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In "Elsa" entführt Ernst Wichert die Leser in die veranschaulichte Welt einer sozial geprägten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Das Werk, durchzogen von einer melancholischen Stimmung, thematisiert die Suche nach Identität und den Einfluss von gesellschaftlichen Konventionen auf die individuelle Psyche. Wicherts literarischer Stil kombiniert eine präzise, oftmals poetische Sprache mit tiefgründigen Charakterstudien, die den emotionalen Konflikt und die innere Zerrissenheit der Protagonistin eindringlich darstellen. Durch die detaillierte Beschreibung der Umgebung und der zwischenmenschlichen Beziehungen wird die Spannung zwischen Freiheit und gesellschaftlichen Erwartungen in den Vordergrund gerückt und regt zur Reflexion über die eigene Rolle innerhalb der Gesellschaft an. Ernst Wichert, ein deutscher Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, gehörte zu den bedeutenden Vertretern der literarischen Strömungen seiner Zeit. Mit einem Hintergrund in den Literaturwissenschaften und einer klaren Affinität für das Studium menschlicher Emotionen und Verhaltensmuster, war Wicherts Werk oft von autobiografischen Elementen geprägt. Sein eigenes Leben, voller Zwiespälte und gesellschaftlicher Herausforderungen, spiegelt sich in "Elsa" wider und verleiht dem Text eine authentische Tiefe, die den Leser in die eigene Zeit und die Gemütslage der Menschen hineinzieht. "Elsa" ist ein unverzichtbares Werk für alle, die sich für die psychologischen Aspekte menschlicher Beziehungen und die Herausforderung des Individuums im Spannungsfeld von Gesellschaft und persönlicher Freiheit interessieren. Wicherts meisterhaftes Gespür für Emotionen und Konflikte macht dieses Buch zu einer fesselnden Lektüre, die nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Ein wahrhaft bewegendes literarisches Erlebnis, das lange nach der letzten Seite im Gedächtnis bleibt.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
– – – – – – – – – – – – – – – – –Was Deine Nachschrift anbetrifft, Liebste, so kannst Du meinetwegen wirklich ganz beruhigt sein: wir leben in der glücklichsten Ehe miteinander. Wenn ich Dir mit der rücksichtslosen Offenheit, die unser freundschaftliches Verhältniß von ältester Zeit her gewohnt ist, auch über die Schwelle des eigenen Hauses hinaus treu von allerhand kleinen Erlebnissen berichte, wie sie der Tag bringt, und sie nach augenblicklicher Stimmung mit Glossen versehe, so rechne ich zuversichtlich darauf, auch dann von Dir nicht falsch verstanden zu werden, wenn Schilderung und Urtheil nicht ganz den rechten Ausdruck finden. Du kennst mich ja und wirst allemal aus dem Ganzen heraus zu ergänzen und zu berichtigen wissen. Ich habe den Grundsatz, meine Briefe, wenn sie geschrieben sind, nicht noch einmal durchzulesen – vielleicht in der heimlichen Befürchtung, daß mancher dann unabgesendet bleiben würde. Es soll nun einmal gerade das darin stehen, was die Feder in schnellem Anlauf zu Papier gebracht hat, bevor verständige Erwägungen aller Art auch nur den Zweifel aufkommen lassen, ob nicht die Tinte verschwendet sei. Warte vierundzwanzig Stunden, und bei aller Wahrheitsliebe lügst Du Dir und Deinem Nächsten etwas vor. Nicht mehr was Du mit Deinen Sinnen wahrgenommen, mit Deinen Empfindungen Dir angeeignet hast, giebst Du, sondern ein Phantasiebild mit möglichst verschwommenen Umrissen und verwaschenen Farben. Ich kenne Briefwechsel, die durch viele Jahre mit leidenschaftlichem Eifer geführt sind und in denen trotz der Versicherung auf jeder Seite, daß man kein Geheimniß voreinander habe, nicht eine einzige Zeile unmaskiert erscheint. Man besucht sich immer, nachdem man feierlich Toilette gemacht hat. Das hält man für Schuldigkeit. Und man ladet auch nur ins Putzzimmer ein; was und wie da gesprochen wird, ist eigentlich schon in alle Ewigkeit vorausbestimmt. Ich möchte, daß Du, wenn Du (eine schöne Konstruktion!) meine Briefe liest, mich immer so siehst, wie ich aussah, als ich sie schrieb. Es versteht sich ja von selbst, daß ich zu Deiner Lesezeit, so schnell jetzt auch Briefe befördert werden, bereits eine ganz andere bin. Es kann sein, daß Du über eine Eulenspiegelei laut auflachst, während ich mir irgend einen furchtbar schmerzlichen Kummer einbilde (zum Beispiel, daß mein Mann mich eigentlich gar nicht versteht) und in Thränen zerfließe, oder daß Du Dich über die abscheuliche Aeußerung blau ärgerst, mein Mann verstehe mich eigentlich gar nicht, während ich ihm auf dem Schoße sitze und den vollgültigsten Beweis seines innigsten Verständnisses für meine selbst nur in seiner Einbildung steckenden Vorzüge erhalte; daß Du sein Lob hörst, wenn ich mit ihm zanke und daß ich bereits seit sechs Stunden wieder gut bin, wenn Du noch meiner Versicherung glaubst, daß ich entschlossen bin, mich scheiden zu lassen. Es gleicht sich aus, liebes Herz, nicht wahr? Und am Ende des Jahres, wenn Du meine Briefe noch einmal durchfliegst, bevor Du zur besseren Einsargung in Deinen Reliquienkasten ein seidenes Bändchen um sie legst (ich kenne Deine Ordnungsliebe!), hat sich’s schon längst ausgeglichen, und Du hast die alte Freundin, wie sie ist: nicht immer die Verständigkeit selbst, manchmal entsetzlich launenhaft, fast immer in ihrem Urtheil zu voreilig, meist von plötzlichen Eingebungen beherrscht, selten mit etwas voll zufrieden, aber allemal bereit, Unrecht einzugestehen und wieder gut zu machen, wenn’s noch der Mühe lohnt. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß ich Dir morgen diese mich schwer belastenden Geständnisse schriftlich geben würde, aber nun stehen sie einmal Schwarz auf Weiß und sollen gelten, bis Du aus dem nächsten Briefe vielleicht erfährst, daß ich die fleischgewordene Vernünftigkeit, Bedachtsamkeit, Leidenschaftslosigkeit und Genügsamkeit bin. Heute nur noch so viel und ein für allemal: ich liebe meinen Mann von ganzem Herzen, ich vergöttere ihn sogar ein bißchen (was er aber nicht zu wissen braucht) und ich wäre die glücklichste Frau unter der Sonne, wenn ... Nein! Dieses Wenn ist zu dumm selbst für eine Augenblicks-Photographie meiner Stimmung. Ich quittiere bedingungslos dem Schicksal über den Empfang des besten Mannes und zeichne nur gern - Du wirst sagen abergläubisch - so ein Kreuz oder Fragezeichen in die Luft, weil mir vor der Götter Neide bangt.
Was ich noch sagen wollte -
Ach so! Ich hatte mich schon besonnen, daß es auch unterbleiben könnte. Der Bogen ist überdies voll, und Edwin behauptet, man müsse sich einzurichten wissen, auch beim Briefschreiben. Der neue Bogen sei gemeinhin nicht nur Papierverschwendung, sondern verführe auch zur Plauderhaftigkeit, da das Bedürfniß eines normalen Menschen, sich auszusprechen, durch vier Seiten reichlich befriedigt werde. Ich nehme den Rand zu Hilfe, um mich noch schnell nennen zu können
– – – Mein Mann ist ein Scheusal!
Neulich sah ich im Schausfenster einen allerliebsten Hut. Bei dem nächsten Spaziergang lenkte ich natürlich unsere Schritte da vorüber. Er lobt meinen Geschmack, hat auch nichts Wesentliches einzuwenden, daß ich hineingehe, das zierliche Gebulde von Spitzen und Blumen anprobiere und nach dem Preise frage. Er findet, ich sehe in dem Hütchen reizend aus. Es ist auch nicht einmal theuer, wenigstens im Verhältniß zur Leistung. Aber meinst Du, er hat es mir gekauft? Nicht im geringsten. Und aus welchem Grunde nicht? Weil er kein Geld hat. Denke doch nur: weil er kein Geld hat! Ist das überhaupt ein Grund?
In solchen Kleinigkeiten ist er mitunter entsetzlich pedantisch. Sagte ich mitunter? Eigentlich immer. Das ist entschieden seine Schwäche. Er bringt es über das Herz, mir eine Bitte abzuschlagen, deren Erfüllung ihn gar kein Geld kostet – nur weil sie thöricht ist. Aber wenn man etwas Vernünftiges bittet, versteht sich’s doch ganz von selbst, daß man’s bekommt. Gestern spielte er mit meiner kleinen Stickschere. Man kann nervös werden, wenn einer vor einem sitzt, das Ding mit beiden Händen faßt und immer auf und zu macht, als könnte er sich etwas aus der Luft schneiden. Nachdem ich ihm die Schere zehnmal vergeblich fortgenommen habe, behalte ich sie zuletzt in der Hand. Du, sage ich, weißt Du, daß es mich prickelt, Dir den Schnurrbart zu kürzen? Der Schnurrbart ist nämlich ein unantastbares Heiligthum. Ich greife danach, er zuckt zurück. Ach, bitte, bitte! – Sei nicht wunderlich, schilt er. – Aber ich möchte doch so gern ... Jetzt hätte ich wirklich wer weiß was darum gegeben, mein Vorhaben ausführen zu können. – Ach, Unsinn! – Aber was ist an den sechs ausgewachsenen gelben Haaren gelegen? Ich glaube wirklich, Du bist auf so etwas eitel. – Aber wie kommst Du auf einen so mörderischen Gedanken, Ki ... Er wollte Kind sagen, schluckte aber zu seinem Glück die letzten Buchstaben herunter. – Du thust mir nun einmal einen großen Gefallen, wenn Du erlaubst, Männchen ... Männchen hört er so ungerm, als ich Kind. – Ach, geh’! – Aber wenn ich Dich bitte! Kannst Du mir wirklich so ein Nichts abschlagen? – Mit kaltem Blute. - Da sehe ich, wieviel ich Dir gelte. Nun aber ist es mir eine Ehrensache, mich nicht abweisen zu lassen. – Eine Marotte. – Und wenn! Zeige mir nun einmal, daß Du mir gut bist. Gerade weil es Dich Ueberwindung kostet ... Er lacht mich aus. – Ich will mir die sechs Haare als ein theures Andenken in meiner Kapsel aufbewahren. Na? Laß mich sie abschneiden! Bitte, bitte! – Er nimmt mich beim Kopf und küßt mich ab. – Na? – – Ach dummes Zeug! – Und dabei bleibt’s. Dabei bleibt’s, Toni!
Ich habe Dir diese Verhandlung mit ganzer Umständlichkeit niedergeschrieben, um Dir einen Beweis von seinem Eigensinn zu geben. Du wirst sagen, es sei nicht einmal des Kaisers Bart, um den ich mich bemüht habe. Und ich gebe auch zu, daß ich ihn hinterher ohne die gelben Borsten, an die ich mein Auge gewöhnt habe, sehr komisch gefunden hätte. Aber ist es nicht ärgerlich, so gar keinen Willen zu haben?
Nein, ich habe wirklich ihm gegenüber gar keinen Willen. Bitten und streicheln und schmollen und kratzen hilft mir gar nichts. (Kratzen ist nur bildlich gemeint.) Er ist nicht aus seinem philosophischen Gleichmuth zu bringen. Und es ist doch eine unbezweifelbare Thatsache, daß er eine junge Frau hat (zwanzig nennst Du doch auch noch jung?) und nur zwölf Jahre älter ist als sie.
