Die böse Seite des Glücks - Thomas Holberg - E-Book

Die böse Seite des Glücks E-Book

Thomas Holberg

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Beschreibung

1989 verändern Glasnost und Perestroika die politische Lage in den ehemaligen Ostblock-Staaten. Eine deutsche Behörde entsendet für die Realisierung eines Programms 35 Lehrer nach Bulgarien. Aufgrund dort herrschender Mafia-Clans und horrender Korruption in der Politik wird die Unternehmung zum Himmelfahrtskommando. Verbrechen jeder Art und Ausbeutung der Bevölkerung eskalieren so sehr, dass jeder um sein Leben fürchtet. Zudem schockiert es, wie stark mafiöse Politiker der USA und Russlands sowie kriminell handelnde Banken beim erlebten Fiasko eine Rolle spielen. Was in Bulgarien passierte und zur Rebellion führte, ereignet sich immer mehr auf der ganz großen Bühne. Philosophen, Psychologen und Wissenschaftler befürchten eine ausufernde Gier nach Reichtum und Macht, die nicht nur Staaten instabil werden lässt, sondern auch die Welt ins Wanken bringt.

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Seitenzahl: 461

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Thomas Holberg

Die böse Seite des Glücks

Ein Tatsachenroman

© 2017 Thomas Holberg

Umschlag, Illustration: dito

Lektorat: tredition

Verlag und Druck: tredition GmbH, Grindelallee 188, 20144 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7439-4943-0

Hardcover:

978-3-7439-4944-7

e-Book:

978-3-7439-4945-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die böse Seite des Glücks

ist ein Tatsachenroman.

Alle geschilderten Ereignisse haben wie dargestellt oder so ähnlich stattgefunden. Lediglich die Konversationen sind relativ frei geschrieben worden.

Aus dem Interesse an Wahrheiten

Thomas Holberg

DIE BÖSE SEITE DES GLÜCKS

oder:

Siegeszug des Surrealismus

Frei nach Max Ernst, der eines seiner Gemälde „Triumph des Surrealismus“ nannte.

Es zeigt ein wütendes Monster, das alles, was ihm in den Weg kommt, gewissenlos vernichtet.

Surrealismus

Als Student besuchte ich erstmals eine Ausstellung mit Exponaten von Salvador Dali, Max Ernst und anderen Surrealisten. Deren Gemälde oder Plastiken wirkten verstörend und zugleich faszinierend, sodass mich diese Kunstrichtung in den Bann zog. Die Werke der Künstler stellen grundsätzlich Träume dar und zeigen auf, was Menschen im Innersten bewegt, wonach sie verlangen.

Während des Träumens fallen moralische Schranken, sodass dann Sex-, Gewalt- und Machtfantasien freien Lauf nehmen, oft bizarr und absurd. André Breton, der Begründer des Surrealismus, prognostizierte 1924 den zunehmenden Durchbruch aller Leidenschaften in der Realität, die stärker sind als Logik und Vernunft. Mittlerweile ist Erotik ein wesentlicher Bestandteil in der Werbung und in den meisten Medien, bis hin zur totalen Freizügigkeit. Da ungezähmte beziehungsweise tabulose Lust keinem schadet, wird sie weitgehend akzeptiert, von Erzkatholiken und Staaten mit religiös geprägten Regimen mal abgesehen. Anders verhält es sich bei aus-ufernden Untaten von Verbrecher-Clans, mafiösen Konzernen, korrupten Banken und Terrorstaaten. Die Beschäftigung mit dieser Thematik lässt Schlimmes befürchten. Welche dunklen Träume Herrschsüchtige bereits jetzt schon wahr machen, ist schockierend. Es scheint sich ein Wahnsinn auszubreiten, der sich kaum stoppen lässt.

„Der Traum ist der königliche Weg zu unserer Seele.“

Sigmund Freud

„Erotik ist der Sturm der Leidenschaften aus den Träumen in den Körper …“

Elmar Kupke

„Geld allein macht nicht glücklich.

Es gehören auch noch Aktien, Gold und Grundstücke dazu.“

Danny Kaye

„Willkürlich handeln ist des Reichen Glück.“

Johann Wolfgang von Goethe

„Alles Geschehen... ist reduzierbar auf die Absicht der Mehrung von Macht.“

Friedrich Nietzsche

„Machtgelüste sind die entsetzlichsten aller Leidenschaften.“

Publius Cornelius Tacitus

„Macht ist besiegbar - durch Übermacht.“

Erhard Horst Bellermann

„Einer Religion ist der Traum wichtiger als die Wirklichkeit.“

Elmar Kupke

„Gigantismus ist der Traum des Zwerges Mensch.“

Klaus Ender

„Die Geschichte der Menschheit macht zuweilen den Eindruck auf mich, als ob sie der Traum eines Raubtiers wäre.“

Christian Friedrich Hebbel

Der Mazda 626 drohte unter seiner Last zusammenzubrechen, durfte aber nicht. PC, Bücher, Aktenordner, Kleidung und viel Kleinkram für meinen Umzug in eine neue Welt drückten seit 200 km das Heck enorm zu Boden, sodass es beim Überfahren von Bodenwellen leicht auf den Asphalt knallte. Die weiteren 2.300 km dürften irgendwann problematisch werden, doch wieder umzukehren, schied als Option aus. Ich hatte Essen am 24. August 1994 für einen Dienst in Bulgarien unabänderlich verlassen, trotz beunruhigender Meldungen. Zwar war es laut Reiseführern ein schönes Land mit sehr gastfreundlichen Bürgern und einer faszinierenden Natur, doch Reportagen im Fernsehen und etliche Artikel verschiedener Printmedien berichteten über dort agierende Mafiagruppen, korrupte Politiker und beträchtliche Armut infolge von „Glasnost“. Grundsätzlich strahlte das russische Wort positive Werte aus, nämlich Offenheit in der Politik, Transparenz und generelle Informationsfreiheit. 1985 kritisierte Michail Gorbatschow, damals Generalsekretär der KPdSU, dass der sozialistische Staat die Wirtschaft ruiniere und eine Reformpolitik nötig sei. Um sie einzuleiten, mobilisierte er seine Gefolgschaft dafür, dass öffentlich über die marode Wirtschaft diskutiert werden konnte. Der Standpunkt für den notwendigen Umbau des politischen und wirtschaftlichen Systems nahm tatsächlich zu und 1987 schaffte es „Gorbi“, die als Perestroika bekannt gewordene Reformpolitik einzuführen. Um den Menschen langfristig mehr Wohlstand zu verschaffen, sollte nebender Rückkehr zur Marktwirtschaft die Entspannungspolitik fortgesetzt und das Wettrüsten mit den USA beendet werden. Tatsächlich vereinbarten bald beide Supermächte konkrete Abrüstungsschritte, das Konfliktpotenzial zwischen Ost und West ebbte ab. Die Demokratisierung der UDSSR bedeutete 1990 das Ende der Einheitsparteiherrschaft. Infolge der zerbröselnden Breschnew-Doktrin gab die Regierung das Interventionsrecht in den OstblockStaaten auf, womit alle ehemals mit ihr verbündeten Länder eine eigene Staatsideologie wählen konnten. Es begann die Zeit der „Wende“. In Polen führten Streiks zu Gesprächen zwischen der Gewerkschaft Solidarnosc (Solidarität) und der kommunistischen Regierung. Neue Parteien traten auf, von denen bei den Parlamentswahlen am 4. Juni 1989 das Bürgerkomitee mit Lech Walesa siegreich hervorging. Die Ungarn schafften Vergleichbares. In der Deutschen Demokratischen Republik verweigerten Politiker die Umgestaltungspolitik. Aus Unmut flohen im Sommer 1989 zunehmend DDR-Bürger über Ungarn nach Österreich. Die Daheimgebliebenen forderten bei Demonstrationen mit ihrem Ausruf „Wir sind das Volk“ eine Demokratisierung auch in ihrem Staat. Dem stand die SED letzten Endes machtlos gegenüber, da zur Bekämpfung der Protestler die Streitkräfte des Warschauer Paktes ausgefallen waren. Nach der Absetzung Honeckers stürmten viele DDR-Bürger spontan die Berliner Grenzübergänge, womit sie die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland zu Fall brachten. Während die politi-sche Revolution in der Tschechoslowakei ebenfalls unblutig verlief, hatte in Rumänien der Geheimdienst Securitate eingegriffen und den Diktator Ceausescu und seine Frau standrechtlich erschossen.

Doch welche Entwicklung vollzog sich in Bulgarien? Bis zur Wendezeit herrschte hier ein Despot namens Todor Schiwkow. Seine Loyalität gegenüber dem damaligen Sowjet-Regime beschrieb Schriftsteller Markow wie folgt: „...er dient der UdSSR mit mehr Inbrunst als die sowjetischen Führer selbst“. Regimekritiker standen auf der Todesliste. Obwohl Markow seit 1969 zu seinem Schutz in Westeuropa lebte, spürten ihn Agenten des bulgarischen Geheimdienstes am 7. September 1978 in London auf und eliminierten den für Menschenrechte kämpfenden Mann mit einer perfiden Methode. Sie stachen ihn mit einer präparierten Regenschirmspitze ins Bein, woraufhin Rizin in den Blutkreislauf eindrang. Das toxische Enzym aus den Samen des Rizinusstrauchs unterbricht die Eiweißsynthese aller Körperzellen und lässt sie dadurch sterben. Krämpfe, blutige Koliken, Fieber und Nierenversagen leiteten den Tod durch Atem- und Herzlähmung ein. Als sich die politische Wende in der UDSSR und im Ostblock abzeichnete, bildeten sich ab 1988 oppositionelle Gruppen. Schiwkow leistete üble Gegenwehr. Eine Miliz löste ganze Universitätsinstitute auf, verhaftete friedliche Rebellen, vernichtete deren Archive und attackierte Demonstranten mit roher Gewalt. Doch Reformer innerhalb der BKP (Bulgarische Kommunistische Partei) versuchten dann ihre Version von Glasnost und Perestroika einzuführen. Eine Fraktion innerhalb des Politbüros erzwang schließlich am 10. 11.1989 Schiwkows Rücktritt. Zwei Jahre später wurde er wegen Plünderung der Staatskassen und Korruption verurteilt. Weggesperrt kämpfte der Unmensch bald danach gegen eine Armee von Bakterien in seiner Lunge und verstarb. Ein Witz über sein Ableben dokumentierte, welche Wertschätzung ihm durch die Bevölkerung blieb:

Die BKP schickt dem Staatoberhaupt der „Russischen Föderation“ (Folgestaat der UDSSR) ein Telegramm:

„Todor Schiwkow ist verstorben. Sorgt bitte für das Begräbnis des Mannes, der euch wie ein Bruder zur Seite stand.“

Moskau:

"Wir haben uns vom ehemaligen Genossen losgesagt. Setzt euren Staatschef selber bei.“

Es kommt zum Disput, in den sich schließlich die israelische Regierung einmischt:

"Während des Faschismus hat das bulgarische Volk seine Juden gerettet. Aus Dankbarkeit übernimmt der israelische Staat die Beisetzung!“

Die BKP erwidert entsetzt:

"Auf keinen Fall! Ihr habt Jesus Christus beerdigt, und der ist aus dem Grab wiederauferstanden!“

Mit der neuen Regierung setzte sich der wirtschaftliche Absturz jedoch fort, da Unfähigkeit und Korruption den Staatsapparat dirigierten, Banken überwiegend ziemlich pleite waren und Mafiaorganisationen in allen möglichen Verwaltungen ihr Unwesen treiben konnten. Die BSP (Bulgarische Sozialistische Partei), ehemals BKP, bewies ihre Unfähigkeit in der Wirtschaftspolitik unter anderem damit, dass sie für viele Waren, die zwischenzeitlich je nach Angebot und Nachfrage unterschiedlich teuer sein durften, wieder feste Preise einführte.

Friedrich August von Hayek, Ökonom und Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, sagte diesbezüglich den Untergang des Ostblocks voraus: Die freie Preisbildung bahne Wege, um Informationen über Wünsche, Bedürfnisse und Prioritäten auszutauschen. Dadurch entstehe spontan eine Ordnung, die jeder Planung überlegen sei. Interventionen des Staates lähme die Wirtschaft drastisch und führe am Ende zum Debakel. Bulgarien hatte nach dem Zerfall des Ostblocks seinen ehemaligen Bruderstaat UDSSR verloren, der früher wirtschaftliche Hilfe leistete. Die BSP ging zwar nach dem Sturz des Diktators aus frei wählbaren Parteien hervor, stellte aber die alten Strategen aus dem sozialistischen Lager auf und mit ihrem Kurs steuerte das Land unverkennbar auf ein Fiasko zu. Verzweiflung durch Armut und Angst vor Verbrechen kennzeichneten mehr und mehr das gesellschaftliche Leben.

Mich zermürbte es, nach meiner Lehrerausbildung keine Perspektive zu haben. Die Wiedervereinigung mit der wirtschaftlich kollabierten DDR war astronomisch teuer und tilgte quasi sämtliche Gelder für neu zu beschäftigende Pädagogen im Schuldienst. Um nicht arbeitslos zu bleiben, erwog ich auszureisen. Die reformierten Oststaaten suchten politisch und wirtschaftlich Beziehungen zum Westen, was auch für Deutschland größere Absatzmärkte versprach. Folglich sandte ein Kölner Amt verstärkt Lehrer ins Ausland, um bei künftigen Partnern die deutsche Sprache zu fördern. Das mir offerierte Angebot lautete: Einsatz als Bundesprogrammlehrer am Lowetscher Sprachengymnasium in Nordbulgarien. Alternativen wollte man wegen komplexer Arbeitsverfahren nicht geben. Im Vertrauen auf angekündigte Hilfen und gute Vorbereitungen verpflichtete ich mich schließlich trotz der heiklen Lage in diesem Balkanland und trotz meiner privaten Situation für mehrere Jahre.

Leider bedeutete dies auch den Abschied von Nadine. Lange Zeit konnte ich mir das nicht vorstellen, da uns eine wunderbare Fügung des Schicksals zusammengeführt hatte. Ihre und meine Mutter wuchsen nach dem verlorenen „Zweiten Weltkrieg“ in der Ex-DDR heran und waren schon früh beste Freundinnen. Relativ schnell beeinträchtigten Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, Zu-rückdrängung des privaten Handwerks und Versorgungsschwierigkeiten die normalen Arbeits- und Lebensbedingungen. Konsterniert türmten immermehr Menschen. Ab 1952 schotteten Sperrzonen, Schutzstreifen, Zäune, Bewachungseinrichtungen und Alarmvorrichtungen das Staatsgebiet ab. Lediglich die Sektorengrenze zwischen West- und Ostberlin konnte anfangs kaum kontrolliert werden und wirkte wie ein Schlupfloch. Hierdurch flohen zwischen 1949 und 1961 etwa 2,6 Millionen Menschen in die BRD. 1956 nutzte meine Mutter einen günstigen Moment für die Flucht in das Land der Freiheit. Um das DDR-Volk vor dem Ausbluten zu bewahren, bauten die Machthaber 1961 in Berlin eine Mauer. Das SED-Regime nannte dieses Bollwerk im Anfall von Schizophrenie, eine Psychose mit Realitätsverlust, „antifaschistischer Schutzwall“. Eigentlich gelten nur solche Staaten als faschistisch, wenn in ihnen eine einzige Partei als Diktatur höchst aggressiv Nationalismus betreibt und antidemokratische beziehungsweise totalitäre Ziele verfolgt. Westdeutschland fiel nun wahrlich nicht mehr in dieses Raster. Die DDR-Führung sah aber bereits gemäß der Marxistischen Theorie Herrschaftsformen des Kapitals als Faschismus an. Und die Mauer sollte nun vor gefährlicher Infiltration schützen, dabei sehnte sich kein einziger Westler nach einer Umsiedlung ins große Staatsgefängnis. Verwandte und Freunde wollten sie natürlich trotzdem besuchen, wofür der DDR-Staatsapparat reichlich Devisen verlangte und damit die prekäre Staatskasse aufbesserte. Meine Eltern fuhren mit mir regelmäßig zur befreundeten Familie nach Dresden. So lernte ich Nadine kennen. Nachdem die Grenze im November1989 von den Ostdeutschen überrannt wurde und die Diktatur wie über Nacht zerbrach, feierten wir gemeinsam dieses Wunder. Da begann die Liebe zwischen Nadine und mir. Fantastische Gefühle verzauberten die nächsten Jahre. Ein Umstand jedoch betrübte alles: Nadine hatte beruflich in ihrer Stadt mit Glück Fuß gefasst und konnte nicht nach Essen wechseln. Ich wiederum fand keine Arbeit im Osten und lebte von Nebenjobs. Deshalb pendelten wir hin und her. Ergo stellte sich die Frage, ob das ewig so weitergehen kann. Ende ´93 las ich das Inserat vom Kölner Vermittlungsamt in der Zeitung:

„Bundesprogrammlehrer gesucht, freie Stellen in Osteuropa... Schicken Sie uns Ihre Bewerbungsunterlagen...“

Das tat ich, absolvierte einige Prüfungen und unterschrieb im Mai ´94 den Vertrag. Glasnost und Perestroika brachten mich einst mit einem Schatz im Osten zusammen und nun wieder auseinander. Die Erfüllung ersehnter Wünsche zeichnete sich einfach nicht ab.

Am Morgen des 20. Juli 1994 düste ich mit dem überschwer beladenen Mazda los. Helmut, mein Vater, wollte mir helfen und fuhr mit. Das erste Etappenziel hieß Fulda, wo uns andere Bundesprogrammlehrer erwarteten. Wir planten von dort im Konvoi weiterzufahren, um auf diese Weise gegebene Risiken zu minimieren.

»Gleich kommt Kassel und dann auf die A 7.«

Während der fortgesetzten Tour versank ich mit den Klängen von „High Hopes“ in emotionale Gedankenwelten. Pink Floyd hatte mich schon zu Jugendzeiten elektrisiert und durch das Album „The Wall“ auch meine Weltanschauung beeinflusst. 1981 brüskierte die Rockband mit ihrem Bühnenspektakel in Dortmund, das Englands Schulsystem als inhumane Institution darstellte. Grausame Lehrer peinigten ihre Schutzbefohlenen durch Sarkasmus und Gewalt. Schmerzverzerrte Grimassen spiegelten deren Qualen wider. Fiese Methoden sollten sie willenlos machen, sodass sie systemrelevant funktionierten. Und wie eine mysteriöse Fügung spielte noch gestern Pink Floyd im Fußballstadion meiner Nachbarstadt ihren Gig „The Division Bell“. Nun verschmolz ich mit dem Song „High Hopes“, einem Lied über Hoffnungen der Jugend für das Wahrwerden herrlicher Träume. Was sollte aus mir werden? Was wünschte ich mir für die Welt? Schon Kinder beginnen für Berufe zu schwärmen, um spezielle Dinge zu verwirklichen. Für mich begann jetzt dieser Teil des Lebens, es galt nur noch Lowetsch zu erreichen. In dieser Hinsicht war ich guter Stimmung, die melancholische Melodie von „High Hopes“ erfüllte mich jedoch auch mit Schwermut.

Endlich passierten wir Bad Hersfeld und trafen 20 km weiter in Fulda ein. Franks Haus fand ich schnell dank seines grünen Citroëns vor der Garage, mit dem der Hesse bereits beim Kölner Vorbereitungs-seminar aufkreuzte. Der zweite Wagen, ein weißer Fiat Ritmo, gehörte Kurt Böhmer aus Verden. Er und Silke Schneider aus Stuhr, ebenfalls im Umfeld der Hansestadt Bremen liegend, waren also bereits da. Kisten mit Hausrat standen herum. Ein Keil ließ die Haustür offen stehen, ich klingelte trotzdem bei Herrn Wolf.

»Entschuldigung, ich packe noch.«

Frank kam uns, etwas hektisch wirkend, entgegen.

»Die Erledigungen nehmen einfach kein Ende, wenn man alle Zelte abbricht. Ihr wollt sicher einen Kaffee trinken und eine Kleinigkeit essen. Kommt rein.«

Ich wunderte mich, wie viele Dinge im Haus des Kollegen noch rumstanden. Im Wohnzimmerregal befanden sich afrikanische Masken und Figuren, auf einem Tisch stapelten sich Kassetten, LPs und CDs, an den Wänden hingen Bilder, Fotos und ein Wandteppich, und in einer Ecke lud eine Trommel zum Spielen ein.

»Keine Sorge, hiervon bleibt das meiste hier. Der Mietvertrag endet erst in einer Woche, bis dahin räumen meine Eltern auf und übergeben das Haus an die Nachmieter.«

Mein Vater wollte von ihm wissen, ob er mal in Afrika gearbeitet habe, denn die Einrichtung deute offensichtlich darauf hin.

»Stimmt genau, Helmut. Lass uns eine Kaffeepause machen, dann erzähle ich gerne etwas darüber.«

Frank lud mit einer Geste zum Platznehmen ein.

»Vor meinem Afrikaeinsatz hatte ich mich für unser Bildungssystem voll und ganz engagiert. Die Qualität der deutschen Lehrerausbildung war weltweit beachtet und auf die unterschiedlichen Anforderungen der Gymnasien, Real- und Hauptschulen hervorragend abgestimmt. Kritiker mit irrealen Vorstellungen betrieben jedoch eine Abkehr von dieser Schulstruktur und installierten seit den siebziger Jahren immer mehr Gesamtschulen. Es entwickelte sich ein ideologisch geprägter Bildungskrieg, den ich jetzt nicht detailliert erläutern will. Auf jeden Fall kamen permanent Reformen auf, die mir zu sehr gegen den Strich gingen.«

Herr Wolf schüttete sich Kaffee ein, ohne die Schwärze durch Milch aufzuhellen.

»Deshalb wollte ich woanders hin. Es durfte auch ganz weit weg sein. Das Kölner BVA bot dann spannende Sachen an.«

Während Frank über sein ungewöhnliches Engagement sprach, blitzten in mir Erinnerungen auf, die ich als Referendar an einer Gesamtschule machte. Dort scheiterten mehrere Lehrer daran, Unterricht für drei Niveaus zu arrangieren. Zwar konnten leistungsfähige Schüler das eine oder andere lernen, aber die Überforderten oder Uninteressierten spielten meistens Karten, warfen irgendwelche Dinge durch die Klasse oder klauten Sachen von Nachbarn. Daraus resultierende Konflikte riefen nichtselten chaotische Zustände hervor. Solche und noch viel größere Probleme zeigten, dass hier Bildungspolitiker Reformen ohne Konzepte durchboxten.

So weit, so schlecht, doch was hatte Frank jetzt zu berichten?

»Ich erhielt die Chance, in Pretoria Geographie und Physik zu unterrichten. Gorbatschows Reformpolitik wirkte sich auch dort aus. 1989 trat Präsident Botha zurück und Nachfolger de Klerk baute schrittweise das Apartheidregime ab. Politische Organisationen von Schwarzen durften wieder aktiv sein und Nelson Mandela kam nach 27 Jahren Gefängnis in Freiheit. Da ab 1990 der Ausnahmezustand keine Gültigkeit mehr besaß, lebte es sich in diesem Land ganz gut und die afrikanische Kultur konnte mich echt begeistern. Bei meiner Arbeit durfte ich attraktive Projekte realisieren, unterstützt durch Organisationen wie „Inter Nationes“. Es war eine super Zeit, leider enden diese Missionen gemäß Vertrag obligatorisch nach sechs Jahren, unabhängig vom Erfolg.«

Mein Vater bat um eine Erklärung.

»Wegen der eintretenden Verbuschung.«

Silke prustete in ihren Kaffee, den sie gerade trank. Das dauerhafte Leben unter Schwarzen soll zivilisierte Deutsche in primitive Buschmänner verwandeln? Grotesk.

»Das hat nichts mit Afrika zu tun.«

Der Studienrat blieb trotz Silkes anhaltendem Grinsen betont gelassen und sorgte für Erleuchtung.

»BVA-Leute gaben eine bedeutsame Untersuchung in Auftrag: Wie lange dauert es, bis ein Deutscher die Gepflogenheiten im Ausland annimmt und somit zum assimilierten Individuum wird? Resultat: Nach durchschnittlich fünf bis sieben Jahren.«

»Aaah, interessant. Ich vermute, dass es beispielsweise Probleme mit der oft zitierten deutschen Pünktlichkeit gibt.«

»Richtig, Helmut. Ich konnte meine afrikanischen Kollegen für viele Dinge motivieren, aber bei vereinbarten Terminen musste man öfters schon mal warten. Das kriegst du bei denen auch nicht ganz weg. Irgendwann färben derartige Einstellungen ab und deshalb ist nach sechs Jahren Schluss.«

»Und was reizt dich am Bulgarienauftrag?«

»Eine ausgehandelte Sonderoption. Ich unterschrieb den Kontrakt nur mit der Zusage des BVAs, dass ich nach drei Jahren ausnahmsweise doch wieder nach Pretoria darf.«

Kurt runzelte die Stirn.

»Entschuldige Frank, ist es eine Frauengeschichte?« »Könnte man so sagen.«

Im Wohnzimmer hingen zahlreiche Fotos an der Wand, die eine grazile Schönheit zeigten, hier undda in der Gesellschaft von Politikern, Managern und Bankern.

»Wir wollten am Ende meiner Dienstzeit heiraten. Ich hatte bereits alles dafür Nötige in die Wege geleitet, dann ist sie eines Morgens weg gewesen, inklusive der wertvollen Ringe. Ich prüfte meine Konten: Leer. Eigentlich unmöglich ohne Zugangsdaten. Aber irgendwie hatte sie das ganze Geld abgeräumt, 120.000 Dollar.«

Schweigen breitete sich aus. Keiner fragte, welche Absichten Frank genau hegte. Doch gegen afrikanische Clans schien eigentlich jedes Unterfangen aussichtslos, sogar gefährlich und damit töricht.

Der Kaffee war auf und Kurt mahnte an, endlich in die Pötte zu kommen.

»Los jetzt, die Straße wartet.«

Beim Vollstopfen des Citroëns erlaubte sich Silke eine kritische Bemerkung über das Gefährt.

»Du nimmst die Instruktionen vom Vorbereitungsseminar ja ziemlich ernst.«

Tatsächlich warnte man uns davor, teure Autos zu fahren, um nicht direkt ins Visier der bulgarischen Automafia zu geraten. Franks Notkauf, eine wahre Klapperkiste, würde garantiert unbehelligt bleiben. Doch auch Kurts billiger Fiat und mein acht Jahre alter Mazda stellten ebenfalls keine lohnenswerte Beute dar. ADAC und ACE empfahlen, Italien zu durchqueren, weil aktuell Serbien gegen Bosnien-Herzegowina und Kroatien Krieg führte, die den Verbund sozialistischer Staaten nicht mehr anerkannten und demokratisch geführte Länder bilden wollten. Nach über tausend Kilometern, irgendwo hinter den Dolomiten, brausten wir plötzlich einem Waldbrand entgegen. Bald nebelten riesige Rauchschwaden alles ein, sodass der Verkehr fast zum Stillstand kam. Zum Glück loderten die Flammen etwas abseits und verschonten die verängstigt kriechenden Wagen. Was für eine verheerende Hitze hier im Sommer herrschte, irre. In Bulgarien erwarteten mich ähnliche Verhältnisse. Laut BVA litt deren Bevölkerung gerade unter argem Wassermangel.

»Bologna. Wieder eine Etappe geschafft.«

Mein Vater artikulierte jedes Zwischenziel wie einen kleinen Sieg. Kein Wunder bei der schweißtreibenden Angelegenheit. 200 km weiter setzten wir dann mit einer Fähre nach Griechenland über. Im Hafen von Igoumenitsa drängte uns Silke auf merkwürdige Weise in ein Café rein. Eigentlich Unsinn, denn im Schiffsrestaurant gab es kurz zuvor noch Frühstück. Irgendetwas lag in der Luft. Das Stuhrer Fräulein packte schließlich eine Überraschung aus:

»Kurt und ich bleiben für drei bis vier Tage hier.«

»Wie bitte?«

Frank empörte sich.

»Es war doch abgemacht, dass wir zu unserer Sicherheit im Konvoi fahren.«

Die Frau aus Norddeutschland schien das nun plötzlich anders zu sehen.

»Macht euch keine zu großen Sorgen um uns, ich habe Verwandte in Halle und bin mit ihnen schon mal durch Bulgarien getourt. Ihr seid immer noch zu dritt und mit zwei Autos ist es kaum weniger sicher.«

Offenbar hatte Amor einen Pfeil in Silkes Herz geschossen, dort ein Feuer für Kurt entfacht und dadurch ihre Vernunft und Kollegialität in Flammen aufgehen lassen. Liebe macht nun mal blind, in mehrerer Hinsicht. Wir begannen eine längere Debatte, doch auch von uns hitzig vorgetragene Bekehrungsversuche und Mahnungen stimmten das Pärchen nicht mehr um. Das Café verlassend, nannte Frank die nächste Etappen: Ioánina und Kozáni. Im Citroën eingestiegen, gab er Vollgas und der Staub des extrem trockenen Bodens stob unter den rotierenden Reifen auf.

"Hot town summer in the city

back of my neck getting dirty and gritty

I been down isn´t it a pity

doesn´t seem to be a shadow in the city

all around people looking half dead

walking on the sidewalk hotter than a match-head“

Meine Boxen laut aufgedreht, brüllte Joe Cocker gegen die höllische Hitze an. Im Gebirge forderten steile und kurvige Straßen den Autos einiges ab.

Wegen der schweren Fracht musste ich immer öfter bis auf den ersten Gang runterschalten. Hochfrequente Töne des Motors vermischten sich mit dem Rappeln des alten Gefährts, doch es war Franks Cit-roën, der vorne auf einmal dampfte.

»Verdammt, bestimmt ein Kolbenfresser!«

»Prost Mahlzeit.«

Der Afrika-Geschädigte schien vom Pech verfolgt zu sein. Die Autos gewendet, eierten wir zurück bis zum nächstgelegenen Kaff, zum Besitzer einer Garagenwerkstatt. Der freundliche Grieche versprach zwar Hilfe, aber alleine für das Besorgen der Ersatzteile veranschlagte er etwa sieben Tage. Damit würde ich meinen Einstellungstermin am Sprachengymnasium verpassen.

»Jetzt seid Ihr tatsächlich auf euch alleine angewiesen. Ich wünsche euch, ohne weitere Zwischenfälle durchzukommen. Tschau Thomas. Wir sehen uns in Sofia, wenn Frau Haas Ende September alle Programmlehrer zum Seminar empfängt. Tschau Helmut, hat mich gefreut.«

Nun kraxelte der Mazda alleine in der Einöde herum. Gemäß dem Plan des ADACs steuerten wir Kozáni an, konnten aber unser Ziel nicht mehr im Hellen erreichen. Durch die schwarze Nacht wirkte die Gebirgsstraße unheimlich und endlos. Über den nächsten Gipfel noch, dann sollten erste beleuchtete Häuser erscheinen. Oben angekommen der Schock. Die Stadt brannte lichterloh. Wahnsinn. Feuerwehrsirenen zeugten vom Kampf gegen ein Flammenmeer. Diese verdammte Hitze, wie sehr muss sie alles verdorrt haben, sodass ein Funken irgendwo zur Katastrophe führte. In unserem Geiste rannten Menschen panisch umher, um dem Feuertod zu entkommen. Ohne die Verzögerungen durch Kurt, Silke und Frank hätten wir womöglich dort Quartier bezogen und wären vielleicht Opfer dieser Flammen geworden. Entsetzt stiegen wir wieder in den Wagen und fuhren von dannen, erneut vom reinen Schwarz umgeben. Immerhin gab es fast keine Abzweigungen oder Kreuzungen, sodass ich nur lenken, bremsen oder Gas geben musste. Mein Vater schlief mittlerweile und ich fuhr quasi im automatischen Modus.

Gedanklich beschäftigten mich die ersten Lektionen der bulgarischen Sprache. Auf dem Vorbereitungsseminar verteilte Heike Haas einen 400 Seiten dicken Grammatikwälzer. Kapitel eins lehrte das kyrillische Alphabet. Die Buchstaben Ц, Ч, Ш, Щ, Ъ, Ю und Я kamen mir wie Hieroglyphen vor. Die übrigen stammten, anfänglich zur Freude, aus dem lateinischen Alphabet, doch sie sorgten leider für Verwirrungen. Das bulgarische „B“ stand für das deutsche „W“, das „C“ stand für „S“ das „H“ für „N“, das „P“ für „R“ das „Y“ für „U“, das kleine „g“ für „d“, das „m“ für „t“ und das „n“ für „p“.

Sieht man im Urlaub am Schwarzen Meer ein Schild mit „PECTOPAHT“, weist es auf ein RESTAURANT hin.

HATYPA bedeutet NATUR und BAHA ist eine WANNE.

Ließen diese Beispiele schnelle Fortschritte bei der Auseinandersetzung mit dieser Sprache erhoffen?

„Horoskop für Ihre guten und schlechten Tage“ schrieb sich entweder

„XOPOCKOП ЗА ВАШИТЕ ДОБРИ И ЛОШИ ДНИ“

oder

„хоpоскоn: за вашиme goбpи и лоши gни“ und las sich

„Horoskop sa waschite dobri i loschi dni“.

Auch wenn mein Sternzeichen „Widder“ mir den Willen zum Siegen zuschrieb, so erwartete mich dessen ungeachtet ein längerer Kampf gegen diese Finessen der slawischen Wörter und Sätze. Meine Hirnzellen mussten sich bereits dafür verrenken, die Artikel der Substantive wahrzunehmen oder richtig zu setzen. Sie stehen überraschend nicht vor den Hauptwörtern, sondern direkt dahinter.

Das Wort KyHATA schwirrte in meinem Kopf herum, weil es eine strategische Bedeutung hatte. Genauso hieß nämlich der Ort an einem Grenzübergang nach Bulgarien, den Veteranen als Schlupfloch beschrieben, weil dort ausnahmsweise keine korrupten Zöllner ihre Hände aufhielten, um Devisen einzusacken. Kurz vor 8 Uhr, sah ich das ersehnte Schild:

Promachonas / КУЛАТА - 20 km.

Mit dem Sonnenaufgang tauchte die Grenzstation auf. Jetzt bitte wirklich keinen Ärger mit all dem Gepäck im Auto. Die Zöllner ließen uns tatsächlich wie vorausgesagt problemlos passieren. Das nächste Ziel hieß Sofia. Die Metropole Bulgariens ist geschichtlich bedeutend und eine der ältesten Städte Europas. Archäologische Funde zeigen, dass hier bereits vor 8.000 Jahren eine steinzeitliche Siedlung existierte. Den heutigen Namen bekam sie im 14. Jahrhundert. Laut Erzählungen gab hier eine fabelhafte Kirche namens „sveta Sofia“ („heilige Sofia“) Hoffnung auf Freiheit, die mit Hilfe von Weisheit und Überlebenswillen erreichbar sei. Bulgarien litt zwar nicht mehr unter dem grausamen Diktator Schiwkow, befand sich jedoch mit der regierenden BSP immer noch im Würgegriff der vermeintlich gestürzten Staatsideologie.

- - - - - - - -

Violetta Radewa saß an ihrem Schreibtisch und überlegte, welche Unterlagen sie durchforsten sollte. Angesichts der bis zum Schulbeginn zu erledigenden Aufgaben fühlte sich die Direktorin des Gymnasiums stark getrieben. In den Regalen lagen stapelweise Anträge von Schülern. Wieder wollten über 500 Jungen und Mädchen einen Platz in der Schule ergattern, die eine strahlende Zukunft versprach. Am begehrtesten waren die 100 Plätze für den deutschen Zweig. Violetta öffnete aber zuerst eine Mappe, die über eintreffende Lehrer informierte. Mademoiselle Dupont aus Paris wollte um 11 Uhr erscheinen. Für Fremdsprachen rekrutierte man immer Lehrer aus dem Ausland, um durch die Zusammenarbeit mit ihnen ein hohes Ausbildungsniveau zu garantieren, um Auslandsreisen zu arrangieren und um Fördermittel von in- und ausländischen Institutionen zu bekommen. Frau Radewa sann über Fragen an die Französin nach und beauftragte das Sekretariat, dem Übersetzer Bescheid zu geben. Nachmittags würden noch zwei Deutsche, am Donnerstag eine Amerikanerin und nächste Woche ein Kolumbianer eintreffen. Plötzlich schossen der Rektorin die problematischen Renovierungsarbeiten wieder in den Kopf. Etliche Mängel in den Schülerpensionen erwiesen sich als so gravierend, dass der Zeitplan für den Bezug vieler Zimmer aus den Fugen geriet. Frau Radewa sprang auf und hastete zum Bauleiter. Es durfte einfach nicht sein, dass Schüler aus entlegenen Städten zum Start vor verschlossenen Quartieren standen.

- - - - - - - -

Mein Vater und ich hatten Sofia hinter uns gelassen und fuhren gen Lowetsch eine Tankstelle an. Außer uns hielt hier keiner, obwohl es sich bei der Straße um die Magistrale Sofia-Varna handelte. Privat reiste kaum jemand lange Strecken. Wir stoppten und der Tankwart beäugte uns argwöhnisch durch das Fenster seines Gebäudes. Dann kam er, mit einer Pistole im Holster, heraus. Ich erinnerte mich, an ausgebrannten Häusern vorbeigefahren zu sein. Sah der Tankwart uns etwa als potenzielle Räuber an? Helmut und ich vermieden jede ruckartige Bewegung, die den nervös wirkenden Mann hätte irritieren können. Bei meiner unbeholfen formulierten Bitte um Benzin stufte er uns als friedliche Touristen ein, entspannte sich und gab dem durstigen Mazda Kraftstoff. Mit vollem Tank und wieder tief hängendem Heck musste ich auf den letzten Etappen über ABHAHMUA (Jablanitza) und BPECTHWUA (Bre-stnitza) die Straße besonders beachten. Löcher im Asphalt konnten bei höherer Geschwindigkeit massiv durchschlagen und die Hinterachse brechen lassen. Unachtsame stürzten sogar in eine der manchmal spät erkennbaren Gruben, die laut Warnungen unserer Veteranen teilweise das Ausmaß von Fallgruben hatten.

»ЛОВЕЧ.«

Geschafft, verriet uns das Ortsschild. Aus der Entfernung wirkte die Stadt malerisch schön. Der Ossam schlängelte sich durch sie hindurch, Brücken verbanden die durch den Fluss geteilte Stadt und östlich gelegen beeindruckte ein riesiger Gebirgszug. Im Zentrum suchte ich die Post auf und rief in der Schule an. Kurz darauf kam zügigen Schrittes der Konrektor des Gymnasiums. Gospodin (Herr) Hitow begrüßte mich und Helmut im perfekten Deutsch. Er wirkte etwas gereizt und wunderte sich, nur ein Auto zu sehen.

»Wo ist Herr Böhmer?«

Ich erfand eine Ausrede.

»Herr Böhmer kommt drei Tage später?«

Die Unpünktlichkeit des zweiten Deutschen verwirrte ihn.

»Hoffentlich trudelt Ihr Kollege nicht am letzten Ferientag ein, es gibt schließlich schon vorher genug zu tun.«

Wir gingen zur Schule und betraten das Direktorenzimmer.

»Gospoja Radewa, edinia utschitel ot Germania e pristignal, Thomas Holberg c baschta ci.«

(»Frau Radewa, einer der beiden Lehrer aus Deutschland ist angekommen, Thomas Holberg mit seinem Vater.«)

Plötzlich und unerwartet brach eine Flut aus Freundlichkeit und Euphorie über uns herein. Die Dame in der Aufmachung einer würdevollen Chefin schlug nicht lediglich in meine Hand ein, sie umarmte mich direkt mit inbrünstiger Herzlichkeit.

»Gospodin Holberg, tschakame wi wetsche. Mnogo ce radwam. Nadjawam ce, wie imachte dober pet...«

Ihre Stimme überschlug sich fast. Ich verstand nicht was sie sagte, begriff aber den überschwänglichen Empfang. Die Schule brauchte jede Menge Hilfen, was seitenlange Dossiers im Kölner Seminar umfassend darlegten. Frau Radewa sah in mir eine Art Retter, schließlich reiste ich aus dem „Land des Wirtschaftswunders“ an. Sie ließ mich kaum los, strahlte vor Freude und stellte Fragen über Fragen. Gospodin Hitow übersetzte, holte eine Flasche Rakia sowie Schnapsgläser aus dem Schrank, schenkte ein und sagte nun gut gelaunt:

»Dobre doschli, nasdrawe, herzlich willkommen, prost.

Ich bin Radoslav, schenken wir uns die förmliche Anrede.«

Per „Du“ ging die Unterhaltung weiter.

»Wo soll dein Wagen stehen?«

Eigentlich war ich um den alten Japaner mit seinen 200.000 gelaufenen Kilometern nicht sonderlich besorgt.

»Bedenke. Der Mazda ist für uns ein Qualitätsprodukt. Parkst du unbedacht, ist er schnell weg. Natürlich gibt es bewachte Parkplätze, aber warum Geld bezahlen? Auf dem Schulgelände habe ich eine Garage für meinen Jiguli, mache sie aber für dich frei.«

Hiermit begann das vorhergesagte Spiel von Leistung und Gegenleistung, was in Ländern mit schwierigen Verhältnissen unvermeidlich ist, allerdings nicht ausarten durfte. Minuten später trat eine Deutschlehrerin herein, die sich als Tatjana vorstellte und mir den weiteren Ablauf des Tages erklärte.

»Du wohnst im gleichen Viertel wie ich. Wir fahren jetzt zu deiner Bleibe, laden den Wagen aus und besprechen das Wichtigste.«

Der Ortsteil Babarkowitz war nur zwei Kilometer entfernt. Wild durcheinander aufgestellte Plattenbauten, hässlich und verkommen wie in der Ex-DDR, kennzeichneten die Gegend, deren Straßen keine Namen und massenhaft Löcher hatten. Nach einer sehr holprigen Fahrt stiegen wir am Block 317 aus. Im dritten Geschoss öffnete Tatjana zwei Schlösser einer Tür und pries lächelnd den Extraschlüssel an.

»Der hier bringt den Riegel zum Ein- oder Ausklinken. Die Schulleitung hat das sicherste Modell installieren lassen, damit unsere deutschen Kollegen keine Einbrüche fürchten müssen.«Mein gerade entstandenes Hochgefühl stürzte leider kurz darauf schrecklich tief ab. Enge Räume, schmuddelige Teppiche, schäbige Tapeten und armselige Möbel raubten mir den Atem. So wohnten in Deutschland nur verzweifelte Asylanten. Als sich außerdem ergab, dass weder in der Küche noch im WC Wasser floss, dachte ich an Flucht. Zu spät.

»Tja, unsere Sommer sind einfach zu heiß und trocknen die Wasserreserven aus. Immerhin versorgt man uns damit von 7 bis 10 und von 17 bis 20 Uhr. Wenn Wasser fließt, musst du es halt in Eimern bunkern.«

Deprimiert brachte ich meine Sachen in die Bruchbude und fuhr abends wieder zum Gymnasium, dessen Gelände hermetisch abgeriegelt war. Am geschlossenen Metalltor sprang mir ein kläffender Schäferhund entgegen und zeigte seine Bereitschaft, unerwünschte Leute zu zerfleischen. Selbst im Wagen machte das höllische Spektakel Angst. Der Dompteur dieser Bestie trat aus der Wache heraus, zog am Halsband des permanent hochspringenden Ungeheuers und knurrte mich an.

»Koi?«

Glücklicherweise kannte ich das Wort aus der ersten Lektion des Grammatikbuches: Wer!

»Holberg.«

Durch das minimal heruntergekurbelte Fenster verstand der mürrische Security-Mann, was Sache war,ging in seine Station zurück, telefonierte und öffnete dann das Tor. Herr Hitow holte mich ins Rektorenzimmer und versprühte, warum auch immer, beste Laune.

»Ein Trunk gefällig?«

Radoslav wartete meine nicht Antwort ab, stellte die Frage rein rhetorisch. Er räumte den mit Mappen belegten Schreibtisch frei und knallte eine Flasche drauf. Das Etikett signalisierte, dass sie Wodka enthält. Brachte ich da etwas durcheinander? Wodka ist zwar Schnaps, produziert aus Weizen und Roggen, soff man aber eher in Russland.

»Selbst gebrannter Sliwowa, 47%!«

Radoslav strahlte Stolz aus.

»Sliwowa?«

»Ja. Sliwi sind Pflaumen, das ist Schnaps von meinen eigenen Früchten. Trinke keinen gekauften Ra-kia, das steckt Chemie drin und du kriegst anschließend garantiert Kopfschmerzen. Na strawe.«

Im Regal standen auch Whisky- und Weinflaschen, alle mit Korken verschlossen. Bulgaren gossen vermutlich ihr selbst destilliertes Gebräu in alle möglichen Pullen, ohne sie neu zu etikettieren.

»Na strawe.«, sagte ich ebenfalls zum Wohle.

Bisher schmeckte mir Schnaps gewöhnlich nicht, aber dieser tats. Entweder beherrschten Bulgaren einfach die Kunst des Brennens oder ich brauchtegerade ein solch starkes Getränk, das meinen Geist von Depressionen befreite.

»So Thomas, bitte hör mal genau zu. Falls du irgendwann große Hilfe brauchst, egal welcher Art, dann sag Bescheid. Ich bin für dich da. Deutsche sind uns heilig. Das Arbeiten mit ihnen und die Beziehungen mit deutschen Institutionen haben bei uns Werte, wie an keiner anderen Schule in Bulgarien.«

Bei Radoslavs beschwörenden Worten tauchte der Schriftzug über dem Schuleingang vor meinen Augen auf:

„Ernst Thälmann-Gymnasium“

Dies galt zu Ehren des deutschen Kommunistenführers von 1925-1933. Hitler ließ ihn im Zuge der Machtübernahme verhaften und nach 11 Jahren Isolationshaft erschießen.

»Wieso hast du dich eigentlich bei uns beworben?«

Ich gestand, peinlich berührt, dass hierfür nur BVA-Leute verantwortlich sind. Daraufhin beugte sich Radoslav zu mir rüber und sprach so bedächtig und leise, als ginge es um eine Heimlichkeit.

»Was ich dir nun erzähle, trage besser nicht nach draußen. Du hast die Stelle von Ludger Schmidt bekommen. Dem ist im letzten Winter eine Frau vors Auto gelaufen, die von einem Bus verdeckt plötzlich auf der Straße erschien. Es lag Schnee und Holger rutschte in sie hinein, mit tödlichem Ausgang. Zeugen erachteten den Fahrer zwar für unschuldig, aber trotzdem droht Ausländern für sowas der Knast. Mithilfe unseres Gymnasiums gelang ihm die Flucht. Soweit mein Beispiel, wie sehr wir dir zur Seite stehen können.«

Ich verlangte ein weiteres Gläschen Sliwowa.

»So, halb zwölf. Schluss für heute. Morgen kriegst du deinen Pass und lernst den Schulpalast kennen. Sei gespannt, dich wird einiges sicher umhauen.«

Der Konrektor stand auf, schritt zur linken Ecke des Raumes und drückte eine Taste an der dort installierten Videokamera.

»Direkte Leitung zur Polizei.«

Wir verließen das Schulgebäude, brachten den Mazda in der Garage unter und gingen ins Zentrum. Radoslav orderte ein Taxi und wies den Chauffeur an, nach Babarkowitz Block 317 zu fahren.

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Varna, Dienstag, 30.8.1994, 13 Uhr, Polizeihauptwache.

Jochen Steinmann erschien pünktlich zum Termin, aber große Hoffnung hegte er nicht. Am liebsten hätte er sich für seine Blödheit selber in den Arsch getreten, und zwar nicht nur einmal. Doch jegliche Selbstkasteiung, und seien es tausend Tritte in deneigenen Hintern, würde seinen Verlust nicht erträglicher machen.

»Dobro utro.«

»Guten Morgen.«

Der Dolmetscher übersetzte den Fahndungsleiter. Gospodin Rachev und Gospodin Dragonow waren ein eingespieltes Team. Zum X-ten Mal saß ein Bittsteller wie Steinmann vor ihnen.

»Ihr Auto wurde also gestohlen. Wie Sie telefonisch sagten, ein fast neuer Audi für rund 40.000 DM. Die Daten kopiere ich gleich von Ihren Papieren. Erzählen Sie, was passiert ist.«

Steinmann überlegte, womit er beginnen sollte und spulte zunächst einige Erinnerungen im Geiste ab. Mitte ´93 war er bereits zwölf Jahre lang als Lehrer in Münster tätig. Über einen möglichen Einsatz im Ausland lag ihm vom BVA noch kein Bescheid vor und er kaufte sich vom angesparten Geld sein Wunschauto. Zwei Monate später kam das Angebot, eine leitende Stelle in Varna antreten zu können. Auf dem Vorbereitungsseminar im Juni ´94 warnte Frau Haas vor der bulgarischen Automafia und riet, keinesfalls mit wertvollen Wagen zu fahren. Er fand es aber unpassend, als Beamter in höherer Position. Es musste auch mit dem Audi gehen. Schließlich gab es in Varna, wie in allen Städten Bulgariens, bewachte Parkplätze. Seine Fantasie reichte dummerweise nicht aus, sich ein Bild von der kriminellen Energie der Automafia zu machen. Bereits vier Stundennach dem Passieren der Grenze schlugen gerissene Langfinger zu.

»Also, heute drei Uhr morgens fuhr ich bei Russe (PYCE) über die Grenze. Bis Varna brauchte ich ungefähr zwei Stunden und checkte kurz nach fünf Uhr im Hotel „Frederick Joliot-Curie“ ein. Den Audi stellte ich auf dem Parkplatz vor dem Hoteleingang ab. Das schien mir sicher, da eine bewachte Schranke das Gelände abriegelt. Etwa elf Uhr stand ich auf und konnte den Wagen nicht mehr finden. Dem Personal an der Rezeption ist nichts Außergewöhnliches aufgefallen. Dann rief ich Sie an.«

Gospodin Rachev griff unbeeindruckt zum Hörer, telefonierte etwa zehn Minuten mit der Hotelrezeption, ließ einige Male ein „Aha“ von sich und legte wieder auf. Gospodin Dragonow übersetzte, was der Kommissar herausgefunden hatte.

»Acht Uhr war dort Schichtwechsel. Beim Eintreffen der Frühschicht stand der Audi schon nicht mehr vor dem Hotel. Eine Stunde vorher kam der Bäckerwagen. Dieser benutzt aber nicht die Zufahrt von der Hauptstraße mit der bewachten Schranke, sondern einen Sonderweg, den lediglich eine unbewachte Schranke blockiert. Der Bäcker schloss sie auf, fuhr rein, lud seine Ware ab und verschwand nach etwa zehn Minuten wieder. Innerhalb dieser kurzen Zeit haben die Täter ihren Audi wohl entwendet.«

Der Fahndungsleiter hatte den Fall quasi im Handumdrehen gelöst und Jochen fassungslos gemacht.

»Verdammte Scheiße. Wird meine Versicherung den Schaden ersetzen?«

»Das weiß ich nicht. Dieser Hotelplatz ist zwar bewacht, aber nicht kostenpflichtig. Ihnen fehlt also ein Zahlungsbeleg für das Ereignis, ein offizielles Dokument.«

Jochen fühlte sich auf einmal wie ein dummer Junge und seine Gesichtsfarbe wechselte von Aschfahl in Schamrot.

»Was kann man tun?«

»Zunächst sollten Sie froh sein, dass Ihnen nichts passiert ist. Da geschehen noch ganz andere Dinge, wenn Leute mit solchen Karossen über die Grenze fahren. Wir leiten jedenfalls die Fahndung ein und melden uns bei Ihnen zu gegebener Zeit.«

Die Kripo bestellte Herrn Steinmann ein Taxi. Nur zwei Tage später wird sie ihn wieder abholen und ihm eine Überraschung präsentieren. Nach dieser Zeitspanne meldet sich üblicherweise die Russenmafia mit einem Deal fürs gestohlene Objekt. Im Falle des Audis beträgt der „Finderlohn“ etwa 20.000 DM, inklusive „Bakschisch“ für die Polizisten, ein profitables „Honorar“ für die Schmierenkomödie.

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Tanja klopfte um neun Uhr an meine Tür und begrüßte mich lächelnd.

»Sdravei, utschilischteto tschaka.«

Sie übersetzte die Aufforderung sicherheitshalber.

„Sei gegrüßt, die Schule wartet“.

Der Fußmarsch zum Gymnasium wirkte ähnlich deprimierend auf mich wie das gestrige Betreten meiner Wohnung. Überall verkommene Plattenbauten sowie buckelige Wege warfen ein hässliches Bild und jede Menge Abfälle und ausgebrannte Müllcontainer verschandelten die Siedlung. Ich begriff nun, warum es gestern Abend so unangenehm gerochen hatte.

»Warum werden die Container in Brand gesteckt?«

»Meistens aus Protest. Die Regierung stürzt uns immer tiefer in die Krise. Nichts funktioniert mehr richtig und von unserem Gehalt alleine können wir nicht mehr leben. Ich gebe jeden Tag Nachhilfeunterricht, andere bauen Gemüse an oder halten sich Hühner, Schweine oder Kühe. Was sollen die kleinen Leute denn tun? Am liebsten würden sie das Regierungsgebäude anzünden. Und da sie das nicht können, lassen sie ihre Wut an Mülltonnen aus. Das ändert natürlich nichts an der Politik, aber bringt in einer Hinsicht doch was. Der Unrat wird schon lange nicht mehr abgeholt, weil die Stadt keine Arbeitskräfte dafür bezahlen kann. Bei vollen Tonnen kommen Zigeuner, wühlen im Abfall rum und wer-fen viel raus. Der Wind verteilt das dann noch. Wenn der Müll nicht verbrannt würde, dann müsstest du permanent im Dreck stampfen.«

Bei einem der Wohnblöcke sah ich auf einmal herumstreunende Hunde, sieben oder acht Köter verschiedener Rassen, die nach Fressbarem suchten. Laut Tanja seien sie zwar harmlos, hatten sich aber wild lebend extrem vermehrt und stellten dadurch eine Plage dar. Die Regierung überlegte, diese Tiere zum Abschuss freizugeben. Mein Schulweg schlängelte sich nun durch einen Markt, auf dem Händler Obst und Gemüse feilboten. Ihre schäbigen Stände luden wahrlich nicht zum Einkaufen ein. Es folgten zwei Geschäfte für Dosennahrung und Fleisch. Wegen überall umher surrender Fliegen ging ich angeekelt zügig weiter. Würde ich mich an diese Zustände durch den von Frank beschriebenen Effekt der Verbuschung gewöhnen können? Im Gymnasium angekommen schob mir Radoslav ein blaues Heftchen über den Schreibtisch zu.

»Deine Eintrittskarte für Bulgarien.«

Das in Rot geschriebene Wort „nACnOPT“ wandelte mein angestrengt arbeitendes Hirn in „Passport“ um.

»Dein Pass, du bist hiermit offiziell halber Bulgare und bei der Polizei registriert. Du kannst dich jetzt frei im Land bewegen, aber vergiss ihn nie, wenn du unterwegs bist.«

Gospodin Hitow schien einer von der schnellen Sorte zu sein. Frau Haas äußerte auf dem Vorbereitungsseminar, dass diese Sache dauern kann und auch problematisch ist. Nicht selten bemängelten Polizeistellen vorgelegte Dokumente oder ließen die Arbeit an den Pässen unbegründet ruhen. Bulgarien hatte zwar mit Deutschland Vereinbarungen für die Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen getroffen, aber wichtige Verträge noch nicht unterschrieben, was zahlreiche Störungen hervorrief. Tatsächlich sorgten bestimmte Kräfte für Gegenwind. Ich hatte das Heftchen kaum durchgeblättert, da hielt mir der Konrektor den Anstellungsvertrag -HOrOBOP - unter die Nase.

»Dein „DOGOWOR“. Lesen, unterschreiben und Rundgang durch unseren wunderschönen Palast.«

Ich gehorchte. Die Gänge waren vollgestellt mit Tischen, Stühlen, Lampen, ausgehängten Fenstern, Leitern, Eimern, Farbtöpfen, Werkzeugen und Gerümpel. Im Gebäude präsentierten sich massenhaft Baustellen, eigentlich gingen wir durch eine Ruine. Die Klassenräume hatte man frei geräumt, um sie, wie auch alle Wände der Flure, zu kalken. Bekanntlich behandelt man auf diese Weise Flächen gegen Pilzbefall. Verzogene Fenster und Türen dichteten gegen schlechte Witterung kaum ab, sodass eindringende Feuchtigkeit Schimmel gedeihen ließ. Die Arbeiter ersetzten zwar kaputte Scheiben, aber was nutzt das gegen breite Ritzen zwischen Fensterrahmen und Einfassungen? Im zweiten Stockwerk befand sich die Biologie- und Chemieabteilung, wo ich unterrichten sollte. Beim Betreten der Kammer, in der Gerätschaften für Experimente und Chemikalien standen, lief mir ein Schauer über den Rücken. Auf dem Boden lag eine Schicht aus Splittern von Reagenzgläsern und Glaskolben. Des Weiteren vermittelten durchgebrochene sowie umgefallene Regale den Eindruck, als hätte hier eine Bombe eingeschlagen. Laborgeräte aus dem letzten Jahrhundert dürften wohl zur Vernachlässigung des Raumes beigetragen haben, die zum Desaster ausartete. Überall hingen Spinnweben, weil sich ewig keiner mehr um die Chose kümmerte. Undefinierbarer Siff bedeckte das Spülbecken, dem der Abfluss fehlte. Was um Himmelswillen war hier los? War das der ganz persönliche Spiegel für mich, der mir endlich klarmachte, in welcher Situation sich das ganze Land wirklich befand? Inmitten meiner Sprachlosigkeit brummte mir der Schulleiter sarkastisch zu:

»Wunderbar, nicht wahr?

Möchtest du noch das Glanzstück unserer Gemächer sehen?«

Ohne meine Antwort abzuwarten, stiefelte er schon wieder los. Die Treppe runter und durch die vollgestellten Flure laufend, stolperte ich anschließend über rausgerissene Türen des WC-Gebäudes in albtraumhafte Räume rein. Klebrige Böden, vergammelte Wände, mit Schlieren überzogene Waschbecken, defekte Spülbehälter, Kot und Schmutz in Schalen von Stehtoiletten, herausgerissene Rohreund ekelhafte Gerüche stießen mich schockiert zurück.

Im Direktorenzimmer musste ich mich besinnen, musste ich über die Machbarkeit der ganzen Unternehmung nachdenken. Radoslav gönnte mir eine kurze Pause und hielt mir dann den Vertrag erneut vor die Nase.

»Hier ist der Wisch, mit dem wir dich offiziell als Biologie- und Chemielehrer eingestellt haben. Unser Gymnasium hat für den Sprachsektor immer noch den Status einer Eliteschule und wir hoffen natürlich, dass mit deinem Engagement die NaWi-Fächer ein besseres Image bekommen. Noch mehr hoffen wir aber in unserer prekären Situation auf Hilfe bei der Suche nach Sponsoren, egal ob für Gelder, Bücher, Computer oder sonst was. Ich werde dich zu nichts zwingen, aber in jeder Hinsicht unterstützen, wenn du was in Gang setzt. Vielleicht möchtest du aber auch alles wieder rückgängig machen. Bitte schön, dein Vertrag. Wenn du willst, zerreiße ihn. Ich könnte es dir nicht verübeln.«

Der Konrektor wollte mich offensichtlich bewusst provozieren, wollte mich durch meine Reaktion einschätzen können. Ein Spruch von Demokrit huschte mir durch den Kopf: „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.“

»Ich bin bei euch im Boot, ohne Wenn und Aber.«

»Diese Antwort gefällt mir, darauf trinken wir einen Rakia.«

Schnaps war für Bulgaren das Nationalgetränk. Man konnte sich natürlich damit besaufen, um dadurch Frust zu betäuben. Doch er diente vielen Zwecken und besiegelte jetzt die von uns beschlossene Zusammenarbeit.

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ГЕОРГИ (Georgi) hatte es geschafft, zahlreiche Träume zu verwirklichen. Seitdem er das Motiv seiner Eltern für die Namensgebung begriff, gefiel es ihm, nach dem ersten Kosmonauten Bulgariens, Georgi Iwanow, benannt worden zu sein, der sich hohe Ziele setzte und sie mit enormem Einsatz erreichte. Schon als Kind zeichneten ihn Wissbegier und viele Talente aus. Spätestens als Schüler eines Sofioter Elitegymnasiums, das er nach einem strengen Auswahlverfahren besuchen durfte, gesellte sich unbändiger Eifer hinzu. In der Eingangsklasse, der so genannten Vorbereitungsklasse, unterwarfen sich alle Neulinge einem Martyrium. Extrem fordernde Englischlehrer unterrichteten sie täglich acht bis zehn Stunden tiefschürfend in Grammatik und gaben ihnen listenweise neue Vokabeln zu lernen auf. Ständig prüften Tests ihre Leistungen ab und wer durchkommen wollte, musste den Lernstoff Abend für Abend gnadenlos pauken. Der Zweck des Daseins reduzierte sich darauf, Prüfungen zu bestehen, Prüfungen zu bestehen und Prüfungen zu bestehen. Nach dem ersten Jahr besaßen die Erfolgreichen hervorragende Kenntnisse und qualifizierten sich sukzessive für höhere Stufen, in denen auch Fächer wie Geschichte, Geographie, Physik, Chemie und Biologie auf Englisch erteilt wurden. Außerdem winkte die Teilnahme an Schüleraustauschen, die Einblicke in Länder mit einer florierenden Marktwirtschaft ermöglichten, die von höheren Zielen träumen ließen und neues Streben anstießen. Genau das erwarteten die Elternhäuser, die Bürger der geistigen Oberschicht aus Professoren, Dozenten, Juristen, Ärzten, Lehrern, Journalisten oder Ingenieuren. Georgi leistete sich keine Einbrüche, erlangte ein Super-Abitur, studierte Ökonomie und beendete das Studium mit Auszeichnung. Der nun stolze Hauptstädter schickte brillante Bewerbungen an Großunternehmen und setzte sich im AssessmentCenter einer Firma für Spirituosen gegen zahlreiche Konkurrenten durch. Als Bonbon hatte sich Georgi dann noch den Wagen seiner Träume gekauft. Die Deutschen bauten einfach die besten Autos und während er mit seinem neuen BMW auf den Vasil Levski Boulevard einbog, blitzte der für diese Marke kreierte Werbeslogan „Freude am Fahren“ wieder in seinem Geiste auf. Plötzlich passierte es, absolut überraschend und brutal. Ein vor ihm einscherender Mercedes hielt abrupt an und zwang ihn zur Vollbremsung. Sekunden später sprangen aus dem Benz zwei Ringer der Mafia heraus, erkennbar an den extrem muskulösen Körpern und kurz geschorenen Haaren. Die sicherheitshalber verschlossenen Türen verhinderten nicht das befürchtete Drama, dennbeim Blick in eine Pistolenmündung öffnet man sie lieber. Mit dem folgenden Schlag ins Gesicht wurde Georgi direkt schwarz vor Augen...

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Radoslav trat in den Chemiesammlungsraum ein, wo ich grob aufräumte. Der erste Abfalleimer quoll schon über. Außerdem prüfte ich, welche Chemikalien noch genutzt werden konnten. Oft war das Verfallsdatum überschritten oder nicht mehr lesbar.

»Ima sreschta, cledwei me.«

»ИМА СРЕЩА, СЛЕДВАЙ МЕ.«

»Es gibt ein Treffen, komm mal mit.«

Der Konrektor verfolgte wie Tatjana das Ziel, mir ständig die bulgarische Sprache beizubringen. Vor einem Geschäft im Zentrum mit der Aufschrift „КОПИРНИ УСЛУГИ“ (Kopierni Uslugi / Kopierdienste) empfing uns im Outfit eines Geschäftsmannes „Gospodin Ignatov“ (Herr Ignatov).

»Herr Ignatov ist einer meiner besten Freunde. Wenn du etwas vervielfältigen willst, findest du hier brauchbare Geräte vor. Woanders ärgerst du dich über unklare Schriftbilder. Petko engagiert sich außerdem im Hotelgewerbe und gibt eine Zeitung heraus. Er möchte dich für einen Artikel interviewen und um einen Gefallen bitten. Ich übersetze natürlich.«Wir stiegen in den Jeep des umtriebigen Mannes ein und fuhren zur Redaktion.

»Pörvo edna gradska obikolka.«

»Zuerst eine Stadtrundfahrt.«

Die fahrende Blechbüchse stotterte und krachte beim Schalten, was uns alle irgendwie belustigte. Lautes Gelächter verursachte mein zweckloser Versuch, die Fenster wegen der Hitze im Auto herunterkurbeln zu wollen. Der entsprechende Griff war, wie das Meiste an dieser schrottigen Kiste, defekt und ärgerte wohl schon andere Mitfahrer vor mir.

»Ruska kola.«

»Russisches Auto.«

Herr Ignatov zeigte grinsend mit seiner Hand auf die Scheibe der Fahrertür, weil sie das gleiche Problem hatte. Ohne angenehmen Fahrtwind ging der erste Abstecher zum Stadion des „FCL“. Der hiesige Fußballclub überlebte als einziger Verein die wirtschaftliche Misere. Vor der politischen Wende hatte das Regime den Sportsektor massiv gefördert und für Propagandazwecke instrumentalisiert. Beachtliche Erfolge der Ringer, Gewichtheber, Boxer, Leichtathleten, Volleyballer und Basketballer demonstrierten die vermeintliche Stärke des Landes. Petko, zu jener Zeit primär als Journalist tätig, recherchierte und berichtete darüber. Ab 1989 brach die staatliche Sportförderung ein und ließ reihenweise Vereine den Bach runtergehen. In Lowetsch trumpften einst Volleyball- und Handballteams groß auf. Nun gab es nur noch den FCL, aktuell in die erste Liga aufgestiegen, Dank des Sponsors HEKC / Lex. Das Weiterfahren führte am verfallenen Freibad vorbei. Vom Ostufer des Ossams aus erklomm der Jeep bewaldete Anhöhen des Gebirgszuges. Von Mai bis Juni, erzählte Radoslav, faszinieren in dieser Gegend weiße, blaue und rote Fliederbüsche, weshalb Lowetsch auch „Stadt des Flieders“ heißt. Ins Blickfeld kam ein ehemaliges Tanzlokal. Es musste einst schön gewesen sein, als dessen steinerne Säulen noch Überdachungen trugen und die Tische noch nicht durch herabgestürzte Ziegel zer-deppert waren. Ramponierte Fenster und Geländer komplettierten den traurigen Anblick vergangener Freuden. Einige Biegungen weiter streiften wir das größte Privatgelände der Stadt, umzäunt, streng bewacht und mit einer beeindruckenden Villa, in der Gospodin Gantschew wohnte, ein Ölbaron. Zehn Minuten später stoppte Petko vor einem verwahrlost aussehenden Wohnheim.

»МОЙ ПРОЕКТ.«

»Meu proekt.«

»Mein Projekt.«

Der Geschäftsmann kündigte schalkhaft den geplanten Besuch an. Herr Ignatov gedachte, hier eine Herberge zu betreiben und vermittelte damit couragiertes Unternehmertum, denn sein Gebäude strahl-te den gleichen Charme wie der Schulpalast aus. Wie konnte in der desaströsen wirtschaftlichen Situation dieses abgewrackte Haus befriedigend aufgemöbelt und zu einem vernünftigen Business mit nennenswertem Gewinn werden? Petkos Überlegung: Die turnusmäßig organisierten Veranstaltungen für Jugendliche oder Schüler von außerhalb fanden immer noch statt, wie auch eine Reihe von Seminaren für Erwachsene. Infolge der Armut entstand eine Nachfrage nach preiswerten Unterkünften, die lediglich Übernachtungen ohne besonderen Komfort anboten. Erste Reparaturarbeiten liefen bereits. Alle künftigen Einnahmen würden sukzessive in den Bau investiert. Bei Gelegenheit wollte mir Petko auch sein städtisches Hotelprojekt für eine gehobene Kundschaft vorstellen, lud aber jetzt zur Redaktion ein, die das Tageblatt „OAKTOP“ (Faktor) herausgab. Dort lernte ich Svetlana kennen, die mich bezüglich meiner Person, meiner Ziele und Hobbys interviewte, sodass sich ein Portrait für die Montagsausgabe ergab. Die attraktive Bulgarin witzelte gerne und fragte zum Schluss verschmitzt:

»Deutsche sind nach unserem Wissen präzise, fleißig und pünktlich, brauen das beste Bier, backen die meisten Brotsorten und bauen die tollsten Autos. Können sie von Bulgaren irgendwas lernen?«

Ich verstand ihren Ulk sofort, da ich Sport liebte und vor einem Monat das blamable Ausscheiden unserer Super-Kicker im Viertelfinale der Weltmeisterschaftgegen das bulgarische Team fassungslos im Fernsehen anschauen musste.

»Ja klar. Wie man im Fußball den Gegner 1:0 in Führung gehen lässt, ihn durch Mauertaktik lange Zeit in Sicherheit wiegt und dann mit zwei Blitzangriffen völlig überraschend siegt.«

Die Cleverness des bulgarischen Teams, das seinen größten Erfolg speziell gegen den dreimaligen Weltmeister Deutschland feierte, erheiterte die Runde um mich. Und ausgerechnet Jordan Letschkow, der als so genannter Legionär beim Hamburger SV spielte, erzielte das entscheidende 2:1 per Kopfball. Seit der politischen Wende suchten bulgarische Fußballer ihr Glück im Ausland. Dort verdienten sie endlich Geld, verdammt viel Geld. Sie weckten bei der jungen Generation das Bedürfnis, es ihnen gleich zu tun, auch bei angehenden Medizinern, Ingenieuren oder Computerspezialisten. Das Sprachengymnasium Lowetsch rückte diesbezüglich ins Visier, als Sprungbrett zu dienen. Nun lotste mich der Manager, zu meinem Bedauern, in sein Büro. Die bildhübsche Svetlana hatte mich im Laufe des Interviews mit ihrer reizvollen Art eindeutig gefesselt. Überhaupt sind mir seit meiner Ankunft in dieser Stadt eine Menge hübscher Mädchen und Frauen aufgefallen, die zudem durch ihre äußerst modische Kleidung elegant und oft sexy wirkten. In dieser Hinsicht kam mir dieses Land gar nicht arm vor.

Eingerahmte Fotos zeigten Petkos Frau Bogdana und seine zwei Kinder. Zwetelina und Ignat gingenselbstverständlich auch zum Sprachengymnasium, die Tochter allerdings lernte Französisch und der Sohn Englisch. Warum sie sich nicht der als heilig angesehenen Sprache Deutsch verschrieben hatten, wollte mir der stolze Vater vielleicht später mal erklären. Ihm schien diese Sache unangenehm zu sein. Radoslav schwieg ebenfalls zu diesem Thema. Die beschwingte Laune fror kurz ein, etwas Unangenehmes lag da im Busch. Beide lenkten dann das Gespräch auf den Hauptanlass des Treffens um. Petko plagten Probleme, seine geschäftlich bedingten Reisen weiter mit dem russischen Jeep erledigen zu müssen.

»Trjabwa mi pomoscht.«

„pomoscht / ПОМОЩ“ bedeutete, wie ich aus dem ersten Sprachkurs in Sofia wusste, Hilfe. In einer Bildergeschichte rammte das Schiff „Deniza“ (^EHM^A / Morgenstern) abends im Dunklen einen Felsen und kenterte. Die ins Meer gefallenen Leute riefen „nOMO^,“. Radoslav erläuterte das Hilfegesuch.

»Thomas, könntest du in den Weihnachtsferien ein Auto für Petko kaufen?«

Er bemerkte natürlich mein leichtes Zucken und versuchte schnell zu beschwichtigen.

»Es soll um Himmelswillen kein teures Auto sein, so etwa für 3.000 DM. Aber es muss wenig Benzin verbrauchen und möglichst selten kaputt gehen. Wäre das machbar?«Die wohlgemeinte Beruhigung gelang nur halbwegs. Einmal findet man ein gutes und gleichzeitig so billiges Auto nur nach langem Suchen und mit viel Glück. Außerdem schrieben aktuell die Behörden sehr umständliche Formalitäten vor, wenn jemand ein Fahrzeug von Deutschland nach Bulgarien überführte. Und schließlich müsste eine kurze sowie preiswerte Strecke über Tschechien, Slowakei, Ungarn und Rumänien gewählt werden, wobei an den Grenzen der ehemals sozialistischen Staaten räuberische Zöllner auf Opfer mit DM-Scheinen warteten. Ich fühlte, wie sich für mich eine Zwickmühle aufbaute. Einerseits hoffte ich, hier in schwierigen Angelegenheiten von Bulgaren Hilfe zu kriegen und andererseits erwarteten sie dafür einiges von mir. Immerhin fiel mein Urteil über die Persönlichkeit des Managers absolut positiv aus. Seine offene Art und sein herzlicher Umgang mit seinem Team ließen auf einen tollen Charakter schließen. Also versprach ich abermals ins Blaue hinein, zu helfen.

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Nozirezeptoren, freie Nervenenden, registrieren Verletzungen des Körpers und feuern daraufhin elektrische Impulse zum Gehirn. Dort werten rund hundert Milliarden Neuronen unterschiedliche Signale aus. Nozirezeptoren melden grundsätzlich Probleme. Aufgrund von schmerzhaften Eindrückenruft das limbische System, das alles emotional bewertet, Angst hervor und leitet sinnvolle Reaktionen ein, beispielsweise Flucht oder Kampf. Beim Eindruck extremer Schmerzen aufgrund schlimmer Wunden löst das limbische System allerdings Ohnmacht aus. Dadurch werden alle höhere Hirnaufgaben zugunsten lebenswichtiger Funktionen zurückgefahren. Atem- und Herzarbeit sollen stabilisiert und Heilprozesse eingeleitet werden. Gelingt einer schwer verletzten Person die Regeneration, kann sie nach einer gewissen Zeit wieder erwachen. In Georgi tauchte, wie aus dem Nichts kommend, ein Gedanke auf. Zunächst unklar, umgeben von Dunkelheit, konkretisierte sich peu à peu eine Frage. Warum spürte er Schmerzen? Langsam dämmerte es ihm, dass er Bilder suchen musste, um etwas Geschehenes zu sehen. Dann erzeugten geschmackliche Wahrnehmungen das Wort Blut. Es floss wohl von seiner Nase in den Mund. Gesichter zweier Ringer, noch leicht verschwommen, begannen zu grinsen, hässliche Fratzen übler Zeitgenossen, die Böses vorhatten. Kurz darauf schlugen sie ihn, und zwar äußerst brutal. Immer mehr klärte sich alles auf, zeigte ein Film den Verlauf des Überfalls. Jetzt, wieder einigermaßen wach, machten neue Dinge abermals Angst. Die Gangster hatten einen Sack über seinen Kopf gezogen. Außerdem fixierten ihn Seile an den Armen und Beinen. Das Drama war noch nicht vorbei, denn er lag im Fond des BMWs hinter potentiellen Mördern. Während der blitzschnelle Wagen durch die Gegend raste, spulte Ge-