Die drei !!!, 80, Ein echt schöner Fall (drei Ausrufezeichen) - Kari Erlhoff - E-Book
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Die drei !!!, 80, Ein echt schöner Fall (drei Ausrufezeichen) E-Book

Kari Erlhoff

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Beschreibung

Kim, Franzi und Marie sind "Die drei !!!". Mutig und clever ermitteln die drei Detektivinnen und sind jedem Fall gewachsen. Bei den Proben zu ihrem neuen Theaterstück wird die Schauspielerin Michelle Opfer gemeiner Angriffe. Ist Michelles Übergewicht der Grund dafür? Die drei !!! ermitteln und stoßen auf jede Menge Vorurteile.

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Ein echt schöner Fall

Kari Erlhoff

KOSMOS

Umschlagillustration von Ina Biber, Gilching

Umschlaggestaltung von Sabine Reddig

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© 2020, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-440-50315-7

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Wie verzaubert

»Das ist ja wie im Märchen!« Marie Grevenbroich blieb beeindruckt stehen. Goldene Lichtpunkte tanzten auf dem See. Elfen reckten ihre Arme. Bunte Zaubervögel stiegen in die Luft. Die Blätter der Pappeln und Birken am Ufer raschelten. Es klang, als würden sie applaudieren. Dahinter rauschte der dunkle Wald aus Fichten, Kiefern und uralten Laubbäumen. »Das ist …«, setzte Marie an, doch weiter kam sie nicht.

»Vorsicht!«, hörte sie die Stimme von Franzi.

Jemand packte sie und riss sie zurück. Da stürzte auch schon ein Stapel aus Kartons hinab – genau auf die Stelle, wo sie eben noch gestanden hatte.

»Das war knapp«, zischte Kim.

Ein Junge beugte sich vor und blickte Marie direkt ins Gesicht. »Ich dachte, du gehst zur Seite! Hast du geträumt?«

»Ich fürchte, ja.« Marie brachte ein mattes Lächeln zustande.

Der Junge lächelte zurück. Er sah umwerfend aus. Blonde Strähnen fielen ihm in das schmale Gesicht. Seine Haut war von der Sommersonne tief gebräunt und seine Augen waren so grün wie der See. Der Junge gefiel Marie, aber richtiges Bauchkribbeln bekam sie nicht. Schließlich lief es mit Holger gerade perfekt. Allein wenn sie an ihn dachte, war sie glücklich. Sie hatte den besten Freund der Welt.

Der gut aussehende Junge deutete ihren Blick anscheinend falsch. Er zwinkerte ihr zu. Eindeutig ein Flirtversuch. Seine Kartons hatte er komplett vergessen. Dabei war einer von ihnen sogar aufgeplatzt. Jetzt deutete er auf das gelbe Armband an Maries Handgelenk. Darauf stand in schwarzen Buchstaben Festival-Crew. »Bist du eine von den Akrobatinnen oder eine Sängerin?«

»Weder noch«, erklärte Marie. »Ich bin Schauspielerin. Bei dem Theaterstück ist eine Rolle frei geworden und ich springe ein.«

»Wir nicht«, mischte sich Franzi ein. Sie hob die aufgeplatzte Kiste hoch. Ein Banner aus Stoff hing heraus. »So wie es aussieht, hilfst du hier beim Festival aus.«

»Ich bin Musiker.« Der Junge straffte die Schultern. »Meine Band tritt hier auf. Wir sind ziemlich erfolgreich. Aber nebenbei packe ich ein bisschen mit an. Mein Vater organisiert das alles hier.«

»Schön, dass du dich heute noch blicken lässt!« Eine Frau von der Festival-Crew trat auf den Jungen zu. »Hast du die Flaggen dabei?«

»Die erste Fuhre. Mein Bruder hat mich gerade hergebracht.«

»Und wo sind deine Band-Kollegen? Die wollten doch auch helfen?«

»Ihr Bus hat Verspätung.«

Die Frau seufzte und stapfte wortlos davon.

»Sorry«, meinte der Junge. »Wir haben alle einen straffen Zeitplan. Für all die unterschiedlichen Proben muss total viel aufgebaut werden.«

»Kein Problem«, sagte Marie. »Aber vielleicht kannst du uns noch kurz sagen, wo die Uferbühne ist.«

»Aber gerne doch.« Der Junge lächelte Marie noch immer an, als wäre sie ein Hauptpreis, den er soeben gewonnen hatte. »Ihr geht erst dort am Beach Club und den Holzbuden vorbei und biegt dann vor der Liegewiese rechts ab.«

»Danke.« Marie setzte sich in Bewegung. »Wir müssen dann auch los.«

»Wir sehen uns hier bestimmt öfter!«, rief ihr der Junge hinterher. »Ich bin Fabian, von FDH! Der coolsten Band unter der Sonne!«

»Hoffentlich nicht«, murmelte Franzi im Gehen. Sie unterdrückte ein Kichern. Als sie außer Hörweite waren, prustete sie los. »Was für ein Angeber. Ich glaube, der ist der Vorsitzende in seinem eigenen Fanclub.«

»So schlimm war er nun auch wieder nicht.« Marie schaute sich im Gehen um. Das Gelände am Badesee war kaum wiederzuerkennen. Rund um die Wiese und den halben See war ein hoher Zaun errichtet worden, der bis zum Wasser reichte. Wo sonst Leute auf Handtüchern in der Sonne lagen, standen nun bunte Buden aus Holz und Zelte aus hellem Leinen. Am Ufer hatten die Veranstalter weißen Sand aufgeschüttet und auf dem See trieb eine schwimmende Bühne in der Form eines riesigen Seerosenblattes. Die Akrobaten in Elfenkostümen übten dort noch immer ihren Tanz. Obwohl sich alles noch mitten im Aufbau befand, sah es jetzt schon großartig aus. Außerdem war das Wetter geradezu perfekt für ein Spätsommer-Festival. Der August verabschiedete sich mit warmen Temperaturen und einem wolkenlosen Himmel.

Marie musste bei dem Anblick wieder an die Karte denken, die sie am Morgen gezogen hatte. Sie begann den Tag gerne mit einem kleinen Orakel. Heute hatte sie dafür ihr Lenormand-Deck aus dem Schrank geholt. Die Wahrsagekarten hatten ihr eine düstere Prognose beschert: »Die Wolken«. Diese Karte war ein Vorbote für Unheil. Sie kündigte Sorgen und Krisen an. Bislang war der Tag jedoch ausgesprochen schön gewesen. Marie fühlte sich leicht ums Herz. Es war dieses unbeschreibliche Sommerferiengefühl, das einen beinahe schweben ließ.

Die drei !!! hatten die schulfreien Wochen gut genutzt. Sie waren mit ihren Freunden im Schwimmbad gewesen, hatten im Obstgarten der Winklers übernachtet, Ausflüge gemacht und nicht zuletzt sogar einen aufregenden Kriminalfall in Österreich gelöst. Es gab nur eine Sache, die einen dunklen Schatten auf den Sommer warf: Franzis Freund Blake hatte sein Auslandsjahr in Amerika begonnen. Ein Jahr lang würde er in Kalifornien leben. Der Abschied war für Blake und Franzi unfassbar schwer gewesen. Seitdem schien ein Teil von Franzi zu fehlen. So, als wäre ihr Herz einfach mit in den Flieger gestiegen. Wenn Marie und Kim mit ihr darüber reden wollten, blockte sie jedoch ab. Während Marie noch darüber nachdachte, erreichten sie einen dichten Schilfgürtel. Dahinter befand sich eine Bühne, die wie ein breiter Steg auf Stelzen gebaut war. Der vordere Teil stand auf dem Strand, der hintere ragte in den See hinein. Mehrere Jugendliche hatten sich vor der Bühne versammelt und redeten munter durcheinander.

»Wie heißen die jetzt noch mal?«, flüsterte Franzi ihren Freundinnen zu.

Kim zog eine Augenbraue hoch. »Marie hat uns doch die Broschüre gegeben. Hast du die nicht gelesen?«

Franzi sah zerknirscht aus. Sie fasste an die Kette, an der sie den kaputten Freundschaftsring von Blake trug. »Ich habe gestern die halbe Nacht mit Blake gechattet. Wegen der Zeitverschiebung geht das nicht anders. Und heute Morgen war ich dann so schrecklich müde. Tut mir leid.«

Marie verzog den Mund. »Wir hätten das auch auf der Hinfahrt klären können.«

»Schon gut«, sagte Kim verständnisvoll. »Im Schnelldurchlauf: Das Theaterstück wird von der Initiative #echtschön! inszeniert. Die haben auf dem Festival auch einen Stand und informieren über Body-Shaming.«

»Das ist, wenn jemand wegen einer krummen Nase oder einem dicken Bauch fertiggemacht wird, oder?«, sagte Franzi. »Also Terror, weil jemand irgendein Schönheitsideal nicht erfüllt.«

»Richtig.« Kim nickte ungeduldig. »Marie kennt eine Schauspielerin, die sich für die Initiative einsetzt und sogar mitspielt.«

Franzi winkte ab. »Das weiß ich sogar. Aber danke!«

»Marie!« In diesem Augenblick kam ihnen eine junge Frau entgegen. Im Gehen zog sie die Blicke der Menschen auf sich wie ein Magnet. Der Grund dafür war offensichtlich. Es lag an der perfekten Kombination aus ihrem hübschen Gesicht, den hüftlangen blonden Haaren und der Art, wie sie sich bewegte. Und sicherlich trug auch ihre Berühmtheit dazu bei. Dass sie keine Modelmaße hatte, machte ihren Auftritt nicht weniger spektakulär.

»Sie ist tatsächlich so schön wie im Fernsehen!«, flüsterte Franzi – anscheinend nicht leise genug.

Die junge Frau sah Franzi an und lächelte. »Danke.«

»Darf ich vorstellen?« Marie deutete auf ihre Freundinnen. »Franziska Winkler und Kim Jülich. Sie werden uns unterstützen. Egal ob Requisite oder Bühnenbild, die beiden sind zur Stelle und haben auch schon Erfahrung. Außerdem schreibt Kim einen ausführlichen Artikel für die Herbstausgabe ihrer Schülerzeitung über das Spätsommer-Festival an diesem Wochenende.«

»Klasse!« Die junge Frau wollte sich ebenfalls vorstellen, aber Marie kam ihr zuvor.

»Das ist Michelle Heckenbusch! Sie ist seit zwei Jahren im Cast der Stammbesetzung der Vorstadtklinik. Ihr Großvater war auch ein berühmter Schauspieler und hat früher mit meinem Papa zusammengearbeitet. Er hat ihm total viel beigebracht. Und Michelle ist mindestens so begabt wie ihr Großvater.«

Kim lachte und wandte sich an Michelle. »Das wissen wir doch! Sie haben im Frühling den Fernsehpreis als beste Nachwuchsschauspielerin erhalten.«

»Ja, das stimmt. Auch, wenn ich es manchmal kaum glauben kann. Aber jetzt nutze ich meinen Erfolg für die Initiative #echtschön! und deren Theaterstück«, erklärte Michelle Heckenbusch. »Bevor ich im Fernsehen aufgetreten bin, war ich nämlich als Michelle, die fette Hecke, bekannt.«

Die Mädchen sahen sie ungläubig an. Die Schauspielerin zuckte mit den Achseln. »Ungelogen. So war es. Manche Mitschüler waren nicht unbedingt sensibel, wenn es um mein Gewicht ging. Ich könnte euch da ein paar Geschichten erzählen … aber wir müssen gleich anfangen. Sobald die Regisseurin da ist, geht es los.«

Kim deutete auf ihre Kamera. »Darf ich während der Proben auch Fotos von Ihnen machen? Sie sind für die Schülerzeitung.«

»Klar. Und bitte nennt mich Michelle. Hier beim Theater duzen wir uns alle.« Michelle sah auf ihre Armbanduhr. »Schon so spät! Ich hoffe, Amanda ist nichts passiert.«

»Amanda Berg ist eine berühmte Regisseurin«, erklärte Marie, während Michelle zum Handy griff und eine Nummer eintippte. »Ich kann es kaum erwarten, mit ihr zu arbeiten!«

Marie träumte davon, später Schauspielerin zu werden, vielleicht auch Sängerin. Ihr Vater unterstützte ihre Träume – allerdings, ohne Marie zu sehr zu drängen. Dass sie mit Amanda Berg arbeiten würde, fand er großartig. Er hatte sich extra die Zeit genommen, mit Marie den Text zu proben.

»Sie geht nicht ans Telefon!« Michelle blickte ratlos auf das Handy. »So ein Ärger! Unsere Aufführung steht nicht gerade unter einem guten Stern. Krankheitsfälle, Verzögerungen, eine unfertige Bühne und jetzt auch noch das! Ohne Amanda können wir nicht anfangen! Es ist wie verflucht!«

Marie schluckte. Aberglaube gehörte in der Theaterwelt beinahe zum Alltag. Da kam es schon mal vor, dass erwachsene Schauspieler für einen guten Auftritt auf die Bühne spuckten oder Glücksbringer bei sich trugen. Außerdem brachte Pfeifen im Theater Unglück, genauso wie das Wort »Macbeth«, das man auf keinen Fall aussprechen durfte. Dabei handelte es sich um ein angeblich verfluchtes Theaterstück. Kim und Franzi waren nicht abergläubisch, aber Marie interessierte sich für übernatürliche Phänomene. Sofort musste sie wieder an die Karte denken. »Die Wolken.« Gab es doch noch ein Unheil? Sie würde Michelle besser nichts davon erzählen. Sonst machte sich die Schauspielerin noch mehr Sorgen. Marie wusste, dass sie jeden Tag ihr Horoskop las und in ihrer Freizeit ein Glücksamulett trug.

Michelle Heckenbusch holte tief Luft und strich sich energisch die langen Haare aus der Stirn. »Hoffen wir, dass alles gut geht. Ich stelle euch jetzt das Team vor. Kommt!«

Gemeinsam mit Michelle traten die drei !!! zu den Jugendlichen, die schon bei der Bühne warteten. Marie schaute sich um. Zwei junge Frauen von der Initiative #echtschön! waren vor Ort. Die anderen, mehrere Mädchen und zwei Jungen, waren alle in Maries Alter. Ein kräftig gebautes Mädchen trug bereits ihr Kostüm: ein langes blaues Kleid und eine goldene Krone. Marie lächelte ihr zu, doch der Blick, den sie erntete, war vernichtend. Fast wäre Marie einen Schritt zurückgetreten. Damit hatte sie nicht gerechnet. Wenigstens lächelte der Junge daneben freundlich. Er hielt seine Krone in der Hand.

»Hallo, ich bin Luke!«

»Wie schön, wir haben eine neue Hexe«, sagte das Mädchen im Kostüm mit unverhüllter Ironie in der Stimme. »Und die Jungs kriegen sich vor Begeisterung nicht mehr ein.«

»Seehexe, wenn ich bitten darf«, antwortete Marie ungerührt. »So viel Zeit muss sein. Ich nehme an, du bist die Prinzessin, die ich verwandeln darf?«

»Sehr richtig.« Das Mädchen stand auf und verbeugte sich. »Ich bin Prinzessin Bellindra. Fett und hässlich und noch dazu unglücklich verliebt – in einen Prinzen, der meine Stimme liebt, aber nicht wissen darf, wie ich in Wirklichkeit aussehe. Und du, Barbie, bist die fiese Hexe, die daraus Profit schlägt.«

»Solveig!«, sagte Michelle streng.

»Das ist ja fast wie bei dem Märchen von der kleinen Meerjungfrau!«, rief Franzi.

Luke lachte. »Das ist die kleine Meerjungfrau. Nur etwas umgeschrieben. Jetzt ist es nämlich ein Stück gegen Body-Shaming. Meine Klasse hat damit den ersten Preis beim #echtschön!-Schreibwettbewerb gewonnen.«

»Endlich! Amanda ist da«, unterbrach Michelle das Gespräch.

Alle drehten sich in die Richtung, aus der nun ein atemloses »Hallo!« ertönte. Eine Frau kam mit eiligen Schritten näher. Sie war Mitte fünfzig und wog vermutlich weit über hundert Kilo. Marie wusste, dass einige Menschen Amanda Berg falsch einschätzten. Sie sahen nur das immense Übergewicht und zogen sofort falsche Schlüsse. Als Regisseurin wurde sie jedoch als Star gefeiert: witzig, klug, ein wahres Energiebündel und noch dazu ein Ausnahmetalent. Dass sie bei einem Theaterstück von Schülern mitmachte, lag nur daran, dass sie sich ebenfalls mit vollem Herzen für die Initiative #echtschön! einsetzte.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Michelle, als Amanda die Gruppe erreicht hatte.

»Ja«, meinte Amanda. »Ich habe mich nur so beeilt. Stell dir vor, der Gurt im Taxi war zu kurz. Das passiert mir in der letzten Zeit dauernd. Und ohne Gurt kein Transport. Ich musste den Bus nehmen.«

Solveig hatte sich neben Marie gestellt. »Guck nicht so betroffen, Barbie.«

Langsam drehte sich Marie um. »Entschuldige bitte. Ich habe leider nur diesen einen Gesichtsausdruck.«

Kurz darauf konnten sie endlich mit den Proben anfangen. Die Bühne war noch nicht ganz fertig, durfte aber schon genutzt werden. In der Mitte befand sich ein Ruderboot, das die Schüler mit Goldfarbe angemalt hatten. An der Seite stand ein Stuhl, der wie ein Thron aussah. Darauf nahm Michelle Platz. Sie war die Märchenerzählerin, die sich zwischen den Szenen ans Publikum wandte.

Marie entspannte sich mit jeder Minute, die sie auf der Bühne stand. Jetzt war sie endlich in ihrem Element. Die Rolle der bösen Seehexe war eine Herausforderung, aber sie machte auch Spaß. Noch dazu war der Ort einfach herrlich. Das Schilf raschelte leise im Sommerwind. Die Klänge einer Gitarre wehten über das Wasser zu ihnen herüber und jemand hatte einen Grill aufgestellt.

»Du wirst das schönste Mädchen auf Erden sein!«, verkündete sie. »Doch deine Kehle soll keinen Ton hervorbringen. Denn deine Stimme ist nun mein.« Sie sah Solveig durchdringend an.

Die senkte ihren Kopf. »Ich tue alles, um die Liebe meines Prinzen zu gewinnen!«

»Wunderbar!«, rief Amanda von ihrem Regiestuhl aus. »Die Verwandlung machen wir später, wenn wir die Requisiten dafür haben.«

Michelle blickte erneut auf die Uhr. »Die Rauchkapseln sind leider nass geworden, aber mein Agent ist zum Theaterbedarf gefahren. Er müsste längst zurück sein!«

»Kein Problem.« Amanda deutete auf Luke. »Wir wollten ja auch noch die Szene mit dem Prinzen und dem Boot proben. Die ziehen wir einfach vor.«

Die Schauspieler nahmen ihre Positionen ein. Zwei Helferinnen hielten ein langes blaues Tuch hoch. Das sollte das Wasser sein, in dem der Prinz beinahe ertrank. Luke setzte sich schwungvoll in Bewegung.

»Achtung, denk daran, dass …«, fing Michelle an, doch im selben Augenblick geriet Luke ins Rutschen.

Wie auf einer Eisbahn glitt er vorwärts. Er schrie auf, ruderte mit den Armen und stürzte von der Bühne in den See.

Ein übler Scherz?

Marie und Solveig kamen beide gleichzeitig bei Luke an.

»Gib mir deine Hand!«, forderte Solveig ihn auf.

Luke spuckte Wasser. Er wirkte benommen, aber der See war an dieser Stelle nicht tief. Luke würde nicht ertrinken. Dafür ragten hier in Ufernähe mehrere Steine aus dem Wasser. Der Sturz war sicherlich schmerzhaft gewesen. Marie tat ihr Bestes, um Solveig bei der Rettungsaktion zu unterstützen. »Wir ziehen dich raus!«

Endlich packte Luke die Hände, die ihm entgegengestreckt wurden. Mit einem Ruck landete er wieder auf der Bühne.

»Wie konnte das passieren?«, keuchte Solveig.

Franzi und Kim waren inzwischen auch auf die Bühne geklettert.

»Ich glaube, ich habe die Ursache gefunden.« Kim kniete sich neben einen weißen Haufen, der auf dem Holz lag. Er war zertreten und hinterließ eine glänzende Spur.

»Was ist das?« Franzi bückte sich. »Das sieht ja widerlich aus!«

»Ich würde sagen, das ist Bratenfett. Gehört das auch zu den Requisiten?«, fragte Kim.

»Nein«, antwortete Luke. Er hatte die Arme um den Körper geschlungen. Wasser tropfte aus seinen Haaren und seiner Kleidung. »Das gehört nicht zu uns.«

»Hast du es denn nicht gesehen?«, wollte Franzi wissen.

Luke lächelte verlegen. »Ich bin kurzsichtig. Ziemlich stark sogar. Und ich komme mit Kontaktlinsen nicht zurecht. Aber als Prinz kann ich schlecht eine Brille tragen.«

»Warum denn nicht? Du solltest sie aufsetzen. So wie bei den anderen Proben auch«, empfahl Solveig. »Hast du dich verletzt?«

»Mein Knie«, stöhnte Luke. »Ich habe es an einem Stein aufgeschlagen.«

»Leute, wir ziehen die Pause vor!«, rief Amanda.

Luke setzte sich an den Bühnenrand und krempelte die Hose hoch. Solveig stellte ihren Rucksack neben Luke ab. Marie betrachtete das grün gemusterte Outdoor-Modell mit einer hochgezogenen Augenbraue. Solveig hatte mit schwarzem Marker wütende Songtexte auf den Rucksack gekritzelt. Das ergab einen seltsamen Kontrast zu dem Plüsch-Herz, das am Reißverschluss baumelte.

»Zieh Leine, Barbie. Ich habe Pflaster dabei.« Solveig schob Marie unsanft zur Seite und kniete sich vor Luke. Marie verzichtete auf einen Kommentar und lief lieber zu ihren Freundinnen.

Kim hatte in der Zwischenzeit Fotos von dem Fetthaufen gemacht und war nun dabei, ihn in eine Plastiktüte zu packen. »Wer legt bitte schön Fett auf eine Bühne?«

»Künstler?«, vermutete Marie und grinste.

»Für mich wirkt das wie ein übler Scherz«, sagte Franzi. »Jemand will sich über die Schauspieler oder die Initiative lustig machen.«

Marie seufzte. »Das wäre ein ziemlich geschmackloser Scherz.«

»Es könnte aber auch Sabotage sein.« Kim machte einen Knoten in die Tüte. »Jemand hat das Fett so positioniert, dass es kaum weiter auffällt. Und zwar ganz nah am Bühnenrand. Das Geländer ist noch nicht aufgebaut. Die Chancen standen gut, dass jemand ausrutschen und in den See fallen würde. Und wer weiß: Vielleicht hat der Saboteur auch die Rauchkapseln nass gemacht.«

»Warum sollte jemand dieses Theaterstück sabotieren?«, gab Franzi zurück. »Es ist ein tolles Projekt. Außerdem konnte doch kein Saboteur schnell mal eben den Gurt des Taxis kürzen oder dafür sorgen, dass Schauspieler krank werden.«

»Das klingt wirklich eher nach einem Theaterfluch«, sagte Marie leise.

Michelle dachte anscheinend dasselbe. Sie ging unruhig auf und ab und wirkte, als habe sie gerade einen Geist gesehen. Ein braun gebrannter Mann mit modischer Kurzhaarfrisur und einem frisch gebügelten Oberhemd trat zu ihr. In der Hand hielt er eine große Papiertüte, die er Michelle überreichte. Sie lächelte ihn dankbar an.

»Wer ist das denn?«, fragte Franzi misstrauisch.

»Das wird Michelles Agent sein«, vermutete Kim. »Der sollte doch neue Rauchkapseln besorgen.«

Mit dieser Vermutung lag Kim völlig richtig. Kurz darauf stellte ihnen Michelle den Agenten vor. »Frank Janusz vermittelt mir Filmprojekte und wickelt meine Verträge ab. Außerdem ist er seit fast zwei Jahren der Lebensgefährte meiner Mutter.«