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»Wir waren nicht gewöhnlich, um nicht zu sagen, nicht normal.« Yunas Kindheit ist alles andere als einfach. Zu Hause ist das Geld knapp, die alleinerziehende Mutter streng und lieblos, die schwer behinderte Schwester eine Belastung. Und wegen einer Lernschwäche wird Yuna als einfältig abgestempelt. Dabei hat sie über ihre Umwelt viel zu sagen – und findet in der Malerei schließlich Ausdrucksmöglichkeit und Anerkennung. Doch lüsterne Männer bringen Unheil in die Familie und bedrohen Yunas Freundschaft mit ihren Cousinen. Unverblümt erzählt Yuna von ihrer Jugend im argentinischen La Plata der 1940er-Jahre und der sie umgebenden brutalen Realität. Mit 85 Jahren hat Aurora Venturini einen wahnsinnig originellen Coming-of-Age-Roman geschrieben, der nun endlich auch international entdeckt wird. Preis der Leipziger Buchmesse 2023 für Johanna Schwering in der Kategorie ›Übersetzung‹.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2022
Aurora Venturini
Die Cousinen
Roman
Aus dem argentinischen Spanisch von Johanna Schwering
Mit einem Nachwort von Mariana Enriquez
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Meine Mutter war Grundschullehrerin mit Rohrstock und weißem Kittel und sehr streng, leistete aber gute Arbeit in einer Vorstadtschule, die nicht sehr begabte Kinder der Mittelschicht abwärts besuchten. Der beste war Rubén Fiorlandi, der Sohn des Kaufmanns. Meine Mutter ließ ihren Rohrstock auf die Köpfe der Klassenkasper sausen und schickte sie mit Eselsohren aus buntem Karton in die Ecke. Selten machte einer zweimal Unfug. Meine Mutter meinte, dass man Wissen einbläuen kann. Ihre dritte Klasse nannte sie das Fräulein aus der Dritten obwohl sie verheiratet war mit meinem Vater der sie verlassen hat und nie wieder zu uns zurückgekommen ist um seine Pflichten als pater familias zu erfüllen. Sie unterrichtete vormittags und kam um zwei Uhr nachmittags nach Hause. Dann stand das Essen schon auf dem Tisch denn Rufina, die India, die unseren Haushalt patent bewirtschaftete, konnte auch kochen. Mir hing der immergleiche Eintopf zum Hals heraus. Im Hinterhof gackerten die Hühner die uns ernährten und in dem kleinen Garten sprossen wundersam güldene Kürbisse wie zerschossene Sonnen die von himmlischen Höhen auf die Erde gesunken schienen neben Veilchen und mickrigen Rosenstöcken, um die sich niemand kümmerte und die darauf bestanden diesem traurigen Saustall die Duftnote zu verpassen.
Ich habe nie gebeichtet, dass ich die Uhr erst mit zwanzig Jahren lesen gelernt habe. Diese Beichte beschämt und überrascht mich. Sie beschämt und überrascht mich wegen Dingen die ihr später über mich erfahren werdet und viele Fragen drängen mir in den Kopf. Ganz besonders drängt mir diese Frage in den Kopf: Wie spät ist es? Hand aufs Herz, ich konnte die Uhr nicht lesen und Uhren jagten mir Angst ein wie das Quietschen des Rollstuhls meiner Schwester.
Sie war noch einfältiger als ich und konnte zwar die Uhr lesen aber keine Bücher. Wir waren nicht gewöhnlich, um nicht zu sagen, nicht normal.
Rumm … rumm … rumm … murmelte Betina, meine Schwester, wenn sie ihre Erbärmlichkeit durch den kleinen Garten und über die Steinplatten im Hof spazieren fuhr. Das Rumm verklebte sich mit dem Sabber der sabbernden Schwachsinnigen. Arme Betina. Ein Fehler der Natur. Und ich Arme, noch so ein Fehler und erst recht meine arme Mutter, die die Enttäuschung und Ungeheuer ertragen musste.
Aber es gibt nichts, das es nicht gibt in dieser unwirtlichen Welt. Deshalb hat es auch keinen Zweck, sich allzu sehr zu grämen, über was oder wen auch immer.
Manchmal glaube ich, dass wir ein Traum oder ein Albtraum sind, der tagtäglich wahr wird und irgendwann einfach nicht mehr da sein wird, nicht mehr auf der inneren Leinwand erscheinen wird, um uns zu quälen.
Das war die Diagnose einer Psychologin. Ich weiß nicht ob ich das korrekt wiedergebe. Meine Schwester litt an einer Wirbelsäulenverkrümmung, von hinten und im Sitzen sah sie aus wie ein buckliges Viech mit kurzen Beinen und sehr langen Armen. Die alte Frau, die bei uns die Socken stopfte, meinte meiner Mutter wäre während der Schwangerschaften Leid zugefügt worden, vor allem bei Betina.
Ich fragte die Psychologin, ein schnurrbärtiges Fräulein mit zusammengewachsenen Augenbrauen, was eine Seele war.
Sie sagte das würde ich erst verstehen wenn ich älter wäre. Aber ich ahnte, dass die Seele wie ein weißes Leintuch im Körper war und dass wenn es schmutzig wurde die Menschen plemplem wurden, genauso wie Betina und ein bisschen so wie ich.
Wenn Betina ihre Rummrummrunden um den Tisch drehte, begann ich ein Schwänzlein zu beobachten, das durch die Lücke zwischen Rückenlehne und Sitzfläche ihres Rollstuhls lugte und ich sagte mir das wird die Seele sein, die ihr entwischt.
Ich befragte noch einmal die Psychologin, diesmal dazu ob die Seele mit dem Leben zu tun hatte und sie sagte Ja und außerdem, dass ein Mensch ohne Seele stirbt und die Seele in den Himmel kommt wenn der Mensch gut war und in die Hölle wenn er schlecht war.
Rumm … rumm … rumm … schleifte Betina ihre Seele hinter sich her und mir erschien sie jeden Tag ein Stückchen länger und etwas graugefleckter und ich ahnte, dass sie bald abfallen und Betina dann sterben würde. Aber das kümmerte mich nicht denn sie ekelte mich an.
Zur Essenszeit musste ich meine Schwester füttern und verfehlte jedes Mal mit Absicht die richtige Höhle und rammte ihr den Löffel ins Auge, ins Ohr oder in die Nase, bevor ich ihr Maul traf. Ah … ah … ah … stöhnte die unglückselige Schmuddelliese.
Ich packte sie an den Haaren und drückte ihr Gesicht in den Teller und dann gab sie Ruhe. Was konnte ich für die Fehler meiner Eltern. Ich hätte am liebsten auf ihren Seelenschwanz getreten. Aber die Geschichte mit der Hölle hielt mich davon ab.
Ich las den Katechismus zur Vorbereitung auf die Firmung und »Du sollst nicht töten« hatte sich mir eingebrannt. Aber ein Schubser hier und da ließen das Schwänzlein wachsen, das niemand sehen konnte. Ich allein sah es und freute mich.
Ich schob Betina zu ihrer und lief dann weiter zu meiner. In Betinas Anstalt wurden besonders schwere Fälle behandelt. Der Schweinejunge mit den wulstigen Lippen, dem großen Gesicht und den Schweineohren aß von einem goldenen Teller und schlürfte seine Suppe aus einer goldenen Tasse. Er nahm die Tasse mit seinen dicken hufigen Pranken und machte beim Schlürfen Geräusche wie wenn ein Sturzbach sich in einen Brunnen ergießt und wenn er feste Nahrung aß, bewegte er Kiefer und Ohren aber er schaffte es nicht mit den Eckzähnen zu beißen die wie bei einem Wildschwein sehr weit vorstanden. Einmal sah er mich an. Seine Äuglein, zwei im Speck versunkene ausdruckslose Kügelchen, blickten mich unverwandt an und als ich ihm die Zunge herausstreckte, grunzte er und warf sein Tablett auf den Boden. Die Pfleger kamen und mussten ihn zur Beruhigung festbinden wie ein Tier und etwas anderes war er auch nicht.
Während ich auf Betinas Schulschluss wartete, streifte ich durch die Gänge von diesem Narrenhaus. Ich sah einen Priester mit einem Ministranten hereinkommen. Jemand hatte wohl sein Tuch abgegeben, seine Seele. Der Priester sprengte Weihwasser und sagte wenn du eine Seele hast, so möge Gott dich empfangen.
Zu was oder wem sagte er das?
Ich ging näher und sah eine wichtige Familie aus Adrogué. Auf einem Tisch sah ich auf einem Seidentuch eine Röhrennudel. Aber es war keine Nudel sondern etwas aus der menschlichen Gebärmutter Geworfenes denn sonst würde der Priester es nicht taufen.
Ich forschte nach und eine Krankenschwester erzählte mir, dass dieses vornehme Paar jedes Jahr eine Nudel zur Taufe brachte. Dass der Arzt schon dringend geraten hatte nicht mehr zu gebären weil ihr Fall hoffnungslos war. Und dass sie gesagt hätten sie könnten nicht aufhören sich fortzupflanzen weil sie sehr katholisch waren. Trotz meiner Minderbemittelung fand ich diese Angelegenheit ekelerregend aber das konnte ich nicht sagen. An jenem Abend konnte ich vor lauter Ekel nichts essen.
Und die Seele meiner Schwester wurde immer länger. Ich war froh, dass unser Vater gegangen war.
Betina war elf und ich zwölf. Rufina sagte ihr seid im Entwicklungsalter und ich stellte mir vor, dass sich etwas von innen heraus entrollen würde und betete zur Heiligen Theresia, dass es bitte keine Nudeln sind. Ich fragte die Psychologin was Entwicklung ist und sie wurde rot und sagte ich soll meine Mutter fragen.
Meine Mutter wurde auch rot und sagte, dass Mädchen in einem bestimmten Alter aufhören Mädchen zu sein und zu kleinen Frauen werden. Dann verstummte sie und ich blieb ratlos zurück.
Ich sagte ja bereits, dass ich eine Anstalt für Minderbemittelte besuchte, etwas weniger Minderbemittelte als die bei Betina. Eine Mitschülerin sagte sie wäre entwickelt. Ich konnte nichts Neues an ihr entdecken. Sie erzählte mir, dass man zwischen den Beinen blutet wenn das geschieht und dass man dann nicht baden darf und eine Einlage benutzen muss damit die Kleidung nicht schmutzig wird und mit den Jungs aufpassen muss damit man nicht schwanger wird.
An diesem Abend konnte ich nicht einschlafen und betastete die Stelle. Aber sie war nicht feucht also konnte ich noch mit den Jungs reden. Wenn ich entwickelt wäre, würde ich mich keinem Jungen mehr nähern, nicht dass er mich schwängerte und ich eine Nudel oder so etwas bekam.
Betina redete ziemlich viel oder brabbelte und machte sich so verständlich. Und so kam es, dass eines Abends bei einem Familientreffen an dem wir nicht teilnehmen durften wegen unser mangelnden Manieren vor allem bei Tisch, meine Schwester herausposaunte: Mama, ich blute an der Mumu! Wir waren im Nebenzimmer der Tischgemeinschaft und eine Oma und zwei Cousins kamen rüber.
Ich sagte den Cousins sie sollen der Blutenden nicht zu nahe kommen damit sie sie nicht schwängern.
Alle verließen entsetzt den Raum und Mama schlug uns beide mit dem Rohrstock.
Ich ging in meine Anstalt und erzählte, dass Betina entwickelt war obwohl sie jünger war als ich. Die Lehrerin tadelte mich. Im Unterricht darf man keine unschicklichen Dinge sagen und sie ließ mich im Fach Bürgerliche und moralische Bildung glatt durchfallen. Die Klasse verwandelte sich in einen besorgten Schülerhaufen, vor allem die Mädchen, die sich ab und zu betasteten um eventuelle Feuchtigkeiten zu entdecken.
Ich hielt mich für alle Fälle fern von den Jungen.
Eines Nachmittags kam Margarita mit roten Wangen herein und sagte ich hab sie bekommen und wir wussten alle genau was sie meinte.
Meine Schwester verließ die Schule in der dritten Klasse. Es hatte keinen Sinn mehr. Eigentlich hatte es bei uns beiden nicht viel Sinn und ich ging nach der sechsten Klasse ab. Aber ich lernte Lesen und Schreiben wenn auch letzteres mit vielen Rechtschreibfehlern, das stumme H schrieb ich zum Beispiel nie, wozu auch, wenn man es nicht hört?
Lesen tat ich stockend, sagte die Psychologin. Sie meinte durch Übung würde sich das bessern und verordnete mir Zungenbrecher wie Der dicke Dachdecker deckt dir dein Dach. Drum dank dem dicken Dachdecker der dir dein Dach deckt.
Mama hörte zu und wenn ich mich verhaspelte schlug sie mir mit dem Rohrstock auf den Kopf. Die Psychologin verbot Mamas Anwesenheit während des Dachdeckens und ich schaffte es besser denn wenn Mama da war wollte ich immer schnell fertig werden mit dem Dachdecken und vertat mich vor lauter Angst vor dem Rohrstock.
Betina rummrummte um uns herum, sperrte den Mund auf und zeigte darauf, weil sie Hunger hatte.
Ich wollte nicht mit Betina zusammen am Tisch essen. Das ekelte mich an. Sie schlürfte die Suppe direkt vom Teller, nahm die Stückchen in die Hand und schluckte sie in einem Haps herunter. Wenn ich sie füttern wollte, weinte sie wegen der Sache mit dem Löffel in allen Gesichtsöffnungen.
Dann bekam Betina einen extra Stuhl fürs Essen mit einer eigenen Tischplatte und einem Loch im Sitz für Kacka und Pipi. Mitten beim Essen musste sie plötzlich. Der Geruch verursachte mir Brechreiz. Mama sagte ich soll mich nicht so anstellen sonst bringt sie mich in die Klapsmühle. Ich wusste was eine Klapsmühle war und aß fortan, sagen wir, eingehüllt in den Gestank der Kacke und des Sprühstrullerns meiner Schwester. Wenn sie pupste, kniff ich sie.
Nach dem Essen ging ich immer in den Hof.
Rufina machte Betina sauber und setzte sie in den Rollstuhl. Die Dumme schlummerte mittags mit dem Kopf auf der Brust oder besser auf den Brüsten denn ihre Kleidung verriet bereits zwei ziemlich runde und provokante Hügel weil sie vor mir entwickelt war und sie war zwar hässlich aber trotzdem vor mir zur Frau geworden und so musste Rufina ihr jeden Monat die Einlagen wechseln und sie zwischen den Beinen waschen.
Ich wusch mich allein und merkte, dass meine Brüste nicht wuchsen weil ich dünn war wie ein Besenstiel oder wie Mamas Rohrstock. Und so wurden wir älter und ich besuchte einen Mal- und Zeichenkurs und der Professor von der Kunsthochschule meinte ich würde eine wichtige Malerin werden weil ich wegen meiner leichten Verrücktheit zeichnete und malte wie die extravaganten Künstler unserer Zeit.
Der Professor sagte zu mir: Yuna – so heiße ich – deine Bilder gehören ausgestellt. Vielleicht verkauft sich sogar das ein oder andere.
Da überwältigte mich eine solche Freude, dass ich den Professor ansprang und mit allen vier Gliedern an seinem Körper kleben blieb: Füße und Beine und gemeinsam fielen wir um. Der Professor sagte, dass ich sehr hübsch wäre und wir ein Paar sein könnten wenn ich älter wäre und dann würde er mir Dinge beibringen die genauso schön sind wie Zeichnen und Malen aber ich sollte nicht über unser Projekt sprechen was eigentlich nur sein Projekt war und ich dachte, dass er noch wichtigere Ausstellungen meinte und sprang ihn wieder an und küsste ihn. Und er gab mir einen blauen Kuss, der an Orten in mir widerhallte die ich nicht benennen werde weil sich das nicht gehört und ich holte eine große Leinwand und malte ohne Skizze zwei fest verschlungene rote Münder, vereint, untrennbar, frohlockend und darüber zwei blaue Augen, aus denen kristallene Tränen flossen. Der Professor küsste das Bild auf Knien und da blieb er, im Schatten, und ich ging nach Hause.
Ich erzählte Mama von der Ausstellung und sie, die nichts von Kunst verstand, sagte, dass diese krickeligen Vogelscheuchen auf meinen Bildern die Leute höchstens zum Lachen bringen würden aber wenn der Professor es so wollte, sollte es ihr recht sein.
Als meine Bilder neben denen von anderen Studenten ausgestellt wurden, verkauften sich zwei. Eins davon war leider das Bild mit dem Kuss. Der Professor hatte es »Erste Liebe« genannt. Das gefiel mir. Aber die Bedeutung verstand ich nicht so ganz.
Yuna hat großes Talent sagte der Professor und das gefiel mir so sehr, dass ich immer wenn er es sagte nach dem Kurs länger blieb um ihm auf den Arm zu springen. Er tadelte mich nie. Aber als meine Brüste anfingen zu wachsen sagte er ich soll ihm nicht mehr auf den Arm springen weil der Mann Feuer ist und die Frau Stroh. Das verstand ich nicht. Aber ich hörte auf zu springen.
So kam es, dass ich einen Abschluss in Zeichnen und Malerei an der Kunsthochschule machte, als ich gerade siebzehn war aber es war klar, dass ich wegen meinem Stammeln niemals würde unterrichten können. Ich malte wann immer ich mir Malkarton leisten konnte denn die Farben schenkte mir der Professor wenn er zu Besuch kam.
Betina und ihr Rummstuhl umwuselten meinen Professor bis ihm schwindelig wurde aber Mama ließ mich nie mit ihm alleine und einmal gab sie mir eine Backpfeife, vielleicht weil sie gesehen hatte wie wir uns küssten, aber auf die Backe, nicht auf den Mund wie die Filmschauspieler.
Ich hatte Angst, dass sie den Professor nicht mehr ins Haus lassen würde. Aber sie ließ ihn rein solange wir uns nicht mehr küssten denn wenn der Teufel seine Finger und der Professor ein anderes Teil seines männlichen Körpers ins Spiel bringt, kann er mich schwängern und der Professor würde niemals eine minderbemittelte Schülerin heiraten.
Betina war wuseliger als sonst, wenn der Professor kam um mir Privatstunden zu geben und die Bilder auf Karton und Leinwand anzugucken, die sich an der Wand für eine Ausstellung in Buenos Aires stapelten.
Einmal wurde es Abend und Mama lud den Professor zum Essen ein. Er nahm an und ich zitterte bei dem Gedanken an die Geräusche, den Sprühregen und die ekelhaften Gerüche aus Betinas plumpem Körper. Aber wo ein Kapitän ist, hat der Matrose nichts zu melden.
Rufina hatte Nudeln gekocht und zu allem Unglück musste ich an die Nudel aus dem Narrenhaus denken. Ich wollte malen um mich zu beruhigen und malte ein Bild, das nur ich allein verstehen konnte. Eine Nudel mit Augen und eine Hand, die sie segnete. Und in Gedanken flüsterte ich: Wenn du eine Seele hast, so möge Gott dich empfangen …
Rufina holte die bestickte Tischdecke für besondere Anlässe aus dem Schrank und die guten Teller, die auch für besondere Anlässe waren. Wenn der Tisch so gedeckt wurde, trübten sich Mama immer die Augen weil sie diese Dinge zur Vermählung geschenkt bekommen hatte. Dann musste sie wahrscheinlich daran denken wie die Vermählung wieder gelöst worden und Papa gegangen war. Mir hat das nie leidgetan weil ich sie nicht mochte.
Pech gehabt … Papa wird eine bessere gefunden haben ohne Rohrstock. Papa wird normale Kinder bekommen haben die nicht so dumm waren wie ihre, also wir.
Auf der Tischmitte glänzte eine kleine Keramikfigur, ein Bauernpaar Arm in Arm unter den Zweigen einer Weide. Eines Tages wollte ich diese Szene malen die mich anrührte weil mit siebzehn jedes Mädchen unter einem Baum umarmt werden und das Gestrüpp zerwühlen möchte.
Wir benutzten das gute Geschirr aus dem Schrank weil das Alltagsgeschirr angestoßen und stumpf war vor lauter Alltagsnutzerei. Wir nahmen auch das beste Besteck das Mama hütete und sie sagte auch das war ein Hochzeitsgeschenk gewesen. Die Gläser kamen nach jahrelangem Versteck zum Vorschein und waren durchscheinend wie Wasser. Unser Eintopf schien wirklich ein anderer umgeben von so viel Luxus.
Es gab sogar Dessertwein. Für anderen reichte das Geld nicht. In der Wasserkaraffe war Wasser, was sonst.
Erst setzte Mama sich ans Kopfende und daneben der Professor, der pünktlich gekommen war und Pralinen mitgebracht hatte.
Gegenüber vom Professor ich und neben mir Betina.
Mama sagte erst mal ein Kanapee. Ich fragte mich warum wir aufs Sofa umziehen sollten, wo wir uns doch gerade erst hingesetzt hatten aber sie meinte so kleine Brotscheiben mit Salami und Käse, die Rufina auf den Tisch stellte.
Mama sagte bedient euch um den Appetit anzuregen und schenkte den Erwachsenen Wein ein und Betina und mir Wasser und als es klingelte stand Tante Nené vor der Tür und Mama sagte das war eine Überraschung die sie für uns hatte.
Rufina lief geschäftig hin und her und Tante Nené fing an ihr zu helfen.
Die Hauptspeise kam erhobenen Hauptes in Tante Nenés Händen. Unser tägliches Huhn sah aus wie Königskost auf einem Silbertablett drapiert und mit Gemüse verziert, das Nené mitgebracht hatte.
Und los ging das Geschmause so gut ein jeder konnte. Mama beobachtete uns ohne Rohrstock aber ich wusste, dass sie ihn unter dem Tisch in Reichweite hatte.
Unangenehme Aufmerksamkeit erregte Betina. Auf ihr tumbes Gepupse und Gerülpse folgten Entschuldigungen von Mama, die erklärte, dass die Arme mit ihren sechzehn Jahren auf dem geistigen Stand einer Vierjährigen war, wie die Tests ergeben hatten die wegen ihrer Minderbemittelung regelmäßig gemacht wurden.
Tante Nené beschloss die Melopöie mit so ein Unglück, Clelia, so hieß meine Mama, zwei zurückgebliebene Töchter … und dann verschlang sie ein Stückchen Hühnerbrust in ihrem briefkastenrot bemalten Mund.
Der Professor sagte ich wäre nicht zurückgeblieben sondern eine introvertierte bildende Künstlerin und dass ich bald in Buenos Aires ausstellen würde und hier in der Stadt schon zwei Bilder verkauft hatte.
Tante Nené malte auch. Sie rahmte ihre Bilder und verteilte sie auf alle Wände in dem Haus wo sie mit ihrer Mutter lebte die meine Oma war und Mutter meiner Mutter. Bei uns zu Hause hingen zwei mit »Nené« signierte Bilder, Gesichter von jungen Frauen mit den schwärzesten Augen, wie Kuhaugen, und mir gruselte vor ihnen. Eine hatte einen Schnurrbart. Nené sagte sie malt gern Porträts und das sagte sie zum Professor der sie fragte wo sie gelernt hatte mit Öl zu malen und sie gestand ihm Autodidaktin zu sein, sie würde niemanden brauchen der ihr die Hand führte, die Dinge würden ihr einfach aus dem Herzen sprudeln wie Quellwasser.
Der Professor sagte nichts dazu. Nené betrachtete ein Bild von mir und befand diese Striche für wertlos, die neuen Maler würden ihr überhaupt nicht gefallen und über diesen albernen Kubismus von Pettoruti könnte sie nur lachen. Der Professor stolperte und landete direkt vor Tante Nenés Bild auf dem Hintern.
Tante Nené sagte weiter, meine Vogelscheuchen wären vielleicht für mich nützlich, wegen irgendetwas, das ich in meiner beschränkten Wahrnehmung in ihnen sah … aber was wissen wir schon, was die Anormalen denken und fühlen, sagte sie in Form einer Frage.
Der Professor erklärte ihr, dass ich die beste Schülerin der Kunsthochschule wäre, meinen Abschluss in der Tasche und bald eine Einzelausstellung hätte und Tante Nené erwiderte ironisch, mit den anderen Schülern könnte es dann wohl nicht weit her sein und dann wurde es hitzig.
Mama vermittelte, dass meine Themen die eines jungen Mädchens wären und ich mich sicher noch weiterentwickeln würde.
Von ihrem Holzrahmen aus betrachteten uns die gemalten Riesenaugen von Tante Nené und mir rutschte etwas raus, das mir später den Rohrstock einbrachte: Ich glaub, mich guckt eine Kuh an und fragt, ob ich sie essen will, weil das Bild so langweilig ist wie das Gesicht einer Kuh und hässlich wie das Gesicht einer hässlichen Frau.
Tante Nené kreischte wie ein Affe im Zoo und zeterte wie lange ihre arme Schwester mich denn noch ertragen wollte und es wäre Zeit mich endlich in die Klapsmühle zu bringen.
Der Professor klagte über Magenschmerzen und bat um Erlaubnis das Bad zu benutzen um sich zu übergeben. Ich freute mich als hätte ich einen Kunstpreis bekommen.
Absolute Stille bis Mama zu Tante Nené sagte, sie wäre zu weit gegangen und sie müsste wissen, dass das Malen mich glücklich machte. Nené sprang auf wie von der Tarantel gestochen: Merkst du denn nicht mit was für Absichten dieser Mann das Mädchen ansieht, sagte sie als Frage und Mama sagte sie soll nicht so misstrauisch sein und sie fände so große Augen würden eigentlich in kein Frauengesicht passen, außer vielleicht in das der Ehefrau eines Stiers.
Ich spürte, dass Mama mich akzeptierte und musste eine Träne zurückhalten die mit Getöse auf den Boden geklatscht wäre, denn es wäre die gigantische Träne gewesen, die ich nicht geweint hatte seit ich – halbwegs – gelernt hatte zu verstehen was hinter den Gesprächen sogenannter normaler Leute wie Mama und Tante Nené steckte. Der Professor kam vom Kotzen zurück und richtete sich an Nené um ihr etwas zu sagen was sie bald unterbrach und zwar Folgendes:
Señorita, begann er und sie teilte ihm mit, dass sie verheiratet war, worauf er um Entschuldigung bat und sagte, dass eine so hübsche Frau ihres Alters natürlich kein Fräulein mehr wäre und dass ihr Ehemann sehr stolz sein musste, eine Malerin an seiner Seite zu haben und sie informierte ihn darüber, dass sie sich getrennt hatte weil sie die ordinären Manieren ihres Gatten nicht hatte ertragen können. Der Professor, gebildet und höflich wie er war, konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen, dass in diesem Haus wohl keine ins Schwarze traf.
Mama bemerkte, dass das missratene Abendessen alle bis auf Tante Nené betrübt hatte. Sie holte ein Tablett mit Champagnergläsern. Den Champagner hatte sie im Schrank um auf den fünfzehnten Geburtstag einer ihrer Töchter anzustoßen, wiederum Betina und ich, aber dann hatte es sich nie gelohnt ihn zu öffnen weil das chronologische Alter nicht zählt wenn der Verstand nicht mitwächst.
Wir kehrten an den Tisch zurück. Betina war in ihrem Stuhl eingeschlafen und schnarchte. So hässlich, so abstoßend, wie konnte jemand so hässlich und abstoßend sein, dieser Büffelkopf, dieser Nasse-Lappen-Muff. Arme Betina …
Lasst uns auf den Frieden trinken, sagte Tante Nené und tat ganz feingeistig. Dann erzählte sie wie ihre gescheiterte Ehe auf ihr lastete weil sie sich schuldig fühlte so wenig über das Körperliche gewusst zu haben und dass sie manchmal Sancho vermisste, das war ihr Exmann.
Sie wartete auf eine Frage aber niemand stellte sie also erzählte sie von allein, dass sie die Hochzeitsnacht, und hier wurde sie rot, damit verbracht hatte durch Haus und Hof vor ihrem verliebten Angetrauten zu flüchten, sodass die Ehe nie vollzogen wurde und er verschwunden war. Er war einfach verschwunden.
Sie füllte das zweite Glas Champagner und die Ohren ihrer Zuhörer als sie erläuterte, dass sie eine verheiratete Jungfrau war, weder Señorita noch Señora oder sonst irgendetwas und dass sie sich deshalb in die Kunst der Gemäldemalerei flüchtete.
Sie lebte am Rockzipfel ihrer Mutter, die auch die Mutter meiner Mutter war und also meine und Betinas Oma. Die Röcke meiner Oma waren wie Priestersoutanen und ihre Schuhe wie Männerschuhe und auf dem Kopf trug sie eine schwarze Schnecke denn sie hatte keine grauen Haare weil ihre Mutter India war und Indios nicht ergrauen, vielleicht weil sie nicht nachdenken. Mama hatte keine grauen Haare, wie Oma, aber sie dachte viel nach.
