Die Casquette - Jaqueline Mercedes - E-Book
SONDERANGEBOT

Die Casquette E-Book

Jaqueline Mercedes

0,0
2,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Es war einmal in Paris... doch dies ist kein Märchen das gut endet. Zwischen Sehnsucht und Gefahr verfängt sie sich im Bann des geheimnisvollen Alexandre - ohne zu ahnen, dass im Schatten der Dämon Baal seine Fäden spinnt. Hat dieses Märchen ein Happy End verdient?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jaqueline Mercedes

Die Casquette

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Die Casquette

Ivette Chevallier zog ihren kobaltblauen Hut auf. Ihre Hände strichen dabei sanft über den samtigen Stoff, an dessen Rändern bereits einige Gebrauchsspuren zu sehen waren. Sie atmete tief durch, bevor sie vor ihren mannshohen Spiegel trat und ihr Äußeres kurz in Augenschein nahm. Der kobaltblaue Hut gab einen guten Kontrast zu ihrer blassen Haut und ihren schwarzen langen, schwarzen Haaren ab. Innerlich dachte sie über ihre nächste Reise nach. Die Landschaft zog förmlich vor ihrem inneren Auge davon. Ivette sah die grüne Landschaft vor Augen, sanfte Hügel und Blumenwiesen, die unter der Sonne gediehen, hörte den Wind rauschen und das Wasser plätschern. Ihr magischer Hut übernahm Ihre Gedanken und öffnete ein Portal zu dieser Welt. Ivette sah die Welt nun unmittelbar vor Augen, ihr Spiegel hatte sich in ein Tor verwandelt. Der Geruch nach frischer Wiese drang in ihre Nase und Ivette trat durch das Portal. Ihr magischer Hut entfaltete seine Magie und brachte sie in das gewünschte Land. Als ihre Füße die Wiese betraten und ihre Lungen die frische Luft einatmeten, war sie zufrieden mit dem Zauber. Immer wieder dachte Ivette darüber nach, ob ihr magischer Hut eine Art Ablaufdatum hatte. Würde eines Tages der Moment kommen, in dem die Magie vollständig aufgebraucht wäre? Würde sie dann überhaupt noch eine Reise vollbringen können? Womöglich würde sie zwischen den Welten steckenbleiben und niemand wäre in der Lage, sie zu retten, denn in der Welt der Menschen gab es keine Magie. Niemand sprach auch nur ein Wort darüber, außerhalb des Casquette. Die Menschen lebten in ihrer Welt, ohne das Wissen, dass die Welt da draußen noch mehr Schätze zu bieten hatte. Sie sah sich um. Diese Welt war ihr bereits bekannt, sie hatte das Land Nimmerland bereits mehrfach aufgesucht. Aus freiwilligen, aber auch unfreiwilligen Gründen. Kurz kamen Erinnerungen an diese Lande hoch, die Ivette lieber auf ewig verdrängt hätte. Neverland war eine grausam schöne Insel, eine fremde Welt voller Magie und Wunder. Einige ihrer besten Freunde und engsten Familienmitglieder hatte sie hier getroffen und in ein neues Leben mit nach Paris genommen. Heute jedoch hatte sie ein vollkommen anderes Ziel, sie war abermals auf der Suche nach ihrem Bruder. Ivette hatte eineNachricht erhalten, dass ein Kobold ihren Bruder gesehen habe und dass er in derNähe von Glöckchens Höhle gesichtet worden war. Natürlich war Ivette unverzüglich aufgebrochen, mit Hoffnung im Herzen, aber der Vernunft imGeiste, dass auch diese Spur wieder ins Nichts führen könnte. In all den Jahrenhatte sie ihren Bruder nicht finden können, jede Spur war im Sande verlaufen undNiemand wusste, wo er sich wirklich befand. Aber sie gab die Hoffnung nicht auf. Irgendwo auf dieser Welt war ihr Bruder, und sie würde ihn finden. Würde herausfinden, weshalb er all die Jahre verschwunden gewesen war und ob sie ihn um Vergebung anflehen konnte. Ivette vermisste ihren Bruder mit jeder Zelle ihres Körpers und sie hatte sich geschworen, erst aufzugeben, wenn sie ihn gefunden hatte. Lebend oder tot. Entschlossen machte sie sich auf den Weg zu Glöckchens Hütte. Die Hütte, oder besser gesagt der Baum, in dem Glöckchen ihr Zuhause eingerichtet hatte, lag im Norden der Insel. Weit weg vom eigentlichen Lager von Neverland und somit ein sicheres Gebiet für sie. Der Weg war schnell überbrückt und schon bald stand Ivette unter ihrem Baum. Eine Zeit lang hatte sie Feen für magische Glückswesen angesehen, dann jedoch feststellen müssen, dass auch sie nur für ihren eigenen Zweck leben. Sie erwarteten stets eine Gegenleistung für einen ihrer Dienste, und Ivette wusste nicht, welche Gegenleistung für das Leben ihres Bruders angesehen werden würde. Ivette hob die Faust und wollte an den Baumstamm klopfen, als Glöckchen aus ihrer kleinen Hütte geflogen kam und vor ihrem Gesicht in der Luft verharrte. Ihr kleines Gesicht wirkte wütend. „Was willst du hier?“, fragte Glöckchen sie schlecht gelaunt und betrachtete Ivette skeptisch. Sie kannten einander bereits viele Jahre, jedoch war ihre Beziehung nie sonderlich freundlich gewesen. „Ich brauche Informationen von dir“, erklärte Ivette.

“Ich hatte mich bereits gefragt, wann du wieder auftauchen würdest. Wie läuft esmit den beiden Meerjungfrauen?”, ignorierte Glöckchen ihre Frage und verschränkte die kleinen Arme vor ihrer Brust. Ivette seufzte auf und sah die Fee ernst an. Sie würde nicht ohne eine Antwort hier verschwinden. “Sehr gut. Und nun brauche ich deine Unterstützung", gab Ivette ruhig zurück. Glöckchen lachte auf.

"Du weißt ganz genau wie das ganze abläuft. Zeig mir zuerst, ob meine Hilfe überhaupt einem Zweck dienen wird. Ivette zog ein Päckchen aus ihrer Hosentasche und reichte es Glöckchen.Die Augen der Fee wurden größer, als sie das Päckchen auf einen Ast ablegte und es dann öffnete. Das Geschenk bestand aus einer langen Perlenkette mit einemFischanhänger aus weißen Edelsteinen. Glöckchen erkannte den Wert derPerlenkette sofort und nickte zufrieden.“Ich nehme dein Geschenk an. „Also, was genau willst du von mir?", gab sie zurück und flog schwebend vor der Kette, so als würde Ivette diese wieder an sich nehmen. “Ich suche meinen Bruder, ein Kobold hat mir eine Nachricht geschrieben, dass erihn vor deiner Höhle gesehen hat. Kannst du dich an ihn erinnern?”, fragte sieund zeigte Glöckchen ein Foto von ihrem Bruder. Auf den ersten Blick wirkten sie wie Zwillinge. Die selben schwarzen Locken und braunen Augen. Nur trug ihr Bruder seine Haare immer kurz geschnitten. Glöckchen schüttelte den Kopf und flog unruhig auf ab. “Nein, tut mir leid.”Ivette nickte, steckte das Foto wieder in ihre Hosentasche und lächelte gezwungen.

"Dann bist zum nächsten Mal. Falls du ihn dennoch sehen solltest, ich habe noch weitaus mehr solcher Edelsteine in Armbändern und Ringen. Für jeden hilfreichen Tipp bekommst du ein solches Geschenk von mir."

Glöckchen stimmte den Handel ein. Ivette drehte sich herum und verließ Neverland. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es in tausend Stücke zerbersten.

Kapitel 1

Kommissar Alexandre Blachard betrat mit schnellen Schritten sein Büro und sah seinen Kollegen fragend an. Er hatte im Flur das Gespräch zwischen zwei Kollegen aus dem Streifendienst hören können und der Fall schien außerordentlich wichtig zu sein. Sein Kollege nickte ihm grüßend zu. “Erzähl mir alles, was bisher Tatsache ist”, wies er Fabre umgehend auf. Dieser sah Alexander ernst an und wirkte alles andere als zufrieden. Seine blondenLocken standen wirr von seinem Kopf ab, als er sich durch die Haare fuhr.In der Hoffnung das Chaos ordnen zu können. Blachard setzte sich auf die Kante seinesSchreibtisches und wartete ab. Seine Hände fühlten sich bereits vor Aufregungschwitzig an.“Es ist ein weiterer Mann, Mitte vierzig, als vermisst gemeldet worden. SeinBester Freund sagte bei den Kollegen aus, dass er vor drei Tagen das Casquettebesuchen wollte. Danach hat niemand mehr etwas von ihm gehört", fasste Fabre die wenigen Fakten zusammen. Alexandre nickte und nahm die Akte an, die Fabre ihm soeben entgegengestreckt hatte. Die Akte war aufgrund der neuen Ermittlungen noch sehr dürftig. Es gab einige Bilder vom Etablissement Casquette von außen, welche ihm bereits bekannt waren. Ein paar Fotos waren vom vermissten Mann, wie er mit seinen Freunden unterwegs war, und ein Familienfoto mit seiner Frau und seinen Kindern. Das letzte Bild zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Es zeigte Ivette Chevallier selbst, wie sie im Profil stand und mit jemandem sprach. Alexandre ließ seinen Daumen über ihr Gesicht gleiten, bis Fabre sich lautstark räusperte. Alexandre steckte das Foto zu den anderen und hob den Blick. “Wir sollten im Casquette beginnen, dort endet die Spur des Mannes und seine Familie konnte uns nicht weiterhelfen. Seine Ehefrau weiß nicht von seinem Lebensstil", sprach Fabre weiter und hob fragend die Augenbraue.

"Alles in Ordnung?"

Alexandre nickte ruhig. "Natürlich, fahren wir direkt los." Fabre nickte und nahm die Akte wieder an sich. Alexandre brauchte einen Moment, um seine Gedanken zu ordnen. Das Casquette war schon eine ganze Weile im Fadenkreuz der Ermittlungen und dennoch hatte sie nichts Konkretes finden können. Madame Chevallier war stets freundlich und offen gewesen, jedoch war jede Durchsuchung des Etablissements erfolglos gewesen. Alexandre folgte Fabre nach draußen zu ihrem Dienstwagen. Wenig später standen sie vor dem Eingang des Casquette. Das alte Gebäude war in die Jahre gekommen, aber nur von außen. Im Inneren versprühte es weiterhin den Charme wie in den frühen 20er Jahren. Das Casquette hatte einen Kultstatus in Paris erreicht und Touristen drängten sich um alte Gebäude, um ein gutes Foto machen zu können. Nur wenige waren wirklich mutig genug, innerhalb der Nacht einen Fuß ins Innere zu setzen. Alexandre vertrieb eine Gruppe von jungen Männern, die sich gegenseitig schlechte Witze erzählten und sich vornahmen, heute Nacht eine Stunde im Casquette zu buchen. Sie gingen murrend weiter.

Alexandre trat an die Eingangstür und klopfte feste gegen das grünliche Holz. Ein Schild neben der Klingel wies die Besucher auf die Öffnungszeiten hin. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass es früher war, als zuerst gedacht. Sie hatten erst vor drei Stunden die Türen geschlossen und würden sich in der Nachtruhe befinden. Er störte die Madame gerne innerhalb dieser Ruhe. Abermals klopfte er an. Fabre tippte unruhig von einem Fuß auf den anderen.“Wir sollten in ein paar Stunden wiederkommen, das Etablissement hat geschlossen”, warf Fabre unruhig ein. Alexandre schüttelte den Kopf. Er würde jetzt seine Befragung durchführen, auch wenn er dafür die Türe eintreten musste. Nach seinem fünften Klopfen, wurde das Schloss von innen geöffnet und Madame Chevallier stand vor ihm. Sie trug nur einen seidenen Morgenmantel und ihr Gesicht wirkte müde. Sie trug kein Make-up, und er musste sich eingestehen, dass sie auch ungeschminkt eine unsagbar schöne Frau war. Als sie ihn erkannte, schlich sich ein wissendes Lächeln auf ihre Lippen und sie ließ ihrenMorgenmantel offen, sodass er den Blick auf ihr Nachthemd richten konnte. Ersah wortwörtlich alles an ihrem Körper, denn der rote Stoff war zu durchsichtig,um wirklich zu bedecken. Sie spielte mit ihm und gewann jedes Mal. “Kommissar was für eine schöne Überraschung. Kommen Sie doch herein, ichweiß ja, dass sie sehr wenig von unseren Öffnungszeiten halten”, begrüßte sie ihngespielt höflich und trat zur Seite. Er biss wütend die Zähne zusammen, als er erkanntedas er sie keineswegs gestört hatte. Er trat ein, dicht gefolgt von Fabre. Dieserlächelte Madame Chevallier entschuldigen zu. Ivette schloss die Türe hinter ihnen und deutete in Richtung Salon.“Gehen sie ruhig voran, sie kennen den Weg sicherlich noch von ihrem letzten Besuch. Es ist ja nicht allzu viel Zeit vergangen.”Alexandre ging voran mit erhobenem Blick und versuchte, das Innere des Etablissements genauer in Augenschein zu nehmen. Er war für seinen Geschmack viel zu oft in diesen Örtlichkeiten gewesen. Als sie endlich den Salon erreicht hatten, wählte er einen Sessel in der Nähe der Türe und wartete darauf, dass Fabre und Ivette Platz genommen hatten. Selbstverständlich wählte Ivette den Sessel ihm gegenüber und schlug die nackten Beine übereinander, sodass ihrkurzes Nachthemd noch höher rutschte. Er schluckte hart und versuchte, seinen Blick weiterhin auf ihr Gesicht gerichtet zu halten. Er durfte in ihrer Anwesenheit keinerlei Schwäche zeigen. “Wir sind wieder wegen einer Vermisstenanzeige bei ihnen. Wir suchen diesenMann hier, er wurde das letzte Mal vor drei Tagen in ihren Örtlichkeitengesehen", begann Farbe das Gespräch. Fabre hielt Ivette ein Foto des Mannes hin. Sie nahm dieses entgegen und betrachtete das Foto intensiv. Dann hob sie den Blick und sah Alexandre und Fabre nacheinander an.“Alexandre, ich bin immer wieder überrascht, wie sehr sie es verabscheuen, meineÖrtlichkeit, wie sie es nennen, ein Etablissement zu nennen. Ich verkaufe hier Leidenschaft, Nähe, kurzzeitige Liebe, und mache die Menschen glücklich. Wie sie sicherlich noch wissen, kommen jede Nacht viele Männer und Frauen zu uns, um ihre Gelüste zu befriedigen, weshalb ich um ihr Verständnis bitte, dass ich diesen Mann natürlich nicht wiedererkenne. Viele meiner Kunden haben ein ähnliches Gesicht. Die Menschen würden ihn als durchschnittlich beschreiben.”Sie gab Fabre das Foto zurück und beugte sich vor. Ihre Zunge leckte über ihreUnterlippe, wissend, was diese Bewegung in den Männern auslöste.“Madame Chevallier, ich bitte sie höflichst, sich zu benehmen und nicht meinen Vornamen zu verwenden, als wären wir alte Freunde”, gab Alexandre wütend zurück und war kurz davor, seine Professionalität zu verlieren. Sie lächelte wissend.“Und sie sollten endlich unsere Öffnungszeiten lernen. Solange sie sichRespektlos mir gegenüber verhalten, nenne ich sie beim Vornamen. Ebenso habeich Ihnen angeboten, mich Ivette zu nennen.”Alexandre biss sich auf die Unterlippe, dann sah er kurz zu Fabre. Der JungePolizist fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut.“Sie haben recht, wir bitten um Entschuldigung”, lenkte Alexandre ein und sahwieder zu Ivette. Sie nickte ruhig und setzte sich aufrechter hin. Ihre schwarzen Locken flossen ihren Rücken hinab und verlockten ihn förmlich dazu, sie anzufassen. Er beherrschte sich, auch wenn in seinem Inneren eine Unruhe pochte. Ivette betrachtete ihn einige Wimpernschläge, bis sie ihre Hand in Richtung Fabre ausstreckte.“Reichen sie mir das Foto, ich werde es unter meinen Damen und Herren verteilenund ihnen morgen Abend Bescheid geben, ob es eine Erkenntnis gegeben hat.”Alexandre nickte zustimmend. Diese Frau brachte ihn um den letzten Verstand.Er räusperte sich kurz, um sich zu fassen. “Dann lassen wir sie nun allein, vielen Dank für Ihre Unterstützung bei dem Fall.”Ivette erhob sich nicht, sondern betrachtete ihn weiter stumm.“Dies ist bereits der fünfte Fall, an dem wir zusammenarbeiten, und jedes Malversuchen sie mir die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ohne Erfolg. Bei diesemFall erwarte ich eine Änderung bei unserer Zusammenarbeit. Ich werde sie mitAlexandre ansprechen und sie mich mit Ivette. Und wenn sie etwas von mir wollen, rufen sie mich an oder kommen innerhalb unserer Öffnungszeiten. Wenn sie mich noch einmal wecken, werde ich alles andere als kooperativ sein.”Alexandre nickte unschlüssig, was er von ihrem Vorschlag halten sollte, dennochwürde er sich daranhalten.“In Ordnung. Gute Nacht.”“Sie finden sicherlich allein heraus”, gab Ivette zurück und warf Fabre einenkurzen Blick zu. Die beiden Männer verließen den Salon und das Casquette mitgeknickten Schultern.Alexandre ergriff das Wort erst nach einigen Schritten.“Ich habe mir dieses Verhör anders vorgestellt, aber wenigstens haben wir ihreUnterstützung.”Fabre nickte zögerlich. “Glauben sie immer noch, dass sie Schuld an den Vermissten trägt? Wir habensie schon sehr oft untersucht und auch das Casquette, wir konnten nichtsauffälliges finden und dennoch habe ich das Gefühl, dass Sie Ivette weiterhin als Schuldige betrachten.”Alexandre sah Fabre unschlüssig an. "Es ist nur so ein Bauchgefühl, verstehen sie?"“Ja natürlich”, gab Fabre schnell zurück und beschleunigte seine Schritte, um als Erster beim Fahrzeug zu sein.

Kapitel 2

Ivette wartete darauf, dass die Tür ins Schloss fiel und sie wieder freier atmen konnte. Erneut hatte der Kommissar sie überrascht. Jedes Mal, wenn sie Alexandre ansah, beschleunigte sich ihr Puls merklich und ihr sonst so treffsicherer Geist wurde stumpfsinnig. Ivette wurde in seiner Gegenwart zu einem kleinen Mädchen und sie verabscheute dieses Gefühl. Rein optisch war Alexandre ein sehr attraktiver Mann und Ivette fühlte sich zu ihm hingezogen. Er war einen Kopf größer als sie, hatte breite Schultern und sein dunkles Haar bildete den perfekten Kontrast zu seinen eisblauen Augen an. Auch wenn er nur sehr selten lächelte, so konnte man erahnen, dass er Humor besaß. Ivette verdrängte den Tagtraum und atmete tief durch. Sie durfte sich zu Alexandre nicht hingezogen fühlen, denn er machte ihr beruflich das Leben schwer, und das hasste sie weitaus mehr, als unattraktive Männer. “Ich habe Stimmen gehört und wollte unsere verspäteten Gäste geradehinauswerfen, als ich den Kommissar bemerkte. Was wollte er wieder von dir?”,fragte Leon, als er in den Salon trat und sie fragend ansah. Er trug nur eineknappe Boxershorts, da auch er eben noch im Bett gewesen war. Sie alle brauchten dringend Schlaf. “Es gibt wieder eine Vermisstenanzeige, die uns Probleme bereitet. Wir müssenmehr darauf achten, welche Gäste wir in welches Zimmer lassen. Die Menschen beginnen zu reden und wir können uns nicht noch mehr vermisste Gäste erlauben.”Leon wirkte keineswegs eingeschüchtert. Er nickte zustimmend und setzte sich auf die Armlehne ihres Sessels. Dann strich er ihr sanft über die Schläfen, bis Ivettespürte, dass die Anspannung aus ihrem Körper wich. Sie seufzte erfreut auf. “In solchen Momenten, bin ich sehr traurig, dass du keine Frauen magst”, murmelteIvette sanft und zwinkerte Leon zu. Er grinste selbstgefällig.“Ich kann dir gerne helfen, wenn du dich unwohl fühlst und der Kommissar dichdurcheinandergebracht hat. Ich könnte aber auch einen der Jungs wecken. Keiner in diesem Haus würde sich dir gegenüber verwehren. Du bist die Schönste von uns allen.”Ivette dachte über sein Angebot nach, schüttelte aber dann den Kopf. Für sie war Leon eine Art Sohn, und bis auf das Necken zwischen ihnen würde sie niemals weitergehen wollen. “Vielen Dank, ich komme jedoch zurecht. Wir sollten uns ernsthafte Gedanken über unsere derzeitige Situation machen. Ich habe kein Interesse daran, ständig im Augenmerk der Polizei zu stehen. Ich werde morgen alle warnen, wir alle müssen etwas umsichtiger sein, vor allem unsere magischen Mitglieder. Womöglich sollten unsere Meerjungfrauen eine Weile keine Gäste mehr empfangen." Leon ließ seine Hand sinken und nickte zustimmend.“Ich werde mit ihnen sprechen und die Auswahl persönlich treffen, so gehen wir kein Risiko ein, das unbekannte Besucher zu ihnen gehen. Was hast duAlexandre gesagt? Ich muss gestehen, dass ich enttäuscht bin, ihn heute nicht gesehen zu haben. Er ist eine wahre Augenweide.”Nun lächelte Ivette wieder. Leons lüsterne Art war von Humor gesättigt. “Er war nicht erfreut darüber, dass ich ihn Alex genannt habe. Ich habe nicht vielzu dem Vermisstenfall beigetragen, außer versprochen, sein Foto an alle zureichen. Ich melde mich morgen bei ihm.”Leon erhob sich von der Armlehne und ging zur kleinen Bar, um sich etwas zutrinken einzuschenken.“Wann gehst du wieder auf Reisen?”Ivette schüttelte den Kopf, als er ihr auch ein Glas anbieten wollte. Sie war nichtdurstig und aktuell wollte sie einen klaren Kopf bewahren.

“Ich wollte heute Nacht los. Es gibt einige vage Spuren, denen ich folgen wollte.”Leon wartete auf weitere Erklärungen, die sie ihm aber nicht bieten wollte. IhreReisen waren stets ihr Geheimnis gewesen, nie teilte sie ihr Ziel oder weshalb siegerade dieses Land ausgewählt hatte. Ivette erhob sich von ihrem Sessel.“Könntest du bitte umgehend das Problem mit den Meerjungfrauen angehen unddas Foto überall herumzeigen? Ich möchte, dass meine Leute ehrlich auf dieFragen der Polizei beantworten können. Die Meerjungfrauen wird keiner befragen, da niemand von der Polizei von ihrer Existenz weiß, und das soll auch so bleiben.”Leon nickte zustimmend und nahm das Foto entgegen.“Selbstverständlich. Wenn du zurück bist, habe ich hoffentlich Neuigkeiten fürdich. Vielleicht haben wir ja Glück und einer von uns weiß etwas mehr über den Mann. Die Meerjungfrauen beschäftigten sich ja immer sehr lange mit ihren Kunden.”Ivette lachte humorlos auf. “Du kennst unsere Damen doch, wenn sie genießen, dann immer sehr langsam.”“Da hast du auch wieder recht. Um ehrlich zu sein, habe ich Angst vor denbeiden. Ihr Hass auf die Menschheit ist viel zu groß für meinen Geschmack.”Ivette legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter.“Keine Sorge, soweit ich weiß, essen sie keine Elfen”, gab sie zurück undverabschiedete sich von Leon, indem sie ihm einen Kuss auf die Wange gab. Ihr bester Freund und engster Mitarbeiter blieb allein im Salon zurück. Ivette ging zurück zum Eingangsbereich und schritt die große Treppe nach oben. Sie hatte ihre privaten Gemächer in der obersten Etage, um diese vor Lärm und ungewollten Besuchern zu schützen. Zauber umgaben die letzte Treppe, welche zu ihr führte, und ließen nur Ivette und Personen, die sie selbst mitbrachte, hinauf. Niemand sonst konnte die letzten Stufen zu ihrem Zimmer hinaufgehen. Müdigkeit nahm von ihr Besitz und Ivette musste laut gähnen. Kurz warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr und stellte erfreut fest, dass noch Zeit für ein kurzes Nickerchen bleiben würde. Dann musste sie sich auf den Weg in den Märchenwald machen, um die neueste Spur zu verfolgen, auch wenn diese nur sehr gering war. Ihr Informant vor Ort hatte ihr einen Brief zukommen lassen, dass der Jäger der Königin ihren Bruder gesehen habe. Ivette glaubte solche Nachrichten schon lange nicht mehr, aber dennoch ging sie jeder Spur nach und hatte stets große Hoffnung im Herzen, dass sie ihren Bruder eines Tages wiedersehen würde. Von den meisten ihrer Reisen brachte Ivette ein Mitbringsel mit. In den vielen Welten dieser Zeit gab es viel Leid und Trauer und es gab immer jemanden, der gerettet werden wollte. Ivettes Herz war groß und das Casquette bot allen Verlorenen und Verwaisten Wesen ein Zuhause. So hatte sie auch Leon und die Meerjungfrauen gefunden und mit nach Paris genommen. Jedem ihrer neuen Familienmitglieder gab sie die Wahl, ob sie im Casquette arbeiten wollten oder nicht. Niemand wurde gezwungen, etwas zu tun. Wenn eines nicht begrenzt war, dann war es die Lust an Besonderem, und schon bald hatte das Casquette mit dem Außergewöhnlichen einen Namen gemacht. Menschen leugnen gerne ihre Gelüste und wollen nicht wahrhaben, was sie am meisten begehren. Ivette versuchte, ihnen diese Lust näherzubringen und jegliche Wünsche zu erfüllen. Woher wusste man, welche Gelüste man hatte, wenn man diese nicht erforschte? Ivette spürte ein plötzliches Ziehen im Unterleib, als sie ihr Schlafzimmer betrat, und fragte sich, weshalb sie Leons Vorschlag ausgeschlagen hatte. Er war geschickt darin, Lust zu bereiten, und war bei ihren Kunden ein sehr geschätztes Mitglied. Ivette atmete tief durch und ging zu der großen Glastür und öffnete diese, um die kühle Nachtluft nach drinnen zu holen. Dann steuerte sie ihr Bett an und ließ sich auf die Laken sinken. Die kühle Nachtluft umwehte ihre nackten Beine und ließ ihre Gefühle etwas zur Ruhe kommen. Wäre es unhöflich, wenn sie einen ihrer Jungs wecken würde? Wäre noch jemand von ihnen wach, oder würden sie ihrem Wunsch nur Folge leisten, weil sie Ivette liebten? Ivette seufzte auf, dann beschloss sie allein zu bleiben, und kroch unter die kühle Bettdecke.

Im Gebäude schliefen die meisten tief und fest, auch wenn draußen hellerTag herrschte, war für sie die Nacht hereingebrochen. Ihr Tages- undNachtrhythmus war durch ihre Arbeit vollkommen anders als der ihrer Gäste.Als Leon müde die große Treppe nach oben ging, um zu seinen Gemächern zukommen, hörte er ein Scharren in der Stille. Er blieb am Treppenabsatz stehenund wartete geduldig ab. Er befand sich auf der Etage der Elfen und Kobolde.Hierhin wurden nur ihre Stammgäste geführt, in dem Wissen, das sie sich hiervoll und ganz entspannen konnten. Elfen liebten mit Haut und Haaren und bindetihre Gäste an sich. Jeder Mensch war der jeweiligen Elfe vollkommen verfallenund kam regelmäßig wieder. Das wussten Ivette und Leon sehr zu schätzen, und sowählten sie dafür nur die Reichen ihrer Stammgäste aus. Das Scharren war erneutzu hören, und Leon öffnete eines der Schlafzimmer auf dieser Etage. Es war dasSchlafzimmer von Lisbeth, einer Elfe aus seiner Heimat mit hellem Haar undschwarzen Augen. Sie war Ivettes Liebling und genoss großes Ansehen. Lisbethschlief tief und fest in ihrem Bett und auch sonst konnte er nichts Auffälliges inihrem Zimmer entdecken, also ließ er sie in Ruhe und ging in seine Gemächer.Wahrscheinlich war er zu müde und hatte sich das Geräusch nur eingebildet.Auch wenn sein Körper vollkommen erschöpft war, so ließen ihn die Gedanken umeinen Fremden im Haus nicht los und so schlief er äußerst unruhig. Das Scharrenblieb und Lisbeth befand sich nicht allein im Schlafzimmer. Niemand bekam es jedoch mit.

Kapitel 3

Als der Abend heranbrach, machte sich Leon auf den Weg ins Kellergeschoss zuden Meerjungfrauen. Auf dem Weg dorthin begrüßte er seine Kollegen, die sichlangsam für den Arbeitstag zurechtmachten. Leon kannte das Anwesen Inn undauswendig. Er hatte selbst Ivette geholfen, einige ihrer besten Angestellteneinzustellen und auszubilden. Leon hatte vor vielen Jahren sein Leben in seinerHeimat zurückgelassen und sich vollkommen in das Abenteuer gestürzt, welches Ivette ihm geboten hatte, und es bisher keine Sekunde bereut. Als er wieder an Lisbeths Zimmer vorbeikam, zögerte er kurz.Seine Gedanken kreisten um gestern Nacht. Hatte er sich das Geräusch nureingebildet oder war dort wirklich etwas gewesen? Gerade als er beschlossanzuklopfen, um Lisbeth zu fragen, ob alles in Ordnung sei, öffnete sie die Türe.Ihre Haare standen zu einer wilden Mähne von ihrem Kopf ab und ihr Gesichtwirkte verschlafen.“Kann ich etwas für dich tun, Leon?”, fragte sie mit sanfter Stimme, die eineGänsehaut auf seinem Rücken hinterließ. Wenn er eine Vorliebe für Frauen hätte,würde er Lisbeth den Hof machen. Dennoch ließ sie ihn nicht kalt. Sie war eine sanfte Göttin und eine herzensgute Person. “Ich habe gestern Nacht ein Geräusch bei dir gehört und war nur besorgt. Istalles bei dir in Ordnung?”Lisbeth nickt langsam und begann, ihr Haar zu einem langen Zopf zu flechten.“Ich habe die Nacht nicht gut geschlafen, vielleicht habe ich im Schlafgesprochen.”“Vielleicht” gab Leon zurück, lächelte ihr sanft zu und ließ sie dann wieder allein, um nach unten in Richtung Keller zu gehen.

Er glaubte nicht, dass Lisbeth das Geräusch gemacht hatte, aber er würde jetzt keine Lösung finden, also musste er seinem Job nachgehen.

Ivette würde seinen Bericht nach ihrer Rückkehr erwarten, alsomusste er mit den Meerjungfrauen sprechen. Ivette hatte den Keller vor etwaeinem halben Jahr ausbauen lassen. In dessen Mitte thronte ein großes und sehrtiefes Schwimmbecken. Drumherum standen weiße Sessel und eine kleineSchaukel, sodass die Gäste auch die Meerjungfrauen beim Schwimmenbeobachten konnte und noch mehr. Je nachdem, welche Gelüste sie hegten. Leontrat an den Beckenrand und sah hinab in die Tiefen. Er verabscheute tiefes Wasserund empfand auch die Meerjungfrauen als unheilvolle Wesen, aber Ivette warsofort vernarrt in die beiden gewesen und sie machten mit dessen Einsatz einengroßen Gewinn. Eine Meerjungfrau bemerkte ihn und schwamm zu ihm an dieWasseroberfläche. Als Ivettes rechte Hand genoss er einen höheren Status als alleanderen und jeder von ihnen zollte ihm Respekt.“Leon, was für ein seltener Besuch”, sagte die Meerjungfrau mit sanfter Stimme.Ihre Stimmbänder produzierten bei jedem Wort eine leise Melodie, um ihn inihren Bann zu ziehen. Leon schüttelte ihre Magie ab und setzte sich in einenSessel in der Nähe.“Es gibt erneut einen vermissten Kunden und er war zuletzt bei euch beiden.Wollt ihr mir etwas erzählen, bevor die Polizei weiterhin bei uns herumschnüffelt und womöglich noch mehr Männer verschwinden. Was wisst ihr über den Mann?”Die Meerjungfrau betrachtete ihn aus strahlend blauen Augen wie die See undschüttelte langsam den Kopf. Ihr schwarzes Haar klebte an ihrem nacktenRücken.“Wir würden niemals einen Menschen töten, wir wissen, welches Geschenk unsdie Madame erteilt hat. Wir sind sehr glücklich hier und wollen bleiben.”Leon seufzte und zog das Foto des Mannes hervor. Als die Meerjungfrau daraufsah, bemerkte er Erkenntnis in ihren Augen.“Er war bei uns, aber er ging lebend. Er war sehr glücklich.”“Bist du dir sicher?”, hakte er nach und bot ihr noch eine Gelegenheit,um über ihre Worte nachzudenken. Er wollte niemanden beschuldigen, aber etwas mehr Informationen würde er dennoch brauchen. Vor allem wenn die Polizei weiter Fragen stellte, auf die sie keine Antwort hatten. “Ich bin mir sicher. Wir waren gut zu ihm, aber niemals würden wir über die gesetzten Grenzen des Casquette gehen”, gab sie zurück. Ihre Schwester tauchte neben ihr durch das Wasser und nickte zustimmend.“Wir haben ihm nichts getan. Er war bei uns, aber nicht im Wasser. Er wollte unsbeim Schwimmen beobachten, und danach ging er. Ich glaube, er suchte sich etwasanders, um seine Lust zu stillen. Er wollte schlicht Gesellschaft verspüren, er war ein einsamer Mann.”Leon wusste, dass sie sich Mühe gaben, in seiner Sprache zu sprechen, aber immerwieder musste er über ihre Formulierung schmunzeln. Ebenso musste er gegen ihren Zauber ankämpfen, ein kleiner Teil von ihm wollte zu ihnen ins Wasser steigen. Er steckte das Foto wieder in seine Hosentasche und erhob sich.“Wisst ihr zufällig, ob er nach euch noch zu jemandem wollte? Hat er einen Namen erwähnt oder etwas von sich persönlich erzählt?”Die beiden schüttelten den Kopf.

"Er hat kaum ein Wort gesagt, er saß nur in diesem Sessel und hat uns beobachtete. Wir wissen nichts von ihm. „Auch unser Gesang hat nicht geholfen", sagte die eine Schwester, und die andere nickte zustimmend. “In Ordnung, falls doch, meldet euch bei mir”, sagte er ernst und verließ denKeller wieder. Erst als er sich auf der Treppe nach oben befand, konnte er wiederfreier atmen. Die Nähe zu tiefem Wasser machte ihn jedes Mal unruhig. Er zog dasFoto wieder hervor und betrachtete es. Es handelte sich auf den ersten Blick umeinen durchschnittlichen Mann mit schütendem Haar. Dunkle Schatten lagenunter seinen Augen und seine Wangen wirkten zu füllig. Wahrscheinlich ernährteer sich ungesund, weil er viel Stress bei der Arbeit hatte. Viele Menschenkamen zum Etablissement, um von ihrem Alltag Abstand zu erhalten.Ein Schatten kam in sein Blickfeld und Leon hob den Blick. Vor ihm stand einerder Werwölfe des Etablissements. Er erinnerte sich noch sehr gut daran, wie seine ersteReaktion gewesen war, als Ivette ihm von den Wölfen erzählt hatte. Umgehend hatte er begonnen, einen sicheren Raum im Keller zu bauen, in dem sich die Werwölfe bei Vollmond zurückziehen konnten. “Was kann ich für dich tun?”, fragte Leon. Kurz vor dem Vollmond sahen die Werwölfe immer aus wie eine Mischung aus Wolf und Mensch. Sie liefen weiterhin auf zwei Beinen, waren aber bereits übersät von Fell und ihre Augen wechselten die Farbe. Zwischendurch blitzte ein helles Gelb auf und entblößte das wahre Tier im Inneren. “Ich erwarte heute mehr Kunden als gestern. Ich habe mich gelangweilt”, gab derWolf zurück und Leon musste innerlich schnauben.“Euer Geschäft muss sich erst noch herumsprechen, wir können ja schlecht damitWerben, dass wir zwei Werwölfe bei uns haben. Du weißt doch, wie es abläuft,wenn wir spüren, dass ein Kunde in diese Richtung gehen möchte, schicken wirihn zu euch. Ansonsten müsst ihr leider Geduld zeigen. Vielleicht könntet ihr heute Nacht im Salon bleiben und selbst nach Neukunden Ausschau halten.”Der Werwolf brummte missmutig und ging ohne ein weiteres Wort weiter. Leon sah ihm nach. Die Werwölfe waren an jedem Tag ein reizvolles Volk, jedoch kurz vor dem Vollmond hatten sie jegliche Höflichkeit abgelegt. Leon machte sich auf den Weg zum Empfang, um dort nach dem Rechten zu sehen. Schon bald würden sie die Türen öffnen und die ersten Kunden begrüßen dürfen. Am Empfang arbeiteten zwei junge Frauen aus Paris. Ivette hattedarauf geachtet, dass die Kunden zuerst normale Menschen zu Gesicht bekämen,bevor sie herausfanden, welche Exoten das Etablissement anbot.Die beiden jungen Frauen lächelten Leon freundlich zu und gaben ihm direktihre volle Aufmerksamkeit. Er sprach einige Worte mit ihnen, ging den Abenddurch und informierte sie über mögliche neue Kunden. Als alle Informationenausgetauscht waren, verließ er die beiden wieder und machte sich auf den Wegin seine Gemächer. Auch er musste sich für den Abend zurechtmachen. Auchwenn Leon selbst keine Dienste anbot, so war er jeden Abend präsent. Erkümmerte sich um die Stammkunden, begrüßte sie persönlich und sorgte sich umderen Wohlbefinden. Ivette achtete stets darauf, ebenso abends vor Ort zu sein.Sie zog sich zeitweise aus dem Tagesgeschäft zurück und überließ so Leon diewichtigen Entscheidungen, aber dennoch wollte sie auch ihren Gästen das Gefühl geben, das sie da war.Nachdem er sich für den Abend fertig gemacht hatte und wieder nach unten ging,öffneten sich die Türen. Der Abend hatte begonnen und schon bald trafen dieersten Gäste ein. Manchmal stellte sich Leon an die Eingangstüre undbeobachtete nur. Er dachte sich zu jeder Person eine kleine Geschichte aus,weshalb sie gerade heute Abend hier war und welche Wünsche sie hegte.“Gefällt dir der Abend bisher?”, drang Ivettes Stimme zu ihm durch. Er sah sielächelnd an.“Natürlich, ich liebe meinen Job. Und du? Warst du erfolgreich?”Ein kurzer Schatten huschte über Ivettes Gesicht und Leon wusste, dass er diefalsche Frage gestellt hatte. Er fragte sich, wann sie ihm endlich die ganzeGeschichte erzählte. Wann würde sie ehrlich zu ihm sein? Ivette strich sich eineschwarze Locke aus dem Gesicht und lächelte müde. “Es war ein weiterer Versuch. Ich habe etwas erfahren, aber nicht mein Zielerreicht. Aber erzählt mir erst einmal, wie es mit den Meerjungfrauen war. Habensie etwas Hilfreiches erzählen können?”Leon fasste das Gespräch kurz zusammen und erwähnte auch sein merkwürdigesGefühl bei Lisbeths Zimmer. Ivette hörte zu und wirkte ebenfalls unschlüssig, als er über das kurze Gespräch mit Lisbeth sprach. “Ich danke dir, dass du trotz deiner Ängste vor tiefen Wasser bei unseren Meerjungfrauen warst. Ich weiß, dass du Bedenken hast und sie merkwürdig findest, aber ihre Herzen sind rein. Sie würden niemals gegen die Regeln verstoßen, und wenn sie sagen, dass sie den Mann lebend gesehen hatten, glaube ich ihnen. Was Lisbeth angeht, wir sollten dein Bauchgefühl ernst nehmen und ihr Zimmer eine Weile genauer im Blick behalten. Ich will nicht, dass irgendjemandem aus der Familie etwas passiert. Ich nehme dein Bauchgefühl sehr ernst.”Leon nickte dankbar und sah wieder zur Eingangstür. Eine Gruppe vonjungen Männern betrat das Etablissement und warfen Ivette interessierte Blicke zu. Sie erwiderte den Blick und lächelte.“Sei so gut und bleibe noch eine Weil hier. Ich werde mich persönlich um unsereneuen Gäste kümmern.”Mit diesen Worten verließ sie ihn und ging zu der Gruppe Männer. Leon grinsteselbstgefällig. Das war die Freiheit, die er an seinem Job liebte. Wann immer esihnen in den Sinn kam, durften sie sich selbst den Kunden anbieten. Ivette wähltenur sehr selten einen Kunden aus, aber er hatte schon gestern Abend die Spannung in ihrem Inneren gespürt. Sie brauchte diese kurzzeitige Ablenkung dringend.

Blanchard durchsuchte die Unterlagen auf seinem Schreibtisch nach weiterenHinweisen. Sein Besuch bei Madame Casquette heute Vormittag hatte keine brauchbaren Ergebnisse erbracht. Dennoch sagte ihm sein Bauchgefühl weiterhin, dass der Mann in ihrem Etablisment entführt oder womöglich ermordet wurde. Es gab indiesem Gebäude Dinge, die er selbst nicht verstand. Es gab in ParisGerüchte über Kreaturen, die nicht von dieser Welt waren. Elfen, Feen und sogarWölfe. Manche sprachen von Meerjungfrauen. Alexandre wollte und konnte diesen Geschichten keinen Glaubenschenken. Wie sollte es überhaupt möglich sein, dass es solch magischeKreaturen wirklich gab?“Kommissar?”, fragte Fabre unsicher. Scheinbar hatte er bereits mehrfach seinenNamen gesagt gehabt, denn er betrachtete ihn fragend.“Was ist?”Fabre zögerte einen Wimpernschlag mit seiner Antwort, bevor er eine weitereAkte auf seinem Schreibtisch ablegte.“Wir haben einen weiteren Vermisstenfall. Es handelt sich um eine junge Frau. Wir haben aber nur ein Foto von ihr, keinen Namen, keine Adresse. Wir wissen nichts über sie. Sie ist ein Geist.”Alexandre runzelte nachdenklich die Stirn und betrachtete das Foto einer jungen Frau.Tief in seinen Erinnerungen vergraben, kam ihm ihr Gesicht bekannt vor. Er hatte sie schon einmal gesehen, aber wo? Alexandre gab seinem Kollegen zu verstehen, dass er seine Ruhe haben wollte, und betrachtete das Foto genauer und versuchte, seine Erinnerungen zu durchforsten. Er sah die großen blauenAugen der jungen Frau, die rosa Lippen und ihre helle Haut. Er konnte sie fastvor sich sehen. Einige Erinnerungsfetzen an eine Nacht der Schwäche zogen durch seinen Geist. Er hatte sie nicht nur gesehen, sondern sie auch genauestens kennenlernen dürfen. Plötzlich wusste er wieder, woher er sie kannte, und bekamMagenschmerzen. Wie oft musste er noch vor Ivettes Türe stehen, um sie über einen Vermissten auszufragen? Vor allem jetzt, da eines ihrer Mädchen verschwunden war? Wie groß konnte das dunkle Karma über das Casquette nur sein? Alexandre fluchte laut auf und fuhr sich müde übers Gesicht.

Kapitel 4

Ivette setzte ihren Hut ab und sah sich im Märchenwald um. Ihr letzterBesuch war bereits eine Weile her und sie bemerkte bereits einigeVeränderungen, da die Jahreszeiten sich gewechselt hatten. Die Natur blühte auf, die Bäume standen in ihrer vollen Pracht und so weit ihr Blick schweifte, Blumenwiesen in allen Farben. Hohe Gräser kitzelten ihre nackten Waden. Ivette hatte als kleines Mädchen den Märchenwald geliebt. Es war ein Ort so voller Magie und unendlicher Möglichkeiten, dass sie sich jahrelang darin hätte verlieren können. Jeden Tag war sie aus ihrem Elternhaus gestürmt, um ein neues Abenteuer zu erleben. Für Ivette gab es damals keine Grenzen, sondern nur Möglichkeiten. Ihre Eltern hatten stets versucht, ihr Grenzen zu setzen, aber ihre Fantasie gab ihr immer wieder einen Ausweg aus dem Alltag. Heute ließen sie die Erinnerungen an damals lächeln.“Madame Casquette, was für eine Ehre”, drang die tiefe und leicht spöttische Stimme des Jägers zu ihr durch. Ivette wandte sich der Stimme zu und lächelte sanft. “Die Ehre ist ganz bei mir", gab sie zurück und trat näher.

"Du weißt, warum ich hier bin. Dein Brief hat mich erreicht, ich muss mehr erfahren. Du sagst, dass du meinen Bruder gesehen hast”, fügte sie hinzu und spürte, wie Hoffnung ihren Puls beschleunigte. Der Jäger tippte grüßend an seinen Hut und schwang seine Schrotflinte über seine rechte Schulter. Sein Erscheinungsbild hatte sich seit ihrem letzten Besuch gebessert. Seine Hose wies weniger Löcher und Flecken auf und sein Gesicht wirkte strahlender. Er hatte etwas zugenommen und die zusätzlichen Kilogramm standen ihm. Ivette war abermals sofort von seinen strahlend grünen Augen fasziniert. Bei jedem ihrer Besuche versuchte sie ihn zu überreden, für sie zu arbeiten und sich ihrer kleinen Familie anzuschließen. Ihre Kundinnen würden ein Vermögen für eine Nacht mit ihm ausgeben. Aber jedes Mal lehnte er ab und Ivette verstand seine Gründe. Sein Leben war geprägt von Freiheiten, und sie bot ihm Handschellen an. Im übertragenen Sinne. “Sprechen wir doch übers Geschäft”, fügte sie hinzu und trat einen Schritt näher an ihn heran. Der Blick des Jägers ließ sie keine Sekunde los.Zufrieden lächelte sie breiter. Ihr Ziel war erreicht. Der Jäger brauchte einigeAugenblicke, um sich wieder zu fangen, dann schüttelte er leicht den Kopf, so als könnte er Ivette förmlich aus seinem Geist werfen. “Du bist die Versuchung pur, es ist fast schon schmerzhaft, dich zu betrachtenaber jedes Mal sehne ich mich nach mehr. Dennoch bleibt meine Antwort dieGleiche. Ich bin ein freier Mann und als solcher will ich weiterleben, jedochwürde ich eine Affäre mit dir nicht ausschließen.”Ivette musste ihm zugeben, dass auch ihr diese Idee nicht missfiel, dennochzuckte sie nur gespielt gleichgültig mit den Schultern.“Wir werden sehen.”Der Jäger schnaubte, dann bot er ihr seinen Arm an. “Wollen wir? Ich habe deinen Bruder in der Nähe der Sumpfhexe gesehen. Duerinnerst dich sicherlich noch an die alte verbitterte Hexe? Die Stiefmutter vonSchneewittchen? Es heißt, dass sie immer noch nicht laufen kann. Nach all denJahren scheinen ihre Wunden nicht geheilt zu sein.”Ivette nickte verstehend und hakte sich bei ihm unter.“Manche Wunden heilen nie”, gab sie zurück und wusste, wohin sie sprach. DieWunde, die der Verlust ihres Bruders in ihr Herz geschnitten hatte, würde auchniemals heilen. Sie würde erst Frieden finden können, wenn sie ihren Bruderwieder in die Arme nehmen konnte. Bis zu diesem Tag wäre ihr Herz zerbrochen,blutend und ausgekühlt.“Wie sah mein Bruder aus?”, fragte sie den Jäger auf dem Weg zu den Sümpfen.Ivette kannte den Märchenwald und dessen Geografie in und auswendig unddennoch war sie um die Führung des Jägers dankbar. Vor allem um seine Gesellschaft. “Er glich dir meine Schöne, aber dunkle Schatten lagen unter seinen Augen. Ichhatte das Gefühl, dass er auf der Flucht ist, aber ich konnte keinen Verfolgerausmachen. Bevor ich ihn ansprechen konnte, war er plötzlich verschwunden. Ichglaube ihn zu finden, wird das Schwerste sein, was du je getan hast.”Ivette spürte einen Stich im Herzen.“Das ist es bereits, aber ich habe noch nie Angst vor einer Herausforderunggehabt und eines Tages werde ich ihn gefunden haben und dann schuldet er mirviele Erklärungen.”Der Jäger lachte tonlos auf und sah sie von der Seite her an. Ivette bemerkteseinen dichteren Bartwuchs, was ihm einen verwegenen Ausdruck verlieh. Zugern hätte sie diese Bartstoppeln an ihren nackten Schenkeln gespürt. Raschverdrängte sie den Gedankengang wieder. Der Jäger spürte die Veränderung ihrerStimmung und grinste wissend.“Erzähl mir, wie läuft dein Geschäft.”Ivette lächelte sanft.“Es läuft sehr gut. Ich habe vor kurzem zwei Meerjungfrauen aus Neverlandmitgebracht und bin gerade dabei, einige besondere Wesen aus Oz zu überreden, sich mir anzuschließen. Meine Kundschaft wächst stetig an und es spricht sich herum, dass ich jedes Gelüst befriedigen kann. Meine Kunden sind hoch angesehene Personen der Gesellschaft und würden lieber sterben, als offen über ihre Besuche bei mir zu sprechen, wodurch mein Geheimnis bewahrt bleibt. Jedoch nervt mich die örtliche Pariser Polizei. Sie haben zu viel Zeit und aktuell verschwinden immer wieder Menschen.”Der Jäger hörte ihr ruhig zu.“Du sprichst von deinem Kommissar? Wie hieß er nochmal?”“Alexandre”, gab Ivette lächelnd zurück und dachte an ihn. Er war für einenPolizisten gut gebaut, stark und breit. Seine Kieferknochen wiesen markanteZüge auf und seine eisblauen Augen nahmen sie regelmäßig gefangen. EinesTages würde er der Verlockung nicht mehr widerstehen können und dann würdeer in ihrem Bett landen. Da war sich Ivette sicher.“Du begehrst ihn.”“Ebenso wie dich.”Der Jäger grinste breit und deutete dann mit seinem freien Arm nach vorne. Siehatten ihr Ziel erreicht, ohne das Ivette auf ihre Umgebung geachtet hatte. DerSumpf erstreckte sich vor ihnen und verströmte einen einzigartigen Geruch. Eine deutliche Nuance nach Schwefel und Tod. “Ab hier werde ich dich verlassen, meine Göttin. Ich werde in meinem Teil des Waldes gebraucht und muss mich um einige Wilderer kümmern. Du wirst die Sumpfhexe in ihrem Häuschen finden, ich wünsche dir viel Glück und hoffe, wir sehen uns bald wieder.”Ivette lächelte sanft und küsste ihn auf die Lippen. Der Jäger seufzte auf, dannerwiderte er ihren Kuss und ließ seine Hände suchend von ihrem unteren Rücken,hinab zu ihrem Hintern wandern. Dann kniff er zu und Ivette lachte auf. Er löste sich von ihr und verbeugte sich tief. “Ich muss gehen, auch wenn deine Anwesenheit außerordentlich viel Freude macht. Wir werden uns bald wiedersehen. Gib acht auf dich.”Dann wandte er sich ab und ging den Weg wieder zurück. Ivette sah ihm lange nach, bis sie sich gesammelt hatte und in Richtung Sumpf ging. Diesen Teil des Märchenwaldes hatte sie noch nie interessant gefunden. Die Geschichte um die Sumpfhexe war eine düstere Geschichte, die kleinen Kindern erzählt wurde, aber Ivette hatte noch nie Freude daran gefunden. Das Haus der Sumpfhexe befand sich genau im Zentrum des Sumpfes, drumherum dampften kleinere Sumpfabschnitte und ließen die Luft voller Nebel wirken. Ivetteverabscheute diesen Geruch von Fäule und Schwefel. Ihre Haare begannen sich bei der großen Luftfeuchtigkeit zu kräuseln. Rasch band sie ihre schwarzen Haare zu einem strengen Dutt nach oben und ging zum Haus. Die Fassade funkelte förmlich grün im diffusen Licht um sie herum. Es gab nur zwei kleine Fenster, die von Spinnweben übersät waren. Die Türe hing schief in ihren Angeln, als Ivette dieFaust erhob sich und klopfte an. Theoretisch hätte sie das Haus auch einfach betretenkönnen, aber sie wollte etwas Anstand bewahren, schließlich war sie keineFeindin der Sumpfhexe. Sie hatte nur ein paar Fragen an diese. Einige Minutenspäter öffnete die Sumpfhexe die Türe und sah Ivette fragend an.“Ich bin überrascht dich zu sehen Ivette. Dein Ruf eilt dir voraus. Was verschafft mir die Ehre?”Die Sumpfhexe war einst eine bildschöne Frau gewesen. Tiefschwarzes Haar wareinst ihren Rücken hinabgeflossen und braune Augen hatten ihre Liebhaber inScharren verführt. Heute war sie nur eine gebrochene Frau mit zerstörten Füßen.Ihre Körperhaltung war geduckt und das wenige Haar, welches sie noch auf demKopf hatte, wirkte stumpf und farblos.“Ich habe ein paar Fragen an dich, es ist wichtig.”Die Sumpfhexe rollte mit den Augen, trat aber zur Seite und ließ sie ein.Eigentlich wollte Ivette das Haus überhaupt nicht betreten, da es sicherlich nur sovor Spinnen wimmelte, aber sie durfte jetzt nicht unhöflich sein.Der erste Raum des Hauses war die Küche, in der Mitte stand ein kleiner Tischmit drei Stühlen, auf dem ein dreckiger Teller stand. Die Sumpfhexe setzte sichan diesen Platz und bedeutet Ivette, sich ebenfalls zu setzten.“Nun denn, was kann ich für dich tun?”Ivette versuchte, so wenig wie möglich anzufassen, und faltete ihre Hände imSchoss.“Ich habe gehört, dass mein Bruder in der Nähe deines Sumpfes gesehen wurde.Hast du ihn ebenfalls gesehen?”Die Sumpfhexe nickte langsam und begann, den Tisch aufzuräumen. Dreckiges Besteck lag herum und Käfer krochen dazwischen herum. Ivette wurde übel bei dem Anblick. “Du sprichst von Colin? Es ist schon eine Weile her, aber ja er war bei mir. Erwirkte durch den Wind und sah sich alle paar Sekunden nach einem unbekanntenVerfolger um. Er hatte einen Auftrag für mich und kaufte bei mir einigeSchutzzauber. Danach ging er seinen Weg.”Ivette runzelte die Stirn. Die Sumpfhexe war keineswegs für ihre starkenSchutzzauber bekannt. Wieso war ihr Bruder ausgerechnet zu ihr gegangen?“Welche Schutzzauber hast du ihm verkauft?”Die Sumpfhexe löste ihren Blick von dem Löffel und sah sie an. Ihre Augenwirkten matt, fast schon blind.“Es waren nur einfache Zauber, für das Haus und die Person. Ein Talisman, derihn vor Verfolgern schützt, sodass er nicht mehr aufzuspüren ist.”Ivette biss wütend die Zähne zusammen.“Und du hast keine Sekunde daran gedacht, mir davon Bericht zu erstatten? Duweißt, dass ich meinen Bruder seit vielen Jahren suche, und dank deines Zauberswird er nun für mich schwerer als zuvor sein.”Die Sumpfhexe wirkte von ihren Worten keineswegs beeindruckt. Sie sah Ivette schmunzelnd an. "Wir müssen alle schauen, wo wir bleiben. ich brauche das Geld und dein Bruder war ein zahlender Kunde. Alles andere ist und bleibt dein Problem, Ivette."

"Jegliche weiteren Worte sind an dich verschwendet", gab Ivette wütend zurück, erhob sich von ihrem Stuhl und sah auf die Sumpfhexe hinab.Sie wartete keine Antwort ab, sondern verschwand aus dem Blick der Sumpfhexe.um ihr nächstes Ziel im Märchenwald anzusteuern.

Colin beobachtete Ivette, wie sie in das Haus der Sumpfhexe trat. Er blieb auf dem Baumstumpf in der Nähe sitzen und wartete interessiert ab. Wie würde seineSchwester reagiert, dass er bei der Sumpfhexe Schutzzauber gekaufthatte? Welche Schlüsse würde sie daraus ziehen? Die Schutzzauber der Sumpfhexe waren nicht besonders stark, jedoch würden sie Ivette die Suche weiter verkomplizieren. Colin konnte ihre Wut förmlich fühlen.“Genießt du die Show?”Colin sah zu Tinkerbell und verdrehte die Augen.“Was willst du hier, Tink?”Die kleine Fee flog um sein Gesicht herum. Sichtlich wütend, dass er sie wenig beachtete. Sie verabscheute den Spitznamen, vor allem da er diesen regelmäßig nutzte, um sie zu ärgern. Colin schob sie sanft aus seinem Blickfeld und behielt weiterhin die Hütte im Auge.“Es ist gemein, dass du deine körperliche Überlegenheit so ausnutzt”, schrie sieempört auf und flog dann ruhig neben seinem Ohr.“Das tue ich nur, wenn du mich nervst. Außerdem wissen wir doch beide, dassdu die Stärkere von uns bist. Du hast magische Kräfte, ich nicht. Du könntest michumhauen, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Also sei bitte nicht so gespielttraurig.”Tinkerbell schmollte weiter. “Wie recht du doch hast mein Schöner. Nun denn, kommen wir zurück zu deinerSchwester. Möchtest du mir jetzt erzählen, weshalb du vor ihr auf der Flucht bist?Ich meine, sie sieht doch nett aus und versucht wirklich alles, um dich zu finden.Du müsstest nur einige Schritte gehen und wärst bei ihr.”Colin spürte einen Stich im Herzen, als er darüber nachdachte. Wie würde Ivettereagieren? Wäre sie dankbar und glücklich, oder würde sie wütend werden, in dem