Die bunten Federn - Hanna Rein - E-Book

Die bunten Federn E-Book

Hanna Rein

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Beschreibung

13 Geschichten und 25 Gedichte spannen einen Bogen von der Kindheit bis zum Alter, reflektieren Erwartungen und Erfahrungen, Freude und Trauer. Sie behandeln scheinbar Alltägliches und Ungewöhnliches, sowohl in der nahen Umgebung als auch quer durch Europa, von den Äußeren Hebriden bis zur Ägäis. Die Texte werden illustriert durch 21 Aquarelle und Linolschnitte der Autorin.

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Seitenzahl: 75

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Vorwort

Das Leben geht weiter

Die Geschichte zur Geschichte – oder: Wie eine Geschichte entsteht und was daraus wird

Wer ich bin

Es war an einem Samstag – oder: Die möblierte Studentin, die Zimmerwirtin und ein wild gewordener Liebhaber

Frühlingskinder – oder: „Ich bin eine normale Fee“

Zeit

Lachen

Haarfarben

Das Glück

Rundgang durch Bonn

Andere Länder – andere Sitten

Ferientage auf den Äußeren Hebriden

Am Meer

Irish Music

Sark

Zwei Bäume im Wind

Wohnen wie Gott in Frankreich

Die Parkbank

Symi – „A room with a view”

Rosen

Herbstzeitlose

Wegwarte

Mohn

Eine Rose im Dezember

Die bunten Federn – ein modernes Märchen

Die schwarzen Tage

Graue Tage

Sehnsucht – Blaue Tage

Tage in Rot

Gelbe Tage

Der Clown

Wie ein Vogel

Traum

Treppenstufen

Frieden – mit wem?

Das Jahr

Wenigstens

Leichtigkeit

Veröffentlichungen von Hanna Rein

Vorwort

Nach der Veröffentlichung ihres ersten Buches „Zufall oder nicht? Geschichten von Begegnungen – aber auch von Kunst und Mode“ im Frühjahr 2014 wollte Hanna Rein einen weiteren Band herausgeben. Eine schwere Erkrankung machte dies unmöglich; sie starb am 29. Oktober 2015.

Auf Vorschlag ihrer langjährigen Freundin Dr. Maria Uleer, die freundlicherweise auch das Lektorat übernommen hat, habe ich aus dem Nachlass von Hanna Prosa und Lyrik, Aquarelle und Linoldrucke zusammengestellt. Sie ergeben einen guten Überblick über ihr literarisches und künstlerisches Schaffen in den letzten 20 Jahren.

Die Sammlung beginnt mit einem Gedicht von Hanna, das ich bei ihrem Trauergottesdienst vorgetragen habe.

Detlev Rein

Das Leben geht weiter

„Das Leben geht weiter”

Sagen die andern…

Meine Uhr bleibt stehn.

Die Geräusche gedämpft

Die Farben verblasst

Rot und Blau

Gerinnen zu Grau.

Der Tod kam leise

Er trennte – er verband uns

Ich bleibe zurück

Unbeweglich in dunkler Hülle.

„Das Leben geht weiter”,…

Aber wohin?

Ohne dich?

Ohne mich?

Was bleibt?

Das Bild von dir

Deine Sicht der Dinge

Verbindet uns.

„Das Leben geht weiter”

Morgen mache ich

Den ersten Schritt.

Die Geschichte zur Geschichte – oder: Wie eine Geschichte entsteht und was daraus wird

Ich traf Helga im Juni 2007 bei der Geburtstagsfeier einer gemeinsamen Schulfreundin. Wir drei waren vor über 40 Jahren zusammen zur Schule gegangen.

„In der nächsten Woche beginnt die Documenta, hast du Lust nach Kassel zu kommen?”

Ich nahm ihre Einladung gern an. Außer meinem Interesse an moderner Kunst habe ich noch einen weiteren Grund, nach Kassel zu fahren: Ich bin in Kassel geboren und fühle mich mit der Stadt verbunden, obwohl ich nur wenige Kindheitserinnerungen an die damalige Zeit habe.

Bevor ich nach Kassel fuhr, informierte ich mich darüber, was mich dort erwarten würde: Einzelne Künstler planten Aktionen, in die die Stadt einbezogen wurde. Es entstanden Reisterrassen vor dem Schloss Wilhelmshöhe, der Platz vor dem Fridericianum sollte in ein Mohnfeld verwandelt werden, der chinesische Aktionskünstler Ai Wei Wei ließ 1001 Chinesen mit identischen Koffern nach Kassel fliegen; außerdem errichtete er einen Turm aus alten Türen. Zum ersten Mal sollte sich auch ein Koch an der Documenta beteiligen, Ferran Adriá, der bekannteste Vertreter der Molekularküche, der in Barcelona ein Restaurant führt.

Als ich nach Kassel kam, stand das Mohnfeld in voller Blüte, der Turmbau des chinesischen Künstlers war bei einem Sturm zusammengesackt und die Chinesen mit den Koffern waren wieder abgereist. Der Molekularkoch hatte seine Teilnahme an der Documenta kurzfristig abgesagt, stattdessen bot er an, in seinem Restaurant einen Tisch für Documenta-Besucher zu reservieren. Der Organisator der Ausstellung wollte dafür sorgen, dass die Gäste nach dem Zufallsprinzip ausgewählt würden. Den Transfer zum Flughafen und den Flug sollten Sponsoren übernehmen.

Ich machte mich mit Helga auf den Weg zu den Ausstellungshallen. Es gab wenige gemalte Bilder, mehr Installationen, Videos und Foto. Mich berührte die Fotoserie einer englischen Künstlerin. Unter dem Titel „Fototherapie gegen Brustkrebs” machte sie ihre Krankheit zum Thema, sie dokumentierte sie mit Aufnahmen und Texten und prangerte die in ihren Augen unpersönliche Behandlung durch die Krankenhausärzte an. Aus ihrem Lebenslauf ging hervor, dass sie den Krebs trotz alternativer Heilmethoden nicht überlebt hatte.

Mit Helga blieb ich vor einem großen Stück aufgespanntem Stoff stehen. Es erinnerte an ein Betttuch, das lange im Schrank gelegen hat und nun an den Stellen, an denen es gefaltet war, vergilbt war.

„Es sieht aus wie ein Leinentuch meiner Großmutter”, kommentierte ich.

Wir fragten uns, was sich der Künstler wohl dabei gedacht hatte.

„Würdest du das bei dir zu Hause aufhängen?” „Wohl eher nicht”.

Wir waren in unser Gespräch vertieft, als uns eine junge Frau ansprach. „Haben Sie am nächsten Freitag Zeit? Ich möchte Ihnen ein Angebot machen.”

Ich hatte am nächsten Freitag schon eine Kurzreise geplant, ging einen Schritt zurück und überließ die weiteren Absprachen meiner Freundin. Sie und ihr Mann erhielten eine Einladung zu Ferran Adrià. Sie würden am Freitagmorgen zu Hause abgeholt und zum Flughafen gebracht werden. Abends stellte ihnen der berühmte Koch ein Menü mit etwa 30 Gängen zusammen, sie würden in einem nahegelegenen Hotel übernachten und am nächsten Tag wieder nach Hause fliegen.

Als wir wieder in die Wohnung zurückkehrten, wollte uns Helgas Ehemann unsere Begegnung zunächst nicht glauben.

Am Abend zuvor hatten wir beim Essen über diesen Koch gesprochen. Meine Gastgeber hatten mir von ihrer Nachbarin berichtet, die auf der Documenta angesprochen und nach Barcelona eingeladen worden war. Helgas Mann hatte gesagt, dass er später vielleicht auch einmal mit seiner Frau zu diesem Koch fahren würde.

Wieder zu Hause, erzählte ich meiner Familie und meinen Freunden von dieser Begebenheit. Außerdem fragte ich mich, warum gerade wir ausgesucht worden waren; die Documenta hatte immerhin über 600 000 Besucher.

An dem Freitag, als Helga und ihr Mann nach Barcelona flogen, fuhr ich nach Flensburg zur Taufe meines zweiten Enkelkindes.

Im Fernsehen sah ich später einen Bericht über Ferran Adrià und sein Restaurant, seine Küche ähnelte einem Chemielabor. Er entsaftete verschiedene Gemüse und verarbeitete sie mit Gelatine zu einer farbigen Gemüseplatte. Auch Kaninchenohren und gefüllte Milchhaut standen auf seiner Speisekarte. Inzwischen hat er sein Restaurant geschlossen.

Über den chinesischen Aktionskünstler las ich, dass er in seiner Heimat verfolgt wurde. Einmal hatte man ihn vor einer Europa-Reise krankenhausreif geschlagen, ein anderes Mal sein Atelier zerstört.

Ich hatte angefangen, Gedichte zu schreiben. Gedichte hatten mich schon immer begeistert: als Schülerin, als Studentin und später als Deutschlehrerin. Meine frühere Kollegin und Freundin Maria schrieb Prosatexte, gelegentlich ging ich zu einer ihrer Lesungen. Sie fragte mich, ob ich Lust hätte, an einem Volkshochschulkurs in Sankt Augustin teilzunehmen. Dort trafen sich Hobby-Autoren und lasen ihre Texte vor. Ich meldete mich an und erfuhr bald, dass Gedichte nicht gefragt seien. Einmal im Jahr gibt es eine öffentliche Lesung zu einem bestimmten Thema, im Herbst 2008 sollte es das Thema „Geschmackssache” sein. Mir fiel mein Besuch auf der Documenta ein und ich dachte, dass das zum Thema passte: Die auf der Documenta gezeigte Kunst polarisiert auch die Kunstinteressierten und die Molekularküche ist nicht jedermanns Geschmack. Ich schrieb einen kleinen Text mit dem Titel „Kunst und Kochkunst” über meine Erlebnisse in Kassel.

Noch neu im Kurs, meldete ich mich zum Vorlesen. Hier äußerte jeder seine Meinung zu dem Text. Nach einigen zustimmenden Bemerkungen sagte mir eine Teilnehmerin, dass mein Text völlig ungeeignet sei, er sei nicht stringent und überhaupt – er sei gar keine Kurzgeschichte. Was eine Kurzgeschichte ist, weiß ich auch – ich hatte gar keine schreiben wollen. Der nächste Kommentar fiel heftiger aus:

„Jetzt aber mal Schluss mit den Streicheleinheiten”, begann der Hobbydichter, „bei der Geschichte ist ja alles angelesen.”

Ich hatte keine „Streicheleinheiten” erwartet, sondern eine faire Kritik. Hierzu wusste ich nichts mehr zu sagen, ich spürte einen Schmerz in der Magengegend.

„Du könntest deine Geschichte ja umbauen”, sagte mir der Kursleiter. Aber wie? Verletzt und traurig fuhr ich an diesem Abend nach Hause.

Aber so schnell wollte ich mich nicht unterkriegen lassen. Am nächsten Tag setzte ich mich an den Schreibtisch und vereinfachte die Geschichte: Ich verkürzte sie, ließ die Namen der Künstler weg, baute ein paar witzige oder ironische Stellen ein, an denen das Publikum lachen könnte.

Im Laufe der Woche merkte ich aber, dass ich Angst hatte, in diesem Kreis noch einmal etwas vorzulesen. Ich rief Maria an und sagte ihr, dass ich nicht mehr zu dem Kurs kommen würde.

„Du hast doch den Kurs bezahlt, komm doch einfach weiter und hör nur zu.”

Auf die Idee war ich nicht gekommen. Ich ging weiter zu dem Kurs, las aber nichts mehr vor. Meinen abgeänderten Text reichte ich beim Veranstalter der „Nacht der Poeten” ein und trug ihn an dem Abend vor – auch wegen der vorangegangenen Kritik. Ich freute mich über den Applaus der Zuhörer. Einige sprachen mich auch auf die Documenta an. In den VHS-Kurs wollte ich nicht mehr gehen.