Dienstanweisung für einen Unterteufel - C. S. Lewis - E-Book

Dienstanweisung für einen Unterteufel E-Book

C.S. Lewis

4,8

Beschreibung

Unterteufel Wormwood hat den Auftrag, Mister Spike, einen jungen englischen Gentleman, auf die schiefe Bahn zu bringen. Dabei übermittelt er den Stand seiner Bemühungen regelmäßig seinem Onkel, dem höllischen Unterstaatssekretär Screwtape. In seinen 31 Briefen gibt Onkel Screwtape seinem unerfahrenen Neffen hilfreiche Dienstanweisungen, wie man die Seele des Patienten nicht durch große, spektakuläre Sünden, sondern durch Ausnutzung alltäglicher menschlicher Schwächen zur Beute der Hölle machen kann …

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C. S. Lewis

Dienstanweisung

für einen Unterteufel

Aus dem Englischen von

Christian Rendel

Illustriert von

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe 1995 by Brendow Verlag, D-47443 Moers

Neu übersetzte und illustrierte Ausgabe des im Herder Verlag Freiburg erschienenen Taschenbuchs »Dienstanweisung für einen Unterteufel«.

Originalausgabe: The Screwtape Letters

Published by Geoffrey Bles, London, England

© CS. Lewis Pte Ltd 1942

Übersetzt von Christian Rendel

Einbandgestaltung und Illustrationen von Thomas Georg, Münster

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH ISBN 9783865064912

www.brendow-verlag.de

Inhalt

Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Zitat
Vorwort
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII
XXIII
XXIV
XXV
XXVI
XXVII
XXVIII
XXIX
XXX
XXXI

»Das beste Mittel, den Teufel auszutreiben, wenn er der Schrift nicht weichen will, ist, ihn zu verspotten und auszulachen, denn Verachtung kann er nicht ertragen.«

Luther

»Der Teufel … der hochmütige Geist … kann es nicht ertragen, verhöhnt zu werden.«

Thomas More

Vorwort

Ich habe nicht die Absicht, zu erklären, wie der Briefwechsel, den ich hiermit der Öffentlichkeit zugänglich mache, in meine Hände geraten ist.

Es gibt zwei gleich schwere, einander entgegengesetzte Irrtümer, die wir Menschen bezüglich der Teufel begehen können. Der eine besteht darin, nicht an ihre Existenz zu glauben. Der andere ist, an sie zu glauben und ein übertriebenes und ungesundes Interesse an ihnen zu zeigen. Sie selbst freuen sich über beide Irrtümer gleichermaßen und schließen den Materialisten ebenso herzlich in die Arme wie den Geisterbeschwörer. Schriftstücke wie diejenigen, die diesem Buch zugrunde liegen, kann sich jedermann leicht verschaffen, der den Kniff heraushat. Doch Leute mit zwielichtigen Absichten oder schwachen Nerven, die davon schlechten Gebrauch machen könnten, werden ihn von mir nicht lernen.

Der Leser möge nicht vergessen, dass der Teufel ein Lügner ist. Nicht alles, was Screwtape sagt, sollte für bare Münze genommen werden, nicht einmal aus seinem eigenen Blickwinkel betrachtet. Ich habe mich nicht bemüht, irgendeines der menschlichen Wesen, von denen in den Briefen die Rede ist, zu identifizieren; allerdings halte ich es für unwahrscheinlich, dass die Schilderungen etwa des Pfarrers Spike oder der Mutter des Patienten völlig fair sind. Wunschdenken gibt es in der Hölle ebenso wie auf der Erde.

Zum Schluss sollte ich noch hinzufügen, dass kein Versuch unternommen wurde, die Briefe in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. Nummer XVII scheint abgefasst worden zu sein, bevor die Lebensmittelrationierungen ein ernstes Ausmaß annahmen. Im Allgemeinen jedoch scheint die diabolische Datierungsweise keinerlei Bezug zur irdischen Zeitrechnung zu haben, und ich habe nicht versucht, sie wiederzugeben. Die Geschichte des europäischen Krieges scheint, soweit sie nicht hier und da auf den geistlichen Zustand eines einzigen menschlichen Wesens eingewirkt hat, für Screwtape von keinerlei Interesse gewesen zu sein.

C. S. LEWIS

Magdalen College, Oxford

5. Juli 1941

I

Mein lieber Wormwood, ich habe zur Kenntnis genommen, dass du deinen Patienten in seiner Lektüre beeinflusst und dafür sorgst, dass er viel Zeit mit seinem materialistischen Freund verbringt. Aber bist du da nicht etwas naiv? Das klingt ja, als glaubtest du, ihn durch Argumente dem Zugriff des Feindes entziehen zu können. Das wäre vielleicht noch möglich gewesen, wenn er vor ein paar Jahrhunderten gelebt hätte. Damals wussten die Menschen immer noch ziemlich genau, wann etwas bewiesen war und wann nicht; und wenn etwas bewiesen war, dann glaubten sie auch wirklich daran. Sie brachten ihr Denken noch mit ihrem Tun in Zusammenhang und waren bereit, auf Grund eines logischen Gedankenganges ihre Lebensweise zu ändern. Doch mithilfe der wöchentlichen Presse und anderer derartiger Waffen haben wir das gründlich geändert.

Dein Mann ist, seit er ein Junge war, daran gewöhnt worden, dass ihm ein Dutzend einander widersprechende Philosophien im Kopf herumtanzen. Eine Lehre betrachtet er nicht in erster Linie als »wahr« oder »falsch«, sondern als »akademisch« oder »pragmatisch« oder »fortschrittlich« oder »konventionell« oder »radikal«. Nicht Argumente, sondern Jargon ist dein bester Verbündeter, wenn es darum geht, ihn von der Kirche fern zu halten. Verschwende deine Zeit nicht damit, ihm einreden zu wollen, der Materialismus sei wahr! Rede ihm ein, er sei stark oder illusionslos oder mutig – er sei die Philosophie der Zukunft. Das sind die Dinge, die ihm wichtig sind.

Das Lästige am Argumentieren ist, dass es den ganzen Kampf auf den Boden des Feindes verlagert. Argumentieren kann er auch; in der wahrhaft pragmatischen Propaganda hingegen, von der ich spreche, hat er sich seit Jahrhunderten Unserem Vater in der Tiefe als weit unterlegen erwiesen. Schon dadurch, dass du argumentierst, weckst du die Vernunft des Patienten, und wenn die erst einmal erwacht ist, wer kann dann die Folgen absehen?

Selbst wenn dieser oder jener Gedankengang so verdreht werden kann, dass er zu unseren Gunsten endet, wirst du feststellen, dass du in deinem Patienten die fatale Gewohnheit gestärkt hast, sich mit Fragen von universaler Bedeutung zu beschäftigen und seine Aufmerksamkeit vom Strom der unmittelbaren Sinneseindrücke abzuziehen.

Deine Aufgabe ist es dagegen, seine Aufmerksamkeit genau an diesen Strom zu binden. Bring ihn dazu, ihn für »das wirkliche Leben« zu halten, und lass ihm nicht in den Sinn kommen, sich zu fragen, was er mit »wirklich« meint.

Vergiss nicht, dass er nicht reiner Geist ist wie du. Da du nie ein Mensch gewesen bist (o dieser abscheuliche Vorteil des Feindes!), kannst du nicht nachempfinden, wie sehr sie dem Druck des Alltäglichen unterworfen sind.

Ich hatte einmal einen Patienten, einen waschechten Atheisten, der regelmäßig ins Britische Museum ging, um dort zu lesen. Eines Tages, als er über seinen Büchern saß, bemerkte ich, wie ein Gedankengang in seinem Kopf in die falsche Richtung zu laufen begann. Natürlich war der Feind sofort an seiner Seite. Bevor ich wusste, wie mir geschah, sah ich das Ergebnis meiner zwanzigjährigen Mühe ins Wanken geraten. Hätte ich den Kopf verloren und eine Abwehr durch Argumente versucht, wäre ich erledigt gewesen. Aber so töricht war ich nicht.

Ich schlug sofort an der Stelle des Mannes zu, die ich am sichersten in meiner Hand hatte, und flüsterte ihm ein, es sei an der Zeit für einen kleinen Imbiss. Der Feind machte vermutlich den Gegenvorschlag (hast du auch schon bemerkt, dass man nie völlig belauschen kann, was er zu ihnen sagt?), dies hier sei wichtiger als das Mittagessen. Zumindest glaube ich, dass das seine Stoßrichtung war, denn als ich sagte: »Völlig richtig. Sogar viel zu wichtig, um es noch am Ende eines Vormittages in Angriff zu nehmen«, hellte sich das Gesicht des Patienten sichtlich auf; und als ich hinzugefügt hatte: »Es wäre viel besser, nach dem Essen zurückzukommen und sich der Sache mit frischem Geist zu widmen«, war er schon auf halbem Weg zum Ausgang. Kaum stand er auf der Straße, hatte ich die Schlacht gewonnen.

Ich zeigte ihm einen Zeitungsjungen, der die Mittagsausgabe ausrief, und einen vorbeifahrenden Bus der Linie 73, und noch bevor er die Stufen hinabgestiegen war, hatte ich ihm die unerschütterliche Überzeugung eingetrichtert, dass, was für seltsame Gedanken auch immer einem Mann durch den Kopf gehen mochten, wenn er allein über seinen Büchern hockte, eine gesunde Dosis »wirklichen Lebens« (womit er den Bus und den Zeitungsjungen meinte) genügte, um ihm vor Augen zu führen, dass »solche Dinge« einfach nicht wahr sein konnten.

Er wusste, dass er nur knapp entkommen war, und sprach in späteren Jahren gern von »jenem undefinierbaren Sinn für das Wirkliche, der unsere letzte Rettung vor den Verirrungen reiner Logik ist«. Heute haben wir ihn sicher im Haus Unseres Vaters.

Verstehst du, worauf es ankommt? Dank den Vorgängen, die wir schon vor Jahrhunderten in ihnen in Gang brachten, ist es ihnen nahezu unmöglich, an das Außergewöhnliche zu glauben, solange das Gewöhnliche ihnen vor Augen steht.

Trichtere ihm immer wieder die Gewöhnlichkeit aller Dinge ein. Vor allem aber versuche niemals, die Wissenschaften (die echten Wissenschaften, meine ich) als Abwehr gegen das Christentum zu verwenden. Die würden ihn geradezu ermutigen, über Wirklichkeiten nachzudenken, die er nicht anfassen oder sehen kann. Es hat da traurige Fälle unter modernen Physikern gegeben.

Wenn er schon in der Wissenschaft herumtappen muss, dann lenke ihn auf die Wirtschaftswissenschaft oder die Soziologie. Lass ja nicht zu, dass er sich von jenem unschätzbaren »wirklichen Leben« entfernt. Am besten jedoch wäre es, wenn du ihn gar keine wissenschaftlichen Bücher lesen ließest, sondern ihm nur das großartige allgemeine Gefühl gäbest, er wüsste über alles Bescheid und alles, was er in beiläufigen Gesprächen und oberflächlicher Lektüre aufgeschnappt habe, wären die »neuesten Forschungsergebnisse«.

Vergiss nicht, dass du dazu da bist, ihn zu verwirren. Wenn man manche von euch jungen Teufeln reden hört, könnte man meinen, unsere Aufgabe sei es, zu lehren!

Herzlichst,

Dein Onkel Screwtape

II

Mein lieber Wormwood, ich höre mit großem Missvergnügen, dass dein Patient Christ geworden ist. Gib dich nicht der Hoffnung hin, du könntest der üblichen Strafe entgehen; ja, in deinen besseren Momenten, so hoffe ich, wirst du dir das nicht einmal wünschen. Inzwischen müssen wir das Beste aus der Situation machen. Es besteht kein Grund zur Verzweiflung; schon Hunderte dieser erwachsenen Bekehrten konnten nach kurzem Aufenthalt im Lager des Feindes zurückgewonnen werden und sind nun bei uns. Sämtliche Gewohnheiten des Patienten, die geistigen wie die körperlichen, sprechen immer noch zu unseren Gunsten.

Eine unserer besten Verbündeten ist gegenwärtig die Kirche selbst. Verstehe mich nicht falsch. Ich meine damit nicht die Kirche, wie wir sie sehen, ausgebreitet durch alle Zeit und allen Raum und verwurzelt in der Ewigkeit, schrecklich wie eine Armee mit wehenden Fahnen. Die ist, wie ich bekennen muss, ein Anblick, bei dem selbst unseren kühnsten Versuchern unbehaglich wird.

Für diese Menschen jedoch ist sie glücklicherweise völlig unsichtbar. Was dein Patient sieht, ist lediglich die halb vollendete pseudo-gothische Konstruktion in der neuen Wohnsiedlung. Sobald er sie betritt, sieht er den Lebensmittelhändler aus der Nachbarschaft mit salbungsvollem Gesicht auf sich zu eilen, um ihm ein glänzendes Büchlein mit einer Liturgie zu reichen, die keiner von beiden versteht, sowie ein anderes, schäbiges Büchlein mit verfälschten Texten einer Anzahl religiöser Lieder, die meisten von schlechter Qualität und in winzigem Druck.

Wenn er seinen Platz erreicht und sich umschaut, erblickt er eine Auswahl genau jener Nachbarn, denen er bisher aus dem Weg gegangen ist. Auf diese Nachbarn musst du dich besonders stützen. Lass seine Gedanken hin- und herflattern zwischen Ausdrücken wie »der Leib Christi« und den wirklichen Gesichtern auf der nächsten Kirchenbank. Natürlich spielt es dabei kaum eine Rolle, was für Leute tatsächlich auf jener nächsten Kirchenbank sitzen. Vielleicht kennst du sogar einen von ihnen als großen Kämpfer auf der Seite des Feindes. Ganz gleich.

Dank Unserem Vater in der Tiefe ist dein Patient ein Dummkopf. Es braucht nur einer von diesen Nachbarn falsch zu singen, quietschende Stiefel zu tragen, ein Doppelkinn zu haben oder merkwürdig gekleidet zu sein, und schon wird dein Patient ganz leicht zu der Auffassung kommen, dass ihre Religion aus diesem Grund etwas Lächerliches an sich haben müsse. Im gegenwärtigen Stadium hat er nämlich eine Vorstellung von »Christen« im Kopf, die er für geistlich hält, die aber in Wirklichkeit weitgehend visuell ist.

Seine Gedanken sind voll von Togen und Sandalen und Rüstungen und bloßen Beinen, und allein die Tatsache, dass die anderen Leute in der Kirche moderne Kleidung tragen, stellt eine wirkliche – wenn auch unbewusste – Schwierigkeit für ihn dar. Lass sie nie an die Oberfläche kommen. Lass ihn niemals fragen, was er denn erwartet hat, wie sie aussehen würden. Achte darauf, dass jetzt alles in seinen Gedanken nebelhaft bleibt, und du wirst dich die ganze Ewigkeit hindurch damit amüsieren können, in ihm die besondere Art von Klarheit hervorzubringen, die nur in der Hölle zu finden ist.

Arbeite also hart an der Enttäuschung oder Ernüchterung, die den Patienten während seiner ersten Wochen als Glied der Kirche mit Sicherheit erwartet. Der Feind lässt zu, dass es an der Schwelle zu jedem menschlichen Unterfangen zu dieser Enttäuschung kommt.

Sie erwartet den Jungen, der im Kinderzimmer von den Geschichten aus der Odyssee bezaubert war und sich nun hinsetzt, um tatsächlich Griechisch zu lernen. Sie erwartet die Liebenden, die geheiratet haben und sich nun wirklich an die Aufgabe machen, zusammenzuleben. In jedem Bereich des Lebens markiert sie den Übergang von der Zukunftsträumerei zum mühevollen Tun.

Der Feind nimmt dieses Risiko auf sich, weil er sich die seltsame Idee in den Kopf gesetzt hat, all dieses widerwärtige kleine menschliche Ungeziefer dazu zu bringen, ihn als »freie« Wesen zu lieben und ihm zu dienen, wie er es nennt. »Söhne« ist das Wort, das er gebraucht in seiner tief verwurzelten Neigung, die ganze spirituelle Welt durch die unnatürliche Verbindung mit diesen zweibeinigen Tieren zu erniedrigen.

Da er ihre Freiheit wünscht, verzichtet er darauf, sie lediglich durch ihre Neigungen und Gewohnheiten an die Ziele zu bringen, die er ihnen setzt: Er überlässt es ihnen, diese Ziele selbst zu erreichen. Und darin liegt unsere Möglichkeit. Aber genau dort, vergiss das nicht, liegt auch unsere Gefahr. Haben sie erst einmal diese anfängliche Dürrezeit erfolgreich hinter sich gebracht, werden sie viel unabhängiger von Emotionen und sind darum viel schwerer in Versuchung zu bringen.

Ich bin im bisherigen von der Annahme ausgegangen, dass die Leute in der nächsten Kirchenbank keinen vernünftigen Anlass zur Enttäuschung bieten. Freilich, wenn sie das tun – wenn der Patient etwa weiß, dass die Frau mit dem absurden Hut eine fanatische Bridge-Spielerin ist oder der Mann mit den quietschenden Stiefeln ein Geizkragen und Erpresser –, dann ist deine Aufgabe umso leichter. Dann brauchst du ihn nur noch davon abzuhalten, sich zu fragen: »Wenn ich, so, wie ich bin, mich in gewissem Sinn als Christ betrachten kann, warum sollten die verschiedenen Laster jener Leute in der nächsten Kirchenbank beweisen, dass ihre Religion nur Heuchelei und Tradition ist?«

Du fragst vielleicht, ob es möglich ist, selbst einen Menschen davon abzuhalten, auf einen so offensichtlichen Gedanken zu kommen. Es ist möglich, Wormwood, es ist möglich! Behandle ihn nur richtig, und es wird ihm einfach nicht in den Sinn kommen. Er ist noch nicht annähernd lange genug beim Feind, um schon so etwas wie wirkliche Demut zu empfinden. Was er über seine eigene Sündhaftigkeit sagt, selbst auf den Knien, ist alles nur Papageiengeschwätz. Innerlich glaubt er noch, er hätte sich ein beträchtliches Plus im Kontenbuch des Feindes erworben, indem er sich bekehren ließ. Er meint sogar, er beweise große Demut und Herablassung, indem er überhaupt mit diesen »selbstgefälligen«, gewöhnlichen Nachbarn in die Kirche geht. In dieser Geistesverfassung musst du ihn festhalten, so lange du kannst.

Herzlichst,

Dein Onkel Screwtape

III

Mein lieber Wormwood, ich bin sehr erfreut über das, was du mir über die Beziehung dieses Mannes zu seiner Mutter berichtest. Aber du musst deinen Vorteil zu nutzen wissen. Der Feind wird von der Mitte her nach außen arbeiten und nach und nach immer mehr Verhaltensweisen des Patienten unter den neuen Maßstab bringen, und er könnte jeden Moment sein Benehmen gegenüber der alten Dame in Angriff nehmen. Dem musst du zuvorkommen.

Halte engen Kontakt mit unserem Kollegen Glubose, der die Mutter betreut. Sorgt gemeinsam in jenem Haus für eine gute, eingespielte Gewohnheit gegenseitiger Ärgernisse, täglicher Nadelstiche. Die folgenden Methoden werden dir von Nutzen sein.

1. Fessele sein Denken an sein Innenleben. Er glaubt, seine Bekehrung sei etwas in seinem Innern. Deshalb ist seine Aufmerksamkeit im Moment auf seine eigenen Geisteszustände gerichtet – oder besser auf eine stark bereinigte Version seiner Geisteszustände, denn mehr solltest du ihn nicht zu Gesicht bekommen lassen. Bestärke ihn darin. Halte ihn von den elementaren Pflichten fern, indem du seinen Blick auf die hohen und hochgeistlichen lenkst. Verstärke jene höchst nützliche menschliche Eigenschaft, das Offensichtliche zu verabscheuen und zu vernachlässigen.

Du musst ihn in einen Zustand versetzen, in dem er sich eine Stunde lang der Selbstprüfung unterziehen kann, ohne auch nur eine jener Tatsachen über sich selbst zu entdecken, die für jeden, der je mit ihm unter einem Dach gewohnt oder im selben Büro gearbeitet hat, völlig offensichtlich sind.

2. Es ist zweifellos unmöglich, zu verhindern, dass er für seine Mutter betet, aber wir haben Mittel und Wege, um diese Gebete unschädlich zu machen. Sorge dafür, dass sie immer sehr »geistlich« sind, dass sie sich stets um den Zustand ihrer Seele und niemals um ihren Rheumatismus drehen. Das bringt zwei Vorteile mit sich.

Erstens wird dadurch seine Aufmerksamkeit an das gebunden, was er als ihre Sünden betrachtet, womit er mit ein wenig Anleitung von dir leicht alle Dinge meinen wird, die für ihn selbst unbequem oder ärgerlich sind. So kannst du, noch während er auf den Knien liegt, etwas Salz in die Wunden des Tages reiben. Diese Operation ist gar nicht schwierig, und du wirst sie sehr unterhaltsam finden.

Zweitens wird er, da seine Vorstellung von ihrer Seele sehr unklar und oft falsch sein wird, bis zu einem gewissen Grad für eine imaginäre Person beten. Deine Aufgabe wird es sein, diese imaginäre Person der wirklichen Mutter – jener scharfzüngigen alten Dame am Frühstückstisch – mit jedem Tag unähnlicher werden zu lassen.

Mit der Zeit kannst du diese Kluft so verbreitern, dass kein Gedanke oder Gefühl aus seinen Gebeten für die eingebildete Mutter jemals Auswirkungen darauf hat, wie er sich der wirklichen gegenüber verhält. Meine eigenen Patienten hatte ich zum Teil so gut in der Hand, dass sie von einem Moment zum anderen vom leidenschaftlichen Gebet für die »Seele« ihrer Frau oder ihres Sohnes dazu gebracht werden konnten, die wirkliche Frau oder den wirklichen Sohn ohne Gewissensbisse zu schlagen oder zu beschimpfen.

3. Wenn zwei Menschen seit vielen Jahren zusammenleben, ist es gewöhnlich so, dass jeder Tonfälle oder Gesichtsausdrücke an sich hat, die dem anderen nahezu unerträglich auf die Nerven gehen. Mach dir das zunutze.

Bringe deinem Patienten jene charakteristische Hebung der Augenbraue seiner Mutter, die er schon als kleines Kind zu verabscheuen lernte, zu vollem Bewusstsein, und lass ihn darüber nachdenken, wie sehr er sie verabscheut. Lass ihn annehmen, sie wüsste, wie sehr es ihn ärgert, und täte es nur, um ihn zu ärgern – wenn du dein Handwerk verstehst, wird er nicht bemerken, wie grenzenlos unwahrscheinlich diese Annahme ist. Und natürlich darfst du nicht zulassen, dass ihm dämmert, er selbst könnte Tonfälle und Gesichtsausdrücke an sich haben, die für sie ebenso ärgerlich sind. Da er sich selbst nicht sehen oder hören kann, lässt sich das leicht bewerkstelligen.

4. Im zivilisierten Leben drückt sich häuslicher Hass normalerweise dadurch aus, dass man Dinge sagt, die auf Papier ganz harmlos wirken würden (die Worte an sich sind nicht anstößig), aber sie in einem solchen Tonfall oder in einem solchen Augenblick sagt, dass sie kaum weniger schmerzen als ein Schlag ins Gesicht.

Um dieses Spiel in Gang zu halten, müssen Glubose und du dafür sorgen, dass jeder dieser beiden Dummköpfe eine Art Doppelmoral anwendet. Dein Patient muss verlangen, dass all seine eigenen Äußerungen für bare Münze genommen und lediglich nach ihrer tatsächlichen Formulierung beurteilt werden, während er gleichzeitig alle Äußerungen seiner Mutter unter gründlichster und überempfindlichster Deutung des Tonfalls, des Zusammenhangs und der vermuteten Absicht beurteilt. Indessen muss sie darin bestärkt werden, es umgekehrt genauso zu machen.

So können beide überzeugt – oder nahezu überzeugt – von ihrer völligen Schuldlosigkeit aus jedem Streit hervorgehen. Du weißt, was ich meine: »Ich frage sie lediglich, um welche Uhrzeit wir essen wollen, und sie bekommt einen Wutanfall.« Wenn sich diese Gewohnheit erst einmal eingespielt hat, hast du die köstliche Situation, dass ein Mensch Dinge sagt mit der ausdrücklichen Absicht, zu beleidigen, und sich dann beschwert, wenn der andere beleidigt ist.

Übrigens, ich wüsste gerne mehr über die religiöse Einstellung der alten Dame. Empfindet sie vielleicht eine gewisse Eifersucht über den neuen Faktor im Leben ihres Sohnes? Ist sie pikiert darüber, dass er von anderen, und erst so spät, gelernt hat, was er ihrer Meinung nach schon als Kind von ihr selbst viel besser hätte lernen können? Meint sie, er mache zu viel »Wirbel« darum – oder ihm werde der Zugang allzu leicht gemacht? Erinnere dich an den älteren Bruder in jener Geschichte des Feindes.

Herzlichst,

Dein Onkel Screwtape