Die böse Macht - C. S. Lewis - E-Book

Die böse Macht E-Book

C.S. Lewis

4,5

Beschreibung

Die unfreiwillige Reise des gelehrten Helden Ransom geht zunächst nach Malakranda (Mars) und Perelandra (Venus), wo aufstrebende, rücksichtslose Forscher Anregungen für die Fortentwicklung der Menschheit zu finden hoffen. Zuletzt wird die Erde selbst zum Zentrum des apokalyptischen Endkampfs zwischen Gut und Böse im Universum. Mit der „Perelandra-Trilogie“ hat C.S. Lewis einen Gegenentwurf zu H.G. Wells „Krieg der Welten“ entworfen. Die Guten, das sind die anderen, die ganz Fremden, die dem Leser in ihrer detaillierten Charakterisierung und Tiefenschärfe wie lebendig vor Augen treten. Entstanden ist die Trilogie in den Jahren zwischen 1938 und 1945, aber nach wie vor aktuell in Fragen der Ethik und wissenschaftlichen Machbarkeit. C.S. Lewis, der Wegbereiter der modernen Fantasy, verwebt in seinem Epos großartige Bilder und Ideen mit Themen des Alten Testaments oder der Artus –Sage, erfindet neue Mythen und Deutungsmuster und unterhält spannend bis zur letzten Seite.

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Die Perelandra-Trilogie

Dritter Band

Die böse Macht

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

eISBN 9783865064301

© 2005 für diese Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Vollständige, ungekürzte Ausgabe. Übersetzung von Walter Brumm

Neubearbeitung von Nicola Volland

© der deutschen Übersetzung: Thienemann Verlag, 1990

THAT HIDEOUS STRENGTH previously published in paperback

by Voyager 2000. First published in Great Britain by John Lane

(The Bodley Head) Ltd 1945

Copyright © C. S. Lewis Pte Ltd 1945

Einbandgestaltung: BrendowCreativ, Moers

Titelmotiv: GettyImages, München

www.brendow-verlag.de

Inhalt

Cover

Titelseite

Impressum

Vorwort

1 Verkauf von Universitätsgelände

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2 Abendessen beim Vizerektor

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3 Belbury und St. Anne’s on the Hill

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4 Die Beseitigung von Anachronismen

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5 Flexibilität

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6 Nebel

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7 Der Pendragon

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8 Mondschein über Belbury

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9 Der Kopf des Sarazenen

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10 Die eroberte Stadt

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11 Der Kampf beginnt

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12 Nacht in Wind und Regen

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13 Sie haben den Zorn der Himmelstiefen

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14 Das wahre Leben ist Begegnung

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15 Die Herabkunft der Götter

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16 Bankett in Belbury

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17 Venus in St. Anne’s

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Vorwort

Ich habe dieses Buch ein Märchen genannt, damit nicht diejenigen, die keine fantastische Literatur mögen, von den ersten beiden Kapiteln zum Weiterlesen verführt werden und sich dann hinterher enttäuscht beklagen. Wenn Sie fragen, warum ich – wenn ich über Zauberer, Teufel, pantomimische Tiere und planetarische Engel schreiben will – dennoch mit ganz alltäglichen Szenen und Personen beginne, dann antworte ich, dass ich damit nur der Form des herkömmlichen Märchens folge. Wir erkennen diese Form nicht immer sogleich, weil die Hütten und Schlösser, die Holzfäller und Könige uns heute ebenso fern liegen wie die Hexen und Ungeheuer, mit denen das Märchen dann fortfährt. Doch den Menschen, die die Geschichten ersonnen und sich als Erste daran erfreut haben, waren diese Dinge ganz und gar nicht fremd. Sie waren für diese Leute sogar wirklicher und alltäglicher, als Bracton College für mich ist: denn viele deutsche Bauern hatten selbst grausame Stiefmütter, während ich an keiner Universität ein College wie Bracton angetroffen habe. Dies ist eine unglaubliche Geschichte über Teufelswerk, doch dahinter steht eine ernste Absicht, die ich in meinem Buch Die Abschaffung des Menschen darzustellen versucht habe. In der Geschichte sollte gezeigt werden, wie der äußere Rand dieses Teufelswerks das Leben eines gewöhnlichen und geachteten Berufsstandes berührt. Meinen eigenen Beruf habe ich selbstverständlich nicht deshalb gewählt, weil ich etwa dächte, Universitätslehrer erlägen einem solch verderblichen Einfluss eher als andere, sondern weil mein eigener Beruf der einzige ist, den ich gut genug kenne, um darüber schreiben zu können. Ich habe mir eine sehr kleine Universität ausgedacht, weil das für einen Roman bestimmte Vorteile bietet. Edgestow hat, abgesehen von der Größe, keinerlei Ähnlichkeit mit Durham, einer Universität, mit der ich nur Angenehmes verbinde.

Einen der zentralen Gedanken dieser Erzählung verdanke ich Gesprächen, geführt mit einem wissenschaftlichen Kollegen, einige Zeit bevor ich in Olaf Stapledons Werken auf eine ähnliche Anregung stieß. Sollte ich in diesem Punkte irren, so ist Herr Stapledon doch so reich an Einfällen, dass er ohne weiteres einen davon ausleihen kann; und ich bewundere seinen Einfallsreichtum (wenn auch nicht seine Philosophie) so sehr, dass ich mich einer Anleihe keineswegs schäme.

Wer gerne mehr über Numinor und den Wahren Westen erfahren möchte, muss (leider!) die Veröffentlichung dessen abwarten, was bislang nur in den Manuskripten meines Freundes J. R. R. Tolkien existiert.

Der vorliegende Roman spielt irgendwann in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Er beschließt die Trilogie, deren erster Band Jenseits des schweigenden Sterns und deren zweiter Band Perelandra war, kann aber auch für sich gelesen werden.

Magdalen College, Oxford

C. S. Lewis

Weihnachtsabend 1943

1 Verkauf von Universitätsgelände

»Und drittens wurde die Ehe eingesetzt«, murmelte Jane Studock vor sich hin, »damit jeder des anderen Gesellschaft, Stütze und Trost sei.« Seit ihrer Schulzeit war sie nicht mehr in der Kirche gewesen, bis sie vor einem halben Jahr dort die Ehe geschlossen hatte, und die Worte des Gottesdienstes hafteten ihr noch immer im Gedächtnis.

Durch die offene Tür konnte sie die winzige Küche der Wohnung sehen und das laute, unangenehme Ticken der Uhr hören. Sie war gerade aus der Küche gekommen und wusste, wie ordentlich es dort war. Das Frühstücksgeschirr war gespült, die Tücher hingen über dem Herd, und der Boden war aufgewischt. Die Betten waren gemacht und die Zimmer aufgeräumt. Den einzigen Einkauf, der an diesem Tag nötig war, hatte sie getätigt, und es war erst eine Minute vor elf. Sie musste sich nur noch selbst ein Mittagessen und den Tee bereiten, ansonsten hatte sie bis sechs Uhr nichts mehr zu tun, selbst wenn sie davon ausging, dass Mark zum Abendessen nach Hause käme. Aber heute war im College eine Sitzung anberaumt. Sehr wahrscheinlich würde Mark zur Teestunde anrufen und sagen, dass die Sitzung länger als erwartet dauere und er im College werde essen müssen. Die Stunden, die vor ihr lagen, waren leer wie die Wohnung. Die Sonne schien, und die Uhr tickte.

»Gesellschaft, Stütze und Trost«, sagte Jane bitter. In Wahrheit hatte die Ehe sich als eine Tür erwiesen, die aus einer Welt voller Arbeit und Kameradschaft, Frohsinn und Geschäftigkeit in eine Art Einzelhaft geführt hatte. In den Jahren vor ihrer Heirat hatte sie nie so wenig von Mark gesehen wie in den vergangenen sechs Monaten. Selbst wenn er zu Hause war, sprach er fast nie. Immer war er entweder müde oder in Gedanken. Solange sie Freunde gewesen waren, und auch später als Liebespaar, hatten sie geglaubt, das Leben sei zu kurz für all das, was sie einander zu sagen hatten. Aber nun … Warum hatte er sie überhaupt geheiratet? Liebte er sie noch? Dann musste Liebe für Männer etwas ganz anderes sein als für

Frauen. War es die bittere Wahrheit, dass all die endlosen Gespräche, die ihr selbst vor der Ehe als das eigentliche Medium der Liebe erschienen waren, für ihn nicht mehr als ein Vorspiel gewesen waren?

»Schon wieder bin ich drauf und dran, einen Tag zu vertrödeln«, tadelte sie sich. »Ich muss etwas arbeiten.« Damit meinte sie ihre Doktorarbeit über den Dichter John Donne. Sie hatte vorgehabt, auch als verheiratete Frau ihre wissenschaftliche Karriere fortzusetzen; dies war einer der Gründe, warum sie, wenigstens auf absehbare Zeit, keine Kinder haben wollten. Jane war keine sehr originelle Denkerin; sie hatte vorgehabt, besonderes Gewicht auf Donnes ›triumphale Aufwertung des Körpers‹ zu legen. Sie glaubte noch immer, ihre einstige Begeisterung für diesen Gegenstand werde wieder erwachen, wenn sie erst alle ihre Aufzeichnungen und Bücher hervorgeholt und sich ernsthaft an die Arbeit gemacht hätte. Doch zunächst einmal, vielleicht um den Arbeitsbeginn ein wenig hinauszuschieben, drehte sie eine Zeitung um, die auf dem Tisch lag, und überflog die letzte Seite.

In dem Augenblick, in dem sie das Bild sah, fiel ihr der Traum ein. Sie erinnerte sich nicht nur an den Traum, sondern auch daran, wie sie aus dem Bett gekrochen war und eine endlos lange Zeit im Sitzen auf die ersten Anzeichen des Morgens gewartet hatte; aus Angst, Mark könnte wach werden und sich unnötig aufregen, hatte sie kein Licht gemacht; dennoch kränkte sie das Geräusch seines gleichmäßigen Atems. Er hatte einen ausgezeichneten Schlaf. Nur eins schien im Stande, ihn wach zu halten, nachdem er zu Bett gegangen war, und auch das nicht lange.

Der Schrecken dieses Traums wird sich wie die Schrecken der meisten Träume mit dem Erzählen verflüchtigen, aber um der folgenden Ereignisse willen muss er festgehalten werden.

Zu Anfang hatte sie nur ein Gesicht gesehen. Es war ein fremdländisches Gesicht, bärtig und eher gelb, mit einer Hakennase. Seine Miene machte Angst, weil sie selbst Angst ausdrückte. Der Unterkiefer hing herab, und die Augen stierten wie die Augen eines Menschen, der im Augenblick unter dem Eindruck eines jähen Schockes steht. Nur schien dieses Gesicht einem stundenlangen Schock ausgesetzt. Dann sah

sie allmählich mehr. Das Gesicht gehörte einem Mann, der zusammengekauert in der Ecke eines kleinen viereckigen Raumes mit weiß getünchten Wänden hockte und offenbar darauf wartete, dass diejenigen, in deren Gewalt er sich befand, hereinkommen und ihm irgendetwas Schreckliches antun würden. Schließlich wurde die Tür geöffnet, und ein recht gut aussehender Mann mit grauem Spitzbart kam herein. Der Gefangene schien in ihm einen alten Bekannten wieder zu erkennen, und sie setzten sich zusammen und begannen zu sprechen. In allen Träumen, die Jane bisher geträumt hatte, verstand man entweder, was die Traumgestalten sagten, oder man hörte es nicht. Aber in diesem Traum – und das machte ihn außerordentlich realistisch – wurde das Gespräch auf Französisch geführt, und Jane verstand einzelne Brocken, keineswegs alles, genau wie es im wirklichen Leben gewesen wäre. Der Besucher erzählte dem Gefangenen etwas, das dieser anscheinend als gute Nachricht betrachten sollte. Und der Gefangene blickte zuerst auch mit einem Hoffnungsschimmer in den Augen auf und sagte: »Tiens … ah … ça marche«, aber dann wurde er unsicher und schien seine Meinung zu ändern. Der Besucher redete weiter mit leiser, gleichmäßiger Stimme auf ihn ein. Er war ein gut aussehender Mann von einer eher kühlen Art, er trug einen Kneifer, in dessen Gläsern sich das Licht spiegelte und seine Augen verbarg. Dies und die beinahe unnatürliche Vollkommenheit seiner Zähne mach-ten auf Jane einen irgendwie unangenehmen Eindruck. Dieser wurde noch verstärkt von der wachsenden Unruhe und schließlich dem Entsetzen des Gefangenen. Jane konnte nicht verstehen, was der Besucher dem Mann vorschlug, aber sie hörte heraus, dass der Gefangene zum Tode verurteilt worden war. Was immer der Besucher ihm anbot, es schien den anderen mehr zu ängstigen als der Gedanke an die Hinrichtung. An diesem Punkt verlor der Traum allen Anschein von Wirklichkeitsnähe und wurde zu einem gewöhnlichen Albtraum. Der Besucher rückte seinen Kneifer zurecht, lächelte weiter sein kühles Lächeln und fasste den Kopf des Gefangenen mit beiden Händen. Er drehte ihn mit einem scharfen Ruck herum und schraubte ihn ab – wie einen Taucherhelm. Der Besucher nahm den Kopf des Gefangenen mit, und dann ging alles durcheinander. Der Kopf stand zwar noch immer im Mittelpunkt des Traums, aber jetzt war es ein ganz anderer Kopf – ein Kopf mit einem wallenden weißen Bart, der über und über mit Erde bedeckt war. Er gehörte einem alten Mann, den irgendwelche Leute in einer Art Friedhof ausgruben – einem alten Briten, einer Art Druiden in einem langen Umhang. Jane dachte sich anfangs nicht viel dabei, weil sie glaubte, es sei ein Leichnam. Doch plötzlich merkte sie, dass dieses alte Ding zum Leben erwachte. »Passt auf!«, rief sie in ihrem Traum. »Er lebt. Halt! Halt! Ihr weckt ihn.« Aber die Leute kümmerten sich nicht um sie. Der ausgegrabene alte Mann richtete sich auf und begann, in einer Sprache zu reden, die ein wenig wie Spanisch klang. Und dies erschreckte Jane aus irgendeinem Grund so sehr, dass sie erwachte.

Das war der Traum, nicht schlimmer, aber auch nicht besser als viele andere Albträume. Doch es war nicht die bloße Erinnerung daran, die das Wohnzimmer vor ihren Augen verschwimmen ließ, sodass sie sich rasch setzen musste, um nicht hinzufallen. Die Anwandlung hatte einen anderen Grund. Dort, auf der Rückseite der Zeitung, war der Kopf, den sie im Albtraum gesehen hatte: der erste Kopf (wenn es überhaupt zwei gewesen waren) – der Kopf des Gefangenen. Mit äußerstem Widerwillen nahm sie die Zeitung vom Tisch. »Alcasans Hinrichtung«, lautete die Überschrift, und darunter hieß es: »Wissenschaftlicher Blaubart kommt unter die Guillotine«. Sie erinnerte sich undeutlich, den Fall verfolgt zu haben. Alcasan war ein bekannter Radiologe in einem Nachbarland – arabischer Abstammung, wie es hieß –, der seine Frau vergiftet und damit seine glänzende Karriere zerstört hatte. Daher also kam ihr Traum. Sie musste sich dieses Zeitungsfoto – der Mann hatte wirklich ein sehr unangenehmes Gesicht – angesehen haben, bevor sie zu Bett gegangen war. Aber nein, das konnte nicht sein. Die Zeitung war von diesem Morgen. Nun, dann hatte sie wohl vorher schon einmal ein Bild gesehen und es wieder vergessen – wahrscheinlich vor Wochen, als der Prozess begonnen hatte. Es war albern, sich so darüber aufzuregen. Und jetzt zu Donne. Mal sehen, wo waren wir stehen geblieben? An der zweifelhaften Stelle am Schluss der Alchimie der Liebe:

Nicht auf Verstand bei Frauen hoffe;

an Süßigkeit und Witz im besten Falle reich,

sind sie doch nur beseeltem Wachse gleich.

»Nicht auf Verstand bei Frauen hoffe.« Gab es Männer, die wirklich Frauen mit Verstand wollten? Aber darum ging es nicht. »Ich muss wieder lernen, mich zu konzentrieren«, sagte Jane zu sich selbst, und dann: »Habe ich wirklich schon früher ein Bild von diesem Alcasan gesehen? Angenommen …«

Fünf Minuten später schob sie ihre Bücher beiseite, ging zum Spiegel, setzte ihren Hut auf und verließ das Haus. Sie wusste nicht genau, wohin sie wollte. Irgendwohin, nur fort aus diesem Zimmer, dieser Wohnung, diesem ganzen Haus.

2 _______

Mark ging unterdessen zum Bracton College hinunter und dachte an ganz andere Dinge. Er bemerkte nichts von der morgendlichen Schönheit der kleinen Straße, die ihn von dem höher gelegenen Vorort, in dem er und Jane wohnten, zur Stadtmitte und zum Universitätsviertel von Edgestow hinabführte.

Obwohl ich in Oxford studiert habe und Cambridge sehr schätze, finde ich Edgestow schöner als beide. Zum einen, weil es so klein ist; kein Hersteller von Autos oder Würstchen oder Marmeladen hat die ländliche Umgebung der kleinen Stadt bisher industrialisiert. Und auch die Universität selbst ist winzig. Außer Bracton und dem auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie gelegenen Frauencollege aus dem neunzehnten Jahrhundert gibt es nur zwei Colleges: Northumberland, das flussabwärts von Bracton am Ufer des Wynd steht, und Duke’s gegenüber dem Kloster. Bracton nimmt keine Studienanfänger auf. Es wurde um dreizehnhundert gegründet, um den Lebensunterhalt zehn gelehrter Männer zu sichern, deren Pflichten darin bestanden, für Henry de Bractons Seele zu beten und die Gesetze Englands zu studieren. Die Zahl der Dozenten ist allmählich auf vierzig angestiegen, von denen nur sechs Juristen sind und von denen vermutlich keiner mehr für Bractons Seele betet. Mark Studdock war Soziologe und vor fünf Jahren auf einen Lehrstuhl dieses Fachs berufen worden. Er begann, allmählich Fuß zu fassen. Wenn er daran gezweifelt hätte (was er nicht tat), so wäre er beruhigt gewesen, als er vor der Post mit Curry zusammentraf und sah, wie selbstverständlich Curry mit ihm zusammen zum College ging und über die Tagesordnung der bevorstehenden Sitzung diskutierte. Curry war der Vizerektor von Bracton.

»Ja«, sagte Curry. »Es wird verteufelt lange dauern; wahrscheinlich nach dem Abendessen noch weitergehen. Die Obstruktionisten werden nach Kräften Zeit vergeuden. Aber das ist zum Glück alles, was sie können.«

Dem Ton von Studdocks Antwort war nicht zu entnehmen, wie ungemein wohltuend er Currys Gebrauch des Pronomens ›wir‹ empfunden hatte. Noch bis vor kurzem war er ein Außenseiter gewesen, der die Aktivitäten von ›Curry und seiner Clique‹ mit ehrfürchtiger Scheu und ein wenig verständnislos beobachtet und bei Sitzungen kurze, nervöse Ansprachen gehalten hatte, die den Gang der Ereignisse niemals beeinflussten. Jetzt gehörte er dazu, und aus ›Curry und seiner Clique‹ waren ›wir‹ oder ›das Fortschrittliche Element‹ am College geworden. Das war alles ziemlich plötzlich gekommen und schmeckte immer noch süß.

»Sie glauben also, es wird durchgehen?«, sagte Studdock.

»Ganz sicher«, antwortete Curry. »Wir haben den Rektor, den Schatzmeister und alle Chemiker und Biochemiker auf unserer Seite. Pelham und Ted habe ich bearbeitet, von ihnen ist nichts zu befürchten. Außerdem habe ich Sancho eingeredet, er wisse, worum es gehe, und sei dafür. Bill der Blizzard wird wahrscheinlich wüten, aber wenn es zur Abstimmung kommt, wird er sich auf unsere Seite schlagen müssen. Übrigens habe ich Ihnen noch nicht gesagt, dass Dick dabei sein wird. Er ist gestern Abend gekommen und hat sich gleich an die Arbeit gemacht.«

Studdock überlegte verzweifelt, wie er verbergen könnte, dass er nicht wusste, wer Dick war. Im letzten Augenblick fiel ihm ein sehr unbedeutender Kollege mit Vornamen Richard ein.

»Telford?«, fragte er verwundert. Er wusste sehr gut, dass Telford nicht der Dick sein konnte, den Curry meinte, und darum gab er seiner Frage einen leicht belustigten und ironischen Unterton.

»Lieber Himmel! Telford!«, sagte Curry und lachte. »Nein. Ich meine Lord Feverstone – Dick Devine, wie er früher hieß.«

»Der Gedanke an Telford kam mir auch ein bisschen komisch vor«, sagte Studdock und stimmte in das Lachen ein. »Es freut mich, dass Feverstone kommt. Ich kenne ihn noch gar nicht, wissen Sie.«

»Nun, dann wird es höchste Zeit«, sagte Curry. »Hören Sie, kommen Sie heute zum Abendessen zu mir. Ich habe ihn auch eingeladen.« »Mit Vergnügen«, sagte Studdock wahrheitsgemäß. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich nehme an, dass Feverstones Position sicher ist, oder?«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Curry.

»Nun, Sie werden sich erinnern, dass darüber geredet wurde, ob jemand, der so viel abwesend ist, seinen Lehrstuhl hier behalten kann.« »Ach, Sie meinen Glossop und all diesen Schwindel. Das hat nichts zu bedeuten. Haben Sie es nicht für blanken Unsinn gehalten?«

»Unter uns gesagt, ja. Aber ich gebe zu, wenn ich öffentlich erklären müsste, warum jemand, der fast immer in London ist, weiterhin einen Lehrstuhl in Bracton haben sollte, würde ich mich nicht ganz leicht tun. Die wahren Gründe sind das, was Watson Imponderabilien nennen würde.«

»Da bin ich anderer Meinung. Ich hätte nichts dagegen, die wahren Gründe öffentlich zu erläutern. Ist es für ein College wie dieses nicht wichtig, einflussreiche Verbindungen zur Außenwelt zu haben? Es ist nicht ausgeschlossen, dass Dick im nächsten Kabinett sitzt. Schon bisher war Dick dem College von London aus nützlicher als Glossop und ein halbes Dutzend andere von der Sorte, die ihr ganzes Leben hier herumsitzen.« »Ja. Das ist natürlich der springende Punkt. Trotzdem wäre es schwierig, das in dieser Form bei einer Sitzung des Kollegiums vorzubringen.«

»Da ist übrigens etwas«, sagte Curry in einem etwas weniger vertraulichen Ton, »das Sie über Dick wissen sollten.«

»Was denn?« »Er hat Ihnen den Lehrstuhl verschafft.«

Mark schwieg. Er ließ sich nicht gern daran erinnern, dass er einmal nicht nur außerhalb des Progressiven Elements gestanden hatte, sondern sogar außerhalb des Colleges. Curry war ihm keineswegs immer sympathisch. Er genoss das Zusammensein mit ihm nicht auf diese Weise.

»Ja«, sagte Curry. »Denniston war Ihr Hauptrivale. Unter uns gesagt, vielen Leuten gefielen seine Arbeiten besser als die Ihren. Aber Dick bestand die ganze Zeit darauf, dass Sie der richtige Mann für uns seien. Er ging hinüber zum Duke’s College und hat alles über Sie in Erfahrung gebracht. Er war der Meinung, es komme darauf an, den Mann zu finden, den wir wirklich brauchen, zum Teufel mit den Arbeiten und der Qualifikation. Und ich muss sagen, er hat Recht gehabt.«

»Sehr freundlich von Ihnen«, sagte Studdock mit einer ironischen Verbeugung. Er war überrascht über die Wendung, die das Gespräch genommen hatte. In Bracton war es, wie vermutlich in den meisten anderen Colleges, seit jeher ein ungeschriebenes Gesetz, dass man in der Gegenwart eines Mannes niemals die Umstände erwähnte, die zu seiner Ernennung geführt hatten, und Studdock hatte bis zu diesem Augenblick nicht daran gedacht, dass auch dies eine der Traditionen sein könnte, die das Progressive Element abschaffen wollte. Auch war ihm bisher nie in den Sinn gekommen, seine Wahl könnte von etwas anderem als der Qualität seiner Arbeiten abhängig gewesen sein. Und erst recht nicht, dass sie eine so knappe Angelegenheit gewesen war. Er hatte sich inzwischen so an seine Position gewöhnt, dass der Gedanke eine seltsam zwiespältige Empfindung in ihm wachrief, etwa so, als habe er entdeckt, dass der eigene Vater einst beinahe eine andere Frau geheiratet hätte.

»Ja«, fuhr Curry fort, der inzwischen einen anderen Gedankengang verfolgte. »Heute sieht man, dass wir mit Denniston nicht gut gefahren wären. In keiner Weise. Damals war er natürlich ein brillanter Mann, aber inzwischen scheint er mit seiner Verteilungstheorie und all diesem Zeug völlig entgleist zu sein. Ich habe gehört, dass er möglicherweise in einem Kloster enden wird.«

»Ein Dummkopf ist er nicht gerade«, sagte Studdock.

»Ich bin froh, dass Sie Dick kennen lernen werden«, sagte Curry. »Wir haben jetzt keine Zeit, aber es gibt da etwas, das ihn betrifft und das ich mit Ihnen besprechen wollte.« Studdock sah ihn fragend an.

»James und ich und ein paar andere«, sagte Curry mit gedämpfter Stimme, »haben uns gedacht, dass er der neue Rektor werden sollte. Aber wir sind da.« »Es ist noch nicht zwölf«, sagte Studdock. »Wie wär’s, wenn wir auf ein Glas ins Bristol gingen?«

Also gingen sie ins Bristol. Ohne diese kleinen Aufmerksamkeiten wäre es nicht einfach gewesen, die Atmosphäre zu erhalten, in der das Progressive Element sich bewegte. Das belastete Studdock stärker als Curry, der unverheiratet war und das Gehalt eines Vizerektors bezog. Aber das Bristol war ein sehr angenehmes Lokal. Studdock bestellte einen doppelten Whisky für seinen Begleiter und ein kleines Bier für sich.

3 _______

Das einzige Mal, als ich Gast am Bracton College war, überredete ich meinen Gastgeber, mich für eine Stunde allein in den Wald gehen zu lassen. Er entschuldigte sich dafür, dass er mich dort einschließen musste.

Nur wenige Leute hatten Zutritt zum Bragdon-Wald.

Das Tor von Inigo Jones war der einzige Eingang. Eine hohe Mauer umschloss den Wald, der etwa eine viertel Meile breit und von Westen nach Osten eine Meile lang war. Wenn man von der Straße kam und sich durch das College dorthin begab, hatte man das starke Gefühl, allmählich zu einem Allerheiligsten vorzudringen. Zuerst ging man über den kahlen, kiesbedeckten Newton-Hof; überladene, aber schöne georgianische Gebäude blicken auf ihn herab.

Dann kam man durch einen kühlen, tunnelartigen Gang, der selbst zur Mittagszeit beinahe dunkel war, es sei denn, zur Rechten stand die Tür zum Speisesaal oder zur Linken die Tür zum Vorratsraum offen und gewährte flüchtige Blicke auf gedämpftes Tageslicht an dunkel getäfelten Wänden oder ließ einem den Duft nach frischem Brot um die Nase wehen. Am Ende dieses Tunnels fand man sich im mittelalterlichen College wieder: im Säulengang des viel kleineren, so genannten Hofes der Republik. Nach der Kargheit des Newton-Hofs sieht das Gras hier sehr grün aus, und selbst der Stein, aus dem die Säulen sind, wirkt weich und lebendig. Die Kapelle ist nicht weit, und von oben hört man das raue, schwerfällige Werk einer mächtigen alten Uhr. Dieser Säulengang führt vorüber an Grabplatten, Urnen und Büsten, die an verstorbene Mitglieder des Kollegiums von Bracton erinnern; dann führen flache Stufen hinab ins helle Tageslicht des Lady-Alice-Hofs. Die Gebäude links und rechts stammen aus dem siebzehnten Jahrhundert, bescheidene, fast anheimelnde Häuser mit Fenstern in den bemoosten, schiefergrauen Dächern. Eine freundliche protestantische Welt, die an Bunyan oder an Waltons Leben denken lässt. Auf der vierten Seite des Lady-Alice-Hofs, derjenigen, auf die man blickt, gibt es keine Gebäude: nur eine Reihe Ulmen und eine Mauer. Und hier hört man zum ersten Mal Wasser fließen und Wildtauben gurren. Die Straße ist mittlerweile so weit entfernt, dass keine anderen Geräusche zu hören sind. In der Mauer befindet sich eine Tür. Sie führt in einen überdachten Gang mit schmalen Fenstern auf beiden Seiten. Blickt man durch diese hinaus, so stellt man fest, dass man über eine Brücke geht und unter einem das dunkelbraune, gekräuselte Wasser des Wynd herfließt. Nun ist man dem Ziel sehr nahe. Durch eine Pforte am anderen Ende der Brücke gelangt man auf den grünen Kricketrasen der Dozenten. Dahinter erhebt sich die hohe Mauer des Waldes, und das Tor von Inigo Jones gewährt einen Blick in sonnenbeschienenes Grün und tiefe Schatten.

Ich glaube, allein schon die Einfriedung verlieh dem Wald einen Teil seiner eigenartigen Stimmung, denn sobald etwas umschlossen ist, betrachten wir es gern als etwas Besonderes. Als ich über die stillen Rasenflächen ging, hatte ich das Gefühl, erwartet zu werden. Die Bäume standen gerade so weit auseinander, dass man in der Ferne ein lückenloses Laubdach sah, doch die Stelle, an der man stand, schien immer eine kleine Lichtung zu sein; umgeben von einer Schattenwelt, ging man im milden Sonnenschein. Bis auf die Schafe, die das Gras kurz hielten und gelegentlich ihre langen, einfältigen Gesichter hoben, um mich anzustarren, war ich ganz allein; doch es war eher die Einsamkeit eines sehr großen Raumes in einem verlassenen Haus als das ganz normale Alleinsein im Freien. Ich weiß noch, dass ich dachte: »Dies ist einer der Orte, die man als Kind entweder fürchtet oder sehr liebt.« Und einen Augenblick später: »Aber allein – wirklich allein – ist jeder ein Kind. Oder niemand?« Jugend und Alter berühren nur die Oberfläche unseres Daseins.

Eine halbe Meile ist ein kurzer Spaziergang. Dennoch schien es lange zu dauern, bis ich in die Mitte des Waldes kam. Ich wusste, dass es die Mitte war, denn hier befand sich das, weswegen ich eigentlich hergekommen war. Es war eine Quelle, eine Quelle, zu der Stufen hinabführten und die eingefasst war von den Überresten eines alten, schlecht erhaltenen Steinpflasters. Ich betrat es nicht, sondern legte mich ins Gras und berührte es mit den Fingern. Denn dies war das Herz von Bracton oder vielmehr des Bragdon-Waldes. Dies war der Ursprung aller Legenden, und auf Grund dieses Ortes, so vermutete ich, war das College einst hier gegründet worden. Die Archäologen stimmen darin überein, dass das Mauerwerk der Fassung aus der späten britisch-römischen Zeit, kurz vor der angelsächsischen Invasion stammt. Wie der Wald von Bragdon mit dem Rechtsgelehrten Bracton zusammenhängt, ist ein Rätsel, aber ich denke, dass die Familie der Bradons sich eine zufällige Ähnlichkeit der Namen zu Nutze machte, um glauben zu können oder weiszumachen, sie habe etwas damit zu tun. Wenn die Legenden nur zur Hälfte der Wahrheit entsprachen, dann war der Wald viel älter als das Geschlecht der Bractons. Heute würde vermutlich niemand Strabons Geografika viel Bedeutung beimessen, aber im sechzehnten Jahrhundert veranlasste dieses Werk einen Rektor des Colleges zu der Bemerkung, dass »wir selbst in der ältesten Überlieferung von keinem Britannien ohne Bragdon wissen«. Doch es gibt ein mittelalterliches Lied, das uns ins vierzehnte Jahrhundert zurückführt:

In Bragdon, als der Abend fiel,

erlauscht’ ich Merlins Saitenspiel

und hörte Singens und Sagens viel.

Das mag genügen als Beweis, dass die Quelle mit der britisch-römischen Einfassung bereits ›Merlins Brunnen‹ war, auch wenn dieser Name erst zur Zeit der Königin Elizabeth auftaucht, zu der Zeit, da der wackere Rektor Shovel den Wald mit einer Mauer umgab, »um allem profanen und heidnischen Aberglauben zu wehren und das gemeine Volk von allerlei Lustbarkeit, Maienspiel, Tanz, Mummenschanz und dem Backen von Morganbrot abzubringen, wie es ehedem bei der voller Stolz ›Merlins Brunnen‹ genannten Quelle Brauch war und als eine Verquickung von Papismus, Heidentum, Liederlichkeit und nichtswürdiger Narretei entschieden zu verwerfen und zu verabscheuen ist«. Nicht dass das College damit sein eigenes Interesse an dem Ort aufgegeben hätte. Der alte Doktor Shovel, der beinahe hundert Jahre alt wurde, war kaum in seinem Grab erkaltet, als einer von Cromwells Generälen, der es für seine Aufgabe hielt, »Haine und heilige Stätten« zu zerstören, einige Soldaten ausschickte, um die Landbevölkerung für dieses fromme Werk zu gewinnen. Es wurde dann doch nichts daraus, aber mitten im Bragdon-Wald kam es zu einem Streit zwischen dem College und den Soldaten, wobei der höchst gelehrte und gottesfürchtige Richard Crowe auf den Stufen des Brunnens von einer Musketenkugel niedergestreckt wurde. Niemand würde Crowe des Papismus oder des Heidentums bezichtigen, doch der Überlieferung zufolge waren seine letzten Worte: »Wahrlich, ihr Herren, wenn Merlin, der Sohn des Teufels, ein treuer Gefolgsmann des Königs war, ist es dann nicht eine Schande, dass ihr, die ihr nur Hundesöhne seid, Rebellen und Königsmörder sein müsst?« Und durch alle wechselnden Zeiten hindurch hatte jeder Rektor von Bracton am Tag seiner Wahl feierlich einen Schluck Wasser aus Merlins Brunnen getrunken mit dem großen Becher, der auf Grund seiner Schönheit und seines Alters Bradons größte Kostbarkeit war.

An all dies dachte ich, als ich bei Merlins Brunnen lag, dem Brunnen, der sicherlich aus Merlins Zeit stammte, wenn es jemals einen wirklichen Merlin gegeben hatte; als ich da lag, wo Sir Kenelm Digby eine ganze Sommernacht gelegen und eine seltsame Erscheinung gehabt hatte; wo der Dichter Collins gelegen und George III. Tränen vergossen hatte; wo der brillante und viel geliebte Nathaniel Fox drei Wochen vor seinem Tod in Frankreich das berühmte Gedicht verfasst hatte. Die Luft war so still und das Laubwerk über mir bauschte sich so üppig, dass ich einschlief. Ich wurde von meinem Freund geweckt, der mich von ferne rief.

4 _______

Die umstrittenste Frage bei der Sitzung des Kollegiums war der Verkauf des Bragdon-Waldes. Käufer war das N.I.C.E., das ›National Institute of Co-ordinated Experiments‹. Diese bemerkenswerte Organisation suchte ein Grundstück für das Gebäude, das sie angemessen beherbergen sollte. Das N.I.C.E. war die erste Frucht jener konstruktiven Verbindung zwischen Staat und Wissenschaft, auf die so viele nachdenkliche Menschen ihre Hoffnungen auf eine bessere Welt setzen. Es sollte frei sein von möglichst allen lästigen Einschränkungen – Bürokratismus war der Ausdruck, den seine Anhänger gebrauchten –, die die Forschung in diesem Lande bisher gehemmt hatten. Auch war es weitgehend frei von ökonomischen Zwängen, denn ein Staat, so argumentierte man, der täglich viele Millionen für einen Krieg ausgegeben hatte, konnte sich in Friedenszeiten gewiss ein paar Millionen im Monat für produktive Forschung leisten. Das geplante Gebäude hätte eine beachtliche Bereicherung der Skyline von New York abgegeben, der Mitarbeiterstab sollte ungewöhnlich groß sein, die Gehälter fürstlich. Beharrlicher Nachdruck und endlose diplomatische Bemühungen des Senats von Edgestow hatten das neue Institut von Oxford, von Cambridge und von London fortgelockt, die nacheinander als mögliche Standorte in Betracht gezogen worden waren. Zuweilen war das Progressive Element in Edgestow der Verzweiflung nahe gewesen. Aber nun war der Erfolg so gut wie sicher. Wenn das N.I.C.E. den nötigen Grund und Boden bekäme, würde es nach Edgestow kommen. Und wäre es erst einmal da, dann – das spürte jeder – würden die Dinge endlich in Bewegung kommen. Curry hatte sogar Zweifel geäußert, ob Oxford und Cambridge überhaupt als bedeutende Universitäten überdauern könnten.

Wäre Mark Studdock vor drei Jahren zu einer Sitzung gekommen, in der eine solche Frage entschieden werden sollte, hätte er erwartet, dass gefühlsmäßige Einwände gegen den Fortschritt vorgebracht, dass Schönheit gegen Nützlichkeit abgewogen und all das offen diskutiert würde. Als er heute seinen Platz in dem langen Konferenzsaal auf der Südseite des Lady-Alice-Hofs einnahm, erwartete er nichts dergleichen. Er wusste inzwischen, dass die Dinge nicht auf diese Art und Weise angegangen wurden.

Die Fortschrittlichen Kräfte hatten ihre Sache wirklich sehr gut vorbereitet. Die meisten Mitglieder des Kollegiums wussten, als sie den Konferenzraum betraten, nicht, dass es um den Verkauf des Waldes ging. Natürlich entnahmen sie der Tagesordnung, dass es unter Punkt fünfzehn um den »Verkauf von Collegegelände« ging; da solche Pläne aber in fast jeder Sitzung zur Sprache kamen, machten sie sich darüber keine Gedanken. Und sie sahen auch, dass Punkt eins der Tagesordnung »Fragen im Zusammenhang mit dem Bragdon-Wald« aufwarf, aber diese schienen mit dem vorgeschlagenen Verkauf nichts zu tun zu haben. Curry erhob sich, um die Fragen in seiner Eigenschaft als Vizerektor zur Sprache zu bringen. Er hatte dem Kollegium einige Briefe vorzulesen. Der erste kam von einer Gesellschaft, die sich mit der Erhaltung von Kulturdenkmälern befasste. Ich denke, die Vereinigung war schlecht beraten, in einem Brief gleich zwei Beschwerden vorzubringen. Es wäre klüger gewesen, wenn sie sich darauf beschränkt hätte, die Collegeverwaltung auf den schlechten Zustand der Umfassungsmauer des Waldes hinzuweisen. Als sie jedoch drängte, ein Schutzdach über dem Brunnen selbst errichten zu lassen, und obendrein betonte, dass sie bereits früher darauf gedrängt hatte, wurde das Kollegium unruhig. Und als am Ende des Briefes gleichsam als Nachsatz der Wunsch geäußert wurde, das College möge sich ernsthaften Altertumsforschern, die den Brunnen untersuchen wollten, ein wenig entgegenkommender zeigen, wurde das Kollegium deutlich ungehalten. Ich möchte einen Mann in Currys Position nicht gern beschuldigen, einen Brief falsch zu verlesen; aber seine Wiedergabe war gewiss nicht geeignet, irgendwelche Mängel im Tonfall des Originals auszugleichen. Noch ehe er sich niedersetzte, verspürte beinahe jeder im Raum das Bedürfnis, der Außenwelt klarzumachen, dass der Bragdon-Wald Privateigentum des Bracton Colleges sei und dass die Außenwelt sich besser um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerte. Dann verlas Curry einen zweiten Brief. Dieser kam von einer spiritistischen Vereinigung, die um Erlaubnis bat, »gewisse Phänomene« im Bragdon-Wald zu erforschen – ein Brief, der, wie Curry sagte, »in Zusammenhang stand mit dem nächsten, den ich mit der Erlaubnis des Rektors nun verlesen werde«. Dieser dritte Brief war von einer Firma, die über das Anliegen der Spiritistenvereinigung im Bilde war und einen Film drehen wollte, allerdings weniger über die Phänomene selbst als vielmehr über die Spiritisten, die nach den Phänomenen Ausschau hielten. Curry wurde beauftragt, alle drei Briefe mit knappen Absagen zu beantworten.

Dann meldete sich eine neue Stimme aus einer anderen Ecke des Raums. Lord Feverstone war aufgestanden. Er stimmte mit der Haltung des Colleges gegenüber diesen impertinenten Briefen verschiedener Wichtigtuer völlig überein. Aber war es nicht auch eine Tatsache, dass die Umfassungsmauer des Waldes in einem höchst unbefriedigenden Zustand war? Viele Kollegiumsmitglieder – Studdock allerdings nicht – meinten, dies sei ein Versuch Feverstones, sich gegen ›Curry und seine Clique‹ aufzulehnen, und begannen, sich sehr für die Vorgänge zu interessieren. Der Quästor, James Busby, sprang auf. Er begrüßte Lord Feverstones Frage. In seiner Eigenschaft als Schatzmeister hatte er erst kürzlich ein Expertengutachten über die Umfassungsmauer eingeholt. ›Unbefriedigend‹ war, fürchtete er, ein eher beschönigender Ausdruck, um ihren Zustand zu beschreiben. Nur eine völlig neue Mauer würde hier wirklich Abhilfe schaffen. Unter großen Schwierigkeiten wurde ihm eine Schätzung der wahrscheinlichen Kosten eines solchen Vorhabens entlockt; und als das Kollegium die Zahl hörte, rang es nach Atem. Lord Feverstone fragte eisig, ob der Quästor dem College ernsthaft eine solche Ausgabe vorschlage. Busby (ein sehr großer ehemaliger Geistlicher mit einem buschigen schwarzen Bart) erwiderte ein wenig gereizt, er habe überhaupt nichts vorgeschlagen: wenn er einen Vorschlag zu machen hätte, dann den, die Frage nicht losgelöst von einigen wichtigen finanziellen Überlegungen zu behandeln, die er den Kollegen pflichtgemäß im weiteren Verlauf der Sitzung vortragen werde. Auf diese Unheil verkündende Feststellung folgte eine Pause, bis nach und nach die ›Außenseiter‹ und ›Obstruktionisten‹, das heißt diejenigen, die nicht zum Progressiven Element zählten, in die Debatte eingriffen. Die meisten von ihnen konnten kaum glauben, dass nichts anderes als eine völlig neue Mauer infrage käme. Die Fortschrittlichen Kräfte ließen sie ungefähr zehn Minuten lang reden, dann ergriff Lord Feverstone wieder das Wort, und es schien, als führe er tatsächlich die Außenseiter an. Er wollte wissen, ob der Quästor und der Instandsetzungsausschuss wirklich keine andere Möglichkeit sähen, als eine neue Mauer zu errichten oder den Bragdon-Wald zu einem Stadtpark verkommen zu lassen. Er drängte auf eine Antwort. Einige der Außenseiter fanden allmählich sogar, dass er zu grob mit dem Schatzmeister umspringe. Dieser antwortete schließlich mit leiser Stimme, dass er sich tatsächlich rein theoretisch über mögliche Alternativen erkundigt habe. Ein Stacheldrahtzaun, zum Beispiel … Der Rest ging unter in einem missbilligenden Getöse, aus dem man die Worte des alten Canon Jewel heraushören konnte: er würde lieber jeden Baum im Bragdon-Wald fällen lassen, als ihn hinter Stacheldraht zu sehen. Schließlich wurde die Angelegenheit auf die nächste Sitzung vertagt.

Bei dem folgenden Punkt der Tagesordnung verstand die Mehrheit des Kollegiums kaum, worum es ging. Zunächst rekapitulierte Curry einen langen Briefwechsel zwischen dem College und dem Senat der Universität über die vorgeschlagene Eingliederung des N.I.C.E. in die Universität Edgestow. In der folgenden Debatte wurde immer wieder von einer Festlegung gesprochen. »Es scheint«, sagte Watson, »dass wir uns als College verpflichtet haben, dem neuen Institut die größtmögliche Unterstützung zu gewähren.«

»Es scheint«, sagte Feverstone, »dass uns die Hände gebunden sind und wir der Universität carte blanche erteilt haben.« Worauf das alles tatsächlich hinauslief, war keinem der Außenseiter klar. Bei der vorausgegangenen Sitzung hatten sie entschieden gegen das N.I.C.E. und seine Pläne angekämpft und waren überstimmt worden; jede Bemühung herauszufinden, was ihre Niederlage bedeutete, wurde zwar von Curry mit großer Klarheit beantwortet, führte sie aber nur noch tiefer in das undurchdringliche Dickicht der Universitätsverfassung und die noch geheimnisvolleren Beziehungen zwischen Universität und College. Am Ende der Diskussion hatten sie den Eindruck, die Ehre des Colleges sei durch die Ansiedlung des N.I.C.E. in Edgestow nicht betroffen.

Während dieser Erörterungen wanderten die Gedanken vieler Sitzungsteilnehmer zum Mittagessen, und die Aufmerksamkeit ließ nach. Als Curry sich jedoch um fünf vor eins erhob, um Punkt 3 der Tagesordnung anzukündigen, lebte das allgemeine Interesse rasch wieder auf. Es ging um die »Berichtigung von Missverhältnissen bei der Besoldung junger Kollegiumsmitglieder«. Ich möchte nicht sagen, was die meisten jungen Dozenten am Bracton College zu jener Zeit erhielten, aber ich glaube, es deckte kaum die Ausgaben für die obligatorische Unterkunft im College. Studdock, der erst vor kurzem aus dieser Gruppe aufgestiegen war, nahm großen Anteil daran. Er verstand den Ausdruck auf ihren Gesichtern. Wenn die Erhöhung ihrer Gehälter genehmigt wurde, bedeutete das für sie Kleidung und Ferien, Fleisch zum Mittagessen und die Möglichkeit, statt eines Fünftels die Hälfte der Bücher zu kaufen, die sie brauchten. Ihrer aller Augen waren auf den Schatzmeister gerichtet, als er sich erhob, um auf Currys Vorschlag zu antworten. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass niemand glaube, er billige die Regelung, die im Jahre 1910 die unterste Klasse der akademischen Lehrer von den neuen Klauseln in § 18 des Statuts 17 ausgeschlossen hatte. Er sei überzeugt, sagte er, dass alle Anwesenden eine Berichtigung dieser Regelung wünschten. Es sei jedoch seine Pflicht als Quästor, darauf hinzuweisen, dass das an diesem Morgen bereits der zweite Vorschlag sei, der erhebliche finanzielle Belastungen bedeute. Wie zu dem vorhergehenden Problem könne er auch hierzu nur sagen, dass man die Frage nicht losgelöst vom gesamten Problem der gegenwärtigen finanziellen Situation des Colleges behandeln könne, die er im Laufe des Nachmittags darlegen wolle. Es wurde noch mehr geredet, aber niemand hatte den Ausführungen des Schatzmeisters etwas entgegenzusetzen, und so wurde die Entscheidung aufgeschoben. Als das Kollegium um Viertel vor zwei aus dem Sitzungssaal zum Mittagessen strömte, hungrig, mit Kopfschmerzen und einem heftigen Verlangen nach Tabak, war es jedem der jüngeren Dozenten klar, dass eine neue Umfassungsmauer für den Wald und eine Erhöhung des eigenen Gehalts Alternativen waren, die einander strikt ausschlossen. »Dieser verdammte Wald war uns den ganzen Vormittag im Weg«, sagte einer. »Wir sind noch nicht aus ihm heraus«, antwortete ein anderer.

In dieser Stimmung kehrte das Kollegium nach dem Mittagessen in den Sitzungssaal zurück, um die finanzielle Lage des Colleges ins Auge zu fassen. Natürlich sprach vor allem Busby, der Quästor. An sonnigen Nachmittagen konnte es im Sitzungssaal sehr heiß werden; der ruhige Redefluss des Schatzmeisters und sogar das Blitzen seiner ebenmäßigen weißen Zähne über dem Bart (er hatte beachtlich schöne Zähne)

hatten eine beinahe hypnotische Wirkung. Universitätslehrer finden sich in Geldangelegenheiten nicht immer mühelos zurecht; wahrscheinlich wären sie andernfalls auch nicht Hochschullehrer geworden. Sie begriffen, dass die finanzielle Situation schlecht war, sehr schlecht sogar. Einige der jüngsten und unerfahrensten Kollegen überlegten schon nicht mehr, ob sie eine neue Umfassungsmauer oder eine Gehaltserhöhung bekommen würden, sondern fragten sich, ob der Fortbestand des Colleges überhaupt noch gewährleistet sei. Die Zeiten waren, wie der Quästor so treffend sagte, überaus schwierig. Ältere Mitglieder hatten von Dutzenden früherer Schatzmeister sehr oft von solchen Zeiten gehört und waren weniger beunruhigt. Ich will damit keineswegs andeuten, dass der Quästor des Bracton Colleges die Situation falsch darstellte. Es ist sehr selten, dass die Geschäftslage einer großen Körperschaft, die sich der Förderung von Forschung und Lehre verschrieben hat, als rundum zufrieden stellend bezeichnet werden kann. Busbys Vortrag war ausgezeichnet, jeder Satz ein Muster an Klarheit: Und wenn seine Zuhörer den Kern seiner Darlegungen weniger klar fanden als die Einzelheiten, dann lag das wohl an ihnen selbst. Einige kleinere Sparmaßnahmen und Investitionen, die er vorschlug, wurden einstimmig gebilligt, und ernüchtert vertagte sich das Kollegium bis nach der Teestunde. Studdock rief Jane an und sagte ihr, dass er zum Abendessen nicht heimkommen werde.

Erst um sechs Uhr mündeten all die verschiedenen, von den vorhergehenden Punkten aufgeworfenen Gedankengänge und Gefühle in die Frage, ob der Bragdon-Wald verkauft werden solle. Es wurde nicht direkt vom Verkauf des Bragdon-Waldes gesprochen. Der Schatzmeister sprach vom »Verkauf der rotumrandeten Fläche auf dem Plan, den ich jetzt mit

Erlaubnis des Rektors herumgehen lasse«. Er wies ganz offen darauf hin, dass dies den Verlust eines Teils des Bragdon-Waldes bedeutete. In Wirklichkeit würde dem College nach dem Verkauf lediglich ein etwa sechzehn Fuß breiter Streifen entlang der Südseite verbleiben, aber von Täuschung konnte keine Rede sein, weil jeder Gelegenheit hatte, den Plan mit eigenen Augen zu begutachten. Der Plan hatte einen kleinen Maßstab und war vielleicht nicht ganz genau – nur gedacht, um eine ungefähre Vorstellung zu vermitteln. Auf Fragen hin räumte Busby ein, dass der Brunnen selbst unglücklicherweise – oder vielleicht glücklicherweise – auf dem Gebiet liege, welches das N.I.C.E. haben wollte. Selbstverständlich würde dem College ein Zugangsrecht gewährt; Brunnen und Fassung würden überdies vom Institut in einem Zustand erhalten, der alle Archäologen der Welt zufrieden stellen dürfte. Busby enthielt sich aller Ratschläge und erwähnte nur die höchst erstaunliche Summe, die das N.I.C.E. bot. Da kam Leben in die Versammlung. Schritt für Schritt offenbarten sich die Vorteile des Verkaufs – wie reife Früchte, die einem in die Hand fallen. Der Verkauf löste das Problem mit der Mauer; er löste das Problem der Denkmalpflege; er löste die finanziellen Probleme; und er versprach das Problem der Gehaltserhöhung für die jungen Kollegen zu lösen. Ferner stellte sich heraus, dass das Institut dieses Gelände als den einzig möglichen Standort in Edgestow betrachtete. Wenn das College aus irgendeinem Grund nicht verkaufte, so fiele der ganze Plan ins Wasser, und das Institut würde wahrscheinlich nach Cambridge gehen. Die vielen Fragen entlockten dem Quästor sogar den Hinweis, dass er von einem College in Cambridge wusste, das sehr daran interessiert sei zu verkaufen.

Die wenigen wirklich Unbeugsamen unter den Anwesenden, für die der Bragdon-Wald eine Art Lebensnotwendigkeit darstellte, konnten kaum fassen, was geschah. Als sie endlich ihre Sprache wieder fanden, brachten sie einen Missklang in das allgemeine Gesumm fröhlicher Bemerkungen. Sie waren an den Rand gedrängt worden und erschienen nun als die Gruppe, die den Wald unbedingt mit Stacheldraht einzäunen wollte. Als schließlich der alte Jewel aufstand, blind, zitternd und den Tränen nahe, war seine Stimme kaum zu hören.

Einige wandten sich um und betrachteten – manche voller Bewunderung – die scharfgeschnittenen, halb kindlichen Gesichtszüge und das weiße Haar, das in dem allmählich dunkler werdenden Raum zu leuchten schien. Aber nur die in seiner Nähe konnten hören, was er sagte. In diesem Augenblick stand Lord Feverstone auf, verschränkte die Arme auf der Brust und blickte den alten Mann geradewegs an.

»Wenn der ehrenwerte Kollege Jewel wünscht«, sagte er sehr laut, »dass wir seine Ansichten nicht hören, dann erreicht er sein Ziel besser durch Schweigen.«

Jewel war schon vor dem Ersten Weltkrieg ein alter Mann gewesen, zu einer Zeit, da alte Männer noch zuvorkommend behandelt wurden, und er hatte sich nie an die moderne Welt gewöhnen können. Als er so mit vorgestrecktem Kopf dastand, dachten die anderen einen Moment lang, er werde antworten. Dann breitete er ganz plötzlich in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände aus, zog seinen Kopf zurück und setzte sich umständlich wieder hin.

Der Antrag wurde angenommen..

5 _______

Nachdem Jane die Wohnung verlassen hatte, ging sie in die Innenstadt und kaufte sich einen Hut. Früher hatte sie abfällig von jener Sorte Frauen gesprochen, die sich zum Trost und als Anregung Hüte kauften, so wie Männer Alkohol tranken. Es kam ihr nicht in den Sinn, dass sie jetzt das Gleiche tat. Sie bevorzugte ziemlich streng geschnittene Kleider in gedeckten Farben, wie sie einem ernsthaften Geschmack entsprachen, Kleider, die jedem deutlich machen sollten, dass sie eine intelligente Erwachsene war und nicht so ein aufgedonnertes Ding wie auf den Werbeplakaten. Auf Grund dieser Vorliebe war ihr gar nicht bewusst, dass sie sich überhaupt für Kleider interessierte, und so verdross es sie ein wenig, als sie beim Verlassen des Hutladens Mrs. Dimble begegnete und mit den Worten begrüßt wurde: »Hallo, meine Liebe! Haben Sie sich einen Hut gekauft? Kommen Sie zum Mittagessen zu uns, und lassen Sie sich damit anschauen. Cecil steht mit dem Wagen gleich um die Ecke.«

Cecil Dimble, Professor am Northumberland College, war während Janes letztem Studienjahr ihr Tutor gewesen, und seine Frau (man würde sie am liebsten Mutter Dimble nennen) war allen Mädchen ihres Jahrgangs eine Art Tante gewesen. Sympathie für die Studentinnen des eigenen Mannes ist unter Professorenfrauen vielleicht weniger verbreitet, als zu wünschen wäre; aber Mrs. Dimble schien alle Studenten beiderlei Geschlechts ihres Mannes zu mögen, und das Haus der Dimbles, etwas abseits auf der anderen Seite des Flusses gelegen, war während des Semesters immer eine Art geräuschvoller Salon. Mrs. Dimble hatte Jane besonders gern gemocht und ihr jene Art von Zuneigung entgegengebracht, wie sie eine humorvolle, unkomplizierte und kinderlose Frau zuweilen für ein Mädchen empfindet, das sie hübsch und ein wenig eigenartig findet. Im letzten Jahr hatte Jane die Dimbles etwas aus den Augen verloren und hatte deswegen ein schlechtes Gewissen. Sie nahm die Einladung zum Mittagessen an.

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