Die Briefe der Mrs Bright - Beth Miller - E-Book

Die Briefe der Mrs Bright E-Book

Beth Miller

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Beschreibung

Auf der Suche nach verloren geglaubten Möglichkeiten Kay könnte ihren Kalender nach den Briefen ihrer besten Freundin Ursula ausrichten: Seit 29 Jahren geht ihr Herz auf, wenn der blaue Luftpostumschlag, adressiert in Ursulas schräger Handschrift, sanft auf die Türmatte fällt. Als die Briefe aus Sydney jedoch ausbleiben, nehmen sowohl Kays Sorgen um Ursula als auch die um ihren eigenen Alltagstrott immer mehr Raum ein – und gipfeln schließlich darin, dass Kay eines Morgens aufwacht, ihrem Mann den Ring in die Hand drückt und, nur mit einem Rucksack bepackt, das Haus verlässt. Ihr Ziel: Ursula wiederzusehen und zu reisen, etwas, das sie all die Jahre aufgeschoben hat. - Ein emotionaler und herzerwärmender Roman für alle, die wissen, dass es nie zu spät dafür ist, nach dem Glück zu suchen - Für Leserinnen von Sally Page und Helen Francis Paris - Über die Kraft von Freundschaft und den Mut sich seinen dunkelsten Geheimnissen zu stellen

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Seitenzahl: 528

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Kay könnte ihren Kalender nach den Briefen ihrer besten Freundin Ursula ausrichten: Seit 29 Jahren geht ihr Herz auf, wenn der blaue Luftpostumschlag, adressiert in Ursulas schräger Handschrift, sanft auf die Türmatte fällt. Als die Briefe aus Sydney jedoch ausbleiben, nehmen sowohl Kays Sorgen um Ursula als auch die um ihren eigenen Alltagstrott immer mehr Raum ein – und gipfeln schließlich darin, dass Kay eines Morgens aufwacht, ihrem Mann den Ring in die Hand drückt und, nur mit einem Rucksack bepackt, das Haus verlässt. Ihr Ziel: Ursula wiederzusehen und zu reisen, etwas, das sie all die Jahre aufgeschoben hat.

Beth Miller

Die Briefe der Mrs. Bright

Roman

Aus dem Englischen von Susanne Just

Für John, der überhaupt nicht wie Richard ist.

1Kay

An dem Rucksack hing noch das Preisschildchen mit dem Namen des Geschäfts. Ich schnitt es mit meiner Nagelschere ab und stopfte dann ein paar Sachen hinein: eine gemütliche Jeans, ein schwarzes Top, einen blauen Pulli, eine Handvoll Unterhosen, einen vernünftigen und einen unvernünftigen BH. Außerdem schmiss ich noch einige Paar Schuhe, meinen Kulturbeutel, einen schicken Lippenstift, den ich noch nie benutzt hatte, weil er so teuer war, das Buch, das ich gerade las, meinen Pass und mein Schweizer Taschenmesser, das mir mein Vater zu meinem fünfzehnten Geburtstag geschenkt hatte, mit hinein.

Dann, als ob ich jemanden aus einer kitschigen Fernsehserie spielte, riss ich mir leidenschaftlich meinen Ehering vom Finger. Beziehungsweise versuchte ich es, denn es war nicht so einfach, wie es klingt. Das Ding abzubekommen war ein absoluter Albtraum. Manchmal nahm ich ihn natürlich ab. Wenn ich Brot backte, zum Beispiel, weil ich das Gefühl hasste, wenn der Teig darunter festklebte. Wahrscheinlich hatte ich ihn aber schon seit einem Jahr nicht mehr abgenommen. Ich backe nicht sehr oft Brot. Als er endlich ab war, war mein Finger voller roter Quetschmale. Ich schob den Ring in die Tasche meiner Jeans, zog mir den Rucksack auf den Rücken – Gott, war der schwer – und ging hinunter.

Richard saß am Küchentisch und las gerade einen dicken Wälzer über den Zweiten Weltkrieg.

»Das wird toll«, hatte er vor anderthalb Jahren allen verkündet, die es hören wollten, als er endlich jemanden eingestellt hatte, der seinen vierten Laden für ihn leiten würde. »Ich werde alle Bücher lesen, für die ich bisher nie Zeit hatte.« Soweit ich das sehen konnte, las er seitdem an demselben reißerischen Was-wenn-die-Nazis-nicht-verloren-hätten-Schinken.

»Der Wasserkocher ist noch heiß«, sagte er, ohne aufzusehen.

Automatisch ging ich hinüber zum Küchentisch, doch dann fiel mir auf, dass ich gar keinen Tee wollte. Ich wollte überhaupt nichts in diesem Raum.

»Ich muss gehen«, antwortete ich stattdessen und vermutlich klang meine Stimme anders als sonst, weil er mich daraufhin dann doch anschaute und angesichts meines Rucksacks die Augenbrauen hochzog.

»Zum Laden?«, fragte er. Beide schielten wir automatisch hinüber zur Wanduhr. Es war elf, die Uhrzeit, zu der ich mich normalerweise montags und mittwochs auf den Weg machen würde. Das waren meine gemütlichen Tage, wenn Anthony bei Königstintenblau aufsperrte und ich nicht gleich in aller Frühe da sein musste. Aber normalerweise nahm ich keinen riesigen Rucksack mit. Ich fragte mich, ob Rich noch wusste, dass er mir den vor vier Jahren zu unserem Hochzeitstag geschenkt hatte, als Symbol dafür, dass beide Kinder jetzt erwachsen und unabhängig waren und wir nun endlich mehr reisen könnten; etwas, was ich mir schon ewig von ihm gewünscht hatte.

»Gehst du nach der Arbeit noch irgendwo hin?«, wollte er wissen. »Entschuldige, ich habe vergessen, was du heute machst.«

»Ich bin diejenige, die sich entschuldigen sollte, Richard«, entgegnete ich.

»Warum?«, fragte er völlig ahnungslos.

»Weil …«, begann ich, verstummte dann aber. Er sah mich erwartungsvoll an. Eigentlich hatte ich sagen wollen: »… ich dich verlasse«, doch das klang so dramatisch, so dumm. Deshalb sagte ich stattdessen: »… ich, äh, ich fortgehe.«

Richards Gesicht erhellte sich. »Ach, zu Rose?«

»Vielleicht. Ich weiß noch nicht genau.«

»Wie meinst du das? Wo willst du denn sonst hingehen?«

»Na ja, zuerst einmal nach Sydney. Dann vielleicht Venedig. Oder Prag. Und danach, wer weiß? Lissabon oder Russland.«

»Ähh …« Mir war klar, dass er dachte, ich würde einen Scherz machen, aber nicht darauf kam, was daran lustig war. Es klang tatsächlich wie ein Scherz, weil ich ohne ihn nie weiter als Winchester gekommen war. Heiter sagte er: »Soll ich dir ein Mittagessen für unterwegs einpacken?«

»Es tut mir leid, Richard.« Ich holte den Ehering aus meiner Hosentasche und hielt ihn ihm hin. »Es tut mir ehrlich leid.«

Er starrte meine Hand an, dann wanderte sein Blick langsam nach oben, bis er meinen kreuzte.

»Kay, was ist los?«

»Ich gehe fort.« Ich brachte es immer noch nicht fertig zu sagen: Ich verlasse dich.

»Aber was soll das heißen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich … ich gehe fort von dir.«

»Oh Gott. Oh nein.« Er schob sein Buch zur Seite. »Habe ich irgendwas getan?«

Er streckte mir seine Hand entgegen, aber anstatt sie zu nehmen, ließ ich den Ring hineinfallen. Er drehte ihn in der Handfläche, als ob er ihn zum ersten Mal sähe.

»Passiert das gerade wirklich?«

»Ja«, sagte ich. So ein kleines Wort, und normalerweise bedeutete es etwas Positives. Aber nicht immer.

Richard blickte von dem Ring zu mir und sackte dann einfach in sich zusammen. Er ließ die Schultern hängen und vor dem Hintergrund seines erschrockenen, weißen Gesichts sahen die Ringe unter seinen Augen noch dunkler aus.

»Bitte nicht, Kay.«

Ich wusste, dass es besser wäre, jetzt sofort zu gehen, aber ich wollte es ihm auch erklären. Obwohl ich wusste, dass er es nie verstehen würde.

»Weißt du, es gibt so viele Dinge, die ich tun will.« Schwach, Kay, schwach.

»Bitte setz dich, Kayla. Nimm den Rucksack ab. Nur für eine Minute.«

Diesen Kosenamen hatte er schon seit Jahren nicht mehr benutzt. Aber ich schüttelte den Kopf. Wenn ich mich jetzt hinsetzte, würde ich meinen Schwung verlieren, Gründe finden, um mein Fortgehen aufzuschieben, morgen gehen, oder nächste Woche, oder nie.

»Na gut«, sagte er, »dann stehe ich eben auf.«

Über den Tisch hinweg blickten wir uns an. Er sah immer noch gut aus, sein grau meliertes Haar verlieh ihm Würde. Seine blauen Augen, die genau dieselbe Farbe hatten wie Stellas, strahlten hell, obwohl sie jetzt gerade untypisch wässrig waren. Klar, er hatte sich verändert, seit ich ihn als schlaksigen Mittzwanziger kennengelernt hatte, aber wer von uns hatte das nicht? Für einen Mann Ende fünfzig war er in ziemlich guter Form. Breitschultrig, fünfzehn Zentimeter größer als ich. Nicht kann ihn Alter hinwelken, fiel mir sinnloserweise dazu ein.

»Nun«, begann er ruhig, »es gibt also Dinge, die du tun willst?«

»Ja.«

»Und die kannst du nicht tun, während du gleichzeitig noch mit mir verheiratet bist? Oder vielleicht sogar mit mir gemeinsam?«

Ich beschwor mich selbst, nicht sauer zu werden. Ich versuchte es mit dieser Ein-Nasenloch-Atemtechnik, auf der sie im Yogaunterricht immer herumritten. Dafür musste ich zwar mein rechtes Nasenloch mit dem Zeigefinger zuhalten, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es einfach nur so aussah, als würde ich noch angestrengter nachdenken.

Ich antwortete: »Na ja, Dinge, die ich mit dir tun kann, sind es schon mal nicht, so viel steht fest.«

»Oh, ich verstehe. Hab schon kapiert.« Er wurde lauter. »Es gibt einen anderen, oder? Du hast jemanden kennengelernt.«

Mit dem Daumen hielt ich mir jetzt das linke Nasenloch zu. Einatmen, zwei, drei, vier. »Nein, habe ich nicht.«

»Ich bin so ein Idiot. Du warst in letzter Zeit so abwesend, und ich dachte, es hätte etwas mit den Wechseljahren zu tun.«

»Ich bin noch nicht in den Wechseljahren, Richard.«

»Und, wer ist er? Kenne ich ihn? Gott im Himmel!« Er schlug mit der Hand auf den Tisch. »Es ist dieser Typ, oder, dieser Typ, in den du verliebt warst, der eine, den du für mich verlassen hast? David. Der, der nicht …«

»Nein!«

Für einen Augenblick glomm unser Geheimnis wieder zwischen uns auf, trunken von einem winzigen Hauch Sauerstoff, nachdem es jahrelang erstickt worden war.

»Bitte nicht, Richard. Ich habe David seit damals nie wieder gesehen. Das schwöre ich. Ich habe keine Affäre mit ihm oder sonst wem.«

Richard starrte mich an. Dann sagte er: »Willst du wissen, warum Edward …«, doch verstummte dann.

»Warum Edward was?«

»Nichts.«

»Los, was wolltest du sagen?«

Er schüttelte den Kopf und kehrte wieder zu seinem vorherigen Thema zurück. »Aber du musst eine Affäre haben, sonst ergibt das doch gar keinen Sinn.« Bei dem letzten Wort brach seine Stimme.

Sanft entgegnete ich: »Für mich ergibt es Sinn. Es gibt Dinge, die ich tun will, bevor ich zu alt dafür bin, allerdings sind das Dinge, die du nicht tun willst.«

Laut ausgesprochen klang das erbärmlich. Ich konnte die Stimme meiner Schwiegermutter hören – na und, dann ist er eben ein Workaholic, es gibt Schlimmeres im Leben! Ich wusste, dass ich schleunigst hier raus und in mein Auto steigen musste, doch der Gedanke daran machte mich unglaublich müde.

Richard kannte mich so gut, er konnte sehen, dass ich langsam einknickte. Er fing an zu lächeln.

»Kayla, Schatz. Hör zu.« Wie gut ich dieses Lächeln kannte, diesen selbstbewussten Ausdruck von jemandem, der daran gewöhnt ist, immer seinen Willen zu bekommen. »Wie wäre es denn damit? Du gehst eine Weile fort. Mehrere Wochen, sogar ein paar Monate, und dann siehst du einfach, wie du dich damit fühlst. Kein Grund, drastische Maßnahmen zu ergreifen, wir müssen ja nicht gleich Mum und die Kinder in Alarmbereitschaft versetzen. Warum gehst du nicht einfach auf diesen Selbstfindungstrip, oder was auch immer du tun willst, und wenn du zurückkommst, warte ich hier auf dich. Hmm? Kayla? Nimm doch den schweren Rucksack ab. Wir setzen uns hin und reden miteinander.«

Ich wusste, dass das, was er sagte, komplett vernünftig und sinnvoll war. Wenn ich das täte und eine von Richard abgesegnete Auszeit nähme, hätte die Sache tatsächlich auch nur einen Haken, und zwar, dass ich keine Zukunft ohne Sicherheitsnetz beschreiten könnte. Und das musste ich so sehr, wie eine verdurstende Person Wasser trinken muss. Mein ganzes Leben lang hatte ich ein Sicherheitsnetz gehabt: erst mit meinen Eltern, dann für beinahe dreißig Jahre mit Richard. Sicher, vorhersehbar, ohne Überraschungen. Was auch immer noch von meinem Leben ohne ein solches Netz übrig war, das wollte ich ausprobieren. Die Augen schließen und mich auf ein Wagnis einlassen.

Wie einfach es wäre, diesen Rucksack abzusetzen – der wog wirklich eine Tonne – und sich in einen Stuhl fallen zu lassen. Reden, ihn meine Probleme lösen lassen, ihn mir sagen lassen, wie alles werden würde.

Aber nein. Diesmal nicht.

»Ich stehe gerne, danke«, entgegnete ich und ging einen Schritt weiter zurück, einen Schritt näher auf die Tür zu.

»Hör zu.« Er streckte die Arme aus. »Vielleicht war ich wenig abenteuerlustig. Das tut mir leid. Wir waren so beschäftigt mit den Kindern …«

»Die jetzt beide erwachsen sind.«

»Stella ist doch gerade erst ausgezogen!«

»Sie ist seit einem halben Jahr weg«, stellte ich fest.

»Und mit den Läden.«

»Aber du wolltest dich doch jetzt endlich etwas mehr zurücklehnen, Richard.«

»Ja, aber du nicht. Du leitest den Laden doch gerne.«

»Ach ja?«

»Etwa nicht?«

»Das war dein Traum, Richard, nicht meiner. Und du hast das fantastisch gemacht. Einen Laden zu einer Kette ausgebaut, jetzt hast du vier Läden und verdienst genug Geld, um nun offiziell kürzertreten zu können. Ich dachte, dass wir jetzt vielleicht endlich ein paar Dinge gemeinsam unternehmen könnten, aber du arbeitest einfach immer weiter.« Noch während ich das sagte, wusste ich, dass seine Antwort keine Rolle spielen würde, weil die Sache mit den gemeinsamen Unternehmungen nämlich bloß einen Teil von allem ausmachte.

»Nun gut, ich danke dir für deine Ehrlichkeit.« Ich konnte hören, wie sich die alte Sicherheit wieder in seine Stimme zurückschlich. »Das ist also ein Weckruf. Nimm dir deine Auszeit und lass uns dann auf Reisen gehen. Etwas unternehmen. Zum Abendessen reservier ich uns gleich einen Tisch in einem hübschen Restaurant.«

»Ich sollte dir allerdings nicht erst sagen müssen, dass ich dich verlasse, damit du etwas mit mir unternehmen willst, Richard.« Na also, jetzt hatte ich es doch ausgesprochen. Ich verlasse dich. »Und überhaupt, das ist nicht alles.« Ich atmete einmal tief durch. »Ich will nicht mehr verheiratet sein.«

»Ohhh Scheiße.« Abrupt, als ob ich ihm einen Schlag in die Magengrube verpasst hätte, setzte er sich hin und starrte mich an, als ob er nicht wüsste, wer ich war. Eine Ewigkeit des Schweigens verging, während der er so dasaß, ich stand und wir uns beide anschauten. Dann fragte er: »Was ist mit dem Laden?«

Es war ein Zeichen dafür, wie schockiert er war, dass er so lange gebraucht hatte, um an das Wichtigste überhaupt zu denken: den Dienstplan für den Laden.

»Anthony schafft das für heute auch alleine«, erwiderte ich. »Aber dienstags hat er immer frei, also musst du dir für morgen Ersatz suchen.«

»Guter Gott.« Mit einer Hand bedeckte Rich die Augen. Meine Aussage, er müsse sich Ersatz suchen, war eindeutig das, was ihn davon überzeugte, dass ich es ernst meinte. In den fünfundzwanzig Jahren, in denen ich seinen größten Laden für ihn geleitet hatte, hatte ich ihn so gut wie nie darum gebeten. Ich machte zwei weitere Schritte Richtung Tür.

»Wie wirst du dir dein Geld verdienen?«

»Das wird schon irgendwie gehen. Es tut mir leid«, wiederholte ich zum hundertsten Mal.

Er sah auf. »Dann geh nicht. Wenn es dir leidtut.«

Wenn ich weiterhin so dastand, würde es für uns beide nur noch schmerzvoller werden. Also umfasste ich die Gurte des Rucksacks und sagte: »Bis bald.« Dann drehte ich mich um und ging hinaus in den Flur.

»Gott! Kay!« Ich hörte, wie der Stuhl über den Boden scharrte und nach hinten auf das Parkett fiel, als er mir hinterherlief.

Ich öffnete unsere gelbe Haustür und er kam auf mich zugesprintet, als ob er sie wieder zuschlagen wollte, also trat ich schnell hinaus auf den Gehweg.

»Geh nicht«, flehte er. »Bitte.«

Ich würde gerne behaupten, dass ich ungerührt davonging, ohne ein weiteres Wort. Doch aus irgendeinem Grund drehte ich mich noch einmal um und sagte: »Auf Wiedersehen. Danke dir vielmals für die Ehejahre.« Danke, dass ich kommen durfte. Das Abendessen war super. Gott!

Er sah so überrascht aus, wie ich mich fühlte, weshalb es vielleicht also doch ein günstiger, wenn auch peinlicher Abschied war, weil er ihm keinen Spielraum mehr ließ. Vermutlich hätte er »Gern geschehen« antworten können, das tat er aber nicht. Stattdessen stand er da und schaute mir dabei zu, wie ich den Rucksack in den Kofferraum lud, mich auf den Fahrersitz setzte und von unserem Haus wegfuhr. Sogar nachdem ich in die nächste Straße abgebogen war, spürte ich noch, wie sich sein Blick in mich bohrte.

Ich wünschte, dass mein Selbstbewusstsein noch ein bisschen länger angehalten hätte, doch meine Hände fingen derart an zu zittern, dass ich das Lenkrad kaum gerade halten konnte. Ein paar Straßen weiter, fast vor Stellas alter Grundschule, hielt ich an. Zu weit, als dass Richard mir nachlaufen könnte – nicht, dass das wahrscheinlich war.

Und jetzt?

Unnütz hämmerte ich auf mein Handy ein. Ich konnte mich nicht mehr an mein Passwort erinnern und meine Finger waren zu schwitzig, als dass die Fingerabdruckerkennung funktioniert hätte. Schließlich fiel mir das Passwort wieder ein – Edwards Geburtsdatum – und nach ein paar Versuchen kam ich in mein Handy rein. Aber nachdem ich einmal drin war, wusste ich nicht mehr genau, was ich tun sollte. Ich gab »Hotels« in Safari ein, wusste aber nicht, wo ich hin wollte. Ich war in London – es gab hier mehr Premier Inns, als man überhaupt zählen konnte. Sollte ich eines in der Nähe nehmen, damit Richard und ich uns zum Reden treffen konnten? Oder eines weiter weg, damit wir das nicht konnten? Was war die richtige Vorgehensweise fürs Weglaufen? Ich googelte »Wie verlasse ich meinen Ehemann«, obwohl es dafür vermutlich schon ein bisschen zu spät war. Wie auch immer, die Ratschläge hatten meistens mit Geld zu tun und schienen erschreckenderweise vorzuschlagen, dass ich eventuell Schutz in einem Frauenhaus suchen sollte. Meine Atemzüge, kleine, erstickte Japser, hallten mir laut in den Ohren wider. Ich versuchte, langsamer zu atmen, wieder abwechselnd nur durch eines der beiden Nasenlöcher, doch ich schien keine Kontrolle mehr darüber zu haben.

Ich brauchte jemanden, der mir sagte, was als Nächstes zu tun war. Ich rief Rose an, die naheliegendste Person, doch der Anruf sprang gleich auf die Mailbox und da fiel mir wieder ein, dass sie für ein verlängertes Wochenende in Lille und nicht vor morgen wieder zurück war. Zweifelsohne schlenderte sie gerade durch alle möglichen Sehenswürdigkeiten von Lille. Ich hatte keine Ahnung. Ich wusste nicht einmal genau, wo Lille überhaupt lag. Frankreich, wahrscheinlich. Oder Belgien? Ich wusste auch nicht, mit wem sie dort war. Ihren Kindern? Einem ihrer Freunde aus Winchester?

Mein Finger schwebte über Stellas Nummer, aber würde sie sich darüber freuen, wenn ich sie fragte, ob ich einen Abstecher nach Essex machen könnte, um sie zu besuchen und ein paar Tage zu bleiben? Nur wir zwei Mädels, ein bisschen Spaß haben, ein bisschen shoppen gehen. Ach ja, und übrigens, ich habe deinen Vater verlassen … vielleicht lieber nicht.

Ich war so ein Idiot, dass ich das nicht geplant hatte. Ich hätte so lange warten sollen, bis Rose wieder da war, oder wenigstens ein Hotel buchen sollen. Aber andererseits, wenn ich abgewartet, mein Fortgehen geplant hätte, hätte ich dann den Mumm gehabt, es auch wirklich durchzuziehen? Der Gedanke daran hatte mich erst heute Morgen aus der Tür gedrängt, obwohl er mir schon etwas länger im Kopf herumspukte. Ein Gedanke, den ich immer ganz weit nach hinten verbannt hatte, bevor er zu laut werden konnte. Der Gedanke, mein Leben zurückzulassen und diese gelbe Haustür hinter mir zuzumachen. Diesen Gedanken hatte ich mit keinem Sterbenswörtchen jemals irgendwem gegenüber angedeutet, hatte ihn ja selbst kaum wahrhaben wollen, sondern angenommen, dass er sich schließlich einfach in Luft auflösen würde. Aber heute Morgen war irgendetwas anders gewesen und ohne große Vorwarnung hatte sich der Gedanke ans Fortgehen einfach von selbst in die Tat umgesetzt.

Es war so seltsam, dass Richard David erwähnt hatte. Wir sprachen nie über ihn und ich selbst hatte schon seit Jahren nicht mehr an ihn gedacht. Zumindest nicht viel. Aber vor ein paar Wochen, als ich nach den Briefen von Bear gesucht hatte, war ich über ein paar meiner alten Fotos gestolpert und da war David, kunstvoll in Schwarz-Weiß abgelichtet, so gut aussehend, wie ich ihn in Erinnerung hatte.

Ich scrollte weiter meine Kontakte durch, versuchte, wie ein normaler Mensch zu atmen, und sah Gott sei Dank Imogens Namen. Ich hatte keine Ahnung, warum ich nicht schon längst an sie gedacht hatte. Ich drückte so fest auf ihre Nummer, dass mich das Handy fragte, ob ich sie löschen wollte.

»Ach, Kay, Chérie, wie nett, von dir zu hören.«

»Imo, Liebes«, sagte ich wie immer, obwohl ich normalerweise nicht jedes Wort mit kleinen Japs-japs-japs-Lauten durchlöcherte. »Das hübsche Bryn Glas ist vermutlich nicht gerade frei, oder?«

»Doch, fahr nur hoch«, antwortete sie. »Lüfte einmal gut durch.«

Gott sei Dank. »Ich weiß noch nicht genau, wie lange ich bleibe …«

»Solange du möchtest, Kay. Hast du etwa diese schreckliche Erkältung, die gerade umgeht? Ignorier einfach allen Immobilienmakler-Unsinn, der durch den Postschlitz kommt. Ein paar meiner nervigen Verwandten versuchen mich nämlich davon zu überzeugen, es zu verkaufen, aber ich ignoriere sie. Nur über meine Leiche.«

Ich bedankte mich bei ihr, legte auf und betete, dass sie noch viele weitere Jahre kerngesund bleiben würde. Ich gab die Adresse ins Navi ein, wobei ich am Rande bemerkte, dass meine Hände ein bisschen weniger zitterten und sich das Japsen ein bisschen beruhigt hatte, und fuhr mit dem Auto Richtung Westen los. Ich war dorthin unterwegs, wo ich von Anfang an hätte hinfahren sollen.

Da fiel mir David wieder ein, der vor drei Jahrzehnten einmal gesagt hatte: »Wann immer sich eine Gelegenheit zum Reisen bietet, sollte man stets gen Westen reisen.« Die Feierlichkeit dieser Aussage unterstrich er, indem er sofort lauthals den Refrain von ›Go West‹ von den Village People zu grölen begann, doch das Gefühl stimmte. Ich musste gen Westen fahren.

Brief vom 15. Mai 2018

Liebste Bear,

 

tja, das wird ja langsam zu einer Gewohnheit: Schon das dritte Mal, dass ich dir schreibe, ohne einen Brief von dir, auf den ich antworten kann. Drei fehlende Briefe in fünfunddreißig Jahren klingen zwar nicht nach viel, aber sie sind alle aus dem letzten halben Jahr. Davor hätte ich meine Uhr nach deinen Briefen stellen können. Einen Monat schreibst du, im nächsten ich. So war es doch schon immer, oder? Ich hoffe, es ist alles in Ordnung. Hoffentlich ist es bloß irgendein komisches Durcheinander bei der Post. Aber ich mache mir Sorgen um dich.

Ich schreibe dir aus dem Bryn Glas Cottage. Ich bin gestern hier angekommen. Ich weiß, dass ich das Cottage schon in anderen Briefen erwähnt habe. Und da ich ja keine Neuigkeiten von dir habe, auf die ich antworten kann, und es so ein besonderer Ort für mich ist, werde ich dir von dem Cottage erzählen. Ein wahres Refugium, besonders dieses Mal.

Das letzte Mal war ich mit Rose hier, zu meinem Fünfzigsten. Aber ich komme schon seit zwanzig Jahren immer wieder hierher, seit Alice mein erschöpftes Gesicht gesehen – die Kinder waren damals noch klein und viel Arbeit – und zu Richard gesagt hat: »Deine Frau muss einmal hier raus. Ich kenne den perfekten Ort.« Ich glaube, dass ich dir damals davon berichtet habe.

Dieser erste Besuch, eine Gefälligkeit von Alice, war eine wunderbare Auszeit von meinem geschäftigen, chaotischen Leben. In ihrer Obhut ließ ich zwei laute Kinder, einen größtenteils abwesenden Ehemann und die gewaltige Last meiner Arbeit zurück. Als ich den Schlüssel aus der Schlüsselbox draußen nahm – das erste Mal, dass ich so eine gesehen habe – und die schwere, alte Holztür aufsperrte, war es, als wäre ich in einen Feenring gestolpert, wie wir ihn damals in der Schule immer mit Kreide aufgemalt haben. Weißt du noch, wie wir das gemacht haben, Bear? Ein magischer Ort, der jedem, der ihn betrat, besondere Kräfte verlieh. So hat sich das Cottage für mich angefühlt, und das tut es immer noch. Hier bin ich mehr ich selbst, zufriedener.

Es gehört Imogen, einer Freundin von Alice aus den Tagen, als sie noch für den niederen Adel gekocht hat. Bryn Glas – was auf Walisisch »grüner Berg« bedeutet – ist schon seit Ewigkeiten in Imogens Familienbesitz. Vielleicht haben ihre Vorfahren vor einhundertfünfzig oder zweihundert Jahren sogar hier gewohnt. Imogen ist aber nicht adelig, bevor du dir jetzt ein ausladendes Herrenhaus vorstellst, das ironischerweise als Cottage bezeichnet wird. Sie war eine dieser schrecklich vornehmen Damen aus Alice’ Bekanntenkreis, die, wie sie wusste, als Hofdame arbeitete (»Weil sie stets hoffte, dass ihr bald ein reicher Mann den Hof machen würde«, wie Alice immer gerne spöttelte).

Als ich zum ersten Mal herkam, wurde es noch als ländlicher Rückzugsort für Imogens Freunde und Bekannte genutzt, doch im Laufe der Zeit dann nur noch von einer schwindenden Zahl von Leuten und jetzt, glaube ich, vielleicht sogar nur noch von mir. Imogen selbst wohnt nie hier im Cottage, sie verlässt London nur ungern, aber sie zahlt immer noch eine Zugehfrau, die alle zwei Wochen putzt, und einen Gärtner, der einmal im Monat kommt. Nach meinem ersten Besuch musste ich nicht mehr den Umweg über Alice nehmen, sondern konnte Imogen direkt anrufen.

»Imo, Liebes«, sagte ich dann immer und imitierte damit die Art und Weise, in der Alice und sie miteinander sprachen, obwohl ich sie nie persönlich kennengelernt habe. »Das hübsche Bryn Glas ist vermutlich gerade nicht frei, oder?«

Das sage ich jedes Mal, obwohl es immer frei ist. Sie nennt mich »Chérie«. »Doch, natürlich, Chérie, fahr hin und gib dem alten Ort ein bisschen Liebe«, sagt sie dann. Als Miete hat sie immer nur einen symbolischen Betrag verlangt, aber sogar das ist über die Jahre im Sande verlaufen. Die Schecks, die ich ihr schicke, werden so gut wie nie eingelöst. Sie scheint einfach glücklich zu sein, wenn ab und zu einmal jemand darin wohnt.

Als die Kinder noch klein waren, haben sie es geliebt, dort zu sein, genau wie ich. Ganz früh am Morgen fuhr ich immer zusammen mit ihnen hoch, ganz die Kapitänin des Schiffs, und hörte leise Musik im Radio, während sie hinten auf dem Rücksitz schliefen, für vier oder fünf Stunden, und sie wachten erst auf, wenn ich vor dem Cottage hielt und den Motor abstellte.

In meiner Erinnerung scheint immer die Sonne, strahlt umherschwebende Wolken von Feenstaub an und wirft einen Schimmer auf Edwards goldenes Haar. Vor lauter Aufregung, zu der Schaukel mit dem Holzsitz vor dem Cottage zu kommen, fällt er fast aus dem Auto. Stella schaut mich aus großen, blauen Augen an und sagt: »Mein Lieblingsort.«

Ich steige aus, strecke meinen krummen Rücken durch, lasse mich von den Sonnenstrahlen wärmen und spüre die Stille der Berge, die uns umgeben. Ich mache die schweren Türen auf und atme tief den Geruch des Cottage ein, und für einen Augenblick, während die Kinder in der Nähe spielen, finde ich perfekten Frieden.

Aber nur für einen Augenblick, wohl gemerkt. Danach wurde erst einmal ausgepackt und Betten gemacht, die Kinder rannten herum, und zweifelsohne würde es später Streit darüber geben, wer als Nächstes schaukeln dürfe. Und auf mich wartete die harte Arbeit, wieder mal einen Familienurlaub allein zu managen, weil Richard, selbst wenn er es schaffte, für ein paar Tage zu uns hochzukommen, nie bei irgendeiner Planung oder Organisation mitmachte. Die ersten paar Male habe ich mich ohne ihn ein bisschen einsam gefühlt, aber ehrlicherweise wäre ein Teil des Friedens an diesem Ort verlorengegangen, wenn er wirklich mitgekommen wäre.

Je älter die Kinder wurden, desto weniger Lust hatten sie auf »das Cottage mitten im Nirgendwo«. Als sie irgendwann also nicht mehr mitkommen wollten, fuhr ich mit Rose hierher. Das Cottage war immer frei, immer für mich da, unerschütterlich, mit seinen Flintsteinwänden, deren Wärme ich spürte, wenn ich sie anfasste. Und jetzt bin ich wieder hier.

Na ja, ich habe mir deinen letzten Brief vom Oktober noch mal angesehen. Ich habe ihn sechsmal durchgelesen, auf der Suche nach Hinweisen, warum du vielleicht aufgehört hast zu schreiben. Aber ich kann nichts finden. In deiner Arbeit läuft alles gut, Charlie geht es gut, du hast ein Konzert besucht, in dem er Fagott gespielt hatte, der talentierte Junge.

In letzter Zeit habe ich viel über die Vergangenheit nachgedacht. »Oh nein!«, höre ich dich jetzt rufen. »Das ist ein Fehler!« Aber seit Mum habe ich oft an die Zeit gedacht, als wir noch jünger waren, und mich gefragt, ob die Entscheidungen von damals die richtigen waren. Ein bisschen hab ich sogar an Ihn-dessen-Name-ich-nie-mehr-erwähnen-werde gedacht. Das ist doch mal eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, oder? Du bist der einzige Mensch auf der Welt, der vielleicht verstehen kann, wie schmerzvoll es ist, daran zurückzudenken. Aber zum ersten Mal seit Jahren habe ich mir den Kummer, den ich damals durchgemacht habe, wieder in Erinnerung gerufen, die unmöglichen Entscheidungen, den Pakt mit Richard. Unsere katholische Erziehung hat schon eine ganze Menge zu verantworten, was?

Bis zum heutigen Tag kennen bloß du, Richard, ich und EDNINMEW die Wahrheit. Aber ist das richtig so? Sollte ich es vielleicht noch anderen Leuten, wichtigen Leuten erzählen, bevor es zu spät ist?

Darüber grüble ich immer noch nach.

Wie auch immer, es gibt Dinge, die ich tatsächlich tue, bevor es zu spät ist. Du wirst dich wundern, wenn ich dir davon erzähle. Ich habe etwas Drastisches getan, etwas Gigantisches, und ich fühle mich hibbelig und komisch und ehrlich gesagt so, als würde ich bald einen hysterischen Anfall bekommen. Ich kann es gar nicht glauben, dass ich dir nicht auf der Stelle alles erzähle, meiner loyalsten Vertrauten. Doch das würde sich seltsam anfühlen, wenn ich nicht mit Sicherheit weiß, dass du immer noch am anderen Ende dieses Briefes bist. Es wird also so lange warten müssen, bis du mir zurückschreibst. Oder bis ich dich besuchen komme – ich weiß, dass ich schon seit Jahren sage, dass ich mal rüberkomme, aber diesmal komme ich wirklich. Mein Visum hab ich schon.

Bis zum nächsten Mal.

Du fehlst mir.

 

Immer, Kay

2Stella

Ich war überrascht, mein Telefon klingeln zu hören, weil ich gedacht hatte, dass der Akku komplett leer sei. Gabby und ich hatten den ganzen Tag über hart auf dem Food Market gearbeitet, und obwohl der Ansturm der Mittagszeit schon vorbei war, hoffte Gabby noch auf ein paar Nachzüglerkunden. Ich fischte mein Handy aus der Hosentasche und ließ es fast fallen, als ich sah, dass es Dad war. Der rief doch nie an.

»Hallo, Dad? Ist alles in Ordnung?«

Es herrschte Schweigen. Ich wollte gerade etwas sagen, als mir auffiel, dass da doch etwas zu hören war – ein sehr komisches Geräusch. Weinte Dad etwa?

»Dad! Was ist los?« Keine Antwort. »Hör zu, mein Akku ist fast leer –«

»Stella?«, sagte er. Er weinte tatsächlich. »Ich muss wirklich –«

Da ging mein Handy aus und ich starrte es ungläubig an. Gerade erschien dieser kleine Kreis in der Mitte, der einen wahnsinnig werden lässt, weil er sich immer weiterdreht und weiterdreht, bis das Handy schließlich ausgeht.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße.« Mir wurde ganz kalt. »Gabby, kann ich bitte kurz dein Handy benutzen?«

»Na ja, nicht wirklich«, erwiderte Gabby, während sie in einem der Töpfe mit Essen auf unserem Verkaufsstand rührte. »Das ist gerade in Benutzung.« Sie machte eine flüchtige Handbewegung zu ihrem Handy hinüber, das mit dem Kartenlesegerät verbunden war.

»Aber es ist doch gar keiner da.«

»Aber was, wenn jemand kommt und mit Karte zahlen will, während du mein Handy benutzt?«

Ich starrte sie an. Unser Banner – »Lecker Schmecker: Authentisches Street Food aus Sri Lanka« – flatterte über unseren Köpfen im Wind.

»Tut mir leid«, entgegnete sie, klang aber nicht so. »Wenn du noch eine halbe Stunde wartest, bis wir zusammenpacken, dann kannst du es dir ausleihen.«

Ich nahm meine Schürze ab. »Ich such lieber eine Telefonzelle.«

»So Neunziger«, kommentierte Gabby. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit einer Frau zu, die an unserem Stand vorbeiging. »Hallo, die Dame, kann ich Sie vielleicht für ein köstliches, frisches Gericht begeistern …«

»Nein, danke«, wiegelte die Frau ab und ging schneller.

Ich eilte über den Innenhof und an den anderen Essensständen vorbei: Jamaikanisch, Indisch, Noodles, Japanisch. Telefonzelle, Telefonzelle. Gab es in der Stadt eine? Oder überhaupt irgendwo? Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt eine gesehen hatte. Mit Sicherheit hatte ich schon seit meiner Kindheit keine mehr benutzt. Rasch durchquerte ich den Food Market und trat auf die Haupteinkaufsstraße. Vielleicht war Mum krank. Oder, oh Gott, vielleicht war sie tot. Autounfall, ein Blutgerinnsel im Gehirn, ein Raubüberfall im Laden. Ich bemerkte, dass ich weinte, und versuchte, mich zusammenzureißen. Was würde Bettina sagen? Indem du dir das Schlimmste vorstellst, machst du die Sache zu einer Katastrophe, Stella. Das Schlimmste passiert bloß selten. Tief durchatmen.

Bettina hatte recht. Mum war nie krank. Ihr passierte nie etwas. Auf sie war Verlass, es ging ihr sicher gut. Wahrscheinlich hatte es eher was mit Edward zu tun, oder seinen Kindern. Gott. Oder vielleicht hatte Dad herausgefunden, dass er selbst krank war: Prostatakrebs oder Darmkrebs, alles Mögliche.

Gott sei Dank war vor der Bibliothek eine Telefonzelle. Ich ignorierte den grauenhaften Geruch in der Kabine und wählte die Nummer meiner Eltern. Aber jedes Mal, wenn ich Geld in den Schlitz warf, kam es wieder raus. Eine Ein-Pfund-Münze kam so heftig wieder herausgeschossen, dass sie auf den Boden fiel und nachdem ich die Pfütze aus einer unbestimmten Flüssigkeit gesehen hatte, in der sie gelandet war, beschloss ich, sie dort liegen zu lassen.

Während ich versuchte, nicht loszuschluchzen, rannte ich in die Bibliothek.

»Die Telefonzelle funktioniert nicht«, schrie ich den dunkelhaarigen Typen am Eingang an, als ob es seine Schuld wäre. In jedem Fall schien er aber die volle Verantwortung dafür übernehmen zu wollen.

»Ich weiß, die funktioniert schon ewig nicht mehr, das sage ich denen immer wieder. Aber Borger können unser Münztelefon dort drüben benutzen.« Er deutete auf die andere Seite des Raumes. Trotz meiner Panik konnte ich nicht umhin zu bemerken, dass er für einen Bibliothekar ziemlich jung und heiß war.

»Ich bin eigentlich gar kein Borger«, sagte ich und dachte dummerweise an die winzigen Menschlein in dem Kinderbuch Die Borger.

»Schon okay«, meinte er. »Man braucht Pfundmünzen oder fünfzig Pence. Hast du genug Geld?«

Wegen der über die Maßen besorgten Art, mit der er mich das fragte, ging mir auf, dass er dachte, ich sei eine Obdachlose. Okay, ich hatte mich zwar vor dem Schlafengehen nicht mehr abgeschminkt und war viel zu früh aufgestanden, als dass ich mich dazu hätte bequemen können, irgendetwas dagegen zu tun, und ich trug eine Strickjacke und Baggy Jeans. Aber so schlimm war es doch sicher auch wieder nicht … da bemerkte ich einen alten, müffelnden Mann, der neben mir wartete, der seine Cordhose am Bund mit einer Wäscheleine festgezurrt hatte und eine Großdruckausgabe von Fifty Shades of Grey in der Hand hielt. Ich war bloß minimal besser angezogen als er.

»Ja, danke, ich habe Geld«, gab ich zurück und ging stolzen Schrittes, wie ich hoffte, hinüber zu dem Telefon. Ich schob ein Pfund in den Schlitz und wählte die Festnetznummer – wir alle hatten es vor langer Zeit aufgegeben, Dad von einem Handy überzeugen zu wollen –, aber er ging nicht ran. Stattdessen hörte ich die alte und formale Ansage meiner Mutter auf dem Anrufbeantworter: »Das ist das Telefon von Richard, Kay, Edward und Stella. Gerade können wir nicht rangehen, aber wir rufen gerne zurück.« Eine Pause, und dann. »Wie macht man das Ding wieder aus, Richard?«

Meine stillstehenden, unveränderlichen Eltern. Es war jetzt zehn Jahre her, dass Edward zum Studieren an die Universität nach Schottland gegangen war. Er war dort geblieben, hatte geheiratet und eine Familie gegründet, und trotzdem war sein Name immer noch auf ihrer Ansage. Nur zur Information: Dass mein Name immer noch auf der Ansage mit drauf war, ergab peinlicherweise sogar Sinn. So lange war es nämlich noch nicht her, dass ich es endlich geschafft hatte auszuziehen.

Doch dann drang Dads Stimme durch den Telefonhörer und würgte den Anrufbeantworter ab. »Ach, Gott sei Dank, Stella.«

»Was ist passiert, Daddy? Sag’s mir schnell.«

»Es geht um deine Mutter. Sie ist fortgegangen.«

»Fortgegangen?« Ich spürte, wie mir das Herz in die Hose rutschte. »Wohin denn fortgegangen?«

»Fortgegangen.« Jetzt fing er richtig an zu weinen. »Fort. Weg. Sie hat mich verlassen.«

 

Taumelnd ging ich zurück zu unserem Stand. Ich wünschte, ich würde Gabby gut genug kennen, um mich in ihre Arme werfen zu können. Doch das tat ich nicht. Nachdem wir in eine WG gezogen waren und angefangen hatten zusammenzuarbeiten, starteten wir sofort durch. Viel länger als sechs Monate waren wir zuvor nicht befreundet gewesen. Eine Sache wusste ich allerdings über sie, weil sie es oft genug erwähnt hatte, und zwar, dass sie kein Fan von Gefühlsdramen war. Als wir dann zusammenpackten, erzählte ich ihr also so ruhig und gefasst ich konnte von dem schrecklichen Telefonat.

»Ich glaube, meine Eltern haben sich gerade getrennt.« In meinen Augen sammelten sich schon wieder Tränen, wenn ich diese Worte bloß aussprach.

»Glaubst du? Oder ist es sicher?«

»Ich weiß nicht. Anscheinend ist Mum von zu Hause weggegangen und Dad weiß nicht, wo sie hin ist.«

»Dann haben sie sich getrennt.«

»Es könnte doch aber auch bloß vorübergehend sein.«

»Na ja, eher nicht.« Gabby löste den Knoten auf einer Seite des Banners.

»Meine Eltern sind schon eine Ewigkeit verheiratet«, sagte ich. »Fast dreißig Jahre.«

Gabby stieß einen Pfiff aus. »Verdammte Scheiße, dann hat sie ihre Zeit aber abgesessen. Vermute mal, sie hatte die Schnauze voll.«

»Aber das ergibt gar keinen Sinn. Sie waren einfach toll zusammen.«

»Wirklich?«

»Ja!«, antwortete ich mit Nachdruck. »Gott, ich fühl mich so komisch. Meine Eltern waren einfach immer nur, na ja, meine Eltern, weißt du?«

»Meine haben sich getrennt, als ich sechs war, deswegen kann ich mich nicht mehr wirklich daran erinnern, wie es gewesen ist, als sie noch zusammen waren«, erklärte Gabby. »Vermutlich sieht man es irgendwann als selbstverständlich an, wenn zwischen ihnen immer alles in Ordnung war.«

»Mir war ja nicht mal bewusst, dass ich das als selbstverständlich angesehen habe! Ich dachte einfach, alles würde immer so weitergehen wie bisher.«

Gabby schüttelte den Kopf. »Das ist ungefähr die Wörterbuchdefinition davon, etwas als selbstverständlich anzusehen.«

Darauf fiel mir keine Antwort ein, deshalb trugen wir schweigend das Zeug zu ihrem Van. Als wir dann auf dem Heimweg zu unserer Wohnung waren, ließ sie mich ihr Handy ausleihen, um Theo anzurufen. Zum Glück wusste ich seine Nummer auswendig, aber sein Name ploppte natürlich trotzdem auf, als ich die letzte Ziffer eintippte. Theo und Gabby kannten sich schon seit Jahren. Er war derjenige gewesen, der uns einander vorgestellt hatte.

Er ging sofort ran und sagte: »Gabs! Wie schön, dass du anrufst«, und zwar mit etwas mehr Enthusiasmus als man ihn gerne vom eigenen Freund hören würde, wenn er mit einer anderen Frau spricht. Ich versuchte, jegliche Bedenken deswegen zu ignorieren, weil mein Sorgenfass bereits am Überlaufen war, und sagte: »Theo, ich bin’s.«

»Hey, Süße! Was ist los?«

Ich erzählte es ihm und fing wieder an zu weinen, woraufhin er lieb und nett war und all die richtigen Dinge sagte. Ich teilte ihm mit, dass ich so schnell wie möglich zu meinem Dad fahren würde und daraufhin bot er an, gleich zu mir zu kommen, da er im Homeoffice war.

Als wir zu Hause die ganzen Sachen vom Stand reinschleppten, schwirrte mir der Kopf vor lauter Logistikfragen und Sorgen. Doch dann brach Gabby in meine Gedanken ein und ich schreckte hoch.

»Stell, hör zu, es tut mir leid, ich weiß, dass das ein Schock für dich war. Echt scheiße, dass das passiert ist. Aber ich hab gehört, wie du zu Theo gesagt hast, dass du zu deinem Dad fährst. Was ist dann mit dem Stand? In nächster Zeit haben wir ziemlich viele Events. Wie willst du so arbeiten?«

»Ich weiß nicht.« Ich biss mir auf die Lippe, um mich davon abzuhalten, erneut loszuheulen. »Ich hab keine Ahnung, wie ich das überhaupt alles machen soll. Aber ich kann doch nicht nicht nach Hause fahren.«

Es entstand eine kurze Pause, dann nickte Gabby. »Okay. Ich werd mir was einfallen lassen.«

Ich ging in mein Zimmer, steckte mein Handy an und begann, meine Tasche zu packen. Sobald das Handy minimal geladen war, rief ich Mum auf ihrem Handy an, aber sie ging nicht ran. Ich hinterließ ihr eine Nachricht auf der Mailbox und schrieb dann Edward und Rose, Mums bester Freundin. Unten konnte ich Gabby reden hören, wahrscheinlich erzählte sie gerade Piet, was passiert war, denn ein paar Minuten später klopfte es leise an der Tür und er kam herein, wobei er im Türrahmen den Kopf einziehen musste. Theo nannte Piet immer »den Fliegenden Holländer«, weil er so groß war – knapp zwei Meter –, dass sein Kopf immer hoch oben in den Wolken steckte. Das war gar keine schlechte Eigenschaft für einen Mitbewohner, weil er Spinnweben von den Decken wegmachen konnte; auf einem Konzert hinter ihm sitzen wollte man aber nicht. Ach so, ja, und außerdem war er Holländer. Er reichte mir eine Tasse Kaffee und bot mir eine seiner tröstlichen Umarmungen an, die ich gerne annahm. Piet machte Gabbys Mangel an Mitbewohnermenschlichkeit wieder wett.

»Es tut mir so leid, von deinen traurigen Nachrichten zu hören, Stella.«

»Danke«, sagte ich, an seine Brust gedrückt – wobei ich eigentlich näher an seiner Hüfte war. »Ich muss los und nach meinem Dad sehen.«

Er ließ mich los und setzte sich aufs Bett. »Meinen Eltern ist das auch passiert.«

Ich packte weiter wahllos Sachen in meine Tasche. Da ich nicht wusste, wie lange ich weg sein würde, wusste ich auch nicht, was ich mitnehmen sollte. »Als du noch klein warst?«

»Nein, gar nicht«, antwortete Piet und schlug seine langen Beine übereinander. »Das war erst vor zwei Jahren.«

»Ach! Also warst du schon erwachsen«, stellte ich fest. »Wie ich.«

»Ich glaube, das kommt bei älteren Paaren immer häufiger vor«, überlegte Piet. In seinem gewohnt ruhigen Ton fuhr er fort: »Mein Vater hatte eine Affäre mit der Tante meiner Mutter.«

»Mein Gott, mit der Tante deiner Mutter?«

»Sie ist zehn Jahre jünger als meine Mutter. Meine Familie ist ein bisschen komplex. Aber das sind alle Familien.«

»Genau das ist es ja, Piet. Ich hätte nicht gedacht, dass meine komplex wäre.« Ich wischte mir die nassen Augen ab und warf ein paar Make-up-Artikel in das Federmäppchen, das als Kulturbeutel herhalten musste.

»Ich bin viel älter als du, Stella«, bemerkte Piet – tatsächlich war er bloß sechs Jahre älter –, »und meiner Erfahrung nach hat jeder eine komplizierte Geschichte, wenn man bloß tief genug gräbt.«

»Aber meine Mum nicht!«, hielt ich dagegen. »Das kommt aus heiterem Himmel. Ich mache mir Sorgen, dass sie übergeschnappt ist. Sie war immer total, na ja …«

»Vorhersehbar?«

»Ich wollte eigentlich sagen gefestigt. Vernünftig.«

»Eine Frau in der Blüte ihrer Jahre ist vielschichtig«, dozierte Piet.

»Ist das ein Zitat?«

»Ja, ein Zitat von mir, Piet Jansen.«

Es klopfte an der Haustür. »Piet, das ist wahrscheinlich Theo, könntest du ihm bitte aufmachen?«

»Sicher«, gab Piet zurück. Er entfaltete seine langen Gliedmaßen, stand vom Bett auf und tätschelte mir die Schulter. »Versuch, dir nicht zu viele Sorgen zu machen, Stella, ich bin sicher, deiner Mutter geht es gut.« Er duckte sich wieder unter dem Türrahmen durch und verschwand. Dann kam Theo die Stufen hochgerannt und Sekunden später lag ich in seinen Armen.

»Ach, Süße, nicht weinen«, flüsterte er, aber es schien unmöglich, damit aufzuhören. Schluchzend brachen alle meine Ängste wegen Dad, meine Furcht, dass Mum nicht mehr ganz richtig im Kopf war, und meine Sorgen wegen der Arbeit mit Gabby aus mir heraus. Theo wusste nur zu gut, wie erleichtert ich angesichts der Möglichkeit gewesen war, mit in ihr Unternehmen einsteigen und mich damit auch von der gut gemeinten, jedoch erdrückenden Atmosphäre meines Elternhauses loseisen zu können. Auch wenn ich meine Unabhängigkeit bloß mit finanzieller Unterstützung von ihnen und Oma erlangen konnte, war es doch mein neues, hart erkämpftes Leben und das wollte ich nicht gefährden.

»Schau mal, Stell, ich glaub, ich hab da eine Lösung.«

»Wofür?« Einen verrückten Moment lang dachte ich, dass Theo einen Plan hätte, wie er meine Mum davon überzeugen konnte, wieder nach Hause zu kommen.

»Ich nehm einfach deinen Platz ein, bis du zurückkommst. Das hat Gabby vorgeschlagen.«

»Hä? Wann hast du denn mit ihr geredet?«

»Sie hat mich angerufen, als ich gerade auf dem Weg hierher war.«

Ich löste mich aus seinen Armen. »Aber du hast doch gar keine Erfahrung in der Gastro.«

»Ich hab doch in einer Bar gearbeitet, weißt du nicht mehr?«

Theo und ich hatten uns tatsächlich in einer Bar kennengelernt, während unseres zweiten Jahres an der Universität, als wir beide dort arbeiteten, um uns etwas dazuzuverdienen. Doch jetzt arbeitete er als Junior Designer in einem Grafikbüro in London. Sein Wissen über Essen aus Sri Lanka beschränkte sich auf die übrig gebliebenen Reste von Lecker Schmecker, die er aufgegessen hatte.

»Komm mit runter«, meinte er, »dann können wir das mit Gabby besprechen.«

»Mit Gabs, meinst du?«

»Haha«, erwiderte er ohne jeglichen Anflug von Scham.

Ich wusste, dass ich mindestens dankbar dafür sein sollte, eine Lösung zu haben, die mir erlaubte, von der Arbeit freizunehmen, aber irgendwie hatte ich ein komisches Gefühl dabei. Als wir die Küche betraten, vermied ich es, Gabby anzusehen. Stattdessen füllte ich den Kessel auf, um Piets lauwarmen Kaffee noch mal mit etwas heißem Wasser aufzugießen. Über der Spüle hing ein Spiegel, den Gabby dort angebracht hatte – sie wollte gerne in jedem Zimmer ihr Gesicht überprüfen können – und ich erhaschte einen kurzen Blick auf mich selbst. Schnell sah ich weg, jedoch nicht schnell genug, als dass mir entgangen wäre, wie erfolgreich meine Mit-Make-up-schlafen-und-dann-alle-zehn-Minuten-weinen-Methode so war. Wahrscheinlich sollte ich lieber auf wasserfeste Wimperntusche umsteigen, bis diese Sache mit meinen Eltern – was auch immer das war – ausgestanden war.

Ich nickte Gabby zu. »Danke, dass du dir eine Lösung überlegt hast.«

»Sorry, dass ich dich nicht zuerst gefragt hab«, entgegnete Gabby, und diesmal klang sie aufrichtig. »Es ist bloß, dass wir diese Woche auf so vielen Märkten sein müssen. Und übernächstes Wochenende ist unsere erste Feier.«

»Bis dahin werd ich längst wieder zurück sein.«

»Was, wenn nicht, Stell? Allein schaff ich das alles nicht. Theo schickt der Himmel.«

»Er kocht aber nie wirklich.«

»Aber du liebst mein grünes Thai-Curry«, widersprach Theo grinsend.

»Na ja, schon, aber da folgst du ja bloß einem Rezept.«

»Bei unserem Essen ist das doch auch so«, warf Gabby ein. Ich sah ein, dass sie bereits entschieden hatte, dass das eine hervorragende Idee war. »Bloß auf einer etwas größeren Skala, das ist alles. Und Theo kann gut mit Leuten.«

Das Pfeifen des Wasserkessels auf dem Herd ließ mich aufschrecken.

»Aber hast du überhaupt Zeit, Theo?«, fragte ich. »Du hast schließlich deine eigene Arbeit.«

»Die lieben mich dort, Stell, und du weißt doch, wie flexibel die sind.« Theo kam zu mir und legte mir einen Arm um die Schultern. »Solange ich meine Arbeit erledige, macht es ihnen nichts aus.«

»Ich dachte, du würdest dich darüber freuen, dass wir das geklärt haben«, maulte Gabby.

»Tue ich ja auch! Das ist eine tolle Idee«, erwiderte ich und gab mein Bestes, um es auch wirklich so zu meinen. »Danke euch beiden, das weiß ich wirklich zu schätzen. Ich werd nicht lange weg sein.«

»Schon in Ordnung, nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst. Das ist eine Familienkrise«, erwiderte Theo.

»Na ja, schon«, kommentierte Gabby halblaut, als ich aus der Küche ging, aber laut genug, damit ich es hören konnte, »wobei niemand gestorben ist.«

 

Nachdem ich fertig gepackt hatte, ließ mich Theo am Bahnhof raus.

»Viel Glück, Süße«, sagte er. »Ich weiß, dass das schwer für dich wird.«

»Willst du nicht vielleicht mitkommen?« Ich wuchtete die Tasche vom Rücksitz.

»Das kann ich schon machen, wenn du willst, aber das heißt dann wiederum, dass ich nicht für dich bei der Arbeit einspringen kann …«

»Nein, okay. Das passt schon, danke«, stieß ich hastig hervor und stieg aus.

»Schreib mir, wenn du dort bist, ja?«, verabschiedete er sich, wobei Besorgnis in seinem Blick lag. Dadurch fühlte ich mich etwas besser. Ich nickte und ging los, um den Zug zu erwischen.

3Kay

Mein Lieblingsplatz in Bryn Glas war das Schlafzimmer, wo ich am liebsten in dem grauen Korbsessel saß. Er stand direkt unter einem Dachfenster und ich musste kaum den Kopf heben, um den ganzen Himmel wunderbar vor mir zu sehen. An diesem Morgen war er leuchtend blau und von weißen Streifen durchzogen. Als ich so dasaß, mit meinem Schreibblock auf dem Schoß, kam ein Vogelschwarm in Sicht, der in einer flatternden Formation von einer Seite des Fensters zur anderen wirbelte. Nachdem er außer Sichtweite war, schaute ich weiter aus dem Fenster, gerade so, als ob es ein Fernsehbildschirm wäre, und da kam er in etwas weiterer Entfernung auch schon wieder zurückgeflogen, irgendeinem alten, mysteriösen Muster folgend.

Normalerweise bescherte es mir einen tiefen Frieden, in dem Sessel zu sitzen und hoch in den Himmel zu blicken. Aber heute nicht. Nicht mit dem brennenden Scheiterhaufen meiner Ehe in dreihundert Meilen Entfernung. Ich versuchte, meinem Gehirn vorzugaukeln, dass ich hier im Urlaub war, aber so dumm war mein Kopf dann auch wieder nicht, also dachte ich stattdessen viel zu viel darüber nach, warum ich hier war, und stieß einen unfreiwilligen, kleinen Klagelaut aus.

Gott sei Dank war Rose auf dem Weg hierher, meine Retterin in der Not. Allein zu sein war gerade absolut nicht das, was ich brauchte. Sie hatte versprochen, heute Morgen aus dem Eurostar zu steigen und gleich danach einen Zug nach Wales zu nehmen.

Ich schrieb meinen Brief an Bear fertig, der etwas Bewusstseinsstrom-mäßiger war als meine Briefe sonst, schälte mich dann aus dem grauen Sessel und ging hinunter, um ordentlich auszupacken. Nach meiner Ankunft gestern Abend war ich zu erschöpft gewesen, um mehr zu machen als das Bett, in das ich mich anschließend legte, und worin ich dann auch für gute zehn Stunden tief und fest schlief. Ehrlich gesagt kam es einem Wunder gleich, dass ich heil hier angekommen war. An große Teile der Autofahrt konnte ich mich überhaupt nicht mehr erinnern.

Ich ging über die kühlen Küchenfliesen und drehte den Wasserhahn auf, um zu kontrollieren, dass es auch sauberes Wasser gab. In einem Jahr war es zur grauenvollen Faszination der Kinder einmal braun aus der Leitung geflossen. Ich sperrte die Hintertür auf und blieb einen Moment lang auf der Schwelle stehen, während dem ich zu den schönen, unwirtlichen Bergen hochsah, hinter denen gerade die Morgensonne emporkletterte. Dann trat ich in den überwucherten Garten hinaus, der groß genug war, dass sich Kinder dort nach Herzenslust austoben konnten. Für einen Augenblick war es mir, als hörte ich Edward und Stella hier draußen lachen. Wahrscheinlich, weil ich jetzt wirklich langsam überschnappte. Beeil dich, Rose! Ich ging um das Haus herum auf die andere Seite des Gartens, um wie jedes Mal, wenn ich hier war, den Ölstand im Tank zu kontrollieren, denn sonst gab es kein warmes Wasser. Dann spähte ich durch die Türöffnung in den alten Schuppen hinein, der langsam immer weiter verfiel, schon seit ich zum ersten Mal hier gewesen war. Licht fiel in Streifen durch die Schlitze der fehlenden Holzlatten im Dach, doch es war immer noch ein wunderbarer Ort. Mehrmals hatte ich Imogen bereits vorgeschlagen, sie solle doch etwas daraus machen, aber obwohl sie mir immer höflich beipflichtete, geschah nie etwas.

Zurück im Cottage nahm ich die Essensvorräte unter die Lupe. Der nächste Laden lag sechs Meilen mit dem Auto entfernt, doch auf dem Weg hierher hatte ich schon Brot und Milch gekauft und es gab einen recht gut gefüllten Vorratsschrank, der immer noch ein paar Konserven und Packungen von meinem letzten Aufenthalt enthielt. Während ich durchging, was weggeworfen und was ersetzt werden musste, überkam mich ein seltsamer Stolz darauf, wie ich mich hier häuslich einrichtete; ein Gefühl, das sich bei ähnlichen Aktivitäten in meiner eignen Küche zu Hause so nie eingestellt hatte.

Mein Handy lag anklagend auf dem Tisch. Nachdem ich mit Rose telefoniert hatte, hatte ich es auf stumm geschaltet, weil ich noch nicht bereit war, mit irgendjemand anderem als ihr zu reden. Als ich jetzt zu dem Handy hinüberschielte, stellte ich fasziniert, aber mit Schrecken fest, wie viele verpasste Anrufe und Textnachrichten von jedem in meinem Leben darauf eingegangen waren. Sie anzuschauen machte mich trotz meines epischen Schlafs sehr müde und ohne es vorher geplant zu haben, ging ich nach oben und legte mich wieder ins Bett, mit dem Vorhaben, mich bloß ein bisschen auszuruhen. Als mich dann ein Klopfen an der Tür weckte, stellte ich zu meiner Verblüffung fest, dass ich drei Stunden lang geschlafen hatte. Ich hastete die Stufen hinunter, wobei ich in der Eile fast stolperte.

»Rose!« Nachdem ich meine Stimme einen Tag lang nicht benutzt hatte, war sie ein bisschen knarzig.

»Kay!«, rief Rose und wir umarmten uns stürmisch. »Gott sei Dank bist du am Leben.«

An ihren weichen Körper gepresst entspannte ich mich ein wenig und atmete ihren vertrauten Geruch ein. »Wie war die Reise, Rose? Hast du mit irgendwem geredet? Glauben jetzt alle, ich sei verrückt geworden?«

»Lang; ja, mit allen; und ja, das glauben sie. Aber Liebes, willst du wirklich die Neuigkeiten auf der Türschwelle austauschen? Der Zug hat den Preis für die widerwärtigste Toilette der Welt gewonnen und meine Blase platzt gleich.«

Ich trat einen Schritt zur Seite und schaute ihr nach, wie sie schnell nach oben joggte. Die liebe Rose. Wir waren schon seit der Schule befreundet, über das College, den Beruf, die Ehe, Kinder, Umzüge und Gott weiß was noch alles hinweg, bis heute. Ich ging in die Küche und setzte den Kessel auf.

Als sie wieder herunterkam, lehnte sie sich gegen den Küchentisch und beäugte mich kritisch beim Teekochen.

»Du widerlicher Unmensch«, kommentierte sie wie immer den Vorgang.

Ich grinste sie an. »So wie ich es mache, ist es richtig, und das weißt du auch«, erwiderte ich wie immer. Ich mache Tee in Bechern ohne Henkel und gieße zuerst die Milch ein, und dafür werde ich mich nicht entschuldigen.

Nachdem ich die Teebeutel ein letztes Mal ausgedrückt hatte, trugen wir unsere Becher rüber ins Wohnzimmer und setzten uns auf dem Sofa einander gegenüber hin.

»Also?«, fragte sie.

»Also?«, antwortete ich.

»Kay, Liebes, wie geht es dir?«

»Mir geht’s gut.« Sie sah besorgt aus, weswegen ich hinzufügte: »Na ja, es passt schon so weit. Gut ist vielleicht übertrieben.«

»Gut siehst du aber nicht aus. Du hast einen ganz wilden Blick.«

»Wirklich? Ich weiß, dass das alles komisch ist.«

»Ach, bloß ein bisschen! Was ist denn passiert?«

Was war denn tatsächlich passiert? Das wusste ich ja selbst kaum. »Na ja«, fing ich an, »ich glaube, ich hab Richard verlassen.« Laut ausgesprochen klang es unglaubwürdig, beinahe dumm.

»Das weiß ich. Deine ganze Familie hat mir das erzählt.« Rose lächelte. »Hast du ihn wirklich verlassen? So wie in: Auf Wiedersehen, hier ist dein Ehering?« Sie schaute auf meine ringlose linke Hand, die ich um meinen Becher gelegt hatte. »Oh Scheiße.«

»Schon, oder?« Ich nickte. »Heftig.« »Heftig« sagte ich, genau wie der Hippie-Typ damals, in den Rose und ich beide 1983 verknallt gewesen waren. Seinen Namen wusste ich nicht mehr, aber seitdem, wann immer eine Sache ein bisschen schwerwiegender war, sagten Rose und ich immer »heftig«, auf dieselbe Art und Weise, wie es der süße Junge immer gesagt hatte. Ich hatte ihn zwar als Erste geküsst, doch Rose ging dann ein paarmal mit ihm aus. Sie wusste seinen Namen sicherlich noch. Ich wollte sie gerade danach fragen, als mir auffiel, dass sie mich seltsam ansah.

»Du bist ja komplett durch den Wind«, bemerkte sie. »Ist irgendwas Schlimmes zu Hause vorgefallen? Es kommt einfach so aus heiterem Himmel.«

»Nichts ist passiert, wirklich.« Ich setzte ein beruhigendes Lächeln auf. Ich war froh, dass ich noch wusste, wie man lächelt. Man zog die Lippen auf beiden Seiten ganz in die Länge und ließ die Zähne dazwischen herausschauen. Hoffentlich sah es echter aus als die seltsame Grimasse, nach der es sich innerlich anfühlte. »Tatsächlich habe ich schon länger darüber nachgedacht.«

»Du hast nie irgendwas gesagt.« Rose sah überrascht aus.

»Ich weiß. Tut mir leid. Ich hab’s mir irgendwie nicht mal selbst richtig eingestanden, dass ich darüber nachgedacht habe.«

»Wie lange fühlst du dich denn schon so?«, wollte Rose wissen, ganz in Beratermanier.

»Ach, schon eine Weile. Vielleicht ein paar Jahre.«

Oder vielleicht auch zwanzig Jahre.

»Ach, Liebes!« Rose kam zu mir rüber, setzte sich auf die Armlehne neben mir und drückte mich. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so schlimm war. Das tut mir leid.«

»Ein ziemlicher Schock, nicht? Ich habe mich selbst geschockt.« Ich kicherte und das Kichern ging in seltsame kleine Schluchzer über, die ich anscheinend nicht unter Kontrolle hatte. Rose hielt mich im Arm, bis ich mich wieder gefasst hatte, dann schaute sie mich so voller Fürsorge an, dass ich aus Angst, gleich wieder weinen zu müssen, wegsehen musste.

»Guter Gott, Liebes, das ist wirklich ziemlich massiv.«

Ich nickte. Ich traute meiner Stimme nicht über den Weg, um ihr noch genauer zu erklären, wie massiv das alles eigentlich war.

»Du bist der verheiratetste Mensch, den ich kenne!«, sagte sie und ging zu ihrer Ecke des Sofas zurück, immer noch mit besorgtem Gesichtsausdruck.

»Du siehst mich also tatsächlich so?«, fragte ich zittrig.

»Gott, Kay! Das ist eine Riesensache. Hast du Angst?«

»Todesangst.« Eine Träne kullerte mir über die Wange und ich wischte sie weg.

»Natürlich. Das ist unglaublich mutig.« Rose nippte an ihrem Tee. »Ihh! Du hast Glück, dass ich dich lieb hab.«

»Wie geht es meiner Familie?«

»Edward ist ganz ruhig.«

»Den Jungen verstört so leicht nichts.«

»Auf seltsame Weise ruhig, Kay. Eher kurz angebunden als ruhig, um ehrlich zu sein. Wann hast du ihn denn das letzte Mal gesehen?«

»Ach, das ist schon etwas länger her, er ist so beschäftigt mit der Arbeit und den Zwillingen …« Ich driftete ab, weil mir gerade klar wurde, dass Edward schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr zu Besuch zu uns runtergekommen war, außer zu Mums Beerdigung. Er hatte Weihnachten und zwei Osterfeste verpasst.

Rose fuhr fort: »Stella tut so, als würde sie es mit Fassung tragen, aber ich kann die Panik dahinter erkennen.«

»Gott, arme Stella. Und« – ich stählte mich – »hast du auch mit Richard gesprochen?«

»Mehrmals. Er beharrte darauf, dass ich dir in Winchester Unterschlupf gewähren und er unverzüglich zu mir kommen würde. Hab eine Weile gebraucht, um ihn davon zu überzeugen, dass ich in Frankreich bin und nichts von deiner großen Flucht wusste.«

»Verdammt, das tut mir leid, Rose.« Blöderweise war es mir nicht in den Sinn gekommen, dass Rose der Puffer zwischen meiner Familie und mir sein würde.

»Dafür bin ich doch da, meine Liebe. Obwohl Alice nicht auch noch hätte sein müssen.«

»Guter Gott. Wie hat sie davon erfahren?«

»›Meine liebe Rose, wir sind hier alle schon dem Wahnsinn nahe!‹«, ahmte Rose Alice’ Stimme, die wie eine BBC-Reporterin aus den 1950er Jahren klang, gekonnt nach. »›Mein Richard scheint aus Achtlosigkeit seine Frau irgendwo verlegt zu haben, es heißt also alle Mann an Deck, um sie wiederzufinden. Danke vielmals!‹«

»Sie hat nicht wirklich gesagt, dass Richard mich verlegt hat, oder?«

»Das war bloß eine inhaltliche Zusammenfassung. Wie auch immer, ich hab allen gesagt, dass ich mit dir gesprochen hätte, dass es dir gut ginge und du dich bald melden würdest.«

»Danke dir.«

»Allerdings muss ich schon zugeben, dass ich starr vor Angst war, Kay Bright! Oder heißt es jetzt wieder Kay Hurst? Zu Stella hab ich ganz zuversichtlich gesagt, dass wir dir ein bisschen Raum geben sollten, aber insgeheim dachte ich, was, wenn ich das komplett Falsche gesagt habe, ich hier ankomme und dich von einem Balken hängend finde.«

»Wow, Rose, das ist ganz schön heftig.«

»Heftig.«

»Wie hieß der Junge noch mal, der das immer gesagt hat?«

»Ollie.«

Ich hatte es gewusst, dass sie sich noch an seinen Namen erinnern würde. »Dann warst du jetzt bestimmt ziemlich erleichtert, mich zu sehen, was?«

»Das kann man wohl sagen. Tatsächlich muss ich Graham schreiben, dass es keine Polizeibeamten mehr braucht.«

»Wer ist Graham?«

»Erzähl ich dir später.« Rose schaute ihren Becher an. »Oh je, mein abscheulicher Tee ist ja ganz kalt geworden, was für ein Jammer. Ich hab französischen Wein mitgebracht. Ich weiß, dass es ein bisschen früh ist, aber …«

»Es ist fast vier. Ein bisschen Wein wäre toll.« Ich sprang auf und holte zwei Gläser, wobei ich den mysteriösen Graham für den Moment gedanklich zur Seite schob.

Rose schenkte den Wein ein und wir stießen klirrend mit den Gläsern an, doch dann fing ich zu meiner Überraschung wieder an zu weinen.

»Ach, Kay!« Rose nahm meine Hand. »Sag mir jetzt nicht, dass der Wein die Reise nicht heil überstanden hat? In Lille war er noch ausgezeichnet.«

Das ließ mich unter dem Weinen kurz auflachen und ich prustete los. Sanft nahm mir Rose das Glas aus der Hand und ich versteckte mein Gesicht hinter einem Kissen, bis ich mich wieder beruhigt hatte.

»Da hast du aber was Großes losgetreten, du Dussel«, bemerkte Rose. »Dass du dich jetzt ein bisschen neben der Spur fühlst, damit war zu rechnen.«

Da ich mir das Sprechen noch nicht zutraute, nickte ich bloß, denn da waren noch eine Menge Tränen, die drohten überzulaufen. Dass sie diesen doofen, liebevollen Spitznamen aus unserer Jugend in Liverpool benutzte, »du Dussel«, machte es auch nicht besser.

»Also, was jetzt?« Rose gab mir mein Glas zurück.

Ich setzte mich auf. »Na ja, vermutlich … das ist schwer zu erklären. Ich hab einfach dieses Gefühl – schon seit Längerem –, dass es Dinge gibt, die ich gerne tun würde. Dinge, die ich tun muss.«

»Wie zum Beispiel?«

»Bevor ich von zu Hause weggegangen bin, war das alles irgendwie viel klarer. Aber ich weiß, dass ich nach Australien will. Ich mache mir Sorgen um Bear, sie hat schon seit ein paar Monaten nicht mehr geschrieben.«

»Das sieht ihr aber gar nicht ähnlich, sie war doch immer so pünktlich wie ein Uhrwerk, oder?«

»Ein paar andere Dinge schwirren mir da auch noch im Kopf rum. Den Snowdon besteigen, zum Beispiel. Jedes Mal, wenn ich hierherkomme, nehme ich mir vor, das jetzt endlich zu tun, aber ich hab es immer noch nicht getan. Genau wie nach Venedig zu fliegen.«