Die Diktatur der Triebe - George Lebelle - E-Book

Die Diktatur der Triebe E-Book

George Lebelle

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Beschreibung

Der Staat hat sich in eine Richtung entwickelt, die nichts mehr zu tun hat mit Demokratie und sozialem Engagement. Eine Gruppe um den Staatsanwalt Bornheim hat sich zum Ziel gesetzt, den Staat zurück in eine wirkliche Demokratie zu führen. So brechen Kämpfe aus, die sich in Richtung Bürgerkriege zu entwickeln drohen. Höchst spannend, aber auch mit viel Blutvergießen beschreibt der Verfasser diese kriegerischen Auseinandersetzungen, unterstützt durch ein umfangreiches Waffenarsenal, einschließlich Kampfrobotern. Das Ganze ist gewürzt mit deftigen Sexszenen, mitunter ins Absurde überspitzt. Welche der gegensätzlichen politischen Machtinteressen wird - nach Verlust etlicher Menschenleben auf beiden Seiten - den Sieg erringen?

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Seitenzahl: 800

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Protagonisten 3

Die Bornheims 5

Kanzler Piepgen 25

Bornheims leben gefährlich 31

Der Mafia-Anwalt 44

Generalbundesanwalt Baum 64

Generalinspekteur Baudissin 83

Reichskanzler Piepgen 92

Aufbegehren der Gewerkschaften 117

Die drei Generäle 143

Kampfroboter 167

Oberbefehlshaber Bornheim und das Lager mit den Atomwaffen 215

Lafontaine und die Mafia 301

Kanzler Piepgen flieht 333

Eine neue Regierung 345

Lafontaine wird Terrorist 352

Attentat auf Bornheim, Inge wird Kanzlerin 376

Die Rache des Pastor Schleich 414

Inge Bornheim wird ermordet und Baudissin wird Kanzler 460

Balthasar Lafontaine kehrt als Oskar Müntefering aus Moskau zurück 462

Müntefering wird Staatschef 490

Baudissin und Brandt werden befreit 554

Das Ende des Vierten Reiches 579

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2020 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-128-0

ISBN e-book: 978-3-99107-129-7

Lektorat: Marie Schulz-Jungkenn

Umschlagfotos: Jozef Klopacka, Vagengeym | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Protagonisten

Ähnlichkeiten mit lebenden oder gestorbenen Personen sind rein zufällig oder satirisch zu verstehen.

Dr. jur. Inge Bornheim, RechtsanwältinKarl-Friedrich Bornheim, Staatsanwalt, Ehegatte von Inge BornheimHartmut Schleich, Pater, Vorsitzender der Partei der Religiösen PRHerbert Witterschlick, PrivatdetektivKarl-Theodor Müller-Lüdenscheid II, RechtsanwaltGünther Piepgen, Kanzler, Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Partei CDPBalthasar Lafontaine, persönlicher Referent des Kanzlers, nennt sich später Oskar Müntefering, Vorsitzender der Nationalreligiösen Bewegung, dann StaatschefLothar Baudissin, Generalinspekteur der Armee, später Verteidigungsminister, danach RegierungschefPeter Brandt, LuftwaffeninspekteurKurt Eisner, Heeresinspekteur, später InnenministerGeneral Mstislaw Jaruzelski, Polnischer OberbefehlshaberHans Spahn, Großmarschall, danach Reichsmarschall und RegierungschefImre Orban, Anführer der HeilsfrontWitold Kaczynski, Anführer der HeilsfrontHeinz und Elise Kowalski, deutsche Emigranten in PolenKrysztof und Jadwiga Kowalski, polnische Verwandte in Poznan

Die Bornheims

Am Gate 34 der Abflughalle des Berliner Flughafens warteten die Fluggäste darauf, dass sie endlich an Bord gehen konnten. Mütter und Väter mussten zum fünften Mal die Fragen ihrer Kinder beantworten, wann es denn endlich losginge. Junge Frauen in Kostümen und junge Männer in dunklen Anzügen bedienten ihre Mikrocomputer. Ältere Menschen lasen Zeitung oder schauten sich den Stadtplan von Köln an, denn dahin sollte der Flug gehen.

Eigentlich auffällig waren nur zwei Personen.

Die eine war der Präsident des Industrieverbandes Hans Olaf Hundt, der von fast allen Flugpassagieren erkannt worden war, weil er mindestens einmal in der Woche in einer der politischen „Gesprächsrunden“ der Fernsehsender auftrat und seine Weisheiten zu ausnahmslos allen Themen verkündete. Im Industrieverband wurde darüber gespottet, aber die Vorstandsmitglieder hielten zu ihm.

„Er vertritt unsere Sache in den Medien sehr gut“, sagte der Chef des Linde-Kombinats.

Neben Hans Olaf Hundt stand ein untersetzter junger Mann mit breiten Schultern. Er wirkte eher wie der Leibwächter, war aber sein Assistent.

Beide schauten fasziniert auf die zweite auffällige Person, die ganz in ihrer Nähe saß, das linke Bein lässig über das andere geschwungen. Auf diese Weise konnten alle die langen, schlanken Beine bewundern.

Frau Dr. jur. Inge Bornheim war gewiss eine außergewöhnlich attraktive Dame, nicht mehr jung, aber im besten Alter für Affären mit Liebhabern jeden Alters. Sie hatte ihren braunen Fohlenmantel auf den Sitz neben sich gelegt und las „Das Neue Blatt“, eine Illustrierte mit viel Klatsch und Skandalberichten über Prominente. Ihr Interesse daran war jedoch anders als das des Millionenleserpublikums. Denn sie war Anwältin in Straf- oder Zivilprozessen, in denen sie die Interessen der Reichen, Prominenten und Schönen gegen diejenigen aus nicht derart erlauchten Kreisen vertrat. Da schienen ihr auch kleinste Hinweise auf Ehekräche, Saufgelage, Seitensprünge und geheime Liebschaften wertvoll genug, um näher darüber zu recherchieren.

„Wir bitten nun die Passagiere des Fluges AF 3733 nach Köln-Bonn zum Einsteigen“, säuselte das Fluglinienmädel am Tresen.

Als sich Inge Bornheim erhob, ruhten die Blicke fast aller Männer auf ihr. Ihre postgelben, hochhackigen Schuhe, das gleichfarbige Kostüm, das ihren Körper schlank erscheinen ließ, aber doch ihren üppigen Busen betonte, und der weite, durchsichtige Hut aus gelber Gaze, ja, ihre ganze, mondäne Erscheinung erregte die Phantasie der Männer im Wartebereich.

Inge zeigte keinerlei Regung und schritt würdevoll zum Ausgang, die Aktentasche an der linken Hand und den Pelzmantel über dem rechten Arm. Als sie die Kabine betrat, überstürzte sich der Steward und nahm ihr beflissen den Pelzmantel ab, um ihn sorgfältig zusammengefaltet in das Gepäckfach zu legen. Sie setzte sich auf den gebuchten Platz am Fenster in Reihe 2 und wollte „Das Neue Blatt“ weiterlesen. Aber neben sie ließ sich der Industriepräsident in den Sitz fallen.

Da sich die beiden flüchtig kannten, nahm sich der Bullterriermensch die Freiheit heraus, sie burschikos zu begrüßen.

„Hallo, meine Liebe, da sehen wir uns mal wieder. Ich bin gerade unterwegs zu einer Talk-Show beim Westdeutschen Rundfunk, zum Thema Sozialleistungen. Da werde ich es den linken Spinnern mal zeigen. Schalten Sie doch mal Ihr Ti-Wi-Gerät um viertel nach acht ein, im Sender Vox Populi. Das Schöne ist ja, dass uns die Sender gehören, in denen wir dem Volk sagen, was es meinen soll. Und die öffentlich-rechtlichen Sender haben wir über die Parteien im Griff. Leider haben wir noch nicht die Zustände wie in den USA. Hier sind die Leute noch nicht verblödet genug. Aber das ist nur eine Frage der Zeit.“

Obwohl Inge nicht darauf antwortete und das eklige „Neue Blatt“ studierte, ignorierte das der Industriepräsident und plapperte bis zum Start weiter. Dann schlief er zum Glück ein.

Rechts neben dem schlafenden Hundt saß sein Leibwächterassistent oder was immer er war.

Inge hatte sehr wohl bemerkt, dass er sie bereits im Wartebereich begafft hatte. Auch jetzt ruhte sein Blick auf ihr. Während sein Chef schnarchte, beglotzte er sie ununterbrochen und bekam eine massive Erektion, die er nicht einmal zu verbergen versuchte. Sondern er schob sein Becken weiter nach vorn, damit es möglichst viele sähen. Die gerade vorbeigehende Stewardess lächelte und auch Inge amüsierte sich dezent.

Später, als der Sinkflug begann, wurde die baldige Landung in Köln-Bonn angekündigt, und der Industriepräsident erwachte.

„Wissen Sie“, sagte er mit bedeutungsvoller Miene zu seiner Nachbarin, „wissen Sie, wir haben nämlich über das Institut Neue Soziale Marktwirtschaft eine Kampagne gestartet, mit der wir dem Volk den Abschied von der sozialen Hängematte schmackhaft machen werden. Die müssen einsehen, dass die fetten und sicheren Jahre vorbei sind. Und für den Mittelstand muss gelten: Leistung muss sich wieder lohnen. Jedes Volk braucht Eliten, ohne die es untergehen würde.“

Inge reagierte nicht auf seine Sprüche und strich mit einem Farbstift bestimmte Passagen im „Neuen Blatt“ an. Um zu sehen, wie der Leibwächter mit seiner Erektion fertig würde, knöpfte sie die gelbe Bluse unter dem Kostüm so weit auf, dass man den Büstenhalter und den Brustansatz sehen konnte. Sie wettete, dass der Kerl sie beim Hinausgehen mit seinem Ding berühren würde, und hoffte, dass er dabei abspritzen und seine Hose durchnässen würde.

Zu ihrem Bedauern wies Hundt seinen Beschützer an, vorauszugehen. Er folgte. Schon war es aus mit ihrer Phantasievorstellung.

Sie fuhr mit der Schnellbahn zum Hauptbahnhof, stieg in die U-Bahn um und erreichte um kurz vor acht ihr Haus in der Kölner Südstadt. Die große Arztpraxis im Erdgeschoss war bereits dunkel. Auch in der ersten Etage, in der sich ihr Anwaltsbüro befand, war kein Licht mehr zu sehen.

Sie stieg gemächlich die breite Marmortreppe zum Dachgeschoss hinauf, schloss die Wohnungstür auf und wurde von ohrenbetäubender Musik überwältigt. Ihr Mann Karl-Friedrich, den sie meist nur Karl nannte, stand in der Mitte des weiten Wohnzimmers und dirigierte. Mahlers Fünfte, wie sie sogleich erkannte.

Lautlos legte sie den Mantel, die Tasche und die Kostümjacke ab und schlich sich von hinten an ihn heran, der mit beiden Armen leidenschaftlich dirigierte. Er erschrak, als er plötzlich zwei Arme um seinen Körper spürte, dirigierte aber weiter, bis sich ihre Brüste auf seinen Rücken pressten. Da drehte er sich um und nahm seine Frau in die Arme.

„Ich habe dich vermisst, obwohl du nur einen Tag weg warst.“

Sie ahnte, wie sich sein Gemächt regte.

„Weißt du, welcher Blödmann im Flugzeug neben mir gesessen hat? Der Hundt. Der hat nur Unsinn geredet. Dass der nicht der Hellste ist, wusste ich schon immer, aber so blöd? Jedenfalls will ich den um viertel nach acht im Vox Populi labern sehen. Entschuldige, dass mir das so wichtig ist. Über diesen Kerl sammele ich schon länger Informationen. Ich denke, für deine Ermittlungen im Parteispendenskandal wird der nicht uninteressant sein. Gestern hat man ihn wieder lange mit Ministern palavern gesehen.“

Karls Schwanz sackte wieder zusammen.

„Du hast ja recht, Ingelein, wie immer.“

„Na ja, sagen wir mal häufig.“

Sie schaltete das Fernsehgerät um kurz nach acht ein und wählte den Sender Vox Populi. Tatsächlich begann die Gesprächsrunde pünktlich. Mit Hans Olaf Hundt vom Industrieverband, dem Vorsitzenden der Liberaldemokratischen Partei LDP und Wirtschaftsminister Günther Kloss, dem Vorsitzenden der Partei des Demokratischen Sozialismus Gunter Gabriel und dem Vorsitzenden der Partei der Religiösen, Pater Hartmut Schleich.

Die Moderatorin, eine hübsche Blondine, eröffnete das Gespräch. „Meine Herren, auch dieses Mal sind leider nur Herren beteiligt. Wir bedauern dies. Unser Thema lautet heute: Müssen wir den Sozialstaat abschaffen?“

Sie stellte die vier Herren vor.

Wütend zog Inge einen Schuh aus und warf ihn in die Richtung des Monitors. Doch er prallte nur gegen den Rahmen des Gerätes und hinterließ keine Schäden.

Karl-Friedrich Bornheim amüsierte sich immer über die Gefühlsausbrüche seiner Frau.

„Ingelein, lass das sein. Das ist nicht fein.“ Er kicherte über diesen schönen, wie er meinte, Reim, wurde aber von ihr nicht weiter beachtet, denn die blonde Moderatorin richtete eine Frage an den Vorsitzenden der Partei des Demokratischen Sozialismus, um dessen Redebeitrag anschließend von den anderen Gesprächsteilnehmern demontieren zu lassen. Wenn es zu konkret würde, sollte der fromme Mann, nämlich Pater Schleich, die Argumentation in das Grundsätzliche, das Allgemeinmenschliche und zum Willen Gottes heben. Wirtschaftsminister Kloss war als Schwafler berüchtigt. Hundt sollte den Anheizer und Provokateur spielen.

Das waren die Spielregeln im Sender, und die Gesprächsteilnehmer hatten sich daran zu halten, auch der angebliche Sozialist. Ungehorsame würden andernfalls nicht mehr eingeladen. Das war allgemein bekannt.

Die Blondine spannte den Oberkörper und reckte den Busen in die Richtung der Kamera.

„Herr Gabriel, könnten Sie uns verraten, was vom Sozialstaat noch zu retten ist? Die Kosten für die Arbeitslosen, Kranken und Rentner sind explodiert. Das kann und will niemand mehr bezahlen. Wäre es nicht besser, wenn jeder Einzelne für sich sorgt, als dass der Staat uns alle bevormundet? Der Solidaritätsgedanke ist doch ein alter Hut aus dem vorigen Jahrhundert. Eine alte Volksweisheit ist doch: Jeder ist sich selbst der Nächste.“

Gabriel ging nicht auf ihre Frage ein, sondern verkündete, wie sich die Armut vermehrt hätte, wie immer weniger Rentner am „soziokulturellen“ Leben teilnehmen könnten, wie die offizielle und tatsächliche Arbeitslosigkeit auseinanderklafften und wie Kranke immer mehr Behandlungskosten selbst bezahlen müssten.

„Ja, ja, Gabriel, das ist alles längst bekannt. Geh doch mal zum Angriff über“, ereiferte sich Inge. „Der sollte Maßnahmen fordern und nicht analysieren.“

„Ingelein, wer will denn hier was verändern? Der besitzenden Klasse und der oberen Mittelschicht ist es doch egal, wie viele Leute in den Armenküchen anstehen, wie viele betteln und wie viele die Miete nicht mehr bezahlen können. Solche Zustände hat es doch im 19. und 20. Jahrhundert in Europa überall gegeben. Solange die Reichen und die Wohlhabenden solche Zustände nicht sehen müssen und solange sie von der Polizei und den Wachdiensten vor dem Pöbel, vor Dieben und Einbrechern, geschützt werden, solange werden die keinen Finger krümmen, um irgendetwas zu ändern. Die und die von ihnen bezahlten Politiker leben behütet in ihren schwer bewachten Ghettos und bekommen nicht mit, wie es den restlichen achtzig Prozent der Bevölkerung geht.“

Karl-Friedrich hatte sich neben seine Frau gesetzt und legte seinen Arm um ihre Schultern.

Im Fernseher meldete sich Hans Olaf Hundt zu Wort. Er war zwanzig Jahre älter als Gabriel und maßte es sich daher an, den „Rotzlöffel“ als solchen zu behandeln.

„Also, junger Mann, Sie sollten sich einmal vergegenwärtigen, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, ebenso das mittlere Einkommen und das mittlere Vermögen in Deutschland zu den oberen zehn Rängen auf der Welt gehören.“

„Hören Sie doch auf! Mittelwerte sagen doch überhaupt nichts aus!“, brüllte Gabriel dazwischen.

„Bitte lassen Sie den Herrn Hundt ausreden“, zischte die Moderatorin Gabriel an. „Sonst muss ich Ihnen Redezeit abziehen. Sie kennen die Regeln.“

Der LDP-Vorsitzende und Wirtschaftsminister Kloss lächelte in sich hinein. Ein Auftritt bei diesem Fernsehsender war wie ein Fußballheimspiel. Ernst blickte er die Moderatorin an.

„Bitte, wenn ich etwas bemerken darf.“

„Natürlich, Herr Minister.“

„Ich darf bemerken, dass die Partei von Herrn Gabriel vor zehn Jahren den Niedriglohnsektor eingeführt hat, und nicht wir von den Liberalen. Auch möchte ich daran erinnern, dass die Formel zur Folterung von Arbeitslosen, nämlich „Fordern statt Fördern“, von Ihrem Arbeitsminister erfunden worden ist und nicht von den bösen Kapitalisten.“

Gabriel echauffierte sich. „Wieso gestatten Sie dem, so lange dazwischenzureden, und mir nicht!“

„Aber Herr Gabriel, seien Sie doch nicht so kindisch“, wies ihn die Moderatorin zurecht. Sie wusste, das käme gut an bei den Zuschauern. „Wir plärren hier doch nicht wie im Kindergarten.“

Beleidigt schwieg Gunter Gabriel.

Hans Olaf Hundt redete weiter: „Auch wenn Sie es nicht wahrhaben wollen. Deutschland gehört zu den reichsten Nationen. Da stimmt doch etwas nicht, wenn Sie uns etwas über Armut erzählen. Ich will nicht ausschließen, dass es Arme gibt. Aber den meisten geht es doch noch ganz gut.“

„Noch!“, schrie Gabriel.

„Herr Gabriel, ich warne Sie zum letzten Mal“, keifte die Blondine.

Hans Olaf Hundt fuhr fort: „Also, den meisten geht es ganz gut. Das ist doch sozialistische Hetze, immer auf die paar Armen hinzuweisen. Armut hat es in der Geschichte immer gegeben, ebenso wie Reichtum. Den Lauf der Geschichte werden Sie nicht aufhalten. Armut und Reichtum sind der Motor der Entwicklung. Gleichmacherei bedeutet Stillstand. Sozialismus ist ein Schritt zurück in die Vergangenheit.“

Karl-Friedrich presste seine Lippen auf Inges Hals und pirschte sich langsam zu ihrem Busen vor, der sich gleichmäßig vor ihm hob und senkte. Seine rechte Hand war in ihrem Schoß vergraben. Inges Erregung verhinderte, dass sie ihren zweiten Schuh auf das Fernsehgerät warf.

Als Inge zu keuchen begann, schaltete er „die Kiste“ aus, presste seine Frau auf das Sofa, riss ihr den Schlüpfer vom Körper und zog seine Hose und Unterhose hinab.

Nach so vielen Jahren Ehe war er immer noch verrückt nach ihr.

Daher bekamen sie den Eklat im Studio des Senders nicht mit.

Am nächsten Morgen saßen die beiden in ihren weißen Seidenmänteln beim Frühstück und lasen in der Tageszeitung.

„Hier steht“, sagte Inge, „dass Gabriel das Rederecht entzogen wurde, nachdem er die Hand zum Erteilen einer Ohrfeige an den Hundt erhoben hatte, aber daran von Minister Kloss gehindert worden war. Wahrscheinlich hat ihn die blonde Zicke provoziert, und der blöde Affe von Hundt hat noch eins draufgegeben, Ach nein, hier steht, dass Gabriel den Pfaffen Schleich mehrmals unterbrochen hat. Das musste ja so kommen. Über dessen pseudoreligiöses Salbadern hätte ich mich ebenfalls aufgeregt.“

Durch die heftigen Bewegungen ihres Oberkörpers hatte sich ihr Morgenmantel über den Brüsten geöffnet. Karl-Friedrich genoss die Aussicht auf die von einem kostbaren schwarz-gelben Büstenhalter umfassten Busenhügel. Vor einiger Zeit hatte er den Wunsch geäußert, sie möchten doch beide noch nicht fertig zum Ausgang gekleidet am Frühstückstisch erscheinen. Tatsächlich führte diese Regieanweisung an ein oder zwei Tagen in der Woche dazu, dass sie nach dem Frühstück übereinander herfielen.

„Der Gabriel hat dann dem Hundt einen Vogel und der Moderatorin den Stinkefinger gezeigt. Das ist nun wirklich einfältig. Aber dem habe ich auch nicht mehr zugetraut.“

Karl-Friedrich hörte ihr kaum zu, sondern blickte auf die Formen in ihrem Büstenhalter.

„Guck nicht so lüstern auf meine Titten. Ich muss mich gleich in Windeseile ankleiden. Denn ich habe um neun Uhr einen Gerichtstermin.“

Sie schaute auf ihre Armbanduhr. „Ach, du großer Schreck. Es ist ja schon um acht. Jetzt aber los.“

Sie sprang auf, gab ihm einen Kuss. „Ich bin sofort weg. Musst du nicht auch ins Büro?“

„Tschüss, nö, halb zehn reicht auch. Und komm nicht so spät nach Hause.“

Er wollte sie an sich ziehen, aber sie wehrte ihn ab. „Ich bin wirklich in Eile.“

Er hatte heute nur im Büro zu tun und wollte sich mit dem jüngsten Parteispendenskandal befassen. Um zehn Uhr würde er sich mit zwei Kollegen aus Wiesbaden und Berlin treffen und die Ergebnisse der bisherigen Ermittlungen austauschen.

Vor zwei Monaten waren bei den Staatsanwaltschaften in Köln, Wiesbaden und Berlin anonyme Anzeigen eingegangen. Darin stand, dass die Christlich-Demokratische Partei, die Liberaldemokratische Partei und die Partei des Demokratischen Sozialismus Spenden von jeweils zehn Millionen Euro erhalten hätten. Diese Spenden seien aber nirgendwo gemeldet worden. Deshalb wurde nun gegen die Vorsitzenden der drei Parteien ermittelt.

Um kurz nach zehn saßen drei dezent gekleidete Staatsanwälte an dem Besprechungstisch in Staatsanwalt Bornheims Büro und tranken Kaffee.

„Ich wundere mich sehr, wieso gegen den Vorsitzenden der Partei der Religiösen keine Anzeige erstattet worden ist. Die haben doch sicher auch Millionen bekommen. Wenn nicht, wäre das sehr merkwürdig. Die haben sieben Prozent bei der letzten Wahl erreicht und sitzen in der Regierung.“

„Ach, die befinden sich doch unter dem Schutzschirm des Vatikans. Der letzte und der neue Papst haben doch überall in Europa religiöse Parteien gründen lassen. Die müssen jetzt finanziert werden. Woher kommen die Gelder, wenn nicht von der Mafia?“

„Ja, wir sollten Europol einschalten und uns erkundigen, welche Spenden in den anderen Ländern registriert wurden.“

„Ich bin durchaus Ihrer Meinung, liebe Kollegen“, wandte Bornheim ein. „Aber lasst uns zuerst herausfinden, ob der Inhalt der Anzeige wirklich stimmt. Dazu müssten wir die Parteizentralen durchsuchen und die Konten prüfen. Das wird sich nicht geheim halten lassen. Wahrscheinlich gibt es Hinweise an die Presse, und wir stehen im Scheinwerferlicht. Haben Sie sich bei Ihren Justizministern abgesichert? Also, ich werde das nicht tun, weil ich die Ansicht vertrete, dass die Justiz in Deutschland die unabhängige dritte Macht im Staate sein sollte und nicht von Politikern gelenkt werden darf. Die Justizminister sollen nicht über Beförderungen und Disziplinarmaßnahmen von Richtern entscheiden dürfen und nicht auf Ermittlungen Einfluss nehmen. Deshalb halte ich den Justizminister Nordrhein-Westfalens da raus.“

„Das sehe ich genauso, Herr Kollege“, sagte Staatsanwalt Niederzissen aus Wiesbaden. „Die Justiz muss sich endlich von den Marionettenstrippen der Politiker befreien.“

Staatsanwalt Kempowski aus Berlin zögerte mit seiner Antwort.

„Wissen Sie, wir sollten uns lieber bei unserem Vorgesetzten absichern. Ich fürchte sonst Disziplinarmaßnahmen und eine Niederschlagung des Strafverfahrens.“

Du bist schon immer feige gewesen, dachte Bornheim, sagte aber, er habe für seine Lage Verständnis angesichts der Mehrheiten im Berliner Senat. Dort war der Justizsenator auch noch ein rechtsradikaler Populist.

Bis zum Mittagessen hatten sie vereinbart, dass die Berliner Zentralen der drei Parteien durchsucht werden sollten. Das sollte gleichzeitig um halb sieben im Morgengrauen erfolgen, und zwar mit Berliner Polizisten und Spezialisten aus Köln, Wiesbaden und Leipzig. Da für die Vorbereitung und die Anreise etwas Zeit erforderlich war, legten sie den kommenden Freitag als Termin für die Razzia fest. Da wären die Politiker und die Parteiangestellten schon in Wochenendstimmung und deshalb leichter zu lenken. Die drei kamen überein, bis zum Sonntagabend, zehn Uhr abends, strengstes Stillschweigen gegenüber anderen zu wahren. Am Mittwoch sollte die Polizeimaschinerie unter der Leitung der Berliner Staatsanwaltschaft anlaufen.

Bornheim verabschiedete die beiden Kollegen um drei Uhr, nachdem sie ein üppiges Mittagessen im besten italienischen Restaurant Kölns eingenommen hatten. Um halb sechs verließ er sein Büro und fuhr mit der U-Bahn nach Hause.

Heute war Freitag und er freute sich auf ein gemeinsames Wochenende mit Inge.

In ihrem Büro in der ersten Etage war noch Festbeleuchtung. Sie hatte also noch zu arbeiten.

Da es früher immer zu Streitereien über die Abgrenzung der Arbeit von der gemeinsamen Freizeit gekommen war, hatten sie sich geeinigt oder mussten sie sich einigen, sich nicht in die Arbeit des anderen einzumischen, weder terminlich noch organisatorisch. Das war ihrer Ehe sehr gut bekommen.

So stieg Karl-Friedrich in die zweite Etage, öffnete die Wohnungstür und warf im Wohnzimmer die Aktentasche auf das Sofa. Er würde sich einen schönen Abend mit Wein und Musik machen.

Währenddessen befasste sich Inge eine Etage tiefer mit ihren gesammelten Zeitungsausschnitten, Berichten und Fotodateien zum Fürsten Dietrich zu Hohenlohe, wie er sich nannte. Sie sollte seine Interessen in einem Beleidigungsprozess gegen den Unternehmer Kurt Schläcker vertreten, einen schwerreichen Inhaber eines Supermarktkonzerns.

Schläcker, der aussah wie ein durch viele Schlägereien und Messerattacken zugerichteter, aber siegreicher Zuhälter, hatte in sehr angeheitertem Zustand den Fürsten als „degeneriertes Arschloch, adeligen Hosenscheißer und faulen Schmarotzer“ bezeichnet, und dies auf einem Festbankett des Industrieverbandes im Berliner Luxushotel Adlon!

Fürst zu Hohenlohe, „aus sehr altem Adelsgeschlecht“, verfügte zwar nicht über ein Milliardenvermögen wie dieser Kurt Schläcker. Für einen Prozess gegen „diesen Proleten“ eine Million Euro auszugeben, war für ihn jedoch „ein Klacks“. Ihm kam es vor allem darauf an, „diesen Emporkömmling“ in die Schranken zu weisen. Das hatte Inge schnell herausbekommen.

Nun saß sie über Hunderten von Fotos und Reportagen und versuchte, Negatives über diesen Schläcker und seine Supermarktkette herauszufiltern. Dass der mit seinen Mitarbeitern nicht fürsorglich umging, war allgemein bekannt: Niedrigstlöhne, Schikanen, geheimdienstartige Überwachung, Unterdrückung jeglicher Kritik und willkürliche Entlassungen. Das hatte seinem Ruf in der Wirtschaft jedoch nicht geschadet.

Inge blätterte in ihrem Archiv.

Schläcker mit Frau, im Urlaub, auf Empfängen, im Flughafen. Relativ wenige Fotos, die auch nichts hergaben.

Wenig später stieß sie auf ein Foto aus der Neuen Revue. Darauf sah man Schläcker mit Pater Hartmut Schleich, dem Vorsitzenden der Partei der Religiösen (PR), und dem Präsidenten des Europäischen Bankenverbandes, Jakob Esser. Hinter den dreien waren Typen zu sehen, denen Inge nicht im Dunkeln begegnen mochte.

Was sind denn das für Gangster?

Sie machte eine Vergrößerung von dem Bildausschnitt und schickte ihn an den Privatdetektiv Herbert Witterschlick. Er sollte herausfinden, wer diese Typen waren. Die Höhe des Honorars wäre nebensächlich. In der Tat hatte sie mit dem „Fürsten“ ein fürstliches Honorar für ihre Tätigkeit als rechtliche Vertreterin ausgehandelt.

Zwar hielt sie Titel wie Gräfin, Baron oder Fürst für anachronistisch und verbotswürdig, musste aber eingestehen, dass die Macht des alten Adels aus der ausgehenden Kaiserzeit keineswegs gebrochen war. Denn die Ländereien und Fabriken von damals waren überwiegend noch im Besitz der „Adelsbande“. Die Grafen und Konsorten hatten sich nach dem ersten und zweiten Weltkrieg immer wieder als Politiker betätigt, am liebsten als Wirtschaftsminister. Inge schätzte sich selbst als „eher links“ ein, mochte aber auf Honorare der alten Reichen nicht verzichten, ganz anders als ihr Mann Karl-Friedrich, der in den Staatsdienst gegangen war, um „für Gerechtigkeit zu sorgen“.

Es war schon halb zwölf, da machte sie noch eine weitere Entdeckung.

Ein Foto im „Prominentenreport“ zeigte wieder Schläcker und Pater Schleich, dessen schwarzes Haar hier noch fettiger glänzte als sonst, aber auch den Rechtsanwalt Müller-Lüdenscheid II, einen Juristen mit äußerst üblem Leumund, dem auch Verbindungen zu mafiösen Gruppen nachgesagt wurden. Man konnte ihm jedoch nie etwas nachweisen, Karl-Friedrich hatte es viele Jahre versucht.

Die drei waren in Begleitung üppiger und auffällig schöner Frauen, gut zwanzig Jahre jünger als sie. Dem zugehörigen Bericht war nicht zu entnehmen, ob die Frauen die Gespielinnen der Männer waren.

Inge wunderte sich darüber, dass auch dem Pater eine junge Dame zugeordnet schien. Der tat doch immer so streng katholisch. In der Tat hatte man nie von sexuellen Fehltritten seinerseits gehört, nicht einmal mit Ministranten. Verbarg der Mann ein Geheimnis?

Ihr Gatte lag bereits im Bett, las aber noch Tucholsky, Band 9, und erfreute sich des fröhlich-optimistischen Stils von 1931. Bald fielen ihm aber die Augen zu. Als Inge zu ihm ins Bett schlüpfte, murmelte er „Ingelein“ und schlief wieder ein. Sie gab ihm einen Kuss, löschte das Licht und spielte noch ein wenig an seinem Schwanz, bis sie selbst einschlummerte.

Am nächsten Morgen ließ sie sich von Karl-Friedrich besteigen, war aber nicht richtig bei der Sache, weil sie an diese Typen um Schläcker und Schleich denken musste. Karl-Friedrich war wüst wie nie und biss sie in die linke Arschbacke. Inge konnte den ganzen Samstag nicht richtig sitzen und musste ein Kissen unter die wunde Popohälfte schieben. Sie war keineswegs sauer auf ihn, sondern liebte seine Leidenschaft. Schließlich hatte sie ihn kürzlich bis auf den letzten Samentropfen ausgesaugt, sodass vierzehn Tage lang nichts mehr ging.

Am Sonntagnachmittag konnte er sie zu einem Spaziergang im Botanischen Garten überreden. Das Wetter an diesem Spätherbsttag war sonnig und erstaunlich mild. Er trug einen beigefarbenen Leinenanzug und ein hellbraunes Hemd und sie ein braunviolettes Kleid, hochhackige Schuhe und einen blassvioletten, sombreroähnlichen Hut und war damit sofort im Blickfeld der ihnen entgegenkommenden Männer. Manche drehten sich sogar nach ihr um, obwohl ihre Frauen an ihrer Seite gingen.

„Ich würde mich nie nach anderen Frauen umdrehen“, sagte er.

Sie lächelte.

„Auch nicht, wenn ich allein wäre“, beteuerte er.

Sie gab ihm einen Klaps auf den Hintern.

„Das würde ich schon deswegen nicht tun, weil keine Frau so rasant ist wie du.“

„Du alter Schmeichler.“

Beide lachten.

Sie bemerkten nicht, dass ihnen seit einer Viertelstunde ein gedrungener blonder Mann folgte. Er trug einen leinenen Einkaufsbeutel unter dem Arm. Darin befand sich offenbar ein länglicher, nicht leichter Gegenstand. Darauf achtend, den beiden nie auf weniger als zwanzig Meter nahe zu kommen, verlor er sie einmal aus dem Auge, als sie in ein Gewächshaus mit tropischen Pflanzen getreten waren, traf sie später aber in dem noch voll erblühten Rosengarten wieder.

„Wie schön die Rosen sind“, begeisterte sich Inge.

Er hielt an und presste sie an sich. „Du bist die schönste Rose. Voll erblüht, wohlduftend und von edler Farbe. Ach, ich habe den Geschmack der Rose vergessen.“

Er grinste, und beide brachen zum Erstaunen der nicht wenigen Spaziergänger in Lachen aus.

Eine Frau in mittleren Jahren, durchaus nicht hässlich, zischte ihren Begleiter an.

„Da siehst du es, wie glücklich andere Leute miteinander sind. Der bumst die sicher jeden Tag. Und du? Du hast nur die Arbeit, Computerspiele und Fußball im Kopp.“

Im rechten Teil seines Blickfeldes hatte Karl-Friedrich nun schon zum dritten Mal diesen blonden Bullen gesehen. Der trug etwas unter dem Arm, das er nicht identifizieren konnte.

„Komm“, flüsterte er Inge zu, „wir müssen schnell von hier weg. Es verfolgt uns jemand.“

Er zog sie am Arm. Schnell schritten sie auf einem Umweg durch asiatisches Gebüsch dem Ausgang zu, sprangen dort in eines der Taxis und ließen sich nach Hause fahren.

Bevor sie in ihr Büro hinunterging, wollte sie wissen, was er gesehen hatte.

„Ich habe nichts bemerkt, habe mich allerdings auch nicht umgedreht.“

„Da war ein bulliger Typ, er trug einen Beutel mit einem längeren Gegenstand darin und lief immer in einem guten Abstand hinter uns her. Nach meinem Instinkt war das eine Knarre mit Schalldämpfer.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, wer da hinter uns her sein sollte. Ich habe zurzeit nichts Brisantes an Zivilprozessen. Und du? Was ist mit dem Parteispendenskandal? Das wird doch wohl nicht hochkriminell?“

„Tja, ich muss bis zehn Uhr schweigen. In der kommenden Woche wird es eine Durchsuchung der Parteizentralen geben. Mehr kann ich erst in ein paar Tagen sagen.“

Sie fragte nicht weiter nach, hielt aber seine Beobachtung mit dem Verfolger für Einbildung und wollte sich möglichst schnell an ihre Arbeit machen.

„Und komm nicht wieder so spät hoch. Morgen ist Montag und wir müssen früh aufstehen. Außerdem wollten wir den Rotwein aus Montepulciano probieren!“, rief er ihr hinterher. „Also, wann kommst du?“

Sie lächelte. Wahrscheinlich wollte er sie wieder hernehmen.

„Um halb elf bin ich spätestens bei dir.“

Während sie in ihrem Büro ihr Archiv durchforschte, begann Karl-Friedrich eine Etage höher ein Fotoalbum über ihren letzten Urlaub in der Toscana anzulegen.

Mit besonderer Freude betrachtete er die Fotos, auf denen Inge in zarten Dessous auf der sonnigen Terrasse zu sehen war: stehend mit einem Glas Rotwein in der Hand, mit übereinandergeschlagenen Beinen in einem Korbsessel sitzend oder seitlich auf einer Chaiselongue liegend, den Kopf in eine Hand gestützt. Er streichelte sich über seine ausgebeulte Hose.

Inge war auf ein Foto in der „Berliner Volksstimme“ vom letzten Freitag gestoßen, das ihr Rätsel aufgab. Man sah einen Mann im Anzug auf dem Boden liegen, um ihn eine Blutlache, und im Hintergrund, der nicht mehr vom Blitzlicht ausgeleuchtet war, sechs Personen. In dem für die Leser dieses Blattes einfach gehaltenen Artikelchen stand nur, dass es sich bei dem Toten um einen italienischen Geschäftsmann namens Sergio Cinquecento handelte. Laut Polizeibericht ging es um einen Racheakt der Mafia.

Inge vergrößerte den Ausschnitt mit den sechs Personen im Hintergrund. Das war doch der Berliner Landesvorsitzende der LDP! Der Hans-Werner Zinn! Aber der trug doch sonst einen blonden Kinnbart und keinen schwarzen Vollbart wie auf dem Foto. Noch merkwürdiger war der Mann neben ihm. Zum einen sah der aus wie der PDS-Vorsitzende Gunter Gabriel, zum anderen wie ein stadtbekannter Kölner Zuhälter.

Sollten die professionellen Auswerter von Zeitungsberichten, also die Geheimdienstbeamten, auf eine falsche Fährte gelenkt werden? Warum hatten sich die beiden so verkleidet, dass es jedem auffiel?

Morgen würde sie Herbert Witterschlick besuchen, den Privatdetektiv für besonders delikate Fälle.

Sie löschte das Licht in ihrem Büro, schloss die doppelwandige Tür ab und begab sich nach oben in die Wohnung. Dort drang nur noch aus dem Schlafzimmer Licht.

„Liebling, ich bin gleich bei dir. Ich gehe nur noch schnell ins Bad.“

Aber es kam keine Antwort aus dem Schlafzimmer. Sicher schläft er schon, vermutete sie. Sie beeilte sich im Bad und warf ein weites, blaues Nachtkleid über, das sehr gut mit ihrem zurzeit rotblonden Haar harmonierte.

Zu ihrem Erstaunen schlief ihr Karli ganz und gar nicht, sondern lag vollkommen nackt auf dem Rücken und hatte einen Ständer.

Sie lutschte sein Glied feucht, stieg über ihn und führte sich den Schwanz in die Lustgrotte ein.

Kurze Zeit später schliefen sie ein, eng aneinandergekuschelt.

Wenn er nachts aufwachte, fühlte er sich sehr glücklich, wenn er ihren ruhigen Atem spürte oder ihre seinen Körper suchende Hand spürte.

Am nächsten Morgen frühstückten sie nicht gemeinsam, denn Karli musste schon um halb acht nach Wiesbaden fahren.

Sie ließ sich viel Zeit, denn sie war erst um zehn Uhr mit dem Privatdetektiv verabredet. Sie wusste, dass er sie anhimmelte und ihr aus der Hand fraß, wenn sie mondänen Sex ausstrahlte. Deshalb würde sie in dem scharlachroten Kostüm und mit dem gleichfarbigen weiten Hut bei ihm erscheinen und darunter eine schwarze Seidenbluse tragen. Rot glänzende Lackschuhe mit atemberaubend hohen Absätzen und Spitzenhandschuhe würden das Bild vervollkommnen, ebenso wie die schwarze Unterwäsche aus raschelnder Seide.

Bevor sie den Wagen aus der Garage holte, ging sie in ihr Büro, um ihrem Assistenten Christian Bescheid zu geben, wohin sie führe. Doch tatsächlich schaute sie bei Christian Remus vorbei, um ihn scharfzumachen. Sie trat dicht neben ihn, um ihn durch ihren weiblichen Duft zu betören. Er würde wieder eine Erektion bekommen und sich mit der Hand befriedigen, sobald sie fort war.

Bis zu dem kleinen Büro von Herbert Witterschlick waren es zwanzig Minuten Fahrzeit.

In der Pützgasse in Impekoven stieg sie aus ihrem Wagen aus und knallte die Fahrertür zu. Nach acht Sekunden würde der schwere Wagen automatisch abgeschlossen. Um zwei Minuten nach zehn klingelte sie an der Haustür. Das Haus aus rötlichen Backsteinen trug keinerlei Hinweis auf das Detektivbüro. An der Klingel stand im Namensschild nur „H. Witterschlick“. Das Haus unterschied sich von den anderen Häusern in der Straße nur durch den Fahnenmast, an dem Herbert Witterschlick an hohen Feiertagen seine patriotische Gesinnung flattern ließ. Aber auch dies war nur Tarnung. Seinen Nachbarn gab er vor, er sei Immobilienmakler für gewerbliche Grundstücke.

Er öffnete die Haustür und bat sie hinein.

„Du siehst ja wieder umwerfend aus.“

Er küsste ihr die Hand.

Er liebte sie, aber seine Liebe wurde nie erwidert. Auch in der überschaubaren Zukunft hätte er keine Chance gegen ihren Mann. Er selbst war kleiner als sie, dickbäuchig und glatzköpfig, aber sehr agil, gescheit und praktisch veranlagt, keineswegs so feinsinnig und gebildet wie ihr Mann. Aber er konnte warten.

Damals, als sie Herbert Witterschlick bei der Fälschung von Rechnungen erwischte, hatte sie ihm nicht mit einer Anzeige gedroht, sondern ihn ermahnt, wieder „den rechten Weg“ zu gehen. Danach entwickelte sich eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, auf deren Basis sie ihm eines Tages das Du anbot. Seitdem beauftragte sie ihn mit delikaten Rechercheaufgaben.

„Hier, schau mal. Diese Fotos mit Quellenangaben und meinen Vermutungen solltest du prüfen. Ich nehme an, dahinter steckt eine Clique. Finde doch mal heraus, was da los ist.“

Sie saßen nebeneinander auf dem Sofa.

Er hatte Kaffee gebracht und genoss den Duft ihres Parfums und das Geräusch ihres Kostüms und ihrer Unterwäsche.

Niemals aber würde er es wagen, auch nur daran zu denken, ihre Hand zu nehmen oder gar ihren Körper zu berühren.

„Ja, seltsam. Die Leute hinter der Leiche sehen aus wie hineingefälscht. Vielleicht hat die Polizei etwas hineinkopiert. Aber warum?“

Er strich sich ratlos über das fette Kinn.

„Oder die Leute haben sich verkleidet und sollen irgendjemanden irreführen.“

Inge atmete durch. Ihre Brüste hoben und senkten sich. Fasziniert schaute Witterschlick auf „diese wunderbare Frau“.

„Aber vielleicht ist es auch so, dass die Leiche gar nicht existiert. Da ist nur jemand auf den Boden gelegt worden, und anschließend hat man rote Farbe verteilt. Oder die Leiche gab es wirklich, aber deren Foto ist in das Zeitungsfoto hineingefälscht worden. Wer von der Zeitung könnte eine Interesse daran haben?“

Herbert bewunderte ihre analytische Denkkunst.

Sie fuhr fort: „Wer sagt uns denn, dass es zwar eine Leiche gab, aber das Blut gefälscht wurde, weil der Mann viel früher ermordet und dann an diesen Platz gebracht worden ist? Besonders krass wäre es, wenn die sechs Männer (?) den Mann tatsächlich umgebracht und das Foto als Beweis an die Zeitung geschickt hätten. Ich denke, du wirst viel zu tun haben.“

Die Vereinbarung des Honorars war nur Formsache.

„So, es ist jetzt fast halb eins. Wir sollten noch gemeinsam Mittag essen, wenn du magst. Kannst du ein gutes Restaurant empfehlen?“

Sie erhob sich, ihre seidene Unterwäsche raschelte.

Herbert bekam fast einen Ständer und zwang sich, tief einzuatmen.

„Ja, äh, hier gibt es den Gasthof Zur Goldenen Taube. Aber so mondän, wie du heute auftrittst, passen wir besser in das Restaurant Zur Tant in Niederkassel.“

„Okay, machen wir das. Du steigst in mein Auto, du bist heute mein Gast. Und ich bringe dich zurück nach Hause.“

Schon ihre Ankunft in dem Restaurant rief den Inhaber, einen Österreicher, auf den Plan.

„Ja, geh, die gnädige Frau, wieder einmal so charmant, ganz entzückend.“

Er geleitete die beiden zu einem Tisch mit einem wundervollen Ausblick auf die Raffinerie auf der anderen Seite des Rheins.

Inge genoss es, von Witterschlick angehimmelt zu werden, benahm sich jedoch betont sachlich, sozusagen mit herzlicher Distanz. Noch kühler behandelte sie den Österreicher, der ihnen die Menükarte gereicht hatte. Auch er vergötterte sie, und sie wusste, dass er sich umso leidenschaftlicher nach ihr verzehrte, je mehr sie ihm ihr Desinteresse zu verstehen gab. Das machte ihn nur noch glücklicher. Um ihn noch mehr zu erregen, bat sie ihn, ihren scharlachroten weiten Hut entgegenzunehmen und in der Garderobe aufzubewahren. Beim Wegtreten sah er noch, wie sie sich ihre schwarzen Spitzenhandschuhe auszog und sie auf den Tisch neben ihr Gedeck legte.

Nachdem sie die Bestellung aufgegeben hatte, beugte sich Inge näher zu Herbert und berichtete ihm, was ihr Mann am Sonntag zu sehen geglaubt hatte. Die am nächsten benachbarten Gäste saßen zwei Tische weiter entfernt und bekamen nichts von ihrer Unterhaltung mit.

„Wahrscheinlich hat dein Mann recht gehabt, das mit der Schalldämpferpistole. Da müsst ihr damit rechnen, noch öfter verfolgt zu werden. Auch zu Hause würde ich aufpassen. Dein Assistent, der Demus, ist doch den ganzen Tag in deinem Büro. Und wann ist niemand im Haus? Aha, von sieben bis acht Uhr. Ich würde eine zweite Alarmanlage einbauen lassen. Die sollte erstens unsichtbar und zweitens permanent zu einem Wachdienst durchgeschaltet sein. Außerdem empfehle ich euch, dass jeder eine Waffe bei sich trägt. Jemand will einen von euch umbringen lassen. Beim nächsten Versuch wissen wir, wen.“

Sie nickte, und sie tranken sich zu.

Der sogenannte Gruß aus der Küche bestand dieses Mal aus einem Tässchen Algenschaumcrème mit Hummerstückchen.

„Ah, das ist ja phantastisch“, genoss Inge diese Kreation. Witterschlick nickte anerkennend.

Die Vorspeise bestand aus in Pilzfond gegarten Jakobsmuscheln. Wiederum war Inge begeistert.

Doch den Hauptgang, Kalbsleberscheiben in Kaviarsauce, begleitet von Puffern aus Kartoffeln, Hirse und Mais, hielt Inge für „eine Offenbarung“.

„So etwas Raffiniertes habe ich noch nie gegessen, so fein aufeinander abgestimmt.“

Zum Abschluss hatten sie Crêpes Suzette mit Orangengranité.

Kanzler Piepgen

Es war erst sieben Uhr, als das Mobiltelefon des Bundeskanzlers klingelte.

Günther Piepgen rasierte sich gerade im Bad seines persönlichen Büros, schaltete den Rasierer aus und drückte die Empfangstaste.

„Chef, Chef, es gibt Gerüchte, dass eine Razzia in unserer Parteizentrale geplant ist, und zwar am Freitag. Wir müssen unbedingt etwas dagegen tun. Die Lage ist sehr ernst. Sie sollten mit den Justizministern der Länder sprechen, möglichst bald.“

Der Anrufer wurde fast weinerlich eindringlich.

„Ja, ja, danke dir. Ich werde mich kümmern. Tschüss.“

Er schaltete den Rasierer wieder ein und blickte in den Spiegel.

Sicher, er war nie ein gut aussehender oder gar attraktiver Mann gewesen, eher fett, ohne Hals, mit dicken Backen und „pissblondem“ (seine Ex-Frau) halblangem Haar, das ihm bis in den Nacken hing, meistens fettig.

Aber die Karrierehürden, die übersprungen werden mussten, hatte er allesamt bewältigt: Vorsitzender der Jungen Christdemokraten. Ortsvorsitzender der Christlich-demokratischen Partei CDP, später Bezirks-, dann Landesvorsitzender. Danach konnte ihn niemand mehr stoppen, zweimal Kanzlerkandidat, einmal erfolgreich.

Nun versuchten irgendwelche Drecksäue von Staatsanwälten, ihm irgendetwas Illegales anzuhängen. „Man sollte amtierenden Kanzlern und Ministern Immunität in allen Angelegenheiten verleihen“, murmelte er. Aber „die verdammte LDP“ war immer dagegen gewesen. Ganz besonders hasste er die Justizministerin, „diese Ziege“. Ja, die soll die Landesjustizminister überreden, die Durchsuchung der Parteizentralen zu unterlassen. Schließlich bekam die LDP die meisten illegalen Spenden, jedenfalls pro Mitglied gerechnet.

Nachdem ein stark riechendes Rasierwasser auf dem Kinn verteilt hatte, kleidete er sich vollständig an: weißes Hemd, dunkelblauer Anzug, dunkelblaue Krawatte, schwarze Schuhe.

Auf dem Schreibtisch stand sein karges Frühstück, bestehend aus einer Käsesemmel und einem Kännchen Kaffee. Die fünf wichtigsten Tageszeitungen lagen daneben.

Mit Empörung las er die Schlagzeile der „Südnachrichten“: Mafiakontakte? Pater Schleich behauptet, die CDP erhält Spenden von der Mafia.

Schleich war der Vorsitzende der Partei der Religiösen.

„Der kann sich das leisten, denn die kriegen ja nix von der Unterwelt gespendet. Aber so viel Ahnungslosigkeit! DIE Mafia. Es gibt mindestens drei italienische, zwei russische und drei chinesische Mafiagruppen. Was ist denn dabei, von denen Spenden anzunehmen? Das Geld ist doch mindestens zwei Mal gewaschen worden. Da kann man nix mehr nachweisen.“

Die Regierungskoalition hatte gleich nach Regierungsantritt die Strafbestimmungen zur Geldwäsche entschärft.

„Sie machen sich ja zum Steigbügelhalter der Mafia!“, hatte Oppositionsführer und PDS-Vorsitzender Gabriel im Parlament geschrien, wohlwissend um die vier Millionen von der Cosa Nostra für die PDS, natürlich nicht direkt, sondern über den Verein zur Förderung der Italienischen Küche in Deutschland und dann über den Verein der Pizzabäcker.

Kanzler Piepgen hatte mit Gabriel am gleichen Abend nach der Parlamentssitzung im Vereinslokal der Karnevalisten gezecht und ihm zugeflüstert, dass die CDP aber fünf Milliönchen bekommen hatte.

Es war nun zwanzig vor acht geworden. Der Direktor des Kanzleramtes trat ein, wie jeden Morgen „zur Lage“.

In dieser Lagebesprechung wurden nur die drei, höchstens vier wichtigsten Termine, Ereignisse oder Abstimmungen des Tages besprochen.

Piepgen konnte den Ministerialdirektor Globke zwar nicht ausstehen, aber er war wegen dessen Fachkenntnisse, seiner Seilschaften im Beamtenapparat und seiner Verschwiegenheit auf ihn angewiesen.

Globke verbeugte sich vor dem Kanzler.

„Heute haben wir:

Erstens: Die Mafiavorwürfe. Zweitens: Die Razzia in den Parteizentralen. Drittens: Staatsbesuch des indischen Präsidenten.“

Der Kanzler nickte. „Was raten Sie?“

„Erstens: Pressekonferenz um halb zwölf, zusammen mit LDP und PDS, wirkt besser als allein, alles abstreiten, Verleumdungsklage gegen Zeitung und Schleich ankündigen.

Zweitens: Länderjustizminister gehorchen nicht. Daher zu detaillierte Unterlagen sofort wegschaffen, Ermittlungen behindern, Mitarbeiter in Urlaub und Krankheit schicken. Finger von Schleich lassen, hinter dem steht der Papst.

Drittens: Hier sind Ihre Reden für den Empfang des indischen Präsidenten. Achtung: keine Anspielungen auf Menschenrechte und Armut in Indien.

Das wär’s.“

„Danke, Globke. Hervorragend, wie immer.“

Der hätte auch Hitler oder Stalin prima gedient, dachte er, während er seinen persönlichen Referenten herbeirief. Dieser war der Sohn des früheren PDS-Vorsitzenden. Schon im Alter von zwanzig Jahren hatte er sich den Christlichen angeschlossen und wurde daher von seinem Vater als Verräter, Renegat und Abweichler beschimpft.

Da solche verstoßenen Menschen besonders treu ergeben waren, hatte Piepgen den jungen Politologen Balthasar Lafontaine bei sich eingestellt.

„Sie sollten unseren M-Anwalt, Sie wissen schon, heute Morgen aufsuchen, damit dieser mit den einschlägigen Kreisen berät, was man tun kann. Wir wünschen, informiert zu werden. Ich danke Ihnen, Herr Lafontaine.“

Er grinste, weil er wusste, wie sehr sich der junge Mann über seinen Familiennamen ärgerte. Demnächst würde er ihm eine Namensänderung vorschlagen, vielleicht in „Adenauer“ oder „Merkel“? Er lachte.

Er wusste zu dieser Zeit nicht, wie Staatsanwalt Bornheim die Razzien in den Parteizentralen von CDP, LDP und PDS vorbereitete.

In Köln verabredete sich Inge Bornheim mit Herbert Witterschlick, dem Privatdetektiv, um zu hören, wer die Leute auf dem Foto waren.

Am gleichen Morgen bekam der M-Anwalt Müller-Lüdenscheid II Besuch von Balthasar Lafontaine.

Dieser lümmelte sich in den breiten Ledersessel vor dem riesigen Schreibtisch des Rechtsanwaltes und verkündete, was der Kanzler wünsche.

„Sie müssen die M-Kreise zusammentrommeln, und zwar heute noch, und denen klar machen, dass eine Razzia wegen der verdeckten Spenden droht. Die Parteizentralen sind bereits gewarnt worden. Kann man die beteiligten Staatsanwälte, äh, vorher unschädlich machen? Eines muss klar sein: Die Regierung hat damit nichts zu tun. Wenn eine Panne passiert, werden wir die M-Kreise auffliegen lassen.“

Na, Jungchen, tu man nich so dicke, dachte der Rechtsanwalt, eher lassen die M-Kreise die Regierung stürzen. Aber er blieb kooperativ und versprach, noch heute Nachmittag ein Treffen der M-Kreise herbeizuführen.

Lafontaine verließ ihn mit triumphierendem Blick.

Gegen Mittag traf er wieder im Kanzleramt ein.

Kanzler Piepgen saß an seinem Schreibtisch und verzehrte sein Mittagsmahl, zwei Bockwürste mit Senf auf einem Papptablett, dazu zwei Brötchen, deren Krümel auf dem Tisch verstreut waren.

„Und, hast du die Wanzen verstecken können?“

„Ja, Herr Bundeskanzler, in den Ritzen des Sessels und darunter.“

„Gut“, sagte der Kanzler kauend. „Es lebe die Technik. Die Wanzen sind ja heutzutage noch kleiner als richtige Wanzen. Und wann treffen sich die Mafiakreise?“

„Noch heute Nachmittag.“

„Dann solltest du dir mit Globke und dem Staatsanwalt Pofalla die Gespräche zeitgleich anhören. Frau Schröder soll mitschreiben und ein Wortprotokoll anfertigen.“

Zur gleichen Zeit saß Rechtsanwalt Müller-Lüdenscheid II vor seinem Abhörgerät und verfolgte den Dialog des Kanzlers mit seinem persönlichen Referenten.

Denn er hatte zwei Wanzen in die Hosenaufschläge des Referenten stecken können. Dann rief er drei seiner Mitarbeiter zusammen und besprach mit ihnen eine Stunde lang völlig belanglose Themen. Er zeichnete das Gespräch auf. Er würde es am Nachmittag in seinem Büro abspielen lassen, während er mit den Mafiabossen im Keller verhandelte.

Die Mitarbeiter hatten kaum das Lachen unterdrücken können, während sie die Mafiosi nachahmten.

Am späten Nachmittag berichtete der Rechtsanwalt den Mafiabossen über die Absichten des Kanzlers.

Am Abend erstattete Lafontaine dem Kanzler Bericht.

„Ich fasse zusammen: Die haben sich eine Stunde lang über die Abfallverbringungs-verordnung und das Sozialgesetzbuch IV unterhalten. Entweder waren die besoffen oder da will uns jemand verarschen. Hol mir die Aufzeichnung, ich will mir das selbst anhören.“

Nach wenigen Sekunden der Tonaufzeichnung sprang er auf und brüllte:

„Du hast dich verscheißern lassen! Das sind doch nicht die Stimmen von Luciano, Tscherwinski und Tscha Ni Tsing. Idioten, alles muss man selber machen.“

„Sie kennen die Stimmen der drei? So gut?“

„Ach, ja, kennen ist so dahergeredet. Was man so vom Fernsehen kennt. Ich habe mit diesen Leuten nichts zu tun, im Wortsinn nichts. Ich kenne nur die Namen. Die habe ich noch nie gesehen.“

Lafontaine blieb nur, ergeben zu nicken.

Bornheims leben gefährlich

Im Restaurant Zur Tant saßen Inge Bornheim und Herbert Witterschlick und genossen das Dessert aus Crêpes Suzette mit Orangengranité.

„Du bekommst nachher den ausführlichen Bericht darüber, wer die sechs Leute im Hintergrund des Fotos mit der Leiche sind. Die kennst du alle nicht. Deine Vermutung, da könnten sich welche verkleidet haben, stimmt aber voll und ganz. Aber ich kann hier keine Details nennen.“

Er schaute sich vorsichtig um.

„Der Bericht liegt im Kofferraum deines Autos.“

„Du bist ein genialer Detektiv.“

Er wurde verlegen.

Inge bestand darauf, ihn einladen zu wollen, und ließ die Rechnung kommen. In Begleitung des unerschütterlich an seine kulinarische Größe glaubenden und sie wortreich verabschiedenden Küchenchefs verließen sie das Restaurant und marschierten zum Parkplatz. Inge hatte sich bei Herbert untergehakt.

Zu Inges Erstaunen öffnete das Fernsignal ihres Schlüssels nicht die Türen, sondern die Haube des Kofferraumes. Sofort schoss daraus eine Stichflamme.

Herbert riss Inge hinab hinter ein anderes parkendes Auto, als ihr Wagen in Flammen aufging. Nach wenigen Sekunden explodierte das Fahrzeug. Teile flogen durch die Luft, dichter Rauch ließ sie husten und Rinnsale von Treibstoff liefen zu ihnen.

„Weg hier, schnell!“

Sie liefen ins Restaurant zurück, vor dessen Tür der Inhaber und seine Frau mit Tränen in den Augen standen.

„Das ist der Ruin, das ist der Ruin! Zuerst der Stern weg, und jetzt auch noch das.“ Mit seinem österreichischen Akzent klang das aber überhaupt nicht schlimm.

Drei Minuten später erschienen mit Blaulicht zwei Polizeifahrzeuge. Die Polizisten sperrten den Parkplatz mit rotweißem Band ab. Wenig später trafen die Wagen der Kriminalpolizei und der Sondereinheit für Terrorismusbekämpfung ein.

Inge und Herbert machten ihre Aussagen. Der Kriminalkommissar stellte die Fragen und seine bildschöne blonde Assistentin zeichnete die Antworten auf. Inge stellte sich vor, wie sie diesen schlanken, schüchtern wirkenden Kommissar verführen würde. Aber auch seine Assistentin schien ihn anzuhimmeln.

„Kann es sein, dass Sie von Mafiagruppen verfolgt werden? Kann es sein, dass man Sie einschüchtern will?“

Inge war erstaunt über diese Frage.

„Wieso? Ich vertrete als Rechtsanwältin die Interessen des einen Reichen gegen die Interessen eines anderen Reichen. Reine Zivilprozesse. Da gibt es keine Mafia.“

Der Kommissar machte „hm“ und sah betrübt aus. „Vielleicht will man Ihrem Mann drohen. Der ist doch Staatsanwalt.“

„Ich weiß nicht, was für Verfahren mein Mann im Augenblick führt“, log sie. „Aber mit der Mafia hat das nichts zu tun.“

„Tja, hm. Mehr können wir im Moment nicht herausfinden. Was meinen Sie, Frau Kollegin?“

Die schöne Assistentin errötete und stammelte schließlich, dass die Explosion wohl nur eine Warnung gewesen sei. Bei einem richtigen Anschlag wäre der Wagen erst nach Betätigung des Zündschlüssels in die Luft geflogen.

„Ach, das ist ja sehr beruhigend“, sagte Inge. „Erst beim nächsten Mal fliegen mein Mann und ich in Fetzen durch die Gegend. Wenn die Möglichkeit besteht, dass auf uns ein Anschlag verübt wird, müssen Sie eine Sonderkommission einrichten. Haben wir uns verstanden?“

Der Kommissar nickte eingeschüchtert, dachte aber, dass er diese Sonderkommission bei seiner Chefin, der Kölner Polizeipräsidentin, nie durchbringen könnte.

Inge und Herbert warteten vor dem Restaurant auf ein Taxi.

„Verdammt, der Bericht über die Leute auf dem Foto lag ja in dem Kofferraum deines Autos. Dann ist er verbrannt. Wir müssen zuerst in mein Büro fahren, damit ich dir eine neue Kopie machen kann.“

Der Taxifahrer war etwas enttäuscht, dass es nur nach Impekoven und nicht nach Köln ging, freute sich dann aber über das reichliche Trinkgeld, das er von der eleganten Dame, „sicher eine Filmschauspielerin“, erhielt.

Nachdem Witterschlick die Tür seines Hauses in der Pützgasse von innen verriegelt hatte, führte er Inge in sein fensterloses Kellerbüro.

„Es riecht hier immer etwas muffig, ist aber völlig abhörsicher durch die Stahlmatten in den Wänden, Decken und Böden. Da kommt auch keine Panzerfaust durch. Und hier habe ich auch meinen Tresor.“

Er gab seine Signatur in das Bedienfeld ein, die Tresortür öffnete sich. Er zog zwei dünne Mappen heraus.

„Bald werden die auch mein Büro entdecken. Ich muss mir einen neuen Ort für die sichere Aufbewahrung meiner Arbeitsergebnisse suchen, vielleicht einen Bauernhof oder ein altes Industriegebäude.“

„Viel zu einfach. Wie wäre es, wenn du eine Zahnarztpraxis kaufst und da dein Archiv aufbewahrst? Darauf kommt niemand. Wenn die dich beobachten, glauben sie, du gingest zum Zahnarzt.“

„Du bist einfach phantastisch mit deinen Ideen“, schwärmte er.

„Dann sag doch einmal, was du herausgefunden hast.“

Staatsanwalt Karl-Friedrich Bornheim war für zwei Tage nach Wiesbaden gefahren, um dort beim Bundeskriminalamt Informationen über die Hintermänner der Parteispenden zu bekommen. Was er bei den Besprechungen zu hören bekam, waren vage Andeutungen, Ja-Aber-Argumente, Wir-wissen-es-noch-nicht-Aussagen und Wir-warten-auf-weitere-Untersuchungsergebnisse.

Ein Direktor riet ihm, unter vier Augen während der Pinkelpause, er solle sich doch nicht ins Unglück stürzen. Mafia und Politik, das sei doch reiner Selbstmord.

Enttäuscht fuhr KFB, wie er in einschlägigen Kreisen genannt wurde, mit dem Zug zurück nach Köln. Immerhin hatte man ihm einen Agenten zum Schutz seiner Person zugeordnet. Dieser sollte ihn ab heute beschützen.

Ein anderer Mitarbeiter hatte ihm eine dünne Mappe unter seine Aktentasche geschoben und dabei geflüstert: „In Berlin ist etwas im Gange. Rufen Sie mich morgen an.“

Bornheim saß allein im Erste-Klasse-Abteil. Der Zug hatte seine Höchstgeschwindigkeit erreicht. Er öffnete die Aktentasche und nahm den rosafarbenen Aktendeckel des Beamten heraus.

Darin befand sich nur ein Blatt mit zehnziffrigen Zahlen.

Er schüttelte den Kopf, wahrscheinlich verschlüsselte Informationen. Was für eine Geheimniskrämerei! Morgen würde er diesen komischen Vogel anrufen. Er bestellte über das Servicetelefon eine Tasse Kaffee und widmete sich Heinrich Bölls Roman „Gruppenbild mit Dame“.

In Koblenz stiegen wenige Leute in den Wagen der 1. Klasse zu. Eine junge Frau öffnete die Abteiltür und erkundigte sich mit einem bezaubernden Lächeln, ob in diesem Abteil noch etwas frei sei.

Bornheim murmelte „Ja, bitte“ und las weiter. Die Frau nahm direkt ihm gegenüber Platz und stieß mit ihrem Lackschuh gegen seinen rechten Knöchel.

„Oh, ich bitte um Entschuldigung. Hoffentlich habe ich Ihnen nicht wehgetan.“

„Ach nein, es ist nichts passiert.“

Er blickte auf. Donnerwetter, die ist ja eine richtige Schönheit, dachte er.

Sie knöpfte ihren roten Mantel auf, zog ihn aber nicht aus und ließ die Mantelflügel über die Knie gleiten. Sie trug ein sehr kurzes Kleid aus schwarz glänzender Seide. Die Beine waren von hauchzarten Spitzenstrümpfen bedeckt. Das Kleid war von oben bis unten durch Knöpfe verschlossen.

Es irritierte ihn, mit einer derartig attraktiven jungen Frau allein im Abteil zu sitzen.

Sie lächelte ihn an, und er vergaß fast seinen Roman. Doch bald war er wieder in seinen Böll-Roman vertieft.

„Hätten Sie nicht Lust auf ein kleines Abenteuer?“, wollte sie wissen.

Überrascht blickte er auf.

Sie hatte bereits die obersten fünf Knöpfe des Kleides geöffnet. Der nun sichtbare schwarze Büstenhalter bedeckte nur einen kleinen Teil der Brüste.

„Ich weiß, Sie sind mit einer sehr attraktiven Frau verheiratet und sind noch nie fremdgegangen.“

Nun öffnete sie die untersten Knöpfe des Kleides.

Er konnte den sehr knappen schwarzen Schlüpfer sehen.

„Aber Sie sollten doch auch eine kleine Abwechslung schätzen, noch dazu mit einer blühenden jungen Frau.“

Sie steckte die linke Hand in das Höschen und rieb über ihre Scham.

„Gleich werden Sie einen Ständer haben.“

Tatsächlich atmete er heftiger. Sie erhob sich, nahm die Hand aus dem Schlüpfer und drückte ihm Zeige- und Mittelfinger unter die Nase.

„Den Geruch kennen Sie doch, nicht wahr? Doch mein Saft ist jünger und ich bin viel hitziger.“

Sie setzte sich breitbeinig auf seinen Schoß und versuchte, den Schlitz seiner Hose zu öffnen.

Weil sie den Busen fest an sein Gesicht gedrückt hatte, konnte er nur murmeln, er habe kein Interesse.

In diesem Augenblick wurde die Tür des Abteils leise geöffnet und zwei Typen mit Kameras traten geräuschlos ein. Aber die konnte er auch nicht sehen, ihr Busen bedeckte sein Gesicht vollkommen.

„Ah, du bist ja schon steif und bereit, mich zu ficken.“

Er wehrte sich nur symbolisch, als sie den steifen Schwanz ergriff und ihn noch mehr erregte. Sie erhob sich, schob seine Latte an ihre feuchte Grotte und verleibte sie sich ein.

Auch die Frau war nun wollüstig geworden. So ritt sie bis zu ihrem Höhepunkt auf ihm.

Sie gab ihm einen Kuss auf den Mund.

Als sich die Abteiltür öffnete und ein Fahrgast nach Platz in dem Abteil fragte, wurde er von den Kerlen wegkomplimentiert mit dem Argument, hier werde ein Film gedreht.

„So, jetzt haben wir schönes Material über dich. Das wird deine Frau und deine Vorgesetzten interessieren. Du solltest dir deine Flausen mit der Razzia aus dem Kopf schlagen. Das nächste Mal wird es nicht so angenehm für dich sein.“

Während sie ihre Kleidung und die Frisur wieder in Form brachte, hielt ihm einer der beiden Männer eine Pistole unter die Nase.

„Zeig doch mal, was in der Aktentasche ist. Aber dalli!“

KFB musste gehorchen. Die beiden Gangster zeigten der Frau die verschiedenen Schriftstücke.

Meistens nickte sie, die Mehrheit der Papiere ginge in den Besitz des Trios über.

„Wir bedanken uns für Ihre Kooperation. Und denken Sie an meine Warnung.“

Sie schloss die Tür des Abteils.

Er tat sich schwer, sein kaum erschlafftes Glied wieder in die Unterhose zu bugsieren und den Hosenverschluss hochzuziehen. Er war doch recht verwirrt.

Nach zehn Minuten nahm er sein Telefon und rief seine Frau Inge an.

Er schilderte kurz, was passiert war, und bekam zur Antwort: „Na, warte, komm du nach Hause!“

In Witterschlicks Keller erfuhr Inge, wer die sechs Kerle auf dem Foto in der „Berliner Volksstimme“ waren.

„Der Tote ist tatsächlich der italienische Geschäftsmann Sergio Cinquecento. Der besaß ein Imperium von mehreren Hundert ineinanderverschachtelten Unternehmen, hat aber seinen Reichtum hauptsächlich durch den Handel mit militärischen Waffen verdient. Die sechs Typen hinter seiner Leiche sind Mitglieder einer neuen Mafiagruppe aus Albanien. Ich vermute, diese Bande wollte sein Geschäftsfeld, den Weiterverkauf von Armeewaffen an fremde Staaten, übernehmen und er wollte nicht kooperieren. Dass die sich frech fotografieren lassen, sollte wohl als Warnung an andere Mafiagruppen und auch an einflussreiche Politiker zu verstehen sein. Die Namen wollte mir mein albanischer Informant nicht nennen. Das verstehe ich natürlich. Diese albanische Mafiabande soll gut hundert Mitglieder in Südosteuropa haben und sehr brutal agieren. Deren Vorteil ist es, dass kein Geheimdienstler, Kriminalpolizist oder Staatsanwalt Albanisch versteht. Die können schamlos offen miteinander telefonieren. Man könnte den italienischen, russischen und chinesischen Mafiosi einen Tipp geben, wer da ihre Geschäfte zu stören versucht. Vielleicht rotten die sich dann gegenseitig aus.“

Inge meinte, ihr Mann könne den Tipp weitergeben.

„Ich habe aber noch etwas herausgefunden, und das kann für deinen Mann sehr gefährlich werden. Du hast mir auch ein Foto aus der Neuen Revue gegeben, auf dem man Kurt Schläcker, Hartmut Schleich und Jakob Esser vor drei Gangstern sieht. Du errätst nicht, wer die drei sind.“

„Da bin ich sehr gespannt.“

„Die drei sind Mitarbeiter des Mafia-Rechtsanwaltes Müller-Lüdenscheid II. Und der arbeitet mit den Mafiabossen Luigi Luciano, Sergej Tscherwinski und Tscha Ni Tsing zusammen. Das ist doch eine saubere Truppe. Und ein Beispiel für eine gelungene Integration von Ausländern.“

„Kurt Schläcker mit seinem Supermarktkonzern und Jakob Esser, der Bankenpräsident, sind die Garanten für die freiheitlich-demokratische Grundordnung, für sozialen Frieden und soziale Gerechtigkeit, ideologisch gefördert von dem religiösen Fundamentalisten Hartmut Schleich. Amen.“

Beide lachten.

„Du und dein Mann, ihr solltet für jeden von euch einen Leibwächter engagieren, und zwar solche, die mit Mafiakillern umgehen können. Ich mache keinen Scherz. Sobald die führenden Politiker in Berlin grünes Licht gegeben haben, werden euch die Mafiosi verfolgen und umlegen. Das wird spätestens am Freitag, also übermorgen, losgehen. Wenn ihr wollt, kann ich euch zuverlässige Wächter besorgen. Berede das mit deinem Mann und rufe mich noch heute Abend an.“

Inge nickte, schien aber wenig überzeugt.

Am frühen Abend erreichte sie ihr Haus in Köln-Lindenthal.

Ihr Mann war noch nicht da. Während sie überlegte, wie und in welchem Aufzug sie ihn als Domina für sein erotisches Abenteuer bestrafen könnte, wurde unten die Haustür aufgeschlossen. Bald schnarrte die Sprechanlage.

Inge drückte die Verbindungstaste. Sie sah auf dem Monitor ihren Mann mit einem Begleiter.

„Ingelein, öffne bitte. Das Bundeskriminalamt meinte, ich bräuchte einen Leibwächter. Ich denke, Herr Peträus kann in dem Gästezimmer in deinem Büro schlafen. Aber jetzt kommen wir erst einmal nach oben zu dir.“

Inge beglückwünschte sich, sich noch nicht als Domina zurechtgemacht zu haben, und stellte einige Flaschen Bier kühl.

Hauptkommissar Peträus war von Inges Erscheinung geradezu geblendet. Schüchtern prostete er ihr zu.

„Herr Peträus hat mich am Hauptbahnhof abgeholt. Er gehört zu der Sicherungsgruppe in Köln, kennt sich also hier aus. Über das, äh, Ereignis im Zug habe ich dir ja schon am Telefon erzählt.“

In ihren Augen blitzte das „Na, warte, komm du mir ins Bett“ auf. Nach einer Weile sagte sie:

„Ich mache mir Gedanken, weil uns Witterschlick ebenfalls dringend empfohlen hat, einen Leibwächter für jeden von uns zu engagieren.“

Mehr wollte sie in Gegenwart eines Dritten nicht verraten.

Sie tranken noch etwas Bier. Inge machte das Gästezimmer in der ersten Etage bereit. Denn der Polizist wollte früh schlafen gehen, um „morgen fit zu sein“.

Als Christian Demus, Inges junger Assistent, am nächsten Morgen die Praxis seiner Chefin aufschloss, hörte er im Gästezimmer Musik und die Stimme eines mitsingenden Mannes: „Du bist so schön, so schön. Dein Anblick lässt mich erstarren …“

Empört über einen Nebenbuhler wollte er den Kerl zur Rede stellen, als die Flurtür der Praxis geöffnet wurde und Inge eintrat.

Sie war noch in ihrem Nachtgewand und trug darüber einen halb durchsichtigen rosa Mantel.

„Ich wollte Sie nur kurz unterrichten, dass wir für die nächste Zeit einen Gast zu unserem Schutz beherbergen. Herr Peträus ist vom BKA. Vertragen Sie sich gut mit ihm.“

Demus schluckte und stotterte „ja sicher“. Dann war sie wieder weg.

Sie hätte ihm die Nachricht auch über das Telefon mitteilen können. Aber sie genoss solche Auftritte, bei denen sie ihn in Verwirrung stürzen konnte. Auch den Polizisten hätte sie sicher beeindruckt.

In ihrem Ankleidezimmer suchte sie ein elegantes schwarzes Kostüm aus, für ihren Termin mit dem „sogenannten Fürsten“ Dietrich zu Hohenlohe in Bad Neuenahr. Sie konnte sich Zeit lassen, denn das Treffen sollte um zwölf Uhr im Spitzenrestaurant „Steinheuer“ stattfinden, und die Fahrzeit betrug nur eine Stunde.

Während sie Kaffee trank und ihr karges Frühstück, bestehend aus einer Kiwi und einer Scheibe Schwarzbrot ohne Butter, verzehrte, überflog sie noch einmal die Akte „Hohenlohe gegen Schläcker“.

„Was ist das nur für ein Prolet, dieser Schläcker!“

Aber auch Hohenlohe mochte sie nicht.

„Ein eitler Fatzke mit gegeltem Haar, sehr von sich und der Bedeutung seiner Adelsclique überzeugt. Der hat doch von nix Ahnung, aber kann andere prima blenden.“

Immerhin konnte sie ihn durch ihre laszive Eleganz lenken und leiten. Praktisch fraß er ihr aus der Hand. Der Fall würde ihr weitere wertvolle Informationen über Schläcker vermitteln. Zum Beispiel hatte Demus herausgefunden, dass Schläcker auch im Aufsichtsrat der Maschinenbaufirma des Hans-Olav Hundt saß und der Schwiegervater von Jakob Esser, dem Bankenpräsidenten, war.

Ein guter Mann, dieser Demus!

Wahrscheinlich würde sie ihn doch einmal „ranlassen“ müssen, um ihn als Mitarbeiter zu halten.

Einerseits kotzten sie diese Cliquen von halb- und vollkriminellen Reichen an. Anderseits verdiente sie auch gut an denen, überwiegend an deren privaten Fehden und öffentlichen Beleidigungen.

„Wenn schon die Politik nichts umverteilen will, sorge ich eben dafür, dass das Geld, das sie mir als Honorar zahlen, wieder da hingeht, wo es herkommt, zu den kleinen Leuten, die mit ihrer Arbeit die Grundlagen des Reichtums der oberen zehn Prozent geschaffen haben.“

Eines Tages würde sie ihr gesamtes Vermögen der Arbeiterbewegung vermachen. Wer aber diese Arbeiterbewegung sein würde, konnte sie nicht sagen. Aber der Tag ihres Ruhestandes lag noch weit vor ihr.

Sie rief Herbert Witterschlick an und berichtete ihm von dem Leibwächter für ihren Mann. Da er darauf bestand, sie müsste auch für sich selbst einen Beschützer engagieren, willigte sie ein.

Eine Stunde später stand Herbert mit einem unauffälligen jungen Mann vor der Haustür.

„Aha, das also ist mein Wachhund“, sagte sie, die Bürotür weit öffnend.

Herbert stellte ihn als Vaclav Neumann vor. Er habe eine vorzügliche Ausbildung bei der Kripo in Frankfurt gehabt und sei jetzt als Bodyguard für Prominente tätig.

„Nehmt euch einen Kaffee. Ich muss mich noch ein wenig zurechtmachen. Dann kann Herr Neumann mit mir nach Bad Neuenahr fahren. Also, bis gleich.“

Währenddessen war Karl-Friedrich Bornheim in Begleitung von Kommissar Peträus in sein Büro in der Staatsanwaltschaft gefahren. Für seinen Flug nach Berlin um halb fünf musste noch ein Platz für seinen Wächter reserviert werden, ebenso ein Hotelzimmer. Nach fünf Minuten steckte ihm die Sekretärin einen Zettel zu. „Alles klar.“

Als die beiden in Berlin das Gepäck in Empfang nahmen, stand in der Nähe ein Mann mit Sonnenbrille und sprach in sein Mobiltelefon.