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Der Tag, an dem die ewige Dämmerung einsetzte ...
Eisblaue Augen, die bis auf den Grund ihrer Seele blicken ... Seine federleichte Berührung brennt auf ihrer Haut ... Wer ist dieser überirdisch gut aussehende Fremde, dem Grazia in Rom seit Kurzem immer wieder begegnet? Nachts träumt sie von ihm, und wie aus dem Nichts taucht er in ihrer Wohnung auf. Ungläubig hört sie ihm zu, als er ihr erklärt, dass er ein gefallener Engel ist und sie braucht, um das Böse zu bekämpfen ...
Neuauflage des Bestsellers von Dana Kilborne - Spannung pur!
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Flüssiges Feuer regnete vom Himmel und setzte alles in Brand, was mit ihm in Berührung kam. Menschen schrien in Panik, der Boden unter ihren Füßen erbebte, die Erde riss auf und verschlang Dutzende Männer und Frauen. Sie hatten Glück, denn ihr Ende kam schnell, und sie mussten das wahre Grauen, das nun folgte, nicht miterleben.
Grauenvolle Ausgeburten der Hölle stiegen aus den bodenlosen Felsspalten empor. Ihre Haut war schwarz und zäh wie Teer, und allein ihr Anblick konnte einem Menschen den Verstand rauben, wenn er die Begegnung mit ihnen lange genug überlebte.
Engel stürzten vom blutroten Himmel herab, ihre Schwingen schwarz und verkohlt vom Höllenfeuer. Die Seelen der Unschuldigen, die sie zu beschützen versucht hatten, wurden von den Dämonen in die Tiefe gezerrt, wo sie im ewigen Fegefeuer brannten.
Und mitten in all diesem Chaos stand eine junge Frau.
Ihr dunkelbraunes Haar wehte leicht, so als würde es von einer kühlen Brise in Bewegung versetzt. In ihren Augen lag ein entrückter Glanz, so als würde sie von dem, was um sie herum geschah, überhaupt nichts wahrnehmen.
Sie lächelte sanft, als sie auf ihn zukam, und er wusste, dass sie es war.
„Die Bruderschaft der letzten Tage hütet eine heilige Reliquie von unschätzbarer Macht“, flüsterte sie so leise, dass er sie kaum verstehen konnte. „Sollte sie in die falschen Hände geraten …“
Sie brauchte gar nicht weiterzusprechen. Er begriff, dass er sie ausfindig machen musste, wenn er all diese schrecklichen Dinge verhindern wollte.
Sie und diese Reliquie.
Das Schicksal der Welt lag in ihren Händen.
Grazia Bassani hatte nicht vorgehabt, an diesem Tag dem Tod zu begegnen.
Sie war allerdings in keiner guten Stimmung – wie jeden Sonntag, wenn sie kurz vor Toresschluss zum Friedhof kam, um das Grab der Person zu besuchen, die sie im Leben am meisten vermisste.
Als sie jetzt das Gelände betrat, glaubte sie sofort, das leise Wispern der Verstorbenen zu hören. Doch es war nur der Wind, der durch die Kronen der Bäume fuhr und die Blätter rascheln ließ.
Grazia ging weiter. Der Kies, mit dem der gewundene Weg ausgestreut war, knirschte unter den Sohlen ihrer Schuhe. Ansonsten war es still, denn die Geräusche der Stadt waren hinter den Friedhofsmauern zurückgeblieben.
Mit jedem Schritt, den sie tat, verstärkte sich das Unbehagen, das sie immer überkam, wenn ihr Weg sie hierher führte. Es war eine Mischung aus Trauer, Wut und Angst. Gleichzeitig fühlte sie sich unerklärlicherweise aber auch wohl an diesem Ort. Sie mochte die Ruhe und den Frieden hier, und selbst im Hochsommer sorgten die vielen schattigen Bäume dafür, dass es nie zu heiß wurde.
Von Hitze konnte heute jedoch keine Rede sein, und das lag nicht nur am hereinbrechenden Abend. Schwere, dunkle Wolken waren am Himmel aufgezogen und drückten die Temperaturen unter die Fünfzehn-Grad-Marke, was für Rom in den Sommermonaten keineswegs normal war. Angesichts der anderen seltsamen Naturereignisse, die sich in letzter Zeit überall auf der ganzen Welt ereigneten, erschien es jedoch eher unspektakulär.
Erst gestern hatte Grazia in den Nachrichten von einem Kometenschauer gehört, der über Südafrika niedergegangen war. Die Bilder waren eindrucksvoll und zugleich furchteinflößend gewesen – so, als würden die Sterne vom Himmel fallen. Und dabei handelte es sich nicht um das erste Phänomen dieser Art. Seit Wochen umfasste ein ständig anwachsender, leuchtend roter Ring aus Feuerquallen die Küste der Balearen und sorgte dafür, dass auf den Urlaubsinseln Mallorca und Ibiza die Gäste fernblieben. Währenddessen wurde der mittlere Westen der USA von einer späten und besonders heftigen Tornadosaison heimgesucht, die die Einwohner in Angst und Schrecken versetzte.
Als Grazia die letzte Ruhestätte ihrer Mutter erreichte, die sich etwas abseits in der Nähe der östlichen Friedhofsmauer befand, blieb sie stehen. Das Grab lag im Schatten einer alten, hoch gewachsenen Eiche. Weil selbst bei schönem Wetter nicht viel Sonne darauf fiel, gediehen die Blumen hier nicht so üppig, doch das empfand Grazia nur als passend. Bunte Farben gehörten ihrer Meinung nach ebenso wenig hierher wie Fahrradfahrer und lärmende Schulklassen. Das war einer der Gründe, warum sie immer sonntags, kurz bevor die Tore geschlossen wurden, herkam. Sie sehnte sich nach der Ruhe und Erhabenheit, die dieser Ort ausstrahlte. Etwas, das sie für eine Weile vergessen ließ, wie verrückt und hektisch es in der Welt dort draußen hinter den hohen Friedhofsmauern zuging.
Sie legte die weiße Lilie, die sie mitgebracht hatte, auf das Grab und blickte nachdenklich den Grabstein an, der die Form eines betenden Engels besaß. Wie immer, wenn sie hier war, geisterte ein und dieselbe Frage ununterbrochen durch ihren Kopf.
Wie konntest du einfach weggehen, Mamma? Ich war deine Tochter, und ich hätte dich gebraucht! Hattest du mich denn überhaupt nicht lieb?
Seufzend schob sie diesen traurigen Gedanken und die Melancholie, die damit einherging, weit von sich. Sie wusste, dass es nichts brachte, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Antworten auf ihre Fragen würde sie ohnehin niemals erhalten. Ihre Mutter konnte sie ihr nicht mehr geben, und ihr Vater …
Grazia runzelte die Stirn. Sie wusste nicht, woran es lag, aber irgendetwas war heute anders als sonst. Es lag etwas in der Luft, das ihr ein seltsames Gefühl vermittelte. Ein Gefühl, das sie hier noch nie verspürt hatte.
Das Gefühl drohenden Unheils.
Sie schüttelte den Kopf. Unsinn! Sie war einfach nur ein bisschen durcheinander, mehr nicht. Oder aber die angespannte Stimmung, die momentan über ganz Rom lag, begann langsam auf sie abzufärben. Es war eine Atmosphäre wie kurz vor einem Gewitter, wenn die Luft vor elektrischer Spannung vibrierte. Doch anders als bei einem aufziehenden Sturm verschwand dieses Prickeln nicht nach einem heftigen Regenguss, sondern hielt die Stadt nun schon seit Tagen in Atem. Und so langsam fingen die ersten Leute an, durchzudrehen.
Grund war die plötzlich angestiegene Gewaltbereitschaft unter den Bürgern. Selbst normalerweise vollkommen friedliebende Menschen verwandelten sich von einem Tag auf den anderen in brutale Schläger, und diejenigen, die ohnehin schon zu Wutausbrüchen neigten, verloren vollkommen die Kontrolle über sich.
Grazia wusste es aus erster Hand – schließlich arbeitete sie beim Morddezernat im Dipartimento Cinque der römischen Kriminalpolizei.
Noch einmal strich sie mit den Fingern über die samtige Blüte der Lilie, dann stand sie auf. „Buona notte“, verabschiedete sie sich mit einem traurigen Lächeln. „Schlaf schön …“
Ganz gleich, wie oft sie auch herkam – wenn sie ging, überfiel sie jedes Mal ein Gefühl großer Schwermut. Dabei war es nun schon so lange her, und im Grunde hatte ihre Mutter sie schon Jahre vor ihrem Tod im Stich gelassen.
Der Himmel hatte mittlerweile dort, wo sich Lücken in der Wolkendecke auftaten, eine ungesunde gelblichgraue Färbung angenommen. Stechender Ozongeruch erfüllte die Luft, und in weiter Ferne erklang Donnergrollen. Lange würde der Regen nicht mehr auf sich warten lassen. Grazia hoffte, dass er das, was auch immer die Stadt im Moment vergiftete, endlich davonspülen würde.
Sie schritt schneller aus. Schon landeten die ersten dicken Regentropfen auf dem mit Kies gestreuten Gehweg, aber wenn sie sich beeilte, würde sie noch einigermaßen trocken zu ihrem Wagen gelangen, den sie am Straßenrand vor dem Haupteingang geparkt hatte.
Endlich erreichte sie das schmiedeeiserne Drehtor und wollte gerade hindurchtreten, als sie aus den Augenwinkeln etwas leuchtend Rotes zwischen den Zweigen eines Ginsterbusches hervorblitzen sah.
Sofort war ihr Interesse geweckt, was vermutlich daran lag, dass sie als Polizistin darauf geschult war, Dinge zu bemerken, die andere gar nicht wahrnahmen. Jedenfalls spürte sie gleich, dass hier irgendetwas nicht stimmte.
Vorsichtig näherte sie sich dem Ginsterbusch. „Hallo? Ist da jemand?“
Nichts rührte sich, doch das Gefühl der drohenden Gefahr flaute nicht ab. Im Gegenteil, es verstärkte sich noch.
Achtsam blickte Grazia sich um und entdeckte ganz in der Nähe einen abgebrochenen Ast. Sie nahm ihn auf, kniete sich hin und schob vorsichtig die untersten Zweige des Ginsterbusches zur Seite, um darunter schauen zu können.
Zwischen den Zweigen kam etwas zum Vorschein, das auf den ersten Blick wie ein unförmiger roter Ball aussah. Sie kniff die Augen zusammen und rückte noch ein Stück näher.
Da erkannte sie, dass sie keineswegs einen Ball vor sich hatte. Es handelte sich überhaupt nicht um einen Gegenstand, sondern …
… um einen menschlichen Kopf!
***
Für einen Moment schien Grazias Herz einfach stehen zu bleiben vor Schreck, dann hämmerte es so heftig weiter, als wolle es zerspringen.
Mit einem erstickten Keuchen stolperte sie zurück, wobei der Stock ihren plötzlich vollkommen kraftlosen Fingern entglitt. Sofort verdeckten die zurückfallenden Zweige den schrecklichen Anblick des Toten – das bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Gesicht, die weit aufgerissenen, blicklos ins Leere starrenden glasigen Augen …
Trotzdem wusste Grazia, dass dieses scheußliche Bild sie so bald nicht mehr loslassen würde. Ihre Neigung zu schlimmen Albträumen war eines der Dinge, die sie bei der psychologischen Untersuchung, der sich jeder Bewerber vor einem Wechsel zur Mordkommission unterziehen musste, lieber verschwiegen hatte.
Sie schloss die Augen, atmete tief durch und wartete, bis das Rauschen in ihren Ohren langsam nachließ.
Jetzt bloß nicht die Kontrolle verlieren! Verdammt, reiß dich zusammen!
Endlich ebbte das Schwindelgefühl ab, und der eisige Regen, der jetzt sintflutartig vom Himmel stürzte, tat sein Übriges, um sie wieder in die Realität zurückzuholen.
Tu endlich was! Mach deinen Job!
Mit zittrigen Fingern wischte sie sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihr war eiskalt, und das lag nicht am Wind, der jetzt so heftig an den Kronen der Bäume zerrte, dass abgerissene Blätter durch die Luft wirbelten. Es war die Angst, die von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte. Kalte, nackte Angst. Doch die würde sie nicht davon abhalten, zu tun, was sie tun musste.
Noch einmal holte sie tief Luft, dann schob sie die Zweige des Ginsterbusches zur Seite.
Bei der Leiche handelte es sich unverkennbar um einen Mann, was sich vor allem deshalb so leicht feststellen ließ, weil nur der Kopf des Toten von den grausamen Verbrennungen betroffen war. Der Rest des Körpers schien vollkommen unversehrt geblieben zu sein.
Seltsam …
Grazia runzelte die Stirn. Dieser Mann war ganz offensichtlich ermordet worden, denn durch einen Unfall konnte er sich diese Verletzungen kaum zugezogen haben. Doch wer immer ihm das auch angetan haben mochte, hatte sich nicht damit zufriedengegeben, sein Opfer einfach nur zu töten. Nein, er hatte es förmlich zu Tode gefoltert. So, als bereite es ihm Spaß, ihm möglichst große Qualen zuzufügen, oder als wolle er ihm mit Gewalt ein Geheimnis entlocken.
Genau wie bei den anderen.
Mit einem Mal wurde Grazia von nervöser Aufregung erfasst. Konnte es wirklich sein, dass …?
Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie das Handgelenk des Toten umfasste und es so drehte, dass sie die Innenseite sehen konnte. Als sie die winzige Tätowierung in Form einer stilisierten Rosenblüte erblickte, atmete sie scharf ein.
Das war ihr Zeichen!
Innerhalb der vergangenen Wochen waren zwei Männer, die dieselbe Tätowierung am Handgelenk trugen, ermordet aufgefunden worden. Einer war tot im Wasser des Vierströmebrunnens auf der Piazza Navona treibend entdeckt worden. Den anderen hatte man mit Nägeln an das Kreuz einer Kapelle in der Nähe des Kolosseums geschlagen entdeckt.
Und hier war nun die Nummer drei – und der Beweis dafür, dass der Mörder seine Opfer keineswegs willkürlich auswählte. Denn sie alle gehörten zur Bruderschaft …
Grazia nickte. Jetzt konnte Commissario Tozzi sie nicht länger als Spinnerin abtun! Und selbst wenn ihr Vorgesetzter ihre Theorie noch immer nicht ernst nahm, so musste er sich nun zumindest anhören, was sie zu sagen hatte.
Sie griff nach ihrem Handy und wählte die Nummer des Kommissariats. In knappen Sätzen informierte sie den diensthabenden Kollegen über ihre Entdeckung. Dann zog sie ihre Jacke aus und breitete sie über den Toten aus, um zu verhindern, dass der Regen wichtige Spuren davon wusch, ehe die Spurensicherung den Fundort der Leiche gesichert hatte. In dem Moment hörte sie ein leises Geräusch hinter sich.
Grazia erstarrte!
In ihrer Aufregung hatte sie gar nicht daran gedacht, dass sich der Täter womöglich noch in der Nähe aufhalten könnte. Verdammt, das hätte ihr nicht passieren dürfen! Sie durfte sich nicht wundern, wenn man sie nicht für voll nahm, solange sie sich wie eine blutige Anfängerin aufführte!
Sie holte noch einmal tief Luft, dann sprang sie auf und wirbelte herum. „Polizei! Ich …“
Sie stockte. Da war niemand. Erleichtert atmete sie auf. Offenbar hatten ihr lediglich ihre angespannten Nerven einen Streich gespielt. Sie schüttelte den Kopf und wollte gerade zum Friedhofstor gehen, um draußen an der Straße auf das Eintreffen ihrer Kollegen zu warten, als sie plötzlich wieder etwas hörte.
Irritiert blieb Grazia stehen und lauschte. Ein greller Blitz zuckte vom Himmel herab und tauchte das düstere Zwielicht für den Bruchteil einer Sekunde in gleißende Helligkeit. Im selben Moment taumelte ein Mann hinter dem Stamm einer hohen Eiche hervor, die direkt an der Friedhofsmauer stand. Schwankend drehte er sich einmal um die eigene Achse, ehe er mit gesenktem Kopf stehen blieb und aufstöhnend das Gesicht in den Händen barg.
Er war barfuß und, abgesehen von einer locker auf den Hüften sitzenden schwarzen Baumwollhose, unbekleidet. Seine Figur erinnerte Grazia an die Darsteller aus den Kampfsportfilmen, die sie als Mädchen so gern gesehen hatte: muskulös und athletisch, dabei aber fast schon überschlank. Seine Haut war so bleich, dass sie beinahe durchscheinend wirkte – umso auffälliger war die riesige, gezackte Narbe, die, wie sie vorhin gesehen hatte, entlang der Wirbelsäule über seinen ganzen Rücken zu reichen schien.
Und dann schaute er plötzlich auf, und ihre Blicke trafen sich. Atemlos schnappte Grazia nach Luft. Die Zeit schien einfach stehen zu bleiben. Die Geräusche ihrer Umgebung – das Prasseln des Regens, der Wind und der Donner – traten in den Hintergrund, bis sie nur noch ihren eigenen, hämmernden Herzschlag hörte, so laut wie afrikanische Buschtrommeln.
Dieser Typ – Grazia schätzte ihn auf Mitte bis Ende zwanzig – sah einfach unverschämt gut aus. Nein, korrigierte sie sich sofort. Er sah nicht einfach nur gut aus, er war geradezu überirdisch schön. Und er strahlte etwas aus, das zugleich bedrohlich, aber auch ungemein anziehend wirkte.
Kurz fragte sie sich, warum er kaum etwas anhatte. Sein Aufzug war selbst für einen strahlenden Sommertag Mitte Juli ungewöhnlich – im strömenden Regen, mitten in einem heftigen Gewitter, wirkte er regelrecht bizarr. Doch es gelang ihr nicht, den Gedanken festzuhalten. Er schwebte einfach davon, so wie all die anderen Dinge, die ihr noch einen Augenblick zuvor ungemein wichtig erschienen waren.
Grazia spürte, wie es in ihrem Bauch zu flattern begann. Sie wollte es nicht, doch es gab nichts, was sie dagegen tun konnte. Und sie konnte auch nicht aufhören, ihn anzustarren.
Pechschwarzes Haar umrahmte ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen. Die nassen Strähnen reichten ihm bis auf die Schultern. Am eindrucksvollsten jedoch waren seine Augen, die die Farbe eines klaren Gletschersees besaßen. Als Grazia direkt hineinblickte, glaubte sie für einen winzigen Moment zu spüren, wie eisiges, kristallklares Wasser über ihrem Kopf zusammenschlug, und sie glitt dahin, immer tiefer und tiefer, bis es weder oben noch unten gab und die Welt um sie herum aufhörte zu existieren.
Wenn sie seinen Blick richtig deutete, schien er ebenso überrascht zu sein, sie zu sehen.
„Merle?“, fragte er stirnrunzelnd. Seine Stimme klang tief, aber weich wie Samt. „Nein … Wer bist du?“
Er trat auf sie zu, und Grazia erschrak. Ihr war, als würde sie aus einem tiefen Traum erwachen. Ängstlich stolperte sie einen Schritt zurück. Hatte sie den Verstand verloren, ihn so nah an sich herankommen zu lassen? Sie wusste doch überhaupt nicht, wer er war! Womöglich stand in diesem Augenblick ein eiskalter Killer vor ihr!
Keine Schwäche zeigen! Wenn man seinen Gegner spüren lässt, dass man Angst empfindet, hat man schon so gut wie verloren!
Grazia straffte die Schultern. „Kommen Sie keinen Schritt näher!“ Sie schaffte es, ihre Stimme selbstbewusster klingen zu lassen, als sie sich fühlte. Doch damit konnte sie ihn offenbar nicht beeindrucken.
Er kam noch ein Stück auf sie zu. „Du bist die Frau aus meinen Träumen.“ Er neigte den Kopf zur Seite. „Ja, du bist es tatsächlich …“
„Wovon sprechen Sie?“, flüsterte Grazia atemlos. Sie hatte das Gefühl, als würde er ihr bis auf den Grund der Seele blicken. Es war unheimlich, angsteinflößend – doch das war nicht der eigentliche Grund, warum sie weiche Knie bekam. Dieser Mann hatte irgendetwas an sich, das sie einfach nicht in Worte fassen konnte. Obwohl sie sich einerseits vor ihm fürchtete und deutlich spürte, dass ihn eine Aura der Dunkelheit umgab, fühlte sie sich auf der anderen Seite geradezu magisch zu ihm hingezogen.
„Ich muss jetzt gehen“, sagte er, ohne auf ihre Frage zu antworten. „Aber wir werden uns schon bald wiedersehen.“
Endlich gewann Grazias Professionalität wieder die Oberhand. „Sie gehen nirgendwohin!“, erwiderte sie energisch, und das Geräusch einer Polizeisirene, die sich rasch näherte, verlieh ihr zusätzliche Sicherheit.
Die Kollegen kamen. Endlich! Ungeduldig blickte Grazia über die Schulter zurück zum Friedhofstor, durch das sie bereits das zuckende Blaulicht eines Einsatzwagens erkennen konnte.
Als sie den Blick nur eine Sekunde später wieder nach vorn richtete, war der Mann mit den eisblauen Augen verschwunden.
Auf der anderen Straßenseite, direkt gegenüber dem Eingangstor des Friedhofs, stand eine im gotischen Stil errichtete Kirche, die seit ein paar Wochen aufgrund von Renovierungsarbeiten geschlossen war. Die Pfarrgemeinde hoffte, dass der Einbau einer neuen, farbenprächtigen Fensterrose dem Gebäude eine freundlichere Atmosphäre verleihen und endlich wieder ein paar Gläubige in den sonntäglichen Gottesdienst locken würde. Doch im Moment wirkte die düstere Fassade mit ihren fratzenartigen Wasserspeiern, aus denen das Regenwasser in hohen Fontänen auf den Kirchvorplatz schoss, alles andere als einladend.
Auf einem dieser Wasserspeier hockte, in luftiger Höhe, der Mann mit der Narbe. Sein Taufname lautete Zacharias, doch der war für die meisten Menschen zu kompliziert, und so nannte er sich einfach nur Zack. Er verschmolz mit der Dunkelheit, wurde eins mit den Schatten, sodass er vermutlich selbst dann nicht entdeckt worden wäre, wenn jemand direkt in seine Richtung geblickt hätte.
Doch die Menschen unten auf dem Friedhofsvorplatz waren ohnehin mit anderen Dingen beschäftigt.
Das Blaulicht der Einsatzfahrzeuge hatte, trotz des schlechten Wetters, Schaulustige angelockt. Ein halbes Dutzend Polizeibeamte in Uniform war vollauf damit beschäftigt, zu verhindern, dass einige besonders Neugierige die Absperrung durchbrachen.
Zack beachtete sie nicht weiter, ebenso wenig wie die in weiße Ganzkörperoveralls gehüllten Mitarbeiter der Spurensicherung und ihre Kollegen der Gerichtsmedizin.
Er hatte nur Augen für sie.
Sie stand zusammen mit einem älteren Mann etwas abseits vom größten Trubel auf dem eigentlichen Friedhofsgelände. Es war offensichtlich, dass die beiden miteinander stritten. Die ganze Körperhaltung der Frau, die Art und Weise, wie sie die Arme vor der Brust verschränkte, drückte Protest aus. Die Luft um sie herum schien zu vibrieren, während der Mann, mit dem sie sprach, kühle Gelassenheit ausstrahlte.
Doch für ihn interessierte Zack sich nicht. Es war einzig und allein die Frau, über die er mehr erfahren wollte.
Im ersten Moment ihres Zusammentreffens war er im Glauben gewesen, Raum und Zeit seien aus den Fugen geraten, und Merle stünde vor ihm. Sie war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Die herrlichen grüngrauen Augen, die vollen, weichen Lippen … Doch anstelle von freudigem Erkennen hatte sie ihn mit einer Mischung aus Furcht und Verwirrung angestarrt, und Zack war sich seines Irrtums bewusst geworden.
Das aber machte die Unbekannte nicht weniger faszinierend. Er hatte keine Ahnung, wie er hierhergekommen war. Das Letzte, woran er sich erinnern konnte, war dieser immer wiederkehrende Traum, der ihn nun schon seit Wochen jede Nacht schweißgebadet aus dem Schlaf hatte schrecken lassen.
Nur eines war ihm absolut klar.
Dass es mit dieser Frau zu tun haben musste.
***
„Wie oft denn noch, Bassani? Ich habe weder Lust noch Zeit, irgendwelchen Phantomen hinterherzujagen!“
Fasziniert beobachtete Grazia, wie die Zornesader auf der Stirn ihres Vorgesetzten im Rhythmus seines Herzschlags pulsierte. Sie wusste, dass unter ihren Kollegen heimlich Wetten darüber abgeschlossen wurden, wie viel Zeit Commissario Tozzi noch bis zu einem ersten Infarkt blieb. Angesichts der Tatsache, dass er mit Abstand der aufbrausendste Mensch war, den sie jemals kennengelernt hatte, fürchtete Grazia das Schlimmste für ihn. Vor allem, da ausgerechnet sie selbst es war, der es gelang, ihn regelmäßig zur Weißglut zu treiben.
Doch einfach klein beizugeben, nur um ihn milde zu stimmen, kam für sie nicht infrage. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die stets den Weg des geringsten Widerstands wählten. Und wenn sie an etwas glaubte, dann war sie auch bereit, dafür zu kämpfen.
„Mit einer Phantomjagd hat das nicht das Geringste zu tun, und das wissen Sie genau!“ Energisch verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Die Tätowierungen beweisen ganz eindeutig, dass alle drei Opfer Mitglieder der Bruderschaft der letzten Tage waren! Meinem Vater ist es zwar nie gelungen, wissenschaftlich nachzuweisen, dass die Gruppe nach wie vor existiert, aber er war sicher, dass es keinesfalls mehr als zwei Dutzend Mitglieder auf der ganzen Welt gibt. Zwei davon liegen bereits tot auf dem Obduktionstisch unseres Gerichtsmediziners, ein drittes Mitglied ist bald unterwegs. Und Sie wollen ernsthaft weiterhin behaupten, dass der Täter bei der Wahl seiner Opfer rein willkürlich vorgeht? Das kann einfach nicht Ihr Ernst sein!“
