DIE DUNKLE SEITE DER ERDE - Achim Stößer - E-Book

DIE DUNKLE SEITE DER ERDE E-Book

Achim Stösser

0,0
6,49 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Die dunkle Seite der Erde« reicht um den gesamten Planeten und darüber hinaus. Diese Sammlung bietet einen kritischen Blick auf die grotesken Verstrickungen von Glaube und Gesellschaft, die Widersprüche zwischen Wahn und Wirklichkeit, und lädt dazu ein, über den Kollektentellerrand hinauszuschauen. Über zwei Dutzend religionskritische Science-Fiction-Kurzgeschichten, darunter elf Erstveröffentlichungen, beleuchten die tiefgreifenden Auswirkungen der Religion auf die Welt und erforschen die dunkelsten und schmutzigsten Aspekte des Glaubens: vom Zeitreisenden, der im Dreißigjährigen Krieg strandet, und Selbstmordattentaten über Aliens, die die Erdlinge religionstypisch durch Gehirnwäsche oder physische Gewalt bekehren wollen, und Menschen, die ihnen darin in nichts nachstehen, bis zu subtiler Manipulation sämtlicher Bereiche der Gesellschaft durch metaphorische wie reale Parasiten im Gehirn. Ohne den fatalen Einfluss der gefährlichsten aller Psychosen wären diese Geschichten niemals entstanden. Sie zeichnen, teils ernst, teils geprägt von schwarzem Humor, ohne den Religion unerträglich wäre, ein Bild menschlichen (und nichtmenschlichen) Leidens, aber auch von Heilung, Widerstand und Hoffnung auf eine bessere Zukunft – frei von Gotteswahn. »Die Dialoge sind pointiert und das Universum, das Achim Stößer entwickelt, vielschichtig. Immer wieder finden sich kleine Hinweise wie auch Seitenhiebe auf bekannte Ereignisse. (…) Am Ende wünscht sich der Leser, diesen stoischen Pater auf seiner nächsten Mission nach Phobos begleiten zu können.« [Thomas Harbach über »Pater Anselms Marsmission«] »Eine Kurzgeschichte als Episodenguide ihrer selbst mit integriertem Trivia-Quiz und eigener Plothole-Liste zu schreiben, offenbart Genialität – und Stößers tiefe Abneigung gegen Theismus (…) mit exponentiell ansteigender Respektlosigkeit.« [Thorsten Küper über »Bethlehem«] Titelbild von Klaus Brandt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Achim Stößer

Die dunkle Seite der Erde

Blasphemische Science-Fiction-Geschichten

AndroSF 205

Achim Stößer

DIE DUNKLE SEITE DER ERDE

Blasphemische Science-Fiction-Geschichten

AndroSF 205

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: August 2024

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Klaus Brandt

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 403 8

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 722 9

Vorwort

Natürlich hat Religion nicht nur Schattenseiten. Unbestreitbar verdanken wir dem Theismus zahllose Massenmorde und andere Verbrechen: Alle historischen und aktuellen Religionskriege, Kreuzzüge, Dschihad, Bomben in Belfast wegen des blutigen Bürgerkriegs zwischen Katholiken und Protestanten, 9/11 und andere Selbstmordattentate, Ku-Klux-Klan, Taliban, Hamas, Hisbollah, Da‘esh; Indoktrination von Kindern in der Schule, Conquista, Tendenzschutz, Lord’s Resistance Army, Reichskonkordat, tödliche Fatwas, allgegenwärtige gewaltverherrlichende Splatterskulpturen, Inquisition, Gott in der Präambel des Grundgesetzes und auf Wehrmachtskoppelschlössern, Waffensegnungen; biblische, »göttliche« Gesetze, die laut Neuem Testament vom namensgebenden Halbgott des Christentums bestätigt wurden: Gebote, homosexuelle Männer, »Hexen«, ungehorsame Söhne, Anhänger anderer Götter, nichtmenschliche Tiere und viele andere zu ermorden (auch wenn die Gläubigen inzwischen mit schwindender Hegemonie hier und da an der Erfüllung mancher dieser Gottesgebote gehindert werden). Natürlich gibt es für einige dieser Verbrechen auch noch andere Ursachen, so wie auch Nichtraucher an Lungenkrebs erkranken können, Bergleute zum Beispiel, aber dass Rauchen die Hauptursache für Lungenkrebs ist, wird allenfalls von der Tabaklobby bestritten.

Religion hat aber auch Vorteile: Für Flüchtlinge zum Beispiel (durch die christliche »Rattenlinie«, mit der hochrangige Nazi-Kriegsverbrecher und andere ehemalige Nationalsozialisten in Sicherheit gebracht wurden); für Folterknechte durch die Erfindung von Foltermethoden, auf die kaum ein geistig gesunder Mensch käme; für Pädosexuelle, denen sie das Leben enorm erleichtert, beispielsweise im Christentum durch Höllendrohungen, um die Opfer zum Schweigen zu bringen, und eine institutionalisierte Vertuschungskultur, im Islam durch das Vorbild des Propheten, der die sechsjährige Aischa heiratete, auch wenn er die Ehe nach gängiger Glaubenslehre erst vollzog, als sie neun Jahre alt war, im Buddhismus durch die Anleitung, kleine Kinder vor dem Geschlechtsverkehr mit Honig oder Süßigkeiten, etwas ältere mit Wein gefügig zu machen; für Diktatoren wie Hitler oder Pinochet durch die Unterstützung vor allem der katholischen Kirche oder des Apartheidregimes in Südafrika durch die niederländisch-reformierte Kirche und andere christliche Sekten. Mit anderen Worten: Was die zwei Seiten angeht, die schlechte und die gute, ist Religion keine Medaille, sondern ein Möbiusband. Darüber hinaus treffen gerade gegenseitige religiöse Morde oft nicht die Falschen, auch wenn es Kollateralschäden wie unschuldige Kinder und Atheisten gibt.

Vor allem aber verdanken wir der Religion großartige Kunst: Ohne sie gäbe es weder John Lennons »Imagine« noch Hieronymus Boschs »Garten der Lüste«, weder Monthy Pythons »The Life of Brian« noch Walter M. Millers »A Canticle for Leibowitz«, ganz zu schweigen von vielen Mohammed-Karikaturen.

Auch die vorliegende Sammlung von gut zwei Dutzend teils ernsten, teils humorvollen religionskritischen Science-Fiction-Kurzgeschichten (und einer Ballade) aus den letzten drei Dekaden, darunter elf Erstveröffentlichungen, wäre ohne religiösen Wahn und den fatalen Einfluss der Religion auf die Gesellschaft niemals entstanden.

Es mag sein, dass ein solches Vorwort manche davon abhält, dieses Buch zu lesen, zumal Realitätsverweigerung auch und gerade der Religion immanent ist. Aber Vorworte liest vermutlich ohnehin kaum jemand.

Yäbusru sei Dank

Wie Wasserleichen, denen Faulgase Auftrieb verliehen, tauchten die Schlachtschiffe über der Nachtseite der Erde auf, als durch die Tachyonenkondensation Partikel mit reeller Masse das instabile Vakuum füllten.

Junnifer fixierte mit aufgerissenen Augen durch eines der Bullaugen das ungewöhnliche Phänomen innerhalb der Mondumlaufbahn. Dort, wo von der Station aus nichts als winzige bunte Lichtpünktchen ferner Sonnen umgeben von dem Schwarz, das sie noch schwärzer scheinen ließen, hätte zu sehen sein sollen, waberten purpurne Lichtschlieren. Der Station – einer der Stationen des Beschleunigerrings, der wie eine schnurlose Perlenkette die Erde in einem erdfernen Orbit umspannte –, in der sie im Augenblick zufällig dem Purpurleuchten der Komplexmassefelder am nächsten war, näher als irgendein anderer Mensch auf und über der Erde und auch auf dem Mond. Das Purpur schien sich hell in ihren Pupillen zu spiegeln.

Yōichirō schwebte dicht hinter ihr. »Was zum Teufel ist das?«, fragte er und atmete tief ein, was er sogleich bereute, denn er war erst vor wenigen Tagen an Bord gekommen und hatte sich noch nicht an den Gestank gewöhnt. Aber die üble Luft war für einen Quantenfeldtopologen nur ein geringes Opfer angesichts der Chance, im Orbital Hadron Collider zu arbeiten.

Obwohl es eine rhetorische Frage war, antwortete Junnifer: »Nicht den leisesten Schimmer!«

»Durch Sonnenwind angeregte Partikel?«

»So etwas wie Polarlichter?« Junnifer schüttelte den Kopf. »Dort draußen? Sicher nicht.« Nervös spielte sie mit dem silbernen Anhänger, einem stilisierten Wacholderzweig, der an einer dünnen Kette um ihren Hals hing. Die Kette war so kurz, dass sie ihren Hals umspannte, ohne dass Junnifer der Anhänger in der Schwerelosigkeit in den Weg geriet. »So etwas habe ich auch noch nie gesehen, Yōichirō.«

Yōichirōs Halbbruder Hiroshi verband im Tempel, der Ususamamijuhu, dem ursprünglich indischen Gott des Stuhlgangs, geweiht war, den Smartstrap an seinem Handgelenk mit dem Opferstock. Dieser war äußerlich einer Toilette nachempfunden, wodurch er anachronistisch wirkte, da heutzutage in Japan kaum noch solche Hocktoiletten verwendet wurden wie die, denen er glich.

Kaum war der Zahlungsvorgang abgeschlossen, öffnete sich im Opferstock eine verborgene Klappe und eine in Plastikfolie verschweißte geweihte Unterhose schob sich heraus. Hiroshi griff danach und lächelte. Bald würde es wieder besser werden mit seiner Verdauung.

Zuversichtlich verließ er den Tempel. Als er ins Freie trat, stutzte er. Über dem Horizont erhellten wabernde rosa Lichter den frühmorgendlichen Nachthimmel.

Zur gleichen Zeit, doch kurz vor Mitternacht, wälzte Pfarrer Kistner im Oberallgäu sich ächzend aus seinem Bett. Das Schnarchen seiner Frau hatte ihn wachgehalten. Wehmütig sehnte er sich in die Zeiten des Zölibats zurück. Seine jüngeren Kollegen mochten sich über dessen Ende freuen, doch er war den Bund der Ehe nur gezwungenermaßen eingegangen, wurden ledige katholische Priester doch mittlerweile argwöhnisch beäugt, gerade hier in einem solchen kleinen Dorf, wo jeder sämtliche Katzen in den Straßen und Kühe auf der Weide mit Namen kannte.

Wieder einmal hatte er sich trotz Pillen vergebens bemüht, seinen ehelichen Pflichten nachzukommen. Zum Zeitpunkt der Eheschließung war seine Frau keine zwanzig gewesen, mit jungenhafter Figur und kurz geschorenen Haaren, sodass ihr Anblick erträglich gewesen war, doch das war Jahre her. Aber die Messdiener und Kommunionkinder trugen heutzutage alle Distanzwarnapps in ihren Smartstraps, und selbst Höllendrohungen konnten sie nicht dazu bewegen, diese abzulegen. Manchmal hatte er den Eindruck, sie machten sich hinter seinem Rücken über ihn lustig, wenn er von der Hölle sprach; viele glaubten womöglich nicht einmal daran, manche beteiligten sich nur noch aus Gewohnheit an den Gottesdiensten.

So blieben ihm nur die gelegentlichen Beichten der Jungen, die im Beichtstuhl, wenn auch getrennt durch Gitterfenster, die ebenso wirksam waren wie die Apps, ihre Sünden bekannten, wobei manch einer sie ausmalte, fast als würde er sich damit brüsten, und das Internet. Seufzend schleppte er sich in die Küche, nahm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und schlich ins Arbeitszimmer. Die Fensterläden standen offen, und so bemerkte er draußen ein lila Licht am Himmel. Verwundert öffnete er das Fenster. Kalte Nachtluft schlug ihm ins Gesicht. Als er sich hinausbeugte, sah er, dass ein Viertel des Himmels von diesem befremdlich wirkenden Leuchten erfüllt war, das die Tannen an den Berghängen in gespenstisches Licht tauchte. Erleichtert schloss er die Läden und das Fenster. Nur ein Naturphänomen, nichts Besorgniserregendes. Einen Augenblick hatte er schon befürchtet, dass die Moslems wieder, entgegen der Anweisungen des Bürgermeisters, irgendwelche holografischen Projektionen veranstalteten. Schlimm genug, dass mehrmals täglich die Muezzinrufe aus etlichen Smartstraps die dörfliche Stille zerrissen, etwas, das einzig den Turmglocken der Kirche Sankt Johannes des Täufers vorbehalten sein sollte. Fehlte nur noch, dass Willi Mohr und dem oder der verrückten Voigtsberger-Toni gestattet wurde, seine Kirche zu heiraten, obwohl die beiden bereits vor Jahren das Brandenburger Tor beziehungsweise ein SpaceX-Shuttle im Museum geehelicht hatten.

Die vier gelben Augen in Käsr-Alämäthuls stacheligem rosaroten Gesicht blitzten. Es kostete sie nach all den Jahren noch immer Mühe, sich die Übelkeit, die die Annihilation der skalaren Felder verursachte, nicht anmerken zu lassen. Mit bedächtigen Bewegungen entzündete sie die Weihkräuter. »Oh, große Yäbusru, Ihr habt den spontanen Symmetriebruch für uns bereinigt, dafür danken wir Euch«, röhrte sie in monotonem Singsang über die schiffsweite Kommunikation, und die gesamte Besatzung stimmte ein: »Oh, große Yäbusru, wir danken Euch.«

Abgebrochene Stacheln und tiefrote Narben in Käsr-Alämäthuls Gesicht zeugten von all den Nahkämpfen, die sie in ihrer Novizenzeit ausgefochten und überlebt hatte. Doch es würde keine neuen Brüche und Narben geben in dieser Schlacht, als Propst stand hier niemand über ihr außer dem Erzpropst der Flottille auf dem Flaggschiff. Und Yäbusru natürlich, beeilte sie sich in Gedanken zu ergänzen, doch das verstand sich von selbst, dennoch verneigte sie sich unbewusst, um Vergebung heischend. Jedenfalls würde sie sich nicht mehr selbst die Greifschwänze schmutzig machen müssen. Ohnehin seit vielen Ikosazyklen nicht mehr, da sie längst rudimentärintelligente Personae aussandten, die sie aus sicherer Entfernung kontrollieren konnten.

Der Rauch der Weihkräuter vertrieb die Übelkeit, sodass sie einer leichten Schläfrigkeit Platz machte. Zufrieden betrachtete Käsr-Alämäthul die zukünftigen neuen Sprengel, von denen einer der ihre sein würde, auf dem Hauptschirm. Wie eine bis zur Perlmuttschicht geschliffene Sandmuschel auf schwarzsamtenem Kissen lag die unscheinbare Kugel, deren Bewohner sie bekehren würden, als wäre sie nur wenige Klafter entfernt, vor ihr.

Sie verließ die Brücke und begab sich in ihre Kabine. Der Bodenschleim in den Gängen war beinahe ausgetrocknet, sodass es ihr schwerfiel, darüberzugleiten. Sie war inzwischen zu alt, um selbst ausreichend Schleim in ihrem Fuß zu erzeugen. In ihrem Alter war sie schon zufrieden, genug produzieren zu können, um ihre Haut vor dem Austrocknen zu bewahren.

»Du kannst doch nicht behaupten, dass Theismus zwangsläufig eine Psychose sei«, zischte Ágnes und nippte an ihrem Wein.

»Kann ich und habe ich gerade«, unterbrach Junnifers Onkel Maxim.

Beharrlich fuhr Ágnes fort: »… sondern erst dann, wenn er sich im Hören von Stimmen oder Ähnlichem manifestiert.«

»Während das ›normale‹ Glauben an Götter keine Psychose ist?« Maxim leerte seinen Smoothie und gab dem Servierautomaten durch eine Geste zu verstehen, dass er einen weiteren wünschte. »Dem muss ich widersprechen: Theismus ist immer eine Psychose, wenn wir Kinder einmal beiseitelassen – ein Fünfjähriger, der mit dem Jagdgewehr seines Vaters seinen Spielkameraden erschießt, ist ja auch kein Mörder. Psychose, psychotische Störung, das ist ein Sammelbegriff für schwere psychische Erkrankungen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass es zu einem Realitätsverlust mit gravierenden Störungen im Bezug zur Umwelt und scheinbar unbegründeten Verhaltensveränderungen kommt«, dozierte er.

Solche Diskussionen hatte er schon unzählige Male geführt, meist in den sozialen Medien, und mittlerweile langweilten sie ihn. Doch er quälte sich hindurch, nicht zuletzt in der Hoffnung, Ágnes so wenigstens ein bisschen vom Krebstod ihrer Frau vor nicht einmal drei Wochen ablenken zu können. »Zu den Symptomen zählen Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Ich-Störungen, Angstzustände, Manie. Im akuten Stadium fehlt dem Betroffenen meist die Einsicht in seinen krankhaften Zustand. Damit ist es wohl so eindeutig wie nur möglich: Theismus ist eine Psychose. Auch wenn die Verhaltensänderung, da Theismus meist durch kindliche Indoktrination verursacht wird, kaum erkennbar sein dürfte, da sich das Verhalten in dem Alter ohnehin ändert.« Ágnes wollte etwas einwenden, doch Maxim ließ sich nicht unterbrechen. »Und, das kann nicht oft genug gesagt werden, mindestens eine der, wenn nicht die gefährlichste Psychose.«

»Schön«, gestand Ágnes ein. »Es ist also auch eine Psychose, aber ist das nicht zu verharmlosend? Schließlich gibt es viele Psychosen, von denen die meisten im Vergleich zum Gotteswahn eher ungefährlich sind und oft allenfalls dem Erkrankten selbst schaden, nicht dem Rest der Welt. Wenn jemand Angst vor Spinnen hat, sich für Napoleon oder Moses oder einen Lurch hält oder sich aufgrund einer Körperintegritätsidentitätsstörung gesunde Körperteile amputieren lässt … Andererseits nimmt es den Gläubigen etwas von der Verantwortung für ihre Verbrechen, wenn ihr Verhalten nichts als eine Psychose ist.«

»Gut, ich kann es auch deutlicher formulieren. Kennst du Karl Jaspers?«

»Vater der wissenschaftlichen Psychiatrie?«

»Könnte man so sagen. Er hat schon vor fast anderthalb Jahrhunderten die äußeren Merkmale der Wahnideen beschrieben, so passend, dass ich sie auswendig gelernt habe: Erstens, die außergewöhnliche Überzeugung, mit der an ihnen festgehalten wird, also die unvergleichliche subjektive Gewissheit, zweitens, die Unbeeinflussbarkeit durch Erfahrung und zwingende Schlüsse und drittens, die Unmöglichkeit des Inhalts.«

Ágnes nickte. »Das beschreibt tatsächlich Religion perfekt. Schade, dass Jaspers selbst am Gotteswahn litt.«

Maxim presste missbilligend die Lippen zusammen. »Was seine Aussage zum Wahn nicht weniger wahr macht; dass Newton seine Zeit mit Alchemie und sogar christlich-unitarischer Theologie vergeudete, ändert nichts an seinen mathematischen, physikalischen und astronomischen Gesetzen.«

»Das stimmt. ›Arzt, heile dich selbst!‹«

»Ein Bibelzitat? Ernsthaft?«

Ágnes sah ihn verständnislos an. »Was?«

»Was?«

»Wieso Bibelzitat?«

»›Arzt, heile dich selbst!‹, das sagt der christliche Halbgott laut einem der Evangelien, Lukas, glaube ich.«

»Oh.«

»Ja. Da siehst du, wie tief dieses Machwerk in der Gesellschaft verankert ist.« Maxim schwieg einen Augenblick nachdenklich. »Aber wir sind uns hoffentlich einig, dass dieser Wahn ungeheuer gefährlich ist. Und deshalb ist die religiöse Indoktrination von Kindern so fatal. Die Gülle, die sie in deren Köpfe füllen, ist ein Nährboden für die grausamsten denkbaren Verbrechen. Natürlich ist kaum einem, ob Kindern oder Erwachsenen, der Wahnsinn anzusehen. Der alltägliche, vermeintlich harmlose Wahn, das religiöse Mitläufertum, ist das Fundament, auf dem der Fundamentalismus wächst, so wie islamische Selbstmordattentäter ohne Koranschulen, Massen von Priestern vergewaltigter Kinder ohne Religionsunterricht, Auschwitz ohne die Nazimitläufermassen, Drogentote ohne ›ein Schlückchen in Ehren‹ kaum möglich wären.«

Ágnes hob das Glas. »Ist alkoholfrei.«

Als Käsr-Alämäthul ihre Kajüte erreichte, fuhr sie über die Schiffskommunikation die Novizen, die für die Bodenbeschleimung verantwortlich waren, an. Ihnen einen harschen Rüffel zu erteilen, tat ihr gut, und sie ließ zufrieden die lange Raspelzunge über ihren Schädelkamm gleiten.

Dann stellte sie sich vor den Buchhalter, in dem aufgeschlagen das Buch der Wahrheit lag. Sie würden dieser Welt den Wahren Glauben bringen. Käsr-Alämäthul beleckte die Spitze ihres rechten Greifschwanzes, um besser umblättern zu können, schlug die Seiten um, bis sie zur gesuchten Versicherung kam, einer ihrer Lieblingsstellen voller Poesie, und begann, die heiligen Worte zu röhren: »Yäbusru ist der Anfang und das Ende, die Wahrheit und das Wesen, die Wärme und das Licht, die Mutter und der Eiballen, die Liebe und die Freude, die Hoffnung und das Vertrauen, das Bestehen und das Vergehen, die Kraft und die Erneuerung, die Frage und die Antwort, die Harmonie und der Frieden. Yäbusru ist der Quell aller Dinge, die unendliche Schöpfung, die in uns schwingt. In Yäbusru finden wir die Einheit, die Verbindung mit allem, was existiert. Yäbusru ist die innere Stimme, die uns führt und leitet und die Gewissheit, dass wir niemals allein sind, die Essenz des Lebens, die uns durchdringt. In Yäbusru finden wir die tiefe Bedeutung, den Sinn und Zweck, nach dem wir uns sehnen. Möge Yäbusru uns stets begleiten, in Liebe, Frieden und Licht erstrahlen. Mögen wir in dieser Verbundenheit unser Glück finden und die Wahrheit in Yäbusru erkennen.«

»Kinder müssen vor solchen Wahnsinnigen geschützt werden«, sagte Maxim. »Aber wie? Früher hieß es, chronischer Wahn sei so gut wie immer therapieresistent, heute wissen wir es besser. Wie bei allen psychischen Störungen gibt es Behandlungsmöglichkeiten, medikamentöse, psychotherapeutische, soziotherapeutische. Aber wie soll das durchgeführt werden, wenn es nicht einmal für einen Bruchteil geeignete Therapieplätze gäbe, zumal der Wahn gesellschaftlich akzeptiert und es völlig normal ist, schon Kindern eine Gehirnwäsche zu verpassen?«

Ágnes nippte an ihrem Glas. »Schwierig. Da muss ich Monthy Python denken:

I’m a Roman Catholic,

And have been since before I was born,

And the one thing they say about Catholics is:

They’ll take you as soon as you’re warm.«

Maxim nickte. »Wie es bei den Jesuiten heißt: Gib mir einen Fünfjährigen ein Jahr und er gehört mir ein Leben lang.«

Ágnes hob die Brauen. »Das könnte man auch anders interpretieren.«

»So wie ›Lasset die Kindlein zu mir kommen‹? Die Indoktrination –«

Ein angetrunkener Raucher, der für ein paar Minuten nach draußen gegangen war, riss die Tür auf und brüllte: »Das müsst ihr euch ansehen!«

»Kippe aus!«, fuhr ihn jemand an, aber viele folgten seiner Aufforderung, auch Ágnes und Maxim.

Trotz des blendenden Lichtsmogs der Großstadt bot sich ihnen ein majestätisches Schauspiel: Schillernde violette Schlieren aus Licht zogen sich über den Nachthimmel. Sie schienen wie ein Echo des Urknalls in der Luft zu schweben, als ob sie die Grenze zwischen Himmel und Erde verwischten.

Myriaden von Kapseln regneten auf die Erde nieder, hier und anderswo, und aus jeder schwärmten wie aufgescheuchte Hornissen Abertausende Personae.

Hiroshi floh, doch die Persona war schneller. Als sie ihn erreichte, umklammerte sie wie eine gewaltige Spinne mit ihren acht Greifschwänzen seinen Kopf und bohrte haarfeine Fühler durch seine Schädeldecke. Wenige Sekunden versuchte er, sie sich wie einen brennenden Motorradhelm vom Kopf zu reißen, doch dann erschlaffte er und fiel zu Boden, als hätte sein Inneres sich aufgelöst und er wäre nur noch ein Sack voller Gallerte.

Nach einigen Minuten löste die Persona die Umklammerung und schwebte davon.

Lächelnd richtete Yōichirōs Halbbruder sich auf und klopfte sich den Schmutz von der Hose. Dann sah er sich um. Eine Frau näherte sich ihm vorsichtig. »Alles in Ordnung?«, fragte sie.

Hiroshi strahlte sie an. »Im Zeitalter der Blüte, als die Zweigpilze ihre zarten Sporen in der sanften Brise freisetzten, erhob sich ein Schatten der Dunkelheit über das Land. Der finstere Geist Yamai, Verkörperung von Krankheit und Leiden, trat aus den Tiefen des Vergessens hervor und verbreitete seine unheilvolle Präsenz.«

»Wie bitte?« Die Frau sah ihn irritiert an.

Hartnäckig fuhr er fort: »Inmitten dieser Bedrohung erhob sich ein strahlendes Licht, die Präsenz von Yäbusru, voll ungeheurer Stärke und Weisheit. Sie stand aufrecht wie ein Tempel, gekleidet in Gewänder, die die Farben des Frühlings trugen. In ihren Schwänzen hielt sie den Fächer der Heilung und den Bogen der Gerechtigkeit.«

»Okay …« Langsam wich die Frau zurück.

Hiroshi folgte ihr beiläufig. »Yäbusru wusste, dass die Zeit gekommen war, sich dem finsteren Yamai entgegen- und die Harmonie des Landes wiederherzustellen. Sie sammelte die Anhänger um sich, die von Mut und Entschlossenheit erfüllt waren. Mit einem leisen Gebet und einem feierlichen Ritual bereiteten sie sich auf den Kampf vor. Yäbusru führte sie in die Schlacht, mit ihrem Licht und ihrer Liebe als ihrem Leitstern.«

Die Frau hatte sich umgedreht und rannte davon, Hiroshi lief hinterher.

»Der Kampf zwischen Yäbusru und Yamai war erbittert und fesselnd. Yäbusru zog ihren Bogen und ließ Pfeile der Heilung auf den finsteren Geist regnen. Mit jedem Schuss durchdrang sie die Dunkelheit und brachte Hoffnung und Heilung in das Netzwerk der Herzgefäße ihrer Kampfgefährten.«

Hiroshi heftete seine Hände an die Tür, hinter der die Frau verschwunden war, und fuhr fort: »Yamai war stark und widersetzte sich hartnäckig. Er versuchte, die Massen mit Krankheit und Verzweiflung zu überwältigen. Aber Yäbusru gab nicht auf. Mit ihrer göttlichen Kraft und dem unerschütterlichen Glauben ihrer Anhänger kämpfte sie unaufhörlich weiter.

Schließlich, nach einem epischen Duell, gelang es Yäbusru, Yamai zu besiegen. Das Land bebte vor Freude und Erleichterung. Alle erhoben ihre Stimmen und sangen Loblieder auf Yäbusru, die sie von der Dunkelheit befreit hatte.

Durch Yäbusrus Sieg wurde das Land von Krankheit und Leiden geheilt. Das Volk pries die Gnade und dankte für die Barmherzigkeit, die ihm zuteilwurde. Yäbusrus Vermächtnis blieb im Netzwerk der Herzgefäße der Gläubigen verankert, als Schutz und Quelle der Heilung.«

Obwohl er nicht sicher sein konnte, dass die Frau ihn noch hörte, lächelte Hiroshi weiter.

»Bekommt ihr da oben denn gar nichts mit?«, fragte Maxim. »Keine Nachrichten, nichts?«

»Nur wenig«, antwortete Junnifer. Ihre Haare standen in der Schwerelosigkeit wild vom Kopf ab und füllten so den Bildschirm bis zum Rand. »Wir sind … beschäftigt.«

Maxim seufzte. »Sind wir hier auch. Vor allem damit, den verfluchten Personae zu entkommen, die einen überall verfolgen. Ausgangssperren nützen nicht viel. Die Geschäfte, wenn man sich zu einem durchschlagen kann, sind praktisch leer. Zum Glück habe ich noch reichlich Konserven und Trockensojaextrudat.«

Seine Nichte wiegte den Kopf. »Zumindest das Problem haben wir hier nicht, gerade gestern ist unsere vierteljährliche Versorgungskapsel angekommen.«

»Immerhin. Auf dem Mond sind sie ohnehin unabhängig. Langsam begreift die Menschheit, was geschieht, und was machen sie?« Maxim schüttelte mit angewidertem Gesichtsausdruck den Kopf. »Tempel, Kirchen und Moscheen füllen sich, wie lange nicht, und mehr Weltuntergangssektenführer treiben ihre Anhänger in den Selbstmord als je zuvor.«

»Na, dann hat die Invasion also nicht nur schlechte Seiten.«

Maxim lächelte müde über den zynischen Scherz. »Kann man so sehen. Von lokalen Religionskriegen abgesehen wurden immerhin viele Kriege beendet oder zumindest durch eine Waffenruhe unterbrochen, um die Ressourcen für den Kampf gegen die Außerirdischen zu nutzen. Andererseits, in den USA erlebt die National Rifle Association eine neue Blüte, obwohl offenbar weder Schuss- noch andere Waffen den Personae etwas anhaben können, nicht einmal Störsender. Totgesagte …«

»Immerhin wissen wir inzwischen einiges mehr über die Außerirdischen, wie ich höre.« Junnifer drehte sich kurz vom Bildschirm weg und sagte etwas zu Yōichirō außerhalb des Kamerabereichs, was weggefiltert wurde, sodass Maxim es nicht hören konnte. Dann wandte sie sich wieder Maxim zu. »Wenn die Bekehrten nicht gerade Yäbusrus Wort predigen, sprechen sie fast wie vernünftige Menschen – unter anderem über die Mollusken.«

»Das stimmt.« Maxim nickte. »Religionsfusionäre nennen sie sich, wenn die Übersetzung hinkommt. Das Wort bezeichnet angeblich die Idee der religiösen Verschmelzung und des Dialogs, das Bestreben, verschiedene Glaubensrichtungen zu vereinen und religiöse Harmonie zu erreichen. Aber das sagt kaum jemand, Christen beschimpfen sie als Dschihadisten, Moslems als Kreuzritter. Überraschung. Wir, die bei klarem Verstand sind, sagen lieber Glaubenskrieger oder Heilige Invasoren. Aber weltweit durchgesetzt hat sich eigentlich der Begriff Glaubensstürmer. Während Fernsehkomiker vorschlagen, die Weltraummollusken mit Salz zu bekämpfen oder Bierfallen aufzustellen, haben mehrere Staaten tatsächlich Atomwaffen eingesetzt – auch solche, die offiziell überhaupt keine besaßen.«

Junnifer schnaubte. »Aber die sind wirkungslos verpufft, zerplatzt an den Schlachtschiffen wie Insekten am Triebwagen eines Schnellzugs. Klar.« Sie schlug die Augen nieder und sah dann wieder auf ihren Bildschirm. »Wie viele …« Die Frage hing im Raum wie der Felsbrocken über Tantalos’ Haupt.

Maxim schluckte. »Nach wenigen Tagen waren bereits Hunderttausende ›bekehrt‹.« Er schloss die Augen. »Inzwischen sind Millionen infiziert.«

»Wertvoller Schweinebestand! Für Unbefugte Betreten und Füttern verboten!«, stand in schwarzer Prägeschrift auf dem angerosteten gelben Blechschild an der Tür, darunter hing ein verblasstes Poster mit einem lustigen rosa Cartoonschwein zwischen »Achtung« und »Saustall«.

»… die Essenz des Lebens, die uns durchdringt«, sang der Bauer mit rauer Stimme, als er die Tür öffnete. Ein paar Fliegen schwirrten heraus, eine prallte gegen sein rechtes Auge und er blinzelte. Dennoch fuhr er unbeirrt fort: »In Yäbusru finden wir die tiefe Bedeutung, den Sinn und Zweck, nach dem wir uns sehnen. Möge Yäbusru uns stets begleiten, in Liebe, Frieden und Licht erstrahlen.«

Kaum war der Spalt breit genug, flogen drei Personae hindurch. Der Güllegestank störte sie nicht, da sie über keine Geruchssensoren verfügten, und so fielen sie ohne Zögern über die Schweine her.

Wenige Stunden später zog eine Herde von über zweitausend Mastschweinen grunzend über die Felder. Das »Yäbusru« in ihrem Grunzen war kaum zu verstehen.

In der Grundschule des Dorfs, in der Pfarrer Kistner jede Woche Religions- und Ethikunterricht erteilte, pressten die Kinder der ersten bis vierten Klasse, die sich im einzigen Klassenraum verschanzt hatten, die Hände und Nasen gegen die kalte Scheibe.

Frau Hulek, die sie sonst unterrichtete, stand mit ausgebreiteten Armen draußen und predigte: »In den Anfängen der Zeit, als das Universum in Dunkelheit ruhte, erhob sich Yäbusru. Sie war die Urquelle allen Lebens und der Schoß unendlicher Weisheit.

Mit ihrer leuchtenden Essenz formte Yäbusru den Himmel und die Erde. Sie sprach sanfte Worte in den Raum und das Licht entfaltete sich in strahlenden Farben. Das Licht durchdrang die Dunkelheit und beleuchtete die Welt.

Yäbusru erhob ihre Schwänze und das Wasser strömte in mächtigem Schwall. Die Wellen tanzten in Harmonie und das Wasser formte die Ozeane, Meere, Seen, Teiche, Tümpel und Pfützen und die Ströme, Flüsse, Bäche und Rinnsale. In dieser Fülle des Wassers fanden die Kreaturen des Meeres ihren Lebensraum.

Yäbusru erschuf die grünen Weiten der Erde, auf denen Blumen und Pflanzen in vielfältigen Farben erblühten. Zweigpilze streckten ihre Äste in den Himmel und trugen reichhaltige Früchte. Die Tiere der Erde fanden Schutz und Nahrung in diesem prachtvollen Garten.«

Eine Katze strich vorbei, hielt kurz inne und miaute sie an, als wolle sie widersprechen. Unbeirrt fuhr Frau Hulek fort: »Yäbusru hauchte den Wind zum Leben, der über die Ebenen wehte und die Zweige der Pilze sanft wiegte. Sie errichtete die Berge, majestätische Gipfel, die den Himmel zu berühren schienen. Flüsse flossen durch die Täler und formten fruchtbare Ebenen.

In ihrem göttlichen Wirken schuf Yäbusru die Sterne und die Planeten, die über den nächtlichen Himmel glitzerten. Sie schuf das Universum mit unendlicher Weite und ließ es in all seiner Pracht erstrahlen.

Zum Abschluss ihrer Schöpfung formte Yäbusru aus dem Urschleim uns. Sie flößte uns Lebenssaft ein und schenkte uns unter allen Tieren die Gabe der Vernunft.«

Mit diesen Worten öffnete sie den Eingang und betrat das Schulgebäude, eine Persona dicht hinter ihr. Sie stieg die Treppe hinauf. »Lasst mich hinein«, rief sie durch die verbarrikadierte Tür. »Es ist nur zu eurem Besten!«

Die Kinder kreischten, doch sie gehorchten nicht. Frau Hulek begann, sich gegen das Türblatt zu werfen, während die Persona geduldig wartete.

Im biomedizinischen Institut, in dem Maxim bis zur Invasion gearbeitet hatte, rührte die gefangene Persona sich nicht. Nur gelegentlich, wenn er ihrem Faradaykäfig zu nah kam, versuchte sie, mit ein oder zwei ihrer Greifschwänze nach ihm zu haschen.

»Die Eingefangene funktioniert«, sagte er. »Sie könnte auch die neue Programmierung an die anderen weiterleiten, weil sie alle vernetzt sind.«

Ágnes’ Gesicht auf dem Bildschirm strahlte. »Das ist doch großartig! Ich kann immer noch nicht glauben, dass es dir überhaupt gelungen ist, mit einem modifizierten Tischtennisroboter eine einzufangen.«

»Großartig, ja.« Seinen Worten entgegenwirkte er bedrückt. »Zukünftig könnten sie religiösen Wahn heilen, statt ihn auszulösen oder umzukrempeln.«

»Heilen?« Ágnes rückte etwas näher an die Kamera. »Du meinst, den Religionsvirus aus der Wetware entfernen, statt ihn mit dem der Mollusken zu überschreiben?«

Maxim nickte. »Aber wir können nicht alle in Faradaykäfige sperren, und solange eine Persona mit der Flottille verbunden ist, würde jede meiner Änderungen überschrieben, in den anderen ebenso wie in dieser hier, sobald sie den Käfig verlässt.«

Ágnes senkte den Blick. »Es sieht nicht so aus, als ob die Glaubenskrieger uns bald wieder verlassen werden.«

Maxim kniff die Lippen zusammen und nickte. »Im Gegenteil wollen sie sich dauerhaft hier einnisten und landen, sobald genug bekehrt sind, um die Erde sicher zu machen. Sicher für sie, heißt das.«

»Ich weiß. Also hoffnungslos?«, fragte Ágnes, als erwarte sie Widerspruch.

Doch Maxim nickte nur erneut.

Formeln schienen über den Bildschirm um einen Sombrero zu tanzen. »Gleich … einen Lichtfuß noch …«, murmelte Yōichirō, der an den Sitz davor geschnallt war, und wischte mit der Virtuosität eines Pianisten über die eingeblendete Tastatur. »Die spontane Brechung globaler kontinuierlicher Symmetrien führt dazu, dass zu jedem gebrochenen Generator der Symmetriegruppe ein masseloses skalares Goldstone-Boson existiert.«

»Klar.« Junnifers Hand lag auf seiner Schulter. »Das gilt aber nicht für lokale Eichsymmetrien, bei denen die Eichfelder mit einem skalaren Higgsfeld wechselwirken.«

»Eben! Ohne spontane Symmetriebrechung sind die Eichfelder natürlich masselos.«

Junnifer schlürfte ihre Zungenspitze, die angespannt zwischen den Lippen hervorlugte, ein und rief: »Das ist es! Wir haben es!« Sie stieß sich von Yōichirōs Schulter ab und drehte so in der Luft schwebend Pirouetten.

»Jaaaa …«, machte Yōichirō gedehnt. »Sieht so aus. Wenn das klappt …«

»Das klappt! Es muss klappen!« Junnifer umklammerte einen Haltegriff und hörte auf, sich um die eigene Achse zu drehen. »Wir werden ein paar Tage brauchen, um den Collider umzukonfigurieren, aber dann werden die verdammten Weltraummollusken wie ein Bungeespringer in die Hölle zurückgeschleudert, aus der sie gekrochen sind.«

Die Kühe auf den Weiden waren ein leichtes Opfer der Personae gewesen und zogen nun, bekehrt und ausgebrochen, muhend durch die Dorfstraßen. Sie muhten von den Anfängen der Zeit, als das Gras sanft im Wind wogte und die Erde in sattem Grün erstrahlte, von ihrer liebenswürdigen Natur und der großen Weisheit, die sie erfüllte und die in ihren klugen Augen leuchtete, denn sie waren auserwählt, allen den Wahren Glauben zu bringen. Sie muhten davon, wie sie den Puls der Erde spürten und die Melodie des Lebens, die in den Gräsern und Blumen widerhallte, teilten ihr Wissen über die Halme und Kräuter, die sie mit ihren weichen Lefzen aufnahmen, und priesen Yäbusru, die ihnen das Leben und die Fülle geschenkt hatte aus ihrer eigenen Milch und ihrem eigenen Fleisch. Es irritierte sie, dass niemand ihr Muhen zu interessieren oder gar zu verstehen schien.

Irgendwo bellte ein Hofhund: »Yä-bus-ru!«

Pfarrer Kistner saß bedrückt in der Dönerpizzeria. »Widerliche, schleimige Nacktschnecken, die behaupten, nach Gottes Ebenbild erschaffen worden zu sein!«, jammerte er. »Das ist doch grotesk! Ketzerei! – Machst du mir einen Döner?«

»Wie immer?«, fragte Rayan zurück.

Kistner nickte. Seit eine Persona seine Frau bekehrt hatte, traute er sich kaum noch nach Hause.

»Kommt sofort, Chef«, antwortete Rayan und schabte Fetzen vom Lammspieß. Die Fetzen füllte er zusammen mit Salat, Tomaten – getrockneten, in Öl eingelegten; frische hatte er seit Tagen keine mehr –, Zwiebeln, Gurken und Joghurtsoße in das Fladenbrot und servierte es dem Pfarrer.

Wie Schmeißfliegen gegen eine Fensterscheibe schlugen zwei Personae gegen das Schutzgitter, das Rayan vor der Glasfront und der Eingangstür heruntergelassen hatte. »Ist wie in den Zombiefilmen«, philosophierte er, »wenn die Untoten versuchen, sich Zugang zu verschaffen, aber die Helden genau wissen, dass sie zu dumm sind, das Hindernis –« Er stockte, als in diesem Augenblick beide Personae wie müde alte Heliumluftballons zu Boden sanken. »Was passiert?« Er öffnete vorsichtig die Eingangstür und stocherte mit einer langen Fleischgabel durch das Gitter an der direkt davor liegenden Persona herum. Sie rührte sich nicht. Er drückte den Schalter und das Gitter fuhr hoch.

Misstrauisch traten die beiden auf die Straße und sahen sich um. Ein halbes Dutzend weiterer Personae lagen regungslos auf der Erde.

Ihre Smartstraps kündigten piepsend eine Sondermeldung an. Kistner beugte das Handgelenk, um seinen laut zu stellen: Überall auf der Welt, verkündete die körperlose Stimme emotionslos, würden Personae zu Boden fallen. Ursache und Auswirkungen seien noch ungeklärt.

Seine Frau trat aus dem Pfarrhaus schräg gegenüber, eilte auf Pfarrer Kistner zu und redete aufgeregt auf ihn ein. Da sie in ihre Muttersprache verfallen war und er kein Filipino sprach, war alles, was er verstand »Yäbusru«, doch den Singsang erkannte er, das genügte. Trotz der außer Betrieb gesetzten Personae war sie nach wie vor dem Glauben an die Molluskengottheit verfallen – der schreckliche Irrglaube hielt an. Was, so dachte er, gar nicht das Schlechteste sein musste, sondern vielleicht eine Möglichkeit bot, sie ohne Aufhebens loszuwerden, nun, da die Welt offenbar wieder in den Normalzustand zurückkehrte. Eine derart dem Wahnsinn verfallene Ehefrau war gerade ihm als katholischem Geistlichen nicht zuzumuten.

»… Astronomen weltweit, die gesamte Flottille sei spurlos verschwunden«, verkündete sein Smartstrap. Überall traten Menschen aus den Häusern wie nach einem verheerenden Sturm.

Langsam dämmerte sowohl dem Pfarrer als auch dem Dönerpizzeriabesitzer, was das bedeuten musste, und sie fielen sich in die Arme.

»Allahu akbar!«, rief Rayan freudestrahlend.

»Und wie groß!«, stimmte Kistner zu. »Gott hat unsere Gebete erhört und uns von der Geißel befreit!«

Ringsum erhoben sich die Personae, nun durch viele Lichtjahre Entfernung abgeschnitten von der Kontrolle der außerirdischen Glaubensstürmer und durch Maxims gefangene neu konfiguriert, in die Luft.

Rayan stürzte zurück in den Laden und ließ das Gitter herunter.

Kistner war nicht schnell genug. Als er sich umwandte, konnte er nur vergeblich am Gitter rütteln. Er floh, eine Persona dicht hinter ihm. Sie holte ihn ein, klammerte sich an seinen Schädel, die Fühler drangen in sein Gehirn. Er fiel zu Boden, sie blieb wie ein festsitzender Schutzhelm auf ihm. »Oh Gott!«, rief er. »Oh Gott!« Dann verlor er das Bewusstsein.

Als die Persona von ihm abgelassen und sich auf die Suche nach einem neuen Patienten gemacht hatte, kam er wieder zu sich. Benommen richtete er sich auf, starrte ins Leere. »Oh!«, flüsterte er.

Pater Anselms Marsmission

Das Klappern der harten Ledersohlen ihrer Schuhe hallte von den Gewölbewänden wider. Verstohlen warf Pater Anselm einen Blick nach rechts zum Pontifex Maximus. Pius XII., einen Kopf größer als er, lief schweigend neben ihm her. Weiß gewandet vom Scheitelkäppchen bis zur Soutane wirkte er hier in der spärlich erleuchteten Dunkelheit gespenstisch. Die Brille mit den runden Gläsern, die er trug, verlieh ihm die Anmutung eines Gelehrten.

Während die wärmende Aprilsonne auf die Ewige Stadt schien, ließ die Kühle der Kellergänge Pater Anselm frösteln. Nicht einmal elektrisches Licht gab es hier, zwei Schweizergardisten trugen Lampen vor ihnen her. Was konnte es sein, das der Heilige Vater ihm zeigen musste, damit er es glauben konnte, wie der Papst geheimnisvoll erklärt hatte? Glaubten sie nicht unbesehen das größte Geheimnis von allen, spürten sie nicht die Allgegenwart Gottes, ohne diesen je zu Gesicht bekommen zu haben? Was also bedurfte des Augenscheins?

Nicht ohne Sorge war Pater Anselm dem Ruf des Papstes nach Rom gefolgt. Seine Missionsarbeit in Ostafrika durfte er ruhigen Gewissens als Erfolg betrachten. Mochte der Heilige Stuhl Einwände gegen sein unkonventionelles Vorgehen haben? Sicherlich, den Eingeborenen zu unterbreiten, Jesus sei einer der ihren gewesen, konnte nicht ohne Kritik bleiben. Ein lebensgroßes Ölgemälde, das den Menschensohn als Hirten zeigte, doch als Massaihirten, mit tiefbrauner, beinahe schwarzer Haut, krausem, kurz geschorenem Haar, traditionellem Hals- und Ohrschmuck und eingeritzten, geweiteten Ohren, statt des Hirtenstabs einen bunt geschmückten Schild in der einen und einen Speer, auf den er sich stützte, in der anderen Hand, die ihn als Krieger zeigten, auch wenn er nicht das lange, geflochtene Haar trug, das diese auszeichnete, schien in gewisser Weise unvereinbar mit dem traditionellen christlichen Bild des Gottessohns, zumindest äußerlich.

Aber hatte er nicht gemäß den Evangelien nach Matthäus und Lukas zwar nicht den Speer, jedoch das Schwert gepredigt? »Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie König würde, bringt her und erschlagt sie vor mir!«, »Er sprach nun zu ihnen: Aber jetzt, wer eine Börse hat, der nehme sie und ebenso eine Tasche, und wer nicht hat, verkaufe sein Gewand und kaufe ein Schwert« und »Meint nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert«. Jesusworte, mit denen die stolzen Massaikrieger sich identifizieren konnten, da sie neben Speeren auch häufig mit Schwertern kämpften.

Dennoch gab es diesbezüglich manche Widrigkeiten und Missverständnisse. Ngai, wie sie den Schöpfer nannten, hatte ihnen, so glaubten sie, sämtliche Rinder der ganzen Erde geschenkt, was zum einen bedeutete, dass alle anderen Völker im Besitz von Rindern Viehdiebe waren und die Massai das Recht hatten, gewaltsam denen, die keine Massai waren, deren Tiere abzunehmen, das, was rechtmäßig ihnen gehörte, zurückzuholen, wie sie glaubten. Massai hatten aufgrund der hohen Kriegersterblichkeit oft mehrere Frauen, und besuchte einer einen anderen, so durfte er darum bitten, bei einer dessen Frauen zu liegen, eine Bitte, die abzulehnen unhöflich gewesen wäre. Unter diesen Umständen war es nicht ganz einfach, ihnen das zehnte Gebot zu vermitteln, das da lautete: »Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört« und somit die Besitzverhältnisse, auch was Frauen und Rinder betraf, unmissverständlich regelte.

Immerhin konnte der Pater die Meinungsverschiedenheit bezüglich des Sitzes des Schöpfergottes eindeutig klären. Die einen Wilden lebten in dem Wahn, dieser throne auf dem Gipfel des heiligen Berges Ol Doinyo Lengai, des »Gottesberges« in Tanganjika, und deuteten Vulkanausbrüche als Ausgeburten göttlichen Zorns fehl, während andere ihn in den Wolken wussten.

Auch, dass Ngai Herr über den Regen war, spielte dem biblischen Bericht über die Sintflut in die Hände, und die Umsiedlung der Massai aus dem Serengeti-Nationalpark ins Ngorongoro-Schutzgebiet durch britische Kolonialpolitiker vor fünf Jahren ließ sich gut mit biblischen Vertreibungsberichten verknüpfen, ebenso wie fatale Rinderpestausbrüche mit biblischen Plagen, die die Massai nicht wenig beeindruckten.

Obschon Monotheisten, glaubten die Massai an eine göttliche Dualität, die Gott teilte in den gütigen schwarzen Gott, Ngai Narok, und den rachsüchtigen roten Gott, Ngai Na-nyokie. Das machte es nicht einfach, ihnen die Wahrheit vom einen, dreifaltigen Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist zu vermitteln.

Auch das Verhältnis der Eingeborenen zu Blut war befremdlich. Jesus hatte eindeutig erklärt: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch selbst. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben, und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag; denn mein Fleisch ist wahre Speise, und mein Blut ist wahrer Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm.« Worte, die im Abendmahl der Eucharistie weiterlebten.

Doch das Hauptnahrungsmittel der Massai war, zusammen mit rohem Stier-, Ochsen-, Schaf- und Ziegenfleisch, Rohmilch und Blut, oft Saroi: ein Getränk, das gewonnen wurde, indem der Kopf eines Zebus fixiert und die angeschwollene Halsvene mit einem Pfeil angeritzt wurde, ohne sie zu durchtrennen, ein oder zwei Liter in einem ausgehöhlten, getrockneten Flaschenkürbis aufgefangen und die Wunde versorgt, sodass das Rind weiterlebte. Gemischt mit Milch wurde das Blut in der Kalebasse geschüttelt, um ein Gerinnen zu verhindern, und frisch oder »gereift« getrunken.

Und doch blieb der Pater dabei: Jesus war ein Massai. Und er hatte Erfolg damit.

Sollte dieser Erfolg Neider auf den Plan gerufen haben, die nun in Rom gegen ihn intrigierten? Der Heilige Vater hatte ihn mit Sicherheit nicht zu sich gerufen, weil er seinen Rat bezüglich der neuen Enzyklika anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Herz-Jesu-Festes wünschte, die im kommenden Monat veröffentlicht werden sollte. Doch zu Pater Anselms Überraschung schien es nicht um seine Missionsarbeit zu gehen. Vielmehr gab der Heilige Vater sich verschwiegen und führte ihn nun, während er ihn weiter im Ungewissen ließ, durch unterirdische Gänge, die nie das Tageslicht gesehen hatten.

Die Schweizergardisten traten unvermittelt zur Seite und postierten sich links und rechts einer Tür. Der Bischof von Rom öffnete sie selbst, trat hindurch und betätigte einen Kippschalter neben dem Türrahmen. Trübes gelbliches Licht flammte auf. Der Pater folgte dem Papst und blieb erstarrt stehen, als hätte er sich wie Lots Weib in eine Salzsäule verwandelt.

Der Lichtschein reichte bei Weitem nicht aus, die Wände der gegenüberliegenden Seite der Halle, in der sie nun standen, zu beleuchten, sodass diese in Finsternis blieben. Pater Anselm betrachtete mit offenstehendem Mund das riesenhafte Objekt, das hier vor ihm stand. Es hatte die Form eines doppelten Kegelstumpfs. Auf dem oberen saß ein flacherer, deutlich kleinerer weiterer Kegel, der über den Rand des großen hinausragte, der untere war nicht viel mehr als eine Scheibe und nahm zum Boden hin ab. Ringsum ragte aus dem unteren Kegel etwas, das wie gewaltige Kanonenrohre aussah, ein Dutzend mochten es sein.

»Was ist das, Eure Heiligkeit?«, fragte der Pater fast flüsternd. Vage kam ihm das Objekt bekannt vor, und plötzlich wurde ihm klar, wo er es gesehen hatte: Es glich frappierend dem Entwurf eines Panzers – eines Panzers, den da Vinci seinerzeit erdacht hatte. Doch es war um ein Vielfaches größer als der ursprüngliche Entwurf es vorgesehen haben musste. Hatte Rom ein neues Kriegsgerät entwickelt, um einen letzten Kreuzzug durchzuführen und das Wort des Herrn energischer zu verbreiten als in den letzten Jahren und Jahrzehnten, vielleicht energischer als je zuvor, und so die entsetzliche Gottesgeißel, die weltlichen Kriege ein für alle Mal zu beenden?

»Viele erstaunliche Erfindungen verbergen sich in unseren Archiven«, sprach der Papst sanft und riss Pater Anselm damit aus seinen Gedanken, »nicht wenige davon dem Geist des großen Leonardo entsprungen. Doch dies ist wohl die wunderbarste unter ihnen. Das, mein lieber Freund …« Der Heilige Vater hob die Hand und wies mit weitem Schwung auf das Objekt, als wolle er es segnen. »… ist ein Weltraumschiff.« Er schwieg einen Augenblick, um seine Worte sacken zu lassen. »Du wirst damit den Äther zwischen den Gestirnen durchmessen. Du wirst in den Himmel fahren – als Unser erster Weltraummissionar.«

Obschon es der Menschheit verborgen blieb, verließ als Sendbote des Vatikan im Namen Gottes der erste Mensch das Erdenrund, ein Jahr, ehe die gottlosen Russen auch nur eine lachhafte Metallkugel namens Sputnik ins Nichts schossen. Eine Geheimhaltung, die gerade den glühenden Antikommunisten Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli alias Papst Pius XII. bis ins Mark seiner Seele wurmen musste.

Der Weltraum – unendliche Weiten. Wir schrieben das Jahr 1956. Pater Anselm brach in einem von Leonardo da Vinci erdachten Weltraumschiff auf, um neue Welten zu suchen, neues Leben und neue Zivilisationen – und kühn zu missionieren, wo noch nie zuvor ein Mensch missioniert hatte.

Montag, 7. Mai 1956

Es ist vollbracht. Wir haben uns Anno Domini Nostri Iesu Christi 1956 aufgemacht, den Völkern des Weltenraums das Heil zu verkünden. Eine Aufgabe, die sich als tückischer erweist als gedacht. Kaum hatten wir die Lufthülle des Erdballs verlassen, konnte sie uns nicht mehr zu Boden drücken, und nicht nur uns, sondern sämtliche Gegenstände an Bord. Dies wurde mir klar, als alles, was auf meinem Schreibtisch lag oder stand, zu schweben begann: Der Rosenkranz und mein Füllfederhalter ebenso wie die gerahmte Fotografie des Heiligen Vaters, ja selbst das Kruzifix mit dem Leib unseres Herrn Jesus Christus in seinem Martyrium blieb nicht verschont. Ich rief, und ich gestehe, dass ich dies nur diesem meinem persönlichen Diarium anvertraue, man möge mir Nägel bringen, Hammer und Nägel.

Doch die anfänglichen Schwierigkeiten sind überwunden, wir sind auf dem Weg zum ersten jener Lichter, die der Herr ans Firmament geheftet hat.

Donnerstag, 28. Februar 1957

Der Mars ist ein unwirtlicher Ort. Er erinnert mich ein wenig an meine Tage in Afrika, die nun schon Ewigkeiten her zu sein scheinen. Unfruchtbare Wüstenei, palmähnliche Bäume hier und da, doch die Palmwedel sehen riesenhaften gespreizten Bananenschalen gleich. Die Eingeborenen sind grün, grasgrün. Auf dem Haupte tragen sie zwei Antennen, die Ohren stehen wie Trichter von der Seite des Schädels ab, die enorme Hakennase sieht aus wie die des Heiligen Vaters, wenngleich um vieles größer. Ein Streifen Lamellen über dem breiten Mund, deren Funktion sich mir nicht erschließt, mutet ein wenig wie ein kecker Oberlippenbart an. Die drei Finger einer jeden Hand enden in Saugnäpfen an der Fingerspitze. Am auffälligsten ist jedoch das gewaltige, tiefblaue Zyklopenauge. Wohlgemerkt, blau ist nicht etwa die Regenbogenhaut, diese ist vielmehr pechschwarz, sodass sie die winzige Pupille übermäßig groß wirken lässt, sondern der Augapfel selbst, der bei uns Menschen weiß ist. Die einzigen anderen Wesen, die es hier zu geben scheint, sind taubengroße dreiarmige Kraken, die hier allenthalben durch die Luft schweben wie lästige Fliegen, grün wie die Marsianer und bis auf das eine kleine blaue Auge scheinbar ohne weitere Sinnesorgane.

Das Erste, was ich sah, als ich nach der Landung auf den Mars hinaustrat und den Fuß auf den Boden setzte, war Sand, zinnoberroter Sand, soweit das Auge reichte. In der Ferne machte ich etwas wie eine Pyramide aus, doch die Grundfläche war, anders als bei irdischen Pyramiden, ein Dreieck: Bei den marsianischen Pyramiden handelte es sich um gleichseitige Tetraeder.

Das Eingeborenendorf in der Nähe hatte ich gar nicht bemerkt, als der erste Marsmensch auf mich zu kam. Die Sonne brannte, mein Mund war so trocken, dass meine Zunge am Gaumen klebte, daher war das Erste, das ich zu ihm sagte: »Es ist heiß hier, könnte ich vielleicht etwas zu trinken bekommen?«

Er reichte mir einen Rundkolben mit einer klaren Flüssigkeit, die sich, als ich einen Schluck davon nahm, als kaltes Wasser entpuppte. So zeigte sich erneut die Überlegenheit des Glaubens über die Wissenschaft. Etwas, worüber Astronomen seit Langem rätseln, wurde mir zur Gewissheit: Es gibt Wasser auf dem Mars.

Nun waren dies nicht die geschichtsträchtigsten Worte, die einem in einer solchen Situation hätten einfallen können, und daher vertraue ich sie nur diesem Diarium an. Offiziell begann ich die Konversation mit der im Protokoll vorgesehenen Phrase: »Bring mich zu eurem Führer.« Doch der Marsmensch schien recht begriffsstutzig, antwortete vielmehr, er könne mich gern selbst herumführen. Ein Missverständnis, das Angebot wollte ich jedoch allzu gerne annehmen und gleich die Gelegenheit nutzen, das Wort Gottes zu verbreiten, nicht zuletzt in Form der Heiligen Schrift, die wir in ausreichender Menge an Bord hatten, um die Darbenden damit zu laben.

Doch das Angebot des Eingeborenen erwies sich bald als trügerisch. Das vermeintliche Dorf war offenbar die Marshauptstadt und erstreckte sich, großteils unterirdisch, viel weiter, als es den Anschein gehabt hatte. Fast meine ich, dass sie es an Einwohnerschaft und Ausdehnung leicht mit New York, Tokio, London, Paris oder Moskau, zumindest aber Berlin, Bombay oder Kairo aufnehmen konnte. Kirchen, Tempel oder Ähnliches vermochte ich nirgendwo zu entdecken, und meinen Fragen begegnete mein Führer mit Unverständnis.

Stattdessen brachte er mich zuerst in eine Einrichtung, die wohl einer Universität gleichkam. Der Gelehrte dort hörte sich zunächst scheinheilig an, was ich zu sagen hatte, stellte gar die eine oder andere Frage, dann nickte er verstehend, als wäre er bekehrt. Doch gleich darauf begann er, mit Kreide allerlei Unsinn an eine Tafel zu kritzeln, murmelte dabei Unverständliches. Schließlich malte er einen Doppelpfeil, dahinter ein abgeknicktes Wenigerzeichen, ein spiegelverkehrtes großes E sowie etwas, das wie ein Dreieck um ein Auge aussah, und rief triumphierend: »… und daraus folgt trivial, dass ein Gott mit diesen Eigenschaften nicht existiert.«

Mit dem gottlosen wissenschaftlichen Kauderwelsch, das der Marsianer da von sich gegeben hatte, konnte ich ebenso wenig anfangen wie mit den Formeln an der Tafel. Dies war nicht der rechte Ort für einen aufrechten Christen, und so zog ich mit meinem Führer weiter, nicht ohne dass der Gelehrte noch ein Wort zu ihm sprach – über mich, wie es schien, doch als wäre ich überhaupt nicht anwesend, was mich ein wenig irritierte: »Ich vermute, er ist von einem Ohrbohrwurm befallen, das könnte solchen Wahn auslösen.«

Freitag, 1. März 1957