Die Braut in Trauer - Ernst Wichert - E-Book

Die Braut in Trauer E-Book

Ernst Wichert

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Beschreibung

In "Die Braut in Trauer" entfaltet Ernst Wichert eine vielschichtige Erzählung, die im Spannungsfeld zwischen Trauer und Neuanfang spielt. Der Roman beschreibt das Schicksal einer jungen Frau, die, konfrontiert mit dem Verlust ihrer Liebe, in eine emotionale Abwärtsspirale gerät. Wicherts literarischer Stil ist geprägt von eindrucksvoller Symbolik und einer psychologischen Tiefe, die es dem Leser ermöglicht, sich in die inneren Konflikte der Protagonistin hineinzuversetzen. Die Erzählung spiegelt den gesellschaftlichen Wandel des späten 19. Jahrhunderts wider und thematisiert die Kollision von Gefühlen und gesellschaftlichen Erwartungen in einer sich verändernden Welt. Ernst Wichert, ein Schriftsteller des deutschen Realismus, hat ein Leben lang die menschliche Psyche in ihren unterschiedlichsten Facetten ergründet. Seine eigene Biographie, geprägt von persönlichen Verlusten und einer sensiblen Einstellung zu emotionalen Themen, hat sicher dazu beigetragen, dass Wichert in "Die Braut in Trauer" so eindringlich die Trauer, aber auch die Hoffnung auf erlösende Liebe thematisiert. Seine Werke sind oft von einer melancholischen Grundstimmung durchzogen, was auch in diesem Roman deutlich wird. "Die Braut in Trauer" ist nicht nur für Liebhaber des Realismus ein Muss, sondern für alle, die sich für die menschliche Emotion und die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen interessieren. Wicherts fesselnde Prosa und tiefgründige Charakterzeichnungen machen das Buch zu einer bereichernden Leseerfahrung, die dazu einlädt, über das eigene Verständnis von Liebe und Verlust nachzudenken.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ernst Wichert

Die Braut in Trauer

Eine Reise durch Liebe, Verlust und die Tiefen der menschlichen Seele
Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547841166

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text
Erzählung von Ernst Wichert.
„Hat das Trauergewand seinen Grund in dem Bedürfniß des Gemüths, der Stimmung des Schmerzes äußeren Ausdruck zu geben? So scheint es. Was ist natürlicher, möchte man sagen, als daß die düstere Stimmung zur düsteren Farbe greift? Wenn der Sonnenschein des Lebens der Nacht gewichen ist, so kleidet sich das Leben in die Farbe der Nacht: in Schwarz. Die Auffassung hat etwas Bestechendes, aber sie erweist sich bei näherer Betrachtung als nicht stichhaltig. Das Schwarz ist nicht des Trauernden, sondern der dritten Personen wegen da, mit denen er in Berührung tritt, es ist nicht die Farbe des Hauses, sondern des Verkehrs, darum wiederholt sie sich außer an dem Kleide und dem Hute (beim männlichen Geschlecht als Flor) auch an dem schwarzen Rande der Briefcouverts, des Papiers, Siegellacks, kurz, die schwarze Farbe kehrt ihr Antlitz nicht dem Trauernden, sondern der Außenwelt zu, sie ist eine unablässig in Erinnerung gebrachte Todesanzeige. Das Schwarz soll eine Scheidewand ziehen zwischen dem Schmerz und dem Scherz, dem Kummer und der Freude, es soll den Trauernden sichern gegen die Heiterkeit der Welt und die Heiterkeit der Welt gegen ihn.“
Rudolf von Jhering.
1.

Die bekannte Equipage mit den beiden Braunen hielt vor dem Consul Berghen’schen Hause in der Liventstraße.

Zu beiden Seiten der Thür hatten sich, wie regelmäßig in diesem Fall, einige Krüppel, alte Weiber und bleiche Kinder aufgestellt, die Abfahrt der gnädigen Frau zu erwarten. Sie wußten, daß es dann für die Bettler jedesmal eine kleine Ernte gab, und ließen sich deshalb die Weile nicht lang werden. Der Kutscher in seiner dunkelgrünen Livree mit schwarzen Aufschlägen saß steif auf dem Bock und ließ nur mitunter die Spitze der Peitschenschnur tupfend auf den Hals oder Rücken der Pferde fallen, wenn sie sich irgend eine kleine Ungehörigkeit erlaubten. Seine würdige Haltung gab keinem Zweifel Raum, daß er sich voll bewußt war, in wessen Diensten er stand.

Endlich bewegte sich die schwere Thür, an der die Messingbeschläge bei der Bewegung aufblitzten. Eine Matrone, ganz in schwarzen Atlas gekleidet, trat am Arm einer schönen jungen Dame heraus, deren Anzug gleichfalls nur die schwarze Farbe erkennen ließ. Sie theilten nach rechts und links Gaben aus und empfingen dafür den üblichen „Gottes Lohn“. Es folgte der Diener mit Mänteln und Fußdecken, und ein Mädchen, das in der einen Hand einen Kranz von Immortellen, in der andern ein Körbchen mit Blumen nachtrug. Die junge Dame half der älteren in den bequemen Wagen und stieg dann selbst ein, der Diener rückte das Fußkissen zurecht und stopfte die Decke unter dasselbe, das Mädchen legte Kranz und Blumen auf den Rücksitz. Die alte Frau nickte freundlich dazu, der Diener schwang sich zum Kutscher auf den Bock und fort ging’s in scharfem Trabe durch die Speicherstraßen am Fluß über die Brücken der Vorstadt zu.

Das Ziel – der Kirchhof nahe am Thor – war als bekannt vorausgesetzt. Die Fahrt dorthin wiederholte sich fast täglich. Das Wetter mußte schon sehr unfreundlich oder ein Unwohlsein die Ursache sein, wenn sie einmal ausfiel. Der heutige Frühlingstag war kühl, aber hell, und die Sonne stand am blauen Himmel noch ziemlich hoch. Die Straßen zeigten sich belebt von Geschäftsleuten, aber auch von Spaziergängern, die sich die günstige Stunde zur Erholung nicht entgehen lassen wollten.

Die schöne junge Dame unterhielt sich lebhaft mit ihrer Begleiterin, half ihr auch das Rückenkissen zurechtlegen, das Kopftuch gegen die Windseite vorziehen und die Decke über den Knieen fester ziehen. Das Gespräch und diese kleinen Dienstleistungen hinderten sie nicht, ihre Aufmerksamkeit auch dem Straßengewühl zuzuwenden, das sie mit seiner bunten Abwechselung zu interessiren schien. Sie hatte den schwarzen Spitzenschleier hoch aufgeschlagen, sodaß er nur die Stirn beschattete, und ließ, ohne den Kopf viel zu bewegen, die Augen munter ausschauen.

„Da geht Lieutenant Kern von der Artillerie,“ sagte sie; „er wird grüßen, Mamachen.“ Dann wieder: „Herr von Blömel reitet ein schönes Pferd, es erinnert ein wenig an Robert’s Fuchs; aber er sitzt schlecht und führt es ungeschickt. Findest Du nicht auch?“ Bald darauf: „Das ist Emma Stein, mit der ich zusammen nach der Schule gegangen bin. Ich glaube, sie hat’s jetzt recht kümmerlich, seit ihr Bruder seine Stelle verloren hat, der die ganze Familie unterhielt, und ist doch zu stolz, sich mit einer Bitte an uns zu wenden. Onkel Benjamin wußte, daß sie Musikstunden suche, aber wenig dabei verdiene. Sie hat ihm ihre Uhr verkaufen wollen, aber er hat sie nicht angenommen und ihr lieber ein Darlehen gegeben. Sie thut mir recht leid. Osterfeld ist doch wohl zu hart gewesen.“

„Mein Schwiegersohn sieht auf Pünklichkeit im Geschäft vor Allem,“ antwortete die Frau Consul, „und der junge Mann hat’s sehr daran fehlen lassen. Für das arme Mädchen wird man ja etwas thun können. Erinnere mich daran, Helenchen. Wär’s nicht übrigens Zeit, liebstes Kind,“ nahm sie nach kurzem Schweigen wieder das Wort, „daß wir unsere Gedanken sammeln und uns auf den Besuch bei unserem theuren Robert im Herzen vorbereiten?“

„Ich brauche eine solche Vorbereitung gar nicht, Mamachen,“ antwortete Helene, mochte aber wohl merken, daß die Frau Consul die Lippen fester zusammenschloß , und versenkte sich nun in den Anblick des Kranzes ihr gegenüber. Die frischen Farben wichen rasch von ihrer Wange, und bald rollte auch eine Thräne über dieselbe hinab auf die schwarze Busenschleife.

Nun hielt der Wagen vor der Pforte des altstädtischen Kirchhofs. Der Todtengräber und seine Frau, die in der Nähe arbeiteten, eilten herbei und waren sehr devot beim Aussteigen behülflich. Die Frau konnte gar nicht genug rühmen, wie schön das Wetter sei und wie hell der Sonnenschein, und wie sie sich freue, die Frau Consul bei gutem Wohlsein zu sehen. Und was noch die größte Neuigkeit sei: es habe sich eine Nachtigall eingefunden, die wunderschön schlage. „Das ist wohl dem jungen Herrn Berghen zu Ehren geschehen, liebes Fräulein,“ meinte sie.

Die Frau Consul tupfte mit dem Tuch die Augen.

„Er hört sie nicht mehr,“ sagte sie schwermüthig und seufzte tief. „Mein einziger Sohn!“

„Aber wir hören sie, Mamachen,“ suchte Helene zu trösten, und sind dankbar, „daß sie sein Grab aufgesucht hat, zu seinem Andenken mit ihrer süßen Stimme ihr Lied zu singen. Sie mahnt uns, daß die Welt auch über Gräbern schön ist und die Natur ein ewiges Auferstehungsfest feiert. Wir sollen durch die Trauer um das Verlorene nicht unsern Sinn dagegen verhärten.“

Die alte Dame schien wenig damit einverstanden.

„Es ist doch unser bester Trost,“ entgegnete sie mit einiger Schärfe, „daß wir den Lieben, die uns vorangegangen sind, bald nachfolgen. In ihnen leben wir.“

Helene wendete ihr rasch das Gesicht zu, als ob sie lebhaft antworten wollte, besann sich aber eines Anderen und senke den Blick zur Erde. Wie sie bedenklich das Köpfchen auf- und abbewegte, konnte man erraten, daß der Gegenstand sie noch weiter beschäftigte und nur die Rücksicht auf die Matrone ihr Schweigen aufnöthigte.

Der Diener trug den Kranz und das Blumenkörbchen nach. Jetzt, in der Nähe eines Eisengitters von schöner Arbeit, nahm das Fräulein ihm die Sachen ab und gab ihm einen Wink zurückzubleiben. Die Frau des Todtengräbers öffnete die schwere Thür und entfernte sich dann ebenfalls. Die beiden Damen traten in den inneren Raum. Er war sehr sauber gehalten, rundum mit frischen Tannen ausgelegt. Links in dem Gartenbeet lag eine Steinplatte, deren Inschrift kündete, daß darunter der Consul Philipp Berghen ruhe: vor etwa vier Jahren war er verstorben, wenig über fünfzig Jahre alt. Daneben rechts erhob sich ein Postament aus Granit, das eine weibliche Figur von Marmor trug, einen Engel mit gesenkten Flügeln und Palmenzweig. In die vordere Wand war ein Portrait-Medaillon von Marmor eingelassen. Es zeigte den Profilkopf eines noch sehr jungen Mannes, unverkennbar der alten Dame ähnlich. Darunter stand nur der Name „Robert“. Das Mounment war von Topfgewächsen umstellt, Kränze hingen auf den Ecken der Platte.

Die Beiden standen eine Weile und schauten schweigend darauf hin. Das geschah so jedesmal bei diesen Besuchen. Sie sprachen vermutlich ein stilles Gebet, denn die Frau Consul sagte „Amen“, und gab damit das Zeichen, daß sie in ihrer Andacht nicht weiter gestört werde. Sie selbst begann das Gespräch mit einem Lobe der Tugenden ihres verstorbenen Sohnes und erzählte aus seiner Kindheit, wie klug und gutherzig zugleich er gewesen sei, in Vielem seitnem trefflichen Vater ähnlich, aber noch geistig belebter und heiterer. Man hatte dieselben Dinge schon so oft durchgesprochen und kam doch nicht damit zu Ende. Darauf wurden mit einer zierlichen Harke die trockenen Blumen rings um den Steig fortgeschafft und frische Blumen aus dem Körbchen an die Stelle gestreut. Der Kranz fand seinen Platz auf dem Grabe des Consuls, der doch nicht ganz leer ausgehen durfte.

Damit war der Kreis dieser Liebespflichten erfüllt. Diesmal aber schien sich die alte Dame damit nicht begnügen zu wollen. Sie setzte sich auf das eiseene Sprossenbänkchen gegenüber den Monumenten und lud Helene ein, ihrem Beispiele zu folgen.

„Man ist hier recht geschützt gegen den Wind,“ sagte sie, „und die Sonne bedenkt uns freundlich. Sitzen wir noch ein Weilchen.“

Helene leistete sogleich Folge, blickte nun aber neugierig durch die Stäbe des Gitters nach andern Kirchhofsbesuchern aus oder in die erst halbbelaubten Kronen der alten Linden hinein, deren Geäste der Spielplatz der munteren Vögel war.

„Woran denkst Du, Helenchen?“ fragte nach einer kleinen Weile die alte Dame.

„An nichts, Mamachen,“ antwortete das Fräulein ganz unbefangen.

„Das ist aber doch nicht recht,“ verwies jene. „Man darf sich nicht überall durch die Außendinge zerstreuen lassen; es giebt Orte, die uns auffordern, unsere Gedanken zusammenzuhalten. Ich meine, an einem solchen befinden wir uns.“

„Gewiß!“ entgegnete Helene, das Köpfchen traurig senkend. „Aber wir sollten uns doch nicht zwingen, Empfindungen in uns über ihre natürliche Dauer hinaus zu verlängern. Es kommt mir das immer wie eine Unwahrheit gegen sich selbst vor.“

Die alte Dame wiegte den Kopf.

„Ich verstehe Dich nicht,“ sagte sie. „Wie kann da von Zwang die Rede sein, liebes Kind? Wir sitzen hier am Grabe meines einzigen Sohnes und Deines Bräutigams. Können da andere Empfindungen in uns lebendig sein, als die der Liebe und der Trauer über den unersetzlichen Verlust?“

„Aber ich habe nicht so stark, wie Du, das Bedürfniß, sie in mir durch die Betrachtung der Ruhestelle des lieben Todten erwecken zu lassen,“ wendete das Mädchen schüchtern ein. „Ich stehe immer und überall unter ihrer Herrschaft – einen leidenschaftlichen Ansturm wehre ich nicht ab, reize mich aber auch nicht dazu. Brauche ich mir denn vorzuhalten, was ich verloren habe? Kann es einen schmerzlicheren Verlust geben als den meinigen? Aber man muß ja doch das Leben ertragen und der Gewohnheit ihr Recht lassen. Sind doch bereits zwei Jahre darüber hingegangen, seit wir hier an dem offenen Grabe standen.“

Die Frau Consul nickte.

„Zwei Jahre - ja, ja! Aber zählt man da nach Tagen und Jahren? Darf man der Zeit erlauben, unser Gefühl abzustumpfen? Weil’s in der Welt gemeinhin so zugeht, daß man den schwersten Kummer überwindet, muß man da nicht um so ängstlicher über sich selbst wachen, daß man die Erinnerung in sich stark erhält für das ganze Leben?“ Sie nahm die Hand des Mädchens in die ihrige und streichelte sie zärtlich. „Ich weiß,“ fuhr sie fort, „Du hast Robert geliebt und kannst keinen Menschen mehr lieben, wie ihn. Aber es hat manchmal den Anschein … wie soll ich’s sagen? als ob Du Dich schon gelassener in die Nothwendigkeit fügst, den Kummer, ihn verloren zu haben, tragen zu müssen – als ob Du gleichgültiger an die Zeit zurückdenkst, wo er Dir gehörte. Das tut mir weh. Ich habe mir schon lange vorgenommen, mit Dir darüber ein mütterlich-ernstes Wort zu sprechen. Beruhige mich, wenn Du kannst.“

Das Mädchen bückte sich rasch und küßte ihre Hand.

„Du siehst es so an,“ sagte sie bewegt, „und – bist die Mutter. Ich werde Dich nicht überzeugen können, daß Du Unrecht hast, und doch kann ich mir keine Schuld geben. Du hast das schöne Talent, Dir den Tag einteilen zu können nach seinen mancherlei Bedürfnissen. Diese Stunden sind Deinen Töchtern, diese Deiner Wirthschaft, diese Deiner Vereinsthätigkeit, diese Deinen gesellschaftlichen Pflichten oder der Lectüre bestimmt – und dann hast Du auch eine, die ganz und voll der Erinnerung an Deinen Sohn geweiht ist. Du gehst zu ihm, wie Du in die Kirche gehst, und Du gehst von ihm wie aus der Kirche: mit ganz befriedigtem Gemüth. Ich kann mir’s nicht so geben. Ich bin immer im Ganzen; was meinen inwendigen Menschen beeinflußt, das giebt ihm mehr eine allgemeine Stimmung, jede Stunde nimmt gleichmäßiger daran Theil. Besinnst Du Dich wohl? Als Robert noch lebte – hast Du mir da nicht manchmal den Vorwurf gemacht, daß ich in seiner Gegenwart nicht merklich genug froh werde, daß ich zu wenig zärtlich, zu kühl für eine glückliche Braut erscheine? Ich konnte aber nur mein Glückgefühl nicht aufsparen für die Stunde des Beisammenseins; ich empfand es immer mit gleicher Stärke und vermochte es dann kaum noch zu steigern, wenn es sich nach Dritter Erwartung beweisen sollte. So ist’s auch im Leid. Es verläßt mich nie ganz, es hat aber auch nicht seine vorbestimmte Stunde.“

Die alte Dame zog sie an sich und küßte ihre Stirn.

„Ich will überzeugt sein,“ sagte sie, „daß Du ihn noch immer liebst, wie Du ihn geliebt hast, daß Du ihm in Ewigkeit nicht untreu werden kannst. Versprich mir an seinem Grabe, daß Du seine Braut bleiben willst, so lange Dein Herz schlägt, und ich werde ganz beruhigt sein, nie eine geliebte Tochter zu verlieren.“

„Aber wozu ein solches Versprechen, Mamachen?“ rief Helene, offenbar erschreckt und beängstigt. „Hast Du Grund, an mir zu zweifeln? Habe ich selbst Grund, mir die Fessel eines Gelübdes anzulegen? Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich jemals anders empfinden könnte, als ich jetzt empfinde. Laß mir diese Zuversicht!“

Die Frau Consul war durch diese Antwort nur halb zufrieden gestellt.

„Liebes Kind,“ sagte sie, „das menschliche Herz ist schwach – tausend Erfahrungen sprechen leider dafür. Die Todten, meint man, seien todt, und man könne sie nicht mehr verletzen durch Vergessen. Aber sie sind nur todt, wenn man sie vergißt, und was ihnen entzogen wird, das wird denen entzogen, die ihr Andenken treu und unverbrüchlich bewahren. Eine Mutter kann des Sohnes Recht nicht verkümmern lassen in ihrem Herzen. Und darum, theuerstes Kind, wenn Du mich lieb hast, nimm allezeit freundliche Rücksicht auf meine eifersüchtige Schwäche. Ich will kein Gelöbniß verlangen. Zeige Dich mir aber immer so, als ob Du es gegeben hättest, und mein Dank soll Dir gewiß sein.“

Sie streichelte wieder ihre nun ganz kalte und schlaffe Hand. Helene sah vor sich hin auf die Erde.

„Wie ich auch nachdenke,“ entgegnete sie, „ich kann eine Veranlassung zu diesem sonderbaren Gespräche nicht finden, das mich ernstlich beunruhigen könnte. Ist mein Benehmen –“

„Nein, nein!“ unterbrach die alte Frau. „Ich habe Dir alles gesagt, was ich auf dem Herzen hatte. Und daß ich Dir’s nur gestehe – ich hatte dabei etwas im Sinn, woran Du nicht denken konntest. Vielleicht habe ich’s recht ungeschickt angefangen, da vorzusorgen. Aber Du sollst alles wissen, und am besten sogleich. Mein seit des theueren Robert’s Tode so stilles Haus wird sich bald wieder der Gesellschaft freier öffnen müssen. Herr Hauptmann von Grävenstein hat gestern brieflich bei mir um meiner Vera Hand angehalten. Das Ereigniß war vorherzusehen, wie er sich in letzter Zeit zur Familie stellte. Er ist ein sehr achtbarer Mann, den mein guter Philipp, so wenig er sonst für das Militär schwärmte, gewiß gern zum Schwiegersohn angenommen hätte.“

Helene hatte auf der Bank eine halbe Wendung gemacht, um ihr bester in’s Gesicht sehen zu können.

„Ach!“ rief sie, „ist’s möglich? Aber Vera hat mir kein Wort gesagt.“

Die Frau Consul lächelte.

„Wie sollte sie? Der Herr Hauptmann hat sich natürlich erst meiner Zustimmung versichern wollen. Sie wird im Stillen vermuthet haben –“

„Es überrascht mich doch. Ihre Aeußerungen über Herrn von Gräwenstein waren nicht der Art.“

„Sie ist sich vielleicht wirklich ihrer Neigung erst jetzt recht bewußt geworden.“

„Das müßte es sein. Ich kann mir’s nur noch schwer zurechtlegen, wie diese beiden Menschen ein so inniges Verhältnis zu einander finden konnten. Vera ist eine so sensible Natur. Sie schien mir immer zu erschrecken, wenn er das Wort ergriff oder lachte.“

„Es ist für Vera gewiß ein Glück, daß sie eine feste Stütze für’s Leben erhält, wie sie ihrerseits wieder mildernd und veredelnd auf den Mann einwirken wird, der sie liebt. Ein sehr passendes Paar, denke ich. Wie dem sei, die Verlobung wird in den nächsten Tagen gefeiert werden, und es steht nichts im Wege, die Hochzeit sehr bald folgen zu lassen. Ein Brautpaar im Hause – das verändert gleich die ganze Situation. Ich verkenne nicht, liebstes Kind, daß Deine Lage eine schwierige ist. Eine gewisse äußerliche Betheiligung kann Dir nicht erspart bleiben, und doch darfst Du nicht vergessen, daß Du Deinem geliebten Todten um so mehr die zarteste Rücksicht schuldig bist. Ich meine, Du wirst Dich noch mehr – wie soll ich sagen? – klösterlich einschränken müssen, um Dein Wesen mit Deiner äußeren Erscheinung in Harmonie zu zeigen. Es ist Dir tiefstes Bedürfniß, das Trauerkleid nicht abzulegen; sorge nun aber auch dafür, daß man Dich so versteht … selbstverständlich , ohne die Gesellschaft zu verstimmen, die keinen Grund hat, sich Deinetwegen einen Zwang aufzulegen. Achte freundlich auf meine kleinen Winke, und Deine Aufgabe wird sich erleichtern. Du bist ja überzeugt, daß es Niemand auf der Welt mit Dir so gut meint, als ich, die Mutter Deines Robert. Und nun laß uns nach Hause eilen – es wird schon empfindlich kühl im Freien.“

Helene küßte ihre Hand, stand dann auf und öffnete die Gitterthür. Sie entgegnete nichts, aber ihre finstere Stirn und die gepreßten Lippen hätten eine Antwort geben können. Doch war sie auf dem Gange nach dem Wagen bemüht, die alte Dame davon nichts merken zu lassen. Während der Fahrt wurden nur gleichgültige Worte gewechselt. Erst in der Langgasse bat sie aussteigen zu dürfen, um dem alten Onkel Grun einen Besuch abzustatten, auf den er gewiß schon sehr lange warte. Frau Berghen widersprach nicht gerade, stimmte aber auch nur halb zu. Das Fräulein hielt den Entschluß fest und gab dem Kutscher das Zeichen zu halten.

„Darf ich Dir den Wagen schicken?“ fragte die Frau Consul.

Helene danke. „Ich möchte nicht so sehr an die Zeit gebunden sein,“ sagte sie und huschte fort.

2.

Der „alte Onkel Grün“ war Uhrmacher und hatte sein kleines Geschäft in einer lebhaften Seitenstraße. Er war ein Vetter von Helenens verstorbenem Vater und ihr einziger Verwandter in der Stadt, überdies ihr Vormund.

Die Frau Consul hatte gegen ihn nichts weiter einzuwenden, als daß er den alten Handwerksgebrauch beibehielt und an seinem Werktisch unter dem Fenster vom Morgen bis zum Abend fleißig arbeitete, statt in einem seinen Local den Uhrenhandel kaufmännisch zu betreiben. Die Bedürfnisse des Wittwers waren die mäßigsten; er begriff nicht, warum er sich Sorgen und Lasten aufbürden sollte, da ihn seine Geschicklichkeit doch gut nährte. Wirklich war er ein sehr gesuchter Arbeiter; wenn es ein besonders künstliches Werk zu repariren galt, wandte man sich nur an ihn und wußte ihn trotz des einfachen Schildes an seiner Thür und des schmucklosen Schaufensters allemal zu finden.

Als das Fräulein eintrat, saß er auf seinem gewohnten Platz im grauen Arbeitsrock, den grünen Blendschirm über der Stirn, die Augen mit einer mächtigen Brille bewaffnet, die einem kurzen Opernglase ähnlich sah. Vornübergebeugt setzte er mit einer feinen Zange ein kaum sichtbares Stiftchen in ein Uhrgehäuse ein. Unter einer Glasglocke neben ihm lagen noch mehr dergleichen zierliche Sächelchen, außerhalb aber die mannigfachsten Werkzeuge, Bürsten und weiche Läppchen. Er war so eifrig beschäftigt, daß er gar nicht umschaute, als die sich öffnende Thür eine Glocke über derselben in Bewegung setzte.

„Was steht zu Befehl?“ fragte er nur zurück.

Helene horchte ein Weilchen auf das Ticken der vielen großen und kleinen Uhren an den Wänden ringsum. Dieses Geräusch machte auf sie jedesmal denselben ganz eigenen Eindruck. Als Kind hatte sie immer behauptet, daß sie sich die Ohren zuhalten müsse, wenn sie sprechen wolle, da die Uhren gar so eifrig wären ihr zuvorzukommen. Der alte Herr mußte seine Frage noch einmal stellen.

„Guten Tag, Onkelchen,“ sagte sie nun und trat hinter ihn.

Er ließ sich nicht stören.

„Du bist’s, Lenchen!“ rief er nun, offenbar sehr erfreut. „Gieb mir einen Kuß auf die Backe, aber stoße mich nicht an, sonst fällt mir das da aus einander und ein Paar Stunden Arbeit sind umsonst. Ein sehr merkwürdiges Werk aus dem vorigen Jahrhundert, keine Fabrikwaare. Damals gab’s noch Uhrmacher, heut ist eigentlich nur noch der Name davon übrig geblieben. Die Maschinen schaffen’s auch accurater, aber an einer geschickten Hand hat man doch größere Freude. So eine alte Uhr ist etwas für sich, hat ihren eigenen Charaker. Was man jetzt kauft, ist immer nur eins von vielen Tausenden – eine langweilige Gesellschaft, Kindchen.“

Helene begrüßte ihn mit aller Vorsicht.

„Wende nur gar nicht den Kopf,“ bat sie; „ich setze mich hier zu einem gemüthlichen Plauderstündchen in Deine Nähe. Darf ich?“