Die brennende Tante - Max Dernet - E-Book

Die brennende Tante E-Book

Max Dernet

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Beschreibung

Vom Lageristen der Ewigkeit, von der unheimlichen Anprobe, vom mörderischen Gemeinsinn, vom unerfahrenen Teufel, vom Vater, der auszog, uns das Verschwinden zu lehren, von einer Verklärung an Wurstsalat, von jämmerlichen Paradiesen, von Bauchpinseleien, vereinsamten Göttern, unheimlichen Wohltätern und andere Geschichten.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Die brennende Tante

Kurzgeschichten von

Max Dernet

Impressum

Covergestaltung: Pandora Dernet

Gemälde: „Die Geldesserin“ von Ludwig Drahosch

Copyright: © 2011 Max Dernet

© 110th / Chichili Agency 2015

EPUB ISBN 978-3-95865-654-3

MOBI ISBN 978-3-95865-655-0

Urheberrechtshinweis:

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Die brennende Tante

für Sigrid

Inhalt

Die Anprobe

Der Mann im Overall, das gestreifte Tier und später der Sikh

Comandante

Come on!

Aschermittwoch

Der wahre Dosenfisch

Der Wohltäter

Tante Nomie

Sur le pont d'Avignon

Der Achternbusch oder eine Verklärung an Wurstsalat

Friday on my mind

Nenn uns Wittmann!

Hotel Rheingold

Kein Josef

Schwabinger Biergarten

Audienz beim gelben Kaiser

Pan

Die brennende Tante

Alle Herrlichkeit der Welt

Das Bauchpinselchen

Die Anprobe

Er ist nun doch früher als vereinbart angekommen und drückt nach einigem Zögern den Klingelknopf beim Gartentor, über dem auf blankem Messingschild zu lesen steht:

‚A. Bading Schneidermeister’.

Es dauert geraume Zeit, bis sich ein Fenster öffnet. So hat Jakob Muße, die im Schaukasten angepinnten alten Modezeichnungen zu betrachten. Einen Wintermantel sieht er da, für den stattlichen Herrn, mit wuchtigen Schulterpolstern und breitem Kragen, daneben einige Jacken und Kostüme. Flüchtig geht sein Blick über die vergilbten Blätter. Drei Tage noch.

„Hallo“, hört er schließlich eine Stimme aus dem Haus, das nahezu verdeckt steht, hinter dem herbstlich leuchtenden Blattwerk der Büsche und Bäume. Jakob ruft seinen Namen dagegen und wird hereingebeten.

Der Eingang liegt an der Rückseite, und so geht er rasch um das Haus herum. Sein Blick fällt auf den von Winden überwucherten Drahtzaun an der Nordgrenze des Anwesens, auf ein kleines, mit einem Vorhängeschloss gesichertes Tor. Einige Meter hinter dem Zaun führen die Geleise der Bahnstrecke nach Rosenheim vorbei. Jenseits des geschotterten Dammes der Bahnstrecke zieht sich der Wald zur Heilanstalt hin. Die Bäume am Waldrand stehen eigenartig für sich, eine große Föhre mit schiefem Stamm, zwei hohe Buchen, eine alte Eiche, mehrere Kiefern mit wunderlich verwachsenen Kronen. Dahinter breitet sich die dunkle Monotonie der Fichten bis hinüber zu den ersten Gebäuden der Klinik. Und zur Grube. Dort drüben ist jetzt fast alles bereit.

Die Frau des Schneidermeisters kommt ihm auf den letzten Metern entgegen. „Guten Tag, Herr Jakob, Sie sind reichlich früh dran“, sagt sie in einem Tonfall, der ihm sorgsam unterdrückten Abscheu verrät. „Wir sitzen noch bei der Vesper.“

Ein pfauchendes Blasen fährt über ihnen aus dem Haus. Jakob schaut erschrocken auf. Im ersten Stock ragt ein gut zwei Meter langes Stück Rohr aus der Mauer. Dampf quillt aus ihm heraus, einige Tropfen kondensiertes Wasser rieseln herunter. „Der Dampfbügler“, sagt die Meisterin, als sie seinen Blick bemerkt. „Heute wird ein Posten Uniformen fertig, die müssen gebügelt werden.“

Jakob wird von der Frau durch den niedrigen Hausgang und die große Küche in den Speiseraum geführt, ein Erkerzimmer mit drei Fenstern. Zwei davon gehen nach Norden hinaus, man sieht den dunklen Umriss des Waldrands durch die weißen Gardinen. Auf der Bank im Erker sitzen der Schneidermeister Bading und zwei seiner Gesellen.

Jakob kennt den Älteren der beiden, den Altgesellen Schleh, einen kleinen, breitgesichtigen Mann in mittleren Jahren. In seinem gelocktem braunen Haar kringeln sich die ersten grauen Fäden. Ein ruhiger Mensch, schüchtern durch seinen Sprachfehler, fleißig und von großer körperlicher Kraft. Zentnersäcke hebt er wie nichts. Die schweren Ballen Uniformstoff, die ansonsten zwei Gesellen tragen müssen, schleppt er alleine vom Lager in die Werkstatt. Er lebt wie ein Mitglied der Familie im Haus des Schneiders,.

Zwischen Schleh und dem Meister sitzt ein großer Mensch, noch keine zwanzig, breitschultrig, mit verknorpelten Augenbrauen und roten, knubbeligen Ohren. Die schweren Arme liegen zu beiden Seiten seines Tellers auf dem großen, runden Tisch. Auf dem rechten Arm bemerkt Jakob eine kleine Tätowierung. Die Männer kauen. Vor ihnen stehen dampfende Tassen mit Schokolade. Jakob sieht einen angeschnittenen Laib Brot, das Einmachglas halbvoll mit Marmelade, eine Schale mit einem winzigen Rest Butter darauf, die große Kanne mit dem heißen Getränk. Er spürt plötzlich einen saugenden, schwächenden Hunger.

„Grüß Gott, Herr Jakob. Wollen Sie auch eine Tasse?“ fragt der alte Bading. Ein verbliebenes Büschel weißen Haares steht ihm hoch vom schmalen Kopf. Seine runde Brille gibt ihm ein unentwegt fröhliches Aussehen, obwohl auch er wenig zu lachen haben dürfte, in diesen Zeiten.

„Herr Jakob kommt wegen des Anzugs“, sagt seine Frau streng. Sie ist an der Türe zur Küche stehengeblieben.

Bading setzt die Tasse, die er bei seiner Einladung zum Mund führte, wieder ab. „Ich weiß“, sagt er.

Der baumlange junge Mann, schon im Sitzen geht er dem nun eng vor dem Tisch stehenden Jakob bis fast an die Brust, nimmt den Brotlaib und schneidet sich einen mächtigen Kanten ab.

„Das ist Waldemar Knöring, unser neuer Geselle“, sagt der Schneidermeister, als er Jakobs prüfenden Blick bemerkt. „Er kommt aus Rosenheim. Waldemar boxt im dortigen Verein. Sie dürfen wieder boxen, seit zwei Monaten.“

Jakob betrachtet stumm die Tätowierung an Waldemars Arm. Ein kleiner Anker. Harmlos.

„Und dann blutet er uns beim Zuschneiden am Montag wieder die Stoffe voll“, sagt Frau Bading.

„Das war doch nur einmal, weil ihm die Braue wieder aufgegangen ist, am Montag, nach seinem Kampf“, beschwichtigt Bading.

Waldemar sagt nichts. Er hat das Brot inzwischen dick mit Marmelade bestrichen und beißt nun große Happen ab.

„Wo er doch morgen wieder einen Kampf hat“, sagt der Meister.

„Übermorgen“, berichtigt ihn Waldemar. Er kaut und schluckt: „Gegen einen starken Mann.“

„Dann schneidest Du am Montag nicht zu, sondern gehst an den Dampfbügler“, sagt Frau Bading streng zu dem jungen Riesen.

„Wollen Sie nun eine Tasse Kakao“, fragt Bading erneut.

„Nein, danke“, sagt Jakob. Er mustert die drei Männer am Tisch und bemerkt , dass Schleh einen Arm verbunden hat. „Was ist denn da passiert“, fragt er und weist mit seinem Kinn auf den Arm des Gesellen.

„Er hat sich vorhin verbrannt. Am Dampfbügler“, sagt der Schneidermeister.

Schleh versucht, seinen verletzten Arm unter dem Tisch zu verbergen. „Ist nicht so schlimm“, nuschelt er. Draußen dröhnt und keucht ein Zug vorbei nach Osten, eine lange, von zwei schwarzen Lokomotiven gezogene Reihe grüner Waggons.

„Der Orientexpress!”, Bading hebt die Stimme, um den ins Zimmer brandenden Lärm zu übertönten. „Mit Kurs nach Rosenheim und weiter, auf den Balkan und immer weiter bis hinunter nach Istanbul.“ Er schaut sehnsüchtig hinaus, auf die in den Wald verwehenden Schwaden. Dann starrt er in seine Tasse.

„Du solltest Herrn Jakob jetzt den Anzug probieren lassen, Adolf!“, sagt seine Frau grimmig.

Bading steht auf. „Er hängt oben, in der Werkstatt“, sagt er.

Auch die Gesellen erheben sich.

Jakob folgt dem Schneidermeister in den ersten Stock. Hinter ihm stampft Waldemar die Treppen hoch.

In der Werkstatt deutet der Meister auf einen Bügel. Die mit groben Stichen zusammengefügte, bräunlichschwarze Jacke hängt darüber. Auf dem Tisch daneben liegt die fast fertige Hose. Nur die Knöpfe am Hosenschlitz fehlen noch.

„Ich habe altes Fahnentuch genommen, für den Anzug“, sagt Bading.

„Wie passend“, sagt Jakob.

„Es ist wie ein Anspucken“, erwidert Bading heftig, „doch wir hatten keinen anderen Stoff.“

„Sie haben es verdient“, sagt Jakob.

Bading antwortet nicht. Seine Hand fährt sacht über die Jacke.

„Meine Frau hat den Stoff vorgestern gefärbt. Das Tuch kann kratzen. Aber es ist ja nur für das eine Mal“, sagt er.

„Hoffentlich“, sagt Jakob.

Bading blickt erschrocken auf. „Glauben Sie, es wird noch mehr geben?“

„Weiß ich nicht“, sagt Jakob, „ich bekam meine Order nur für diesen Montag.“

„Wir müssen heute nur die Jacke anprobieren. Die Hose paßt ja.“ Bading nimmt das Kleidungsstück vorsichtig vom Bügel und hält es Jakob weit geöffnet entgegen.

Jakob dreht sich um und fährt, vorsichtig, um die provisorischen Nähte nicht zu zerreißen, mit den Händen in die Ärmel. „Wird bis morgen alles fertig?“ fragt er.

Auch Schleh ist inzwischen in die Werkstatt gekommen und an den Dampfbügler getreten. Er nimmt eine Uniformhose von einem großen Haufen gleichartiger Hosen, legt sie auf das blanke Metall und klappt die Bügelleiste herunter. Es zischt leise, Dampf quillt zwischen den Platten hervor, es riecht streng nach Stoff. Der junge Knöring hat sich an der Werkbank beim Fenster einen dicken Stapel Tuch genommen und schneidet mit einer riesigen Schere die aufgezeichneten Kreidelinien nach.

Bading tritt prüfend vor Jakob hin und zieht in kleinen Rucken das Jackett zurecht. Jakob, um der plötzlichen Nähe von Badings Gesicht auszuweichen, schaut hinüber zum Fenster. Draußen werden die Schatten lang

„Für wann ist sie angesetzt?“, fragt der Schneidermeister. Er hat eine blaue Kreide genommen, hebt Jakobs Arm und zieht Linien zwischen Brust und Achsel.

„Montag um sieben Uhr. Das Gerüst ist bereits fertig“, antwortet Jakob.

„In drei Tagen schon“, murmelt Bading leise vor sich hin.

„Der Anzug braucht nicht perfekt zu sitzen“, sagt Jakob. „Man wird keinen Blick für eventuelle Falten haben.“ Er schweigt. Alle schweigen.

„Ich weiß“, sagt schließlich der Schneidermeister. Er schaut starr auf Jakobs Brust. „Wichtig ist eigentlich nur, dass der Anzug rechtzeitig fertig wird. Doch ich kann nun einmal nicht aus meiner Haut. Selbst diesmal nicht. Was ich mache, muss sitzen.“

„Ich brauche noch zwei Assistenten“, sagt Jakob, er hält die Arme nach Weisung des Schneiders erhoben. „Man hat mir für den Vollzug freie Hand gegeben. Alles muss von uns Ortsansässigen geleistet werden. Kein Soldat wird Hand anlegen. Ich dachte deshalb an ihre beiden Gesellen. Kräftige Leute, falls einer sich sträuben sollte. Es gäbe auch Extrarationen hinterher.“

Bading antwortet lange nicht. „Das müssen Sie mit den beiden ausmachen“, sagt er schließlich. Er spricht undeutlich, mit einer Reihe von Nadeln zwischen den Zähnen. Eine nach der anderen zieht er zwischen den Lippen hervor und steckt die Korrekturen am Rücken ab.

„Eine Weigerung würde wahrscheinlich Gefängnis bedeuten“, sagt Jakob, halb über die Schulter zum Meister hin, halb zu den Gesellen.

„Wollen Sie Schleh das zumuten? Ein früherer Geselle ist auch darunter“, sagt der Meister. Er kniet sich hinter Jakob hin und nestelt am unteren Saum des Jacketts.

„Ich werd‘s mir überlegen“, sagt Jakob

„Außerdem, wenn der Waldemar nun mit einem blauen Auge zurückkommt von seinem Kampf? Er kann sich doch da nicht mit einem zerschlagenen Gesicht hinaufstellen. Das wäre würdelos. Sonst könnten Sie das ja auch in alten Hosen und einem Regenmantel erledigen.“

„Ich sagte bereits, ich überlege es mir“, entgegnet Jakob barsch.

„Mach doch mal Licht“, schnauzt Bading den Altgesellen an. „Ich sehe ja gar nicht mehr, was ich da abstecke.“

Schleh geht zur Türe und schaltet das Licht ein. Grell flutet es über die Werkbänke und Nähmaschinen. Er schaut Jakob an. „Mit meinem Arm wäre ich keine Hilfe. Ich kann kaum greifen damit“, sagt er.

„Ich werde sehen, ob ich zwei Pfleger aus der Anstalt verpflichten kann“, sagt Jakob. „Es ist vielleicht auch besser, wenn niemand die Brandwunde sieht. Man könnte sonst auf Gedanken kommen.“

„Da war keine Tätowierung, wenn Sie das meinen“, sagt Schleh. „Es ist nur eine Brandblase. Hier vom Bügler.“

„Wir sind fertig“, sagt Bading, er atmet tief aus dabei. „Sie dürfen die Jacke jetzt ausziehen. Morgen früh können sie den Anzug abholen.“

„Wann genau?“, fragt Jakob.

„Um zehn Uhr“, antwortet Bading. Er hängt die Jacke wieder auf den Bügel.

Jakob verabschiedet sich. Doch keiner der Männer sieht von seiner Arbeit auf. Jakob steigt die Treppe hinunter, durchquert den kleinen Vorbau und geht ums Haus.

Morgen um Zehn Uhr . Dann hat er vorher noch Zeit, zu schauen, ob die Seile und der Sandsack geliefert wurden und kann die Falltüre erproben.

Draußen ist es Abend geworden. Das Firmament wölbt sich unglaublich hoch und klar und wird im Westen von den letzten Strahlen der untergegangenen Sonne verwandelt. Purpurn leuchtet der Himmel im Westen. Wolkenbänder hängen, wie aus Blei gegossen, im Zenit. Jakob geht ums Haus, zurück zur Straße.

Durch die Stille röchelt das Abrohr des Dampfbüglers.

Der Mann im Overall, das gestreifte Tier und später der Sikh

‚Wir alle wünschen uns zuweilen ein farbenpralles Leben mit glatten und seidigen Oberflächen’. Betrunken starrte ich auf diesen ersten Satz, dem seit Tagen kein zweiter folgen wollte. Und gestand mir erstmals rückhaltlos ein: Ich konnte nicht schreiben; hatte es nie gekonnt, würde es auch nie können. Ich schenkte mir nach - die Flasche gab noch ein viertel Glas her - kippte den Calvados hinunter.

Noch niemals zuvor hatte mich solcher Lebensekel überschwemmt. In Sekunden, mit einer Gewalt, die jedes Fragen nach seiner Ursache lächerlich erscheinen ließ. Der Abscheu war Gewissheit und die Lösung lag auf der Hand. Ich zögerte jedoch - wie immer. Sollte ich noch den Sikh abwarten, um dann ungestört zu sein, oder schon jetzt allen Mut zusammennehmen? Vor mir lag die Pistole. Ölig schimmerte sie auf dem Tuch, in dem sie jahrelang eingehüllt hinter einem Dachsparren gesteckt hatte. Für schlechtere Zeiten, wie die jetzige. Den Lauf in den Mund, sich ab sofort die Welt ersparen und den galligen Geschmack des Scheiterns ein für alle Mal auslöschen.

Es klopfte. Sicherlich der Sikh, mit meiner Bestellung vom Nachmittag, als ich noch Hunger verspürt hatte, vor diesem plötzlichen Dammbruch meiner Illusionen und der Sturzflut an Sinnlosigkeit. Curryhuhn hatte ich bestellt, zwei Flaschen sogenannten ‚Merlot’ dazu und die ‚exotische’ Nachspeise als kostenlose Dreingabe.

Auch gut, dann eben noch die Henkersmahlzeit, falls man das letzte Mahl vor der Selbstauslöschung so nennen kann, einige Abschiedstoasts hinterdrein. Je betrunkener desto besser, wenn ich mir die Kugel in den Rachen jagte. Ich stand auf und wankte zur Tür.

Doch vor der Türe stand nicht der Inder, sondern ein mir unbekannter Mann im grauen Overall, mit klobigen schwarzen Schuhen, wie ich, seltsam genug, als erstes feststellte. Er trug einen schwarzen Bowler, darunter eine gelangweilte, blasierte Miene zur Schau.

„Tun Sie’s nicht“, sagte er.

„Was soll ich nicht tun?“, lallte ich benommen.

„Sie müssen noch einiges fertig stellen“, antwortete er, ohne weiter auf meine Frage einzugehen. Er schob mich ebenso sacht wie nachdrücklich zur Seite und trat ins Zimmer.

Ein Verleger? Ein Kritiker? Ein Mäzen, oder nur ein Gerichtsvollzieher mit schrägem Humor? Ich starrte den Mann mit offenem Mund an.

„Nein“, sagte er lächelnd.

Konnte der Mann Gedanken lesen?

„Nicht, was Sie jetzt vermutlich denken. Ich bin weder Verleger noch Literaturagent und pfänden will ich auch nicht. Man könnte mich eher als eine Art Lagerverwalter bezeichnen.“

„Aha“, sagte ich, um etwas zu sagen, wankte zurück ins Zimmer und warf die Türe hinter mir zu.

Der Mann schaute mich angewidert an und drehte den Kopf zur Seite, wohl, um meinen Schnapsatem nicht riechen zu müssen. Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken, sah zu Boden, begann zögerlich, die zwei möglichen Schritte durchs Zimmer zu schreiten und setzte dabei zu einer Erklärung an.

„Es ist so: Das Schöne in all seinen Hervorbringungen wird von uns gewissermaßen ‚entzeitet’ und aufgehoben. Für immer. Dadurch dauert auch sein Erzeuger fort. Von Ihnen ist ebenfalls etwas deponiert worden. Nur scheinen Sie diesen Text bisher noch nicht geschrieben zu haben. Ihr heutiger Selbstmord würde deshalb eine paradoxe Situation erzeugen. Das wäre ärgerlich, wir wollen doch die große Ordnung nicht durcheinander bringen. Deswegen also sagte ich: ‚Tun Sie es nicht.’ Noch nicht. Sie verstehen?“ Mit einem Blick, der durch mich hindurchzugehen schien, lüftete er seinen Bowler, strich sich das lange goldbraune Haar nach hinten und setzte den Hut wieder auf.

‚Was für ein Schnösel’, dachte ich und sagte: „Wenn Sie so unglaublich gut Bescheid wissen, dann beantworten Sie mir doch ein, zwei Fragen.“ Ich ließ mich auf meinen Stuhl fallen.

„Gerne, wenn ich kann“, antwortete er höflich. Er ging dabei die zwei Schritte zum Fenster und zog es auf.

Ich öffnete gerade den Mund, um meine erste Frage zu stellen, als es an der Türe kratzte. Ein lautes Kratzen, das von großen Krallen herrühren musste. Erschrocken hielt ich inne.

Dem Mann schien dieses Geräusch recht vertraut. Jedenfalls ging er ohne zu zögern zum Eingang und öffnete. Draußen saß ein gestreiftes Tier. Seine Art war mir unbekannt: kein katzenartiges Lebewesen, auch kein Hund. Mannsgroß, mit glänzenden Facettenaugen. Sicherlich ein Gaukelspiel meines delirierenden Hirns.

Ich beschloss, das Wesen zu ignorieren.

Nicht so der Mann.

„Du, natürlich“, sagte er, in einem Ton, als überkomme ihn eine gewohnte, jedoch unvermeidbare Plage. Das Tier strich an ihm vorbei und schnupperte sorgfältig den Raum ab. Schließlich setzte es sich in die Zimmermitte, nach Bärenart auf die Hinterbeine und starrte mich reglos an. Ich schaute weg. Auch der Mann musterte mich schweigend, so als erwartete er von mir eine angemessene Reaktion.

„Sie wollten mir einige Fragen beantworten“, sagte ich verlegen.

„Zwei Fragen. Höchstens“, war seine knappe Antwort. Er schloss das Fenster, beäugte das Tier dabei.

„Was soll dieses Gerede von der Ewigkeit und dem Schönen?“, fragte ich.

„Haben Sie noch nie über den Sinn Ihres Lebens nachgedacht?“

Die Gegenfrage kam schnell und war geistesabwesend dahin gesprochen; die ganze Aufmerksamkeit des Mannes galt offensichtlich der gestreiften Kreatur.

„Natürlich“, sagte ich. „Eigentlich tue ich das jeden Tag. An Samstagen auch mehrmals. Leider bin ich bisher zu keinem überzeugenden Resultat gekommen.“

„Kein Wunder“, sagte der Mann. „Das werden Sie auch nie. Denn Sie sind Angehöriger einer Rasse von Entscheidern. Gehörten Sie zu einer Spezies Einsichtiger, hätten Sie die Lösung längst gefunden.“

„Existieren denn irgendwo Einsichtige? Hat die Natur diese Fähigkeit überhaupt vorgesehen?“

„Aber ja“, antwortete der Mann. Er wandte mir, matt lächelnd, sein Gesicht zu. „Drei Sonnensysteme weiter gibt es einen ganzen Planeten voll davon. Dort sitzt man ruhig, nährt sich vom Licht der Sterne und wächst mit jedem Gedanken.“

Schlagartig wurde mir die Situation klar. Ein Irrer, zweifellos. Mit seiner seltsamen, dressierten Kreatur. Vermutlich waren die beiden einem dieser neuerdings in Mode gekommenen psychotischen Wanderzirkusse entlaufen. Ob das Tier gefährlich werden konnte? Streifen waren von der Natur doch immer als Warnsignal gedacht!

„Keine Angst. Ich will dir nichts Böses“, summte es in meinem Kopf. Im selben Moment hatte das Tier seine Fellzeichnung gewechselt und saß nun fröhlich getupft vor uns.

„Diese Einmischung ist gegen die Regeln!”, keifte der Mann. Er hatte die Veränderung schneller bemerkt als ich. Ein fixer Kerl, zweifellos. Vermutlich gehörte er zu einer Spezies von Schnellmerkern.

„Nein“, summte die Stimme in meinem Kopf. „Er ist ein Lagerverwalter der unteren Kategorie. Dein Deponat gehört ja lediglich zur Gruppe des Wünschenswerten und nicht zu den unverzichtbaren Einlagerungen. Leider ist er nicht nur Verwalter, sondern auch ein Kuckuck. Sei also auf der Hut vor ihm.“

Ein Kuckuck? Beim Versuch, meine Benommenheit loszuwerden, schüttelte ich mich wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Doch das Summen des Tieres schien meine Trunkenheit noch zu verstärken.

Der ‚Lagerverwalter’ beobachtete mich genau. Er wirkte mit einem Mal verunsichert. Anscheinend bekam nur ich die Mitteilungen des Tieres in den Kopf gesummt.

„Ich denke, ich habe ein Lösung für unser Problem“, sagte er nach einigen Sekunden des Zögerns mit Nachdruck, offenbar um seine wachsende Unsicherheit zu überspielen. Er trat zwischen mich und das Tier.

„Sie haben das Eingelagerte zwar noch nicht geschrieben, wollen nichtsdestotrotz Ihrem Leben ein Ende setzen. Das ist Ihr gutes Recht, bringt aber leider einen üblen Knoten in den Ablauf der Ereignisse. Wenn Sie nun den Text des Exponates einfach abschrieben, bevor Sie sich die Kugel geben? Man könnte nicht von einem Plagiat sprechen, denn Sie wären ja der Urheber, hätten Sie sich nicht vor der Niederschrift entleibt. Nehmen Sie meinen Vorschlag an, so haben wir einen ordentlichen Verfasser, keine zweifelhafte Kunst aus dem Nichts. Glücklicherweise habe ich eine Abschrift ihres Textes bei mir.“

Er griff in seinen Ärmel und holte ein dünnes Manuskript heraus.

„Glaube ihm nicht“, summte das Tier zwischen meinen Ohren. „Den Text hat er selber geschrieben. Er macht das häufig und schiebt seine Worte dann einem der zahlreichen Selbstmordkandidaten aus der Schar verhinderter Literaten unter. So lässt er die Fortdauer des Seinen aus eurer Verzweiflung erbrüten. Soll alles, was du hinterlässt, ein untergeschobener Text sein?“

„Mir ist meine Hinterlassenschaft völlig gleichgültig. Eine billige Fälschung wäre der durchaus würdige Abschluss eines vertanen Lebens“, sagte ich.

Grimmig schaute der Lagerverwalter zwischen mir und dem Tier hin und her. Er stellte sich direkt vor mich hin, als versuche er, jeden Blickkontakt zwischen mir und dem seltsamen Wesen zu unterbinden. Dabei wedelte er mit dem Manuskript vor meiner Nase herum.

„Und wenn der Tod anders ist, als du ihn dir vorstellst?“, brummelte das Tier in meinem Kopf.

‚Als ob es darauf ankäme, wie man sich den Tod vorstellt’, dachte ich verdrossen.

„Es kommt darauf an“, sang das Tier in meinem Schädel.

Irritiert starrte ich auf die Brust des vor mir stehenden Mannes.

„Nun, was halten Sie von meinem Vorschlag?“, fragte der, mit Ungeduld in der Stimme. „Ich garantiere Ihnen auch einen friedlichen, schmerzlosen Tod. Ohne Krach, Pulvergestank und verspritztem Gehirn an den Wänden. Denken Sie doch auch an den Hausmeister und die übrigen Mieter. Außerdem: Was, wenn Sie daneben schießen? Dann haben Sie womöglich noch Jahre trostlosen Vegetierens als Idiot in einer Pflegeanstalt vor sich.“

Diese Aussicht war in der Tat recht unangenehm.

„Geben Sie her“, sagte ich und streckte die Hand nach dem Manuskript aus. Der Lagerverwalter grinste zufrieden, hob pathetisch den Arm über meine geöffnete Rechte und ließ das Manuskript fallen. Leicht wie eine Feder schaukelte das Päckchen Papier auf meinen Handteller.

Ich packte zu, zerriss die feinen Seiten und stopfte mir die Fetzen in den Mund. Für Literatur schmeckte es nicht schlecht. Verdauungsstörungen würde ich wohl keine mehr bekommen.

„Idiot! Ich hätte es wissen müssen. Mit einem Versager wie dir...“ Das Gesicht des Verwalters lief dunkelrot an. Er ballte die Fäuste.

Wollte er auf mich losgehen? Ich wich seitwärts aus, war mit zwei Schritten am Tisch, packte die Pistole und zog den Schlitten durch. Mit einem Mal war alle Verzweiflung von mir abgefallen. Die Welt strahlte, ich bebte vor Energie.

„Raus jetzt“, sagte ich zu dem Mann und richtete den Lauf auf ihn. „Wenn ich mich schon mein ganzes Leben lang zum Idioten gemacht habe, will ich das nicht auch noch in meinen letzten Minuten tun.“

Außer sich vor Wut rollte er mit den Augen, starrte einen Moment auf die Waffe in meiner Hand, drehte sich wortlos um und ging zur Türe. Als er an dem Tier vorbeiging, trat er ihm mit aller Kraft in die Seite. Das Tier jaulte schmerzerfüllt auf und bleckte sein Gebiss. Ich erschrak, meine Finger zuckten, mit mörderischem Krachen entlud sich ein Schuss. Die Kugel schlug ein großes Stück Putz aus der Wand über dem Türrahmen. Weiß bestäubt stürzte der Mann aus dem Zimmer und warf die Tür hinter sich zu. Ich starrte auf die Waffe in meiner Hand. Ein zweites Mal würde ich den Abzug nicht betätigen.

„Glückwunsch“, summte es in meinem Kopf. Das Tier leckte seine getretene Flanke. Sein Fell glänzte jetzt in feinem Schachbrettmuster.

„Wie ist er denn nun, der Tod?“, fragte ich, während ich die Pistole sicherte, die Patrone aus dem Lauf springen ließ und das Magazin aus dem Schaft zog.

„Dies darf ein Entscheider erst erfahren, wenn es soweit ist.“ Das Tier schaute mich an, freundlich, wie mir schien. „Wer die Wahrheit nicht kennen kann, muss sich mit Kunst trösten. So seid ihr nun einmal beschaffen. Und deshalb lieben wir eure Verlautbarungen.“

Es klopfte. Der Hausmeister? Oder gar die Polizei? Ich warf das Tuch über die Pistole und öffnete. Draußen stand der Sikh. In seinen riesigen Pranken wirkten die beiden Weinflaschen wie Piccolos.

„Einmal Curryhuhn, zwei Merlot und ein ‚Nachspeis’ kostenlos“, schnaufte er auf mich herunter. Er bemerkte das Tier, seine Augen weiteten sich für einen Moment, dann sah er wieder unverwandt auf mich und wartete geduldig, bis ich das verlangte Geld aus diversen Hosentaschen zusammengesucht hatte. Sikhs sind eben diskrete Leute.

Als der Inder verschwunden war, befingerte ich ratlos den heißen Karton mit dem Curry. Das Tier schaute mich freundlich an, tappte zu mir an den Tisch und beschnüffelte zaghaft den duftenden Behälter. Wir setzten uns unter dem offenen Fenster auf dem Boden und teilten die Speisen. Das Tier bekam allen Hühnercurry, ich meinen Gratisnachtisch und den Wein. Draußen war es Nacht geworden. Ein warmer Wind kam auf, schob die Wolken auseinander und blähte sacht den Vorhang ins Zimmer herein. Der rauhe Stoff schlug mir ins Gesicht. Unwillkürlich blickte ich auf.

Am leeren Himmel flimmerte ein Stern.

Comandante

„Sie haben hier nur Pizza.“ Anna steht in der Türe des Restaurants und grinst, als würde sie einen schlechten Witz erzählen: „Pizza Americana!“ Ich lächle ihr zu und lege mein Notizbuch vor mich hin. „Warum nicht einmal Pizza?“, frage ich, übertrieben fröhlich.

Anna bemerkt das sofort. Sie mustert mich misstrauisch, wendet noch einmal kurz den Kopf, anscheinend ruft ihr der Kellner etwas nach, spricht einige Worte in das dämmrige Viereck hinter ihrem Rücken und nickt abschließend. Langsam schlurft sie an den Tisch, trotz der Woche Tropensonne bleich wie am ersten Tag, gekrümmt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, immer noch Schmerzen im ganzen Leib.