Die Buchdruckerin - Sabine Weiß - E-Book

Die Buchdruckerin E-Book

Sabine Weiß

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Straßburg um 1520. Margarethe Prüß hat gegen den Willen der Zunft eine Druckerei geerbt. Als die Reformation die Stadt erreicht, heiratet sie den ehemaligen Mönch Johannes. Doch ihr Mann sieht den Platz einer Frau im Haus. Allen Widerständen zum Trotz kämpft Margarethe für ihr großes Ziel: Jeder soll Bücher lesen dürfen.

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Das Buch

Straßburg um 1520. Margarethe Prüß hat gegen den Willen der Zunft eine Druckerei geerbt. Als die Reformation die Stadt erreicht, heiratet sie den ehemaligen Mönche Johannes. Doch ihr Mann sieht den Platz einer Frau im Haus. Allen Widerständen zum Trotz kämpft Margarethe für ihr großes Ziel: Jeder soll Bücher lesen dürfen.

Die Autorin

Sabine Weiß studierte in Hamburg Geschichte. Heute lebt sie mit ihrer Familie in der Nordheide. Ihre beiden Romane über Madame Tussaud waren große Erfolge.

SABINE WEISS

Die Buchdruckerin

Historischer Roman

Marion von Schröder

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ISBN: 978-3-547-92006-2

© 2010 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin© Germanisches Nationalmuseum, NürnbergE-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, BerlinAlle Rechte vorbehalten

Für André

KAPITEL 1

STRASSBURG, 1510

Margarethe fragte sich später oft, ob es die Hand Gottes gewesen war, die zum Schlag gegen sie ausgeholt und die Sturmböe ausgelöst hatte. Aber wofür wollte der Allmächtige sie strafen? Hatte ihre Mutter, Gott habe sie selig, nicht jedes Gebet gesprochen, jeden eingesparten Gulden für Ablass ausgegeben und jede Wallfahrt auf sich genommen, um sein Wohlwollen für ihre Familie zu sichern?

Es war der Tag vor Sankt Martin, und die Wolken hingen so dicht über Straßburg, als wollten sie das Münster in ihren Tiefen verschlingen, dessen einsame Spitze schon lange nicht mehr zu sehen war. Argentina, »die Silberne«, nannte man auf Latein diese Stadt, heute aber hätte »die Graue« besser zu ihr gepasst. Feuchte Kälte kroch Margarethe die Beine hoch. Sehnsüchtig sah sie zu ihrem Nachbarn hinüber, einem Puppenmacher, der kurzerhand eine Feuerpfanne vor seiner Verkaufsbude aufgestellt hatte. Das war zwar verboten, er hatte aber gemeint, wenn die Bäcker hinter der Kathedrale ihre Ofen anfeuern dürften, warum sollten sie sich vor dem Münster den Hintern abfrieren? Die Flammen warfen einen warmen Schein auf die Buden, die, winzig und windschief, am Portal des Münsters lehnten, kein Fünkchen Wärme kam jedoch bei ihr an.

Das Kitzeln im Hals verstärkte ihre Ungeduld noch. Viel zu lange pries sie Meister Knipp schon die neuen Druckwerke an, doch der Zunftbruder ihres Vaters, ein Glasmaler, hörte ihr kaum zu, sondern ließ seinen Blick immer wieder von der Auslage des Standes zu ihren Brüsten wandern. Dabei war er nicht nur verheiratet, sondern auch uralt. Er hatte einen Sohn, Eckard, der, ebenso wie ihr ein Jahr jüngerer Bruder, siebzehn war. Blicke wie diese hatte sie schon öfter bei Käufern oder Gesellen beobachtet, sie ließen Margarethe ahnen, dass sie schön war, an einigen Körperteilen zumindest. Ihr Lispeln nahm zu, wie immer, wenn sie aufgeregt war, und auch das ärgerte sie. Mühsam bezwang sie ihre Wut, stapelte die Bücher säuberlich, da brauste eine Böe durch die Buden, entlockte der Feuerpfanne ein züngelndes, schnell in sich zusammenfallendes Flammenschwert, riss Kappen von den Köpfen und wirbelte Blätter hoch. Margarethe reckte die Hände, doch schon wehten die ersten Büchlein über den Platz. Sie rannte hinaus. Den Kopf in den Nacken gelegt, sah Margarethe einen Lidschlag lang wie verzaubert dem tanzenden Reigen zu. Ihr fiel ein, dass sie die Verkaufsbude leer zurückgelassen hatte. Es war kein Kunde davor zu sehen. Wo war Meister Knipp geblieben? Ah, er war auf ihren Vater zugegangen, der eben auf den Münsterplatz eingebogen war. Johann Prüß der Ältere schaute mittags und abends an der Bude vorbei. Sie wandte sich wieder den fliegenden Blättern zu. Das Haschen im Wind kam ihr wie ein Spiel vor, und als sie bemerkte, dass einige Kinder ihr halfen und dabei wie Grashüpfer sprangen, lachte sie laut auf. Aus dem Augenwinkel nahm sie ein Leuchten wahr, gelb-orangene Flammen waberten vor dem Münster. Was war das? Die Erkenntnis durchzuckte Margarethe: Es brannte, ihre Bude hatte Feuer gefangen! Da hatte sie einmal die alleinige Verantwortung über die Verkaufsbude, und nun das! Schon riefen die Ersten nach Wasser, doch die Hilfe würde zu spät kommen, das wusste sie. Die Bücher, die kostbaren Bücher! Ohne darüber nachzudenken, rannte sie auf die Bude zu, eine Wand brannte schon, die ersten Papiere krümmten sich in den Flammen. Sie musste hinein, musste retten, was zu retten war. Der Puppenmacher packte sie am Arm, wollte sie aufhalten. Margarethe riss sich los, raffte vom Tresen Bücher zusammen und legte sie einige Schritte entfernt ab. Immer näher krochen die Flammen, sprangen von Bogen zu Bogen. Ihr Vater kam angelaufen, rief ihren Namen. Sie musste noch einmal zurück, unter dem Tresen stand ein kleines Fass mit eingebundenen, kostbaren Büchern. Die Hälfte des Holzverschlags war bereits ein Opfer der Flammen geworden. Wenn sie am Rande über den Tresen stieg … Sie schürzte ihren Rock und kletterte über das Brett, schon knirschte das Holz über ihr. Das Fässchen, wo war es? Sie packte es, hob es auf den Tresen und wollte gerade selbst hinaufspringen, da gab das Dach mit einem Krachen nach und stürzte auf sie nieder. Schmerz durchfuhr sie, ihre Hand krümmte sich zusammen, als würde ein Messer hineingestoßen, es roch nach verbranntem Haar. Sie nahm das Fässchen in den Arm und ließ sich vom Tresen fallen. Ihr Kleid brannte, ein Schwall Wasser traf sie, Arme packten sie und zogen sie auf den Münsterplatz hinaus. Der Blick ihres Vaters war wütend, besorgt. Rufe nach Hilfe aus der dem Münster gegenüberliegenden Apotheke drangen an ihr Ohr. Sie bemerkte erst jetzt, dass sie zitterte. Ihre Hand war rot geschwollen und mit Bläschen bedeckt. Der Schmerz nahm ihr den Atem.

Johann Prüß ließ sich mühsam auf die Knie sinken. »Bist du närrisch, Kind? Es sind doch nur Bücher«, sagte er fassungslos. Ihr Vater war über sechzig. Früher hatte er munter gewirkt, rund und beweglich, der Tod ihrer Mutter hatte ihn jedoch geschwächt, gezeichnet. Sie wollte ihm nicht auch noch Kummer machen, musste sich zusammenreißen. Margarethe setzte sich auf. Der Apotheker war angekommen, er nahm ihre Hand und tupfte sie mit einer Kräutertinktur ab. Sie biss die Zähne zusammen, mit einem Zischen stieß sie die Luft aus.

»Es sind … nicht nur Bücher. Wie viel Arbeit steckt darin … wie viel Kunst … wie viel Wissen«, verteidigte sie sich.

Johann Prüß nahm ihr das Fässchen ab, das sie noch immer umklammert hielt. »Bücher können nachgedruckt werden. Ich verbiete dir, noch einmal so etwas Unsinniges zu tun. Sonst bist du das letzte Mal in der Verkaufsbude gewesen.« Nur das nicht! Ihr Vater war einer der angesehensten Drucker der Stadt, in seiner Druckerei und beim Verkauf der Bücher zu helfen war ihr eine Herzensangelegenheit.

Margarethe senkte ihren Blick. »Ich verspreche es, Vater.« Die Hand forderte jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit. Der Apotheker strich einen Kräuterbalsam auf die Wunde und legte einen Verband an. Als der Schmerz nachließ, bemerkte sie, dass ihr Vater mit Meister Knipp sprach.

Der Glasmaler begaffte sie unverhohlen, dann leckte er sich die Lippen. »Ein Jammer, dass das Buch nicht fertig ist. Ich hatte meinem Eheweib gesagt, dass ich es heute mitbringen würde. Sie wissen doch, Meister Prüß, wie sehnsüchtig sie es erwartet. Es wäre eine höchst willkommene Unterhaltung am Martinstag gewesen«, hörte sie Knipp nörgeln.

Ihr Vater sah seinen Zunftbruder etwas ratlos an, als wüsste er gar nicht, wovon er redete. Sein Blick wanderte zwischen seiner Tochter und der Bude hin und her. Der Brand schien gelöscht, ihr Knecht und der Altgeselle Reinhard, die aus ihrer Druckerei im nahe gelegenen Haus »Zum Tiergarten« gekommen sein mussten, packten die geretteten Bücher auf einen Karren und zogen vorsichtig weitere aus den Trümmern. Margarethe bemerkte, dass Reinhard immer wieder in ihre Richtung sah, und ihr Herz schlug schneller. Er war Ende zwanzig und der beste Altgeselle, den ihr Vater je gehabt hatte, fand zumindest Margarethe. Jetzt wirkte sein Gesicht mit den braunen Augen und dem Grübchen am Kinn ernst, vielleicht vorwurfsvoll. Verlegen senkte sie den Blick.

»Euer Buch …«, fing Johann Prüß an, dann besann er sich. »Ach ja. Bestellt Eurer verehrten Hausfrau einen Gruß, möge der Herr sie wieder zu Kräften bringen. Ich werde Euch das Buch selbstverständlich so schnell wie möglich ins Haus bringen lassen. Eure Frau soll nicht länger darauf warten müssen als notwendig. Und jetzt verzeiht mir, ich muss mich um meine Tochter und den Verkaufsstand kümmern.«

Der Apotheker war fertig, Margarethe rappelte sich auf. Sie sah sich verlegen um, sie war rußgeschwärzt und zerzaust, ihr Kleid zerrissen und angekokelt, die Hand pochte. Sie wollte nach Hause. Meister Knipp strich unwillig über seine dünnen zusammengewachsenen Brauen und forderte erneut die Aufmerksamkeit ihres Vaters ein. »Ich hoffe, dass meine Frau diese Verzögerung gut aufnimmt. Das Lesen ist ihr einziger Trost in diesen Zeiten.« Er seufzte schwer. Seine Augen hatten sich an Margarethes Mund mit den geschwungenen, leicht aufgeworfenen Lippen festgesogen. »Wenn sie nur jemanden hätte, der ihr vorliest! Jemanden wie Ihre Tochter. Sie hat eine so reizende Stimme.« Margarethe las gerne vor, aber ausgerechnet in Knipps Haus? Lieber nicht.

Ihr Vater räusperte sich. »Ein Vorschlag zur Güte: Wie wäre es, wenn meine Tochter Euch nach dem Festtag das Buch vorbeibringt? Dann könnte sie Eurer Frau die ersten Seiten vorlesen, als Wiedergutmachung für die Wartezeit gewissermaßen.« Sie sah ihren Vater entgeistert an. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie war die Tochter eines Druckers und keine verdingbare Vorleserin! Meister Knipp stimmte erfreut zu, als hätte er auf dieses Angebot gehofft. Endlich verabschiedete er sich.

Der Buchdrucker nahm sie nun genau in Augenschein, das Gesicht sorgenschwer. Margarethe verzog ihren Mund, das Lächeln gelang nicht. »Es geht mir gut, Vater, halb so schlimm.«

»Du musst der Lieben Frau im Münster danken, dass sie ihre Hand über dich gehalten hat. Es hätte schlimm ausgehen können«, schimpfte er. »Reinhard wird dich nach Hause geleiten.«

Margarethe stieg die Röte ins Gesicht. Sie mochte Reinhard, sehr sogar, er musste sie nicht von Nahem in diesem Zustand sehen. »Ich schaffe es allein dorthin«, sagte sie rasch, schlug sich die Kappe über den Kopf und wollte loslaufen, doch ihr Bein schmerzte, und so humpelte sie, ohne sich noch einmal umzudrehen, davon.

»Wenn es dir wieder so gutgeht, dann richte dich her und kehre zurück, um in der Liebfrauenkirche dein Dankgebet zu sprechen«, rief ihr Vater ihr mahnend hinterher.

Die Glocken der Münsterkathedrale riefen zum Gebet, schon eilten die Gläubigen über den Platz. Auch Margarethe ging auf das Portal zu, leicht zog sie das Bein nach. Nur noch rußschwarze Streifen am Mauerwerk verrieten, wo ihre Verkaufsbude gestanden hatte. Ihr Vater würde eine neue Bude bauen lassen müssen. Immer wieder hatte sie sich in den letzten Stunden gesagt, dass der Brand nicht ihre Schuld gewesen war, und doch fühlte sie sich schuldig. Sie hatte sich mühsam aus dem kaputten Kleid geschält, sich die angesengten Haarsträhnen abgeschnitten. Die kleinste Berührung an der verbrannten Hand schmerzte. Dennoch bemühte sie sich, so zu tun, als wenn nichts gewesen wäre. Sie wollte den Feiertag nicht im Bett verbringen. Doch weil sie so tapfer vorgab, gesund zu sein, hatte ihre Tante sie auch so behandelt. Sie hatte darauf bestanden, dass Margarethe im Hause blieb und half, das Festessen für den Martinstag vorzubereiten. Beinahe waren sie darüber in Streit geraten. Erst als Margarethe auf den ausdrücklichen Wunsch des Vaters verwies, dass sie in der Kathedrale ein Dankgebet sprechen sollte, hatte Tante Jule widerwillig nachgegeben.

Margarethe sah den hellblonden Schopf ihre Freundin Ursula unter einer Haube aufblitzen, sie wirkte gehetzt. War ihr Seelenheil wieder ernsthaft in Gefahr und nur der Besuch des Gottesdienstes, die Beichte oder ein Ablass konnten sie vor dem Fegefeuer retten? Meist peinigten Ursula so geringfügige Sünden, dass Margarethe sich fragte, ob Gott oder der Teufel sich wirklich die Mühe machen würde, sich mit diesen Kleinigkeiten abzugeben. Ihr selbst war die Beichte oft eine Qual. Jede noch so kleine Sünde musste aufgesagt werden, endlos fragte der Beichtvater alle Sündenregister ab. Es war wenig erstaunlich, dass Beichtbücher so beliebt waren, konnte man doch mit ihrer Hilfe vor der Beichte schon mal sein Gewissen nach den sieben Hauptsünden sowie den stummen Sünden, rufenden Sünden und fremden Sünden erforschen. Denn wenn man nur eine Sünde vergaß, war die gesamte Beichte nichtig. Jedes Mal, wenn sie vor dem Beichtvater stand, zitterte die Hand, in der sie den Beichtpfennig hielt. Wie musste es erst Ursula gehen, der regelmäßig die Angst vor den züngelnden Flammen des Fegefeuers den Schlaf raubte!

Bevor sie durch das südliche Seitenportal in die Kathedrale eintrat, ließ sie ihren Blick an dem Figurenschmuck der imposanten Kirche emporwandern. Überall an der Fassade des Münsters waren Heiligenfiguren und Szenen aus dem Leben der Heiligen abgebildet. Über ihr prangte die Darstellung des Jüngsten Gerichtes mit dem Versucher, einem verführerisch lächelnden Jüngling, der die törichten Jungfrauen anlockte, während die klugen Jungfrauen auf ihren Erlöser Christus warteten. Die Kirche »Unserer Lieben Frau zu Straßburg« war weit über die Grenzen der Stadt hinaus für ihre beeindruckenden Kunstwerke bekannt.

Margarethe trat ein und ging einen Schritt zur Seite, um den Weg freizumachen. Ihre Augen mussten sich an die Dunkelheit gewöhnen, doch schon rempelte sie jemanden an. In einem Winkel neben der Tür hatte sich eine Dirne vor dem Wind geschützt und verhandelte mit ihrem Kuppler. Das Münster war groß, und gerade bei schlechtem Wetter wurden die Nischen oft genutzt, um Geschäfte abzuwickeln. Margarethe ärgerte sich über das Getuschel der Advokaten, Weinhändler und Krämer, die sich an diesem heiligen Ort mit ihren Kunden trafen. Aber auch viele Priester störten mit ihrem Lachen und Schwatzen die Gottesdienste ihrer Glaubensbrüder.

Die Messe hatte bereits angefangen. Der Priester hatte eine äußergewöhnlich hohe Stimme, sein lateinisches Murmeln wurde als Wispern von den Wölbungen der Decke zurückgeworfen. Den Kopf eingezogen und vorsichtig die Holztrippen auf den Boden setzend schlich sie weiter. Plötzlich hörte sie lautes Schnaufen und Schimpfen. Eine Herde Schweine wurde durch die offenen Türen der Kapelle getrieben. Das geschah häufig, denn das Münster diente vielen als Abkürzung. Der Gestank der Schweine begann den Duft des Weihrauches zu überdecken. Betende wurden von den Schweinen aus ihrer Andacht gerissen, schließlich erhoben sich einige, um die Tiere aus dem Münster zu treiben. Margarethe hatte während des Tumults ihren Platz eingenommen und entdeckte jetzt auch Ursula, die ganz in sich versunken schien. Das Gesicht des Priesters hatte hingegen den weihevollen Ausdruck verloren, wütend beschimpfte er den Hirten. Als er sich wieder gefangen hatte, setzte er die Messe fort. Margarethe erkannte die Worte. Oft genug hatte sie die kostbaren Messbücher begutachtet, die in der Druckerei des Vaters gedruckt wurden und in denen der Ablauf der Messe und die Gebete, die darin gesprochen wurden, festgelegt waren. Der Priester leierte die Gebete herunter. Die Kathedrale war beeindruckend und bot mit ihren über fünfzig Altären viele Möglichkeiten zur Andacht, wegen der Güte des Gottesdienstes wäre jedoch kaum jemand hierhergekommen. Still betet Margarethe zur heiligen Maria, die sie vor dem Feuer geschützt hatte.

Nach dem Gottesdienst fing Margarethe ihre Freundin Ursula ab, die sie jetzt unbeschwert und fröhlich anlachte. Sie hakte sich bei ihr ein und beugte sich dabei, wie immer, ein wenig hinunter. Schon in ihrer Kindheit waren sie so verschieden gewesen, wie zwei Mädchen es nur sein konnten. Und seit sie zu jungen Frauen herangereift waren, verstärkten sich die Unterschiede zwischen ihnen noch. Margarethe war ungewöhnlich groß, ihre Glieder waren fein und schlank. Manchmal, wenn sie mit anderen Frauen zusammen war, ertappte sie sich dabei, wie sie ihren Hals einzog, um kleiner zu wirken. Ihre schwarzen Haare ließen ihre Haut noch blasser erscheinen, die blauen Augen hatten die Tiefe des Himmels an einem Sommertag. An Ursula hingegen war alles klein und rund, neben der aufgeworfenen Nase wölbten sich rote Wangen, der blonde Schopf wirkte auch heute wieder zerzaust wie ein Strohhaufen.

»Was siehst du mich so an? Ja, ich habe meinen Kamm gefunden. Ja, ich habe ihn benutzt. Nein, geholfen hat es nicht«, brummte Ursula und nestelte an der Haube, um die widerspenstigen Haare etwas mehr zu bändigen. Dann musste sie lachen und enthüllte ihre Zahnlücken. Früher hatten sie darum gewetteifert, wer besser durch die Zähne pfeifen konnte, und Ursula hatte stets gewonnen, doch das schickte sich schon lange nicht mehr. »Du solltest dich lieber selbst mal anschauen.« Die Freundin zeigte auf Margarethes Finger und stutzte, als sie nicht die üblichen Flecken von Druckerschwärze, sondern den Verband sah. »Was ist los?«, fragte sie erstaunt. Margarethe berichtete von der Sturmböe und dem Brand. »Das ist ein ganz übles Vorzeichen«, murmelte Ursula erschreckt.

Margarethe war verunsichert. »Es war der Wind, der die Funken zum Fliegen gebracht hat.«

»Gott befiehlt dem Wind und den Funken. Du solltest um Vergebung bitten.« Ursula schlug ein Kreuz über ihrer Brust.

»Aber wofür?«

»Irgendetwas gibt es immer«, meinte Ursula trocken. Sie hatten jetzt den Ausgang des Münsters erreicht.

»Ich hab vorhin Meister Knipp an eurem Stand gesehen. Hat er dir wieder schöne Augen gemacht?«, fragte sie mit einem frechen Lachen. Margarethe wunderte sich immer wieder, wie schnell die Stimmungen der Freundin wechseln konnten.

»Wenn er doch wenigstens schöne Augen hätte. Nicht nur zwei magere Krümel Kohle, die unter einem fadenscheinigen Dach vergessen wurden«, murmelte sie. Ursula sah sie fragend an.

»Er glotzt wie eine Kuh. Ich warte nur darauf, dass er mit seinem Schwanz die Fliegen verscheucht«, fügte sie trotzig hinzu. Ursula prustete laut, ihre Stimme hallte in den hohen Bögen der Kathedrale. Die Leute warfen ihnen strenge Blicke zu.

»Was ist so lustig?«, flüsterte Margarethe und zog ihre gestickte Kapuze über. Sie sah jetzt, dass die meisten Buden vor dem Münster bereits verschlossen waren.

»Glotzt wie eine Kuh … Fliegen mit dem Schwanz verscheuchen …« Ursula kicherte noch immer. Als sie den verständnislosen Blick der Freundin sah, sagte sie: »Ach, ich freue mich einfach so auf diesen Abend. Die Martinsgans, der Most, vielleicht Tanz … Hauptsache, meine Herrin ist mir nicht mehr gram.« Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Sie erzählte, dass sie sich heute wieder über ihre Dienstherrin geärgert hatte und leider erneut aufmüpfig gewesen war. Ursula arbeitete im Haus eines Metzgers, dessen Frau ein strenges Regiment führte. Doch wenn es ihr nicht gelang, ihre Zunge im Zaum zu halten, würde sie diese Anstellung verlieren. »Hinterher tut’s mir immer leid. Sie ist doch meine Herrin. Sie kann aber auch so biestig sein!«, sagte Ursula.

»Aber gerade vor Martini …«, gab Margarethe zu bedenken. An Martini wurde nicht nur der heilige Martin gefeiert, es war auch der Tag, an dem man seine Schulden bezahlte oder neue Mägde und Knechte in den Dienst nahm, die als Handgeld den Martinstaler bekamen, um die neue Anstellung zu bekräftigen. Was wäre, wenn sich Ursulas Herrin nach einer weniger vorlauten Magd umsah?

Langsam gingen sie weiter, die Gassen wurden enger und verwinkelter, doch schneller als erwünscht war die Helenengasse erreicht. Hier, im Revier der Kürschner und Pelzer und direkt hinter der Kirche St. Barbeln, wohnte die Familie Prüß. Die Druckerei des Vaters befand sich hingegen seit einigen Jahren im Haus »Zum Tiergarten« am Schlossplatz, einem der vornehmsten Plätze der Stadt, denn er grenzte an die Kathedrale und den Hof des Bischofs. Bevor sie sich von der Freundin verabschiedete, kam Margarethe noch einmal auf das Gespräch mit Meister Knipp zurück.

»Ich frage mich, warum er unbedingt will, dass ich ihm das Buch bringe. Warum liest Eckard seiner Mutter nicht vor? Oder eine Dienerin?«

»Warum wohl? Weil Meister Knipp sich dann an deinem Anblick, äh, ich meine natürlich an deiner Stimme weiden kann«, lachte Ursula.

»Ich werde mir etwas einfallen lassen müssen, um es zu vermeiden. Vielleicht kann ich ja Reinhard bitten, ihm das Buch zu bringen.«

»Wie geht es deinem Lieblingsgesellen denn so? Vielleicht sehe ich ihn ja beim Tanz«, meinte ihre Freundin. Margarethe schoss das Blut in den Kopf. Hätte sie nur nicht so viel über Reinhard gesprochen! Seit einiger Zeit zog Ursula sie damit auf, dass Margarethe heimlich in ihn verliebt war. Vielleicht war sie das auch. Außerdem hatte sich der Altgeselle seit dem Tod ihrer Mutter als eine wichtige Stütze für den Vater erwiesen.

»Er ist nicht mein Lieblings… Er ist ein guter Geselle. Vertrauenswürdig. Das ist er«, lispelte sie.

»Dann wird er diesen Gang sicher gern für dich übernehmen. Ich meine, für deinen Vater natürlich«, sagte Ursula lachend. Ihre Freundin machte sich los. Sie werde im Haus des Meisters erwartet. Und auch auf Margarethe warte man sicher schon.

Aus allen Ritzen des Hauses kroch der Duft gebratener Gans auf die Straße hinaus. Margarethe schnupperte genüsslich, da überfiel sie Wehmut. Es war das erste Martinsfest, das sie ohne ihre Mutter feierten. Diese war kurz vor dem letzten Sankt Martin gestorben, und ihre Familie hatte das Fest auf das Nötigste beschränkt. In diesem Jahr würde es jedoch wieder Gans für alle Hausbewohner geben, nach allen Regeln der Kochkunst zubereitet. Sie öffnete die Tür und stolperte beinahe. Eine Gans tapste auf ihre Füße, flatterte ihr um die Beine und auf die Gasse hinaus, eine Magd lief hinterher. Margarethe wollte ihr helfen, die lebenshungrige Gans einzufangen, aber da hörte sie, wie ihre Tante ihren Namen rief. In der Küche nahm die Hitze des Ofens und der Geruch des Bratens ihr beinahe den Atem. Tante Jule hielt ihr eine Gans hin. Das Tier war bereits tot, aber noch nicht gerupft.

»Hier, auch du sollst deinen Beitrag zum Martinsfest leisten, wenn du dich auch sonst um die Arbeit in der Küche drückst«, sagte sie vorwurfsvoll. Die Tante war schon immer da gewesen, sie war so lange im Haus der Eltern, wie Margarethe denken konnte. Sie hieß Juliane, aber niemand nannte sie so, nicht einmal der Vater, für alle war sie nur die Tante. Sie war eine Schwester der Mutter und aus verschiedenen Gründen, die Margarethe nur vom Hörensagen kannte, ledig geblieben. Für sie war es zu spät, noch einen eigenen Hausstand zu gründen, sie war alt, mindestens fünfzig oder sechzig. Sie hatte ihre Mutter im Haushalt unterstützt und bei den Kindern geholfen. Und nun, da ihre Mutter nicht mehr lebte, versuchte die Tante, Margarethe auf das Leben als Herrin eines Hauses vorzubereiten. Dass Margarethe sich mehr für die Arbeit des Vaters in der Druckerei interessierte als für die Aufsicht über Mägde und Knechte, sah sie als Makel an, der so schnell wie möglich beseitigt werden musste. Früher hatte die Tante sie mit der Haselrute gezüchtigt, bis ihre Eltern dazwischengingen. In letzter Zeit schlug sie manchmal einen sanfteren Ton an. Dazu würde es heute nicht kommen, ahnte Margarethe.

»Ich kann es versuchen«, sagte sie und hob entschuldigend ihre verbundene Hand, die so schmerzte, als sei sie auf die doppelte Größe angewachsen. Ihre Tante ließ sich nicht erweichen.

»Wenn es dir gut genug geht, mit deiner Freundin in der Gegend herumzutrödeln, kannst du auch im Haus helfen«, forderte sie Margarethe auf.

Die Füße der Gans waren ledrig und kalt. Im Hof stand schon ein Sack mit Federn. Margarethe drückte die Gans an sich und begann zu rupfen, aber die Federn lösten sich nur schwer aus dem Fleisch. Schon bald war ihre Hand rot und rissig, und doch zeigte sich nur ein kleines Stück kahle Haut. Wenn sie mehr leiden und jammern würde, wäre ihr diese Arbeit erspart geblieben, aber dann hätte sie auch den Abend allein in ihrer Kammer verbringen müssen, das wusste sie genau. Es kam ihr vor, als ob es Stunden dauerte, bis sie die Gans endgültig von allen Federn befreit hatte. Als sie endlich in die Küche trat, waren die Tante und die Magd dabei, das Essen aufzutragen. Warum hatte man ihr nicht gesagt, dass es schon so weit war? Es blieb keine Zeit mehr, sich umzukleiden. Jetzt musste sie zerzaust und mit Federn bedeckt zum Festmahl gehen. Ärgerlich wusch sie sich Fett und Flaum von den Händen, spritzte sich Wasser ins Gesicht, zupfte die größten Federn vom Rock.

In der Stube war die aufgeregte Vorfreude beinahe mit den Händen zu greifen. Die Magd schwatzte mit den Gesellen, die Ohren des Lehrjungen Wolfgang glühten rot. Heute und morgen würde man es sich noch einmal gutgehen lassen, bevor die Zeit des Adventsfastens begann. An diesem Abend würde es wohl in jedem Haus in Straßburg ein reichhaltiges Mahl geben, denn die Ernte war so gut gewesen, dass sich im Herbst die Marktstände unter der Last gebogen hatten. Straßburg war eine reiche Stadt, umgeben von fruchtbaren Landschaften, von Feldern und Weinbergen. Über den nahe gelegenen Rhein, die Rheinbrücke und andere Verkehrswege brachten Händler ihre Waren in die Stadt und mussten sie einige Zeit lang feilbieten. Von diesem Stapelrecht hatte jeder Einwohner seinen Nutzen.

Ihr Vater saß am Kopfende des Herrentisches, die Plätze neben ihm waren leer, was den Abstand zwischen ihm und dem Gesindetisch nur noch zu vergrößern schien. Sie hatten es noch immer nicht über sich gebracht, den Platz ihrer Mutter neu zu besetzen. Die klaffende Lücke erinnerte sie täglich an ihren Verlust. Doch auch der Stuhl zu seiner anderen Seite war frei, ihr Bruder Johann Prüß der Jüngere, genannt Hans, war also ebenfalls nicht rechtzeitig zum Festmahl gekommen. Ihr Vater sprach das Tischgebet. Margarethe legte die Hände zusammen und fiel in die heiligen Worte ein. Danach dankte der Vater Gott dafür, dass er an diesem Tag schützend die Hand über seine Tochter gelegt und den Hausstand auch in diesem Jahr mit knusprigen Gänsen so reich beschenkt hatte. Er erinnerte an die Legende, nach der das Geschnatter der Gänse Martin verraten hatte, als dieser sich aus Demut der bischöflichen Würde, die ihm angetragen worden war, entziehen wollte und in einem Stall versteckt hatte. Ihr vorlautes Verhalten mussten seitdem jedes Jahr viele Gänse mit dem Leben bezahlen.

Als ihr Vater das Amen gesprochen hatte, trug die Magd das Essen auf. Dampfende, duftende Platten und Tafeln sammelten sich auf dem Tisch. Der neue Most wurde eingeschenkt. Auch heute aß der Vater langsam und gedankenverloren. Die Zeiten, an denen an der Tafel lebhaft gesprochen wurde, schienen vorbei zu sein. Am Gesindetisch langte der Geselle Jacop Krut kräftig zu. Nachdem er sich reichlich aufgefüllt hatte, taten sich der Knecht, der Lehrjunge und als Letzte die Magd auf. Margarethe wunderte sich, als sie sah, dass auch der Platz des Altgesellen Reinhard frei geblieben war. Jacop hatte sich mit den Armen aufgestützt und die Ellenbogen weit über seinen Platz hinausgeschoben. Er schaufelte sich hungrig das Essen in den Mund. Immer wieder blieben Reste in seinem Bart hängen. Margarethe wandte sich ihrem Teller zu. Sie biss in die krosse Haut der Gans und kostete das weiche Fleisch. Mit einem Stück Brot tunkte sie die Reste auf und trank den letzten Schluck Most aus. Ein herrliches Essen, das sie satt und zufrieden zurückließ. Nur die Abwesenheit des Bruders machte sie nachdenklich. Hans hatte sein Handwerk in der Druckerei des Vaters erlernt und war dann als Geselle von Stadt zu Stadt gezogen. Erst vor kurzem war er nach Straßburg zurückgekehrt, sein letzter Meister hatte ihn vorzeitig entlassen. Margarethe wusste nicht, was vorgefallen war, aber ihr Vater war entrüstet gewesen, weil sein Sohn ihm Schande gemacht hatte. Hans hatte seinen Willen bekräftigt, sich eine neue Stelle zu suchen, bislang jedoch keine Anstalten dazu gemacht.

Nach dem Festmahl konnte es das Gesinde kaum erwarten, das Haus zu verlassen, um sich bei Martinstrünken und Martinsfeuern zu vergnügen. Aus der Küche war bereits Gesang zu hören, Margarethe vernahm die Strophe eines alten Lieds:

»Also dass oft Schaden bringt,

wer zu viel schwätzt oder singt:

Weil die Gänse Schweigen hassen,

müssen sie sich braten lassen.«

Nach Gesang war Margarethe nicht zumute. Sie wusste, dass ihr Vater, ebenso wie sie, die Mutter vermisste, und war glücklich, als er sie zum Ausklang des Abends in seine Stube einlud.

Das Zimmer des Vaters lag zur Straße hinaus. Es wurde von einem Schreibpult beherrscht, an den Wänden standen ein großer Schrank und eine Truhe. Johann Prüß hatte es sich vor dem Kachelofen gemütlich gemacht und hielt ein Noppenglas in den Händen, dessen gläserne Tropfen wie kleine Eiszapfen auf die Finger hingen. Die Flammen der Kerzen brachen sich im Glas und warfen glitzernde Lichtpunkte auf Hände und Wams. Ernst musterte der Drucker seine Tochter, dann hielt er ihr eine Standpauke wegen ihrer Leichtsinnigkeit an der Bude. Schließlich reichte er ihr ein Buch. »Setz dich zu mir, Tochter, und lies deinem alten Vater einige Seiten vor«, sagte er müde. Doch kaum, dass sie Platz genommen hatte, begann er zu sprechen. Margarethe ließ das Buch auf ihren Schoß sinken und sah ihn aufmerksam an. »Das Wunder der Sankt-Martins-Nacht! Heute trinken wir den frischen Most, und morgen füllen wir unser Glas aus demselben Fass und der Herr hat den Most über Nacht in Wein verwandelt. Was Gott und die Heiligen alles vermögen! Der heilige Martin hat Kranke geheilt und Tote zum Leben erweckt. Solcher Wunder werden wir heute nicht mehr teilhaftig. Über ein Jahr ist es nun her, dass der Herr deine Mutter zu sich gerufen hat. Über ein Jahr schon, Gott.« Das letzte Wort klang wie ein Wehklagen. »Nun begehen wir wieder das Fest Martini. Schulden werden bezahlt. Neue Lehrlinge werden aufgenommen. Gesellen gehen auf Wanderschaft. Es ist an der Zeit, dass auch ich mein Haus bestelle. Es soll alles seine Ordnung haben, wenn der Herr meinen Namen ruft.« Margarethe wollte ihn unterbrechen, ihm sagen, dass ihm sicher noch viele Jahre bleiben würden, doch er gebot ihr Einhalt. »Du weißt, ein Meister kann nicht ohne Frau sein. Die Zunft will es so. Ich werde also auf meine alten Tage wieder zum Freier werden müssen.« Er stieß bitter die Luft aus. »Deine Tante kann am ehesten beurteilen, wer als mein neues Hausweib in Frage kommen könnte. Sie hat mir schon einige Namen genannt. Ich werde mich in der nächsten Zeit um eine dieser Frauen bemühen.« Margarethe hatte gewusst, dass ihr Vater eines Tages wieder würde heiraten müssen, aber sie hatte gehofft, dass dieser Tag noch fern war. Der Gedanke an eine neue Frau an seiner Seite versetzte ihr einen Stich. Würde es eine Witwe sein oder eine ledige Frau, alt oder jung? Was würde diese Heirat für sie selbst bedeuten? Sie sprang auf, das Buch glitt von ihrem Schoß und fiel polternd auf den Boden.

»Niemand kann Mutter ersetzen«, sagte sie. Über ihren plötzlichen Gefühlsausbruch beschämt, hob sie das Buch besonders vorsichtig auf und strich über die Ecken, die glücklicherweise unbeschädigt waren. Ihr Vater sah sie streng an. Bücher waren zu kostbar, um achtlos damit umzugehen.

»Eine wird es versuchen müssen. Und es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, es ihr nicht zu schwer zu machen.« Er kannte seine Tochter und sah ihr an, dass sie weitere Einwände hatte, deshalb fasste er sie fest ins Auge. »Auch für dich ist es an der Zeit, Tochter. Wenn ich vermählt bin und in unserem Haus Ruhe eingekehrt sein wird, werde ich für dich einen Ehemann suchen.« Es klopfte, und der Altgeselle Reinhard Beck stand in der Tür. Er war so groß, dass er mit dem Kopf beinahe an den Türrahmen stieß. In den Händen hielt er Papiere, frisch bedruckt, gerade getrocknet, geschnitten und noch ungebunden. Reinhard strahlte meistens Ruhe und Gelassenheit aus. Auch jetzt betrat er ohne Befangenheit das Zimmer seines Herrn.

»Es ist fertig, Meister«, sagte Reinhard mit seiner tiefen, warmen Stimme und reichte Johann Prüß die Papiere, der sie in den Händen zu wiegen schien und dann auf den Tisch legte. Reinhard hatte auf das Festmahl verzichtet, um vor dem Feiertag das Buch für seinen Meister herzustellen. Er warf ihr einen Blick zu, und Margarethe bemerkte, dass ihre Wangen glühten und sie ihn bewundernd angeschaut haben musste. Verlegen wandte sie sich dem Buch zu. Sie musste selbst wie eine dumme Gans wirken!

»Gute Arbeit, Reinhard. Dank dir dafür. Geh in die Küche und lass dir dein Abendbrot geben, und noch eine Extraportion dazu, das hast du verdient«, lobte ihr Vater. Der Geselle ging an Margarethe vorbei, mied jedoch ihren Blick. Wie lange hatte er schon in der Tür gestanden? Hatte er gehört, dass ihr Vater heiraten würde und auch für sie einen Mann suchen wollte? Allzu unerwartet dürfte es für ihn nicht sein, das war der Lauf des Lebens, und doch störte es Margarethe. Sie schalt sich. Es hatte sie nicht zu interessieren, was ein Geselle dachte. Außerdem: Reinhard war sicher schon in Gedanken bei der fetten Gans. Wo würde er nach dem Essen hingehen? Margarethe schüttelte diese Fragen unwillig ab.

Ihr Vater hatte die Darlegung seiner Pläne noch nicht beendet. Langsam erhob er die Stimme. »Und dann ist dein Bruder dran, dein ungeratener Bruder! Er muss seine Muthzeit beenden und ein Weib nehmen. Vielleicht bringt ihn eine Frau zu besserer Zucht. Wo steckt er überhaupt?« Margarethe hob entschuldigend die Schultern. Ihr Bruder führte sein eigenes Leben. Immer öfter blieb er den gemeinsamen Mahlzeiten fern, in der Druckerei vernachlässigte er seine Aufgaben, mit ihr sprach er kaum. Ihr Vater schnaufte. »Höchste Zeit, es ist höchste Zeit, dass ich endlich mein Haus bestelle.« Er warf einen Blick auf die Papiere, die auf dem Tisch auf ihn zu warten schienen.

»Ist es das Buch für Meister Knipp? Gib es mir, ich kann es auf Fehler durchsehen«, bot sie an.

Margarethe hatte ihren Platz in der Welt der Druckerei gefunden. Es war eine Welt, in der sich die Arbeit auf mehrere Personen aufteilte. Die Größe der Druckerei und die Menge der Pressen bestimmten die Anzahl der Gesellen und Lehrjungen, die dort arbeiteten. Es gab Drucker, die alles allein machten, und große Druckwerkstätten, in denen auf mehreren Pressen gedruckt wurde und viele Männer ihr Auskommen fanden. An ihrer Spitze stand der Typograph, der Buchdruckkünstler und Besitzer der Druckerei, der über genügend Gelehrsamkeit verfügen musste, um zu entscheiden, welches Buch verlegt wurde. Es gab den Typenschneider, den Setzer, den eigentlichen Drucker, der die Presse bediente, sowie einen Complicator, der für Haftung und Bindung der Bögen verantwortlich war. Ein Mann, der manchmal fest angestellt war, aber auch nach Bedarf angeheuert wurde, war der Corrector, der die Probedrucke auf Fehler durchsah. Oft arbeitete er mit einem Lector zusammen, der die Vorlagen laut vorlas, während der Corrector den Probedruck verbesserte. Diese Männer mussten gelehrt sein und sich in den alten Sprachen auskennen. Manchmal überwachten Autoren eigenhändig die Drucke ihrer Schriften; auch dem großen Gelehrten Wimpfeling hatte ihr Vater einmal die fertig bedruckten Seiten bringen lassen. Früher hatte Johann Prüß einen Corrector beschäftigt. Aber inzwischen war das Margarethes Aufgabe. Dann durfte sie den Probedruck lesen und auf Fehler durchsehen. Eine Arbeit, die sie als Auszeichnung empfand und die sie mit Zufriedenheit erfüllte. Johann Prüß nickte, und seine Tochter nahm die Seiten an sich. Der Geruch der frischen Druckerfarbe löste Vorfreude in ihr aus. Dieser Duft hatte sie begleitet, solange sie denken konnte. Es war der Geruch ihrer Kindheit, einer glücklichen Kindheit.

»Es gibt in den nächsten Monaten viel zu tun, auch für dich«, sagte ihr Vater. »Wenn dieser Druck fertiggestellt ist, stehen die nächsten schon fest, darunter das Breviarium Argentinense. Meister Baldung wird mit einem Titelholzschnitt das Gebetbuch veredeln.« Margarethe beugte sich interessiert vor. Es freute sie, wenn ihr Vater ihr Einblick in seine Arbeit gab.

»Meister Baldung sagst du? Ich habe noch nie von ihm gehört«, gestand sie.

»Er ist erst seit einigen Jahren Meister. Ein junger Spund, aber sehr talentiert. Hat bei Meister Dürer in Nürnberg gelernt. Grienhans hat man ihn dort genannt.« Albrecht Dürer kannte Margarethe natürlich, besonders an seine Apokalypse, die auch in Straßburg gedruckt worden war, erinnerte sie sich gut. Die himmlischen Heerscharen in ihrem Zorn waren noch nächtelang in ihren Träumen aufgetaucht.

»Grienhans? Ein ungewöhnlicher Name.«

»Der junge Mann liebt die Farbe Grün, ob im Bild oder in seiner Kleidung, auf die er großen Wert legt. Aber Eitelkeit hin oder her, sein Talent ist nicht unentdeckt geblieben. Er hat vornehme Kunden. Gerade hat sich Markgraf Christoph von Baden samt seiner Familie von ihm malen lassen. Ich kann zufrieden sein, dass so einer sich noch Zeit für einen Buchholzschnitt nimmt.«

»Was wird er für das Breviarium entwerfen?«

»Maria, die Schutzpatronin unserer Stadt, mit dem heiligen Kinde, dazu das Wappen unseres ehrwürdigen Bischofs Wilhelm von Honstein.« Den letzten Satz ließ er in der Luft hängen. »Und nun lies, Kind, lies. Verkürze mir den Abend mit erbaulicher Lektüre.«

Sie schlug das Buch auf. Johann Prüß hatte Das Heiligen Leben gewählt, und sie begann, ihm Geschichten aus dem Leben der Heiligen vorzutragen. Ihr Vater lehnte sich zurück und schloss die Augen. Als sie aufsah, bemerkte sie, dass er bereits eingeschlafen war. Leise stand sie auf, legte das Buch vorsichtig auf den Tisch, holte eine Decke und schlug sie über ihn; ihr Vater sollte nicht frieren, wenn der Ofen ausging. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange, wie sie es als kleines Mädchen getan hatte. Aber die Zeit der Kindheit war vorbei, das hatte ihr dieser Abend einmal mehr deutlich gemacht. Sie nahm die Papiere an sich und schlich sich in die Schlafkammer.

Ihre Tante saß auf einem Schemel und stickte. Das Kerzenlicht ließ ihre Gesichtszüge mit den breiten Wangenknochen und der gewölbten Stirn weicher erscheinen, jünger. Nun erhob Tante Jule sich und half ihr, sich auszukleiden. Als sie mit dem Ärmel an dem Verband hängenblieb und Margarethe zusammenzuckte, meinte sie nur: »Das ist die Strafe für dein ungebührliches Verhalten. Wenn du mehr auf deine Tante hören würdest, würde dir so was nicht passieren. Ins Feuer zu laufen, was für eine Dummheit! Und dann treibst du dich mit dieser Ursula herum. Vergisst, dass du in der Küche helfen sollst. Hast gedacht, die alte Tante kann das übernehmen?«, sagte sie scharf und kniff Margarethe, während sie ihr das Leibchen aufschnürte, in die Seite. Margarethe ließ sich den Schmerz nicht anmerken.

»Es war nicht so, wie du glaubst. Wir haben nicht getrödelt. Die Messe musste unterbrochen werden. Einem Hirten sind die Schweine durchgegangen. Alle mussten helfen, sie einzufangen. Erst danach konnte der Gottesdienst fortgesetzt werden. Ich hätte doch die Messe nicht vor dem Ende verlassen können!«, rechtfertigte sie sich und ließ den Kamm durch ihre dicken schwarzen Haare gleiten. Die Tante legte die Hand auf ihre Schulter. Margarethe fürchtete, dass sie in die Haare greifen und daran reißen würde.

»Die Schweine also. Die Schweine sind schuld. Nicht die kleine Margarethe.« Ein rauer Finger begann mit einer Strähne zu spielen, die sich wie eine Schlange um die Glieder wickelte. Margarethe versteifte sich immer mehr.

»Hast du schön deine Ave Maria gebetet? Hast ein Gebet für deine Tante mitgesprochen, die in der Küche bleiben musste, statt in die Kirche zu gehen?« Sie hielt die Strähne nun straff, Margarethe spürte ein Ziehen an der Kopfhaut.

»Natürlich, genau, wie ich es versprochen hatte.« Die Tante ließ los, Margarethe atmete auf. Sie hatte sich vorgenommen, ihre Tante auf die Heirat des Vaters anzusprechen. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt dafür, sie wollte nicht riskieren, dass die Alte noch wütender wurde.

»Was hat dein Vater von dir gewollt?«, fragte die Tante. Ihr Tonfall ließ keine Atempause zu.

»Er wollte wissen, wo mein Bruder ist.«

»Und?« Da war ihr Vogelblick wieder, prüfend und kalt. In Margarethe begann etwas aufzubegehren. Wer war sie, dass sie sie so verhören durfte?

»Ich weiß es nicht. Bin ich meines Bruders Hüter?«, gab sie zurück. Die Worte waren schnippischer aus ihrem Mund gekommen, als sie beabsichtigt hatte. Die Antwort folgte auf dem Fuß. Eine Hand krallte sich in ihre Haare, sie krümmte sich dem Griff entgegen, um den Schmerz zu verringern.

»Missbrauche nicht die Worte des Herrn!«

»Entschuldige! Entschuldige!« Margarethes Stimme jaulte beinahe auf. Die Hand ließ los, Haare fielen zu Boden.

»Auf die Knie. Du betest fünfzig Ave Maria. Erst dann kannst du an Schlaf denken«, bestimmte die Tante. Margarethe wusste, dass Widerspruch zwecklos war. Sie ließ sich auf die Knie sinken. Der Boden war eiskalt. Sie trug nur ein Leinenhemd, die Härchen an ihren Beinen stellten sich auf. Und das, wo sie heute in der Bude schon so gefroren hatte! Margarethe begann zu beten.

»Gegrüßet seiest du Maria voll der Gnaden.« Die Tante löschte die Kerze und blieb im Dunkeln auf ihrem Schemel sitzen. »Der Herr ist mit dir.« Ein Kribbeln an den Füßen kündigte an, dass bald ihre Beine einschlafen würden. »Du bist gesegnet unter allen Frauen.« Ihr Bruder machte es richtig, er zumindest ging der Tante aus dem Weg. Was er wohl trieb? »Und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.« Es würde eine lange Nacht werden. Dabei hatte sie doch in den nächsten Tagen viel vor. Sie dachte an das Buch. Würde es ihr gefallen?

Ein Poltern rüttelte sie auf. Holz schrammte über den Boden. Woher kamen die Geräusche? Sie drückte sich hoch, ihr Handrücken puckerte, der Verband war feucht. Sie hörte Schläge und Schnaufen, wie von einem Kampf. Sie legte sich ein Tuch um die Schultern und tastete sich in die Küche. Als sie eintrat, erschrak sie. Der Gestank nach Branntwein und billigem Fusel überdeckte den Duft der Gans. Es war dunkel, das Herdfeuer glomm nur noch. Der Tisch war verschoben, Stühle umgefallen. In der Mitte des Raumes rangen zwei Männer miteinander. Der eine zwang den anderen gerade auf den Rücken und presste seine Arme auf den Boden. In der einen Hand hielt er etwas – eine Gänsekeule. Jetzt erkannte sie die beiden Männer, es waren ihr Bruder Hans und sein Freund Eckard, die Hemden mit den geckenhaften Halskrausen waren zerknittert, die zweifarbig geschlitzten Hosen mit Flecken übersät. Sie sahen aus, als hätten sie tagelang gefeiert. Sankt Martin galt als Schutzheiliger der Zecher, und diese beiden hatten ihm besonders ausgiebig gehuldigt.

Hans nahm Eckard den Schlegel ab, biss hinein und stieß ein Triumphgeheul aus. Dann ließ er sich fallen. Beide lagen nun ausgestreckt und erschöpft schnaufend auf den Holzbohlen. Hans war so groß wie seine Schwester, ähnelte mit seiner kräftigen Statur aber eher dem Vater. »Do blost us’m letschte Loch«, lallte er in einem so breiten Dialekt, als habe er die letzten Tage unter Bauern verbracht.

»Ich zeig dir, wer aus dem letzten Loch bläst«, antwortete Eckard und bäumte sich auf, um sich den Schlegel zu schnappen. Als er Margarethe entdeckte, war er mit einem Satz auf den Beinen. Eckard war kleiner als sie und schmal, seine flachsblonden Haare hingen ölig herunter, seine Augen waren trübe vom Wein. Margarethe drehte sich weg, ihr Bruder und sein Freund benahmen sich wie Kinder.

»He, was ist?! Hier hast du ihn«, lachte ihr Bruder und schmiss dem Freund den Schlegel zu. Er hatte sie wohl noch nicht bemerkt. Eckard griff daneben und musste den Knochen vom Boden aufklauben. Margarethe suchte nach einem neuen Stück Stoff, mit dem sie ihre Hand umwickeln konnte.

Jetzt bemerkte auch Hans sie und stand auf. Seine schwarzen Haare hingen ihm ins Gesicht. »Schwesterchen, so spät noch auf den Beinen?«

»Lasst euch nicht stören«, sagte sie betont ruhig. Sie zupfte den Verband ab, der an der Wunde klebte, und biss die Zähne zusammen. Brandblasen kamen zum Vorschein.

Hans schwankte ihr entgegen. »Nicht stören. Ist das alles, was du sagst? Wo bleibt die Strafpredigt?«, antwortete er. Sein weingeschwängerter Atem nebelte sie ein. Margarethe ignorierte ihn. Er lachte höhnisch. »Das gibscht doch nur, wenn’s grien schneit.« Sein Freund lachte nicht mit. Eckard hatte sich an den Rand der Küche verzogen. Er scheute Auseinandersetzungen und ging Margarethe ohnehin am liebsten aus dem Weg. Ihr platzte der Kragen.

»Was willst du? Du weißt doch selber, dass du dich wie ein grüner Junge benimmst. Schlimmer noch. Beim Vater türmt sich die Arbeit, und du treibst dich herum. Nicht mal an diesem Festtag bist du bei uns«, brach es aus ihr heraus.

Hans schien nur auf ihre Vorwürfe gewartet zu haben. »Machst nicht schon du alles in der Druckerei, Schwesterchen? Schade, dass du kein Mann bist, was? Dann könnte Vater dich zum Erben küren und nicht mich, den ungeratenen Sohn, das schwarze Schaf.«

Eckard legte jetzt beschwichtigend die Hand auf die Schulter des Freundes. Es war eine zarte Hand, mit langen, feingliedrigen Fingern, auf Hans’ breitem Kreuz sahen sie zierlich aus. »Lasst doch, ihr beiden«, mischte er sich ein.

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Margarethe fuhr ihn an: »Du hast damit nichts zu tun. Kümmere dich lieber um deine eigene Familie. Deiner Mutter geht es gar nicht gut.«

Eckard lächelte schief. »Der ging’s noch nie gut. Nie, seit ich geboren wurde. Komm«, sagte er, und stupste Hans mit der Gänsekeule an. Hans’ Gesicht hellte sich auf, die Nacht war noch jung. Sie schickten sich an zu gehen.

Margarethe zögerte unschlüssig. »Bleib! Was soll ich Vater sagen?«, rief sie ihrem Bruder hinterher.

»Sag ihm, was du willst. Das machst du doch sowieso. Und ich mache, was ich will. Du hast nur Worte, ich die Taten. Das ist der Unterschied zwischen uns.« Die jungen Männer lachten.

Margarethe blieb in der Küche zurück. Bebend verband sie ihre Hand. Sie sehnte sich nach ihrem Bett, auch wenn an Schlaf jetzt nicht mehr zu denken war.

Am übernächsten Tag ging es ihr etwas besser. Insgeheim war sie erleichtert, dass der Feiertag vorüber war. Im Alltag blieb weniger Zeit zu grübeln, man machte das, was getan werden musste, und dachte nicht groß über die Zukunft nach. Ihre Tante zitierte sie zur Mithilfe in die Küche, doch Margarethe berichtete von dem Auftrag des Vaters, das Buch Korrektur zu lesen, und dagegen kam die Tante nicht an. Sie packte die ungebundenen Seiten für Meister Knipp in ein gewachstes Leinentuch, warf sich ihre Heuke über und trat auf die Helenengasse. Es war verrückt, besonders bei diesem Wetter, aber sie wollte die Seiten in der Druckerei des Vaters lesen. Im Haus »Zum Tiergarten« befand sich ihr Lieblingsplatz, dort war sie Teil des Druckgeschäfts.

Schneeregen fiel, aber in der Enge der Gasse bekam sie nur wenige Tropfen ab. Margarethe stakste auf ihren Trippen durch den Dreck und stellte sich in den Schutz des nächsten Überhangs. Viele Häuser waren im Erdgeschoss schmal und verbreiterten sich im ersten Stock, so dass man sich von einem Haus zum anderen die Hand reichen konnte. Licht und Luft drangen kaum bis zur Erde, vor allem aber breiteten sich Feuer im Nu aus. So manches Viertel brannte ab, weil in einem einzelnen Haus ein Funken flog. Die meisten Häuser Straßburgs bestanden aus Holz oder Fachwerk, Steinbauten wie die Pfalz, wie man das Rathaus nannte, oder den Pfennigturm, wo der Stadtschatz aufbewahrt wurde, waren selten. Um die Brandgefahr zu verringern, mussten jetzt dort, wo neu gebaut wurde, bestimmte Abstände eingehalten werden.

Sie lief über den Kornmarkt, an den Buden der Buchhändler und Puppenbauer, an der Münze und an der Pfalz vorbei, die Spießgasse hoch und schließlich rechts auf den Münsterplatz hinaus. Es wirkte wie eine Erscheinung, wie ein Wunder, als die Kathedrale plötzlich hinter einer Häuserecke auftauchte. Die Händler an den Buden vor Münster und Fronhof standen sich die Beine in den Bauch, die wenigen Käufer hasteten, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, durch den Regen. Heute würden die Arbeiter mit dem Neubau der dortigen Verkaufsbude beginnen. Sie passierte das Frauenwerkhaus, von wo aus die Bauarbeiten am Münster geleitet wurden, den bischöflichen Palast und lief geradewegs auf das Haus »Zum Tiergarten« zu. Es war ein großer Fachwerkbau, der sich mit seinen drei ausladenden Geschossen, den sechs Dachgauben und der Verkaufsbude neben dem Eingang auf den Platz zu recken schien. Sie grüßte den Lehrjungen Wolfgang, der gerade Dienst am Verkaufsfenster tat, und trat ein. Das Haus »Zum Tiergarten« war eine der wichtigsten Adresse der Stadt für Druckwerke. Vor vielen Jahren hatte hier Johannes Mentelin, der erste ständige Buchdrucker und Buchhändler Straßburgs, seine Werkstatt gehabt. Noch heute rühmte man ihn dafür, dass er nicht nur die erste gedruckte Bibel in deutscher Sprache hergestellt, sondern dass in seinem Haus ein gewisser Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, das Drucken mit beweglichen Lettern erfunden hatte. Im Erdgeschoss befand sich das Herzstück der Druckerei. Die zwei Druckerpressen, deren mächtige Ständer fast bis zur Decke reichten, beherrschten den Raum. Die meisten Besucher blieben eingeschüchtert stehen, wenn sie diese ausgefeilten Geräte mit Spindel, Pressbengel, Tiegel und Karren zum ersten Mal sahen. Margarethe hingegen war in einer Druckerei aufgewachsen. Sie hatte mit Lettern gespielt, den Setzern und Bildschnitzern bei der Arbeit zugesehen und sich, als sie Laufen lernte, an der Presse hochgezogen. Die Gesellen und Lehrlinge hatten das wissbegierige kleine Mädchen überall zuschauen lassen und ihr später willig alles erklärt. Viele Jahre lang hatte ihr Vater nur eine Presse besessen, die damals noch in der Helenengasse gestanden hatte. Aber als er zu Ruhm und Geld gekommen war, zog er mit der Druckerei in das Haus »Zum Tiergarten« und leistete sich eine zweite. Der Vater hatte gut zu tun. In Straßburg gab es viele gelehrte Bürger, die etwas auf sich und ihre wohlbestückten Bibliotheken hielten. Es gab zahlreiche Kirchen, in denen Gebets- und Messbücher gebraucht wurden, ein Heer von Schülern, die es gewöhnt waren, die Regeln der Redekunst und Vokabeln nicht mehr mitzuschreiben, sondern in Handbüchern nachzuschlagen. Über die Grenzen der Stadt hinaus war die Druckerei für ihre Breviere, Psalter mit Musiknoten und Messbücher bekannt. Das letzte war ein richtiges Prachtstück gewesen: ein Messbuch für das Hamburger Domkapitel im Folio-Format, mit einem kunstvollen Titelblatt versehen, traditionell in roter und schwarzer Farbe gedruckt, in Glanzleder über Holzdeckeln eingebunden, mit geprägtem Metall verziert und mit Lederknötchen als Blattweiser bestückt. Margarethe liebte aber auch die reichbebilderten Helden- und Sagenbücher, die ihr Vater herausbrachte.

Nun zog ihr der Geruch nach Druckerfarbe und Männerschweiß, nach geschmolzenem Metall und nach Holz in die Nase. In der Druckerei herrschte rege Geschäftigkeit. Die Lettern klickten leise, als die Setzer sie aus dem Setzkasten nahmen und auf den Winkelhaken, hölzernen Leisten, zu Zeilen zusammenfügten. Die fertigen Zeilen legten sie neben sich auf die Setzbank auf das hölzerne Setzschiff. Der Altgeselle Reinhard nahm als Pressmeister die Druckformen entgegen und platzierte sie in dem Karren, ein anderer Geselle brachte mit den Druckerballen die Farbe von dem Farbstein auf den Satz. Reinhards Bewegungen waren geschmeidig, fließend, und wieder ertappte sie sich, ihn länger, als es schicklich war, zu beobachten. Sie ließ den Blick weiterwandern. Auf einem Regal erhob sich ein Stapel befeuchteter Papierbögen, die mit einem Gewicht gepresst und so geglättet wurden. Daneben legte ein Lehrling die frischen Druckbögen ab. Ein Geselle war mit dem Schneiden, Falzen und Zusammenlegen der fertigen Blätter beschäftigt. Über alldem thronte Johann Prüß und trug gewissenhaft Zahlen in sein Rechnungsbuch ein. Margarethe begrüßte ihren Vater und die Gesellen und lief dann die Treppen hinauf bis zum Dachboden, wo die frisch bedruckten Papiere an Leinen hingen. Sie bückte sich und krabbelte unter den Bögen hindurch, die durch die zarte Berührung des Kopfes über ihr raschelten. Drei bis vier Tage musste eine druckfrische Seite an der Leine hängen, bevor sie in die Druckerei zurückgebracht und geschnitten werden konnte. In der hintersten Ecke des Dachbodens stieg sie auf eine Kiste und drückte mit dem Kopf eine Luke auf, die sich in der Decke befand und die man nur sah, wenn man wusste, dass es sie gab. Die nächsten Bewegungen waren lange erprobt. Das Paket nach oben legen, sich selbst hochziehen, die Dachbodenluke wieder schließen. Nun war sie direkt unter dem First des Hauses. Hier war die Luft trocken, und es roch würzig nach den Kräutern, die jemand zwischen den Balken aufgehängt hatte. Gebückt ging Margarethe zur Gaube und zog ein Tuch heran, das sie hier versteckt hatte. Sie sah aus dem Fenster auf Bischofshof und Schlossplatz hinaus. Der Himmel war bedeckt, das gegenüberliegende Münster halb im Dunst verschwunden. Für Margarethe war dies der schönste Ort auf der Welt, um zu lesen. Fehler in einem Buch zu entdecken war eines; dazu waren lediglich bestimmte Fertigkeiten notwendig, die manchmal gar nichts mit Lesen zu tun hatten. Es gab Correctoren, die lateinische Bücher begutachteten, ohne die Sprache zu beherrschen. Das kam in ihrer Familie aber nicht in Frage. Ihr Vater hatte Wert darauf gelegt, dass seine Tochter die Sprache der Gelehrten lernte. Während ihr Bruder oft dem Unterricht ferngeblieben war oder für seine Streiche mit der Rute zur Rechenschaft gezogen werden musste, hatte Margarethe keine Stunde bei ihrer Lehrfrau ausfallen lassen.

Heute ging es Margarethe aber nicht nur um das Begutachten. Heute wollte sie lesen, über den Text nachdenken, zurückblättern, verstehen, noch einmal lesen. Dafür brauchte sie Muße. Damit ihr Vater ihr Bücher zum Korrekturlesen überließ, hatte sie lernen müssen, schnell zu sein. Am Anfang hatte sie sich schwer damit getan. Sie hatte sich an jedem Wort festgehalten. Wollte Wörter, Sätze, Absätze so oft lesen, bis sie sie wirklich verstand. Dann hatte sie herausgefunden, wie man Verständnis und Schnelligkeit verbinden konnte. So muss es sein, wenn Vögel das Fliegen lernen, hatte sie gedacht. Sie fallen aus dem Nest und hüpfen unbeholfen, später erst erkennen sie die Kraft ihrer Flügel und werden Geschöpfe der Luft. Sie strich über die Titelseite, sie war gut gelungen. Feierlich blätterte sie um. War der Druck durch zu viel oder zu wenig Farbe verdorben? Gab es verdrehte, vertauschte Lettern? Sie fragte sich, wie der neue Besitzer dieses Buch wohl einbinden würde. Würde er einen Ledereinband mit geprägten und vielleicht sogar vergoldeten Buchstaben wählen? Oder sich für eine Verbindung von einem Lederrücken und Holzeinbänden entscheiden? Manche ließen die Bücher auch ungebunden, und damit ungeschützt. Dann litten sie oft. Bekamen Flecken, rissen ein, zerknickten. Es war die Pflicht eines Besitzers, ein Buch gut aufzubewahren, fand Margarethe. Sie mochte die Metallschließen, mit denen Bücher einer Schatztruhe gleich geschützt wurden. Und dann gab es auch Buchkästen aus Holz oder Metall, in denen besonders kostbare Bücher verwahrt wurden; so ein Schmuckstück würde Meister Knipp allerdings kaum besitzen. Sie würde ihn fragen, was er mit dem Buch vorhatte, wenn es wirklich sie sein würde, die ihm dieses Werk übergab. Schritte ließen sie aufhorchen. Ein Lehrling war auf den Dachboden gekommen, um getrocknete Seiten abzunehmen und frisch gedruckte aufzuhängen. Er würde sie nicht stören, er kannte dieses Versteck nicht. Sie las weiter.

Nach wenigen Minuten nahm sie die Geräusche, die durch die Ritzen der Holzbohlen zu ihr aufstiegen, schon nicht mehr wahr. Hörte nicht mehr das Gezwitscher der Vögel. Fühlte nicht mehr den verbrannten Handrücken und die Prellung am Bein. Sie las und las. Nach einigen Stunden flatterten ihre Lider. Zu viel, es war zu viel für einen Vormittag. Sie überflog die restlichen Seiten, sah sie nach Fehlern durch. Nichts. Ein perfektes Buch, das auf seinen ersten Leser wartete. Beinahe gönnte sie es Meister Knipp nicht. Aber genau genommen war es ja für seine Frau bestimmt. Margarethe lauschte, auf dem Dachboden unter ihr war alles still. Niemand musste wissen, dass sie sich hier verbarg. Sie öffnete die Luke und ging hinunter in die Druckerei. Sie wollte mit ihrem Vater sprechen, entdeckte ihn jedoch nicht. Margarethe hoffte, dass er sich um den Erwerb neuer Manuskripte oder die Verkaufsläden kümmerte und nicht jetzt schon auf Freiersfüßen unterwegs war. Sie ging an Wolfgang vorbei, dem Lehrling im ersten Jahr, der von Anfang an Margarethes Mitleid geweckt hatte. Es war noch jung, vielleicht zwölf Jahre alt, ein mageres, blassblondes Kerlchen, dessen abstehende Ohren sein Gesicht noch spitznasiger machten. Er hatte mehrere Winkelhakenfüllungen auf dem Schiff, einer länglichen, rechtwinkligen Platte, abgesetzt, die an drei Seiten von hölzernen Anschlagleisten begrenzt war. Es war ungewöhnlich, dass man diesem unerfahrenen Jungen bereits eine so schwierige Aufgabe gab. Aus Gewohnheit warf Margarethe einen Blick auf den Satz. Sie zögerte. Offenbar war dem Gesellen Jacop, der für diesen Lehrling zuständig war, nicht aufgefallen, dass Wolfgang mit den Lettern durcheinandergekommen war. Die Typen hatten eine unterschiedliche Kegelhöhe, dadurch waren einige Typen der ersten Zeile höher geraten als die anderen. Im Druck würde sich diese Unregelmäßigkeit von Zeile zu Zeile vergrößern, bis das Schriftbild schließlich nicht mehr lesbar wäre. Wenige Lidschläge lang schossen Margarethe die Folgen dieses Fehlers durch den Kopf. Nach dem Druck müssten die Seiten mit den tanzenden Buchstaben weggeschmissen und erneuert werden, was zu höheren Kosten führen würde. Der Preis des Buches war aber schon ausgehandelt, also würde der Vater weniger Gewinn machen. Jacop würde den Fehler des Lehrlings nicht bemerken, er war in ein Gespräch mit dem Papierlieferanten vertieft. Sie flüsterten und lachten hämisch über etwas, das nicht für andere Ohren bestimmt schien. Margarethe gab sich einen Ruck.

»Wolfgang, bring die Lettern in der ersten Reihe lieber in Ordnung«, riet sie ihm. Der Lehrjunge blickte sie ratlos an. Sie hatte leise gesprochen, und doch hatte Jacop ihre Worte vernommen, denn er ließ den Lieferanten stehen und trat zu ihnen. Der Geselle warf einen Blick auf den Satz und gab Wolfgang eine Ohrfeige.

»Hast du denn nichts gelernt? Musst du dich von einem Weib belehren lassen?« Der Papierhändler lachte laut.

Margarethe ärgerte sich über die überzogene Reaktion und den abfälligen Ton des Gesellen. Bevor sie noch darüber nachgedacht hatte, sagte sie: »Mir scheint, es ist die Aufgabe desjenigen, der den Lehrling anleitet, solche Fehler zu verhindern.« Wiederum war Gelächter zu hören. Nun stand Jacop Krut belämmert da. Er sah sie wütend an und wollte gerade etwas entgegnen, als Reinhard Beck sich einmischte. Sein Gesicht war ernst, das markante Kinn mit dem Grübchen leicht vorgeschoben.

»Fehler passieren. Dieser ist rechtzeitig bemerkt worden. Wolfgang hätte daraus schon gelernt, auch ohne eine Ohrfeige«, sagte er.

Margarethe sah jetzt, dass ihr Vater den Raum betreten hatte. Sie ließ die Männer stehen und ging zu ihm. Er wollte gerade den Satz eines neuen Manuskripts berechnen, also Zeilenmaß, Zeilenabstand und Seitenaufteilung festlegen.

»Vater«, sagte sie. »Bei diesem Buch sind keine weiteren Korrekturen nötig. Nichts spricht dagegen, es zu Meister Knipp zu bringen.« Ihre Zunge stieß an die Vorderzähne an; die Aufregung über den Wortwechsel steckte ihr noch im Leib.

»Es ist immer gut, wenn viele Augen dafür Sorge tragen, dass ein Druck in Ordnung ist«, sagte er so deutlich, als habe er die Auseinandersetzung mitbekommen. »Schlag das Buch in ein altes Pergament ein und bringe es zu Meister Knipp. Aber lasse dich gleich dafür bezahlen. Der gute Knipp vergisst gerne, was er einem schuldig ist.«

Sie fühlte sich unbehaglich bei dem Gedanken an einen Besuch im Haus des Glasmalers. »Kann nicht ein anderer gehen? Ich würde dir gerne beim Einrichten des Manuskripts helfen. Was hast du denn Neues aufgetan?«, fragte sie neugierig und versuchte, den Titel des Manuskripts zu lesen.

Ihr Vater legte die Hand darauf. »Ich habe es versprochen, du wirst gehen. Ein Geselle kann dich begleiten.« Er rief nach Reinhard Beck. »Du bringst meine Tochter zu Meister Knipp. Sie soll das Buch übergeben und dort vorlesen. Sieh zu, dass sie das Geld bekommt.« Reinhard wollte etwas anmerken, aber Johann Prüß bestimmte in einem abschließenden Ton: »Es dauert nicht lange. Sie soll ja nur einige Seiten vorlesen, nicht das ganze Buch. Jacop wird dich so lange an der Presse vertreten.«

Margarethe und Reinhard liefen durch die Gassen. Bei ihm musste sie sich nicht klein machen, er war ein gutes Stück größer als sie. Reinhard pfiff vor sich hin, es klang zufrieden, obwohl sich der Nieselregen anfühlte, als ob feuchte Lappen in ihr Gesicht klatschten. Margarethe hätte gerne mit dem Altgesellen ein Gespräch angefangen, wusste aber nicht so recht worüber. Nur selten hatte sie Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, fast nie war sie mit ihm allein. Oft schon hatte sie sich ausgemalt, was sie ihn alles fragen, was sie ihm erzählen würde. Er würde sie dann mit seinen sanften braunen Augen anblicken und ihr aufmerksam zuhören. Aber jetzt fiel ihr einfach nichts ein. Da erinnerte sie sich daran, was Ursula erzählt hatte.

»Habt Ihr das Martinsfest gut überstanden, Reinhard? Meine Freundin Ursula hatte gehofft, Euch beim Tanz zu sehen«, sagte sie auf gut Glück.

Das Pfeifen brach ab. »Ursula? Die soll mal ihre Augen bei sich behalten«, gab er zurück. Margarethe wartete auf eine Erklärung, aber es kam nichts mehr. Einige Schritte weiter spitzte er wieder die Lippen und setzte die Melodie fort. Das war also kein Thema, über das sich der Altgeselle gerne unterhielt. Worüber konnten sie noch reden?

»Ihr seid bestimmt ein besserer Lehrjunge gewesen als Wolfgang«, sagte sie. Er schwieg. Margarethe gab nicht auf. Ein neuer Versuch: »Wo habt Ihr gelernt?« Ein Seitenblick, genervt.

»In Köln.« Aha. Und weiter?

»Wie war es dort, in Köln?«

»Auch gut. Anders.« Eine wahrlich erschöpfende Antwort. Es musste doch möglich sein, diesen Mann zum Reden zu bringen.

»Wie anders?«, fragte sie.