Die Dame vom See - Suzanne Latour - E-Book

Die Dame vom See E-Book

Suzanne Latour

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Beschreibung

Nikolaus van Eyck, Korrespondent des Globus und heimlicher Misogyniker mit Willen zur Reform, macht im Zuge eines selbstverordneten Sabbaticals die Bekanntschaft Alizia Derneburgs, der schönen und klugen Witwe eines verunglückten linksintellektuellen Journalisten. In Wetzelsholm, einem Flecken im Schleswig-Holsteinischen, gibt sie Kurse in gelebter Alltagsphilosophie. Ihr Heim, das 'Goldfasanhaus', am Seeufer gelegen, ist der Anziehungspunkt eines Freundeskreises lebhafter und geistvoller junger Leute, die sich hier regelmäßig einzufinden pflegen. Nicht nur, daß aus seiner Freundschaft zu Alizia bald Liebe wird, Herr van Eyck führt seine Tochter Stella, eine schüchterne junge Kunststudentin, die von einer Karriere als Malerin träumt, im Goldfasanhaus ein, wo die Begegnung mit Benedikt Derneburg, dem stolzen und kritischen Sohn Alizias, und Gabriel Feuerbach, Abkömmling einer Bonner Bankiersdynastie und zynisch-leichtmütiger Visionär mit stupenden Zukunftsplänen, lebensbestimmend für sie wird.

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Seitenzahl: 1548

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

E

RSTES

B

UCH

Von den segensreichen Wirkungen des Aufräumens

Ein Ankömmling

Das Haus am Birkenhain

Schiedsrichtertum

Freundschaft

Spionage

Noch mehr Spionage

Die jungen Leute

Maireden

Über die Ratgeber

Stella

Juni-Orakel

Die Kursteilnehmerinnen

Im vierzehnten Kapitel wird schon eifrig philosophiert

Porträt eines Prinzen

Von den schwarzen Feen

Friedhelm

Examen

Es wird ästhetisch

Die Meerfahrt

Melancholisches Präludium

Saturnalien und Bacchanalien

Konfessionen, halbe und ganze

Z

WEITES

B

UCH

Der Verführer

Isensee

Feuerbach in Bonn (I)

Feuerbach in Bonn (II)

Chemie und Romantik

Patt

Straßenschlacht

Ein Bankier beichtet

Nachbeben

Alizias Erzählung

Der Kobold (I)

Der Kobold (II)

ERSTES BUCH

1. Von den segensreichen Wirkungen des Aufräumens

Wer über die Schwelle eines Hauses tritt, betritt eine Welt. Dieser Grundsatz ist so allgemein und zugleich so umfassend, daß noch das stumpfeste Gemüt, sobald es sich, ob auf eigenes oder fremdes Wollen hin, in eine andere Umgebung versetzt sieht, sich in Sprech- und Redeweise und in seinem sonstigen Verhalten diesem veränderten Rahmen anpassen wird – gleichviel ob es sich davon Rechenschaft abzulegen vermag oder nicht. Wände und Mauern sind wie Außen- und Innenhaut, die ein kostbares individuelles Leben beherbergen, das zwar weitaus weniger auffallend und glänzend ist als dasjenige, durch das man seine Fäden in die Welt spannt, dafür aber um so dauerhafter, elementarer und unverzichtbar: noch den geringfügigsten Gegenständen vermag es eine Bedeutung zu verleihen, die sie an keinem anderen Ort der Welt besäßen und die ein stummes, aber sehr beredtes Zeugnis ablegen vom Wesen desjenigen, der sie an diese oder jene Stelle gelegt hat oder hat geraten lassen: von seinen Vorlieben, seinen Gewohnheiten, seinem Stolz oder seiner Gleichgültigkeit. Von diesem Punkt aus ist es gar keine so abwegige Überlegung mehr, sich vorzustellen oder vielmehr zu fragen, ob der etwas angeschlagene und keineswegs vorbildlich gesunde Zustand des eigenen Körpers nicht in einer mehr oder minder offenkundigen Wechselbeziehung zu der vom eigenen Selbst geschaffenen unmittelbaren Umgebung, sprich dem eigenen Hausinneren steht, ob beide einander nicht ziemlich augenfällig widerspiegeln: und nachdem Herr van Eyck, dem diese Frage durch den Kopf ging, als er seine Haustür aufschloß und etwas mißbilligend und geistesabwesend den eigenen Flur in Augenschein nahm, als hätte er diesen absonderlichen Schacht noch nie gesehen – nachdem Herr van Eyck diese Frage noch vor zwei Stunden als dümmliche Esoterik angesehen und, als ein Verächter aller hausgemachten Spiritualität: tauglich nur für Frauen, Wilde und andere mißgeleitete und unfrohe Gemüter, keiner ernsthaften Erwägung wert befunden hätte, ertappte er sich jetzt dabei, wie er sie ohne Hohn ins Auge faßte und tatsächlich zu grübeln begonnen hatte, ob nicht, nach dem schönen volkstümlichen Ausdruck, ‚irgend etwas dran sein konnte.‘

Nikolaus van Eyck kam vom Arzt, muß man wissen, und auf einem Patientenstuhl wartet die Demut. Während frühere Jahrhunderte den Medizinern im allgemeinen keine besondere Ehrerbietung entgegengebracht, sondern sie, lebensnah genug, als das angesehen haben, was sie im wesentlichen immer noch sind: Handwerker, die im Dunkeln agieren, zweifelhafte Methoden anwenden und von der Ungeduld und Verstocktheit ihrer Opfer leben, genießen sie, zweifellos durch die lebensverlängernden wissenschaftlichen Errungenschaften der letzten zwei Jahrhunderte, in unserer Zeit als Ärzteschaft im Ganzen ein Ansehen, von dem noch der geldgierigste und skrupelloseste Lump profitiert und das es äußerst schwer halten läßt, ihre Warnungen und Prophezeiungen, wenigstens was die eigene Person anbelangt, ganz und gar in den Wind zu schlagen: sofern man nämlich kein Herkules und auch nicht mehr dreißig ist. Wer keine Großmutter in seinem geistigen Gepäck hat, die einem in der Kindheit weismacht, alle Pillen seien Gift, was für alle folgenden Jahrzehnte gültig bleibt, wer keinen Pfarrer Kneipp persönlich kennt und um alle Gurus einen Bogen macht, wer zudem dazu neigt, nur nach modernen und rationalen wissenschaftlichen Methoden (also den derzeitigen) erlangte Erkenntnisse als erwiesen anzusehen, dem bleibt auf seinem Stuhl im Zimmer des Arztes wenig übrig als: lauschen und glauben, gleichviel wie sehr man ansonsten eine aufgeklärte Skepsis für die vernünftigste aller Weltanschauungen (wenn man schon eine haben muß) gehalten haben mag. Hinzu kam, daß der Arzt kein modischer Stadtpinsel war, der nur sein überschaubares und eingezäuntes Fachgebiet kennt, der seine Praxis mit modernen Kunstexponaten dekoriert und in den Computer spricht, während er den Patienten meint – sondern ein abgeklärter, pragmatischer, mittelalter Landarzt, der in der Gegend ähnliches Ansehen genoß wie einst sein Vater, von dem er die Praxis übernommen hatte; der die Verwaltungsarbeit seiner Frau überließ und um seine Person kein Aufhebens machte: in zerbeulten Cordhosen und Holzpantinen umherschlurfte und sogar die meiste Zeit den Autorität und Unfehlbarkeit verleihenden weißen Kittel entbehren konnte: der, mit anderen Worten, einen ungemein glaubwürdigen Eindruck machte. Zwar war, was er im einzelnen sagte, nicht unmittelbar bedrohlich, aber so recht beruhigend war es auf der anderen Seite auch wieder nicht, und den medizinischen Befund, dessen Details den Eingeweihten vorbehalten bleiben sollen, dahinstellend liefen seine Ratschläge auf das in diesen Fällen Übliche hinaus: weniger Arbeit – ausreichend Schlaf – regelmäßige Bewegung (treibe er Sport? Ja – Nein – keine Zeit – Ah so) – gesunde und moderate Ernährung – Vermeidung von Ärger, Aufregung und seelischem Druck: jene Wunderrezeptur also, mit deren Befolgung der Bewohner der westlichen Welt den Zeitpunkt seines irgendwann leider doch fälligen Ablebens auf unbestimmte Zeit hinauszuschieben hofft – möglichst über den sichtbaren Horizont hinweg, und die im übrigen, was nicht verschwiegen werden darf, Herr van Eyck, in dieser wie in mancher anderen Hinsicht ein sehr typischer Vertreter seines Geschlechts, in den vergangenen zwanzig Jahren nur sehr gelegentlich als etwas demnächst Anzusteuerndes angesehen und wieder aus den Augen verloren, die meiste Zeit über aber ziemlich beharrlich ignoriert hatte.

Er war zwar kein Mann der Laster, aber einer der Arbeit, und da er seit eben diesen zwanzig Jahren auch mehr oder minder ungebunden war, Herr über sein Handeln und Wollen und nicht zuletzt über seine Unterlassungen, lieferte ihm genau dieser Status des nur sich selbst verantwortlichen Verfügens über seine Zeit zugleich den Vorwand und die Rechtfertigung, den weitaus größten Teil seiner Energie der von ihm bevorzugten Tätigkeit zuzuwenden und all das, wofür andere Menschen leben und ohne das ihnen das Leben kaum lebenswert erscheint: Familie, Vergnügungen, Erholung, Spiel – als verschwindende Quantitäten dieser unterzuordnen. Erst als sich vor einigen Monaten die Symptome einer nicht auf die übliche Weise zu überwindenden Erschöpfung, einer zunehmenden Lustlosigkeit und inneren Anspannung und nicht zuletzt einer immer düsterer werdenden Weltsicht zu häufen begannen, hatte er dem Drängen eines Freundes nachgegeben und sich zu einer Generaluntersuchung bereden lassen, obwohl er im Stillen überzeugt war, daß ihm nichts anderes fehlte, als was sich mit zwei einfachen Termini bezeichnen ließ: zugleich immer älter und immer kritischer zu werden. Während er nun, von einem leisen abergläubischen Mißtrauen gegen ‚die Auguren, die aus dem Blute lesen‘ erfaßt, das Papier mit seinen sogenannten Werten studierte, ohne sie sonderlich aufschlußreich zu finden, entging es seinem scharfen Ohr keineswegs, daß es genau jener Zusammenhang zwischen körperlichem und seelischem Befinden war, auf den der Arzt in seinen Ausführungen in kluger Diplomatie seinen Finger legte.

Und zwar machte er dazu zunächst einen Umweg. Er habe, so der Arzt – da der offizielle Teil des Gespräches vorüber war in zunehmend gemütlicherem Ton – das ‚Sabbatical‘ der Amerikaner immer für eine äußerst vernünftige Einrichtung gehalten und nur bedauert, daß er auf die sogenannten Geistesarbeiter beschränkt sei: seiner (bescheidenen) Meinung nach sollte eigentlich jeder Mensch, gleichviel wie hoch oder niedrig er gestellt sei, mindestens einmal in seinem Leben (aber warum nicht mehrere Male) für einen längeren Zeitraum als die paar lumpigen Wochen, die ihm von Gesetzes wegen zustanden, etwas völlig anderes tun dürfen, als was er sonst tat: sich bilden – nein, nicht: sich weiterbilden, denn das hieße ja, daß einer bereits gebildet sei, wenn er sich nur ein paar beruflich verwertbare Fähigkeiten angeeignet habe – sich bilden also, in sich gehen oder auf Pilgerschaft (hier ein Lächeln), etwas lernen, das zum bisherigen Tun in starkem Gegensatz stehe: ein sehr gutes Mittel, um Leib und Seele wieder in Einklang zu bringen, kurz: versuchen, eine bessere, weil nützlichere, abgerundetere und nicht zuletzt erfreulichere Person zu werden.

Sein Gegenüber lauschte all dem nicht ohne einen gewissen Grad der Belustigung, fand, daß es verdächtig nach Kommunismus roch und glaubte sich zu erinnern – er hatte nicht zuletzt aufgrund seines eigenen Berufes ein Gedächtnis für solche Details –, daß der Sprecher in der Gegend mehrere Häuser besaß, die er keinesfalls alle selber bewohnte, an welcher Anhäufung von Privateigentum ihn offensichtlich weder zerbeulte Cordhosen noch Holzpantinen, noch staatsradikale Ansichten gehindert hatten. Wie war es noch? sagte er zu sich selbst. Unsere Meinungen sind die Ergänzungen unserer Existenz? Und was kommt nun?

Es kam das Fazit. Nach seinen Erfahrungen, fuhr der Arzt fort, die sich auf Beobachtung von bald dreißig Jahren stützten, sei die alte These, nach welcher die Menschen bereits aufgrund ihrer körperlichen Veranlagung zu bestimmten Krankheiten neigten – oder nach welchen eine gegebene körperliche Beschaffenheit die Ausformung eines bestimmten Krankheitsbildes begünstige – durchaus als vernünftig anzusehen und halte modernen Erkenntnissen stand; er habe oft gefunden, daß es die schlanken, großgewachsenen Menschen seien, zudem Leute mit einem (hier gab es ein winziges Stocken: als suchte er nach einem positiven Begriff) ausgeprägt kritischen Urteilsvermögen, die am leichtesten Magenbeschwerden bekämen oder weit mehr als andere in der Gefahr stünden, sich ein chronisches Magenleiden zuzuziehen. Herz und Magen aber stünden einander nicht nur physisch nahe; der Magen sei gewissermaßen das Behältnis der materiellen Welt: alles, was als meßbare Energie die Körperfunktionen vorantreibe, müsse diese Pforte passieren, und nach der Qualität ihrer Arbeit, wenn ihm dieser laxe Ausdruck gestattet sei, richte sich die Qualität des Stoffes, auf den das Herz, immerhin der Motor des physischen Lebens, bei seiner Tätigkeit angewiesen sei und ohne welchen es diese nicht verrichten könne – – Er könne hier noch viel weiter ausholen, sagte der Arzt nach einem Augenblick, aber worauf er im wesentlichen hinauswolle, sei dies: daß nämlich, ebenso wie die allermeisten Krankheiten – angefangen, wie man an Kindern sehr schön beobachten könne, bei bloßer Müdigkeit – unweigerlich auf das Gemüt drückten und den Geist mit trüben, lähmenden und schädlichen Gedanken erfüllten, der Prozeß in umgekehrter Richtung – wenngleich hier der Zusammenhang etwas verborgener und schwieriger zu bestimmen sei, sich überdies in längeren Zeiträumen vollziehe – ebenfalls funktioniere, und daß eine verfestigte negative Grundhaltung gegenüber bestimmten Erscheinungen des Lebens, gleichviel ob berechtigt oder nicht, sobald sie die herrschende Gemütsverfassung werde (und dies geschehe oftmals, ohne daß es dem Betreffenden zu Bewußtsein komme) sich nach kürzerer oder längerer Frist unweigerlich in körperlichen Störungen oder Mißempfindungen niederschlagen müsse. Und anstatt all dies als gegeben hinzunehmen und sich mit falsch plaziertem Stoizismus damit abzufinden, müsse man vielmehr darin ein Zeichen der Hoffnung sehen und die tiefe Weisheit bewundern, die in einem solchen Plan und in einer solchen Anlage der Dinge liege, denn im Grunde genommen bedeute es nichts anderes, als daß ein Mensch von Vernunft und klarem Verstand, mit nicht nur der Fähigkeit, sondern auch der Bereitschaft zur Selbsterkenntnis, und sofern seine Sache nicht bereits in einem kritischen Stadium sei, imstande sein sollte, gegebenenfalls als sein eigener Arzt aufzutreten und sich ein Stück weit selbst zu heilen – und hier nun komme das Sabbatical wieder ins Spiel, der sich dabei, sofern man ihn nur, was allerdings Disziplin und Konsequenz erfordere, durch entsprechende geistige und körperliche Tätigkeit zu nutzen wisse, als äußerst hilfreich und bedeutsam erweisen könne – weitaus hilfreicher und bedeutsamer jedenfalls als lediglich in regelmäßigen Abständen ein paar Tropfen zu nehmen und im übrigen die alten verfestigten Denk- und Verhaltensweisen beizubehalten. Ein Opfer zu bringen, um das Ganze zu retten, das sei sehr alte, noch vor-antikische Weisheit, Varianten dazu fänden sich in fast allen Religionen, wenngleich dem Christentum die Ehre zukomme, sie, auf den Menschen in seiner Individualität bezogen, am deutlichsten und radikalsten ausgesprochen zu haben. Dies als kleiner Denkanstoß zum Schluß, denn seiner Ansicht nach – die strenggenommen die klassische Auffassung sei – könne ein Arzt seinem Patienten eigentlich keinen größeren Gefallen erweisen, als ihm die Mittel an die Hand zu geben, sich selber zu helfen – was, auf den rein körperlichen Heilungsprozeß bezogen, von jeher der Fall gewesen sei –: zumal wenn, wie gesagt, das Potential vorhanden sei, das man aber selbst der elendesten und heruntergekommensten Kreatur nicht absprechen dürfe.

Und obwohl es schien, als wäre er jetzt erst in sein richtiges Fahrwasser geraten, erinnerte ihn an dieser Stelle eine nicht zum Thema gehörige Anfrage seiner Frau daran, daß die Sitzung schon eine geraume Weile in Anspruch genommen hatte und daß es im Nebenzimmer noch eine ganze Reihe weiterer Patienten gab, die lustlos in alten Zeitschriften blätterten und darauf warteten, mit solchen ebenso vernunftvollen wie (bis auf das Sabbatical) ihren Wünschen kaum entsprechenden Theorien beschenkt zu werden; worauf sie, nach loser Vereinbarung weiterer Termine, nachdem der Arzt einige Rezepte ausgestellt und seinem Gegenüber ausgehändigt hatte – denn so wenig Esoteriker und soviel Pragmatiker war er nun doch, seinen Schützling nicht ohne die Aussicht auf ein oder zwei kleine greifbare Wundermittel nach Hause zu schicken – schieden sie mit den üblichen Höflichkeitsbezeigungen, und es blieb demjenigen, dem dieser listige, philosophisch verpackte Sermon gegolten hatte, überlassen, sich hierzu, während er den Heimweg antrat, die entsprechenden Gedanken zu machen.

Dazu hatte er Gelegenheit genug, denn er ging zu Fuß, wozu er sich in der Vorwegnahme des ärztlichen Rates und als freien Tribut an das gesündere Leben und die Selbsterneuerung an diesem Morgen entschlossen hatte, und was in der dörflichen Gegend, in der sein Haus stand, ohne weiteres zu machen war – vom Zuhausesein zu reden, wäre in Herr van Eycks Fall übertrieben, da er, Korrespondent eines kritischen Blattes, der er war, und in den letzten zehn Jahren viel auf Reisen, von seiner ländlichen Umgebung selten mehr als einen allgemein angenehmen Eindruck von Grün beziehungsweise Braun wahrgenommen hatte und von dem dörflichen Leben, zu dessen Partikeln er als Ortsansässiger wenigstens nominell doch auch zählte, kaum viel mehr wußte, als wozu ihm ein rasches, halb zerstreutes Überfliegen der ersten beiden Seiten der Dorfzeitung verhalf, ehe sie auf den Altpapierhaufen geworfen wurde. Ziemlich stark – mit diesem Tonfall empörten Furors hob es an –, wahrlich ziemlich stark von diesem Herrn der Holzpantinen! Das nenne ich mir eine saubere Art, sich aus der Affäre zu ziehen – man schnürt dem Patienten, in Ermangelung probaterer Mittel, ein kleines Selbsterkenntnispaket und schickt ihn damit auf Reisen! Mein armer lieber Tropf, Ihre eigene Bosheit macht Sie krank – werden Sie ein besserer Mensch und Ihr Körper wird sich dem anbequemen! Wenn ich mich recht erinnere, so hat es mit dem, der das Primat des Geistes über den Körper am ekstatischsten und gloriosesten postuliert hat, ein ziemlich übles und außerdem vorzeitiges Ende genommen: sämtliche inneren Organe im Zustand der Auflösung begriffen, was wahrlich keine appetitliche Vorstellung ist. Das war vor bald zweihundert Jahren, und seitdem hat niemand mehr seinen Kopf so hoch zu recken gewagt – die Spiritisten, Yoga-Meister und die Jünger der Christlichen Wissenschaft allenfalls ausgenommen, aber die pflegen meines Wissens von der Schulmedizin immer noch nicht anerkannt zu sein! Ist dieser Staat etwa schon so bankrott, daß er an seine Ärzte die Parole ausgegeben hat: Kümmert Euch um die hoffnungslosen Fälle, der Rest wird mit guten Worten und billigen Proben abgespeist?

Doch war der Weg – es handelte sich immerhin um einen guten Kilometer – als solcher zu weit, um ihn die ganze Zeit gleichsam unter Dampf und mit grimmigen Gedanken zuzubringen, zumal das Zufußgehen die einfachste und älteste Form der Gymnastik darstellt, die auch den Geist gewöhnlich nicht unbeeinflußt läßt; und da es ein schöner Februarmorgen war, an dem sich das hier Berichtete zutrug, und sich der nahende Frühling bereits sehr merklich in Form von Sonnenlicht, milder Luft und Vogelstimmen ankündigte, waren Herr van Eycks Gedanken, ohne daß sein bewußter Wille es ihnen zu verwehren vermocht hätte, gleichsam durch das bloße Außen, die physischen und physikalischen Gegebenheiten darauf vorbereitet, beim nächsten ungewöhnlichen Vorkommnis eine gänzlich andere, wenn nicht sogar die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen.

Das Vorkommnis bestand in nichts anderem, als daß ihn kurz nacheinander zwei Frauen grüßten, als er sich bereits wieder in seiner eigenen Wohngegend befand, jener Ansammlung leider etwas langweiliger, von gepflegten Gärten umgebener Einfamilienhäuser, wie sie, in konzentrischen Ringen gleichsam und stilistisch selbst für ein ungeübtes Auge nach Dekaden zu unterscheiden, zu Hunderten, ja Tausenden die alten Dorfkerne dieses Landes umgeben, dabei die Tatsache verschleiernd, daß das innere Leben ihrer Bewohner keineswegs auf diesen Dorfkern (noch gar die Kirche) ausgerichtet ist, sondern in den allermeisten Fällen auf die nächste Großstadt, von der sie ihre Sitten, ihre geistigen Gepflogenheiten und die Mittel zu ihrem Lebensunterhalt beziehen. Sie grüßten ihn also, und zwar so, wie man auf dem Land grüßt: freundlich und kurz, und als sei er ihnen bekannt, während Herr van Eyck (er grüßte natürlich zurück), der durchaus nicht die Gewohnheit hatte, das ihm wesensfremde Geschlecht nach weniger strengen Maßstäben zu beurteilen als sein eigenes, sich nicht das Verdienst zurechnen konnte, ausgerechnet diese beiden, die beide wie ziemlich alltägliche, tüchtige und pragmatische Landfrauen wirkten, weder besonders intelligent noch besonders interessant, in all den Jahren zuvor, die er nun schon hier beheimatet war, jemals als – sagen wir: in Pfeilschußnähe seines eigenen Hauses rechtmäßig angesiedelte menschliche Wesen wahrgenommen zu haben. Möglicherweise war es dieses Aufschimmern eines Restes von zwanglosem und zweckfreiem Umgang auf nachbarschaftlichem Niveau, das sein nicht nur beruflich, sondern auch seiner natürlichen Veranlagung nach auf das Aufspüren und Ergründen zumeist unerfreulicher politischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge gerichtetes Gemüt instand setzte – wenigstens im Verein mit der Februarsonne und der Aussicht auf zwei entspannte Wochen, die er sich aus eigenem Recht verordnet und bewilligt hatte – kurz darauf eine ganz und gar ungewohnte, noch niemals zuvor ernsthaft erprobte Perspektive einzunehmen. Denn als er, bereits in seiner eigenen Straße angelangt und ein wenig müßig und obenhin mit der Frage befaßt, woher jene beiden wußten, wer er war, und ob sie es überhaupt wußten: ob er, mitsamt seinen vierundfünfzig Jahren, noch wie ein Mann wirkte, bei dessen Nahen eine Frau den Kopf hebt (o vanitas!), oder ob sie womöglich seine Artikel gelesen hatten oder es zu tun pflegten und also intelligenter waren, als sie aussahen (o fünffache vanitas!) – als er, solchermaßen im Geist beschäftigt, vor seiner eigenen Gartenpforte hielt, wie es doch, wenn er von seinen Reisen zurückkehrte, schon so oft der Fall gewesen war: aber dann im Zustand der Ermüdung, den Kopf voller Arbeit und Termine – da war es plötzlich, einige außergewöhnliche Sekunden lang, als sehe er das, was vor ihm lag, mit den Augen eines Fremden an.

Was sahen diese Augen? – Auf den ersten Blick nichts, was zu beanstanden gewesen wäre: einen gefliesten Weg, der in einer leicht geschwungenen Linie zur Haustür führte, ein bodenbedeckendes Kraut zu beiden Seiten, links und rechts davon Rasen, einige indifferente Büsche und Sträucher, die das Haus umgaben, und, nach dem Zaun hin angepflanzt, mehrere kleine Bäume und wiederum Sträucher, die zum Teil kleine Heckenstücke bildeten und einen Sichtschutz vorstellten. Ein ziegenbärtiger Student – ab einem gewissen Alter trugen sie scheinbar alle plötzlich Ziegenbärte, die dann gleichsam über Nacht, womöglich auf den Rat einer Freundin hin, ebenso sang- und klanglos wieder verschwanden – ein ziegenbärtiger Student also, der in irgendwelchen obskuren, nachbar- oder verwandtschaftlichen Beziehungen zur Putzfrau stand, kümmerte sich um all dies, mähte in mehr oder minder regelmäßigen Abständen den Rasen, beschnitt die Sträucher, schaffte im Herbst das Laub weg und sorgte dafür, daß keine Äste und Zweige auf die Nachbargrundstücke hinüberragten, so daß dem Garten, als Ganzes gesehen, eine äußere Ordnung und Korrektheit nicht abzusprechen war. Aber nicht nur, daß hier keine Blumen blühten (nur die Sträucher taten es vermutlich irgendwann, ohne daß es ihm jemals aufgefallen wäre), nicht einmal die kleinen wilden Frühblüher, die sich andernorts bereits in großer Zahl blicken ließen: sie schienen seinen Garten zu meiden, als biete ihnen der Boden keine Nährstoffe – das ganze Grundstück mitsamt dem Haus in seinem Zentrum, einem weißen, fast quadratischen Bungalow mit schwarzer Eingangstür und schwarz eingefaßten Fensterbereichen, zu groß eigentlich für eine einzige Person, während eine Familie ihn zu klein finden mußte, strahlte etwas merklich Fremdes und Unpersönliches aus, als wäre sein Besitzer und Bewohner tatsächlich nicht recht zu Hause hier, selbst wenn er es der äußeren Wirklichkeit nach war: als hätte er es versäumt, an dieser Stelle Wurzeln in die Erde zu versenken und ihr wenigstens ein Stück seiner menschlichen Individualität aufzuprägen, als halte er dies insgeheim für müßig und sinnlos.

Und wenn schon das Außen diesen Eindruck hervorrief, so verflüchtigte sich dieser beim Eintritt ins Innere keineswegs, im Gegenteil – dies war der Augenblick, da die geschmähte Esoterik an ihrem Bespötteler und Verächter Rache nahm und ihm, wohin er seine Augen auch wenden mochte, einen unerfreulichen Anblick nach dem anderen bereitete. Zwar sorgte auch hier, wie im Garten der Student, eine Putzfrau für eine gewisse, allgemeingültige Art von Sauberkeit und Ordnung, wenigstens soweit dies in den Rahmen ihrer Aufgaben fiel, zu denen das Auslüften toter Ecken und Winkel, das Durchforsten überfüllter Schubläden und eines überladenen Schreibtisches definitiv nicht gehörte (dies war ihr streng verboten), zwar befand sich alles im Zustand der Benutzbarkeit und Zugänglichkeit, aber die gesamte Art und Weise, wie er sich hier eingerichtet hatte, atmete, obwohl ihr das Persönliche in Form sichtbarer, klar herausgehobener und durchaus breitgefächerter geistiger Interessen keineswegs abzusprechen war, eine auffallende Kargheit, Nüchternheit und Sachlichkeit aus, gekennzeichnet nicht nur durch das Fehlen jenes Geistes, der auch dem kleinsten Detail Leben und Sinn zu verleihen vermag, sondern auch den beinahe totalen Mangel jeglicher Ästhetik – gleichviel ob groß- oder kleinbürgerlicher Art.

Es war überdies nicht zu leugnen, daß durch jenes fatale Zusammenwirken von Rastlosigkeit und Indifferenz, wie sie dem modernen Reisenden eigentümlich scheint, eine gewisse Nachlässigkeit hier Raum gegriffen hatte: längst fällige Reparaturen – tropfende Wasserhähne, verstopfte Abflüsse – waren immer wieder hinausgeschoben und nicht ausgeführt worden, weil Herr van Eyck gewöhnlich etwas anderes und Dringenderes mit seiner Zeit anzufangen hatte, als sich darum zu kümmern; der letzte Anstrich der Wände lag um mehr als zehn Jahre zurück und man sah es ihnen an; sein Arbeitszimmer hätten sensiblere Leute als eine Rumpelkammer bezeichnet und tatsächlich hatte ihm das im wesentlichen nur unordentliche, die Kreativität keineswegs sonderlich befördernde Chaos, das dort herrschte, bereits selbst auf die Nerven zu fallen begonnen, und schließlich gab es (den Keller schlug sich Herr van Eyck aus dem Sinn) in einem vierten Raum, einem unbenutzten Eckzimmer, nebst einigen dort abgestellten, nicht benötigten aber funktionsfähigen Dingen eine ganze Anzahl unausgepackter Kisten, die Kuriosa und Kunstgegenstände enthielten, die Herr van Eyck auf seinen Auslandsreisen gesammelt hatte, zu deren Begutachtung, eingehender Betrachtung und Verteilung im Haus er aber nie gekommen war. Denn obwohl er durchaus das goethesche Auge hatte, solche Dinge wahrzunehmen, zu schätzen und aus der Masse des Unbedeutenden herauszufinden, hatte er, wie es aussah, doch nicht die goethesche Energie noch das entsprechende Herzogtum im Hintergrund, die ihm den Antrieb hätten geben können, all die hier versammelten, in ihren Kartonsärgen wartenden Schätze: kleine Figuren und Skulpturen aus Holz, Ton oder Stein, seltene Bücher, einiges an Fossilien und Gesteinsproben, Bilder und Graphiken hochbegabter, aber noch fast völlig unbekannter Künstler und dergleichen mehr – in Glasschränken und auf Regalen auszustellen oder an den Wänden zu verteilen, um, nach alter Tradition, eine entzückte Besucherschaft damit zu erfreuen und zu unterhalten. Bislang hatte er dies stets auf einen Zeitpunkt größerer Muße und Besinnung vertagt, der allerdings nie gekommen war, denn auch die Muße braucht Gelegenheit, und tatsächlich hatte ihn in den letzten Jahren mehrfach der unbehagliche Gedanke beschlichen, ob dies am Ende etwas war, dessen Erledigung seinen Erben zufallen würde, an deren Befähigung und Bereitschaft hierzu er allerdings starke Zweifel hegte. Hatte all dieses Unerweckte, das sein eigener kritischer Sinn und seine Urteilskraft ausgewählt und zusammengetragen hatten, nicht doch das Recht, wenigstens noch eine Weile das Licht zu sehen und ein wenig bewundernde Aufmerksamkeit auf sich zu versammeln (selbst wenn es vorrangig seine eigene war), ehe es – womöglich endgültig – auf dem Müll oder beim ausgemusterten Gerümpel landete oder – und dies war noch einer der besseren denkbaren Fälle – im Speichermagazin irgendeines Museums verscholl?

Doch als er, immer noch in Mantel und Schal, die Hausschlüssel in der Hand durch das Haus wandernd und mit jenen seltsam entfremdeten und doch mit alldem hier vertrauten Augen die Innenräume inspizierend, sich klarzumachen begann, welchen Aufwand an Zeit und Mühe es erfordern würde, diese persönliche Umgebung in ein weniger evidentes Gleichnis des etwas maroden Gesundheits- (doch wohl nicht auch Geistes-?)zustands ihres derzeitigen Bewohners zu verwandeln – als er sich dies klarmachte, war die Versuchung geradezu überwältigend, sich den bloßen Gedanken daran aus dem Sinn zu schlagen und unverdrossen so weiterzumachen wie bisher, sich mit der Einsicht beruhigend, daß niemand gegen seine innerste Natur anzukämpfen vermag, daß es wenig Erfolg versprach, lediglich auf ärztliche Ermahnung und etwas Hypochondrie hin ausgerechnet im fünfundfünfzigsten Jahr seines Lebens zu versuchen, ein anderer Mensch zu werden, nachdem er die übrigen vierundfünfzig mit dem bisherigen recht gut ausgekommen war, und daß es weitaus mehr trotzige Tapferkeit und Beharrungsvermögen verriet, dem eigenen Selbst treu zu bleiben und seinen Weg bis zum Ende zu gehen – wie immer dieses Ende auch aussehen mochte.

Und mit dieser ins Moralische und Ethische erhöhten Bequemlichkeit hätte es womöglich sein Bewenden gehabt, wenn nicht ein Akzidens – kleine Dinge haben manchmal diese Wirkung – hinzugekommen wäre und dem Pendel den nötigen Schwung in die Gegenrichtung verliehen hätte. Beim Verlassen seines Arbeitszimmers – er wollte jetzt einen Kaffee – stieß Herr van Eyck mit dem rechten Fuß und Bein gegen einen neben der Tür aufgeschichteten Stapel von halb erledigtem, halb unerledigtem Kram, der sich, mit jenem lautlosen Gleiten, wie es Papier- und mehr noch Zeitschriftenstapeln eigen ist, wenn sie dem Gesetz der Schwerkraft gehorchen, in den Flur ergoß, und da dieses Hindernis, das mehr als einen Quadratmeter umfaßte, weder zu übersehen noch einfach beiseite zu schieben war, machte sich sein Verursacher etwas verärgert und mit leisem Fluchen daran, es zu beheben: mit welcher Entscheidung alles weitere gleichsam vorgezeichnet war. Denn die Meister lehren es: die zwei Zauberworte heißen Anfangen und Weitermachen, in beliebiger Reihenfolge; jeder einzelne Schritt gibt Kraft zum folgenden, und da, nachdem dieses vereinzelte Miniaturchaos verschwunden war, es schien, als könne ein vernünftiger und kritischer Mensch sich mit einer aufgeräumten Ecke nicht zufriedengeben, zumal sie alles andere, allein durch ihr Beispiel, in ein um so betrüblicheres Licht rückte – – – trank Herr van Eyck seinen Kaffee erst, als er längst eiskalt geworden war und aß – im Stehen – irgendein hartgewordenes Stück Trockenbrot dazu, ehe er sich erneut an die Arbeit machte, und als ein Mann von Tatkraft und raschen Entschlüssen hatte er bis zum Abend einige bedeutsame Maßnahmen zum Teil vollbracht, zum Teil in die Wege geleitet: Er hatte mit den Handwerkern – Malermeistern und Klempnern – telefoniert, mit seiner Putzfrau einiges an Extraterminen vereinbart, er hatte mehrere Kartons mit ausgemustertem Papier – Entwürfe, Unterlagen, Zeitungen – fortgebracht, und er hatte, als jemand, der alt genug ist, um der Nachhaltigkeit spontaner Aktionen zu mißtrauen, sich im Geist ein Pensum auferlegt, das er in den nächsten Tagen abzuarbeiten gedachte und das binnen zwei Wochen bewältigt sein mußte. Sein altes Dasein hatte noch genug Gewalt über ihn, und überdies hatte er keineswegs vor, durch diese äußeren Tätigkeiten ein sogenannter besserer Mensch zu werden, einer von diesen Positivschwätzern etwa, die, wo immer man sie auch antraf, einem spätestens nach fünf Minuten (Herr van Eyck brauchte bedeutend weniger) unerträglich lästig zu fallen begannen mit ihrem dümmlichen Dauerlächeln, ihren vorfabrizierten Redewendungen, deren liebste und offenbar unausrottbar: ‚Der Weg ist das Ziel‘ zu sein schien, ihren Glückwünschen zu noch nicht gehabten Erfolgen und ihrer unverwüstlichen Bereitschaft, sich mit Worten anstelle von Taten zufriedenzugeben.

Nur über seine Leiche, das schwor er sich, es brauchte wohl doch ein bißchen mehr als nur ein bißchen Todesangst, um aus einem (heimlichen) Misanthropen einen Menschenfreund zu machen, aus einem Zyniker einen Philosophen, schließlich war es auch bei Saulus alias Paulus nicht ohne einen Blitz vom Himmel abgegangen, und daß ausgerechnet ihn in nächster Zeit ein solcher Blitz treffen würde, war nicht sonderlich wahrscheinlich. Nur dieses Haus, immerhin wirklich sein eigen, sollte – innen wie außen – einen etwas wohnlicheren Aspekt erhalten und ihn nicht mehr mit solch indifferenter Kälte empfangen, wann immer er hierher zurückkehrte: dies war seine Absicht, die durchzuführen er nun doch entschlossen war, um so mehr, falls es ihm doch noch in den Sinn kommen sollte, an diesem Ort mehr Zeit als bisher zu verbringen, um etwa die Arbeiten der letzten zwanzig Jahre durchzusehen, zu sammeln, zu bündeln und zusammenzufassen, was ebenfalls stets vertagt worden war, und dafür Hetze, Eile, Termindruck und all jenes rast- und atemlose Mitturnen im rasenden Rad der Vergänglichkeit auf lange Sicht den Aufstrebenden und Ehrgeizigen der nachfolgenden Generationen zu überlassen.

Dies waren seine Beweggründe und das Resultat war: Chaos, Unordnung, Handwerkerlärm, Gehämmer, Geräume, Geruch nach frischer Farbe und beißenden Putzmitteln, Zwischenlösungen, Gestapeltes, Unbequemlichkeiten allenthalben, ein Durcheinander in jeder Hinsicht also, inmitten all dessen Herr van Eyck sich allerdings – wozu beitrug, daß ihn der weiterhin milde Vorfrühling nicht im Stich ließ – außerordentlich wohl zu fühlen begann; es war, als strömten ihm von überallher neue Kräfte zu, so daß er nun an sich selbst erfahren konnte, was Baumeistern und Architekten und unter den Künstlern vielleicht am meisten den Bildhauern und Holzschnitzern ein vertrautes Phänomen sein muß: wie stärkend, die Gedanken beflügelnd und erhebend es ist oder wenigstens sein kann, die Folgen seines Tuns und seiner Entscheidungen jeden Tag aufs Neue in sinnlicher Gegenwart und Unmittelbarkeit um sich beziehungsweise vor sich zu haben – was seiner ganzen Natur nach etwas anderes ist, als all seine Arbeit und Mühe in Form von Worten auf unsichtbaren Kanälen durch den Äther an ferne Ziele zu schicken, wo sie ebenso rasch und begierig aufgenommen wie gleichsam schon in derselben Sekunde durch etwas noch Neueres, noch Aktuelleres, noch Drängenderes ersetzt, überlagert – und vergessen zu sein pflegen. Denn so etwas wie einen erdumspannenden Feiertag hat es ja niemals gegeben, die eine Hälfte der Menschheit nimmt ihre Tätigkeit wieder auf, wenn die andere sich in den Schlaf zurückzieht: die modernen Kommunikationsmittel haben es überdies fertiggebracht, die Illusion eines beständigen Jetzt hervorzurufen, die der Wirklichkeit menschlichen Tuns, das nach wie vor begrenzt und historisch ist, nicht entspricht. Herr van Eyck aber hatte es mit ganz handgreiflichen und materiellen Dingen zu tun, und nachdem Maler, Installateur und Putzfrau verschwunden waren und er die Früchte seiner und ihrer Tatkraft in Form von Sauberkeit, Frische, tadellos funktionierender Abflüsse und einer wiederhergestellten wenigstens groben Ordnung genießen konnte, hätte er sich fast damit schmeicheln mögen, daß dieser äußere Umwandlungs- und Verschönerungsprozeß ihm wie nebenher, als magischer Zweiteffekt gleichsam in der Art schamanistischer Rituale, bei denen an einer vorgeschriebenen Stelle ein Säckchen mit blutigen Federn aufgehängt wird, damit woanders ein Kakadu vom Ast fällt oder die Besessenheit aus einer Besessenen weicht, – eine verbesserte, ja geradezu erneuerte Gesundheit beschert hatte: was vermutlich ein Trugschluß war, denn an derlei obskure Zusammenhänge glaubte er nun wirklich nicht, skeptischer Sohn eines gänzlich unidealistischen Zeitalters, der er war – ein Trugschluß, wenngleich ein angenehmer.

Die zweite, zugleich leichtere und schwierigere, weil komplexere Hälfte seines Pensums, die ästhetische nämlich, hatte er noch vor sich und machte sich gleich mit unvermindertem Elan, begierig, auf den Grund seiner Schatzkisten vorzustoßen und die unter Kugeln aus zusammengeknülltem Zeitungspapier begrabene Schönheit ans Licht der menschlichen Betrachtung zu holen, an die Arbeit und unterbrach diese nur zu einem täglichen, längeren Pflichtgang durch Wald und Feld, den er, zumal die Natur erst im Erwachen begriffen und, was ihn zu Hause bei sich erwartete, ungleich spannender war, mit langen Schritten und in sehr gutem Tempo absolvierte. Und während der junge Ziegenbärtige vorn bei der Gartenpforte zwei Hibiskusbüsche pflanzte, sanftblaue Blüten in verschwenderischer Fülle in Aussicht stellend, auf der Terrasse hingegen an einer sonnigen Stelle einen eingetopften Rosenstock plazierte, der nach einer Prinzessin heiße, goldene Kelche ausbilde, die einen Duft nach reinstem Pfirsich verströmten – alles dies mit begeisterter Emphase vorgebracht – nickte Herr van Eyck diesem offenbar sinnlichen jungen Menschen – oder bekam er Prozente von der Gärtnerei? – durch das Wohnzimmerfenster nur freundlich und etwas geistesabwesend zu, ehe er daran ging, in jenem Teil des Raumes, in dem er, an einem rechteckigen Tisch aus gebeiztem Erlenholz, Gäste, Besucher und seine Freunde zu bewirten pflegte, und der allerdings unter derselben Vernachlässigung gelitten hatte wie alles übrige ringsherum, an der Wand eine Reliefskulptur einer tschechischen Meisterin zu befestigen, die Odysseus inmitten der Sirenen darstellte. Kaum viel breiter und höher als zwei gespreizte Hände, aus einem Stück Eichenholz geschnitzt und so sorgfältig und kunstvoll poliert und bearbeitet, daß das Werk an den herausgehobenen Stellen wie Kupfer schimmerte und, aus einiger Entfernung betrachtet, aus einem kostbaren Metall zu bestehen schien, vereinigte es, naiv und volkstümlich, streng und geistvoll zugleich, alles Wesentliche auf engstem Raum: den Mann am Mast mit zu großem Kopf und hageren, etwas verzerrten Gesichtszügen, die gebeugten Häupter seiner Gefährten inmitten des Schiffskörpers, an dessen Rand sich mit ihren Krallenfüßen die schwellenden Vogelleiber der Sirenen klammerten, die, mit Menschenköpfen und doch nicht menschlichen Antlitzen, mit großen, runden, weit aufgerissenen Augen ins Weite starrten, während ihre Lippen ein O formten, eine Syrinx gleichsam, die lautlos und fortwährend, aber in der Vorstellung peinigend gegenwärtig, verzehrend süße Töne auszuströmen schien, befähigend zu jeder Art von Wahnsinn, Raserei, willen – und besinnungsloser Hingabe an das Unnennbare.

Dies war sein kostbarstes Stück, durch einen jener Zufälle, wie sie den Sammlern geläufig sind und ihren Stolz und ihre Hoffnung bilden, in seine Hände gelangt; nur hatte er sich mehrere Jahre hindurch nicht entschließen können, an welche Stelle er sie hängen wollte, teils, weil seine von sachlichen und technischen Dingen geprägte Umgebung keinen passenden Rahmen für sie zu bilden schien, teils weil er, oftmals längere Zeit abwesend, sie keiner Gefährdung hatte aussetzen wollen, zum Teil aber auch, er mußte sich das eingestehen, weil jener unhörbare und dennoch vorhandene Gesang, den die Vogelwesen von sich gaben, gleichviel, ob man sie dabei ansah oder sich abgewandt hielt – um so mehr aber, wenn man sie ansah – eine stete, leise, ebenso magische wie untergründige Beunruhigung ausstrahlte, und wer möchte schon beständig gewissermaßen grundlos beunruhigt sein? Herr van Eyck aber, in unternehmender, das Unterste zuoberst kehrender Stimmung, war jetzt keineswegs mehr gewillt, sich von solchen, in den Tiefenschichten des Geistes fortwirkenden, abergläubischen Rudimenten bestimmen zu lassen: die Skulptur nahm sich an jener frisch geweißten Wand ganz außerordentlich schön aus, warf einen Glanz des Besonderen über den ganzen Tisch, zog die Blicke aller Dorthintretenden sogleich auf sich, und zusammen mit einigen halb abstrakten, in sparsamen Linien gehaltenen, ebenfalls mythologische Szenen darstellenden Lithographien, die im rechten Winkel dazu hingen, und einer Orchidee in einem blutroten Keramiktopf auf dem Tisch selbst, die ihm die Putzfrau, entzückt von soviel männlichem Wandlungsvermögen, geschenkt hatte, und zwar mit der Bemerkung, die Pflanze benötige nur einmal in der Woche einen Schluck Wasser, und den könne sie ihr ja geben, – hatte gerade dieser Teil seines Wohnzimmers, das, mit einigen zusätzlichen und mühelos bestückten Standregalen versehen, jetzt generell präsentabel und wie die Behausung eines zwar unermüdlich tätigen, aber keineswegs kulturlosen Menschen erschien, einen interessanten und durchaus einladenden Charakter gewonnen. Und wer weiß, ob es, nach all diesen Umständen und Vorbereitungen, die das Innere wie die unmittelbare Umgebung des Hauses betrafen, Herrn van Eyck nicht doch zum Esoteriker hätte machen können, wenn er gewußt hätte, daß es, nach der unter den von ihm verachteten geistig anspruchslosen Leuten derzeit sehr populären chinesischen Raumphilosophie die ‚Ecke der glücklichen Segnungen‘ war, der er sich auf die beschriebene Weise gewidmet hatte, ehe ihm kurz nacheinander zwei zunächst scheinbar geringfügige, sich aber als sehr folgenreich erweisende Dinge widerfuhren: er machte eine Bekanntschaft, die ihn seine zu einer spöttisch-kühlen, höflich-ironischen Distanziertheit geronnene Haltung zum anderen Geschlecht noch einmal zu revidieren veranlaßte, und er bekam einen blauen Brief.

2. Ein Ankömmling

Dieser Brief war keineswegs vom Amt, enthielt in so gut wie jeder Hinsicht das Gegenteil eines amtlichen Inhalts: er war, innen wie außen, von einschmeichelndem Himmelblau, bestand aus zwei einzelnen, sehr großzügig und mit einer runden, noch unverkennbar mädchenhaften Schrift bedeckten Blättern und stammte von seiner Tochter. – Tatsächlich hatte Herr van Eyck eine Tochter, was heißen soll, er hatte eine Vergangenheit wie zahllose andere Männer sie haben, und wenn er auch nicht so zynisch wie mancher von ihnen war, die Umstände, die zum Vorhandensein ebenjener Tochter geführt hatten, als eine ‚sexuelle Abirrung im Zustand verminderter Schuldfähigkeit‘ zu bezeichnen, so hatte es, was diejenige anbelangte, die jene Tochter in die Welt gesetzt hatte, in der Vergangenheit jedenfalls eine Zeit gegeben, eine Phase des Austausches von Kränkungen, Bosheiten und Vorwürfen, in welcher er von einer solchen Einschätzung seines Verhaltens, die ja auch im Hinblick auf ihn nicht gerade eine Schmeichelei darstellte, wenigstens innerlich nicht mehr weit entfernt gewesen war. Humaner ausgedrückt aber war nichts anderes vorgefallen, als daß zwei willensstarke und selbständige Personen sich kurzzeitig füreinander erwärmt, im Zuge dieser Erwärmung ein Kind gezeugt und sogar geheiratet hatten, ehe sie feststellen mußten oder sich klarzumachen begannen, daß ihre jeweilige Art und Weise, die Welt zu sehen und in ihr leben zu wollen, mit der des anderen nicht zu vereinen war, worauf sie prompt, wie es in Tausend und Abertausend Fällen geschieht, zu dem Schluß kamen, daß eben dieser andere als das ebensowohl größte wie am leichtesten zu beseitigende Hindernis bei der Verwirklichung ihrer jeweiligen Lebensansicht und Lebensweise anzusehen sei; zwar war Herr van Eyck – das Ganze war jetzt mehr als zwanzig Jahre her – nach wie vor überzeugt, damals derjenige gewesen zu sein, der zu weitaus mehr Konzessionen und versöhnlichen Schritten bereit gewesen war und auch versucht hatte, diese in die Tat umzusetzen, doch wurde ihm, auf etwaige vorsichtige Andeutungen hierzu, von der weiblichen Seite nur unerbittlich entgegengehalten, daß es sich bei dieser Sichtweise nur um die übliche denkfaule Art handle, Wünschen und Wollen miteinander zu verwechseln, wozu er überhaupt nur in der Lage sei, weil er von vornherein die ihm gemäße Position besetzt hielt (womit die männliche, die sich die Welt unterwirft, gemeint war). Und wenn der so Beschuldigte hierauf mit maskuliner Schärfe und Erbitterung zurückgab, was immer er auch getan hätte, es wäre doch niemals genug gewesen, mit etwas anderem als einer Totalkapitulation, Streichung aller Segel und Selbstentmannung hätte sich der Gegner nicht zufriedengegeben und auf lange Sicht natürlich auch damit nicht, so lautete die Replik in dementsprechend weiblicher Logik: Dem sei, wie es sei, die bloße Tatsache jedenfalls, daß er dergleichen nicht getan habe, sei der Beweis, wie wenig ernst es ihm in Wahrheit mit einer Aussöhnung gewesen war.

Hiermit sei das Drama grob umrissen, das schließlich mitsamt der Ernüchterung, Kälte und wechselseitigen Abneigung, die es mit sich brachte, nur eines von Millionen Beispielen von der Kurzlebigkeit erotischer Anziehungskraft war und als solches in die Vergessenheit hätte sinken können, wenn es nicht, wie gesagt, jenes Kind gegeben hätte, das als unübersehbarer, wenngleich unschuldiger Zankapfel den Streit noch eine Weile lang am Leben hielt. Denn obwohl Herr van Eyck auch zu jenem Zeitpunkt schon zu intelligent war, um sich einzubilden, jenes zwergenartige, ebenso grauenhaft brüllende wie zartfingrige Wesen – Sinnbild des menschlichen Ausgesetztseins auf diesem Planeten von Anbeginn – habe nicht einen substantiellen Anteil ihm jetzt nicht mehr sonderlich wünschenswert scheinenden Erbgutes in sich, war er aus diesem Grund noch keineswegs bereit, den Anteil, auf den er Anspruch machen konnte und auf den er nach seinen Möglichkeiten Einfluß zu nehmen wünschte, der Gegenseite kampflos zu überlassen. Doch da die Ehe in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst wurde und es keine offiziellere Schuld gab als die, sich nicht genügend Mühe miteinander gegeben zu haben (was juristisch nicht von Belang ist), war die Gesetzeslage gegen ihn und bald genug waren es die Umstände. Zwar konnte es ihm die Mutter nicht verwehren, das Kind regelmäßig zu sehen, aber sie konnte ihm die Sache bedeutend erschweren und tat dies auch mit ihr gemäßer Promptheit und Abruptheit, indem sie kurzerhand nach Süddeutschland zog, buchstäblich also an das andere Ende der Republik, wohin ihr zu folgen – wie ein Mensch, der sich am Gängelband führen läßt – Herr van Eyck, beruflich und seiner Neigung und Gesinnung nach im Norden verwurzelt und heimisch, sich trotz längeren Ringens mit sich selbst und Überdenkens seiner Lage nicht entschließen konnte.

Die Folge war, daß er das Kind noch seltener zu Gesicht bekam, als es der Beschaffenheit seiner beruflichen Tätigkeit nach hätte der Fall sein müssen; so aber verstärkten sich die ungünstigen Bedingungen wechselseitig, und nach Ablauf einiger Jahre, bei Gelegenheit eines Urlaubes, den er mit dem kleinen Mädchen gemeinsam verbracht hatte und der im Hinblick auf seinen Zweck: Gewinnung eines vertrauten und herzlichen Verhältnisses – nicht allzu erfolgreich verlaufen war, kam Herr van Eyck zu der für ihn doch überraschend bitteren Erkenntnis, daß man durchaus kein Baron von Innstetten zu sein braucht, um ein Kind dem ungeliebten und unerwünschten Elternteil zu entfremden, und daß der Einfluß des eigenen Wesens und der eigenen Privatsphäre hierzu womöglich vollkommen ausreichen. Das Kind, obschon es nicht ausdrücklich mit Antipathie geimpft worden zu sein schien, war und blieb ihm gegenüber scheu und schüchtern, wirkte nicht übermäßig intelligent und versprach schon im Äußerlichen eine getreue Kopie seiner Mutter zu werden; nach Anzeichen einer – charakterlichen wie geistigen – Ähnlichkeit mit ihm selbst suchte Herr van Eyck einstweilen vergebens. Der Kontakt blieb sporadisch und unbefriedigend, Telefongespräche gestalteten sich regelmäßig zu einem zähen und trockenen Frage-und-Antwortspiel, am einfachsten und unproblematischsten schien das Aufrechterhalten der Verbindung noch auf die traditionelle Art und Weise, große Entfernungen zu überbrücken, zu sein, per Post also, denn über seine Briefe und die sie gelegentlich begleitenden Geschenke schien sich das Mädchen Stella – auf welchen Namen sie trotz der heftigen Proteste ihres Vaters, der ihn weitaus zu exaltiert fand, als daß keine beschränkte und eitle Person daraus hervorgehen mußte, ins Geburtsregister eingetragen worden war – auf eine natürliche und kindgemäße Weise zu freuen und vergaß niemals, mit einem eigenen Schreiben darauf zu antworten, das sehr artige, wenn auch orthographisch mangelhafte Danksagungen und unverbundene und pointenlose Alltagsgeschichten enthielt und dessen grell hervorstechender freier Raum noch bis über ihren Eintritt ins Gymnasium hinweg sehr sorgsam mit wildbunten, ungelenken Kinderzeichnungen ausgefüllt wurde.

Herr van Eyck hatte diese Briefe, die früheren wie die späteren, natürlich aufbewahrt, sie aber gleichsam nur als Einzelerscheinungen aufgefaßt, die mit dem Schwinden des Anlasses, der sie hervorgebracht hat, wenn nicht ihren Wert, so doch ihre unmittelbare Bedeutung verlieren; erst als ihm im Zuge seiner Aufräumaktion auch jener schmale Pappkarton wieder unter die Hand kam, hatte er, etwas zögernd, als warte hier ein ungelüftetes und keineswegs unbedenkliches Geheimnis auf ihn, den Deckel abgenommen und einige dieser Schreiben, von denen die meisten noch in ihren Umschlägen steckten und die zu irgendeinem Zeitpunkt etwas wahllos und ungeordnet hier drinnen verwahrt worden waren, herausgenommen und entfaltet, um sie nun doch noch einmal zu lesen. Nur leider fand er den Inhalt enttäuschend banal und uninteressant, abgesehen von einigen naiv-kindlichen, beständig formelhaft wiederkehrenden Bekundungen der Anhänglichkeit schienen sie nichts zu enthalten, was man nicht ebensogut einem entfernt lebenden, zwar wichtigen, aber innerlich wie äußerlich doch recht fremden – Onkel hätte schreiben können: Angaben zum kindlichen Dasein, zu Schulerfolgen, Geburtstagen, Freizeitbeschäftigungen, Freundinnen; nur die Zeichnungen hatten die Aufmerksamkeit Herrn van Eycks, der mit seinem Zeitalter ein allgemeines, wenn auch nicht eben weitreichendes Interesse an tiefenpsychologischen Phänomenen teilte, etwas stärker zu fesseln vermocht, als könne ihm das, was so unmittelbar, ohne ein urteilendes Bewußtsein den Weg aus der Seele des Kindes auf das Papier gefunden hatte und in seiner Krudheit und Ungefügtheit sämtlichen etwaigen Zensorakten entgangen war, einen besseren Aufschluß, als es die so sehr der Konvention und dem Willen unterliegenden Worte vermögen, erteilen, warum jenes Kind dem Anschein nach so wenig seines und so sehr das jener anderen Person geworden war. Doch das Rätsel rächt sich, wenn man es in Dienst nehmen will, indem es immer neue Rätsel gebiert, und nachdem Herr van Eyck sich eine Weile lang bemüht hatte, all diesen dünnbeinigen Zwergen, bemützt oder unbemützt, alle ohne Bart, aber grünäugig – sie schien Zwerge zu mögen –, diesen bonbonfarbenen Autos – es kamen überraschend viele Autos vor und die bläuliche Abgaswolke, die ihnen hinten entströmte, war nie vergessen –, diesen überdimensionierten, auf ihre hervorstechendsten Eigenschaften reduzierten Blumen, diesen scheckigen und schielenden Ponys mit ausladenden Schweifen, die sich in einem Wald von Sonnenblumen verbargen – dies war zweifellos das originellste Bild, gemalt mit acht Jahren, sogar mit Ansätzen eines richtigen Erfassens räumlicher Verhältnisse – und schließlich all diesen zahllosen Mädchen mit einer großen Varietät von Frisuren, die sehr lange oder sehr kurze Röcke trugen und gewöhnlich etwas Handtaschenartiges bei sich hatten, wenigstens einen Korb, als wäre ein Behältnis, in das man etwas legen konnte, ein geschlechtsspezifisches Merkmal und als solches unverzichtbar (was ja nicht abzustreiten war) – nachdem Herr van Eyck sich eine Weile lang redlich bemüht hatte, diesen wildwuchernden kindlichen Erzeugnissen einen auf die Verhältnisse oder zumindest auf die geistige Veranlagung, die sie hervorgebracht hatte, hindeutenden Sinn zu unterlegen oder ihnen wenigstens etwas Substantielleres zu entnehmen als nur jene eine Beobachtung, daß die Zeichnungen mit dem zunehmenden Alter ihrer Urheberin zwar realistischer, aber nicht besser wurden, mußte er schließlich doch das Handtuch werfen, schüttelte ingrimmig den Kopf über sich selbst, mehr noch aber über die Psychologie mit ihrem Glauben an das Unbewußte und Verborgene, an untergründige Motive, Triebe, Hemmnisse, Verdrängungen, die sie, gleich einer Woge des Irrationalen und Unbeherrschbaren, über das Zeitalter ausgeschwemmt hatte, ohne daß damit ein merklicher Zusatz an Glück, geschweige denn Kultur, zu verzeichnen gewesen wäre: worauf er kurzerhand die Briefe zurück in den Karton und diesen wieder ins Regal schob und sich einer Tätigkeit zuwandte, die in weniger Zeit bessere Resultate versprach.

Soviel zu Stella und ihren Briefen; zu jenem Zeitpunkt, da der himmelblaue eintraf – Herr van Eyck hatte das kurz im Geist überschlagen – war es fast drei Jahre her, daß sie einander zum letzten Mal gesehen hatten, was zum Teil von einem Mangel an Gelegenheit herrührte – entweder war er monatelang im Ausland, dann wieder steckte Stella mitten im Abitur, mußte unbedingt mit einer Freundin verreisen oder ging aus Anlaß eines Sprachkurses drei Monate nach Südengland, welches die jüngste, offenbar aber auch bereits veraltete Nachricht war, die er von ihr hatte –, zum größeren aber doch wohl daran, daß das Interesse, sich miteinander zu befassen, auf beiden Seiten spürbar erlahmt war, was zur Folge hatte, daß Herr van Eyck, wann immer er wissen wollte, wie er sich sein nunmehr so gut wie erwachsenes Kind jetzt vorzustellen hatte, auf die Fotografien angewiesen war, die sie ihm mit unbefangener mädchenhafter Eitelkeit in unregelmäßigen Abständen immerhin noch zusandte – gleichsam als der knappste und im Grunde ausreichende Ausweis ihres Vorhandenseins. Wahrlich kein Modell herzlicher familiärer Beziehungen alles dies, weder väterlicher noch töchterlicher, und es schien fast, als ob die Verfasserin des himmelblauen Briefes dieses Versäumnis empfand und sich vorgenommen hatte, es mit jugendlichem Eifer in einem Schwung wieder wettzumachen. Nicht nur, daß wieder eine Fotografie dabei lag – recht hübsch und etwas nichtssagend, wie es die vorherigen auch gewesen waren – aus den Zeilen sprach die Zerknirschung. Sie schrieb, wie sehr sie es bedaure, ihren ‚lieben, berühmten Papa‘ so wenig zu kennen, ja ihn niemals richtig kennengelernt zu haben – er sei ja immer so beschäftigt gewesen; seine Strenge, Scharfzüngigkeit und Intelligenz hätten ihr oftmals Angst eingejagt und sie ihm gegenüber scheu und stumm gemacht aus Furcht, ihm zu mißfallen, seinen Ansprüchen nicht zu genügen und für dumm gehalten zu werden; sie sei das Empfinden niemals so recht losgeworden, daß er sich nur aus Pflichtgefühl mit ihr abgebe, wofür sie ihm aber dennoch dankbar sei, denn es gebe ja so viele Väter, die nicht einmal dies für nötig hielten oder hierzu nicht in der Lage seien. Und Liebe könne man ja weder erzwingen noch herbeireden.

Herr van Eyck war etwas bestürzt, als er an diese Stelle kam, zumal er nicht den Eindruck gehabt hatte, sich im Rahmen dessen, was ihm überhaupt möglich gewesen war, mangelnder väterlicher Liebe schuldig gemacht zu haben, jedenfalls nicht insoweit diese sich in Form einer absoluten und bedingungslosen Großzügigkeit in allen finanziellen Angelegenheiten und einer ebenso verständnisvollen wie geistesabwesenden Allgemeintoleranz im Hinblick auf Dinge, die ihm im Innern vollkommen gleichgültig waren, Ausdruck zu verschaffen fähig war: und all dies nun, so wenig es auch gewesen sein mochte, so gleichsam obenhin und als sei es (vor allem das erste) entweder nichts oder verstehe sich (was nicht besser war) von selbst, während Millionen, wahrscheinlich Milliarden anderer Kinder davon nicht einmal zu träumen wagten, beiseitegewischt beziehungsweise nicht einmal erwähnt zu finden bereitete ihm durchaus einige Augenblicke einer gewissermaßen akut erneuerten bitteren Verletztheit; als einer Person jedoch, die selbst dann, wenn sie gekränkt ist, noch intellektuelle Belustigung zu empfinden in der Lage ist, entlockte ihm das Folgende ein Lächeln.

Sie habe, hieß es ferner, sich in den letzten Monaten mit Psychologie befaßt, viel gelesen und an der Universität entsprechende Vorlesungen belegt, und da sei ihr so nach und nach einiges klar geworden. Psychologie sei aber doch nicht das Fach, das sie anstrebe, sie habe vielmehr etwas Künstlerisches im Sinn, wenn sie nicht gar in die Fußstapfen ihres Vaters treten wolle, das sei noch nicht entschieden; jedenfalls habe sie im Zuge ihres englischen Aufenthaltes festgestellt, daß ein Teil von ihr offenbar doch dem Norden zugehörig sei, indem sie danach ‚rätselhafte Sehnsucht‘ empfinde, und selbst wenn es sich bei jenem Teil, im Sinne einer inneren Landkarte aufgefaßt, vorderhand noch um einen weißen Fleck handle, so habe sie jedenfalls ernsthaft vor, diesen nunmehr recht bald mit Inhalt und mit Kenntnissen auszufüllen (Herr van Eyck, als ein kritischer Stilist, zog die Brauen hoch über diese metaphorische Volte). Kurz und gut, sie wolle sich in einer der beiden Städte, die hierzu in Frage kamen, K. oder H. um Aufnahme an der staatlichen Kunsthochschule bewerben, habe auch schon die entsprechenden Vorbereitungen getroffen, und worum sie ihn in diesem Zusammenhang bitten wolle, sei dies: ob sie wohl eine Zeitlang – so lange nämlich, bis sie sich ein Zimmer gesucht und einigermaßen eingerichtet habe – bei ihm, der ja geographisch zwischen diesen beiden Städten saß, bleiben dürfe; sie habe sich auch explizit aus dem Grund zu diesem Schritt entschlossen, nicht nur um diese Gegend Deutschlands besser kennenzulernen, sondern um vor allem ihn recht oft besuchen zu können, um das nachzuholen – zumindest ein wenig davon -, wozu sie, allein durch die räumliche Entfernung, möglicherweise aber auch noch anderes, was aber jetzt weiter auszuführen, ihr, Stella, gar nicht zustehe, niemals so recht gekommen seien. Sie schicke diesen Brief voraus, damit er sich die Sache überlegen könne; falls es ihm nicht passe oder es ihm aus anderen Gründen nicht recht sei, so möge er ihr das nur ganz offen sagen, sie werde ihm nicht böse sein und ganz gewiß irgendwo anders unterkommen: in zwei Tagen wolle sie anrufen und sich seine Antwort abholen.

Herr van Eyck las dieses Schreiben, mitsamt einem Exkurs über ihre englischen Erlebnisse, den es außerdem enthielt und der mit dem übrigen in keinerlei Verbindung stand, zweimal durch und zweimal mit denselben geteilten Empfindungen. Zwar söhnte ihn der Rest des Briefes mit dem kränkenden Passus vom Beginn einigermaßen wieder aus, und die Aussicht schien einige Genugtuung bereitzuhalten, daß dieses Kind doch nicht nur nominell und der biologischen Erbmasse nach seines war (woran er nie gezweifelt hatte), sondern sich, selbst wenn es einundzwanzig Jahre gebraucht hatte, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, doch noch darauf besonnen hatte, daß es, ebenso wie eine Mutter, jedenfalls auch einen Vater besaß, den es genausogut zum Vorbild, zur Orientierung und zum Lebensmodell wählen konnte; andererseits war nun einmal nicht zu leugnen, daß Stella eben diese vergangenen einundzwanzig Jahre fast ausschließlich – und früh genug auf eigenen Wunsch hin – bei ihrer Mutter verbracht hatte und also, jugendliche Rebellion miteingeschlossen, in ihren Denk- und Verhaltensweisen, ihren Gefühlen und Lebensanschauungen ein Geschöpf dieser Mutter sein mußte, gleichviel ob mit oder gegen ihren eigenen Willen; der Gedanke, sich ausgerechnet jetzt, im Herbst seines Lebens, da seine geistigen Bedürfnisse sich dem Umfassenden und Philosophischen näherten, mit einer – noch dazu mit frischen Energien versehenen - Reinkarnation genau derjenigen Eigenschaften auseinandersetzen zu müssen, die ihm damals schon inneren Zorn und Verdruß bereitet hatten, erfüllte ihn mit einem deutlichen, mit unerfreulichen Reminiszenzen vermischten Unbehagen. Hinzu kamen die einstweilen noch recht vage gehaltenen Angaben zu ihren Berufswünschen, die ihn ebenfalls bedenklich machten; seiner Kenntnis nach, die allerdings begrenzt oder unvollständig sein mochte, gab es, wenigstens in gestalterischer Hinsicht, keine bedeutenden künstlerischen Anlagen in der Familie, weder auf der väterlichen noch auf der mütterlichen Seite, und obwohl man eine solche Begabung niemals ausschließen konnte noch gar, falls es dem Mädchen ernst damit war, die Möglichkeit zur Entfaltung versagen durfte, sah Herr van Eyck, der, und zwar keinesfalls nur als Ausdruck seiner skeptischen Weltsicht, sondern mindestens so sehr seines Denkens und Urteilens, zu dem weitaus größten Teil moderner Kunstproduktion eine äußerst kritische Haltung einnahm, hier reichlichen, ja überreichlichen Stoff zu Konflikten voraus: zumal falls sein Part in alldem darauf hinauslaufen sollte, zu wüstem Gekleister, schrillen Formexperimenten und Kopfgeburten jeder Art und Größe eine zustimmende und beifällige Miene aufzusetzen oder fast schlimmer noch, etwas Ermutigendes und wenigstens dem Anschein nach Intelligentes dazu absondern zu müssen. Er wußte nicht, welche Art von Frustration er ihr wünschen sollte, diejenige, die das Talent, oder diejenige, die den Ehrgeiz betrifft, er sah in beiden Fällen Schmerz voraus. Die Sache konnte auf mehrere Art schiefgehen, dies war unzweifelhaft, aber gleichviel: nachdem Herr van Eyck das Ganze eine Weile lang erwogen hatte, kam er schließlich doch zu dem Schluß, daß, falls er seine Tochter sich nicht ganz und gar entfremden und endgültig darauf verzichten wollte, wenigstens den Versuch zu machen herauszufinden, wes Geistes Kind sie wirklich war, ihm im Grunde nichts anderes übrigblieb, als Stellas Wunsch zu entsprechen und die großzügige Rolle weiterzuspielen, die er, mit wechselndem Erfolg, zwanzig Jahre lang gespielt hatte: worauf er kurzerhand den Telefonhörer nahm und sie selbst anrief – sie hatte eine eigene Nummer angegeben – und ihr mitteilte, sie könne sein Heim als ihres betrachten, ihre stockend – überrascht – mädchenhaften Danksagungen mit der halb gutmütigen, halb sarkastischen Bemerkung abschneidend, ihre Mutter werde ihr ja vermutlich ein Bild seines Charakters entworfen und sie darauf vorbereitet haben, hier gewissermaßen einen Alceste oder wenigstens eine Variante dieses Typus anzutreffen, mit welchen Leuten, dies sei als milde Warnung vorausgeschickt, das Zusammenleben sich erfahrungsgemäß etwas schwieriger, zumindest nicht reibungslos gestalte.

Es gab eine längere Pause, dann ein verlegenes Auflachen und schließlich sprudelte die Stimme am anderen Ende der Leitung mit jugendlichem Eifer hervor, davon habe sie nie etwas gehört, sie könne sich überhaupt nicht vorstellen, daß ihr Vater einem betrügerischen Heuchler ähnlich sein solle, er habe niemals so gewirkt und er sage das nur, um sich zwanzigmal schlechter zu machen, als er sei. Lehrsatz Nummer eins, memorierte Herr van Eyck im Geist: Sprich nicht in literarischen Anspielungen mit Leuten, über deren Bildungsgrad du nicht im Klaren bist. Es könnte ins Auge gehen. – Sie hätten wohl überhaupt wenig von ihm gesprochen? – Ziemlich wenig – Es klang etwas gedrückt, also war es vermutlich entweder nicht aufrichtig oder untertrieben, und während Herr van Eyck mit unvermindertem Sarkasmus darüber nachsann, ob Totschweigen oder Verleumden die bessere Methode darstellte, eine unliebsame Verbindung zu unterlaufen, beziehungsweise sie auf das Mindestmaß, welches das finanzielle Arrangement erforderte, zu beschränken, schien auch seine Tochter zu empfinden, daß man den Verlauf eines Gespräches nicht sich selbst überlassen durfte, wenn man verhindern wollte, daß es auf bedenklichen Boden geriet, und beeilte sich, mit großem Nachdruck zu versichern, wie sehr sie sich auf alles freue: auf den Norden und seine weiten Landschaften (sie schwärme gar nicht so sehr für die Berge), auf das Meer, das sie recht oft zu sehen hoffe, auf das studentische Leben in einer Weltstadt wie H. oder einer Küstenstadt wie K., an dem sie fleißig teilzunehmen gedachte, auf die Gestaltung ihrer Zukunft, die nunmehr ganz bei ihr lag, und natürlich darauf, mit ‚ihrem lieben Papa in seiner dörflichen Klause gemütliche ländliche Stunden verbringen und tiefe Gespräche mit ihm führen zu können‘. Dieser letzte Punkt war es, der bereits während er genannt wurde, mehr aber noch hinterher, als die Unterredung längst beendet war und sie sich beide wieder ihren jeweiligen Tätigkeiten zugewandt hatten, Herrn van Eycks spöttische Belustigung auf sich zog; seiner Erfahrung nach liefen tiefe Gespräche auf verkappte Monologe hinaus und bestanden vor allem in den Augen der Weiblichkeit darin, bei vollem Anrecht auf einen verständnisvollen Zuhörer möglichst ungehemmt und ohne Punkt und Komma über sich selbst beziehungsweise seine eigenen Angelegenheiten reden zu können; er war durchaus ein wenig neugierig, welchen Aspekt seine eigene Tochter – falls es sich nicht doch nur um einen albernen und wenig bedeutenden Mädchenterminus handelte – dieser Ansicht beizusteuern gedachte; auf seine höfliche Anfrage hinsichtlich ihrer Mutter hatte sie zwar bereitwillig, wenn auch in sehr allgemeinen Ausdrücken Antwort gegeben, sie aber von sich aus nicht erwähnt, kein Sterbenswort, was bei der sonstigen sprudelnden Redeweise wenigstens auffallen mußte.

Tatsächlich hatte er nicht lange zu warten: Knapp zwei Wochen später – junge Leute haben nicht viel Gepäck – war sie da. An einem sonnigen Samstagnachmittag im März, dem ersten schönen Tag nach einer Periode der Kälte und Nachtfröste, gegen halb drei Uhr, als Herr van Eyck bei offenem Fenster und in angenehm kontemplativer Stimmung seine Geschirrspülmaschine ausräumte, hielt ein kleiner runder Käfer, ein Uromobil gleichsam und bezeichnenderweise ebenfalls himmelblau, vor seiner Gartenpforte, und eine halbe Minute später durfte er ein frisch aussehendes, braunhaariges Mädchen mit munteren Augen in seine Arme schließen und an sich drücken, das behauptete, seine Tochter zu sein und wenigstens die ihrer Mutter war, der sie auf eine bestürzende Weise ähnelte, wenngleich sie etwas pummeliger war, als mit dem derzeit gültigen strengen Schönheitskanon – auf den diese stets großen Wert gelegt hatte – zu vereinen schien: eine Beobachtung, die Herr van Eyck allerdings, als ein scharfäugiger Mann, sich anmerken zu lassen sich sogleich zu hüten begann, da er sehr rasch erkannte, daß das Mädchen in dieser Hinsicht empfindlich war und hinter einer naiv- unbekümmert-optimistischen Art und Weise zu sprechen und sich zu geben eine ängstliche Besorgnis zu mißfallen nur schwer verbergen konnte. Zwar hatte er sich am Anfang des Eindrucks nicht erwehren können, als ob die Fotografien, die er freilich gerade nicht zur Hand hatte, ein etwas geschöntes Bild der Wirklichkeit abgaben, aber zu seiner Vaterehre soll gesagt sein, daß er, wenigstens was die äußere Erscheinung anbelangte, diese schnöde Krittelsucht bald wieder fahren ließ und die gegensätzliche Position einzunehmen und zu verteidigen bereit war.

Stella hingegen schien sogleich bereit, ja geradezu entschlossen, alles, was sie sah und vorfand, gleich herrlich und vortrefflich zu finden, angefangen bei ihrem Vater, dem sie zweimal in derselben Minute versicherte, wie gut er aussehe, daß man ihm seine vierundfünfzig Jahre durchaus nicht anmerke – was wiederum denjenigen, dem dieses Kompliment galt, zu dem Gedanken veranlaßte, was eigentlich so schlimm daran sein sollte, vierundfünfzig Jahre alt zu sein, das Alter der Schlange erreicht zu haben, das eines römischen Senators, eines jener ciceronischen Füchse, die sich nicht mehr so leicht betrügen ließen: er tröstete sich damit, wie sehr es gelogen war, und verzieh es ihrer Jugend, aber nur der. Doch auch sein Zuhause – den Garten fand sie ‚ordentlich‘ – erregte ihr Wohlgefallen, was insofern nicht erstaunlich war, als es sich nach wie vor im Zustand erst vor kurzem beendeter Renovierung, Aufgeräumtheit und moderater Umgestaltung befand; sie war beeindruckt von der Menge an Büchern auf den bis zur Decke reichenden Holzregalen, ließ sich die Anzahl nennen (etwa dreitausend) und glaubte nicht recht daran, staunte über die Skulpturen und Drucke, und wenn sie auch vorerst etwas skeptisch und mit gekrauster Stirn vor dem Odysseus stand, aber keine Frage dazu tat, während