Die dunkle Seite der Sprache - Tim Henning - E-Book

Die dunkle Seite der Sprache E-Book

Tim Henning

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Beschreibung

Unsere Sprache hat eine dunkle Seite: Sie stellt uns nicht nur die Mittel bereit, mit denen wir uns verständigen und unsere Welt erschließen, sondern dieselben Mittel laden auch dazu ein, andere zu diskriminieren («Asylbewerber sind kriminell»), kommunikativ zu entmächtigen (Mansplaining), herabzuwürdigen («OK Boomer») oder schlicht Bullshit zu erzählen («Sie essen die Katzen»). Tim Henning, Nikola Kompa und Christian Nimtz widmen sich einer philosophischen Erkundung dieser düsteren Rückseite unserer Sprache. Sie zeigen uns, dass die sprachlichen Formen der Ausgrenzung oder Verschleierung vor allem deshalb so mächtig sind, weil sie auf Mechanismen unserer Kommunikation beruhen, denen wir uns kaum bewusst sind. Das verlangt nach einem kritischen philosophischen Blick – um den fraglichen Mechanismen einen Teil ihrer Macht zu nehmen und die aufgeregten Diskussionen über unseren Sprachgebrauch zu versachlichen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Titel

Tim Henning, Nikola Kompa, Christian Nimtz

Die dunkle Seite der SPRACHE

Wie Worte ausgrenzen, abwerten und manipulieren

C.H.Beck

Übersicht

Cover

Inhalt

Textbeginn

Inhalt

Titel

Inhalt

Einleitung – Sprache in hell und dunkel

1: Neue Flüchtlingswelle droht im Herbst – Die manipulative Macht der Metapher

Eine Art Übertragung

Ausweg aus einer sprachlichen Verlegenheit und eine andere Sichtweise

Metaphern lassen uns Abstraktes erfassen

Drei zentrale Merkmale

Menschen machen etwas mit Metaphern

Und Metaphern machen etwas mit Menschen

Alternative Metaphern

2: Schwarze haben so ein tolles Rhythmusgefühl – Generische Aussagen und die kognitiven Quellen der Diskriminierung

Was sind generische Aussagen?

Quantorenaussagen

Die Schwierigkeiten einer Analyse generischer Aussagen

Was ist schon normal? Vier Beine und zweiunddreißig Zähne

Leslie und die kognitive Wende im Verständnis generischer Aussagen

Enten legen Eier: Der fundamentale Mechanismus der Generalisierung

Eine erste dunkle Seite generischer Aussagen: Übergeneralisierung

Eine zweite dunkle Seite: Essentialisierung

«Muslime sind Terroristen»: Essentialisierung, Ideologie und Diskriminierung

Ein wenig Licht in das Dunkel bringen

3: OK Boomer – Herabsetzungswörter und wie sie funktionieren

Eine erste Annäherung: «Tintenpisser»

Was wollen wir wissen?

Semantik zum Ersten: Herabsetzung durch wörtliche Bedeutung

«Tintenpisser» und «Arschkriecher»: Herabsetzung und Beleidigung

Semantik zum Zweiten: Herabsetzung durch Expressivität

Pragmatik: Herabsetzung und die «Wortwahl-Implikatur»

Wie Herabsetzungswörter funktionieren und was sie so fürchterlich macht: Ein Resümee

Und was ist mit der guten Seite?

4: Davon verstehst Du nichts – Formen kommunikativer Entmächtigung

Sprechen ist Handeln

Die gesellschaftliche Rolle von Sprechakten: Ein Gedankenexperiment

Die Macht der Anerkennung

Andere mundtot machen: Vorurteile und soziokulturelle Drehbücher

Hermeneutische Hilflosigkeit

Versteckte Bewertung durch Bezeichnung: Framing, Mansplaining, Benennungspolitik

Sprachliche Gegenmacht

5: Wir fordern ein Ende der digitalen Entmündigung – Diskursdynamik, Akkommodation und unterdrückende Rede

Unsere geteilte Weltsicht in Gesprächen: Stalnaker über den Common Ground

Gespräche als Sprachspiele: David Lewis über den konversationalen Spielstand

Die stillschweigende Anpassung des Spielstands: Der pragmatische Mechanismus der Akkommodation

Unser energischer Herr und die dunkle Seite der Akkommodation

Was tun?

Akkommodation und unterdrückende Rede

6: Der Premierminister ist ein Reptilienmensch – Lügen, Verschwörungstheorien und die Vertrauensbasis der Sprache

Der soziale Nutzen der Wahrhaftigkeit

Lügen und Irreführung

Signalspiele: Sprache und Wahrhaftigkeit, erster Teil

Brabbelgleichgewicht? Sprache und Wahrhaftigkeit, zweiter Teil

Trittbrettfahrerin der Wahrhaftigkeit: Die Lüge

Der Wahrhaftigkeitsnorm die Anerkennung versagen: Bullshitting

Die Wahrhaftigkeit mit Füßen treten: Verschwörungstheorie

Harry Potter und der Monsterschleim: Wahrhaftigkeit nachspielen

Ist die Wahrhaftigkeit zu retten?

Anhang

Glossar

Literatur

Anmerkungen

1 Die manipulative Macht der Metapher

2 Generische Aussagen

3 Herabsetzungswörter und wie sie funktionieren

4 Formen kommunikativer Entmächtigung

5 Diskursdynamik, Akkommodation und unterdrückende Rede

6 Verschwörungstheorien und die Vertrauensbasis der Sprache

Register

Namensregister

() Name im Glossar

Zum Buch

Vita

Impressum

Einleitung

Sprache in hell und dunkel

Unsere Sprache ist das Werk unzähliger Generationen. Ihre aktuelle Gestalt verdankt sie einer langen Reihe von Versuchen, die Welt zu verstehen und das Verstandene mitzuteilen. Zugleich ist sie ein Werk im Werden, denn sie wird von jedem neuen Versuch dieser Art, wie unmerklich auch immer, weiter geprägt und verändert. Schließlich besitzt Sprache auch selbst eine prägende Kraft: Sie hat Einfluss darauf, welche Aspekte der Welt sich uns als artikulierbar und kommunizierbar anbieten – und also auch darauf, wofür uns die Worte fehlen.

Dies verleiht der Sprache ein doppeltes Gesicht. Sie trägt Spuren von wichtigen Einsichten ebenso wie von Ignoranz, von Differenzierungsvermögen ebenso wie von Borniertheit und Tatsachenverleugnung. Sie hilft uns, Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, Unterscheidungen zu treffen und uns – und anderen – damit Teile der Wirklichkeit zu erschließen. Aber sie kann diese Wirklichkeit auch verstellen, verzerren und entwerten. Sie bietet einen reichen Schatz abrufbereiter Pauschalisierungen («Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus»), erlaubt perfide Andeutungen («Wann haben Sie denn aufgehört zu trinken?») und verleiht noch dem übelsten Gedankengut die Prägnanz eines harmlosen Slogans («Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!»).

Die zwei Gesichter der Sprache machen sie zu einem interessanten Gegenstand nicht nur für Linguist:innen, sondern auch für den philosophischen Versuch, unserem eigenen Weltverständnis und seinen blinden Flecken auf die Schliche zu kommen. Freilich erfahren die beiden Aspekte nicht in allen Fällen die gleiche Aufmerksamkeit. Gerade die neuere Geschichte der Philosophie bietet dafür vielfältige Beispiele. In der sogenannten analytischen Tradition, die mit der methodischen Wendung zur Analyse der Sprache die moderne Philosophie maßgeblich mitbestimmt hat, standen natürliche Sprachen lange Zeit zunächst im Verdacht, echter Erkenntnis im Wege zu sein. Die Wissenschaft, so der Gedanke, bedürfe präziserer Instrumente. Mit der sogenannten Ordinary Language Philosophy in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts jedoch verkehrten sich die Vorzeichen auch in der analytischen Tradition, die sich seitdem auf unsere natürliche Sprache als eine wichtige Grundlage philosophischer Reflexion beruft. Der britische Sprachphilosoph J. L. Austin formuliert programmatisch:

Unser gemeinsamer Vorrat an Wörtern verkörpert all die Unterscheidungen, die Menschen für wert hielten, getroffen zu werden, und die Verbindungen, die sie für wert hielten, gezogen zu werden, und dies über viele Generationen. Sicherlich sind sie wohl zahlreicher, besser begründet, weil sie sich im Überlebenskampf bewährt haben, und feiner, jedenfalls in normalen praktischen Belangen, als alle, die Sie und ich uns eines schönen Nachmittags in unserem Lehnstuhl ausdenken könnten. (Austin 1956, 8)

Unsere Sprache tradiert also zweifellos einen reichen Schatz an wichtigen Unterscheidungen und Einsichten. Doch dieser optimistischen Ansicht lässt sich mit gleichem Recht eine negative, pessimistische Auffassung gegenüberstellen. Denn «unser gemeinsamer Vorrat an Wörtern», wie Austin es nennt, verkörpert eben all die Unterscheidungen und Verbindungen nicht, die Menschen nicht für wert hielten, getroffen zu werden – solche, die sie ignoriert haben oder verschweigen wollten. Zugleich enthält sie all die Überverallgemeinerungen, willkürlichen Kategorisierungen und Ideologien, für die Menschen und Gruppen empfänglich waren. Schließlich trägt die Sprache keine Spur von den Erfahrungen derer, die in der Geschichte keine Stimme hatten. Sie verkörpert nur das Verständnis und die Interessen der Wortführer, die sich Gehör verschaffen konnten, und die Fehler und blinden Flecken, für die sie anfällig waren.

Auch dieser Aspekt der Sprache ist Philosoph:innen nicht unbekannt. Eingehend reflektiert wurde er vor allem in der nicht-analytischen, mitunter «kontinental» genannten Tradition. Beispielsweise schreiben Theodor Adorno und Max Horkheimer mit charakteristischer Dramatik:

Kein Ausdruck [der Sprache] bietet sich mehr an, der nicht zum Einverständnis mit herrschenden Denkrichtungen hinstrebte, und was die abgegriffene Sprache nicht selbsttätig leistet, wird von den gesellschaftlichen Maschinerien präzis nachgeholt. (Horkheimer und Adorno 1969, 2)

Beide Einschätzungen, die optimistische von Austin und die pessimistische von Horkheimer und Adorno, haben zweifellos gute Gründe für sich. Dass sie wie unmittelbare Gegensätze daherkommen, dürfte aber vor allem am Grad ihrer Allgemeinheit liegen. Konkretere Betrachtungen können, so steht zu hoffen, beide Perspektiven integrieren und Genaueres über die positiven und negativen, die «hellen» und «dunklen» Aspekte der Sprache sagen.

Dieses Buch versteht sich als ein Beitrag zu diesem Projekt. Wir werden anhand einer detaillierten Untersuchung ausgewählter Phänomene unserer Sprache nachvollziehen, welche konkreten Gestalten die Doppelgesichtigkeit der Sprache annehmen kann. Unsere Sprache umfasst Formen, die einerseits eine berechtigte Funktion erfüllen im Bemühen, die Welt zu verstehen und verständlich zu machen, die aber andererseits in besonderer Weise dazu einladen, für fragwürdige moralische und politische Zwecke in den Dienst genommen zu werden. In einer militärischen Formulierung: Zumindest in der Hauptsache werden wir uns auf sprachliche Formen mit Dual-Use-Charakter fokussieren. Da der problematische Gebrauch dabei nicht nur besondere Brisanz hat, sondern oft auch nicht klar zutage liegt, soll er besonders herausgestellt werden.

Dementsprechend gilt unser besonderes Augenmerk der dunklen Seite der Sprache. Welche spezifischen Themen und sprachlichen Erscheinungsformen verbinden wir mit dieser Redeweise? Im Folgenden eine kleine Vorschau der sechs Kapitel des Buches.

(1) Das erste Kapitel untersucht Metaphern. Sie dürften den Leser:innen vertraut sein als Ausdrücke, die in einer nichtwörtlichen Bedeutung verwendet werden und dadurch neue, weniger leicht fassliche Inhalte transportieren. Uns interessiert vor allem ihre politische Kraft. Wie die Rede von einer «Flüchtlingswelle» oder vom «gesunden Volkskörper» zeigt, sind sie potente Mittel der Erzeugung von Assoziationen und Emotionen, die nicht selten nachhaltig an ihren Gegenständen haften bleiben (auch wenn man sie durchschaut hat). Zugleich erlauben sie Sprecher:innen aber, sich der Verantwortung für diese Effekte leichthin zu entziehen – schließlich sind die hervorgebrachten Einstellungen und Gefühle nicht Teil des Gesagten, sondern entstehen erst in den Köpfen der Zuhörer:innen.

(2) Aussagen wie etwa «Muslimische Schüler sind gewalttätig» oder «Ostdeutsche sind Rechte» stehen im Fokus des zweiten Kapitels – sogenannte generische Aussagen. Sie beziehen ihre «dunkle» politische Kraft aus ihrer unbestimmten Allgemeinheit. Einerseits vermitteln sie große Allgemeingültigkeit, verfahren aber andererseits genau in diesem Punkt überaus ungenau, sodass Sprecher:innen jedes Gegenbeispiel mit der Aussage quittieren können: «Ich habe ja gar nicht gesagt, alle muslimischen Schüler seien gewalttätig» oder: «Klar, nicht jeder einzelne Ostdeutsche ist rechts – aber im Allgemeinen schon». Pointiert gesagt können solche Sätze als perfide sprachliche Freifahrtscheine fungieren. Sie erlauben vollmundige Verallgemeinerungen bei nahezu unbegrenzten Rückzugs- und Ausweichmöglichkeiten.

(3) Wer andere Menschen als «Tintenpisser», «Schwuchtel» oder «Bullenschwein» tituliert, verwendet Herabsetzungsausdrücke (so übersetzen wir die englischen slurs). Unser drittes Kapitel zeigt, wie Herabsetzungsausdrücke ihre diskursive und politische Kraft aus einem komplexen Verhältnis zu ihren wertfreien Pendants beziehen – zum «Theoretiker», «Homosexuellen» und «Polizisten» –, und worin sie sich von Beleidigungen wie «Arschloch» unterscheiden. Ein Herabsetzungsausdruck verbindet die Tatsachenbehauptung seines wertfreien Pendants mit einem negativen Gefühlsausdruck. Ihre besondere Intensität beziehen diese Wörter zusätzlich daraus, dass sich Sprecher:innen mit der bewussten Wahl eines Herabsetzungsworts plakativ in die Ausgrenzungs- oder Unterdrückungspraxis eines ganzen Milieus eingliedern. Das verleiht Herabsetzungsausdrücken ihre rhetorische Wucht – sie beenden das sachliche Gespräch und lassen ihre Opfer ohnmächtig zurück.

(4) Unsere Redebeiträge sind generell nur deshalb erfolgreich, weil andere zuhören und uns zutrauen, etwas Relevantes beizutragen. Dabei gehört es natürlich zu unserer kritischen Kompetenz, nicht jederzeit jedem zu glauben und nicht immer allen gleichermaßen Gehör zu schenken. Aber, so zeigt unser viertes Kapitel, wir können anderen den Status als gleichwertige Teilnehmer:innen am Gespräch auch zu Unrecht vorenthalten – wir können sie kommunikativ entmächtigen. Das geschieht etwa dort, wo das «Nein!» einer Frau als bloße Koketterie oder Sich-Zieren umgedeutet wird – oder dort, wo ein Einwanderer damit rechnen muss, dass ein Gericht seiner Aussage keinen Glauben schenken wird. Man kann aber auch insofern kommunikativ entmächtigt sein, als man nicht über die nötigen sprachlichen Mittel verfügt, um die eigene Erfahrung und die Welt adäquat zu beschreiben: Man ist nicht in der Lage, Erlebnisse sich und anderen verständlich zu machen. Wie lässt sich dieser ‹Sprachlosigkeit› begegnen?

(5) Nicht alles, was wir behaupten, behaupten wir geradeheraus. Vielmehr bietet unsere Sprache Möglichkeiten, Inhalte so zu verpacken, dass sie wie beiläufig den Stand der Diskussion mit beeinflussen. Wenn etwa ein Gesprächsteilnehmer sagt: «Wir fordern, dass diese faschistische Politik ein Ende hat!», so sagt er natürlich auch, dass die fragliche Politik (seiner Ansicht nach) faschistisch ist. Durch die Einbettung in eine umfassendere Aussage ist diese These jedoch gegen direkte Widerrede isoliert – mit einem «Das stimmt doch nicht» würden die Zuhörer:innen bloß bestreiten, dass der Sprecher etwas fordert und eben nicht, dass jene Politik faschistisch ist. Sie müssten für die Kritik umständlich werden. Das fünfte Kapitel wirft einen allgemeinen Blick auf Konversationsdynamiken und untersucht den Mechanismus der Akkommodation. Dieser Mechanismus erlaubt es Sprecher:innen, Inhalte zu übermitteln, ohne sie direkt zur Diskussion zu stellen. Im Alltag sparen wir uns damit das umständliche Thematisieren von Selbstverständlichkeiten. Aber Akkommodation eignet sich eben auch dazu, Umstrittenes gleichsam nebenbei als allgemein akzeptiert in Anspruch zu nehmen oder gar abwertende Verhaltensregeln ohne besondere Autorität in Kraft zu setzen.

(6) Das letzte Kapitel schließlich zeigt, dass schon ein ganz fundamentaler Aspekt der Sprache zwiespältig ist. Es ist ja eine Binsenweisheit, dass die Sprache uns erlaubt, Informationen über die Welt zu vermitteln – also andere Menschen Dinge wissen zu lassen, die sie nur durch unsere Mitteilung erfahren können. Um diese Funktion zu erfüllen, bedarf die Sprache einer Art Infrastruktur aus Wahrhaftigkeit und Vertrauen. Sie kann ihre Rolle als Informationsübermittlung nur übernehmen, weil wir voneinander annehmen dürfen, dass wir im Großen und Ganzen die Wahrheit sagen und einander Glauben schenken. Diese Voraussetzung aber macht die Sprache auch zu einem beispiellos mächtigen Mittel des Vertrauensmissbrauchs. Sie ermöglicht nicht nur direktes Lügen, sondern auch die Verabschiedung von der Wahrheit im sogenannten Bullshitting und schließlich die subtilen politischen Wirkungen wirrer Verschwörungserzählungen. Wir versuchen, die Funktionsweise dieser sprachlichen Irrwege zu erhellen, und überlegen, was wir gegen sie unternehmen können.

Die verschiedenen Erscheinungsformen der dunklen Seite der Sprache, die uns in den folgenden Kapiteln beschäftigen werden, sind in einem zweifachen Sinne «dunkel». Zum einen haben wir es mit Aspekten unserer Sprache zu tun, die für unmoralische Formen der Ausgrenzung, Herabwürdigung und Verschleierung dienstbar sein können. Zum anderen sind sie vor allem deshalb in der Lage, diese Funktionen auszuüben, weil die beteiligten sprachlichen Formen nicht leicht zu verstehen und zu analysieren sind – weil ihre Funktionsweise ebenso wie die zugrundeliegenden sprachlichen Mechanismen in einem erkenntnistheoretischen Sinne «im Dunkeln» liegen. Auch dies macht die Sprache zu einem wichtigen Gegenstand der Philosophie, denn sie verlangt nach Aufklärung: Es ist wichtig, philosophisch Licht in das Dunkel zu bringen und den fraglichen Mechanismen mit analytischen Mitteln vielleicht einen Teil der Macht zu nehmen, die sie aus ihrer vermeintlichen Selbstverständlichkeit beziehen.

Wir behandeln dabei bei weitem nicht alles, was in der Sprache politisch und moralisch potenziell problematisch oder kritikwürdig ist. Vielmehr beschränken wir uns auf diejenigen Aspekte der Sprache, die erstens eine moralisch und politisch brisante dunkle Seite haben und die zweitens deswegen lohnende Gegenstände der Sprachphilosophie sind, weil ihnen spezifische und oftmals verborgene sprachliche Mechanismen zugrunde liegen. Unser Ziel ist also, analytische Mittel der aktuellen Sprachphilosophie und Linguistik auf moralisch und politisch signifikante sprachliche Mechanismen anzuwenden. Wie wir gesehen haben, behandelt dieses Buch auf den ersten Blick sehr unterschiedliche sprachliche Phänomene. Doch sie alle haben eines gemeinsam: Alle diese Phänomene sind mit linguistischen oder auch kognitiven Mechanismen verwoben, die interessante theoretische Fragen aufwerfen und die sich sprachanalytisch aufzuschlüsseln oder, in unserem Bilde, zu «erhellen» lohnen. Wir haben uns dabei bemüht, die Kapitel so zu schreiben, dass jedes davon für sich stehen und unabhängig von den anderen gelesen werden kann. Gleichwohl gibt es zahlreiche interessante Bezüge zwischen den Kapiteln, auf die wir an geeigneten Stellen hinweisen.

Doch nicht alles, was moralische Brisanz hat, ist auch ein lohnender Gegenstand einer sprachphilosophischen Analyse. Aus diesem Grunde wird die Leser:in beispielsweise vergeblich ein Kapitel zum Thema «Gender und Sprache» suchen. Das sogenannte «Gendern» ist ein moralisch und politisch motivierter Eingriff in die Sprache, der als solcher jede Menge drängender praktischer Fragen aufwirft, uns in sprachanalytischer Hinsicht aber wenig interessant scheint. Wir selbst haben hier beschlossen, bestimmte Formen einer solchen Sprache zu verwenden, freilich ohne damit die Botschaft vermitteln zu wollen, diese Entscheidung sei der Weisheit letzter Schluss. Jedenfalls hat die Entscheidung ebenso wenig eine «tiefe» sprachphilosophische Begründung wie die bestehenden Regeln zu Orthografie und grammatischem Geschlecht eine besondere Dignität haben.

Geschrieben haben dieses Buch drei Philosoph:innen, die sich schon seit vielen Jahren philosophisch austauschen und die im Zuge dessen insbesondere die wachsende Debatte zu dunklen Aspekten der Sprache zu ihrem gemeinschaftlichen Interesse gemacht haben. Unsere Arbeit lässt sich wahrscheinlich der bereits erwähnten «analytischen» Tradition zurechnen. Diese Tradition wird mancherorts für ihr Bemühen um Strenge und Klarheit geschätzt, andernorts als geistloses und geschichtsvergessenes «Malen nach Zahlen» geschmäht. Wie dem auch sei: Es lässt sich kaum leugnen, dass die dunklen Seiten der Sprache, speziell ihre vielfältigen Verknüpfungen mit politischer und sozialer Macht, in der analytischen Philosophie lange Zeit nur wenig präsent waren. Wo andere Traditionen ihr Augenmerk gerade auf diese Verstrickungen gerichtet haben, ging es der analytischen Tradition vor allem darum, Sprache als ein Medium der Erkenntnis, der Wahrheit und des logischen Schließens zu profilieren.

Aber es konnte auf die Dauer natürlich kaum ausbleiben, dass so auch dasjenige an der Sprache in den Fokus rückte, was in dieser Funktion nicht aufgeht – eben die Rolle der Sprache als Mittel der kommunikativen Manipulation, der Insinuation und der Ausgrenzung. Dementsprechend hat auch in der analytischen Tradition die Untersuchung derjenigen sprachlichen Phänomene inzwischen einen festen Platz, die man zur dunklen Seite der Sprache zählen muss. Der analytische Blick geht dabei zumeist, bildlich gesprochen, von unten nach oben. Analytische Philosoph:innen – und das betrifft auch uns in diesem Buch – stellen zumeist einzelne Aspekte der Sprache und des sprachlichen Handelns in das Zentrum ihrer Analysen und konzentrieren sich dabei eher auf spezifische sprachliche Mechanismen.

So ein Vorgehen birgt Gefahren – etwa die Gefahr einer detailverliebten Kleinteiligkeit, die den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht; oder die des arroganten Versuchs, es nun aber endlich einmal richtig zu machen. Wir hoffen, diese Gefahren im Folgenden zu vermeiden. Dieses Buch stellt dar, welche Perspektiven eine aktuelle analytische Herangehensweise an die dunkle Seite der Sprache bietet, wenn sie ausgewählte sprachliche Aspekte in den Blick nimmt, deren Profil und Rolle offenlegt und die zugrundeliegenden Mechanismen herausarbeitet. Damit ist nicht die Anmaßung verbunden, andere Traditionen belehren oder ersetzen zu wollen. Motiviert sind wir von einer bescheideneren Hoffnung: dass analytische Kategorien, Perspektiven und Methoden einen Baustein neben anderen ausmachen können, dass also auch die Philosophie analytischer Provenienz zu kritischen Gegenwartsanalysen beizutragen vermag. Unsere Ermittlungen zu einzelnen sprachlichen Aspekten sollen eine willkommene Ergänzung zu einer Perspektive sein, die Sprache als Ganzes im Spannungsfeld gesellschaftlicher Machtverhältnisse darstellt.

Bevor wir dieses Projekt in Angriff nehmen können, wollen wir ein grundlegendes Begriffspaar einführen, dass uns durch das ganze Buch hindurch als Orientierungspunkt begleiten wird. Es geht um die beiden Begriffe Semantik und Pragmatik. Viele der in diesem Buch besprochenen Phänomene liegen an der Schnittstelle von Semantik und Pragmatik und lassen sich erst verstehen, wenn man sie als Resultate eines verzwickten Zusammenspiels semantischer und pragmatischer Faktoren betrachtet. Wir werden hier lediglich unser Grundverständnis dieser beiden Begriffe erläutern und der Versuchung widerstehen, unsere Auffassung ausführlich zu diskutieren und zu begründen. Eine solche Diskussion müsste entweder großen Raum einnehmen oder allzu verkürzt ausfallen.

Semantik und Pragmatik in diesem Verständnis sind zwei Theoriefelder in der Linguistik und Sprachphilosophie, die sich mit sprachlicher Bedeutung beschäftigen und deren Abgrenzung notorisch schwierig ist (vgl. Gutzmann 2021). Wir nehmen hier ein pointiertes Verständnis dieser beiden Theoriefelder in Anspruch (vgl. Griffiths 2017). Unter Semantik verstehen wir die allgemeine Theorie konventionaler sprachlicher Bedeutung. Semantik als Disziplin untersucht folglich die wörtlichen Bedeutungen der Ausdrücke und Sätze von Sprachen, so wie diese durch die allgemeinen, für die Sprache geltenden Konventionen festgelegt sind. Bezogen auf einzelne Äußerungen fragt Semantik danach, was die Sprecher:in wörtlich im jeweiligen Äußerungskontext sagt und wie sich das wörtlich Gesagte im Kontext aus den Bedeutungen der verwendeten Ausdrücke ergibt. Dabei kennen kompetente Sprecher:innen einer Sprache generell die wörtlichen Bedeutungen der von ihnen gebrauchten Ausdrücke, so darf man unterstellen.

Fragen der Semantik werden überall in diesem Buch auftauchen. So werden wir beispielsweise diskutieren, ob Herabsetzungswörter ihre charakteristische Herabsetzung semantisch transportieren und damit bereits kraft allgemeiner Sprachkonventionen abwertend sind (wir denken: ja) und ob die wörtliche Bedeutung des generischen Ausdrucks «Ratte» in «Ratten übertragen Krankheiten» eine Proportion ausdrückt, womit der Satz vielleicht im Sinne von «Viele Ratten übertragen Krankheiten» zu lesen wäre (wir denken: nein).

Traditionell hat man in der Semantik der Bedeutung von Behauptungssätzen besonderes Augenmerk geschenkt. Denn Behauptungssätze haben Wahrheitsbedingungen – sie sind unter bestimmten Umständen wahr und unter anderen Umständen falsch. Auch wir werden uns über dieses Buch hinweg der in Philosophie wie Linguistik populären Annahme bedienen, dass die wörtliche Bedeutung eines Behauptungssatzes im Wesentlichen in seinen Wahrheitsbedingungen besteht (vgl. Heim & Kratzer 1998, Kap. 1). Anstatt von wörtlichen Bedeutungen sprechen wir auch vom Inhalt des Satzes oder der durch den Satz ausgedrückten Proposition. Genauer gesagt werden wir also annehmen, dass die allgemeinen Konventionen für die Behauptungssätze unserer Sprache jeweils Wahrheitsbedingungen festlegen, wobei diese je nach Kontext variieren mögen, dass eine Sprecher:in die Wahrheitsbedingungen aller Sätze kennt, die sie versteht, und dass jede wörtliche Verwendung eines Satzes zunächst einmal dessen Wahrheitsbedingungen zum Ausdruck bringt. Nun sind die Wahrheitsbedingungen unserer eigenen Sätze für uns selbstverständlich. Semantisches Wissen kann daher leicht wie eine Sammlung vollständiger Trivialitäten erscheinen, immerhin sehen wir beispielsweise unmittelbar, dass «Italien liegt in Europa» genau dann wahr ist, wenn Italien in Europa liegt. Der Eindruck des Trivialen verschwindet aber sofort, wenn wir eine fremde Sprache betrachten. Dass sich jemand mit der behauptenden Äußerung des finnischen Satzes «Takananne on raivostunut gorilla» darauf festlegt, dass hinter uns ein wütender Gorilla steht, wird wohl für kaum jemand von uns offenkundig sein. Aber genau das steckt in den Wahrheitsbedingungen des Satzes.

Unserer Einschätzung nach haben bereits unsere einfachen Annahmen über konventionale Bedeutung und Wahrheitsbedingungen erhebliche erklärende Kraft. Wie die Überlegungen in den folgenden Kapiteln deutlich machen, muss allerdings sehr viel hinzukommen, damit aus ihnen ein auch nur in Grundzügen plausibles Modell von konventionaler Bedeutung, semantischem Wissen und sprachlicher Kommunikation entsteht – nachgerade eines, das auch Phänomenen im dunklen Bereich der Sprache wie beispielsweise rassistischen Aussagen, Herabsetzungswörtern oder kommunikativer Entmächtigung Rechnung tragen kann. Aber wir kommen einem solchen Modell schon deutlich näher, wenn wir mit unserem semantischen Grundverständnis in der Hand die Phänomene in den Blick nehmen, die in der Pragmatik studiert werden.

Unter «Pragmatik» verstehen wir die allgemeine Theorie von sprachlichem Handeln und sprachlicher Kommunikation in Äußerungskontexten. Pragmatik als Disziplin untersucht, wie erfolgreiche Kommunikation zustande kommt und welche Faktoren dabei zusammenspielen (Was ist der Beitrag von konventionaler Bedeutung? Welche Rolle spielt Hintergrundwissen? Welchen Einfluss haben Kontextumstände?), welche generellen Mechanismen uns Mitteilungen jenseits von wörtlicher Bedeutung erlauben, wie Sagen und Handeln ineinandergreifen und welche Strukturmerkmale unsere sprachlichen Diskurse prägen. Bezogen auf einzelne Äußerungen fragt Pragmatik danach, was die Sprecher:in mit ihrer Äußerung im Äußerungskontext kommuniziert, was sie dabei tut – informiert sie, warnt sie, beleidigt sie etc. – und welchen Beitrag sie so zur ausgedehnten Konversation leistet.

Eine pragmatische Theorie muss beispielsweise erklären können, warum jemand mit «Ich habe Kopfschmerzen» über die wörtliche Bedeutung hinaus mitteilen kann, dass sie nicht zu einer Feier erscheinen wird. Denn als wäre es nicht schon schwierig genug, zu erklären, wie wir direkt kommunizieren, d.h. indem wir konventionale, etablierte sprachliche Mittel verwenden, kommunizieren wir besonders gern auch indirekt. Wir sagen etwas, indem wir Wörter mit ihrer konventionalen Bedeutung mehr oder weniger folgsam gemäß den Regeln der Grammatik kombinieren, aber wir meinen etwas anderes, oder mehr oder gar das Gegenteil von dem, was wir wörtlich gesagt haben (vgl. Grice 1989). Die Zuhörerschaft muss sich das Gemeinte erschließen. Solche Schlüsse heißen pragmatische Schlüsse. Zudem muss eine pragmatische Theorie erklären, worin sich z.B. die Sprechakte des Versprechens und des Drohens unterscheiden. Derselbe Satz kann in einem Kontext ein Versprechen, in einem anderen Kontext eine Drohung sein, etwa wenn unser etwas zwielichtiger Nachbar zu uns sagt «Ich werde auf Eure Party kommen.» Ob das eine Drohung oder ein Versprechen ist, hängt wohl unter anderem daran, ob wir uns sein Erscheinen auf unserer Party wünschen – oder doch eher nicht. Viele Aspekte des Sprachverhaltens einer kompetenten Sprecher:in lassen sich, so die Idee, vor dem Hintergrund geteilten semantischen Wissens durch generelle pragmatische Mechanismen und Strategien erklären.

Abschließend gilt es noch zwei Anmerkungen zu unserem Vorgehen zu machen. In den folgenden Kapiteln kommen wichtige theoretisch-technische Ideen aus Philosophie und Linguistik vor. Wir haben uns darum bemüht, diese jeweils an einer Stelle im Buch etwas ausführlicher zu erläutern und an anderen Stellen auf diese Erläuterungen zu verweisen. Wir fassen die Erklärungen im Glossar pointiert zusammen. Unsere Erläuterungen orientieren sich in der Regel an klassischen Analysen zum Thema. Wir sehen davon ab, die neuesten Forschungsdispute bis in ihre letzten Verästelungen hinein zu verfolgen, so interessant diese auch sein mögen.

Unser Umgang mit Literaturverweisen ist von derselben Idee getragen. Zu allen von uns herangezogenen linguistischen oder sprachphilosophischen Ansätzen gibt es viel an aktueller Literatur, auf die wir aber nur ausgewählt und sparsam verweisen. Dabei beziehen wir uns manchmal auf neuere Publikationen, geben aber oft auch solchen Titeln den Vorzug, die sich unserem Dafürhalten nach für die Leser:innen dieses Buches zur weiteren Lektüre besonders anbieten. Wenn wir im Text auf englischsprachige Literatur verweisen, aber Zitate auf Deutsch anführen, dann stammen die Übersetzungen jeweils von uns.

Wir betrachten dieses Buch als unser gemeinsames Werk. Zwar hat jede:r von uns je zwei Kapitel federführend verfasst. Dennoch ist jedes von ihnen bis in einzelne Absätze und Formulierungen hinein das Ergebnis einer umfassenden Kooperation zwischen uns dreien, weswegen wir davon Abstand nehmen, für die einzelnen Kapitel jeweils eine Autor:in auszuweisen. Bei der Arbeit am Manuskript haben uns zudem viele Menschen tatkräftig unterstützt. Wir danken den Teilnehmer:innen des «Research Seminar Theoretical Philosophy» in Bielefeld, des Mainzer «Kolloquium Praktische Philosophie» und des Oberseminars des Instituts für Philosophie der Universität Osnabrück. Besonderer Dank geht an Kurt Bayertz, Singa Behrens, Dirk Hüske-Kraus und Frank Huismann. Ein spezieller Dank geht an das drei:klang Café in Münster für Gastlichkeit und Langmut.

1

Neue Flüchtlingswelle droht im Herbst

Die manipulative Macht der Metapher

Wenn die Tageszeitung morgens titelt: «Neue Flüchtlingswelle droht im Herbst!» und der Gesundheitsminister mittags im Radio eine weitere Infektionswelle ankündigt, muss man schon einigermaßen abgehärtet sein, um nicht mutlos zu werden. Sind in den letzten Jahren nicht genug Wellen auf uns zugerollt und über uns zusammengeschlagen?

Am vertrautesten sind uns Metaphern wohl aus der Literatur, insbesondere der Poesie. Wen rührte es nicht, wenn Lasker-Schüler «eine Sehnsucht an die Welt pochen» lässt, wir bei Rilke «keine Heimat in der Zeit» haben oder bei Celan «geblendet von Worten» sind. Auch aus der Wissenschaft sind uns Metaphern vertraut, wenn von kognitiven Architekturen oder von schwarzen Löchern die Rede ist. Dass auch der politisch-mediale Diskurs von Metaphern durchsetzt ist, nehmen wir aber kaum noch wahr, so viele Wellen sind bereits über uns hinweggeschwappt oder haben sich zu Flüchtlingsströmen verstetigt.

In dieser Gewöhnung liegt ein Problem. Denn die politischen Metaphern weisen ein manipulatives Potential auf, das in den poetischen oder wissenschaftlichen Metaphern keine Parallele hat. Ein Grund dafür ist wohl, dass das Mischungsverhältnis der dahinterstehenden Interessen jeweils ein anderes ist. Ein weiterer Grund mag sein, dass in der Wissenschaft Metaphern gern wegen ihres bildhaften (oder analogischen) Charakters bemüht werden, während sie in der Politik eher wegen ihrer affektiven Komponente geschätzt werden. In diesem Kapitel befassen wir uns besonders mit diesem manipulativen Potential: Es geht um die eigentümliche Macht von Metaphern.

Obgleich Metaphern ein so allgegenwärtiges Phänomen in der Sprache sind, gibt es weder eine allgemein anerkannte Definition dieses Phänomens, noch liegt ihre Wirkungsweise auf der Hand. Wir müssen daher zunächst betrachten, was einen Ausdruck überhaupt zu einer Metapher macht und welche Formen von Metaphern wir unterscheiden können. Dann wenden wir uns ihrer Wirkungsweise zu.

Das Erstaunlichste an Metaphern ist vielleicht, dass sie zwar ungemein nützlich, aber auch ungemein schädlich sein können. Bei ihnen zeigt sich der Dual-Use-Charakter der Sprache besonders deutlich. Wir werden uns zunächst kurz ihrer hellen Seite zuwenden (die Rede von der hellen oder dunklen Seite der Metapher – und von Sprache allgemein – ist natürlich selbst wieder eine Metapher). Drei nützliche Seiten von Metaphern werden in Betracht gezogen: Sie ermöglichen uns, über Dinge zu reden, über die wir (noch) nicht reden konnten; sie lassen uns Dinge sehen, die wir (noch) nicht gesehen haben; sie helfen uns Dinge zu verstehen, die wir (noch) nicht verstanden haben.

Danach wenden wir uns der dunklen Seite der Metapher zu und untersuchen ihr Potential zur Manipulation und Verletzung. Wir werden sehen, dass Metaphern, mehr noch als andere Sprachformen, hartnäckig, geradezu klebrig sein können; sie gehen einem kaum mehr aus dem Sinn. Oft besitzen sie eine affektive Komponente, die unsere Handlungsbereitschaft erhöht. Und sie haben einen Inhalt, der pragmatisch erschlossen werden muss; dadurch hält sich die Sprecher:in ein Hintertürchen offen.

Eine Art Übertragung

Was macht einen sprachlichen Ausdruck zu einer Metapher? Der Kern der Antwort besteht darin, dass eine Metapher entsteht, wenn ein Wort oder eine Wendung seinem angestammten Zusammenhang entfremdet und in einen neuen Zusammenhang gestellt wird. Es kommt dann zu einer semantischen Spannung. Das Wort «Welle» bezeichnet eigentlich ein aquatisches Phänomen, wird nun aber aus diesem Zusammenhang herausgenommen und dient jetzt zur Bezeichnung von Fluchtbewegungen oder der Verbreitung von Krankheiten. Diese semantische Spannung ist kennzeichnend für Metaphern ganz generell. Das Wort «Wolf» wird gewöhnlich zur Bezeichnung von Tieren einer bestimmten Art gebraucht. Sagt man nun, der Mensch sei ein Wolf, so verwendet man das Wort streng genommen falsch; irgendwie ‹uneigentlich›. Von der eigentlichen, wörtlichen Verwendungsweise des Wortes wird abgewichen: Denn der Mensch ist eben (eigentlich) kein Wolf. Nur weil es signifikante Unterschiede zwischen Mensch und Wolf gibt, ist «Der Mensch ist ein Wolf» eine Metapher – und zwar eine, die uns auf Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Wolf hinweisen möchte. Wir erkennen, dass wir es mit einer Metapher zu tun haben, gerade weil sie wörtlich genommen falsch ist; oder einfach nur trivial, wie z.B. in John Donnes berühmtem Gedicht No man is an island. Diese semantische Spannung setzt einen pragmatischen Interpretationsprozess in Gang, auf den wir weiter unten noch zu sprechen kommen werden.

Allerdings ist die Rede von der eigentlichen oder wörtlichen Bedeutung eines Ausdrucks nicht unproblematisch. Könnte nicht auch die metaphorische Verwendung die eigentliche sein? Manche sehen in der Metapher nicht die Abweichung, sondern die Norm, die hauptsächliche oder grundlegende Redeweise. Manche Autor:in behauptet gar, die ganze Sprache sei metaphorisch (Hesse 1988, 1). Und Paul Ricoeur (1978) zufolge bezieht sich die Metapher (bzw. die poetische Sprache als solche) genauso auf die Wirklichkeit wie andere Sprachformen auch. Allerdings verlange die metaphorische, poetische Redeweise ein Art Aufhebung oder Suspendierung der gewöhnlichen Bezugnahme – z.B. auf Tiere der bestimmten natürlichen Art (canis lupus), wenn wir von Wölfen reden. Gleichzeitig sei die metaphorische Bezugnahme die ursprüngliche Bezugnahme, insofern sie die Tiefenstrukturen der Wirklichkeit aufdecke (ebd., 153). Die Suspendierung der gewöhnlichen Bezugnahme sei nötig, um einer radikaleren Sicht auf die Dinge Platz zu machen (ebd., 154).

Auch ist die heutige Bedeutung unserer sprachlichen Ausdrücke das Ergebnis eines oft jahrhundertelangen Prozesses. Die ‹ursprüngliche› Bedeutung vieler Ausdrücke ist dabei abhandengekommen oder nur noch etymologisch bewanderten Personen bekannt. Metaphern erscheinen als eine treibende Kraft im Bedeutungswandel (Deutscher 2022). Wir übertragen Wörter aus einem vertrauten Bereich auf einen anderen, oft weniger vertrauten, weniger gut verstandenen Bereich, um uns diesen verständlicher zu machen oder auch überhaupt erst über ihn reden zu können. Wir reden z.B. davon, dass wir einen Gedanken fassen, so wie wir eine Tasse oder einen Hammer fassen. Im Laufe der Zeit bürgert sich die Redeweise mehr und mehr ein, bis wir sie nur noch mit Mühe als Metapher wahrnehmen können. Wir sprechen dann von einer toten Metapher, von einem warmen Lächeln oder einem kalten Blick zum Beispiel, oder eben von Fassen eines Gedankens oder von der Flüchtlingswelle.

Man ahnt schon, dass es Bereiche gibt, über die wir bevorzugt metaphorisch sprechen – über Dinge, die in unserem ‹Inneren› vor sich gehen, und andere Dinge, die sich der unmittelbaren Beobachtung entziehen oder besonders abstrakt sind. Auch gibt es Bereiche, aus denen wir besonders gern Ausdrücke entlehnen, z.B. aus dem Tier- und Pflanzenreich oder unserem eigenen Körper. Statt die ‹eigentliche› oder wörtliche Bedeutung mit einer geheimnisvollen, ursprünglichen Bedeutung gleich zu setzen, sollten wir sie lieber in der konkreten, wahrnehmbaren Erfahrungswelt suchen. Der Wolf ist in erster Linie ein Tier, die Welle ist in erster Linie ein aquatisches Phänomen, und die Architektur ist in erster Linie die eines Bauwerks.

Tote Metaphern, die schon Eingang ins Wörterbuch gefunden haben, sind von neuen und poetischen Metaphern, die weit entfernte Bereiche überspannen, zu unterscheiden. Shakespeare war ein Meister der Metapher, etwa wenn er Hamlet den Menschen als «Quintessenz des Staubs» bezeichnen lässt (Shakespeare 1995, 109). Blumenberg spricht von absoluten Metaphern als «‹Übertragungen›, die sich nicht ins Eigentliche, in die Logizität zurückholen lassen» (Blumenberg 1997, 10), also nicht in eigentliche Rede ‹übersetzbar› sind, sondern einmal mehr die Unterscheidung zwischen eigentlicher (wörtlicher) und uneigentlicher (metaphorischer) Rede in Frage stellen.[1] Ja, man könnte sogar so weit gehen und behaupten, dass sich keine Metapher vollständig in ‹wörtliche› Rede übersetzen lässt: Dass das, was sie uns sehen oder erkennen lässt, immer über den wörtlich ausdrückbaren Gehalt hinausgeht – und sich also gar nicht anders als metaphorisch sagen lässt (Ortony 1975).