten und bis in ihre Seele vorzudringen schienen. Jedenfalls kam es ihr so vor, als der Mann mit schnellen Schritten auf sie zukam. Er hatte grobe Gesichtszüge und war weder besonders hübsch noch direkt hässlich. Mit kritisch zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete er nun abwechselnd Anna und Leo, eine altertümliche Öllampe hielt er dabei in die Höhe. „Johann? Darf ich dir die neue Miteigentümerin von Burg Rittertal vorstellen? Das ist Anna. Anna Wolfstöter.“ Bei diesen Worten fuhr sie regelrecht zusammen. Er wusste ja auch ihren Nachnamen! Wo war sie nur mit ihren Gedanken gewesen, als sie mit diesem jungen, wildfremden Mann so einfach im Wald umher gelaufen war? Noch immer hatte sie keinerlei Erinnerung an diese Zeit. Wie lange waren sie zusammen unterwegs gewesen? Eine halbe Stunde? Zwanzig Minuten? Sie wusste rein gar nichts mehr. Es war als ob sie einen Filmriss hatte.

Die Stimme des Mannes, der offenbar Johann hieß, riss sie aus ihren Gedanken. „So, so. Ihnen gehört also zur Hälfte Burg Rittertal. Wenn Sie Glück oder Pech haben, wie man es nimmt, werden Sie vielleicht bald alleinige Eigentümerin sein. Die Kutsche Ihrer Tante ist ohne sie zurückgekommen. Das Pferd schien um sein Leben gerannt zu sein, es war völlig außer sich, als es hier im Hof ankam. Ihre Tante war aufgebrochen, um Sie vom Bahnhof abzuholen. Ich vermute, sie ist dort nie angekommen.“ Anna schüttelte den Kopf. Deshalb war also niemand am Bahnhof um sie abzuholen. Ihrer Tante musste unterwegs irgendetwas zugestoßen sein. Das war eigenartig. Sofort kamen ihr Erinnerungen an den Brief ihrer Mutter in den Sinn und dem düsteren Familiengeheimnis, von dem darin berichtet wurde.

„Weiß man schon Näheres?“ - „Nein, aber ich habe bereits die Polizei verständigt. Sie werden morgen früh jemanden vorbeischicken, der sich der Sache annimmt. Wir sollen die Kutsche möglichst so lassen und nichts verändern. Wegen der Beweise und Hinweisspuren und so. Nur das Pferd durften wir versorgen. Ich bin übrigens Johann. Johann Seidler. Aber sagen Sie ruhig Johann zu mir. Das machen hier alle. Bei all dem Trubel wurden nur Sie mir vorgestellt, aber ich nicht Ihnen. Wir wollen doch unsere guten Manieren nicht vergessen, nicht wahr Leo?“ Mit einem schrägen Grinsen reichte er Anna seine grobe, ausgearbeitete Hand und schüttelte sie kräftig. Leo legte er dabei lässig die andere Hand auf die Schulter. Offenbar waren hier alle sehr vertraut miteinander. „Ich werde Alma zu Ihnen schicken. Das ist sozusagen die gute Seele dieses Hauses. Hausdame oder Haushälterin heißt das wohl offiziell. Sie wird Ihnen ein Zimmer für die Nacht zuweisen. Vielleicht wollen Sie auch noch etwas essen. Es war eigentlich alles vorbereitet. Ihre Tante hatte ein wunderbares Willkommensessen für Sie zubereiten lassen. Uns anderen hat es nun jedoch gründlich den Appetit verschlagen. Aber vielleicht sind Sie ja noch hungrig von der Reise. Alma wird sich auch darum kümmern.“

Er wandte sich bereits zum Gehen, als Anna irritiert aufsah. „Welche Anderen?“ - „Oh, zusammen mit Ihrer Tante leben hier noch zwei Hausmädchen, zwei Knechte, ein Lehrmädchen, natürlich Alma, die Haushälterin und meine Wenigkeit. Ich bin hier übrigens der Burgverwalter. Die Knechte gehen mir zur Hand, während sich die beiden Hausmädchen zusammen mit Alma um den Haushalt und die Hotelgäste kümmern. Das Lehrmädchen hilft Ihrer Tante in ihrem Antiquitätenhandel. Wir alle bewohnen den Westflügel, den kleinsten Teil des Anwesens. Der Südflügel steht leer, im Nordflügel befindet sich das Antiquitätengeschäft Ihrer Tante sowie ein Hotel, das die Gäste beherbergt, die zum Besuch des Antikmarkts von weit her anreisen. Der Antikmarkt ist übrigens einer der bedeutendsten weltweit und findet von Oktober bis Mai im Nordflügel statt. Im Ostflügels überwintert alljährlich eine alte Händlerdynastie. Einen ihrer Sprösslinge haben Sie ja schon kennengelernt“ , sagte er, deutete mit einem Kopfnicken auf Leo und ging eiligen Schrittes davon.

Fragend drehte sich Anna zu Leo um. „Recht kurz angebunden. Ist er immer so?“ Doch Leo zuckte nur mit den Schultern. „Normalerweise ist er ein netter Kerl, aber das mit Ihrer Tante hat zwar uns alle, ihn jedoch besonders geschockt. Jeder kennt sie und überall wird sie sehr geschätzt. Wir sind alle sehr besorgt, deshalb war ich auch im Wald. Ich wollte sie suchen, längst hätte sie zurück sein müssen. Und bei meiner Suche bin ich dann auf Sie gestoßen.“ Leo betrachtete Anna mit einem schiefen Lächeln. Das erklärte natürlich einiges. Deshalb war er im Wald unterwegs. Aber wieso war der Wolf vor ihm davongelaufen?

Gerade als sie ihm eine entsprechende Frage stellen wollte, hörte sie von weitem jemanden rufen. Aus dem Hausinneren kam eine rundliche ältere Dame auf sie zu. Sie hatte ein freundliches Gesicht, graue Haare, die sie zu einem Dutt zusammengesteckt hatte, und trug eine Nickelbrille. „Willkommen auf Burg Rittertal! Anna Wolfstöter? Endlich sind Sie da. Johann hat mir Bescheid gegeben. Kommen Sie ins Haus, hier draußen holen Sie sich bei dieser Jahreszeit ja noch den Tod.“ Mit einer wilden Handbewegung deutete sie Anna, ihr zu folgen und lief selbst flink voran. Doch plötzlich blieb sie stehen und drehte sich mit einem spitzbübischen Lächeln zu Anna um. „Aber wollen wir nicht die Förmlichkeiten beiseite lassen und lieber beim Vornamen bleiben? Das ist hier so üblich. Alle Bewohner der Ritterburg, auch die Mitglieder der Händlerfamilie, haben es nicht so mit Förmlichkeiten. Ich bin Alma, die gute Seele des Hauses.“ - „Das ist eine gute Idee“, mischte sich Leo ein. Anna grinste und ehe sie sich versah, fühlte sie sich schon von Alma Richtung Burg geschoben. Sie kam gar nicht mehr dazu, Leo für die Rettung im Wald zu danken oder sich überhaupt von ihm zu verabschieden. Dieser zuckte nur hilflos mit den Schultern, als sie ihm einen letzten Blick zuwarf, bevor sie endgültig im Haus verschwand.

Nachdem Anna trotz der späten Stunde in der Küche von der guten Seele des Hauses noch mit etwas Essbarem versorgt worden war, hatte sie sich sehr rasch verabschiedet und sich ihr Zimmer zeigen lassen. Sie war hundemüde. Sie schaffte es kaum noch, eine Katzenwäsche am vorsintflutlichen Waschtisch zu erledigen und sich ihr Nachtzeug anzuziehen, als sie auch schon völlig erschöpft ins Bett fiel. Kaum berührte ihr Kopf das Kissen, war sie auch schon eingeschlafen. Was sie nicht wusste war, dass Leo sie beobachtet hatte. Dieser hatte es sich auf dem Fenstersims bequem gemacht und sie durch die nicht ganz zugezogenen Vorhänge beobachtet. Annas Zimmer befand sich im vierten Stock des Westflügels in einem der Türme. Als Mensch wäre es ihm nicht möglich gewesen, ihre Fensterbank in dieser Höhe zu erreichen. Er beobachtete, wie Anna sich langsam und erschöpft entkleidete. Obwohl er es ungern zugab, hatte sie Gefühle in ihm entfacht, die er in dieser Intensität selten in seinem nun mittlerweile fast 665 Jahre andauernden Leben empfunden hatte.

4. Anna unter Verdacht

Ein lauter Tumult riss Anna aus ihren tiefsten Träumen. Nur mühsam öffnete sie die Augen und sah sich verwirrt um. Einige Minuten vergingen, bis sie wieder wusste wo sie war. Gestern Abend war sie mit dem Spätzug aus Berlin angereist, um das Erbe ihrer verstorbenen Mutter anzutreten. Verschlafen blickte sie auf ihre Armbanduhr. Zwölf Uhr Mittags. Sie hatte mehr als elf Stunden geschlafen! Schlagartig war sie hellwach. Die Stimmen im Erdgeschoss wurden immer lauter und wütender. Sie erkannte Alma, die Hausdame, als eine der Lautesten. Aber da waren auch noch zwei weitere Männliche, die sie nicht eindeutig zuordnen konnte.

Anna lauschte angestrengt. Was war da los? Als sie ganz eindeutig ihren Namen hörte, richtete sie sich nur kurz her und begab sich nach einer Katzenwäsche ins Erdgeschoss. Gerade als sie die große Wendeltreppe hinunter schritt, verstummte der Streit. Alle Augenpaare waren auf Anna gerichtet. Neben der Haushälterin befanden sich noch zwei Männer, die nun überrascht zu ihr aufblickten, als sie das Wort an sie richtete. „Ich bin von lauten Stimmen geweckt worden und wollte nur nach dem Rechten sehen. Aber lassen Sie sich nicht stören. Sprechen Sie ruhig weiter.“ Anna hasste es, sich so auf dem Präsentierteller zu befinden. Bevor die Beiden irgendetwas sagen konnten, reckte sie ihr Kinn und schaute sie aufmerksam an.

Als sie am Treppenabsatz ankam, blieb sie nur wenige Zentimeter direkt vor ihnen stehen und schaute ihnen direkt in die Augen. Wer auch immer die beiden waren, sie würde sich nicht unterkriegen lassen. Die Berührung durch Almas Hand ließ Anna aufblicken. Die Haushälterin räusperte sich, bevor sie sich mit leiser, ruhiger Stimme äußerte. „Anna, die Herren sind von der Polizei. Sie sind wegen deiner verschwundenen Tante hier und würden dir und natürlich auch uns gern ein paar Fragen stellen.“ Mit ihren kurzen runden Armen deutete sie umständlich auf eine mit reichlich Schnitzereien verzierte Holztür auf Annas linker Seite. „Der Salon ist den ganzen Tag über geheizt. Lassen Sie uns doch dort weiter sprechen. Anna, geh nur schon mit den Herren hinein, ich komme später nach.“ Flink drehte sie sich um und tippelte auf ihren ebenfalls kurzen dicken Beinen davon.

Anna fühlte sich denkbar unwohl, als sie mit den beiden Polizisten zusammen im Salon saß. Sie selbst hatte bis auf die Eingangshalle, die Küche und den Weg zu ihrem Zimmer noch nichts von dem Anwesen gesehen. Staunend sah sie sich um. Wie ihr Zimmer und die Eingangshalle war auch der Salon über und über mit Antiquitäten vollgestopft. Alte Sofas, Schränke, Vitrinen, Skulpturen, Gemälde und Teppiche aus unterschiedlichen Epochen befanden sich in einem wilden Sammelsurium im ganzen Raum verteilt. Ein Hüsteln riss sie aus ihren Gedanken.

Der Ältere der beiden Polizisten hatte sich vorgebeugt und sich umständlich geräuspert. Nun stützte er seine Ellenbogen auf seine Knie und betrachtete sie wortlos von oben bis unten, bevor er zu sprechen begann. „Mein Name ist Baier und das ist meine Kollege Rotbart.“ Als Anna seinem Fingerzeig folgte und seinen Kollegen sah, musste sie unwillkürlich grinsen, denn der Polizist mit dem Namen Rotbart verfügte tatsächlich auch über den dazu passenden roten Spitzbart. Amüsiert ließ sie ihren Blick über dessen Gesicht gleiten. Sein Kollege räusperte sich erneut. „Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Wann haben Sie Ihre Tante zum letzten Mal gesehen?“ - „Noch nie. Ich hätte sie gestern Abend das erste Mal in meinem Leben kennen lernen sollen.“