Schuster Lange - Ernst Wichert - E-Book

Schuster Lange E-Book

Ernst Wichert

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Beschreibung

In "Schuster Lange" entführt Ernst Wichert den Leser in die tiefen, oft melancholischen Weiten der menschlichen Psyche und des gesellschaftlichen Lebens im 19. Jahrhundert. Die Geschichte dreht sich um den bescheidenen Schuster Lange, dessen Schicksal in einem kleinen Heimatdorf mit den Herausforderungen des alltäglichen Lebens und den drängenden Fragen nach Identität und Zugehörigkeit verwoben ist. Wicherts literarischer Stil ist geprägt von einer feinsinnigen Beobachtungsgabe und einem eindringlichen, poetischen Ausdruck, der die inneren Konflikte der Protagonisten eindrucksvoll zum Vorschein bringt. Im Kontext der deutschen Literatur seiner Zeit positioniert sich Wichert als ein Meister der psychologischen Schilderung, der sich mit zeitlosen Themen auseinandersetzt. Ernst Wichert, geboren 1845 in Stettin, war ein deutscher Schriftsteller, dessen Werke oft von seiner eigenen Biografie und seinen Erfahrungen als Lehrer geprägt sind. Diese Einflüsse kommen in "Schuster Lange" besonders zur Geltung, wo das einfache Leben sowie die sozialen Strukturen seiner Zeit thematisiert werden. Wicherts engagiertes Interesse an sozialer Gerechtigkeit und die enge Verbundenheit mit den Menschen seines Heimatlandes prägen seinen Schreibstil und seine Charaktere, die mit universellen menschlichen Sorgen konfrontiert sind. "Schuster Lange" ist eine eindrucksvolle Lektüre für all jene, die sich mit den Fragen des menschlichen Daseins auseinandersetzen möchten. Wicherts einfühlsame Darstellung und die vielschichtige Handlung laden den Leser ein, sich in die Gedankenwelt der Protagonisten zu vertiefen. Dieses Werk ist nicht nur ein faszinierendes literarisches Erlebnis, sondern bietet auch tiefgehende Reflexionen über die Herausforderungen des Lebens, die bis heute relevant sind.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ernst Wichert

Schuster Lange

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547841326

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text
Novelle von Ernst Wichert.

Daß der alte deutsche Handwerkerstand immer mehr im Schwinden, kann als eine Thatsache gelten, über die unter Gelehrten und Ungelehrten kein Streit obwaltet. Er verliert sich in den allgemeinen Arbeiterstand und büßt den Fabrikanten gegenüber seine Selbstständigkeit ein, die ihrerseits nicht einmal in die Lehre gegangen sein dürfen, sondern „ihr Capital arbeiten lassen“ und „wie Kaufleute“ verdienen wollen. Leute, die sich den Kopf darüber zerbrechen, was aus der Welt werden solle, sind sehr verschiedener Meinung über diese Umgestaltung der Gesellschaft. Die Einen klagen, sie sei sehr bedauerlich und bedrohe den conservativsten Theil des städtischen Mittelstandes zum großen Schaden der Gemeinden und des Staates mit gänzlicher Auflösung; die Andern finden es durchaus zu loben, daß der allgemeine Fortschritt endlich auch mit diesen, nur noch geschichtlich berechtigten, aber jetzt veralteten Formationen aufräume; die Allerklügsten sagen: ob gut, ob übel, es ist natürlich, daß es so kommt, und man muß den Dingen ihren Lauf lasten.

Zu diesen Allerklügsten, rathe ich wohlmeinend, wollen auch wir gehören – wenigstens so lange wir uns mit dieser sehr einfachen Geschichte beschäftigen, die es mit einem ganz alten Handwerkerhause zu thun hat, und mit einem ganz altmodischen Manne, der da hinein paßt. Dergleichen Bau- und Gesellschaftsreste aus längst entschwundenen Tagen ragen manchmal recht wunderlich fremd und doch gemüthlich anheimelnd aus ihrer Umgebung vor und in die modernste Gegenwart hinein. So ein altes Haus und so ein alter Mensch sind selten bequem, aber einmal ansehen mag man sie doch gern.

Wie ich die Bekanntschaft jener Beiden machte, ist ein so prosaischer Vorgang, daß ich Bedenken tragen müßte, ihn mitzutheilen, wenn ich nicht die Verpflichtung fühlte, durchweg der Wahrheit die Ehre zu geben. Und so sei denn gesagt, daß ich einmal einem befreundeten Arzte in Ermangelung anderer Leiden klagte, wie sehr mich die Stiefel drückten, und daß er mir darauf eine gelehrte Vorlesung über die schädlichen Folgen unpassenden Schuhwerks für den ganzen menschlichen Organismus hielt und mit der Bemerkung schloß, es gäbe nach seinen Erfahrungen nur einen einzigen Schuhmacher in der Stadt, zu dessen Kunst man volles Vertrauen haben könne, und er heiße Lange, wohne in der kleinen Schustergasse Nr. 11 und habe keinen offenen Laden, aber ein sehr respectables Geschäft. „Der Mann wird Sie auch sonst interessiren,“ setzte er schmunzelnd hinzu, „und ich wundere mich eigentlich, daß Sie ihn nicht schon selbst entdeckt haben; er ist in seiner Art ein Original. Was er macht, ist vortrefflich, aber man muß mitunter lange darauf warten, wenn er überhaupt von einem neuen Kunden Bestellungen annimmt. Das Beste wird sein, ich führe Sie bei ihm ein, dann thut er vielleicht ein Uebriges. Kommen Sie gleich mit – Ihre Acten laufen nicht fort.“

Er hatte mich neugierig gemacht, und ich nahm gern neben ihm im Doctorwagen Platz, um mich nach der kleinen Schustergasse fahren zu lassen, die in dem engsten Theil der engen Altstadt liegt und in der Zeit, als in den Städten jede Berufsclasse sich auch örtlich zu sondern und zusammenzusetzen liebte, die Mitglieder der ehrsamen Schusterzunft vereinigt hatte. Wir hielten mitten in der Gasse vor einem jener schmalen und tiefen Bürger- und Handwerkerhäuser, die nur zwei Fenster Fronte, dafür aber vier Stockwerke übereinander haben und mit einem hohen Spitzgiebel schließen, den man mit dem Auge nur ermessen kann, wenn man den Kopf tief in den Nacken zurücklegt. Aus den massiven Holzrinnen zu beiden Seiten des Daches wuchsen Drachen von Blech mit weitaufgesperrten Rachen über die Straße hinaus und auf dem Gesims von Holzschnitzerei über der Hausthür hatten drei Figuren Platz, von denen die mittelste und höchste einen Handwerksmeister in mittelalterlicher Tracht mit Federhut und Schwertgehänge vorstellte. Das hohe und schmale Fenster daneben zeigte noch kleine, in der Mitte schneckenartig ausgebauchte Scheiben in Bleieinfassung. Das entschieden Merkwürdigste an diesem unteren Geschoß war aber unzweifelhaft das runde Schild zwischen Thür und Fenster: in der Mitte war ein Schuh abgebildet, wie man ihn zur Zeit des dreißigjährigen Krieges zu tragen pflegte, und darunter stand, offenbar in sehr alten Schriftzügen, „zünftiger Schuhmachermeister“, während der obere Theil vielfach mit Oelfarbe übermalt zu sein schien und auf der obersten Decke jetzt den Namen „Gotthilf Lange“ trug. Die ganze Geschichte des Hauses war von diesem kleinen Schilde abzulesen; die Bewohner wechselten; jeder löschte den Namen seines Vorgängers aus und setzte den seinigen an die Stelle, aber der „zünftige Schuhmachermeister“ blieb immer derselbe und wohnte auch jetzt noch dort, allen neueren Gewerbegesetzen zum Trotz, die von der Zunft nichts mehr wissen wollten und nicht einmal mehr von der Meisterschaft sonderlich viel hielten.

Der Doctor setzte einen messingenen, spiegelblanken Klöppel in Bewegung – ein Glockenzug fehlte – worauf eine Magd öffnete. Sie trug die kleine weiße Mütze, „Hülle“ genannt, auf dem Kopfe, die wir noch in unserer Kinderzeit als Dienstbotentracht gekannt haben. Wir traten in einen großen, übermäßig hohen, mit Fliesen ausgelegten Flur und über einige Stufen durch eine Glasthüre in das einzige schmale, aber tiefe Zimmer parterre, das sein Licht durch ein großes Fenster mit vier Flügeln vom Hof her erhielt, und aus dem der scharfe, anfangs den Athem beengende Geruch von gegerbtem Leder uns entgegendrang.

An dem Tisch, um den in Stapeln Rinds- und Roßhäute, Kalbs- und Ziegenfelle, Saffianrollen und Sohlenstücke lagen, stand, uns den Rücken zukehrend, ein breitschulteriger Mann in Hemdärmeln und Schurzfell, eifrig damit beschäftigt, ein Leder zu untersuchen. Erst als der Doctor ihm ein munteres „Guten Tag!“ und „wie geht’s, Alter?“ zurief, wandte sich das runzelige und graubärtige Gesicht mit den hellen blauen Augen halb zu uns zurück. Das schwarze Sammetkäppchen wurde über der kahlen Stirn ein wenig gelüftet, und eine sonore Stimme antwortete: „Ihre Stiefel kommen morgen vom Leisten, Herr Doctor; früher war’s beim besten Willen nicht möglich.“

„Sicher wieder ein Kunstwerk,“ schmeichelte mein Führer; „man ist das schon so gewohnt vom Meister Lange. – Ich sage Ihnen, lieber Freund,“ wandte er sich zu mir, „ein Stiefel bequem wie ein Schlafschuh, und dabei doch knapp, ohne Falten, wie ausgegossen.“

„Nun, nun, Herr Doctor,“ lächelte das alte Gesicht halb wohlgefällig, halb abwehrend; „loben Sie nicht über Maß! Leder bleibt Leder, und was für die Dauer passen soll, muß zu Anfang nicht zu commode sein. Es geht überall im Leben nicht anders.“

Der Doctor setzte die Posaune nicht so leicht ab. „Aber der Mann hat auch Material,“ rief er, mit dem Stock auf die Stapel rechts und links schlagend. „Meister Lange kennt die Quellen. – Sie sollen einmal sein Lager sehen. Das zeigt er Ihnen ein ander Mal; aber Ihre Sammlung von Leisten, Meister – hoch interessant! übrigens auch historisch merkwürdig. Denken Sie sich, es sind darunter noch Hölzer aus dem sechszehnten Jahrhundert – und für was für Füße!“

„In so einem alten Handwerkerhause sammelt sich dergleichen auf,“ antwortete der Alte ruhig; „und für einen Schuhmacher hat’s wohl Bedeutung, aber für die Herren –“

„Das ist unsere Sache,“ fiel ihm der Doctor in’s Wort. „Mein Freund hier schwärmt für Antiquitäten, und auch ich habe zu allem echt Menschlichen gern Beziehung. Was kann aber menschlicher sein, als der Wunsch, zu so viel anderem Druck, den wir schon zu tragen haben, nicht auch noch von seinem Stiefel gedrückt zu werden? Uebrigens dient das alte Zeug nur zum Vergleich der eigenen Verbesserungen unseres wackeren Meisters.“

„Machen Sie nicht viel Rühmens davon,“ bat der bescheidene Mann. „Ich denke mir immer, wenn Jemand sein ganzes Leben bei einem so einfachen Handwerk zubringt, so wär’s eine Schande, brächt’ er es nicht darin zu was Rechtem. Meisterschaft will freilich auch im Kleinen erworben sein.“ Damit zog er einen Bund Schlüssel aus dem Riemen seines Schurzfells und öffnete die Thüren der mächtigen Schränke. „Da haben Sie alle Kunden dieses Schusterhauses von Anbeginn – fehlt kein Hühnerauge noch Ueberbein,“ sagte er mit derbem Humor.

Zum Ziel kam ich an jenem Tage noch nicht. Alles, was der Doctor für mich erlangen konnte, war, daß der Alte meinen Namen mit Kreide auf die innere Wand einer Thür einschrieb, die auch sonst schon als Tafel gedient hatte. Er verspreche nichts, was er nicht halten könne, meinte er. Mein Begleiter ging noch hinaus „zur alten Mama“, und ich wurde von der Magd mit einem zeremoniellen Knix ausgelassen.