Die Chroniken von Narnia - Der König von Narnia (Bd. 2) - C. S. Lewis - E-Book

Die Chroniken von Narnia - Der König von Narnia (Bd. 2) E-Book

C.S. Lewis

4,0

Beschreibung

Sie öffnen eine Tür und finden eine Welt voller Magie NARNIA ... gefangen im ewigen Winter ... ein Land, das darauf wartet, befreit zu werden. Durch einen Kleiderschrank gelangen Lucy, Edmund, Susan und Peter nach Narnia, das unter der Schreckensherrschaft der Weißen Hexen steht. Als alle Hoffnung verloren scheint, bringt die Rückkehr des mächtigen Löwen Aslan die Wende ... Die Chroniken von Narnia: Das Wunder von Narnia (Band 1) Der König von Narnia (Band 2) Der Ritt nach Narnia (Band 3) Prinz Kaspian von Narnia (Band 4) Die Reise auf der Morgenröte (Band 5) Der silberne Sessel (Band 6) Der letzte Kampf (Band 7)

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Beliebtheit




C. S. Lewis

Der König von Narnia

Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Hohlbein und Christian Rendel

Über dieses Buch

Sie öffnen eine Tür und finden eine Welt voller Magie

NARNIA ... gefangen im ewigen Winter... ein Land, das darauf wartet, befreit zu werden. Durch einen Kleiderschrank gelangen Lucy, Edmund, Susan und Peter nach Narnia, das unter der Schreckensherrschaft der Weißen Hexen steht. Als alle Hoffnung verloren scheint, bringt die Rückkehr des mächtigen Löwen Aslan die Wende...

... mehr von Narnia!

Für Lucy Barfield

Meine liebe Lucy,

diese Geschichte habe ich für dich geschrieben; doch als ich damit anfing, war mir nicht klar, dass Mädchen schneller wachsen als Bücher. Infolgedessen bist du nun schon zu alt für Märchen, und bis das Buch gedruckt und gebunden ist, wirst du noch älter sein. Eines Tages jedoch wirst du alt genug sein um wieder anzufangen Märchen zu lesen. Dann kannst du es ganz oben aus dem Regal nehmen, abstauben und mir sagen, wie du es findest. Wahrscheinlich bin ich bis dahin so taub, dass ich dich gar nicht mehr hören, und so alt, dass ich dir gar nicht mehr folgen kann, aber auch dann bin ich noch

dein dich liebender Pate

C. S. Lewis

Inhalt

Lucy schaut in einen Kleiderschrank

Was Lucy dort entdeckte

Edmund und der Kleiderschrank

Türkischer Honig

Zurück auf dieser Seite der Tür

Hinein in die Wälder

Ein Tag bei den Bibern

Was nach dem Essen geschah

Im Haus der Hexe

Der Bann beginnt zu brechen

Aslan naht

Peters erster Kampf

Tiefer Zauber aus der Dämmerung der Zeit

Der Triumph der Hexe

Noch tieferer Zauber von vor der Dämmerung der Zeit

Was aus den Statuen wurde

Die Jagd auf den Weißen Hirsch

Vorwort

Wie Narnia in den Kleiderschrank kam

Es muss wohl irgendwann um die Mitte der 1930er-Jahre gewesen sein. In einer Kneipe in Oxford, der berühmten alten Universitätsstadt in England, saßen zwei gute Freunde bei Pfeife und Bier zusammen und unterhielten sich über ihr Lieblingsthema – Bücher. Beide hatten seit ihrer Kindheit nichts Schöneres gekannt, als Bücher zu verschlingen, und nun hatten sie das, was sie am liebsten taten, zu ihrem Beruf gemacht. Der eine, Tollers genannt, war Professor für Angelsächsisch an der Universität, der andere, Jack, Dozent für englische Literatur.

»Weißt du was, Tollers?«, sagte Jack. »In den Geschichten heutzutage kommt zu wenig von dem vor, was uns wirklich gefällt.«

Damit meinte er, dass zu wenig fantastische Geschichten geschrieben wurden: Geschichten über Elfen und Zauberer, Helden und Ungeheuer; Geschichten, in denen »die ganze Welt und etwas anderes jenseits der Welt« sichtbar wurde. Solche Geschichten waren zu jener Zeit nicht in Mode.

Tollers nickte bedächtig und hüllte sich in den Rauch seiner Pfeife. »Da hilft nur eins: Wir werden selbst welche schreiben müssen.«

Die beiden wurden sich einig, dass sie jeder einen Zukunftsroman schreiben wollten. Jack würde sich das Thema Raumfahrt vornehmen, während Tollers von einer Zeitreise erzählen würde.

Aus der Zeitreise wurde leider nichts. Tollers, der eigentlich J. R. R. Tolkien hieß und bereits ein Kinderbuch mit dem Titel Der kleine Hobbit geschrieben hatte, konnte mit dem Thema nicht warm werden, weil die Welt der Hobbits ihn schon zu sehr in ihren Bann gezogen hatte. Stattdessen fing er an, eine Fortsetzung zum Hobbit zu schreiben. Dabei passierte ihm etwas Seltsames. Er brauchte lange, um das Buch zu schreiben, weil er ja die meiste Zeit mit seiner Arbeit als Professor verbrachte; und als das Buch schon genauso dick war wie Der kleine Hobbit, stellte er fest, dass er sich noch ziemlich am Anfang der Geschichte befand, die er erzählen wollte. Aber inzwischen war ihm diese Geschichte zu wichtig geworden um sie aufzugeben. Also schrieb er weiter, das Buch wurde länger und länger, und als Der Herr der Ringe schließlich fertig war, waren drei dicke Bände daraus geworden und Tollers war zwanzig Jahre älter.

Sein Freund Jack hieß eigentlich Clive Staples Lewis, doch diesen Namen hatte er noch nie gemocht. Deshalb hatte er schon als vierjähriger Junge beschlossen, von nun an nur noch auf »Jack« zu hören, und wenn er seine richtigen Vornamen benutzen musste, kürzte er sie mit »C. S.« ab. Jack machte das Vorhaben tatsächlich wahr und schrieb drei Zukunftsromane, die heute zu den Klassikern der Science-Fiction-Literatur gehören: Jenseits des schweigenden Sterns, Perelandra und Die böse Macht.

Auch er hatte mit seiner Arbeit an der Universität viel zu tun und war einige Jahre lang mit diesen Büchern beschäftigt. In der Zwischenzeit fing der Zweite Weltkrieg an und ging vorbei. Im Krieg wurde die englische Hauptstadt London immer wieder von Flugzeugen bombardiert, sodass jeder, der nicht unbedingt dort sein musste, Zuflucht auf dem Land suchte. Auch viele Kinder wurden von ihren Eltern aus der Stadt geschickt, damit sie vor den Bomben sicher waren. Für die Leute, die auf dem Land wohnten, war es eine Ehrensache, diese Kinder bei sich aufzunehmen.

Auch bei Jack, der ein Haus in der Nähe von Oxford hatte, fand während der Kriegsjahre eine Reihe von Kindern aus London Quartier. Da er nicht verheiratet war, war es für ihn seit seiner eigenen Kindheit das erste Mal, dass er so viel mit Kindern zu tun hatte. Trotzdem schien er recht gut mit ihnen auszukommen. Ein Mädchen, das fast zwei Jahre lang bei Jack wohnte, erinnerte sich später: »Lewis war der erste Mensch, der mir das Gefühl gab, ein intelligentes menschliches Wesen zu sein, und die ganze Zeit über, während ich dort war, förderte er mein Zutrauen zu mir selbst und zu meiner Fähigkeit, zu denken und Dinge zu verstehen.«

Vielleicht waren es diese Kinder, die Jack bald nach dem Krieg auf die Idee brachten, nun auch ein Kinderbuch zu schreiben. Er selbst sagte später darüber: »Ich bin mir nicht ganz sicher, was mir gerade in jenem Jahr meines Lebens das Gefühl gab, dass ein Märchen, und zwar ein Märchen für Kinder, genau das sei, was ich jetzt schreiben müsse – sonst würde ich platzen.« Immerhin war er inzwischen fünfzig Jahre alt, als Literaturwissenschaftler hoch geachtet und als Schriftsteller überall auf der Welt, wo man Englisch sprach, berühmt. Aber er machte sich keine Sorgen um seinen guten Ruf: »Als ich zehn war«, schrieb er einmal, »las ich Märchen heimlich und hätte mich geschämt, wenn ich dabei erwischt worden wäre. Als ich ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war, einschließlich der Furcht vor der Kindlichkeit und des Verlangens, besonders erwachsen zu erscheinen.«

Als Kind hatte Jack besonders Geschichten über »Tiere in Kleidern« geliebt, zum Beispiel Beatrix Potters Bildergeschichten über Peter Hase und seine Freunde. Seine zweite Vorliebe waren Rittererzählungen. Dementsprechend handelten die ersten Geschichten, die der kleine Jack selbst schrieb und zeichnete, »von heldenhaften Mäusen und Kaninchen, die auszogen, nicht um Riesen, sondern um Katzen zu erschlagen«. Zusammen mit seinem Bruder dachte er sich eine ganze Welt aus, in der diese Geschichten spielten.

Für Jack fing die Idee zu einer Geschichte immer mit einem Bild an, das er in seinem Kopf sah. Als er etwa sechzehn Jahre alt war, kam ihm das Bild eines Fauns in den Sinn, der mit Paketen beladen, einen Schirm über sich aufgespannt, durch einen verschneiten Wald stapfte. Dieses Bild begleitete ihn durch die Jahrzehnte, bis er sich schließlich mit fünfzig Jahren sagte: »Versuchen wir doch mal, eine Geschichte daraus zu machen.«

Anfangs wusste Jack nicht so recht, wohin sich die Geschichte entwickeln würde. Aber dann tauchte plötzlich der mächtige Löwe Aslan darin auf. »Ich glaube, ich muss wohl um diese Zeit ziemlich viel von Löwen geträumt haben. Abgesehen davon habe ich keine Ahnung, woher der Löwe kam oder warum er kam. Aber kaum war er da, zog er die ganze Geschichte um sich zusammen, und bald zog er auch noch die anderen sechs Narnia-Geschichten hinter sich her.«

Der König von Narnia ist also eigentlich das erste Buch der Reihe, auch wenn bei manchen Ausgaben »Band 2« auf dem Buchrücken steht. Das hängt damit zusammen, dass die Reihenfolge, in der die Bücher geschrieben wurden, nicht der Chronologie der Ereignisse entspricht, von denen sie erzählen. Die Frage ist also, in welcher Reihenfolge man sie am besten lesen sollte. Darüber streiten sich die Gelehrten seit vielen Jahren. Dabei ist es ziemlich egal, denn jedes Buch ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Ursprünglich waren die Bände auch gar nicht nummeriert. Aber wenn man Narnia zum ersten Mal entdeckt, ist es wohl am besten, genau da anzufangen, wo Jack auch angefangen hat – mit Der König von Narnia.

Seither haben Millionen von Kindern und Erwachsenen auf der ganzen Welt dieses zauberhafte Land Narnia entdeckt und für viele von ihnen ist es fast so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Joanne K. Rowling, die Verfasserin der Harry-Potter-Bücher, hat diese Geschichten seit ihrer Kindheit ebenso geliebt wie Andrew Adamson, der Regisseur des ersten Narnia-Films. Und auch wenn man in den Büchern irgendwann zu alt wird, um nach Narnia gelangen zu können – in der Wirklichkeit ist es anders: »Kein Buch ist es wert, es mit zehn zu lesen«, sagte C. S. Lewis einmal, »wenn es sich nicht ebenso (und oft noch weit mehr) lohnt, es mit fünfzig zu lesen.«

Zu beneiden sind alle, die Narnia zum ersten Mal kennen lernen – ob sie nun zehn oder fünfzig sind.

Christian Rendel

Lucy schautin einen Kleiderschrank

Es waren einmal vier Kinder, die hießen Peter, Susan, Edmund und Lucy. Diese Geschichte erzählt von einem Erlebnis, das sie hatten, als sie während des Krieges wegen der Luftangriffe aus London fortgeschickt wurden. Man brachte sie im Haus eines alten Professors unter, der weit draußen auf dem Land wohnte, zehn Meilen vom nächsten Bahnhof und zwei Meilen vom nächsten Postamt entfernt. Er hatte keine Frau und lebte in einem riesigen Haus mit einer Haushälterin namens Mrs Macready und drei Dienstmädchen. (Ihre Namen waren Ivy, Margaret und Betty, aber sie kommen in der Geschichte kaum vor.) Er selbst war ein uralter Mann mit struppigen weißen Haaren, die nicht nur seinen Kopf, sondern auch den größten Teil seines Gesichts bedeckten, und die Kinder schlossen ihn beinahe sofort ins Herz. Nur am ersten Abend, als er sie an der Haustür in Empfang nahm, sah er so seltsam aus, dass Lucy (die Jüngste) sich ein wenig vor ihm fürchtete und Edmund (der Zweitjüngste) am liebsten laut losgelacht hätte und dauernd so tun musste, als putze er sich die Nase, um es zu verbergen.

Sobald sie am ersten Abend dem Professor Gute Nacht gesagt hatten und nach oben gegangen waren, kamen die Jungen in das Zimmer der Mädchen, um Lagebesprechung zu halten.

»Mann, haben wir ein Glück«, sagte Peter. »Das wird ein Spaß hier. Der Alte lässt uns bestimmt machen, was wir wollen.«

»So ein netter alter Herr«, sagte Susan.

»Ach, hör bloß auf!«, sagte Edmund, der müde war, was er aber nicht zugeben wollte, und das machte ihm immer schlechte Laune. »Wie du schon redest!«

»Wie rede ich denn?«, fragte Susan. »Und überhaupt, für dich ist langsam Schlafenszeit.«

»Du hörst dich schon an wie Mutter«, sagte Edmund. »Und wie kommst du eigentlich dazu, mir zu sagen, wann ich ins Bett gehen soll? Geh doch selber ins Bett.«

»Sollten wir nicht lieber alle ins Bett gehen?«, meinte Lucy. »Es gibt bestimmt Ärger, wenn man uns hier reden hört.«

»Gibt es nicht«, sagte Peter. »Ich sage euch, in einem Haus wie diesem interessiert sich kein Mensch dafür, was wir treiben. Und hören können sie uns sowieso nicht. Man braucht ja zehn Minuten von hier bis runter ins Esszimmer und dazwischen liegen jede Menge Treppen und Gänge.«

»Was ist das für ein Geräusch?«, fragte Lucy plötzlich. In einem so großen Haus war sie noch nie zuvor gewesen, und allmählich beschlich sie ein unheimliches Gefühl bei dem Gedanken an all diese langen Gänge und Reihen von Türen, die in leere Zimmer führten.

»Das ist bloß ein Vogel, du Dummkopf«, sagte Edmund.

»Es ist eine Eule«, sagte Peter. »Hier ist bestimmt ein Paradies für Vögel. Also, ich gehe jetzt ins Bett. Wollen wir morgen ein bisschen auf Entdeckungsreise gehen? Wer weiß, was wir hier alles finden. Habt ihr auf dem Weg hierher die Berge gesehen? Und die Wälder? Vielleicht gibt es da Adler. Oder Hirsche. Bestimmt gibt es Falken.«

»Und Dachse!«, rief Lucy.

»Füchse!«, setzte Edmund hinzu.

»Kaninchen!«, sagte Susan.

Doch als der nächste Morgen kam, fiel ein so dichter, gleichmäßiger Regen, dass man weder die Berge noch die Wälder sehen konnte, wenn man aus dem Fenster schaute, nicht einmal den kleinen Bach im Garten.

»War ja klar, dass es ausgerechnet heute regnen muss!«, sagte Edmund. Sie hatten gerade ihr Frühstück mit dem Professor beendet und befanden sich oben in dem Zimmer, das er ihnen zugeteilt hatte – einem langen, niedrigen Raum mit einem Fenster in der einen Richtung und zwei in der anderen.

»Hör schon auf zu meckern, Ed«, sagte Susan. »Ich wette, in einer Stunde oder so klart es auf. Und bis dahin wird es uns bestimmt nicht langweilig. Wir haben doch ein Radio und jede Menge Bücher.«

»Ohne mich«, sagte Peter. »Ich werde erst einmal das Haus erkunden.«

Damit waren alle einverstanden und so begannen ihre Abenteuer. Es war ein Haus, das nie ein Ende zu nehmen schien, und es steckte voller Überraschungen. Die ersten paar Türen, die sie öffneten, führten erwartungsgemäß nur in unbenutzte Zimmer; doch bald kamen sie in einen lang gestreckten Raum voller Gemälde und dort fanden sie eine Ritterrüstung. Danach kam eine Kammer, die ganz mit grünem Stoff verhangen war und in deren Ecke eine Harfe stand; dann ging es drei Stufen hinab und fünf Stufen hinauf und weiter in eine Art kleine Diele im Obergeschoss, wo eine Tür hinaus auf einen Balkon führte; und dann kam eine ganze Reihe von Zimmern, von denen immer eins ins nächste führte und deren Wände über und über mit Büchern bedeckt waren – die meisten waren sehr alt und einige noch größer als die Bibel in einer Kirche. Kurz darauf schauten sie in ein Zimmer, das ganz leer war, bis auf einen großen Kleiderschrank mit einem Spiegel in der Tür. Sonst befand sich überhaupt nichts in dem Zimmer, außer einer toten Schmeißfliege auf der Fensterbank.

»Hier ist nichts!«, sagte Peter und alle marschierten wieder hinaus – alle außer Lucy. Sie blieb zurück, weil sie sich dachte, es wäre doch lohnend, einmal die Tür des Kleiderschranks zu probieren, obwohl sie fast sicher war, dass sie verschlossen sein würde. Doch zu ihrer Überraschung ließ sie sich ganz leicht öffnen und zwei Mottenkugeln kullerten heraus.

Als sie hineinschaute, sah sie mehrere Mäntel dort hängen – größtenteils lange Pelzmäntel. Lucy liebte Pelze über alles – wie sie dufteten und wie weich sie sich anfühlten. Sofort stieg sie in den Kleiderschrank zwischen die Mäntel und kuschelte ihr Gesicht hinein, wobei sie natürlich die Tür offen ließ, denn sie wusste, es ist eine große Dummheit, sich in einem Kleiderschrank einzuschließen. Bald ging sie noch ein Stück weiter hinein und stellte fest, dass hinter der ersten Reihe Mäntel noch eine zweite hing. Hier hinten war es fast völlig dunkel, sodass sie die Arme nach vorn ausstreckte, um nicht mit dem Kopf gegen die Rückwand des Schranks zu stoßen. Sie machte noch einen Schritt tiefer hinein – dann zwei oder drei Schritte – immerzu in der Erwartung, die Holzwand an den Fingerspitzen zu spüren. Aber sie spürte nichts dergleichen.

»Das muss ja ein riesiger Kleiderschrank sein!«, dachte Lucy, ging noch weiter hinein und schob die weichen Falten der Mäntel zur Seite, um sich Platz zu schaffen. Dann bemerkte sie, dass unter ihren Füßen etwas knirschte. »Ob hier noch mehr Mottenkugeln herumliegen?«, dachte sie und bückte sich, um mit der Hand danach zu tasten. Doch statt des harten, glatten Holzbodens des Kleiderschranks fühlte sie etwas, das weich und pulverig war und sehr, sehr kalt. »Das ist aber komisch«, sagte sie und ging noch einen oder zwei Schritte weiter.

Im nächsten Moment merkte sie, dass nicht mehr weiches Fell an ihrem Gesicht und ihren Händen entlangstreifte, sondern etwas Hartes, Raues, Stacheliges. »Nanu, das fühlt sich ja an wie Zweige von Bäumen!«, rief Lucy aus. Und dann sah sie vor sich ein Licht scheinen; nicht nur ein paar Zoll weit entfernt, wo die Rückwand des Schranks hätte sein müssen, sondern ein ganzes Stück weit voraus. Etwas Kaltes und Weiches fiel auf sie herab. Einen Moment später stellte sie fest, dass es Nacht war und sie mitten in einem Wald stand, mit Schnee unter den Füßen und Schneeflocken, die durch die Luft herabrieselten.

Lucy fürchtete sich ein wenig, doch gleichzeitig war sie ganz kribbelig vor Neugier und Aufregung. Sie schaute sich über die Schulter um und dort, zwischen den dunklen Baumstämmen, sah sie immer noch die offene Tür des Kleiderschranks und sogar einen Schimmer von dem leeren Zimmer, aus dem sie gekommen war. (Natürlich hatte sie die Tür offen gelassen, denn sie wusste, es ist eine große Dummheit, sich in einem Kleiderschrank einzuschließen.) Dort schien immer noch Tag zu sein. »Ich kann jederzeit zurück, wenn etwas schief geht«, dachte Lucy. Also setzte sie sich, knirsch-knirsch, über den Schnee in Bewegung und ging durch den Wald auf das andere Licht zu. Nach etwa zehn Minuten hatte sie es erreicht und stellte fest, dass es sich um eine Straßenlaterne handelte. Während sie noch dort stand und sich den Kopf zerbrach, wie eine Straßenlaterne hier mitten in den Wald kam und was sie als Nächstes tun solle, hörte sie trippelnde Schritte auf sich zukommen. Und schon bald darauf trat ein äußerst seltsames Wesen zwischen den Bäumen hervor in den Lichtkreis der Laterne.

Es war nur wenig größer als Lucy selbst und hielt über seinen Kopf einen Schirm, der ganz weiß war vom Schnee. Von der Hüfte aufwärts sah es aus wie ein Mensch, doch seine Beine waren geformt wie die von Ziegen (das Haar darauf war glänzend schwarz) und statt normaler Füße hatte es Ziegenhufe. Einen Schwanz hatte es auch, doch das bemerkte Lucy zuerst gar nicht, weil es ihn säuberlich über den Arm gelegt trug, mit dem es den Schirm hielt, damit er nicht so durch den Schnee schleifte. Um den Hals trug es einen roten Wollschal und auch seine Haut sah ziemlich rötlich aus. Es hatte ein fremdartiges, aber freundliches kleines Gesicht, umrahmt von einem kurzen Spitzbart und lockigen Haaren, und aus diesen Haaren ragten zwei Hörner hervor, auf jeder Seite seiner Stirn eines. Mit einer Hand hielt es, wie gesagt, den Schirm; im anderen Arm trug es mehrere, in braunes Papier gehüllte Päckchen. Mit den Päckchen und all dem Schnee ringsum sah es fast so aus, als hätte es gerade seine Weihnachtseinkäufe gemacht. Es war ein Faun. Und als er Lucy sah, bekam er solch einen Schrecken, dass er all seine Päckchen fallen ließ.

»Ach du meine Güte!«, rief der Faun.

Was Lucy dort entdeckte

»Guten Abend«, sagte Lucy. Doch der Faun war so beschäftigt damit, seine Pakete aufzulesen, dass er zuerst keine Antwort gab. Als er fertig war, machte er eine artige Verbeugung.

»Guten Abend, guten Abend«, sagte der Faun. »Entschuldigung – ich möchte nicht neugierig sein, aber gehe ich recht in der Annahme, dass du eine Evastochter bist?«

»Mein Name ist Lucy«, sagte sie, da sie ihn nicht ganz verstand.

»Aber bist du – verzeih mir – bist du das, was man ein Mädchen nennt?«, fragte der Faun.

»Natürlich bin ich ein Mädchen«, sagte Lucy.

»Dann bist du also tatsächlich ein Mensch?«

»Natürlich bin ich ein Mensch«, sagte Lucy, immer noch ein wenig verwirrt.

»Freilich, freilich«, sagte der Faun. »Wie dumm von mir! Aber ich habe nun einmal noch nie einen Adamssohn oder eine Evastochter gesehen. Ich bin entzückt. Um nicht zu sagen –«, und hier unterbrach er sich, als hätte er beinahe etwas gesagt, das er nicht sagen wollte, und sich gerade noch rechtzeitig besonnen. »Entzückt, entzückt«, fuhr er fort. »Gestatte, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Tumnus.«

»Es freut mich sehr, Sie kennen zu lernen, Herr Tumnus«, erwiderte Lucy.

»Und darf ich fragen, o Lucy Evastochter«, fuhr Herr Tumnus fort, »wie du nach Narnia gekommen bist?«

»Narnia? Was ist denn das?«, fragte Lucy.

»Dies ist das Land Narnia«, erklärte der Faun, »in dem wir uns jetzt befinden; alles, was zwischen der Laterne und dem großen Schloss Cair Paravel am Östlichen Meer liegt. Und du – bist du aus den wilden Wäldern des Westens gekommen?«

»Ich – ich bin durch den Kleiderschrank in dem leeren Zimmer hierher gelangt«, sagte Lucy.

»Ah!«, erwiderte Herr Tumnus mit bekümmerter Stimme. »Hätte ich mir nur mehr Mühe mit Geografie gegeben, als ich noch ein kleiner Faun war, dann wüsste ich sicherlich alles über diese fremden Länder. Doch jetzt ist es zu spät.«

»Aber das sind doch keine Länder«, sagte Lucy und musste beinahe lachen. »Es ist gleich da hinten – das heißt – ich weiß nicht so genau. Dort ist jetzt Sommer.«

»Derweil«, sagte Herr Tumnus, »ist es Winter in Narnia und das schon seit langer Zeit, und wir beide werden uns erkälten, wenn wir noch lange hier im Schnee stehen und uns unterhalten. Evastochter aus dem fernen Land Lerenzima, wo rings um die strahlende Stadt Claidasch-Rank ewiger Sommer herrscht, würdest du mir die Ehre erweisen, zum Tee mein Gast zu sein?«

»Herzlichen Dank, Herr Tumnus«, sagte Lucy. »Aber ich frage mich, ob ich nicht lieber zurückgehen sollte.«

»Es ist gleich hier um die Ecke«, sagte der Faun, »und dort gibt es ein prasselndes Feuer – und Toast – und Sardinen – und Kuchen.«

»Also, das ist wirklich sehr nett von Ihnen«, lenkte Lucy ein. »Aber lange werde ich nicht bleiben können.«

»Wenn du dich bei mir einhakst, Evastochter«, sagte Herr Tumnus, »kann ich den Schirm über uns beide halten. Hier entlang. Gehen wir.«

Und so wanderte Lucy mit diesem seltsamen Wesen Arm in Arm durch den Wald, als ob sie sich schon ihr Leben lang kannten.

Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie eine Stelle erreichten, wo der Boden unwegsam wurde; überall lagen Steine herum und es ging immer bergauf und bergab. In der Sohle eines kleinen Tales machte Herr Tumnus plötzlich eine scharfe Wendung zur Seite, als ginge er direkt auf einen ungewöhnlich großen Felsen zu, doch im letzten Moment merkte Lucy, dass er sie zum Eingang einer Höhle führte. Kaum waren sie drinnen, blinzelte sie in den Schein eines Holzfeuers. Herr Tumnus beugte sich hinab, nahm mit einer kleinen Zange ein flammendes Stück Holz aus dem Feuer und zündete damit eine Lampe an. »Es wird nicht lange dauern«, sagte er und setzte sogleich den Kessel auf.

Lucy fand, sie sei noch nie an einem gemütlicheren Plätzchen gewesen. Es war eine kleine, trockene, saubere Höhle aus rötlichem Gestein, mit einem Teppich auf dem Boden und zwei kleinen Stühlen (»Einer für mich und einer für Besuch«, sagte Herr Tumnus), einem Tisch, einer Kommode und einem Kaminsims über dem Feuer, über dem ein Bild von einem alten Faun mit grauem Bart hing. In einer Ecke befand sich eine Tür, die wohl in Herrn Tumnus’ Schlafzimmer führte, dachte Lucy, und an einer Wand stand ein Regal voller Bücher. Lucy betrachtete sie, während er den Teetisch deckte. Sie hatten Titel wie Leben und Briefe des Silenus oder Nymphen und ihr Brauchtum oder Menschen, Mönche und Wildhüter: Eine Untersuchung volkstümlicher Legenden oder Ist der Mensch ein Mythos?

»So, Evastochter!«, sagte der Faun.