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Die Monster haben eine neue Streitmacht und drohen die vier Schöpfungen auszulöschen. Louis, ein Jäger, hat geschworen die vier Schöpfungen zu retten und um jeden Preis zu beschützen. Doch der Feind ist in der Überzahl und überall. Wird er es mit den anderen Auserwählten schaffen die Monster zu besiegen und kann er den Frieden wieder nach Kranii bringen?
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Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2019
Unbekanntes Buch der Schöpfungsgeschichte Kapitel 1:
Genauigkeit, Perfektion, Gleichgewicht. Dass sind die drei Basen zu denen man als Schöpfer trainiert wird. Er weiß das nur zu gut. Aber heute geht es nicht um ihn. Heute geht es um seine Schüler, seine Söhne.
Er hat sie lange trainiert. Er hat keine Bedenken, etwas falsch gemacht zu haben. Denkt er zumindest. Sein Herz sagt ihm, etwas Anderes. Doch das schreibt er der Aufregung zu. Nein, nicht der Aufregung, sondern der baldigen Freude, wenn er sieht wie seine Söhne die Prüfung bestehen.
Er kommt in einen hellen Raum aus weißen Marmor, wo seine Söhne auf ihn warten. An den Wänden strömt weißes Licht herab. Kleine Schatten spiegeln sich an den Wänden und erzählen Geschichten. Geschichten aus längst vergangener Zeit. Aus Zeiten, an denen selbst er noch ein Junge war, wenn er denn überhaupt zu jener Zeit schon wirklich lebte. Als er das Podest betrat, welches aus Holz gebaut ist und in welchem schier endlos viele Reliefs eingelassen sind, stehen seine Söhne auf, um ihm Respekt zu zollen. Mit einer Geste deutet er ihnen sich zu setzen.
Er stellt sich hinter ein Pult, räuspert sich, um auch den letzten zweifelhaften Gedanken aus seinem Herzen zu vertreiben und beginnt dann zu reden: „Heute ist der Tag an dem ihr euch beweisen werdet. Der Tag an dem ihr euer Können zeigt. Ich bin mir sicher, dass ihr diese Prüfung bestehen werdet. Denkt stets an die drei Grundpfeiler eures Trainings. Genauigkeit, Perfektion und Gleichgewicht.“
Mehr konnte, wollte und wird er nicht sagen. Warum sollte er auch. Er hatte schon genug während ihrer Ausbildung gesagt.
Er ging in die Mitte des kreisrunden Raumes und zog an einem Hebel das kuppelförmige Dach über ihnen war nicht mehr zu sehen. Stattdessen sah man nun ein Firmament aus Sternen. Er erkannte sofort den großen und den kleinen Wagen. Der Nordstern, Ursae Minoris, leuchtete an diesem Tag heller als sonst. Dann änderte sich das Firmament. Es war als würde man von einem der unendlich vielen Sterne angezogen werden. Man hätte meinen können, der ganze Raum bewege sich zu diesem Stern hin, obwohl man selbst auf einem Planeten steht, der einen fixen Kreislauf um seinen eigenen Sonne hat.
Kurz bevor man meinen könnte man kollidiere mit dem Stern, bleibt der Raum stehen. Alles was man jetzt noch sieht ist eine Sonne, ein Planet und zwei Monde.
Nun beginnt er zu erklären: „Das ist der Stern Solaris. Der Planet heißt Kranii. Seine Monde heißen Luna und Bol. Eure Aufgabe lautet den Planeten zwischen dem nördlichen Kampal Gebirge und dem südlichen Feisten Gebirge mit den perfekten Lebewesen zu bevölkern.“
Während er das sagte, schien der Raum sich dem Planeten zu nähern und nun sah man einen Bereich, der nördlich und südlich von zwei Gebirgszügen eingekesselt war. Im Osten lag eine große Wüste und im Westen das Meer.
Seine Söhne machen sich auf den Weg. Er sieht ihnen noch eine Weile nach, dann setzt er sich auf einen großen, mit rotem Samt überzogenen Stuhl nieder. Sein Herz wird immer schwerer. Sein Verstand beginnt mit den verschiedenen Gedanken zu kämpfen. Doch das einzige was aus diesem Kampf entsteht ist Selbstzweifel. Er senkt sein Haupt. Er will nicht mehr seinen Söhnen hinter herschauen. Es wird Zeit los zu lassen und sich anderen Aufgaben zu widmen. Nicht mehr lange, dann würden seine Söhne zurückkehren.
1. Teil: Die Hexe von Radon
Das Laub, welches schon von den Bäumen gefallen war, knirschte unter ihren schweren und mühseligen Schritten.
Das Ende der Jagd nahte für dieses Jahr. Wie jedes Jahr ging ihnen diese eine Frage durch den Kopf. Waren all ihre Bemühungen, all ihr Streben, welches von solcher Reinheit und Tugend war, war es all das wert? Und wenn es das wert war, warum dankte man es ihnen nie? Seit ihrer Rückkehr scheinen sie nur von Feinden umzingelt zu sein. Nur unter sich fanden sie noch Freunde. Aber nüchtern betrachtet waren sie nur eine heruntergekommene Rasse, die sich, wäre sie nicht an Schwüren gegenüber den Schöpfern gebunden, schon lange selbst liquidiert hätte. Schwüre hält man ein, sie wissen das. Doch diese neue Welt scheint das vergessen zu haben. Das Konzept des Schwures hat man hier mit Spucke, Urin und Fluchworten befleckt.
Louis stieg über einen, am Weg liegenden, Baumstamm, während er neben seinem Freund Emil entlang trottete. Beide waren sie in ihren Gedanken verloren. Ihre ganze Rasse war dem Untergang geweiht, dachte Emil. Louis hingegen war der Meinung, dass sie noch eine Chance hätten.
Sie waren mitten in den Wäldern von Radon. Die Bäume hatten sie schon verschlungen, dennoch wussten sie, dass sie sich auf den Weg nach Hause befanden. Nach Gäspka, der Burg der Jäger.
Dieses Jahr hatten die zwei schon genug erlegt. Zu viele, dachte Emil, zu wenige, dachte Louis.
Es liegt wohl in der Natur von Wegen, dass sich diese entzweien. „Wir müssen rechts lang, oder“, schnaubte Emil. Louis, dem nicht nach reden zumute war, nickte nur einmal zustimmend. Der Zufall oder das Schicksal wollten es jedoch anders. Die beiden hörten Schritte, welche immer näherkamen, vom linken Weg. Emil traute diesen schnellen Schritten nicht und zog sein Schwert. Louis traute diesen schnellen Schritten auch nicht, hatte allerdings nicht so viel Angst wie Emil, griff sein Schwert am Griff und ließ es dort wo es war. „Irgendwann ziehst du es einmal zu langsam heraus und wirst erschlagen“, witzelte Emil, der den linken Weg nicht aus den Augen ließ. „Irgendwann wirst du einmal einen Unschuldigen erschlagen“, entgegnete Louis, der geduldig von einem Weg zum anderen blickte.
Die Schritte wurden lauter, zu Vorschein kam ein hagerer dünner Mann. Er sah die beiden Jäger an und hielt sie für Glücksritter. „Werte Herren“, begann er nach Luft ringend zu sagen. „Ihr seid gewiss weit gereist und wollt mit jemanden wie mir gewiss nicht reden. Doch ich bitte euch, hört mich an. Mein Dorf wurde von einem Troll angegriffen und nur fahrende Ritter wie ihr es seid, können uns helfen. Emil, der das Schwert weggesteckt hatte fragte: „Wie heißt euer Dorf?“ „Ich komme aus Aklate. Bitte ihr edlen Herren, ihr müsst uns helfen. Man befürchtet, dass der Troll wiederkommt“, antwortete der Mann mit gesenktem Kopf. „Ihr seid euch sicher, dass es ein Troll war“, wollte Louis genau wissen. „Ja Herr, ich habe ihn selbst gesehen. Seinen Kopf, seine Arme, seine Beine, … es war fürchterlich“, sagte der Mann, während Tränen sein Gesicht benetzten. „Warum holt ihr nicht die Männer des Herzogs“, schlug Emil vor. „Die Soldaten des Herzogs würden mich davonjagen. Diese Hunde kümmern sich doch niemals um ein einzelnes Bauerndorf“, erwiderte der Mann. Louis dachte über die Worte des Mannes nach und fragte sich ob es wirklich schon so schlimm unter den Menschen zuging. Emil verdrehte die Augen und sagte: „Na gut, ich komme mit.“ „Ich begleite dich“, erwiderte Louis. „Nein geh du ruhig weiter, wir sehen uns in der Burg“, wimmelte Emil seinen Freund ab und ging mit dem Mann weg.
Louis schaute ihnen noch eine ganze Weile nach, ehe er sich zur Seite drehte und seinen Weg weiterging. Die Burg der Jäger war noch zwei Marschtage von seinem jetzigen Standort entfernt. Dazwischen lag die Stadt Radon. Der Jäger wusste er könnte dort für eine Nacht bleiben. Nur eine Nacht, dann könnte er weitergehen. Er wollte es nur nicht. Zu viele Erinnerungen plagen ihn dort. Vor allem sind es die guten die ihn heimsuchen würden. Er musste sich nur das Bild der Stadt in sein Gedächtnis führen und schon schmerzten ihn die Erinnerungen. Doch sein Kummer beginnt erst dann, wenn er sie sieht.
Sie war sein ein und alles. Seine Vergangenheit, Gegenwart und sie wäre auch für immer seine Zukunft gewesen. Aber scheinbar ist auf dieser Welt nichts für die Ewigkeit gemacht. Nur er, Emil und Kort überlebten den Überfall.
Jetzt gehört er zu einer immer kleiner werdenden Gruppe von ausgestoßenen. Die Menschen, sollten sie erfahren, dass Louis ein Jäger ist, der erst stirbt, wenn man ihn tötet, würden ihn und seinesgleichen wegsperren und zum Tode verurteilen, sobald er sich zu erkennen gibt. Von den anderen drei Schöpfungen hatten die Jäger seit den großen Kriegen nichts mehr gehört.
Wie schnell man doch von einem Helden zu einem Monster werden kann, dachte Louis. Plötzlich stieg Rauch in seine Nase. Er roch verbranntes Holz und Fleisch. Er sah sich um und erkannte, dass er bereits an der Abzweigung zur Stadt stand. Der Geruch kam natürlich aus der Stadt.
Louis haderte mit sich selbst. Eigentlich wollte er zur Burg weitergehen, doch der Geruch verhieß nichts Gutes. Das sagte ihm sein Instinkt und sein Schwur zwang ihn eigentlich zu einer Entscheidung die er am liebsten nicht treffen wollte.
„Elender Dreck“, murmelte er erzürnt. Am liebsten hätte er die Schöpfer verflucht, doch er hielt sich zurück. Der Schwur machte eine Abwägung von Gefühlen und Erfahrungen überflüssig. „Vielleicht hält sich deswegen keiner mehr an Schwüre“, dachte er, während er sich auf den Weg in die Stadt machte.
Vor den Stadtmauern war das Elendsviertel. Die Menschen, die hier lebten, taten ihm leid. Er wünschte er könnte etwas tun um ihnen zu helfen. All den Armen, Lepra- und Pestkranken. Aber er war kein heiliger Samariter, der nur mit seinem Wanderstab wedeln zu brauchte und so alle heilen konnte. Und Geld hatte er selbst genug für sich, doch er wusste nie wie lange seine Reise dauern würde bis er einen neuen Auftrag erhalten würde. Deswegen gab er nie etwas her.
Es dämmerte bereits als er die Stadtmauern erreichte. Als er das Tor passieren wollte, fragte eine übel gelaunte Stimme: „Ihr da! Was sucht ihr um diese Stunde noch in der Stadt? Scharlatane und Zigeuner haben hier nichts zu suchen!“ „Weder bin ich ein Scharlatan, noch bin ich ein Zigeuner. Ich bin ein Wandersmann“, antwortete Louis ruhig. „Weshalb tragt ihr dann Schwerter auf eurem Rücken? Mir scheint als seid ihr doch ein Scharlatan“, gab der Torwächter zurück. „Die Schwerter benötige ich zu meinem Schutz. Im Wald laufen viele wilde Tiere herum und wie ich hörte soll in einem benachbarten Dorf ein Troll gesehen worden sein“, sagte Louis trocken. Die Augen des Wächters wurden groß, die Angst hatte ihn gepackt. Der kreidebleich gewordene Wächter befahl nur noch: „Weiter. Geht weiter habe ich gesagt.“
Der Jäger kannte Radon. Er kannte die Geschichte und den Ursprung der Stadt. Er war dabei als aus dem kleinen Bauerndorf eine ansehnliche Stadt wurde. Das lag unter anderem an seiner aktiven Mitarbeit als Bürgermeister der Stadt. Heute weiß kein Einwohner mehr wer er ist und was er für diesen Ort getan hat.
Die alten Familien die seit der Gründung des Bauerndorfes hier lebten, hatten es dank Louis Hilfe zu Macht und Reichtum geschafft. Auch das hatte ein jeder vergessen.
Aber all das kränkte den ehemaligen Herrn der Stadt nicht so sehr wie die Tatsache, dass die Stadt langsam vor die Hunde ging. Jeder neu zugezogene Bürger, der nicht die Geldmittel hatte um sich eine Wohnung oder gar ein Haus innerhalb der Mauern zu kaufen, musste ob er nun wollte oder nicht in die Slums ziehen. Und die lagen nun einmal vor den Toren der Stadt. Dort herrschte die Kriminalität. Es musste schon einiges geschehen, damit die Stadtwachen einmal in den Slums für Ordnung sorgten. Jede Hütte in den Slums sah erbärmlich aus und stank. Der Gedanke, dass sich die Menschen nicht mehr gegenseitig unterstützten, betrübte Louis. Früher war wohl einfach alles anders. Möglicherweise besser.
Der Jäger schlenderte durch die Straßen. Sein Kopf blieb dabei stets gesenkt, er wollte nicht angesprochen werden. Endlich erreichte er das Gasthaus, Zum verkeilten Eber. Es war das erste Gasthaus das es gab in Radon, desto größer die Gemeinde wurde, desto mehr Gasthäuser kamen hinzu. Doch der verkeilte Eber war das erfolgreichste. Anfangs war es noch eine kleine Spelunke. Dank der vielen Ausbauten, die über die Jahrzehnte hinweg getätigt wurden, wurde es zu einem großen und ansehnlichen Gasthof.
Als Louis das Gebäude betrat, konnte er spüren wie die alten Erinnerungen wieder hochkamen. Er schloss die Augen atmete tief ein und konnte so die Gedanken vertreiben bevor sie seine Gefühle berührten. Als er sich wieder gefasst hatte, setzte er sich an einen Tisch und wartete auf die Kellnerin. Es blieb ihm nicht unbemerkt, dass im Raum nebenan alle Tische für eine Gesellschaft reserviert waren. Jeder der zu dieser Gesellschaft dazu gehörte war schwarz angezogen und redete mit leiser und bedeckter Stimme. Louis ärgerte sich insgeheim, da er dachte er käme nur her, weil er das Feuer der Beerdigung gerochen hat und nun, da es schon spät Abends war, er die ganze restliche Nacht in der Stadt verbringen muss. Dennoch blieb er ruhig. So musste er wenigstens nicht eine weitere Nacht auf einem harten Waldboden verbringen.
Und während er all das dachte, sprach ihn jemand an: „Ich Grüße euch, was darf ich euch bringen?“ Verwirrt sah der Jäger in die Richtung aus der die Stimme kam. Es war die Kellnerin, die ihn angesprochen hatte. Als er sie erblickte war es für ihn als würde er aus einem düsteren Traum aufwachen. Die Kellnerin war groß, hatte blonde Haar, grüne Auge, eine Stupsnase, wenige Sommersprossen an den Wangen und das Haar zu einem Zopf zusammengeflochten. Louis Herz schlug schneller, es war als wäre es mit neuer wärme gefüllt und würde nun den ganzen Körper beheizen. Die Kellnerin sah aus wie sie. Der Jäger wollte sich schon vor sie hinwerfen und ihr danken, dass sie wieder da ist. Er hätte auch nicht gefragt wo sie all die Zeit über war. All die Jahre, schienen nun wie ein dunkles Alb traumhaftes Ereignis hinter ihm zu liegen.
Aber etwas ließ ihn innehalten. Da war was. Etwas passte nicht. Eine Kleinigkeit, die bewies, dass es nicht sie sein konnte. Es waren ihre Ohren. Sie waren rund, nicht spitz. Sein Herz kühlte in dem Augenblick, in dem er dies erkannte sofort wieder ab. Es war als würde er wieder in eine Klippe gestoßen werden und alles um ihn herum ergraute aufs Neue. Erst jetzt merkte er, dass die Kellnerin unruhig wurde. „Ein Met und eine Suppe“, sagte Louis, der peinlich berührt auf die Tischplatte blickte. Er kam sich dumm vor. So dumm wie ein Narr. Warum sollte sie auch plötzlich vor ihm stehen. Nichts auf der Welt würde sie ihm wiederbringen. Er hatte es selbst gesehen als sie starb, als sie umgebracht wurde. Nur ein Tor würde glauben, dass man von den Toten wieder zu den Lebenden zurückkehren kann.
Seine Gedanken kreisten umher. Er wusste, er musste an etwas Anderes denken. Er griff in seine Hosentasche und holte eine Stecknadel hervor. Ihr Emblem erinnerte ihn an die guten Zeiten, an früher, an die Tage als sie noch bei ihm war. Das Emblem war auch eine Auszeichnung die er einst bekam, es wies ihn als den Herrn von Radon aus.
Louis war so sehr mit seinem Emblem beschäftigt, dass er nicht bemerkte wie jemand hinter ihm stand und ebenfalls die Stecknadel betrachtete. Dieser Fremde ging jedoch weiter bevor Louis sich von den Erinnerungen losreißen konnte. Den Guten und alten Erinnerungen.
Nach dem Essen quartierte sich Louis in ein Zimmer ein. Es war sehr spartanisch eingerichtet. Es gab ein Einzelbett einen Schrank und Fenster, von welchem Louis auf einen Platz sehen konnte. Ein Nachttopf stand unter dem Bett, damit man in der Nacht nicht auf den Gang zum Plumpsklo irren musste. Da es jedoch schon dunkel war konnte Louis nicht erkennen ob noch jemand auf diesem Platz war. Es war sowieso schon spät also beschloss Louis sich schlafen zu legen und am nächsten Tag den restlichen Weg zur Burg zurück zu legen.
Am nächsten Morgen wurde Louis durch die Sonnenstrahlen geweckt. Er zog sich an und ging zum Fenster. Der Platz, welchen er von seinem Fenster aus sah, war mit Ständen, Waren und Menschen gefüllt. Er beschloss auch dort hin zu gehen. Warum wusste er nicht. Vorräte brauchte er keine, doch ein Gefühl sagte ihm er solle dort hin. Wobei man das Gefühl auch als dunkle Vorahnung gelten lassen konnte.
Am Platz angekommen sah er nur das übliche. Menschen die feilschten als ginge es um ihr Leben, Bettler die mehr litten den je nur um an ein paar Almosen zu kommen und Diebe, die sich mit ihren langen Fingern die dicksten Geldbeutel aneigneten. Nichts Ungewöhnliches für einen solchen Platz mit Marktständen. Hier und da patrouillierten ein paar Wachen, doch sie schienen Sorglos.
Ein Stand stieß jedoch aus der Menge hervor. Es lag nicht daran, dass dieser besonders pompös oder nahezu majestätisch aussah, sondern weil er abgemagert, alt und mit wenig Waren ausgestattet war. Eine alte Frau stand hinter dem Tresen. Hätte Louis raten müssen, so hätte er sie auf über sechzig geschätzt. Also weit über das übliche Durchschnittsalter. Und obwohl sie so alt war und sie sehr abgemagert war, stand sie doch sicher auf den Beinen. Ihre Haare wirkten ein wenig zerzaust und durcheinander, was ihr ein unheimliches Aussehen gab. Doch ihre Augen strahlten Freude aus und ihr Mund war zu einem leichten liebevollen Lächeln gekrümmt. Louis konnte nicht erkennen ob sie zitterte oder nicht, als er zu ihr ging. Das Sortiment, das sie im Angebot hatte war wirklich armselig. Nur grüne unreife Äpfel, viel zu kleine Birnen und steinharte Walnüsse.
„Darf ich euch etwas Anbieten werter Herr“, fragte die alte Frau mit zitternde Stimme. „Ich hätte gerne diesen Apfel“, antwortete Louis. „Und vielleicht könnt ihr mir sagen in welcher Ortschaft ich hier gelandet bin“, fragte der Jäger gleich weiter, obwohl er natürlich wusste wo er war, er versuchte nur durch diese kleine Unterhaltung an ein paar Informationen zu kommen. „Der Apfel kostet ein Kupferstück. Ihr seid hier in Radon, der größten Stadt in der Umgebung, gelandet. Zurzeit kommen hier sehr viele Menschen her. Es heißt Monster treiben sich in den Wäldern umher. Doch das sind gewiss alles nur Ammenmärchen von den schreckhaften Leuten die viel zu spät noch außer Haus waren und nur irgendwelche Äste haben knacken hören.“, sagte dir Frau und hielt ihm die offene Hand hin. „Ja natürlich“, gab Louis von sich und gab ihr das Geldstück.
Ehe er sie weiter ausfragen konnte hielt ihn jemand an der Schulter fest. Louis drehte sich um und sah einen zwei Meter großen Hünen vor sich. „Habt ihr euch gestern Abend im verkeilten Eber einquartiert“, wollte der Mann mit einem schroffen Unterton wissen. „Ja, aber wer seid ihr“, sagte Louis, der nicht wusste ob er sich auf einen Kampf einstellen muss oder nicht. „Ich bin Hatock oberster Befehlshaber der Stadtwache und mein Befehl lautet euch zum obersten Ministrat der Stadt zu bringen.“ Hatock hatte ein paar weitere Wachen bei sich. Als Louis nicht sofort reagierte fügte er hinzu: „Der oberste Ministrat hat zwar gesagt ich solle euch lebend zu ihm bringen, doch er hat nicht gesagt, dass ich euch nicht die Knochen brechen darf.“ Diese Drohung, war für Louis eindeutig. Auch wenn er wusste, dass er es ganz leicht mit diesen Soldaten aufnehmen hätte können. Doch dann hätte er seinen Eid gebrochen und er wäre ein ausgestoßener unter seines gleichen geworden. Was so viel bedeutete das er Vogelfrei wäre und als solcher ist das Leben bekanntlich kurz. „Natürlich folge ich euch zum ehrenwerten Ministrat“, antwortete Louis, der sich seinem Schicksal ergab.
Louis dachte sie würden ihn zum Haus des Ministrats führen, doch stattdessen brachten sie ihn zum Rathaus. Eines der wohl ältesten Gebäude in der Stadt. Louis kann sich noch daran erinnern wie er selbst hier ein und ausging. Einst war hier der Hauptsitz seiner Verwaltung, von hier aus kümmerte er sich um die Belange der Schöpfungen in seiner Stadt und der unmittelbaren Umgebung. Es hat sich viel geändert im Haus. Alles sah anders aus und alles schien schon einmal ausgewechselt worden zu sein. Egal ob nun Treppe, Geländer, Fenster oder Tür, alles schien schon unzählige Male ausgewechselt worden zu sein. Das einzige was gleichgeblieben war, war die räumliche Aufteilung, soweit Louis das bis jetzt beurteilen konnte. Ach ja, der Geruch. Der Geruch ist auch gleichgeblieben. Er ließ Louis mit geschlossenen Augen in alten Erinnerungen schwelgen. Als er die Augen wieder öffnete meinte er ihren Schatten am anderen Ende der Treppen, vor welchen er stand, zu sehen. Doch ihr Schatten verschwand in dem gleißenden Licht, welches durch die großen Fenster fiel. Er blickte zum Boden, betrübt, durch seine eigene Sinnestäuschung.
„Kommt, oder müssen wir euch die Treppen hinauf schleifen“, bellte der Kommandant. Louis folgte ihm schweigend, seine zusätzlichen Wachen blieben am Fuße der Treppen zurück.
Hatock klopfte an einer schweren Ebenholztür. Danach öffnete der Befehlshaber diese. Louis betrat den Raum. Es handelte sich um sein ehemaliges Studierzimmer. Nun war es das Studierzimmer eines anderen. Ein großer Schreibtisch nahm den meisten Platz im Zimmer ein. Daneben stand an einer Wand ein großes Bücherregal und daneben ließ ein großes Fenster gleißendes Licht eintreten. Gegenüber dem Fenster war eine Tür, die verschlossen war. Doch der Schlüssel steckte. Louis hätte nicht den Schlüssel stecken lassen, er hätte ihn in seine Tasche gesteckt, aber womöglich war der Herr, der sich in diesem Zimmer eingerichtet hatte zu sehr mit anderen wichtigen Dingen beschäftigt. In diesem Fall konnte Louis ihn verstehen.
„Da seid ihr ja. Schneller als ich dachte, aber das liegt wohl an meinem Kommandanten“, sagte der Mann der am Schreibtisch saß. Der Mann hatte sein Gesicht noch in irgendwelche Papiere gesenkt. „Danke Hauptmann, ihr dürft jetzt gehen“, sagte der Mann. Hatock salutierte einmal und verließ das Zimmer, hinter sich schloss er natürlich die Türe, damit niemand Louis und den Mann, von dem Louis vermutete, dass es sich um den Ministrat handelte, stören konnte. Nun hob der Mann seinen Kopf und schaute Louis musternd an. „Unglaublich, ihr seid es tatsächlich“, gab der Mann fassungslos von sich. „Herr …“, begann Louis, doch er wurde von dem Mann unterbrochen. „Wie unhöflich von mir mich nicht vorzustellen, wo ich doch selber weiß wer mir gegenübersteht. Mein Name ist Matthäus Hölster. Ich bin der Ministrat der Stadt. Doch das habt ihr bestimmt schon erraten, nicht wahr.“ „Mit dem habe ich gerechnet werter Herr Matthäus Hölster, Ministrat der Stadt Radon. Warum habt ihr mich herholen lassen?“ „Welche Ehre es doch ist mit vollem Namen angeredet zu werden. Doch es reicht, wenn ihr mich Herr Ministrat nennt. Und warum ihr hier seid. Nun das werdet ihr vermutlich schon erahnen. Schließlich machte ich eine äußerst … auffällige Bemerkung, als ich euch zum ersten Mal ansah.“ Louis konnte dieses kryptische Gerede nicht leiden, als ob es im Leben nichts als Spiele und Rätsel geben würde. Louis zog ebenfalls seine freundliche Vermutung zurück, dass der Ministrat zu beschäftigt sei um den Schlüssel in seine Tasche zu stecken, vermutlich war er einfach nur faul und schlampig.
„Ich weiß nicht wovon ihr redet“, versucht Louis den Ministrat aus der Reserve zu locken. „Oh. Das wisst ihr also nicht, dann werde ich es euch erklären. Ihr mein Herr, seid ein unsterblicher und laut den Gesetzen des Fürsten müsste ich euch dafür auf den Scheiterhaufen werfen. Aber keine Sorge. Zurzeit habe ich ganz andere Probleme. Ein Mord ist gestern geschehen. Die Verlobte meines Sohnes wurde kaltblütig ermordet. Ihr wurde das Herz aus der Brust gerissen. Die Leute sagen es war ein Werwolf. Nachdem es keine anderen Vermutungen gibt und auch keine Zeugen dabei waren, als die Tat geschah, muss ich ebenfalls von dieser Annahme ausgehen. Ich erwarte mir von euch, dass ihr dieses räudige Scheusal erlegt und mir seinen Kopf bringt.“ „Was verleitet euch zu der Annahme, dass ich euren Auftrag annehme?“ „Nun, wenn ihr mir den Kopf dieses Monsters bringt, dann werde ich euer Leben verschonen und ihr dürft weiterziehen. Außerdem, so habe ich es gehört, besteht der einzige Sinn eures Daseins uns Menschen zu helfen, ist dem nicht so?“ Es war zwar etwas komplizierter als nur das, was der Ministrat aufsagte, doch Louis wollte jetzt keine Diskussion mit ihm anfangen. „Gut, ich helfe euch. Ihr solltet jedoch wissen, dass nicht ein Werwolf diesen Mord begangen hat.“ „So? Was soll es dann gewesen sein?“ „Es war eine Hexe.“ „Und wie kommt ihr zu dieser Vermutung?“ „Ein Werwolf zerfleischt sein Opfer, er frisst es und lässt für gewöhnlich nur die Knochen übrig. Eine Hexe allerdings betäubt ihr Opfer und tötet es, indem es ein Organ entfernt. Meist behält sie sich dieses als eine Art Trophäe.“ „Seid ihr euch da sicher?“ „Wie hat man die Tote vorgefunden?“ „Nun, mir wurde gesagt, ihr Brustkorb wurde aufgerissen.“ „Aber man hat sie eindeutig als die Verlobte eures Sohnes identifizieren können?“ „Ja, das hat man.“ „Dann brauche ich eine Liste von jenen Menschen die einen Groll gegen sie oder euren Sohn hegen könnten.“ „Ihr meint mein Sohn könnte auch zu einem Opfer dieser Hexe werden?“ „Nicht, wenn ich es zu verhindern weiß. Also kennt ihr irgendjemanden der euch böses will?“ „Nein, ich… mir würde niemand einfallen, der auch nur im Ansatz zu einer solchen Tat fähig wäre.“ „Denkt nach vielleicht fällt euch jemand ein ich höre mich unterdessen in der Stadt um.“ „Ja, macht das.“ Louis verließ den Raum, während der Ministrat totenbleich aus dem Fenster starrte, wohl um Sorge um seinem Sohn.
Eine Hexe also, dachte sich Louis. Er wusste natürlich auch nicht wo er mit seiner Suche beginnen sollte, aber er wusste, dass die Menschen reden. Und zwar viel, wenn der Tag lang war. Genau dieses Gerede könnte ihm vielleicht helfen.
Die Sonne stand schon über dem Zenit, als der Jäger an dem abgemagerten, alten und schlecht mit Waren bestückten Marktstand zurückkam. Die alte Frau stand immer noch hinter dem Tresen und schaute sich nach Kundschaft um, die jedoch ihren Stand eher mied. Louis ging zu ihr, als sie ihn sah, fragte sie neugierig: „Da seid ihr wieder, was hat der Ministrat von euch gewollt?“ „Es ging nur um kleinere Angelegenheiten. Ihr müsst wissen, ich bin als Custos für den König tätig und soll in dieser Gegend herausfinden ob sich irgendwelche ungewöhnlichen Fälle ereignet haben“, antwortete Louis, der wusste, dass seine Antwort teilweise erlogen war. „Oh, und warum kommt ihr dann zu meinem Stand, wo ihr doch ein so hohes Amt bekleidet“, wollte die alte Frau wissen, die langsam misstrauisch wurde. Louis ließ sich schnell etwas einfallen und antwortete: „Nun, das liegt daran, dass ich für nicht allzu viel Aufregung unter den Einwohnern dieser Stadt sorgen will. Am Ende kämen die Leute noch zu mir, weil sie einen Schatten gesehen haben. Ich hoffe nur der kleine Aufmarsch der Stadtwache, von vorhin, hat nicht für allzu viel Aufsehen gesorgt.“ Die Frau schien sichtlich beruhigt von dieser Antwort und meinte nur: „Macht euch darum keine Sorgen, so etwas kommt oft vor.“ „Ich danke euch für euer Verständnis, möchte aber auch gleich darum bitten, dass ihr nichts von dem was ihr über mich wisst weitererzählt.“ „Natürlich, das verstehe ich.“ „Ihr sollt für eure Treue natürlich nicht leer ausgehen und, wenn ihr mir etwas über den Mord von gestern erzählen könnt, dann werdet ihr selbstverständlich dafür auch entlohnt.“ Die Alte runzelte kurz ihre Stirnfalten zusammen, scheinbar dachte sie darüber nach, was sie wusste. Dann sah sie den Jäger mit großen Augen an und begann zu erzählen was sie wusste: „Das arme Mädchen, Kamilla hieß sie, wenn ich mich nicht irre, war sie mit dem Sohn des Ministrats verlobt. Die beiden waren das Stadtgespräch. Nun ist nur noch sie es.“ Sie machte eine kurze Pause, wohl um die Traurigkeit ihres letzten Satzes zu untermalen. „Sie stammte aus gutem Hause. Ihre Ahnen lebten schon in dieser Stadt, als sie noch ein Dorf war. Ihren Eltern gehört die Fleischerei.“ Louis unterbrach sie kurz: „Sie war eine Bürgerliche und durfte trotzdem den Sohn des Ministrats heiraten?“ „Natürlich, der Ministrat selbst ist kein Adeliger. Er kann zwar den Adelstitel erlangen, doch das hängt ganz von der Willkür des Fürsten ab.“ Louis dachte kurz nach, die Informationen die er bis jetzt bekommen hatte, hatte er schon erahnt. Er musste die Sache anders angehen. „Wie steht es um die Eltern der jungen Kamilla“, erkundigte sich der Jäger. „Die trauern natürlich“, sagte die Frau. „Natürlich, doch ich meinte wie lernten sie sich kennen?“ „Sie wurden vermählt, so wie die meisten Menschen.“ „Ja. Das ist mir durchaus bewusst“, der Jäger wurde ungeduldiger, doch er durfte es sie nicht spüren lassen, sonst würde sie ihm keine seiner Fragen mehr beantworten. „Gibt es Gerüchte um die beiden, die ihr Ansehen schmälern könnten?“ Die Frau überlegte kurz, dann sprach sie weiter: „Tatsächlich gab es da einst ein Gerücht. Es hieß der Fleischer sei mit seiner Schwägerin ins Bett gegangen. Es muss sich bewahrheitet haben, denn seit her wird die arme Frau von ihrer Familie verstoßen.“ „Wisst ihr auch zufälliger Weise wie die Dame heißt und wo sie wohnt“, wollte Louis wissen. „Ich glaube ihr Name ist Isabell und sie wohnt seitdem in den Slums“, antwortete die alte Frau und hielt ihre geöffnete Hand dem vermeintlichen Custos entgegen. Der Jäger gab ihr selbstverständlich ein paar Kupferlinge und einen Silberling, bei welchem, als die Frau ihn sah, große Augen machte.
Der Jäger hatte genug gehört, meinte er. Er entfernte sich von dem Marktstand und ging zum Rathaus. Auf dem Marktplatz herrschte immer noch geschäftiges Treiben und die Leute eilten von Stand zu Stand. Keiner würdigte Louis auch nur eines Blickes. Die alte Frau schien recht zuhaben mit ihrer Aussage, dass das kurze Spektakel, welches Hatock und seine Männer verursacht hatten, kein Aufsehen erregt hat. Dennoch wollte Louis möglichst ungesehen zum Rathaus gelangen. Er ging durch die kleinen Seitenstraßen und Gassen, um den Blicken der Einheimischen zu entgehen. In den meisten Gassen roch es nach Urin und Exkrementen. Louis vermutete, dass die Menschen ihre Nachttöpfe in diese Gassen leerten. Auch traf er auf ein paar Bettler, die in den Schatten der Häuserwände schliefen. Einer der Bettler wachte auf, als Louis bei ihm vorbeikam. Er litt an Lepra und fragte nach Geld. Doch der Jäger ging einfach weiter. Scham und Wut stiegen in Louis auf, da er das bisschen Geld, welches er besaß, für sich selbst benötigte. Auch war er im medizinischen Bereich nicht weit genug ausgebildet, um diesen Mann zu helfen.
Als Louis, nach einer gefühlten Ewigkeit, beim Rathaus ankam, spürte er wie etwas an ihm zog, ganz sanft wie ein flüstern, dass ihn von seinen kommenden Schritten abhalten wollte. Er ignorierte es, ging die Stufen empor, den Gang entlang zum Zimmer des Ministrats und öffnete dessen Türe.
Der Ministrat saß an seinem Schreibtisch und unterschrieb ein paar Dokumente. „Ihr seid schon wieder hier. Habt ihr das Hexenbiest erledigt“, fragte der Ministrat. „Nein, aber ich weiß wer es ist.“ „Nun denn, worauf wartet ihr noch?“ „Ich brauche jemanden von der Stadtwache, der sich in den Slums gut auskennt.“ „Meint ihr etwa, dass es einer dieser vielfräßigen Taugenichtse ist, die vor den Toren meiner Stadt lungern?“ Louis widerte diese Haltung des Magistrates an, versuchte jedoch seine Wut hinunter zu schlucken. „Nicht einer, eine.“ „So und wer soll es eurer Meinung nach sein?“ „Isabell, die Tante der ermordeten Kamilla.“ „Seid ihr euch sicher, dass es Isabell ist“, erkundigte sich der Ministrat. Louis wollte schon mit einem ja antworten, als er wieder dieses ziehen spürte, diesmal etwas stärker. „Ich kann es euch nicht mit einer absoluten Gewissheit sagen.“ „Nun warum seid ihr dann zu mir gekommen, wenn ihr euch nicht sicher seid.“ „Hört nur kurz meinem Plan zu.“ „Solange er keine Zeitverschwendung wie eure vorherige Bitte ist.“ „Einer eurer Männer soll mir zeigen wo Isabell ist, ich werde sie beobachten und wenn sie sich verdächtig aufführt oder gar versucht wieder jemanden zu töten, werde ich einschreiten und sie zur Strecke bringen.“ „Gebt ihr mir euer Wort darauf“, fragte Matthäus. „Ja“, erwiderte der Jäger. „Gut, dann soll mein Hauptmann euch zu ihr bringen“, sagte Matthäus und schrieb hastig etwas auf einen Zettel. „Gebt diesen Zettel Hatock, er wird wissen was zu tun ist“ meinte der Ministrat und überreichte Louis das Papier. Louis wollte schon fragen wo Hatock ist, als Matthäus erwiderte: „Hatock wird unten im Speisesaal sein und sich mit den anderen Männern unterhalten. Wie immer.“ Louis fragte nicht nach woher er dies wusste.
Als Louis den Speisesaal betrat, sofern man diesen kleinen Raum als Speisezimmer bezeichnen konnte, sah er den Hauptmann, wie dieser mit ein paar Soldaten sprach. Als Hatock jedoch Louis erblickte, wurde seine zuvor freudige Miene hart und ernst. Louis ging zu ihm und gab ihm den Zettel. Nachdem Hatock den Befehl des Ministrats gelesen hatte verfinsterte sich seine Miene noch mehr. Aber stand auf und ging los. Louis folgte ihm schweigend.
Hatock führte Louis bis zu den Stadttoren. Der Jäger dachte, dass ihn von da an ein anderer Wächter mit geringerem Rang begleiten würde. Aber Hatock wich Louis nicht von der Seite. „Es wäre weit weniger auffällig, wenn mir ein Wächter mit niederem Rang mein Begleiter durch diese Gossen wäre“, meinte Louis. „Pah, die Leute sollen wissen wen sie zu fürchten haben“, bellte Hatock und schaute dabei grimmig, ohne zu erwähnen´, dass der Befehl des Ministrats eindeutig lautete, er solle Louis zu seinem Ziel führen. Louis konnte den hünenhaften Wächter nicht leiden, er konnte allerdings verstehen warum die Leute Angst vor ihm haben.
Hatock führte ihn durch den Slum. Eine Gasse sah erbärmlicher aus als die andere und kaum jemand traute sich auf die Straße als der Wächter diese betrat. Schnell waren die Gassen und Straßen wie leergeräumt. Louis sah die Leute jedoch aus den Fenstern lugen. Die Gesichter, die er erspähte, wirkten abgemagert und hungrig. Nur Haut und Knochen hing an ihnen. Niemals hätte Louis so etwas zugelassen, wenn er noch der Herr der Stadt gewesen wäre. Er hätte sich um die Belange von all seinen Bürgern gekümmert. Er wurde zornig auf den Ministrat, dass dieser durch seine schiere Faulheit nichts gegen die Armut in den Slums unternahm.
„Hier ist es“, sagte Hatock schroff. „Hier wohnt Isabell“, fragte Louis ungläubig. Die beiden standen vor einem einsturzgefährdeten Gebäude, würde Louis sagen. Die Stützpfeiler wirkten schwach und brüchig, an der Wand bröckelte der Putz und die Balken die, die Veranda halten sollten, welche bestimmt einst der ganze und höchstwahrscheinlich auch einzige Stolz des ganzen Gebildes war, hatten schon tiefe Risse und drohten jeden Augenblick zu bersten. „Ich hoffe ihr kommt mit Ergebnissen zurück“, sprach Hatock mit ernster Stimme zu dem Jäger und drehte um.
Louis sah ihm noch eine ganze Weile hinterher, ehe er sich umdrehte und seinen Weg fortsetzte. Louis wollte nicht einfach durch die Tür in das vermeintliche Hexennest gehen. Lieber spähte er durch ein Fenster um sich ein Bild von der Lage zu machen.
Was er sah überraschte ihn. Er sah einen großen Raum, dessen Wände, Holztäfelungen und Balken genauso erbärmlich aussahen wie die Außenseite des Gebäudes, doch was ihn eigentlich verblüffte, waren die vielen bunten Tücher, welche im ganzen Raum aufgehängt wurden und von der schrecklichen Verfassung des Gebäudes ablenken sollten. Aber wieso, fragte sich Louis. Plötzlich merkte er eine Bewegung am Boden des Raumes. Ein abgemagerter Mann stand auf, zog sich seine Hose an und verließ das Haus. Der Jäger verstand nicht was hier vor sich ging. Er ging zum Eingang dieses Hauses und sah gerade, wie der Mann durch die Tür trat. Der Mann war überrascht Louis zu sehen, doch er senkte sogleich sein Haupt und wollte weitergehen. „Ihr da“, rief der Jäger dem Mann zu. Der Mann drehte sich um sagte mit zitternder Stimme: „Ja der Herr.“ „Was ist das für ein Haus“, fragte Louis nach. „Das ist ein Freudenhaus. Herr“, stotterte der Mann. „Ich suche nach Isabell. Sagt mir wie finde ich sie“, wollte Louis wissen. „Sie… sie ist die Eigentümerin, dieses Geschäfts“, antwortete der Mann. „Nicht was sie ist, sondern wie ich sie erkennen kann wollte ich wissen“, meinte der Jäger mit einem leichten knurren in der Stimme. „Ja… ja natürlich der Herr…. Ich bitte vielmals um Verzeihung. Sie … sie hat schwarze Haare und blaue Augen. Wie… wie ein Bach so blau. Bitte … bitte Herr verzeiht mir“, flehte der Mann, der bereits vor Louis niederkniete. Louis, der von dieser Geste verwirrt war sagte: „Geht. Und kommt nie wieder her.“ Der Mann stand zitternd auf und lief davon.
Ein Freudenhaus, das hatte Louis gerade noch gefehlt. Ihm war klar, dass er würde warten müssen. Wahrscheinlich schliefen noch alle bediensteten. Er spürte wieder ein leichtes Ziehen, sein Gefühl sagte ihm, dass er falsch lag mit seiner Vermutung, doch er ignorierte es und wartete. Er merkte gar nicht, dass er kurz einschlief.
Louis war in einem Waldstück, vor den Toren der Stadt. „Hier bin ich mein Liebster“, sagte eine Stimme zu ihm. Er drehte sich um und da stand sie. „Hast du mich gesucht“, fragte sie. „Ich…. Wie kann das sein“, gab Louis von sich. „Du weißt wie das sein kann“, antwortete sie. „Du bist nicht echt“, erwiderte er. Sie nickte. „Wieso kommst du dann immer wieder? Wieso tust du mir das an“, wollte Louis wissen, während ihm eine Träne runterkullerte. „Du musst endlich loslassen Louis“, sage sie, während sie auf ihn zuging. Sie legte ihre Hand auf seine Wange und flüsterte: „Mein liebster…“ Dann verblasste sie und Louis stand allein in dem Wald. Panik machte sich breit. Die Blätter raschelten und die Äste knackten. Louis hörte Trommeln. Er atmete immer schneller und alles um ihn herum verschwamm.
Er wachte auf und keuchte. Trauer war im Begriff sich bei ihm erneut einzunisten. Er versuchte sie abzuschütteln, doch er spürte ihre kalten Finger, die nach seinem Herz griffen. Seine Atmung wurde schwerer. Dann hörte er wie die Eingangstür des Freudenhauses zuschlug. Die Trauer, die im Begriff war ihn zu übermannen, war wie weggeblasen. Er lief zum Eingang, da er gerade noch auf der Rückseite des Gebäudes war, um nicht entdeckt zu werden. An der Tür stand eine Frau, sie hatte schwarzes Haar und ihre Augen waren so blau wie ein Bach. Das musste sie sein. Er folgte ihr.
Sie ging nicht zu den Toren, wozu auch. Sie wurden bei Dunkelheit geschlossen und erst wieder geöffnet, wenn die Sonne aufging. Trotzdem ging sie zur Mauer. Louis folgte ihr. Sie ging die ganze Mauer entlang, bis sie zu einer Stelle kam, bei der die Mauer über einen großen Felsen gebaut war. Isabell sah sich einmal um und der Jäger musste sich schnell im Schatten der Stadtmauer verstecken. Als sie sich sicher war, dass sie nicht verfolgt wurde verschwand sie im Felsen. Louis war etwas verblüfft als er das sah. Er ging zu dem Felsen und sah sofort eine Lücke. Er zwängte sich hinein. Das hineinquetschen in den Felsen stellte sich als nicht besonders schwierig heraus, es war als ob der Felsen ihn einatmen würde. Denn als der Jäger hineingelangt war, hörte er ein zischen des Windes und er spürte, wie die Luft hineingesogen wurde. Louis interessierte sich nicht weiter für diese seltsame Eigenschaft des Felsen. Er ging weiter. Immer tiefer folgte er dem Pfad ins Innere des Felsens. Dann hörte Louis auf einmal ein Schlagen. Es klang wie ein Herzschlag. Vor ihm wurde der Gang enger. Die Geschwindigkeit dieses Herzschlags nahm zu. Er zwängte sich durch den Spalt, doch gleich dahinter wurde es erneut enger und danach wieder und wieder so oft, dass Louis mit dem Zählen aufgehört hatte. Währenddessen, hörte der Herzschlag nicht auf er ging ununterbrochen im rasenden Tempo weiter und klang wie der, eines Verletzten, bei dem das Adrenalin einschoss. Louis Kleidung begann feucht zu werden. Von der Decke tropfte eine klebrige und dickflüssige Substanz herab. Er schaute kurz nach oben und während er das tat, bekam er diese Flüssigkeit in seinen Mund. Sie schmeckte unverkennbar nach Blut. Louis wollte nur noch hier raus. Er zwängte sich durch jeden Spalt der ihm vom Ausgang noch entfernte. Dann, ganz plötzlich durchquerte Louis den letzten Spalt. Es war still. Kein Herzschlag mehr. Kein Blut, das von der Decke tropfte. Kein zischender Wind mehr, der von dem Felsen eingeatmet wurde. Nur noch das leicht panische keuchen von Louis. Als er merkte, dass es vorbei war, richtete er sich auf und verließ erhobenen Hauptes den Felsen.
Er sah sich um. Er sah einen Schatten bei einer Hausecke vorbeihuschen. Das musste sie sein. Er folgte ihr. Es kam ihm vor, als ob er Stunden in diesem Felsen verbracht hätte. Doch das konnte nicht sein, denn der Mond stand immer noch an derselben Stelle im Himmel wie vor dem Eintritt in den Felsen. Er folgte der vermeintlichen Hexe. Nicht mehr lange und er würde feststellen, ob er mit seiner Vermutung recht hatte oder nicht. Während er ihr folgte, dachte er über die Entstehung der Hexen nach. Kein Jäger wusste so richtig wie sie zudem wurden was sie waren. Jede Hexe, die Louis bisher getötet hatte, war zuvor laut Aussagen der Bekannten eine unbescholtene Bürgerin. Wie also wurden sie zu diesen wahnwitzigen Mörderinnen? Niemand hatte eine Antwort darauf. Es gab sogar noch eine merkwürdige Seltsamkeit. In manchen Fällen war nicht nur eine Hexe an diesen schrecklichen Vergehen beteiligt, sondern auch ein Berserker. Berserker waren immer Männer, die mit der Hexe auf irgendeine Weise verbandelt waren. Berserker selbst waren kämpfende Irre. Sie schlagen alles nieder was sich ihnen oder der Hexe in den Weg stellt. Es sind verrückte Zeiten angebrochen, dachte Louis.
Scheinbar erreichte Isabell ihr Ziel. Der Jäger wartete im Schatten darauf was sie als nächstes machen würde. Sie sah sich noch einmal um, dann klopfte sie an die Türe. Louis beobachtete sie mit kalten Augen. Jemand öffnete die Tür, die beiden redeten kurz, doch über was konnte der Jäger nicht hören. Sie betrat das Haus. Louis wartete kurz, dann schlich er zu der Tür. Er lauschte an ihr. er hörte Schritte, dann das niederfallen von Körpern und ein stöhnen. Das waren genug Indizien für den Jäger. Er rammte die Tür auf, zog sein Schwert und sah sich um. Zu seiner Überraschung sah er nur zwei Körper die am Boden lagen und ihn beide schockiert ansahen. „Wer sind sie“, fragte der Mann, der am Boden lag. „Ich… ich bin…. Was machen sie hier“, erwiderte Louis verwirrt, der die Lage noch nicht ganz einschätzen konnte. „Wonach sieht das denn ihrer Meinung nach aus“, sagte der Mann. Louis sah sich um. Er sah eine Hose und ein Kleid am Boden liegen. Dann sah er sich die beiden noch einmal genauer an. Isabell war komplett entblößt, nur mit ihren Händen hielt sie ihre wichtigsten Stellen verdeckt. Der Mann war untenrum nackt. Langsam ging dem Jäger ein Licht auf. Er spürte wieder das ziehen. Diesmal beugte er sich seinem Gespür. Er drehte sich um und ging.
Er hatte sich geirrt. Wie konnte das sein. Louis irrte allein durch die verwinkelten Gassen der Stadt. Der Regen schlug gegen seine Kleider und der Wind peitschte sie aus. Er fühlte sich ohnmächtig durch sein Versagen. Wie nur, wie, fragte er sich immer wieder.
Die Sonne stand bereits über dem Horizont, als Louis zum Gasthaus zurückkehrte. Eine kleine Menschengruppe hatte sich bereits vor dem Haus eingefunden. Als Louis näherkam, sah er, dass Stadtwachen vor der Tür standen. Das war es also, dachte Louis. Weglaufen würde ihm auch nicht helfen, also stellte er sich seinem Schicksal und ging zu dem Gasthaus. Als er näher kam traten Hatock und der Ministrat aus dem Gebäude. Louis richtete sich gerade auf, wenn er heute schon sterben würde, dann wollte er wenigstens mit einem geraden Rücken sterben.
„Ah da seid ihr ja“, rief der Ministrat und lief zu Louis. „Ich habe euch schon gesucht. Ihr müsst mitkommen.“ Louis nickte und dachte er würde zu seiner Henkersbank gebracht werden. Doch der Ministrat ging in das Gasthaus. Hatock schaute Louis stattdessen nur Finster an, so wie immer.
Sie gingen hinein. Drinnen war es ganz still, Louis vernahm nur ein gelegentliches Schluchzen. Er begleitete den Ministrat nach oben, in die privaten Gemächer des Schankwirtes. Sie betraten einen Raum der furchtbar stank. An einer Wand stand ein großes Bett, an einer anderen stand eine Kommode und bei der anderen war ein geöffnetes Fenster. Auf dem Bett lag eine Leiche. Es war der Gastwirt. Eigentlich sah seine Leiche ziemlich friedlich aus, wenn man die klaffende Wunde an seiner rechten Seite übersah. „Hier, erklären sie mir wie das passieren konnte“, wollte Matthäus wissen. Louis betrachtete die Leiche genauer. Der Ministrat sprach unterdessen einfach weiter und beklagte sich bei dem Jäger über seine schlechte und schlampige Arbeit. Jemand hat die Leber des Opfers entfernt und ihn dann verbluten lassen. Aber wie war so etwas möglich, der Mann hätte wie am Spieß geschrien. Irgendjemand hätte ihn gehört. Es sei denn. Louis schnupperte in der Luft. Da fiel es ihm ein. „Wächst hier Mohn“, fragte er und augenblicklich verstumme Matthäus. Hatock, der den beiden gefolgt war, sah ihn zum ersten Mal nicht finster, sondern argwöhnisch an. „Also… ich weiß es nicht“, stammelte der Ministrat. „Wo ist die Gattin des Mannes, sie muss es wissen“, sagte Louis. „Natürlich, folgt mir ich bringe euch zu ihr“, folgte von Matthäus. Die Gattin saß auf einem Stuhl, im Raum vis-a-vis des Schlafzimmers. Ihre Augen waren vom vielen weinen stark gerötet und ihre Pupillen waren wegen dem Schock ihres Verlustes immer noch stark erweitert. Louis nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu ihr. „Hallo, ich weiß, dass ist jetzt eine schwere Zeit für sie, aber sie müssen mir ganz dringend eine Frage beantworten“, sagte der Jäger in einem sanften Ton. „Ich werde es versuchen“, schluchzte die Frau. „Gibt es hier in der Nähe Mohnpflanzen?“ „Mohnpflanzen“, wiederholte die kürzlich verwitwete Frau und betrachte Louis mit einem irritierten Blick. Dieser sagte es gibt wichtigeres als Mohnpflanzen, zum Beispiel wäre es notwendiger für mich, wenn du mir sagen könntest wer meinen Mann umgebracht hat du gefühlsloses Arschloch. „Ja. Eine direkt nach oben wachsende Pflanze mit dicken Samenkapseln und einer roten Blüte.“ „Wieso wollt ihr denn so etwas wissen“, sagte die Frau und begann erneut zu schluchzen und zu heulen. „Bitte Margarete, beantwortet die Frage“, fiel der Ministrat dem Jäger, der gerade auch etwas sagen wollte, ins Wort. „Ja solche Pflanzen haben wir, meine Tochter wollte sie unbedingt anpflanzen, weil sie ihr so gefielen.“ „Wo ist ihre Tochter jetzt?“ „Ich weiß nicht, in ihrem Zimmer?“
Louis stand auf und betrat das dritte und letzte Zimmer, dass er im privaten Bereich sah. Hatock und der Ministrat folgten ihm.
Der Jäger öffnete die Türe und der Gestank war kaum zu ertragen. Auf der linken Seite stand ein Bett. Die Laken und Pölster waren noch wild durcheinandergewirbelt und ineinander verstrickt, ganz so als hätte jemand eilig das Zimmer verlassen. Auf der rechten Seite standen auf einem kleinen Tisch die eindeutigen Beweise, dafür, dass die Tochter des Wirtes die Hexe sein musste.
Auf dem Tisch war ein kreisförmiges Symbol eingeritzt. Auf diesem Symbol sah man dreizehn gezackte Linien, welche von einem großen Punkt in der Mitte ausgingen. Nach einem Drittel, wenn man die Distanz von dem Mittelpunkt zum äußeren Rand betrachtet, kreiste eine weitere Linie den Mittelpunkt ein. Ein weiteres Drittel später machten die Linien, welche von der Mitte nach außen gingen einen Knicks nach rechts, nur um kurz darauf eine rechtwinklige Biegung nach links zu machen und auf den äußeren Rand zu treffen. Am Ende jeder Linie stand eine Kerze. Jede von ihnen war schon fast komplett heruntergebrannt. Aber von dem Symbol und den Kerzen ging nicht dieser Furchtbare Gestank aus. Sondern von dem was innerhalb des Kreises lag. Im Zentrum lag ein Rabenschädel. Der Schnabel war kohlrabenschwarz, doch die Augenhöhlen wirkten irgendwie noch schwärzer. Es war fast so als wäre in ihnen ein schier endloses schwarzes Loch. Links und rechts vor dem Schädel lag das erschreckendste. Zur rechten lag ein menschliches Herz und zur linken eine menschliche Leber. Keiner der Anwesenden musste raten wo diese Organe herkamen. Der Gestank ging vom Herzen aus. Grünschwarzer Schimmel begann das Organ zu überziehen. Das widerlichste war, fand Louis, dass der Schimmel pulsierte, so als hätte er die ehemaligen Eigenschaften des Herzen übernommen.
Der Ministrat der solch einen Augenblick nicht lange standhalten konnte, drehte sich zur Seite, beugte sich leicht nach vorne und erbrach. Hatock warf einen Blick zum Ministrat und war in Wahrheit dankbar dafür, da auch er den Anblick dieses kranken Altars nicht mehr lange standhalten hätte können. Louis blieb zwar nicht gelassen, aber er ließ seinen Blick von dem Altar nicht abschweifen. Was gut war wie sich herausstellen sollte.
Der Rabenschädel drehte sich zu den drei unerwarteten Besuchern, so als hätte er das Kotzen von Matthäus gehört. Die schwarzen Löcher in den Augenhöhlen funkelten bösartig.
„Alle zurück“, rief Louis und drängte alle auf den Gang und zog die Tür zu. Keine Sekunde zu spät, denn der Schädel schoss mit Atemberaubender Geschwindigkeit auf sie zu. Doch er prallte gegen die Tür und zerbärste in hunderte Stücke. Nur der Schnabel blieb in dem dicken Holz der Tür stecken.
„Was war das“, fragte Hatock, der das Wort für den kreidebleichen Magistrat übernahm. „Schwarze Magie“, antwortete Louis, der selber noch nicht so ganz begriffen hatte was geschehen war. Denn er hätte schwören können, dass der Schädel einen Satz zu ihm gesagt hatte. „Bedeutet das“, begann der Magistrat mit schwacher Stimme zu sagen. „Ja, das heißt wir haben unsere Hexe“, sagte Louis, der sogleich den Satz des Schädels wieder vergaß.
Die drei eilten zum Eingang des verkeilten Ebers. Der Magistrat hatte gerade Hatock befohlen mit allen Stadtwache überall nach der Tochter, die Natalie hieß, des Wirtes zu suchen. Als sich der Magistrat umdrehte, stand Louis immer noch an derselben Stelle wie zuvor. „Was steht ihr noch rum. Sucht nach der Hexe“, befahl der Magistrat. Doch Louis hatte das Gefühl, dass hier irgendetwas faul war und diesmal hörte er auf sein Gefühl und er würde nicht nachgeben bis es befriedigt war. „Nein“, begann der Jäger und packte Matthäus am Kragen. Er hob ihn sogar ein bis zwei Centimeter in die Höhe. „Ihr werdet mir jetzt sagen was ihr über Natalie wisst.“ „Was meint ihr damit“, fragte der Magistrat der panisch zu zappeln begann. „Ihr wisst genau was ich meine. Sie hat zuerst die Verlobte eures Sohnes umgebracht und dann ihren Vater ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr das nächste Ziel gewesen wäret. Also redet.“ Die Augen des Jägers funkelten dunkel und würden nichts Gutes verheißen, wenn der Magistrat jetzt nicht zu reden beginnen würde. „Gut, gut ich rede. Natalie und mein Sohn waren ein Liebespaar. Er wollte sie sogar heiraten, doch ich verbat es ihm, weil ich einen Disput mit ihrem Vater hatte. Er war natürlich zornig auf mich gewesen, doch sein Zorn verflog als er Kamilla näher kennenlernte. Bitte tut mir nichts“, flehte der in Tränen erstickende Magistrat. Louis ließ ihn los und er flog auf seinen Hintern. „Ihr seid ein Idiot“, sagte Louis. „Warum“, fragte der Magistrat der immer noch eingeschüchtert war. „Natalie ist nicht weggelaufen, sie ist zu eurem Sohn gelaufen. Wo ist er jetzt“, wollte der Jäger wissen. „Zuhause, ich habe ihm Hausarrest gegeben, als ihr mir sagtet, dass jemand nach seinem Leben trachten könnte“, antwortete Matthäus, der versuchte den Dreck von seiner Hose loszuwerden. „Dann kommt.“
Louis und der Magistrat beeilten sich um zu dem Haus der Familie Hölster. Während sich Matthäus fragte wo die Wachen sind, die er zur Sicherheit seines Sohnes hier herbestellt hatte, dachte sich Louis warum muss es dieses Haus sein. Es war dasselbe Haus, in dem er mit ihr wohnte. Damals. Die beiden liefen hinein und während der Magistrat nach seinem Sohn rief, roch Louis ihren Geruch nicht nur durch seine Nase. Sondern er spürte ihn auch auf jeder seiner Hautzellen. Es war, als ob sie direkt neben ihm stand und er von einer langen und anstrengenden Reise endlich nach Hause gekommen wäre. „Er ist nicht hier. Hört ihr“, sagte der Magistrat aufgebracht. Es war als wäre Louis aus einem schönen Traum erwacht. „Wo habt ihr die beiden zum ersten Mal gesehen“, fragte Louis. „Im Garten bei den Statuen von Luna und Bol.“ Dann sollten wir dorthin“, sagte Louis und sie liefen los. Louis lief dicht hinter Matthäus her. Plötzlich vernahm er ihr lachen. Er blieb irritiert stehen und sah sich um.
Da sah er sie. Ihr blassblaues Kleid wehte im Wind während sie verträumt zwischen den Bäumen hin und her lief. Er musste abwägen was ihm wichtiger war. Sie oder sein Schwur. Er brauchte nur einen Bruchteil einer Sekunde um sich zu entscheiden. Er lief ihr hinterher. Es dauerte eine Weile, bis er sie eingeholt hatte. Sie saß mit dem Rücken zu ihm auf einem Stein, während sie verträumt die rote Blüte einer Windrose betrachtete. Die Sonne schien auf herab und das strahlende Licht färbte ihr blondes Haar in fliesendes Gold. Bei diesem Anblick stockte sein Atem. Sein Herz blieb für eine Sekunde stehen und ein seltsam gutes Gefühl schwirrte durch seinen Bauch. Er ging langsam und lautlos auf sie zu, nicht wissend was er machen sollte. Er legte seine Hand auf ihre Schulter. „Ich hatte gehofft du würdest mir nicht folgen“, sagte sie mit einer traurigen Stimme. Ihre Worte waren wie Stiche in sein Herz für ihn. „Ich würde dir überall hin folgen“, gab er ihr zur Antwort. Er spürte, dass er mit den Tränen kämpfen musste. Sie griff auf ihre Schulter und hielt seine Hand fest. Ihre Hände sind immer noch so weich und zärtlich wie damals, dachte er. Sie stand auf und aus ihren Augen flossen ein paar Tränen. Ihre smaragdgrünen Augen funkelten im Sonnenlicht. „Du musst loslassen Louis“, sagte sie zu ihm. „Ich kann meine Vergangenheit nicht einfach so vergessen“, sagte er. „Du musst aber in der Gegenwart leben, du wirst hier gebraucht, nicht in der Vergangenheit“, entgegnete sie traurig. „Aber ich liebe dich“, erwiderte er und eine Träne kullerte ihm runter. „Ich liebe dich auch“, gab sie beinahe schluchzend zurück. Sie beugte sich leicht nach vorne um ihn zu küssen und er beugte sich leicht zu ihr. Er spürte wie seine Hände zitterten vor Aufregung. Plötzlich hallte ein Schrei zwischen den Bäumen hervor. Louis sah zur Seite, weil er wissen wollte, ob er da jemand stand. Als er sich zu ihr umdrehte, um sie zu küssen, war sie weg.
Perplex stand Louis vor dem Stein. Resignation machte sich in ihm breit. Es war wie ein Schock für ihn. „Nein“, schrie er und hämmerte erzürnt auf den Felsen.
Auf einmal vernahm er wieder einen Schrei, dieses Mal von einer anderen Person. Es fiel ihm alles wieder ein. Warum er hier war und wie er hergekommen ist. Er lief los. So schnell er konnte trugen ihn seine Füße. Als er die beiden Statuen, Luna und Bol, fand, sah er Natalie mit den Händen vor dem Gesicht, Matthäus mit den Händen vom Brustkorb nach vorne gestreckt abwehrend haltend und einen Dritten, der ein Kurzschwert in den Händen hielt. Louis wusste nicht so recht was hier vor sich ging. Als dann der Dritte, es musste der Sohn des Magistrats sein, mit einem kräftigen Hieb den Kopf des Magistrats abtrennte und Louis dem Man zum ersten Mal sehen konnte, sah er was hier vor sich ging. Der junge Mann hatte sich in etwas verwandelt, dass Louis als Berserker kannte. Der Jäger zog sein Schwert und kam zwischen den Bäumen hervor. Natalie schrie vor Schreck auf. Die Augen des Berserkers erblickten Louis und er ging direkt auf ihn los. Louis parierte einen Schlag, wich dem anderen aus und schlug mit voller Kraft zu. Der Jäger spaltete den Kopf des Mannes. Der Berserker sackte mit den Knien auf den Boden und dann kippte der Körper zur Seite.
Louis schaute auf die Stelle an der Natalie noch eben stand, doch sie war weg. Weit konnte sie noch nicht sein, also folgte er ihren Spuren. Er folgte ihnen aus dem Garten raus. Dann sah er sie. Er rannte ihr hinterher, doch egal wie sehr er sich bemühte, er konnte sie nicht einholen. Sie Verschwand in einem Spalt bei einem Felsen. Louis dachte nur, nicht schon wieder dieser Felsen. Er folgte ihr trotz diesem Gedanken. Der Felsen gab auch keine Laute von sich, als Louis durch ihn durchschritt. Er wirkte kalt und tot. Als der Jäger herauskam, musste er wieder Natalies Spuren folgen, denn er konnte sie nicht mehr sehen, da sie in dem nahen gelegenen Wald gelaufen war. Er folgte ihrer Spur bis tief in den Wald. Dann vernahm er wieder einen Schrei. Er lief so schnell er konnte in die Richtung. Doch er fand sie nicht, stattdessen sah er eine Menge Fußabdrücke. Einige waren von einem Menschen, doch anderen stammten von Steingolems. Louis zog sein Schwert. Ein Steingolem war kein leichter Gegner. Es waren große und äußerst kräftige Monster, die den Kopf eines Menschen mit ihren Händen zerquetschen können. Der Jäger zog sich leise und langsam zurück. Er konnte jetzt nichts mehr für Natalie machen.
Irgendwann erreichte Louis wieder einen Weg. Er überlegte ob er zurück in die Stadt gehen sollte. Er entschied sich dagegen. Er meinte die Leute dort würden ihn für den Tod des Magistrats verantwortlich machen und ihn hängen, vierteilen oder verbrennen. Also ging er weiter zur Burg. Am Abend als die Sonne schon tief stand sah er eine Rauchsäule aus der Richtung der Stadt aufsteigen. Vermutlich verbrennen sie die Leiche des Magistrats und seines Sohnes und dabei zünden sie gleich die Fackeln an mit denen sie mich Jagen werden, dachte Louis, als er den Rauch sah.
2. Teil: Das Wiedersehen
Louis erreichte am nächsten Tag die Burg. Die Sonne hatte gerade erst den Zenit überschritten, als der Jäger die Burg sah. Mächtig thronte sie auf dem Berg, von welchem sie das ganze Umfeld mit all seinen Wiesen und Felder bewachte. Louis bekam ein ungutes Gefühl als er sie so aus der Ferne betrachtete. Das Gefühl von Panik überkam ihn. Wen würde er dieses Mal nicht mehr sehen. Wer würde nicht mehr zurückkommen von der Jagd und wer würde es sein. Trauer überkam ihn als er darüber nachdachte. Dann erinnerte er sich an etwas anderes. Er erinnerte sich daran wie die Burg gebaut wurde. An die guten alten Tage.
Es muss bald nach der Erschaffung der Jäger gewesen sein. Die vier Schöpfungen begannen ihnen zu ehren auf dem Berg Drakkard eine Burg zu bauen. Die Jäger, die zu jenem Zeitpunkt die Monster aus den Ländern der Schöpfungen zu vertrieben, wussten nichts von dieser freundlichen Geste. Als dann alle Monster erschlagen oder vertrieben waren, luden die Menschen die Jäger zum Berg Drakkard ein. In der neu erbauten Burg wurde ihnen zu ehren ein Festbankett ausgerichtet. Alle Jäger, damals waren es noch zehntausend, fühlten sich sehr geehrt. Als die Schöpfungen ihnen dann die Burg übergaben, wussten die Jäger nicht wie oder wann sie sich jemals dafür bedanken konnten. Wie es aussieht wohl niemals, dachte Louis zuletzt.
