Die Chirurgin von London - Audrey Blake - E-Book
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Die Chirurgin von London E-Book

Audrey Blake

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Beschreibung

Im viktorianischen London greift eine junge Dame zum Skalpell – doch ihr Können muss geheim bleiben ...

London 1845. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wächst Nora Beady im Haus des exzentrischen Chirurgen Dr. Horace Croft auf. Während andere junge Damen sich mit Handarbeiten und höflicher Konversation beschäftigen, assistiert Nora Dr. Croft bei seinen Operationen und fertigt anatomische Skizzen an. Als Dr. Croft den jungen Arzt Daniel Gibson einstellt, muss sie ihr Wissen jedoch vor ihm verbergen. Aber die Rolle einer anständigen Dame gefällt Nora ganz und gar nicht, und so greift sie eines Nachts erneut zum Skalpell. Prompt erwischt Daniel sie am Seziertisch. Er schwankt zwischen Entsetzen und heimlicher Bewunderung …

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Seitenzahl: 518

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Buch

London 1845. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wächst Nora Beady im Haus des exzentrischen Chirurgen Dr. Horace Croft auf. Während andere junge Damen sich mit Handarbeiten und höflicher Konversation beschäftigen, assistiert Nora Dr. Croft bei seinen Operationen und fertigt anatomische Skizzen an. Als Dr. Croft den jungen Arzt Daniel Gibson einstellt, muss sie ihr Wissen jedoch vor ihm verbergen. Aber die Rolle einer anständigen Dame gefällt Nora ganz und gar nicht, und so greift sie eines Nachts erneut zum Skalpell. Prompt erwischt Daniel sie am Seziertisch. Er schwankt zwischen Entsetzen und heimlicher Bewunderung …

Autorin

Audrey Blake ist das Pseudonym der beiden Autorinnen Regina Sirois und Jaima Fixsen. Die beiden wohnen 2 500 km voneinander entfernt – Jaima in Kanada und Regina in Kansas – und haben sich bei einem Schreibwettbewerb kennengelernt. Sie teilen ihre Vorliebe für Geschichte, Sprache und bemerkenswerte Frauen.

Audrey Blake

Die Chirurgin von London

Roman

Aus dem Englischenvon Kerstin Ostendorf

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »The Girl in His Shadow« bei Sourcebooks, Inc.

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Copyright © 2021 by Audrey Blake

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2023 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Arcangel/Abigail Miles; FinePic®, München

Redaktion: Beate De Salve

LS · Herstellung: ik

Satz: Mediengestaltung Vornehm GmbH, München

ISBN: 978-3-641-28467-1V001

www.goldmann-verlag.de

Für Ivy

Für Nana, Nancy Runyan, eine dekorierte Krankenschwester, die im Pazifikkrieg den Überlebenden des Todesmarsches von Bataan mit ihrem Heilungsgeschick Mitgefühl und Hoffnung schenkte. Du inspirierst mich.

Prolog

Mit seiner schwarzen Tasche unter dem Arm stapfte Dr. Horace Croft über den unebenen Bürgersteig. Obwohl an diesem Nachmittag die Sonne schien, war es still in den Straßen, und Angst lag in der Luft. Die Geschäfte waren geschlossen und die Türen verriegelt, durch die Fenster beobachteten ihn viel zu viele Menschen mit furchterfüllten Gesichtern. Seit fünfzehn Jahren graute es ganz London vor der Cholera. Nun war sie angekommen.

Croft hatte versucht, sich darauf vorzubereiten, indem er die ersten Seuchenberichte aus Indien, Russland und Japan studiert hatte. Er war nicht gläubig, und doch hatte er vor Erleichterung ein stummes Dankesgebet gesprochen, als 1827 der Ausbruch im Kaukasus zum Erliegen gekommen war, bevor die Seuche Europa erreichen konnte. Wie töricht von ihm! Nur vier Jahre später war die tödliche Krankheit aus den dunklen Wäldern des Ostens in den Balkan vorgedrungen. Im nächsten Jahr hatte sie die felsige Küste Englands erreicht. Wie durch ein Wunder war der Ausbruch in Sunderland eingedämmt worden, doch das hatte ihnen lediglich eine Gnadenfrist verschafft. Drei Monate später waren die ersten Fälle in London aufgetaucht.

Er hatte heute schon zehn Patienten besucht, alle lebten weniger als eine Meile voneinander entfernt. Er runzelte die Stirn, immer noch aufgewühlt nach seinem letzten Hausbesuch.

Jemmy Watt hatte am Vortag zum ersten Mal nach ihm rufen lassen, damit er dessen fiebernde Frau behandelte. Heute war sie bereits tot, genau wie ihre Kinder, und Jemmys Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Es wäre ein Wunder, wenn Croft ihn am nächsten Tag lebend antreffen würde. Gegen diese Krankheit konnte man nicht ankämpfen. Noch dazu ärgerte ihn, dass die Jungen von der Gemeinde Feiglinge waren und sich geweigert hatten, die Leichname von Jemmys Familie abzuholen. Croft hatte die Kerle angeherrscht und verwünscht, sie davor gewarnt, die infektiösen Leichen liegen zu lassen. Irgendwann hatten sie die Toten schließlich doch geholt, allerdings nicht, ohne sich zuvor Leinentücher um die Gesichter zu binden als Schutz vor den ansteckenden Gerüchen. Nach all dem Geschimpfe hatte Croft nun eine staubtrockene Kehle.

Er hatte noch einen letzten Krankenbesuch vor sich, bevor er nach Hause konnte. Bei dieser Patientin hegte er zumindest noch etwas Hoffnung. Francis Beady, ein Schreibwarenhändler, war bereits verstorben und vor einer Woche in Ätzkalk begraben worden, aber seine Ehefrau Margaret ignorierte ihre Trauer mit einem eisernen Willen. Am Vortag war sie zwar schmallippig und kurz angebunden gewesen, aber dennoch fest entschlossen, ihre erkrankte Schwiegermutter am Leben zu halten. Das Beste aber war, dass ihr Kind und ihr Baby noch immer gesund waren. Er hatte Margaret Beady eine Tinktur aus Weidenrinde gegen das Fieber gegeben und sie angewiesen, sich Hilfe für die Pflege ihrer Schwiegermutter zu holen, auch wenn sie beide wussten, dass niemand kommen würde.

»Ich werde es versuchen«, hatte Margaret gesagt, während sie der Schwiegermutter mit einem Löffel Wasser zwischen die trockenen Lippen geträufelt hatte. Das kleine Mädchen – gerade einmal acht oder neun Jahre alt – hatte derweil das Baby auf den Knien geschaukelt. Die alte Frau schien dem Tod noch einmal von der Schippe zu springen.

Ja, er ging davon aus, im Hause Beady Besserung zu sehen. Das Geschäft war natürlich geschlossen, also klopfte er laut an die Tür. Als er keine Antwort erhielt, sah er auf die Armbanduhr. Mrs Beady müsste ihn eigentlich erwarten.

»Mrs Beady!« Er hörte immer noch nichts. Besorgt rüttelte er am Türknauf. Der ließ sich bewegen, die Tür war unverschlossen. Croft runzelte die Stirn. Das sah Mrs Beady gar nicht ähnlich, auch wenn natürlich derzeit nur geringe Einbruchsgefahr bestand – die Nachbarn wussten alle von der Erkrankung der Familie. Croft trat ein und lief an den spärlich beleuchteten Regalen vorbei, in denen Notizbücher und Papier lagen. Innerhalb von nur einer Woche hatte sich ein Staubfilm über die Bretter gelegt.

Es war ein kleiner Laden, aber die Beadys verdienten besser als Jemmy Watt. Nicht, dass Geld die Cholera fernhalten oder auch nur die Sterbewahrscheinlichkeit verringern konnte. Er stieg die Treppen zu den Privatzimmern der Familie im ersten Stock hinauf.

»Mrs Beady?«

Es war zu still, und am oberen Treppenabsatz schlug ihm der verräterische Gestank entgegen. Resigniert trat er ein und stieg über die verwaisten Spielzeuge auf dem Boden hinweg.

Den leblosen Körper der alten Dame fand er im Schlafzimmer, doch Mrs Beadys Gesundheitszustand hatte es ihr offenbar noch erlaubt, ihre Schwiegermutter mit einem Laken zu bedecken. Sie selbst lag zusammengerollt auf dem Wohnzimmerboden, das Haar noch feucht, die Lippen aufgesprungen, ihr Baby neben sich. Es musste nach ihr gestorben sein, da es unbedeckt in seinem eigenen Schmutz lag und Margaret ihr Kind nie vernachlässigt hätte. Seufzend richtete er sich auf und zupfte seinen Mantel zurecht. Was das andere Kind anging …

Croft sah sich um, doch er entdeckte es nirgends.

»Miss Beady?« Den Vornamen des Mädchens kannte er nicht. »Miss Beady!«

Er spürte das sanfte Ausatmen mehr, als dass er es hörte. Sie saß dicht hinter ihm, zusammengekauert in einem schäbigen Sessel. Er hob ihr Kinn an – sie war noch am Leben, die Haut heiß, der Blick getrübt. Er prüfte ihren Puls und runzelte die Stirn, als er die langsamen, schwachen Schläge zählte und das Beben ihrer Finger bemerkte. Mit einer Hand drückte sie eine Schöpfkelle gegen ihren Bauch. Die Schüssel neben ihr war leer. Ihre Lippen bewegten sich, und auch wenn sie es nicht schaffte, einen Ton zu erzeugen, hörte er beinahe das Knistern ihrer schuppigen Haut.

Wasser, formte sie mit den Lippen. In diesem Zimmer gab es kein Wasser.

»Ich bin gleich wieder da«, sagte er, bevor er sich auf die Suche nach der Küche machte. Dort fand er zwar kein Wasser, aber in der Teekanne auf dem Tisch war noch ein kleiner Rest kalter Flüssigkeit. Das würde reichen.

Er versuchte, ihr etwas davon auf die Lippen zu träufeln, doch die Tropfen rollten davon, bevor das Mädchen sie erwischte. Nervös tupfte er die Flüssigkeit mit seinem Taschentuch auf. Als er ihr den nassen Stoff an den Mund legte, saugte sie daran. Sie hob die Finger, die bereits spindeldürr waren – die Cholera war fürchterlich aggressiv – , um das Tuch festzuhalten. Er ließ sie eine Weile saugen, dann musste er es ihr wieder wegnehmen, um es erneut zu tränken. Ihr Griff war stärker als erwartet, dennoch versuchte er, sich keine Hoffnungen zu machen. Es war leicht, deprimierend leicht, sich einzubilden, dass die Patienten besser aussahen. Hatte er nicht eben noch gedacht, die alte Frau würde es schaffen? Dieses Mädchen wirkte so fragil wie eine Pusteblume.

Sie konnte nicht allein hierbleiben. Sie musste gebadet und in saubere Kleidung gesteckt werden. Irgendjemand musste das Taschentuch für sie befeuchten und aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann zusehen, wie sie aufgab und starb.

Ah, vor dem Fenster hingen Vorhänge. Das musste reichen, und vermutlich war das der sauberste Stoff im Haus. Mit beiden Händen packte Croft das verschmutzte Nachthemd des Mädchens und riss es vorne entzwei. Sie zuckte zusammen, aber ob es an seinen Händen oder dem Geräusch lag, konnte er nicht sagen. Sie war zu dünn und ihre Haut zu blau. Mit den sparsamen, effizienten Bewegungen eines Feldarztes schälte er ihre dreckige Wäsche ab und zog dann an den Vorhängen. Die Gardinenstange brach aus der Wand und fiel – zusammen mit den Ringen und inmitten einer Wolke aus Putz und Staub – krachend zu Boden, während mit einem Mal gleißendes Sonnenlicht den Raum erfüllte. Er kniff die Augen zusammen und hustete. Das Mädchen machte ein Geräusch. Er beugte sich näher zu ihr und bemerkte das Flackern ihrer eingesunkenen Augen und das Beben ihrer Lippen.

»Komm, wir decken dich mit den Vorhängen zu.«

Er hob sie hoch und wickelte sie in die langen Tücher. Selbst mit den Vorhängen war sie nicht schwerer als ein stattlicher Border Collie. Croft war kräftig und daran gewöhnt, tote Körper zu tragen, aber der herunterhängende Stoff, der sich in seinen Armen verhedderte, war ein Risiko. Er schlang ihn um ihre schlaffen Beine und trug sie die Treppe hinunter. Niemand hielt ihn auf, als er das Haus verließ, doch er zwang sich dazu, an die Haustür der Nachbarn zu klopfen.

»Sie müssen jemanden rufen, der die Leichname abholt«, sagte er zu der Frau mit den müden Augen, die misstrauisch durch den geöffneten Türspalt spähte.

Sie blinzelte. Croft bekämpfte das Verlangen, sie anzufahren. Diese dämliche Frau musste gewusst haben, dass die Beadys krank waren, doch sie hatte keinen Finger gerührt, um ihnen zu helfen.

»Und die da?«, fragte sie.

»Ich nehme sie mit.«

Die Frau protestierte nicht, sie war sich seiner Geringschätzung anscheinend nicht bewusst oder störte sich nicht daran.

Die Blicke, die ihn und das Mädchen auf der Straße streiften, zuckten schnell weiter. Als er zu Hause ankam, atmete er schwer und schaffte es nicht, aufzuschließen. Er musste klopfen und auf seine Haushälterin warten.

»Was machen Sie denn?«, verlangte sie zu wissen. »Sie können die Leichen nicht durch die Haustür hereinbringen.«

Seine üblichen Lieferungen wurden immer in tiefster Nacht an die Hintertür gebracht, denn wenn er damit hausieren ginge, dass er gestohlene Leichen kaufte, könnte er die Menschen genauso gut direkt einladen, seine Fenster einzuschlagen.

»Dieses Mädchen hier lebt. Sie stehen im Weg, Mrs Phipps.«

Die Haushälterin wurde blass. »Sie können uns doch nicht die Cholera einschleppen!«, sagte sie, trat aber dennoch zur Seite. Croft marschierte nach oben, und die beunruhigte Mrs Phipps folgte ihm. »Sie ist krank! Was soll ich mit ihr machen?«

»Holen Sie ihr etwas Wasser. Nein, gesüßten Tee. Damit probieren wir es. Und bringen Sie auch etwas mit, was sie anziehen kann. Eines meiner Hemden sollte genügen. Ich werde Ihre Hilfe brauchen, um sie zu baden.« Als Mrs Phipps nicht antwortete, drehte er sich um und warf seiner Haushälterin einen strengen Blick zu. »Alle anderen Mitglieder ihrer Familie sind tot.«

Mrs Phipps seufzte verzweifelt. »Und Sie glauben, Sie könnten sie retten.«

Horace hob einen Mundwinkel. Das Mädchen in seinem Arm machte es ihm unmöglich, mit den Schultern zu zucken.

»Wahrscheinlich nicht«, räumte er ein. »Aber ich werde es versuchen.«

Als er im Obergeschoss ankam, rief sie ihm hinterher: »Nicht das blaue Gästezimmer! Das sind unsere besten Laken!«

*

Im Gegensatz zu ihrem Arbeitgeber war Mrs Phipps durchaus gläubig. Als sie mit einem Schwamm und einer Schüssel Wasser ankam, vergaß sie ihren Wunsch, die guten Laken zu retten.

»Gütiger Herrgott«, murmelte sie.

Die Haut des Mädchens schimmerte beinahe durchsichtig, und ihre Augen waren tief in die dunklen, purpurnen Höhlen gesunken. Das dunkelblonde Haar verteilte sich in verknoteten Strähnen auf dem Kissen.

»Versuch nicht, zu sprechen.« Mrs Phipps brachte den nassen Schwamm näher. »Spar dir deine Kraft, mein Kind.«

Zunächst verbesserte sich der Zustand des Mädchens, dann verschlechterte er sich tagelang, bis sie so dünn wie eine Eierschale war. Der Tee und die Suppe, die ihr so umständlich verabreicht wurden, passierten ihren Körper, ohne auch nur die Farbe zu ändern. Als ihre Haut aschgrau und so trocken wie Papier wurde, rieb sich Dr. Croft das Kinn, und Mrs Phipps lief in die Vorratskammer, um dort unbeobachtet die Hände ringen zu können. Dann reckte sie das Kinn und marschierte wieder nach oben, um dem Mädchen Umschläge anzulegen, es zu füttern und zu baden, so entschlossen wie ein Soldat vor einem aussichtslosen Kampf.

Als das Fieber sank und das Mädchen in einen natürlichen Schlaf fiel, weinte Mrs Phipps, was ihr einen tadelnden Blick des Doktors einbrachte.

»Werden Sie nicht sentimental.« Er maß noch einmal den Puls des Kindes und ging dann zu dem Stuhl am Fenster, um seine Aufzeichnungen zu ergänzen.

Doch für seine Mahnung war es bereits zu spät. Mrs Phipps war über vierzig Jahre alt und hatte keinen Ehemann. »Mr Phipps« war eine Erfindung gewesen, die vor zwanzig Jahren für ihre Beförderung vom Dienstmädchen zur Haushälterin nötig gewesen war. In Mrs Phipps’ Augen war das stille Mädchen, das sich im Schlaf bewegte, nicht länger eine Patientin. Sie war ein Wunder, ein Baby, das in einem Schilfkorb von einem Fluss angespült worden war. Dabei kannte Mrs Phipps nicht einmal den Taufnamen des Kindes!

Sobald die Kleine wieder sprechen konnte, schnitt die Haushälterin zwischen zwei Löffeln Brühe das Thema an.

»Jetzt, da es dir langsam besser geht, hätte ich gern einen anderen Namen als Miss Beady für dich«, sagte sie, während sie das Mädchen beobachtete. »Genau. Schluck es runter. Nimm noch einen Löffel.« Mit einer weichen Serviette tupfte sie einen Tropfen verschüttete Brühe ab. »Wie haben dich deine Eltern genannt?«

Das Kind versuchte, die Tränen wegzublinzeln, doch eine einzelne Träne entkam und hinterließ eine glitzernde Silberspur auf der Wange – ähnlich wie die Schnecken, die so schädlich für die Rosen waren, die Mrs Phipps in dem kleinen Beet hinter dem Haus pflegte.

»Sind sie gestorben?« Der Blick aus ihren dunklen Augen irrte durch den Raum, als suche sie etwas.

Mrs Phipps, die keinen Ton herausbrachte, nickte.

»Sie alle? Was ist mit Peter?«

»Alle außer dir.« Überwältigt von ihrer Sprachlosigkeit zog Mrs Phipps das Kind eng an sich und stellte überrascht fest, dass es sich mit seinen kleinen Fingern an sie klammerte.

Das Mädchen schloss die Augen und wisperte: »Ich heiße Eleanor.«

»Das ist ein schöner Name.« Mrs Phipps streichelte die Hand der Kleinen, erstaunt, dass die Geste so natürlich kam, ohne dass sie darüber nachdenken musste. Dabei hatte sie keine Erfahrung mit Kindern.

»Sie haben mich Nora genannt.«

»Dann werde ich das auch tun. Nur noch zwei Löffel.« Als sie die leere Schale beiseitegestellt hatte, strich Mrs Phipps Nora über das Haar, dann fiel ihr etwas Besseres ein, und sie holte einen Kamm. Nachdem sie die Knoten gelöst hatte, wollte sie die schlaffen Strähnen noch mit einer Schleife zurückbinden, doch Nora schlief bereits wieder.

*

Als es Nora das erste Mal so gut ging, dass sie das Bett verlassen und auf einem Stuhl am Feuer Haferbrei essen konnte, schloss Mrs Phipps Noras Zimmertür, schlich sich nach unten und suchte den Doktor in seinem Arbeitszimmer auf. Dort stellte sie sicher, dass auch seine Tür geschlossen war.

»Hm?« Dr. Croft sah auf.

»Ihr Zustand verbessert sich weiterhin.«

»Gut, gut.« Er blickte wieder auf sein Notizbuch, doch Mrs Phipps ignorierte diesen Wink mit dem Zaunpfahl.

»Sir? Ich wüsste gern, was Sie mit Nora zu tun gedenken.«

»Mit wem?« Er wirkte verwirrt.

Mrs Phipps mochte und respektierte ihren Arbeitgeber – für gewöhnlich.

»Miss Eleanor Beady, das Mädchen, das Sie mit nach Hause gebracht haben, damit ich es aus dem Griff des Todes befreie.«

»Ich schätze, wir müssen herausfinden, ob sie noch andere Verwandte hat.«

Mrs Phipps hatte schon Erkundigungen eingezogen und herausgefunden, dass es keine anderen Verwandten gab. Sie hielt ihre Hände fein säuberlich gefaltet – auch wenn ihre Nasenflügel bebten – und erklärte es dem Doktor.

»Vielleicht kann die Gemeinde …« Er fing ihren strengen Blick auf und verwarf den Gedanken. »Ich nehme an, ich könnte eine Schule finden, die sie nimmt.«

»Sie ist kein Fisch. Sie können sie nicht einfach in den Teich zurückwerfen.« So scharfzüngig hatte sie noch nie mit ihm gesprochen. »Ich möchte, dass sie hierbleibt.«

»Wo?«

»Im blauen Zimmer natürlich. Ich werde sie nicht in irgendeine Schrankkammer stecken.«

»Aber wieso?«

Die skalpellscharfe Frage brachte sie durcheinander. Sie konnte es nicht erklären. Mrs Phipps wusste nur, dass sie das Mädchen brauchte und dass sie ewig trauern würde, wenn sie es verlor. Sie presste die Lippen aufeinander, und Dr. Croft, der sich Tag für Tag erschließen musste, was die Menschen nicht auszusprechen wagten, verstand plötzlich, dass es sich hier um eine Gefühlsangelegenheit handelte. Er wollte seine Haushälterin nicht unnötig gegen sich aufbringen. Sie war die einzige Frau in ganz England, die es tolerierte, um abgetrennte Körperteile herum Staub zu wischen. Also nickte er einmal und wendete sich dann wieder seinen Notizen zu.

»Schön. Ein brillanter Einfall, wir können das Mädchen genauso gut behalten. In ein oder zwei Jahren, wenn die Cholera nach London zurückkehrt, werde ich beobachten können, ob sie Immunität erlangt hat.«

Mrs Phipps war fassungslos, entschloss sich aber, seine gefühllosen Worte zu überhören. Sie hatte gewonnen.

Kapitel 1

Dreizehn Jahre später, 1845

Nora schob sich eine widerspenstige Locke aus der feuchten Stirn. Der Morgennebel auf der Themse wollte sich einfach nicht verziehen und sog die Sommerhitze auf wie ein nasser Lappen, der über der Stadt lag. Üble Gerüche hingen in der Luft und krochen bis ins Haus. Selbst Nora, die sonst Gestank gegenüber sehr tolerant war, kräuselte die Nase. Sie drückte sich ein parfümiertes Taschentuch ans Gesicht und eilte zur Haustür.

Noch ein Bewerber. Sie brauchten einen neuen Dienstjungen, und zwar einen mit seltenen und teuren Eigenschaften: Dr. Crofts Haushalt war auf Bedienstete angewiesen, die still und diskret waren. Bislang waren Noras Einstellungsgespräche nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Vor lauter Anspannung stolperte sie über den umgeknickten Teppich im Flur und fluchte leise, halb wegen des Teppichs und halb wegen des Jungen, der nicht wusste, wie man einen Hintereingang benutzte.

Mit einem verärgerten Stirnrunzeln riss sie die Tür auf.

»Ich habe dich hinten erwartet«, verkündete sie.

»Verzeihung?«

Noras Augen stellten sich auf das helle Licht draußen ein. Oh nein. Das hier war sicherlich kein Dienstjunge. Vor ihr stand ein Mann, noch dazu ein großer. Offensichtlich war er noch sehr jung, das konnte auch sein gepflegter Bart nicht verbergen. In den Händen hielt er einen teuren Kastorhut.

Nora wischte sich an ihrem zerknitterten Rock den Staub von den Händen und setzte ein verlegenes Lächeln auf. »Entschuldigen Sie vielmals. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

Er zögerte. »Sollte ich an die Hintertür kommen? Befindet sich die Klinik dort?«

Ah. Ein neuer Patient, dem Aussehen nach zu urteilen, einer aus Mayfair.

Nora errötete und fragte sich, warum er hergekommen war, statt nach Dr. Croft rufen zu lassen. Vielleicht litt er an heiklen Beschwerden, einer Krankheit, die sich Männer in gewissen Clubs oder bei leichten Mädchen einfingen. Dieser hier war attraktiv – attraktiv genug, um in Schwierigkeiten dieser Art zu geraten. Es waren schon Leute weiter gereist, um solche Angelegenheiten vor ihren Nachbarn zu verbergen – oder vor ihren Frauen.

Nora räusperte sich. »Es tut mir leid, ich fürchte, Dr. Croft wurde fortgerufen. Er soll im Krankenhaus die Lehrveranstaltung eines anderen Doktors übernehmen. Wenn Sie in einer Stunde noch mal wiederkommen … oder Sie könnten hereinkommen und warten.«

Bitte lass ihn nicht hereinkommen und warten. Bei all den Einstellungsgesprächen war sie heute Morgen zu beschäftigt gewesen, um den Zustand des Salons zu überprüfen.

»Ich warte gern. Vielleicht könnte ich mir ja schon mal die Behandlungsräume ansehen?«

Nora blinzelte. Hatte sie ihn etwa beleidigt? Empfand er ihre Klinik als minderwertig, nachdem er extra den ganzen Weg in die Great Queen Street gekommen war? Es stimmte schon, die Nachbarschaft war heruntergekommen und das Haus schäbig, aber die Klinik war hell und in tadellosem Zustand.

»Falls mein Zimmer schon fertig ist, könnte ich auch auspacken«, schlug er vor.

»Auspacken?« Erst in dem Moment sah Nora die Koffer hinter ihm auf der vorderen Stufe. Plante er etwa zu bleiben? Für heute waren keine Operationen angesetzt, aber es war durchaus möglich, dass Dr. Croft irgendeine Zusage gemacht und dann vergessen hatte, Nora darüber zu informieren.

»Ich muss zugeben, Sie haben mich kalt erwischt«, gestand Nora. »Ich wusste nicht, dass Dr. Croft einen Übernachtungspatienten erwartet, aber ich bereite Ihnen gern ein Zimmer vor.«

»Verzeihen Sie«, erwiderte der Mann, obwohl er keineswegs entschuldigend klang. »Ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor. Ich stelle mich Ihnen besser mal vernünftig vor. Ich bin Dr. Daniel Gibson, der neue Assistenzchirurg.«

Nora blieb der Mund offen stehen.

»Assistenzchirurg wofür?«, brachte sie schließlich hervor.

Er zog die ausgestreckte Hand zurück, die sie gar nicht wahrgenommen hatte.

»Für diese Einrichtung«, erklärte er. »Dr. Croft hat mich eingestellt. Er hat doch sicher von mir erzählt …«

Dr. Gibson verstummte angesichts ihrer schockierten Miene.

Der Tag war gekommen – heiß und langweilig und genau wie jeder andere, nur dass sie sich heute plötzlich dem Mann gegenübersah, der sie ersetzen würde. Er lächelte. Versuchte er, sie zu umgarnen?

Der Mann nutzte ihre Überraschung aus, um seine Koffer zu nehmen und in den Flur zu treten. Seine Schuhe glänzten unverschämt sauber, dafür dass er damit durch die geschäftigen Straßen gelaufen war.

Mrs Phipps erschien an Noras Seite. Gut. Eine Verbündete.

»Gibt es ein Problem?«, erkundigte sie sich.

»Dieser Mann hier meint, er sei vom Doktor als Assistenzchirurg eingestellt worden. Bei uns!«

»Niemals!« Mrs Phipps schnaubte und straffte die schmalen Schultern. Sie war kaum größer als ein Straßenpony und so schmal wie die Pfeiler, an denen sie festgebunden wurden, dennoch sank der große Mann unter ihrem prüfenden Blick ein klein wenig in sich zusammen. »Werden wir wohl je lernen, nicht mehr schockiert zu sein?«, fragte sie augenrollend.

»Tja, ich gebe gern zu, dass ich es bin.« Nora stellte sich mit verschränkten Armen vor den Mann, damit er nicht weiter in ihr Haus eindringen konnte. »Dr. Croft kann Sie nicht eingestellt haben. Nicht, ohne sich vorher mit mir – mit dem Rest des Haushalts, meine ich – abzusprechen. Das ist unmöglich. Und jetzt …«

»Und jetzt könnte mir vielleicht jemand den Mantel abnehmen? Es ist ungewöhnlich warm heute.« Er stellte die Koffer ab und knöpfte seinen Paletot auf.

Nora wollte protestieren, doch Mrs Phipps warf ihr einen strengen Blick zu.

»Dr. Croft wird es sicher erklären«, wisperte sie Nora zu. »Was sagten Sie, wie Ihr Name lautet, Mr …?«

»Dr. Gibson. Daniel Gibson.« Er neigte den Kopf. »Vielen Dank für Ihr Entgegenkommen.«

Mrs Phipps erwiderte sein Lächeln.

»Ich bitte die Köchin, Ihnen ein Sandwich zuzubereiten, nachdem Sie den ganzen Weg hierhergekommen sind«, bot sie an.

»Das wäre wunderbar. Vielleicht, nachdem ich mir die Klinik angesehen habe.«

»Natürlich«, sagte Mrs Phipps.

Sie führte ihn den Flur entlang, und Nora blieb mit seinem Gepäck im Eingangsbereich zurück. Zu allem Überfluss sprang auch noch die widerspenstige Locke wieder heraus und legte sich ihr mitten auf die Stirn. Nora schob sie noch einmal zurück und eilte dann den beiden hinterher.

Hinter der nächsten Ecke wäre sie beinahe mit dem Mann zusammengestoßen. Er war vor einer besonders überzogenen Zeichnung eines Schiffs auf sturmgepeitschter See stehen geblieben, die unglücklicherweise schief hing. Er schob sie gerade und warf Nora einen kurzen Blick zu.

Sie unterdrückte ein Brummen. Der abgetretene Flurteppich, ihr schlichtes Kleid sowie der Kontrast zwischen der schäbigen Pracht und der Zweckmäßigkeit der Einrichtung waren ihr schmerzlich bewusst. Gibson (sie würde ihn nicht als Doktor betrachten, bis er seine Kompetenz bewiesen hatte) gehörte nicht hierher. Sein tadelloses Auftreten und die Mayfair-Manieren waren Nora so unangenehm wie Kies auf der Zunge. Wenn er sich hier aufmerksam umsah, würde er sich vielleicht entscheiden, nicht zu bleiben. Nora lief schneller, um mit ihm Schritt zu halten, als er Mrs Phipps in die Klinik folgte.

*

Das war entsetzlich unangenehm. Daniel runzelte die Stirn und verfluchte Crofts Zerstreutheit. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, hierherzukommen. Seine Familie dachte das ohnehin, aber er hatte ja darauf bestanden. Er könne sich glücklich schätzen über diese Chance, von einem Chirurgen zu lernen, der so angesehen sei wie Dr. Croft, hatte er gemeint.

Natürlich verstand keiner von ihnen – Vater, Mutter, Lillian, Mae – , warum er überhaupt Chirurgie studieren wollte. Er hatte versucht, es ihnen zu erklären: Die Chirurgie sei die Vorhut wissenschaftlicher Entdeckungen, eine Herausforderung, eine Mutprobe. In ihr vereinten sich verschiedene Fähigkeiten, durch die Leben gerettet wurden. Seine Mutter hatte der Gedanke an Ruhm und Erfolg besänftigt, aber dieser Zwischenfall gleich bei seiner Ankunft ließ Daniel an der Weisheit seiner Entscheidung zweifeln.

Chirurgie? Ja, warum nur?

Wie die Haushälterin ihm voranschritt und ihre Röcke mit beinahe mathematischer Präzision schwangen, wirkte sie auf ihn wie eine wahre Zuchtmeisterin. Und was die andere Frau anging … Sie war mürrisch, verdrossen und eindeutig ungeeignet für die Rolle als Ehefrau eines Chirurgen. Kein Wunder, dass Croft sie nie erwähnte. Wenn er sich zu Hause mit so etwas herumschlug, erklärte das auch sein abwesendes Gemurmel und die vielen Überstunden am Seziertisch. Eine junge Ehefrau war ein guter Fang für einen ergrauenden Mann mittleren Alters, aber diese hier kam Croft teuer zu stehen.

Zumindest musst du dir ihretwegen keine Gedanken machen. Die üblen Launen einer Frau – und ihre Exzentrizität, dachte Daniel, als sein Blick einen Stapel Notizen streifte, der mit einem riesigen Totenschädel beschwert worden war – waren nur ein kleiner Wermutstropfen. Horace Croft war ein hochgeschätzter Chirurg. Seine Vorlesungen im St. Bartholomew’s Hospital waren immer hoffnungslos überfüllt, und er hatte schon seit Jahren keinen Assistenten für seine Privatklinik mehr eingestellt. Jede Menge Männer beneideten Daniel um diese Position.

Er musste einfach geduldig sein, was Crofts Zerstreutheit anging, und sich bemühen, einen besseren Eindruck bei den Frauen des Hauses zu hinterlassen. Es war schließlich nicht ihre Schuld, dass sie nichts von seinem Eintreffen gewusst hatten.

»Es tut mir leid, dass meine Ankunft Ihnen jetzt solche Umstände bereitet. Ein plötzlicher Hausgast ist sicher eine große Überraschung.«

Die Haushälterin seufzte. »Nach fast zwanzig Jahren mit dem Doktor bin ich Überraschungen gewöhnt.«

Ihr Mund schnappte zu wie eine Zigarrenkiste mit zu festen Scharnieren. Die junge Dame neben ihm schwieg.

Nun, sie mussten ihn ja nicht sofort mögen. Wenn es Zeit brauchte, ihre Gunst zu erlangen, dann war das eben so. Immerhin erkannte die Haushälterin seine Entschuldigung an. Egal, was die Leute behaupteten, in großen Haushalten war die Haushälterin die wahre Herrin des Hauses. Wenn er sie erst auf seine Seite gebracht hätte, würde er sich bemühen, Mrs Crofts Wohlwollen ebenfalls zu gewinnen. Und falls das schiefging, war da immer noch die Köchin. Daniel hatte eine Schwäche für Toffee Trifle.

Allerdings wäre es nett, die Namen der Frauen zu wissen. Sie kannten seinen, und es war ihm unangenehm, nicht zu wissen, wie er sie ansprechen sollte.

Die Haushälterin hielt am Ende des Ganges. »Zur Klinik geht es hier entlang.«

Die junge Dame an seiner Seite versteifte sich. »Wir wissen nicht …«

Daniels Gedanken an eine freundliche Annäherung waren vergessen. Es wurde Zeit, dass er sich bestimmt, aber höflich behauptete.

»Ich bin auf Dr. Crofts Einladung hier, Madam. Ich bin kein Lügner.«

Sie starrte ihn stur an, als wartete sie nur darauf, dass er es wagte weiterzugehen.

»Ich zeige ihm die Klinik«, ging die Haushälterin dazwischen. »Könntest du in der Zwischenzeit einen Raum für Dr. Gibson aussuchen?«

Das Mädchen nickte einmal knapp. »Ja, Mrs Phipps.« Ohne ein weiteres Wort zog sie davon. Daniel würde definitiv besser mit der Haushälterin zurechtkommen.

»Hier entlang«, wies ihn die ältere Dame an.

Er hielt neben ihr Schritt. »Ich hoffe, Mrs Croft wird über unser holpriges Kennenlernen hinwegsehen.«

»Wer?«, fragte sie harsch, und ihre zielstrebigen Schritte gerieten aus dem Rhythmus.

»Die Dame, Mrs Croft.« Sie war vermutlich noch keine zwanzig, was bedeutete, dass sie dreißig Jahre jünger war als ihr Mann. Sie hatte ein bezauberndes Gesicht, und ihre Haut wies nicht die geringste Spur von Pockennarben auf. Sicher war sie eine derjenigen, die geimpft worden waren. Dr. Croft war ein ausgesprochener Verfechter dieses Verfahrens.

»Es gibt keine Mrs Croft.« Ein widerwilliges Lächeln vertrieb das Stirnrunzeln von dem Gesicht der Haushälterin. »Es sei denn, zusätzlich zu Ihnen hat er sich heute Morgen auch eine Ehefrau angeschafft. Man weiß ja nie.«

Daniel hob die Augenbrauen und überlegte, wie er dieses neue Puzzleteil einordnen sollte.

»Aber die Dame an der Tür? Verzeihen Sie, ich dachte, sie wäre die Frau des Doktors. Er sagte mir, er hätte keine Kinder.«

»Er hat auch keine.« Die Geduld der Haushälterin schwand. Sie seufzte, wie um zu sagen, dass sie einen Fremden, der plötzlich auftauchte und verkündete, er werde von jetzt an in ihrem Haus leben, gerade noch tolerieren konnte, einen zu neugierigen Mann hingegen unerträglich fand. »Sie haben sein Mündel getroffen, Miss Eleanor Beady. Sie führt den Haushalt und hilft bei der Organisation der Klinik. Der Doktor hat sie vielleicht nicht erwähnt, dennoch empfehle ich Ihnen, Sie mit dem größten Respekt zu behandeln.«

Ihre zusammengepressten Lippen verrieten ihm, dass es weit mehr als nur eine Empfehlung war. Er fragte sich, ob das hübsche Mündel Crofts uneheliches Kind oder die Waise einer Verwandten war.

»Natürlich. Ich bitte um Verzeihung.«

Daniel überlegte, wie oft er sich in den letzten fünf Minuten wohl entschuldigt hatte, wollte es dann aber doch lieber nicht wissen. Vor allem, wenn sein einziges Vergehen darin bestand, dass er zur vereinbarten Zeit erschienen war, anständig gekleidet und pünktlich.

Die Haushälterin führte ihn nach unten in ein Zimmer, das mit Bücherregalen, Schränken mit beschrifteten Schubladen sowie einem abgenutzten Schreibtisch bestückt war.

»Hier hält der Doktor seine Sprechstunden ab. Der Operationssaal befindet sich im ehemaligen Atrium. Dort herrschen die besten Lichtverhältnisse.« Sie nickte zur Tür. »Er plant, den Dienersaal zu mehr Krankenzimmern umzubauen, wenn er expandiert, auch wenn man sich ja fragt, wo die Bediensteten dann essen sollen.«

Daniel nickte, auch wenn er sich so etwas überhaupt nicht fragte. Er dachte eher darüber nach, wie Dr. Croft in einem Glas-Atrium Schaulustige davon abhielt, bei blutigen Operationen zuzusehen. Sicher war es dort im Sommer brüllend heiß, und im St. Bartholomew’s Hospital sprach Croft sich immer für eine kühle Umgebung für die Patienten aus.

Die Haushälterin redete sich gerade warm, was ihre häuslichen Probleme anging.

»Natürlich leben nur die Köchin und ich hier, und wir haben unsere Zimmer beide oben. Die anderen Bediensteten wohnen außerhalb und kommen tagsüber. Merkwürdig, aber so ist es nun einmal.« Sie verschränkte die Hände ineinander und sah ihn herausfordernd an, als erwartete sie, dass er Einwände erheben würde.

»Ich bin überzeugt, dass Sie alles hervorragend regeln.« Von ihm hatte sie keine Beschwerden zu erwarten, solange es morgens starken Kaffee und tagsüber viele Patienten gab. »Wo wird der Doktor mich unterbringen wollen?«

Sie seufzte und rieb sich über die Stirn. »Ich bin mir noch nicht sicher. Wir haben ein paar leere Zimmer in seinem Teil des Hauses, auch wenn der Anblick dort abscheulich ist, weil dort überall seine Präparate herumliegen. Das Stockwerk darüber ist schöner, aber ich kann Sie schließlich schlecht in der Nähe von meinem oder Eleanors Zimmer unterbringen.«

»Nein, das geht wirklich nicht«, stimmte er schnell zu. Bei der Vorstellung, die Haushälterin im Morgenrock auf dem Weg zum Bad anzutreffen, schauderte es ihn. Er lächelte verlegen. »Ich fürchte, ich habe Ihren Namen nicht mitbekommen.«

»Himmel! Was ist bloß mit mir los? Ich bin Mrs Phipps, die Haushälterin, und ungeachtet dessen, was Sie gerade gesehen haben, bin ich für gewöhnlich an Tumult gewöhnt.« Sie kniff die Augen zusammen. »Auch wenn ich hoffe, dass Sie weniger vergesslich sind als Dr. Croft. Einer von der Sorte reicht mir. Und ich mag es nicht, wenn Gentlemen ihre Sachen herumliegen lassen.«

»Ich habe mehrere Jahre ohne Kammerdiener an der medizinischen Hochschule verbracht. Ich bin es gewohnt, hinter mir aufzuräumen«, versicherte Daniel ihr.

Sie starrte ihn einen Moment an, dann lachte sie auf. »Der Herr segne Sie, Doktor. Aber ich meinte keine Strümpfe oder Krawatten, sondern Knochen und all so was. Erst gestern Nachmittag habe ich ein Taschentuch gefunden, in das ein abgetrennter Daumen gewickelt war. Dr. Croft hatte vergessen, ihn wegzuräumen.«

»Wie furchtbar«, murmelte er. »Ich gebe eigentlich immer mein Bestes, meine Patienten in einem Stück zu lassen.«

»Na, das ist doch schon mal was.« Sie nickte beifällig. »Hier entlang, Doktor. Sie möchten ja sicher den Operationssaal sehen.«

Mrs Phipps führte ihn ein paar Stufen hinauf. Sie waren neuer als der Rest des Hauses und führten in eine Art dunkle Höhle.

»Geben Sie mir einen Moment für die Jalousien«, bat sie.

Er hörte, wie sie an etwas hantierte, dann blinzelte er, als ihn plötzlich gleißende Sonnenstrahlen blendeten.

»Ich helfe Ihnen.« Daniel durchquerte den Raum und griff nach einer weiteren Schnur. Er zog fest daran und hob die Jalousie so weit wie möglich, sodass es in dem von Glas umschlossenen Raum noch heller wurde. Anschließend band er die Schnur um einen Haken, damit die Jalousien oben blieben, und trat zurück.

Das Haus mag schäbig sein, dachte er, aber der Operationssaal ist unglaublich.

Die Steinmauern waren nur hüfthoch, der Rest der Wände sowie die gesamte Decke bestanden aus Glas, das im Augenblick von einer Reihe dicker Jalousien verdeckt wurde. Doch das Licht von den beiden Fenstern, wo sie die Rollos hochgezogen hatten, reichte schon, um den ganzen Raum zu beleuchten.

»Die Jalousien sind ein wenig umständlich«, merkte Mrs Phipps an.

»Nein, sie sind perfekt«, widersprach Daniel.

Das dicke und dunkle Material der Außenseite würde an heißen Tagen die Sonnenstrahlen abwehren. Auch der Schieferboden hielt den Raum angenehm kühl. Und wenn die Jalousien zugezogen waren, würde der weiße Futterstoff aus Leinen auf der Innenseite das Lampenlicht reflektieren und verstärken.

Die sauberen Tischplatten strahlten weißer als das gewienerte Deck eines Kriegsschiffs, und glänzende, zum Trocknen umgedrehte Waschschüsseln standen säuberlich aufgereiht in den Regalen, die zwei der Wände säumten. Ein mit gebleichten Leinentüchern abgedecktes Tablett voller Instrumente stand bereit. Er meinte, den Geruch von Blut unter dem der Lauge wahrzunehmen, allerdings so schwach, dass er sich nicht sicher war. Nirgendwo entdeckte er Anzeichen von Staub, ganz zu schweigen von Schmutz.

Vier große Spiegel in Holzrahmen standen aufgereiht an einer der leeren Wände, und eine Vorrichtung aus Seilrollen hing von einer Blechunterlage unter der Decke. Für Lampen? Oder um Zugkraft auszuüben?

Als Nächstes fiel Daniels Blick auf einen Gegenstand neben der Tür.

»Warum steht da eine Staffelei?«, fragte er.

Mrs Phipps hustete. »Manchmal lässt Dr. Croft einen Künstler kommen, der Zeichnungen von verschiedenen Exemplaren anfertigt.«

»Natürlich.« Das hätte Daniel sich eigentlich denken können. Dr. Croft war für die Qualität der Zeichnungen bekannt, die seinen Berichten häufig beilagen. »Ich freue mich darauf, den Burschen kennenzulernen.«

»Wir sollten Ihnen jetzt mal Ihr Sandwich besorgen«, schlug Mrs Phipps vor.

»Gern.« Er stimmte aus Höflichkeit zu und tröstete sich damit, dass er noch genug Gelegenheit haben würde, dieses Wunderwerk von Operationssaal zu bestaunen, die Inhalte all der Schubladen zu inspizieren und herauszufinden, wie die Seilrollen an der Decke funktionierten. »Dieser Raum ist hervorragend ausgestattet. Es wundert mich, dass er hier keine Vorführungen anbietet.«

»Manchmal lässt er ein paar Zuschauer herein, aber die Operationssäle im Krankenhaus eignen sich dafür besser«, sagte Mrs Phipps schnell. »Dieser Raum hier ist viel zu klein.«

Er war tatsächlich nicht groß, aber Daniel kannte viele Männer, die sofort bereit gewesen wären, dicht aneinandergedrängt zu stehen, um Dr. Croft bei der Arbeit in diesem Umfeld zuzusehen. Dennoch war er nicht so leichtsinnig, Mrs Phipps zu widersprechen. Stattdessen folgte er ihr gehorsam zurück die Treppe hinauf und in den Eingangsbereich.

»Nein, lassen Sie die Koffer einfach stehen«, wies sie ihn an. »Man wird sie hochbringen, sobald das Zimmer fertig ist. Sie können im Salon warten, ich sorge dafür, dass Ihnen jemand Ihr Essen bringt. Sobald der Doktor hier ist, informiere ich ihn über Ihre Ankunft.«

Sie führte ihn in einen spärlich beleuchteten Raum voller tanzender Staubpartikel und abgewetzter Ohrensessel, dann schloss sie die schwere Tür hinter sich. Um die Zeit totzuschlagen, betrachtete Daniel die Bücher, die ohne erkennbare Ordnung in die Regale gestopft waren. Als er auf ein missgestaltetes menschliches Ohr stieß, das in einem Glas schwamm, schreckte er zurück. Natürlich hatte Daniel an der Universität viel Schlimmeres gesehen, aber dort erwartete man solche Präparate immerhin. Er zog sanft an seinem Gehrock und setzte sich dann in Dr. Crofts Stuhl, wo er auf sein Mittagessen wartete und dabei vor sich hin summte, um die Nervosität zu vertreiben. Hoffentlich hatten das launische Mädchen und das schwimmende Ohr ihm nicht den Appetit verdorben. Vor zehn Minuten war er noch furchtbar hungrig gewesen.

Kapitel 2

Nora starrte durch das Fenster auf die Straße und kaute auf ihrer Unterlippe. Sie war an Probleme aller Art gewöhnt, auch abgesehen von den alltäglichen Leiden der Patienten: gebrochene Knochen, eiternde Wunden, den abscheulichen, aber notwendigen Handel des Doktors mit Leichen. Aber wie sie mit Dr. Gibson umgehen sollte oder was er von ihrer Rolle im Haus halten würde, das wusste sie nicht. Ob Dr. Croft das nicht bedacht hatte?

Nein, dafür war er zu unbesonnen. Er hatte bestimmt nicht darüber nachgedacht, wie sehr es sie verletzen würde, wenn er sie einfach aufs Abstellgleis verfrachtete.

Sie stellte sich vor, wie Dr. Gibson ihre Präparate und Werkzeuge inspizierte, und biss die Zähne zusammen. Sicher, wenn sie es Dr. Croft einmal erklärte … Der Doktor ließ sich oft von plötzlichen Ideen mitreißen, die er genauso schnell wieder vergaß, wie sie gekommen waren. Sie würde mit ihm sprechen und ihm deutlich machen, warum dieser Gibson nicht bleiben konnte. Normalerweise wies sie den Doktor nicht zurecht, aber sie und Mrs Phipps hatten durchaus ihre Methoden, ihn zu lenken.

Nora schnappte sich ihre Haube und einen Schirm, um sich vor der Sonne zu schützen, dann polterte sie die Treppe hinunter – extra laut, damit sie nicht hören musste, wie Dr. Gibson vor sich hin summte. Irgendwie hatte er sich einen Weg in den Salon geschmeichelt, das war kein gutes Zeichen. Normalerweise ließ Mrs Phipps die Besucher nicht dort warten, sondern schickte sie in ein konventionelleres Gesellschaftszimmer. Wenn sie ihn in den Salon gelassen hatte, obwohl Dr. Croft dort ständig einige seiner bemerkenswerteren und erschreckenderen Präparate liegen ließ, vertraute sie ihm anscheinend und verspürte nicht das Bedürfnis, die Besonderheiten ihres Haushaltes vor ihm zu verbergen.

Nora entspannte bewusst ihren verkrampften Kiefer und setzte eine Miene unbekümmerter Arglosigkeit auf, als sie die Straße entlangeilte. Es war nicht weit bis zum St. Bartholomew’s Hospital, weniger als eine Meile, und der Weg war ihr so vertraut, dass sie den Tumult auf den Straßen problemlos ausblenden konnte. Sie hielt den Blick sittsam gesenkt, während sie an dem Portier vorbeihuschte, der damit beschäftigt war, drei Studenten zu zeigen, wo sie entlangmussten. Dr. Croft demonstrierte gerade im Anatomischen Theater die Funktionsweise einer teilweise sezierten Schulter. Niemand sah sie hereinkommen, und Nora setzte sich auf einen der hinteren Plätze. Dank ihrer Botengänge für Dr. Croft waren die Studenten und das Personal an ihre gelegentliche Anwesenheit gewöhnt.

»Das Gelenk ist anfällig für anteriore und inferiore Luxationen, aber mit den richtigen Handgriffen …«

Nora hielt den Blick auf eine Sommersprosse auf ihrem Handgelenk gerichtet, die gerade unter ihrem Handschuh hervorlugte. Das übliche Kratzen der Stifte und das Rascheln des Papiers untermalten Dr. Crofts Vortrag. Sie kannte diese Geräusche. Nach einer langen Arbeitsnacht an Dr. Crofts Seite, in der sie Präparate vorbereitet hatten, wiegten diese Klänge sie oft in den Schlaf. Heute jedoch verkrampften sich ihre Finger in den Handschuhen, und ihr Puls schlug ungewöhnlich schnell.

Erst eine halbe Stunde nach Ende der Vorlesung war der Doktor allein, und selbst dann war noch der Gehilfe damit zugange, den Körper in ein Leichentuch zu hüllen und aufzuräumen. Es war ein guter Leichnam – mit wenig Fett, das man hätte abschneiden müssen. Sie betrachtete die manikürten Finger, die unter der Kante des Tuchs hervorlugten.

»Dr. Croft?« Ihre Stimme war rau, weil sie so lange nichts gesagt hatte.

»Gab es Ärger zu Hause? Ich habe dich hereinkommen sehen.«

»Das könnte man sagen, ja.« Nora schluckte ihre Überraschung hinunter. Er hielt seine Vorträge immer hoch konzentriert, daher war es ungewöhnlich, dass er sie bemerkt hatte. »Ein … ein Gentleman ist heute bei uns aufgekreuzt.«

Der Doktor runzelte kurz die Stirn, doch dann entspannten sich seine Gesichtszüge wieder.

»Natürlich. Ich habe ganz vergessen, es zu erwähnen. Ist Phipps in heller Aufregung, weil sie noch ein Zimmer fertig machen muss?«

»Sie wirkte nicht übermäßig verstimmt.« Obwohl Nora versuchte, ihre Verbitterung zu verbergen, schwang sie in ihrer nächsten Frage mit: »Dann haben Sie diesen Studenten wirklich zu uns eingeladen?«

»Oh, er ist ein fertig ausgebildeter Arzt«, erwiderte Croft, während er seine Sonden einsammelte und sie in die jeweils passenden Fächer seines mit Samt ausgeschlagenen Koffers legte. »Allerdings mangelt es ihm leider noch an chirurgischer Erfahrung. Ihm ist schon früh eine Mastektomie misslungen, aber allmählich erholt er sich von dem Schock. Er ist fest entschlossen, aus seinen Fehlern zu lernen und es noch einmal zu versuchen. Und er ist der belesenste Mensch, mit dem ich seit Längerem gesprochen habe, außerdem möchte er seine praktischen Fertigkeiten unbedingt verbessern. Darüber hinaus hat er einige interessante Theorien über Kauterisation. Ein netter Bursche. Ich denke, du wirst ihn mögen.«

Nora zwang sich zu einem Lächeln. »Aber Sir, an eines haben Sie sicher nicht gedacht. Was wird er davon halten, wenn … wenn ich im Operationssaal mitarbeite?«

»Da finden wir schon eine Lösung.« Er schnallte den Koffer zu. »Phipps sagt mir immer, dass ich zu viel von dir verlange, und …« Er betrachtete sie. »Du siehst in der Tat etwas blass aus.«

»Wir sind letzte Nacht ja auch erst um drei Uhr von Lilly Jenkins’ Niederkunft zurückgekommen«, sagte Nora.

»Ganz genau. Und deine Arbeit mit dem letzten Präparat – das war erstaunlich. Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, jemals ein deformiertes Herz in der Größe zu finden. Es ist ein Wunder, dass das Baby überhaupt so lange gelebt hat. Deine Zeichnung des Vorhofseptums …«

»Hat sie Ihnen gefallen?«, fragte Nora.

»Natürlich, natürlich. Aber was ich sagen wollte: Wir könnten diesem Burschen helfen.«

»Gibson?«

Dr. Croft nickte. »Er hat Talent. Warum sonst hätte ich ihn aufnehmen sollen?«

»Aber ist er auch diskret?«, fragte Nora.

»Falls das Thema aufkommt, spreche ich mit ihm.« Er lief die Treppe hinauf.

Wie sollte das Thema nicht aufkommen? Sie war fast immer im Operationssaal!

Verzweifelt raffte Nora ihre Röcke und folgte ihm. »Sir, das ist unvermeidlich, es sei denn, Sie haben vor, mich aus dem Saal zu verbannen.« Ihre Augen brannten, aber ihre Stimme war fest.

»Natürlich nicht.« Er warf ihr über die Schulter einen Blick zu. »Aber du hast recht. Es wird nicht schaden, mit Bedacht vorzugehen. Halt dich ein, zwei Wochen aus dem Operationssaal fern. Dann mache ich mir erst mal ein Bild von ihm.«

Nora starrte wütend auf die abgetretenen Steintreppen. Sie hätte wissen müssen, dass irgendwann ein schlaues Bürschchen die Aufmerksamkeit von Dr. Croft erregen würde. Sie hatte er immer nur dabeihaben wollen, weil es praktisch war. Wie sollte sie mit Dr. Gibson mithalten, der Medizin studiert hatte, Dr. Croft in die Vorlesungen begleiten und mit ihm im Krankenhaus arbeiten konnte? Sie mochte sich gar nicht ausmalen, was mit ihr passieren würde, sobald Gibson sich in der Great Queen Street eingerichtet hatte.

*

Der Zustand des Hauses war entsetzlich, stellte Daniel fest, als er Mrs Phipps zu seinem neuen Zimmer am Ende des Flurs folgte und dabei in einen schäbigen Raum nach dem anderen blickte. Die wenigen Möbel, die noch in den spärlich eingerichteten Zimmern standen, waren nicht abgedeckt und stellten abblätterndes Gold und zerrissenen Brokat zur Schau. Das Behandlungszimmer, in dem er die Sandwiches verspeist hatte, war mit dem schwimmenden Ohr und den unordentlich gestapelten Büchern schon schlimm genug gewesen, doch im ersten Stock sah es noch heruntergekommener aus.

»Wir stecken Sie hier hinein«, sagte Mrs Phipps, als wäre er ein aus der Mode gekommener Hut. Sie zeigte auf eine große Tür mit einem Knauf, in den ein Blumenmuster geätzt war, und schob sie weit auf.

Daniel trat zögerlich hinter ihr in das dunkle Zimmer.

»Es ist ganz schön groß«, stellte er fest.

Auch wenn es in diesem Licht schwer zu erkennen war, sah es immerhin aus, als wäre der Teppich in Ordnung. Wer auch immer den Raum gereinigt hatte, musste sich wie ein Wirbelwind bewegt haben, um ihn so schnell fertig zu bekommen.

»Es ist schade, dass wir keine Zeit hatten, das Zimmer richtig zu lüften«, merkte Mrs Phipps ungehalten an.

Sie hatte eindeutig ihr Bestes gegeben, aber als sie die zerschlissenen Gardinen zur Seite zog, flutete die Sommersonne den Raum mit Licht und offenbarte bestimmt ein Dutzend Mängel. Von dem hohen Himmelbett hingen schwere, verblasste, schilfgrüne Seidenvorhänge, und die Stühle hatten plumpe, geschwungene Beine; die schlaffen Kissen waren plattgesessen. Auch wenn die emaillierten Tische im Zimmer sauber waren, hing der Staub vieler Jahre in der Luft.

»War dies das Zimmer einer Dame?« Daniel starrte auf eine Tür, bei der es sich nur um eine Verbindungstür handeln konnte.

»Ja, aber das ist schon lange her. Dr. Croft schläft nebenan.«

»Das Zimmer ist ein wenig groß für mich«, merkte Daniel an. »Mir würde ein kleineres vollkommen reichen.«

»Vielleicht, wenn in einem der kleineren noch Möbel stehen würden. Wir haben die meisten in den Keller getragen, für die Patienten. Miss Eleanors Zimmer sind auf der nächsten Etage, daher kann ich Sie dort nicht unterbringen.«

Daniel unterdrückte ein Seufzen. Er freute sich zwar darauf, von Dr. Croft zu lernen, aber diesen Grad an Nähe hatte er nicht erwartet. Wenn die Tür nicht sehr dick war, würden er und Croft sich gegenseitig schnarchen hören.

Daniel warf noch einen Blick auf die altmodische, beinahe grotesk feminine Möblierung.

»Vielleicht könnte ich meine eigenen Möbel herbringen lassen.« Die Möbel zu Hause waren schnörkellos und von bester Qualität und gaben ihm nicht das Gefühl, in ein Bordell eingetreten zu sein. Daniel drehte sich um. Mrs Phipps wirkte beleidigt. »Nein, das wäre die Mühe nicht wert. Diese Möbel sind gut«, versicherte er hastig.

»Das denke ich auch.«

Bevor er sich in noch größere Schwierigkeiten bringen konnte, öffnete er seine Tasche.

»Ich packe jetzt besser aus.«

Nachdem Mrs Phipps sich zurückgezogen und die Tür hinter sich geschlossen hatte, holte Daniel seine Bücher aus der Tasche. Die Holzdielen unter seinen Füßen knarrten bei jedem seiner Schritte – so laut, dass er es sich gründlich überlegen würde, bevor er sich hier nachts bewegte. Ein Gang zum Waschtisch würde vielleicht nicht das ganze Haus aufwecken, aber in Crofts Zimmer würde man ihn auf jeden Fall hören, vielleicht sogar oben.

Stirnrunzelnd sah Daniel noch einmal zur Verbindungstür. Die abgeplatzte weiße Farbe und der Knauf aus Obsidian passten nicht zu den anderen Türen. Daniel durchschritt das Zimmer, indem er von einem Teppich auf den nächsten trat. Auf diese Weise waren seine Schritte etwas leiser, wenn auch nicht viel.

Croft war noch immer unterwegs, und durch die Tür drangen keine Geräusche. Daniel zog sie auf – zuerst klemmte sie, dann öffnete sie sich mit einem Ruck.

In den Dachkammern seiner Mutter herrschte mehr Ordnung als in diesem Zimmer. Überall lagen medizinische Fachzeitschriften verstreut umher, und ein großer Schreibtisch war mit Papierstapeln bedeckt – Monumente der Unordnung, die Gefahr liefen, umzukippen und sich auf dem Boden zu verteilen.

»Gütiger Himmel!«

Daniel zog sich schnell in sein Zimmer zurück, musste jedoch feststellen, dass er die Verbindungstür nicht mehr schließen konnte. Sie schien seit Jahren nicht benutzt worden zu sein, und nun passte sie nicht mehr in den Rahmen. Er versuchte es erneut, diesmal mit mehr Kraft.

Vor einer Minute war sie doch noch zu, dachte er verzweifelt, während er an dem Knauf rüttelte.

Er lehnte sich mit der Schulter gegen das Holz, und seine Füße rutschten auf den abgelaufenen Dielen, aber nach fünf Minuten hatte er auch nicht mehr erreicht und noch dazu einen schmerzenden Arm. Es ging einfach nicht. Er würde die Tür so gut wie möglich mit Strümpfen oder etwas Papier verkeilen müssen.

Leise schimpfend wühlte Daniel in seinen sorgfältig gepackten Koffern nach etwas Brauchbarem. Wie um alles in der Welt behielt Croft inmitten dieser beklagenswerten Unordnung einen klaren Kopf? Daniel faltete einen alten Brief zusammen und schob ihn unter die Tür. Nun ging sie zwar nicht mehr auf, doch sie berührte nur den Rahmen; richtig geschlossen war sie nicht.

Er ging zum Schreibtisch zurück und beruhigte sich, indem er sein Tintenfass und seine Schreibfedern auslegte. Stolz auf seinen Ordnungssinn, platzierte er eine Korrespondenz in einem sauberen Winkel zur Schreibtischkante. Vielleicht konnten Mrs Phipps und Miss Beady während seiner Anwesenheit ja noch eine Lektion in Sachen Sauberkeit lernen.

Erst einmal gab es für ihn jedoch nichts mehr zu tun, bis Croft wiederkam. Und Daniel hatte genug Zeit in Krankenhäusern verbracht, um zu wissen: Wenn man nichts zu tun hatte, ging man schlafen.

Er legte sich auf die Decke, da er sich noch nicht bereit fühlte, die Qualität der Laken zu überprüfen. Enttäuschung war leichter zu ertragen, wenn man sie wohl dosierte.

*

Er wurde von Stimmen geweckt, laut und nicht weit entfernt. Daniel setzte sich auf und versuchte einzuschätzen, wie viel Zeit vergangen war. Das Sonnenlicht, das durch seine Fenster hereinschien, hatte einen warmen Goldton angenommen. Darin sah der schäbige, schilfgrüne Bettvorhang schlimmer aus als vorher. Die Verbindungstür war aufgegangen. Irgendjemand – Croft? – rief nach Miss Beady und beschwerte sich darüber, dass er seine braune Weste nicht fand.

Das Mädchen musste in der Nähe gewesen oder herbeigerannt sein. Auch wenn sie leicht außer Atem war, blieb ihre Stimme ruhig.

»Die ist hier, Doktor, unter der Schachtel mit den Schlüsselbeinen. Wir mussten ein paar Ihrer Dinge umräumen, um Platz für die des neuen Doktors zu machen. Soll ich sie nach unten bringen?«

»Nein, Gibson möchte sicher nicht, dass irgendwer sich an seinen Sachen zu schaffen macht.«

»Ich meinte die Schlüsselbeine«, sagte sie.

»Nein, die bleiben hier, ich bin noch nicht fertig. Ich sammle Belege für verschiedene Arten von Frakturen. Ich muss mich nur mal damit auseinandersetzen …«

»Irgendwann«, ergänzte sie.

Der Doktor lachte leise.

»Ihre sauberen Hemden liegen noch auf dem Schreibtisch«, sagte sie. »Ich räume sie ein. Es stört Sie doch nicht, wenn ich diese Notizen hier aus der Schublade nehme?«

»Nein, mach nur. Du kannst sie in die … vernichte sie einfach. Und sieh mal, mit der Tür stimmt was nicht.«

Daniel erstarrte, und ihm wurde bewusst, dass er unwillkürlich näher herangetreten war. Er war nur einen Fuß von der Tür entfernt. Das Knarzen der Bretter verriet, dass sich jemand näherte.

Das Mädchen, dachte er, während er auf das Rascheln ihrer Röcke horchte, als würde er einen Puls messen. Es spielte keine Rolle, denn hier konnte ihn niemand sehen.

Kartons wurden umgestellt – wahrscheinlich versuchte Miss Beady, Platz freizuräumen – , dann fiel etwas gegen die Tür. Sie schwang auf und schlug gegen Daniels Ellbogen. Er biss sich auf die Lippe und unterdrückte einen Fluch, doch Miss Beady hatte ihn bereits entdeckt. Misstrauisch kniff sie die Augen zusammen.

»Mir ist ein Manschettenknopf hinuntergefallen«, behauptete Daniel und knetete die Hände hinter dem Rücken.

»Soll ich Ihnen suchen helfen?«

»Ich komme schon zurecht.«

»Das Licht hier drin ist schlecht.« Sie trat in sein Zimmer und sah sich um.

Wahrscheinlich war sie vorher schon in diesem Raum gewesen, um die Aufsicht über die Putzarbeiten zu führen, wenn nicht gar, um sie selbst zu erledigen. Dennoch machte ihn ihre Anwesenheit verlegen.

Sie sah von den Fenstern zu seinen Büchern.

»Ich kann Ihnen noch eine Lampe bringen«, bot sie an.

»Machen Sie sich keine Umstände. Ich bin am Ende des Tages zu müde, um noch viel zu lesen«, sagte Daniel in der Hoffnung, sie loszuwerden.

Sie hob die Augenbrauen. »Wir führen eine hochfrequentierte Klinik. Fast jeden Tag stehen Operationen an, und an den Sonntagen gibt es jede Menge Notfälle. Sie werden die Lampe brauchen.«

»Sind Sie das, Gibson?« Croft steckte den Kopf zur Tür herein und lächelte ihn freundlich an. »Freut mich, dass Sie hier sind. Wir können uns vor dem Abendessen noch unterhalten.«

Miss Beady versteifte sich. »Nicht zu lange, Dr. Croft. Das Essen ist schon fast fertig, und Sie sollten es genießen, solange es noch warm ist.«

Daniels Blick fiel auf ihr graues Alltagskleid, das nur mit einem schmalen weißen Kragen verziert war, der schon vor Stunden nicht mehr frisch ausgesehen hatte.

»Ziehen Sie sich denn gar nicht um?«

»Ach, wir machen uns nicht fein für …«, begann Dr. Croft.

»Natürlich ziehe ich mich um«, unterbrach ihn Miss Beady, ihre Stimme so hart wie Stahl, ihre Wangen flammend rot. »Entschuldigen Sie mich.«

Als sie fort war, erwartete Daniel, dass Croft entschuldigend seufzen und einen Kommentar über die Befindlichkeiten von Damen machen würde. Doch das tat er nicht.

»Ich weiß, wir haben keine Zeit«, sagte Croft. »Aber ich muss Ihnen einen Artikel von einem gewissen Dr. Waddy aus Birmingham zeigen, der behauptet, es gebe gar kein Kindbettfieber, man könne es nicht von anderen Fiebern oder Entzündungskrankheiten unterscheiden. Ein extremer Standpunkt, aber er bringt ein, zwei gute Argumente an …«

Daniel zögerte. Sollte er sich unterhalten oder sich umziehen? Jetzt, da er Miss Beady so beschämt hatte, dass sie ihr Kleid wechselte, würde es von schlechtem Stil zeugen, wenn er sich selbst nicht umzog, aber Croft war eindeutig zu interessiert an den verschiedenen Fieberarten, um sich Gedanken darüber zu machen.

»Erzählen Sie mir davon, während ich mich umziehe«, schlug Daniel vor, bevor er sich daranmachte, die Krawatte zu lösen. »Warum glaubt er, sie wären nicht zu unterscheiden?«

Wenn er gehofft hatte, Dr. Croft dadurch aufzuhalten, wurde er enttäuscht. Mit ungedämpfter Begeisterung fasste er durch die halb geschlossene Tür hindurch die Kernaussagen des Artikels zusammen. Eine interessante Theorie, das musste Daniel zugeben. Doch leider ließ ihn die geteilte Aufmerksamkeit unbeholfen werden. Er verknitterte seine frische Krawatte und brauchte für die Knöpfe so lange, dass er schließlich hinter Dr. Croft – der immer noch redete – herrennen musste.

»Wunderbar«, sagte Daniel. Er keuchte zwar, aber immerhin hatte er Dr. Croft noch eingeholt. »Lassen Sie uns diese Diskussion nach dem Abendessen fortführen. Ich möchte die Damen nicht langweilen.«

Croft blinzelte. Dann hustete er. »Natürlich nicht.«

Während des Essens war es deprimierend still. Keine von Daniels höflichen Fragen förderte mehr als eine nichtssagende, einsilbige Antwort zutage. So viel dazu, dass er versuchen wollte, einen besseren Eindruck zu machen.

Kapitel 3

In den nächsten drei Tagen dachte Daniel nicht ein Mal an irgendetwas, das nichts mit Medizin zu tun hatte. Seine einzigen Pausen waren die wenigen Stunden, in denen er schlief.

Nach einem weiteren langen Tag, an dem er sich um Patienten gekümmert hatte – vier Stunden in der Klinik am Morgen, dann eine Mastektomie und eine Visite im St. Bart’s – , war Daniel dankbar, als er schließlich in Crofts Behandlungszimmer saß und der ältere Mann eine großzügige Menge London Dry Gin in bemerkenswerte Kristallgläser goss.

»Vom Herzog von Cambridge, als Dank dafür, dass ich die Schwester seines Kammerdieners bei einem milden Verlauf der Wundrose behandelt habe«, erklärte er, als er Daniels bewundernden Blick auf die Gläser bemerkte. »Das erinnert mich daran …«

Croft stellte hastig den Gin ab und griff in eines der vollgestopften Regalfächer, um von ganz hinten etwas herauszuholen, was ihn mehr interessierte als geschliffenes Kristallglas. Er reichte Daniel das Skelett einer Zwergspitzmaus, kaum größer als eine Hummel, das sorgfältig auf einen Holzsockel geschnürt war.

»Halb so groß wie die Waldspitzmaus. Und isst doppelt so häufig.« Croft zupfte an seinem Bart, wie er es immer tat, wenn er aufgeregt war. »Aber ich habe mich in der Dame Bell Taverne vier Stunden lang mit einem Walfänger unterhalten, der über den Winter nach Hause zurückgekehrt war, und der hat erzählt, dass sein Schiff sechs Tage lang eine Walkuh verfolgen musste, bevor sie das Tier einfangen konnten. Er hat sie in der ganzen Zeit nicht einmal etwas essen sehen, selbst dann nicht, als eine Fischschule direkt vor ihr hergeschwommen ist.«

Daniel bewunderte den beinahe unsichtbaren Draht, der die zerbrechlichen Knochen der Maus zusammenhielt. Nur Croft arbeitete präzise und unermüdlich genug, um solch ein Werk zu vollbringen. Er sah in das ungeduldige Gesicht des Doktors und erkannte, dass dieser auf eine Reaktion wartete.

»Äh …« Daniel suchte nach einer intelligenten Antwort. »Natürlich müssen noch mehr Studien zu Verdauungsgeschwindigkeiten durchgeführt werden. Sind Sie der Meinung, dass die Herzfrequenz darüber bestimmt, wie viel und wie häufig jemand Nahrung zu sich nehmen muss?«

Croft lächelte erfreut. »Laennec war dieser Meinung. Ich habe vor zwanzig Jahren am Collège de France eine seiner Vorlesungen besucht. Er konnte mit nicht mehr als einem Holzrohr erkennen, ob ein Herz krank war. Brillant. Ich habe das Abhören von ihm gelernt. Mein Traum ist es, einen lebendigen gestrandeten Wal abzuhorchen.« Nun strahlte sein Gesicht wie das eines Kindes.

Daniel beugte sich im Stuhl vor und schürte das Feuer, um gegen die Kälte des nächtlichen Sommerregens anzukommen. So konnte er auch das Lächeln verbergen, das unweigerlich auf seinem Gesicht erschien, als er sich vorstellte, wie Croft sein Stethoskop an die massive Flanke eines Wals drückte.

Der Gin, das sterbende Feuer und Crofts leises Gemurmel wärmten Daniel, als er sich gegen die hohe Lehne seines Sessels sinken ließ und einem spontanen Vortrag darüber lauschte, inwiefern sich Rindermägen mit ihren verschiedenen Kammern mit denen eines Pottwals vergleichen ließen. Dass ein Mann, der sich so gut mit jeder Einzelheit des menschlichen Körpers auskannte, noch Zeit fand, die obskuren Details jeder bekannten Pflanze und jedes Tieres zu erforschen, erfüllte Daniel mit Erstaunen, ja sogar mit Ungläubigkeit.

Daniel hatte gerade die Manschetten abgelegt und Crofts Herausforderung angenommen, die Auffälligkeit in dem präparierten Magen einer Hauskatze zu finden, als die Klinikklingel läutete. Daniel stellte das Gefäß mit dem schwimmenden aufgeblähten Bauch ab und eilte sofort los, da sich die Kliniktür direkt unter der Regenrinne befand, von der ein Abschnitt fehlte, sodass Besucher während eines Unwetters einem Wasserfall die Stirn bieten mussten. Er hatte das an diesem Nachmittag herausgefunden, als er nach seiner Rückkehr aus dem St. Bart’s darauf gewartet hatte, dass Miss Beady die Tür entriegelte.

Ein Junge stand im strömenden Regen vor ihm, seine Kleidung klebte an seinem kleinen Körper. Die Schultern hatte er hochgezogen, weil er so fror.

»Meine Mum schickt mich, um zu sagen, dass unsere Nachbarin, Mrs Collins, Probleme bei der Geburt hat. Die Hebamme braucht Hilfe von einem Arzt.«

»Wie weit ist sie?«

Noch bevor der Junge antworten konnte, schob sich Dr. Croft an ihm vorbei, den linken Arm hatte er schon in den Mantel gesteckt. Er musste ihn direkt ergriffen haben, als es an der Tür geläutet hatte.

»Holen Sie Ihre Tasche«, ordnete er an, als er, an Daniel vorbei, in die Nacht hinaustrat.

Die Tür schwang hinter ihm zu. Auf dem Boden bildeten sich Pfützen.

Daniel, der sich die Schuhe ausgezogen hatte, um sich vor der Kohle die Zehen zu wärmen, rannte los, um sie wieder anzuziehen. Dann schnappte er sich seinen Mantel und die Arzttasche. Er rutschte auf den nassen Fliesen aus und fiel nur deshalb nicht zu Boden, weil er schmerzhaft gegen den Türrahmen schlug, wo er sich abstützen konnte.

Draußen auf dem Bürgersteig stieg Panik in ihm auf. Croft und der Junge waren fort. Daniel erspähte ihre schwarzen Schatten, die gerade hinter der Ecke der Great Queen Street in Richtung Cheapside verschwanden. Er rannte ihnen hinterher und verfluchte Croft dafür, dass er zwar aussah wie ein alter Herr, sich aber bewegte wie ein junger Soldat.

Sechs Blöcke weiter führte der Junge sie in ein elegantes Reihenhaus in der Arthur Street West, wo eine kreidebleiche Frau in der Küche auf sie wartete. Sie sprang von ihrem Stuhl auf.

»Gut gemacht, Jake.« Sie drückte den Jungen stürmisch an die Brust. Ohne noch eine Sekunde zu verschwenden, wandte sie sich an Dr. Croft. »Die Hebamme meinte, es könne zu einer massiven Blutung gekommen sein. Der Ehemann wartet völlig aufgelöst im Vorraum oben.«

Croft nickte und lief zur Treppe. Der Mann kam ihnen auf dem mittleren Treppenabsatz entgegen. Sein abgezehrtes Gesicht wirkte schaurig in dem grellen Licht, das von zu vielen Lampen verursacht wurde. Er packte Croft am Mantel, sobald dieser oben angekommen war.

»Bitte!«, rief er flehentlich. »Bitte helfen Sie ihr. Beeilen Sie sich.«

Croft zeigte keinerlei Anzeichen von Empörung ob der groben Behandlung. Sanft löste er die Hand des Mannes von seinem Arm.

»Ich sehe mal nach, was los ist«, murmelte er.

Angespannt wartete Daniel auf die Schreie, aber als sie den letzten Treppenabsatz hocheilten, wurden sie nur von ominöser Stille empfangen. Nicht einmal gemurmelte Anweisungen oder Aufmunterungen von der Hebamme drangen zu ihnen durch. Wenn es unten nicht so chaotisch gewesen wäre, hätte man meinen können, die Hausbewohner wären im Bett und schliefen.