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Hanna, die Hauptfigur des Romans, lernt 1938 den jungen SS-Mann, Manfred von Siegstein kennen und lieben. Ihre Beziehung hat eine Schwangerschaft zur Folge. Aber Manfred fällt in Polen. Der Plan einer Heirat ist damit gescheitert. Hanna kann ihren Sohn Siegfried in einem "Lebensbornheim" zur Welt bringen, in einem der Heime, die für uneheliche Mütter die den germanischen Vorbild entsprechen müssen (wie auch die Väter) von Reichsführer SS Heinrich Himmler eingerichtet worden sind. Hanna wird nach Manfreds Tod gezwungen ihren Sohn zur Adoption freizugeben. Wegen Aufsässigkeit wird sie an die Ostfront geschickt. Sie erlebt Krieg, Verwundung, Flucht, wird nach ihrer Heimkehr Trümmerfrau, heiratet einen Heimkehrer und beginnt ein bürgerliches Leben. Sie verdrängt ihre Vergangenheit und ihre Schuld. Sie bringt 2 Kinder zur Welt. Ihre Tochter verlässt früh das Haus zum Studium und kommt als Übersetzerin auf Kongressen in viele Länder. Auf einer Konferenz über Gentechnologie lernt sie den Wissenschaftler Alf Cazador kennen und heiratet nach Amerika. Hannas Mann ist verstorben, sie lebt allein, ist inzwischen 66 Jahre alt und hat nicht mehr erwartet Grossmutter zu werden. Aber ihre 36-jährige Tochter Sonja wird durch künstliche Befruchtung doch noch schwanger. Mit diesem Ereignis bricht in Hanna die lang unterdrückte Vergangenheit auf. Ihre Freundin Bertha überredet sie, nach ihrem Sohn Siegfried von Siegstein zu suchen. Alle Spure verlieren sich in den wirren des Kriegsendes. Hanna fliegt kurz vor der Geburt ihres Enkelkindes zu ihrer Tochter nach Amerika. Während ihres Aufenthaltes entdeckt sie schreckliches und kehrt überstürzt nach Deutschland zurück. Nur ein vor dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm geretteter Zwerg vermag die Wahrheit auszusprechen.
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Seitenzahl: 377
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Die dunkle Seite der Wahrheit
ROMAN
Sigrid R. Ammer
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Copyright: © 2012 Sigrid R. Ammer
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.com
ISBN 978-3-8442-3361-2
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Titelillustration: Gerda Kazakou „Sappho auf Levkas“ (Ausschnitt)
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Mein Dank gilt ganz besonders Frau Gerda Kazakou, die die Entstehung des Romans in vielen Gesprächen mit Ratschlägen, Ideen und kreativer Kritik begleitet hat.
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Ich danke auch Frau Doris Gentz, die freundlicherweise das Manuskript in den Computer geschrieben und mit viel Geduld Korrekturen und Änderungen vorgenommen hat.
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1935 wurde in Berlin der „Lebensborn e.V.“ gegründet. In seiner Satzung heißt es u.a., dass der Lebensborn die Aufgabe hat:
1. Rassisch und erbbiologisch wertvolle, kinderreiche Familien zu unterstützen.2. Rassisch und erbbiologisch wertvolle werdende Mütter unterzubringen und zu betreuen, bei denen nach sorgfältiger Prüfung der eigenen Familie und der Familie des Erzeugers durch das Rasse- und Siedlungshauptamt SS anzunehmen ist, dass gleich wertvolle Kinder zur Welt kommen;3. für diese Kinder zu sorgen;4. für die Mütter der Kinder zu sorgen.In Wahrheit wurden in den Heimen hauptsächlich ledige, „arische“ Mütter und ihre Kinder unterstützt, vornehmlich um Abtreibungen entgegenzuwirken. Allerdings wurden ledige Mütter nur dann in den Heimen aufgenommen, wenn sie den rassischen Anforderungen entsprachen und damit zur „Vermehrung des guten Blutes“ beitrugen.
Folgerichtig wurden nicht nur die Eltern streng auf ihren „erbbiologischen“ Wert untersucht, sondern auch die in den Heimen geborenen Kinder. „Auch sie wurden geprüft, bewertet und `aussortiert´, wenn sie nicht ins arische Raster passten.“ (Dorothee Schmitz-Köster: „Deutsche Mutter, bist du bereit ...“ Alltag im Lebensborn, Aufbau-Verlag, Berlin 1997). Die Folge war im Rahmen der AktionT4 die Einweisung in eine der Tötungsanstalten, z.B. in die Brandenburger Landesheilanstalt Görden oder in der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar (10.072 Tötungen)
Es ist bekannt, dass die Lebensbornheime wie die Gesundheitsämter in die „Euthanasie-Aktionen“ eingebunden waren.
In Deutschland bestanden neun Lebensbornheime, die meisten davon bis Kriegsende, im besetzten Ausland 13 weitere.
James Watson, Biochemiker: „Genetiker müssen sich als Diener der Menschen betrachten. Nie wieder dürfen sie zu Dienern politischer und sozialer Planer werden.“
Genau dieses Gebot aber ist mit dem Eingriff in die Keimbahn in Gefahr. Zum einen liegt es im Wesen dieser Methode, dass andere – Eltern, Ärzte oder der Staat – über die Genausstattung künftiger Menschen befinden. Der Einzelne ist dem Urteil seiner Schöpfer ausgeliefert.
Zum anderen eignet sich die Keimbahnmanipulation geradezu ideal, um die uralte Utopie von der gezielten Verbesserung des Menschen zu verwirklichen – und damit wird sie zum Instrument der Macht.
…
„Zucht“ setzt einen „Züchter“ voraus, der eugenische, rassische Ziele verfolgt.
(aus Der Spiegel, Nr. 39, 1999, S. 316)
„… Die Probleme der Gentechnik treffen uns in einer Situation, in der viele geglaubt hatten, die Moral zu einer Privatsache erklären zu können oder sich auf rechtliche Regelungen zu beschränken. Nun entdecken wir, dass die Moral der „Preis der Moderne“ ist, wie Otfried Höffe sagt. Die Menschheit hat Jahrtausende gegen den Widerstand der Natur angekämpft, diesem Widerstand sein Leben abgerungen. Nachdem der Widerstand der Natur in wichtigen Teilen weggefallen ist, droht der Mensch nach vorne zu fallen und zu stolpern. Nicht mehr die Natur setzt ihm Grenzen, er muss sich selbst Grenzen setzen.“
(aus der Spiegel, Nr. 39, 1999, S. 318)
***
… zunächst einmal ist der Mensch Kreatur und steht der Wahrheit durchaus als Feind gegenüber. Und in der Tat ist ja die Wahrheit niemals so, wie man sie sich wünschen und wählen würde, aber immer ist sie unerbittlich.
Hermann Hesse
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In Wahrheit ist die Macht der Vergangenheit
eine der schwersten, die auf dem Menschen lasten
und ihn zur Trübsal niederbeugen.
Maurice Maeterlinck
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Es ist im Leben wie im Schachspiel: wir entwerfen einen Plan:
dieser bleibt jedoch bedingt durch das,
was im Schachspiel dem Gegner, im Leben dem Schicksal,
zu tun belieben wird.
Die Modifikationen, welche hiedurch unser Plan erleidet,
sind meistens so gross, dass er in der Ausführung
kaum noch an einigen Grundzügen zu erkennen ist.
Arthur Schopenhauer
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1
Sie stellte die schwere Gießkanne mit dem frischem Wasser ab und dachte: ´Der Malermeister Hausmann, der also auch. Und 56 Jahre, wie mein Mann. Sie gehen einfach. Wir kommen und gehen, und dann kommen die nächsten und wieder welche und die drängen dich weg, und irgendwann bist du vergessen, und wenn du hören könntest, dann würdest du eine piepsige Stimme fragen hören: Wer ist denn der Onkel da, der Werner Helmers? Und die Mutter oder der Vater würde überlegen und dann vielleicht sagen: Ja, Werner Helmers, der war, glaube ich, so was wie ein Künstler. Frage: Und was für ein Künstler? Ja, ich glaube, der hat so schöne Schränke und Sachen gemacht. Man nennt das Kunstschreiner. Aber vielleicht war das auch sein Bruder … das ist alles lange her … Und jetzt sind sie tot, der Onkel und sein Bruder? Ja, die sind jetzt im Himmel. Im Himmel? Ich meine, also … Und wenn du dann auch noch sehen könntest, dann würdest du das nachdenkliche Gesicht des kleinen Jungen oder des kleinen Mädchens sehen, wie sie zu ihrer Mutter oder ihrem Vater hochschauen, und du könntest ihre Gedanken lesen: Ach Papa, ach Mama, du hast ja keine Ahnung.´
Sie nahm die Kanne wieder auf und ging ein paar Gräberreihen weiter bis zu dem Grab mit den Namen Erich Helmers 1952-1972 und Werner Helmers 1920-1976. Ohne die Kanne abzustellen, goss sie die fünf frisch gepflanzten Reihen von Stiefmütterchen und das Grün der Grabumrandung. Sie trug die Kanne zurück zum Brunnen, schnitt danach ein paar verwelkte Rosen von dem Busch, den sie 1976 für ihren Mann auf dem Familiengrab der Helmers angepflanzt hatte. Dann setzte sie sich, ein wenig außer Atem, auf die Bank, die die Friedhofsverwaltung erfreulicherweise gerade gegenüber dem Helmerschen Grab aufgestellt hatte.
`Wo war ich das letzte Mal stehen geblieben, Werner Helmers?´ fragte sie sich oder auch ihren verstorbenen Ehemann. `Ja, bei dem Brief von Sonja. Also, Werner, gute Nachrichten: Unsere Sonja ist doch endlich schwanger geworden. Sie hat es lange genug versucht. Aber sie hat einen Arzt gefunden und der hat irgend etwas gemacht, so was Modernes. Sie reist jetzt nicht mehr so viel in der Weltgeschichte herum von Kongress zu Kongress und Alf hat eine neue Stelle an irgend so einem Institut bekommen, außerdem ist er Dozent an der Universität dort. Ja, der Alf, ein erfolgreicher Junge! Und unser Erich liegt da neben dir, unser armer Junge.´
Hanna Helmers zerdrückte ein paar Tränen zwischen ihren langen Wimpern, die sie seit ein paar Jahren schwarz tuschte, weil ja nun ihr Haar grau geworden war und da passten schwarze Wimpern, dachte sie. `Damals´, und Hanna schloss die Augen, `waren sie blond und dicht und meine Augen nicht grau, sondern blau und strahlend´. Sie sah sich im Spiegel, im schweren Goldrahmenspiegel, der in ihrem Elternhaus als einziges Erbstück der Mutter in der Diele hing und in dem sie damals, ja damals, sich oft betrachtet hatte. Sie sah sich in ihrer blauen BDM-Uniform davor stehen und ihre blonden Zöpfe bewundern.
„Musst du schon wieder zum Dienst?“, fragte Hannas Vater, der die Diele betreten hatte. Sie hörte wie immer aus dem leicht unwirschen Ton sein Unverständnis heraus und antwortete voller Stolz, indem sie die Enden ihres Halstuches durch den Lederknoten zog:
„Ja, Papa, schon wieder. Übrigens habe ich den Heimabend ganz alleine vorbereitet. Wir werden ...“
„Schon recht, Hanna, mach nur. Aber dass mir die Schule nicht zu kurz kommt! Und komm nicht zu spät nach Hause! Hilf deiner Mutter mehr! Die Zeiten sind schlecht, und wir …“
„Wieso? Die Zeiten sind prima! Ich habe den Sturmbannführer Brandtner für einen Vortrag zum Thema Die Aufgaben der Frau im Nationalsozialismus gewinnen können. Ist das nicht toll?“
„Wir müssen wohl neue Sachen lernen, weil uns neue Aufgaben gestellt werden in diesem Land.“
„Richtig, Papa. Wir schaffen eine neue Welt und es ist phantastisch dabei zu sein. Also tschüss!“
„Nicht zu spät kommen!“
„Ich bin 16, Papa!“
`Papa muss damals schon seine Bedenken gehabt haben. Und nach 1937, wo sie das neue Beamtengesetz erlassen haben, hat er kaum noch den Mund aufgemacht. Er hatte da schon Angst. Die hat ihn zuletzt aufgefressen. Bei mir ist die viel später gekommen, viel später. Das war eine andere Angst als du im Krieg gehabt hast, Werner. Papa hatte Angst um seine Stelle, Mama vor einem Krieg, nur ich war Feuer und Flamme für den neuen Staat und Hitlers Ideen. Damals.´
Hanna spürte, wie sie an etwas zu rühren begann, was hinter den dichten Schleiern der vergangenen Jahrzehnte lag. Sie zog ihre Gedanken in sich zurück, wie eine Schnecke, die unversehens einen Gegenstand berührt hat, ihre Fühler. Sie sprang nach vorn in die Gegenwart.
`Also Sonja ist schwanger, und ich hätte dir ja wirklich gewünscht, dass du Opa wirst. Ich hatte es schon aufgegeben und Sonja wohl auch. Und jetzt ist es doch passiert. Ich freue mich auf das Kleine. Ich hätte es dir so gegönnt. Ist ja fast ein Wunder. Aber mit den modernen Methoden, mit Hormonen oder so was. Ich werde Sonja fragen. Sie hat sich verändert. Sie hat zuletzt nur noch Stippvisiten bei mir gemacht. Aber jetzt plötzlich ruft sie nach ihrer alten Mutter und will mich in Amerika haben! Stell dir vor, ich fliege über den großen Teich, auf meine alten Tage, Werner! Da muss ich für Stupsi einen Platz finden, den will nämlich Alf auf keinen Fall im Haus haben. Was macht mein Pudelchen ohne mich? Also ich muss mir das noch schwer überlegen. Du würdest ja nicht mitkommen, das weiß ich schon. Du hast deine Hölzer und Hobel und Möbelbeizen nie allein lassen können. Wann sind wir schon mal verreist? Du hast ja angeblich genug gesehen im Krieg: Jugoslawien, Ungarn, Griechenland, Kreta. Wir sind nur mit Erich und Sonja an die Nordsee gefahren. Österreich war dir schon zu weit. Und jetzt soll ich nach Amerika, weil Sonja ein Kind kriegt und ich Oma werde.´
Hanna fröstelte, die Sonne stand schon tief und die Feuchtigkeit stieg aus der Erde. Sie schüttelte die Schultern, stand auf und sagte leise:
„Tschüss Werner, ich komm bald wieder, wenn´s Neuigkeiten gibt. Ich freu mich auf das Kleine. Das Leben geht eben weiter.“
Hanna machte sich auf den Weg durch den parkähnlichen Friedhof langsam zurück zum Tor, entlang an der kleinen neugotischen Kirche. Dort erreichte sie wieder der Straßenlärm, dem sie noch für ein paar Minuten in die Kirche entfloh, nicht wegen einer religiösen Anwandlung, sondern vielmehr, weil sie die Kanzel immer wieder bestaunte, die Werner nach dem Krieg geschaffen hatte und an der sogar die Schnitzereien von ihm stammten. `Seiner Hände Arbeit´, dachte sie jedes Mal, `seiner Hände Arbeit.´ Erst dann machte sie sich getröstet und froh auf ihren Heimweg. Zu Fuß erreichte sie ihr kleines Reihenhaus, grüsste nur kurz Frau Güstow von nebenan und hörte schon das freudige Bellen von Stupsi, als sie den Schlüssel im Schloss drehte. Als der Hund an ihr hochsprang, küsste sie ihn wie immer auf sein rechtes Hängeohr, macht sssss, woraufhin sich der Hund brav setzte, und hängte ihren Mantel in die Garderobe. Sie ging in die Küche, braute sich einen Früchtetee und setzte sich mit ihrer geblümten Henkeltasse, die sie noch vom Krieg hatte, ins dunkle Wohnzimmer und schaute durch das große Fenster hinaus in die hereinbrechende Nacht.
Sie nahm Sonjas Brief vom Beistelltischchen, zog ihn aus dem Umschlag und glättete ihn auf ihrem Schoß; immer wieder strich sie über das seidige, hellblaue Papier. `Schwanger´, dachte sie `ich war dreimal schwanger, Sonja wird nie mehr schwanger werden, jetzt ist sie 36, das ist das erste und letzte Kind. Ich war 18, damals, ja damals. Vielleicht erzähle ich Werner einmal von dieser Zeit.´
Wieder stand Hanna vor der grauen Wand, hinter die sie eine Zeit ihres Lebens verbannt hatte, hinter die sie nie mehr hatte schauen wollen und die sich doch wieder zeigte und danach drängte durchstoßen zu werden. Und seit Sonja schwanger war, meldete sich die Vergangenheit immer häufiger.
Draußen gingen die Straßenlaternen an. Hanna sah die Feuchtigkeit der Luft wie Nebelschwaden die Straße hinunterziehen. `München´, dachte sie, `im Herbst, der Wind, die Blätter trieben über die Straße, und der Nebel war dichter. Ich habe ihn ja erst im letzten Moment kommen sehen. Damals, ja damals ... Wieder so ein Vortrag beim BDM.´
Hanna erinnerte sich an ein paar Wörter und Sätze: Relikte, Reste aus einer lange verdrängten Zeit: Sein oder Nichtsein unseres Volkes ... Deutschland muss wieder Kinderland werden … Zwischen Verheirateten und ledigen Frauen ist in der Mutterschaft kein Unterschied … außereheliches Verhältnis wird geduldet … Gut ist, was dem Volk nützt, schlecht ist, was dem Volk schadet … Heilig ist uns jede Mutter guten Blutes …
Manfred von Siegstein kam durch den Herbstnebel auf sie zu, reichte ihr einen Strauß weißer Rosen, die sie schnell hinter ihrem Rücken in Sicherheit brachte, denn er breitete die Arme aus und umschloss sie mit einer festen Umarmung. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter, ihre Stirn lag auf dem Kragenspiegel mit der SS-Rune.
Das Schrillen des Telefons riss Hanna aus dem Bild der Vergangenheit und sie war erleichtert darüber. Trotzdem fand sie sich in der Dunkelheit nicht sogleich zurecht. Das Geklingel ging ihr auf die Nerven. Sie tastete sich zum Lichtschalter, eilte in den Korridor und hob ab. Es war Sonja, die sich aus Amerika meldete.
„Hallo, Sonja, wie geht es dir?“
„Mama, alles ist o.k. hier. Wir sind alle gesund und du?“
„Ich war heute bei Werner, ich meine, auf dem Friedhof, habe ihm erzählt, dass er bald Opa wird.“
„Mama, ich wollte dir nur sagen, dass Alf in Kürze nach Europa kommt, er muss einen Kollegen vertreten, der schwer erkrankt ist. Er wird auch auf einem Kongress in Stuttgart sprechen und wollte dich von dort aus besuchen, bevor er nach Stockholm weiterreist. Er hätte da ein, zwei Tage Zeit. Was meinst Du?“
„Aber Sonja, du weißt, dass Alf jederzeit mein Gast sein kann. Ich hab ihn doch schon seit drei Jahren …“
„… zwei Jahren, Mama!“
„… also seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Ich freu mich sehr, wenn der Junge vorbeischaut.“
„ Der Junge ist allerdings 46 Jahre alt, Mama!“
„Also lass mich wissen, wann das alles sein soll.“
„Ich schick dir ein Telegramm, Mama. Tschüss!“
„Tschüss Sonja und liebe Grüße an Alf. Und sag ihm, dass ich mich freue!“
„Mach ich, tschüss noch mal.“
„Tschüss, Sonja!“
Hanna hängte nachdenklich ein, weil da wieder Klopfzeichen aus der Vergangenheit zu hören waren, die Hanna rasch mit der Fernbedienung ihres Fernsehers übertönte. Was als erstes auf dem Bildschirm erschien, waren zackig marschierende Soldaten, begleitet von einem Marsch aus der grauen Vorzeit. Hanna wusste nicht, sollte sie oder sollte sie nicht? Sie überlegte nur kurz und beschloss dann, dass nein. Sie wollte etwas anderes anschauen. Sie stieß bei einem Sender auf einen Dokumentarfilm über Zugvögel. Da hielt sie an und dachte: `Die fliegen hunderte, vielleicht tausende von Kilometern und immer wieder hin und zurück, Frühjahr und Herbst, und sie finden immer ihren Weg an dieselbe Niststelle.´ Hanna schlief vor dem Fernseher ein. Die monotone Stimme des Sprechers hatte sie schläfrig gemacht und das viele Denken müde. Erst das markerschütternde Geschnatter einer Gruppe von Gänsen weckte sie wieder, und da war auch schon der Abspann. Sie griff zur Fernbedienung, schaltete ab und ging nach oben in ihr Schlafzimmer.
Am Tag nach Sonjas Anruf ging Hanna wieder auf den Friedhof, um sich – wie sie zu sich selbst sagte – mit Werner Helmers zu beraten. Es gab nichts zu gießen und nichts zu richten auf dem Familiengrab der Helmers. So setzte sich Hanna gleich auf die Bank gegenüber und versuchte, ihre Gefühle zu ordnen, damit sie mit Werner darüber konferieren konnte.
`Also, Werner, der Alf kommt bald aus Amerika. Er hat in Europa zu tun, und da will er mich besuchen. Ich freue mich wirklich, ihn wiederzusehen. Er war mir von Anfang an sympathisch, auch wenn er manchmal ein bisschen kühl wirkt und man nichts über seine Kindheit erfahren kann. Da ist er zugeknöpft bis oben hin, als gäbe es ein Geheimnis. Also ich habe irgendwie gemischte Gefühle, wenn ich daran denke, dass ich ein paar Tage ganz allein mit ihm verbringen soll. Vielleicht ist das aber andererseits eine Gelegenheit mal zu sprechen. Ich fahre mit ihm zum Café Kaiser ins Schloss Sonnenbühl. Auf der Terrasse gibt’s eine schöne Aussicht über das Kessertal, was meinst du? Da waren wir doch auch einmal. Wie viele Jahre ist das her?´
Hanna saß mit Werner auf der Terrasse von Schloss Sonnenbühl. Er lächelte sie an, hielt ihre Hand, die seine weit über den Tisch gestreckt und sagte:
„Schön, dass du mich raus gefahren hast. Ich danke dir. Ich brauch mal frische Luft. Die Beizen in meiner Werkstatt reizen meine Nase und Lungen. Bis Samstag ist der Eichenschrank für die Bergers fertig. Das war ein hartes Stück Arbeit, aber zufrieden bin ich. Er ist eins meiner schönsten Stücke, oder nicht?“
„Er gefällt mir sehr gut, Werner, die Bergers werden zufrieden sein, da bin ich sicher.“
„Sie wollen ihn in ihre große Diele stellen, neben eine alte Ritterrüstung. Kannst du dir das vorstellen? Mich wundert, wo er diesen Eisenmann gefunden hat. Allerdings war der Berger ja Schrotthändler nach dem Krieg, da hat der sein Geld gemacht und ist reich geworden.“
Werner Helmers sprach weiter vor sich hin, aber Hanna hörte nicht mehr zu. Sie hatte ein Bild vor Augen, das ihr Mann heraufbeschworen hatte: Eine Ritterrüstung neben einem schweren alten Eichenschrank. Sie schaute in die Landschaft hinaus, sah aber nicht, wie sich der Fluss silbern in der Sonne glänzend durch das Tal schlängelte, sah nicht die bunten Herbstwälder mit ihrem feurigen Rot, dem Gold der Buchenblätter, vielmehr befand sie sich in einer ziemlich dunklen Diele in einem Herrenhaus in München. An einer Wand stand ein fast schwarzer, alter und schwerer Eichenschrank, daneben eine Ritterrüstung. Sie ging auf Zehenspitzen an der Hand von Manfred von Siegstein durch die dunkle Diele auf eine breite Treppe zu, die zu den oberen Räumen führte, wo Manfreds Zimmer lag.
„Hörst du mir überhaupt zu, Hanna?“
„Ja … nein, entschuldige, mir ist nur grad was eingefallen. Ich muss morgen unbedingt die Mäntel von der Reinigung abholen. Es kann ja jeden Tag das Wetter umschlagen.“
Hanna zog ihre Jacke enger um die Schultern, ihr war plötzlich kalt geworden. Werner schüttelte ein wenig den Kopf, lächelte aber seine Frau an und sagte:
„Na ja, jeder hat so seine eigenen Sorgen. Sonst hast du dich mehr für meine Arbeit interessiert. Aber du hast recht, Hanna“, sagte er friedlich, „lass uns gehen, mir wird auch ein bisschen kalt.“
Werner bezahlte, während Hanna ihren alten VW vom Parkplatz holte. Sie fuhren schweigend nach Hause, jeder hing seinen Gedanken nach, wobei Hanna es strikt vermied, die dunkle Diele in Gedanken noch einmal zu betreten. Sie löschte das Bild. Sie verbannte es wie alle Bilder aus ihrer Jugend in die hinterste und verschlossenste Ecke ihres Gedächtnisses. Eine Weile hielt sich ein auffälliges Gefühl der Unsicherheit. Aber schließlich musste sie sich auf die Straße konzentrieren, und als sie die Werkstatt ihres Mannes betrat, um den beinahe fertigen Eichenschrank zu bewundern, was ihr nicht schwer fiel, war sie wieder völlig in der Gegenwart angekommen.
Hanna dachte: `Ich weiß ja nicht, ob sich Alf für unsere Heimatlandschaft interessiert, wo doch Südamerika sicher fantastischere Landschaften aufzuweisen hat. Und sicher sehnt man sich immer nach der Landschaft seiner Kindheit, früher oder später. Egal, ich fahre mit ihm ins Schlosscafé. Gut, Werner?´ Hanna war froh, dass sie wenigstens einen Nachmittag mit Alf verplant hatte und war sicher, dass ihr noch andere Möglichkeiten, die Zeit mit ihrem Schwiegersohn zu verbringen, einfallen würden. Sie erhob sich zufrieden, verabschiedete sich wie immer von Werner Helmers und schlenderte nach Hause.
Zehn Tage später quetschte sich Alf, ein wenig mitleidig lächelnd, in den alten VW seiner Schwiegermutter. Die Begrüßung war herzlich gewesen mit fester Umarmung, wenigstens war es Hanna so vorgekommen.
„Erzähl ruhig, Alf, ich kenne die Strecke vom Flughafen nach Hause gut. Wie war der Flug, wie geht es Sonja?“
Hanna dachte, dass Alf ihre Frage vielleicht nicht gehört hatte, wiederholte sie und bemerkte dann, dass er sie stumm von der Seite her anschaute, und wieder nach vorn.
„Findest du, dass ich zu riskant fahre, Alf?“
„Aber nein, Hanna …“
„Also, sag wie der Flug war und wie es Sonja geht!“
„Ich bin die Fliegerei gewöhnt und schlafe die meiste Zeit.“
„Du hast keine Angst vor dem Fliegen?“
„Wenn ich Angst hätte vor dem Fliegen, Hanna, dann müsste ich meinen Job aufgeben. Unsereins lebt im Labor und auf Konferenzen in aller Welt, weißt du?“
„Mhm. Und Sonja?“
„Ihr geht´s prima und dem Jungen auch.“
„Dem Jungen? Woher weißt du …“
„Das lässt sich heute wissenschaftlich nachweisen durch …“
„Ach so, ja, schon gut … ihr Wissenschaftler …“
„Hanna, nimm lieber die nächste Einfahrt, das hier ist eine Einbahnstraße!“
„Ach, ich Schussel, entschuldige, du hast Recht.“
Hanna steuerte schwungvoll den Wagen wieder in die Straße zurück, und schließlich kamen sie wohlbehalten bei ihrem Reihenhäuschen an. Sie hielt an und Alf nahm seinen Koffer und seine Aktenmappe vom Rücksitz und wartete lächelnd, bis seine Schwiegermutter den VW durch die enge Einfahrt in den Hinterhof geschleust hatte. Hanna kam zurück und sah bewundernd, wie gut Alf in seinem teuren Kaschmirmantel, den eleganten Schuhen und dem modischen Hut, den er in der Hand hielt, aussah. Ihr Blick streifte den teuren Lederkoffer. Als sie den Schlüssel ins Schloss steckte, begann Stupsi zu bellen.
„Ach Gott!“, entfuhr es Alf, „du hast ja einen Hund. Kannst du den vielleicht in ein anderes Zimmer bringen?“
Hanna schaute ihren Schwiegersohn erstaunt an, ging aber hinein und sperrte den Pudel unter dessen Protest in die Gästetoilette. Dann erst erschien Alf im Haus und Hanna fragte:
„Hast du eigentlich Angst vor Hunden oder was?“
„Hunde sind schmutzig, liebe Hanna, Mikrobenträger.“
Hanna antwortete nicht, dachte aber: `Ich bin an keinem meiner Hunde gestorben.´ Sie war ein wenig enttäuscht.
Es dauerte ein paar Stunden, bis sich Alf so richtig wohl fühlte bei seiner Schwiegermutter, aber dann absolvierte er das gesamte Programm, das sie sich liebevoll ausgedacht hatte, ging sogar mit ihr in den Zoo, ein Programmpunkt, der ihm ziemlich schwer fiel, Tiere waren nicht seine Sache.
Hinterlistig hatte sie schon vorher herausgefunden, wo Tiere aus Südamerika im Zoo zu finden waren. Vor dem Gehege der Lamas verwickelte Hanna dann ihren Schwiegersohn in ein Gespräch über seine Heimat, um endlich ein wenig Klarheit über seine Herkunft zu bekommen. Ihre Ausbeute war nicht sehr groß, vielmehr biss sie auf Granit. Er erzählte, was sie sowieso schon wusste. Dass seine Eltern aus Deutschland ausgewandert seien, dass er in Buenos Aires geboren sei und dass sein Vater eine Bullenzucht betreibe. Dass er einmal als Kind sehr krank geworden sei und dass er diese Krankheit auf den Kontakt mit den Tieren zurückführe. Dass er seither Tiere hasse und ihnen überall aus dem Weg gehe. Das allerdings war Hanna neu. Dann hielt er ihr einen Vortrag über die Wirtschaft seines Landes, über Export und die fehlenden wissenschaftlichen Möglichkeiten in Südamerika, weshalb er nach Nordamerika gegangen sei, um dort zu studieren und zu arbeiten. Hanna hatte nur noch halb hingehört und schließlich gar nicht mehr. Sie hatte sich nie für Wirtschaft interessiert.
`Alf doziert gelegentlich, Sonja hat recht. Er lässt sich nicht festnageln und schweigt über seine Familie wie ein Grab. Vielleicht hat auch Alf eine Leiche im Keller.´ Hanna erschrak etwas bei dem Gedanken und ihrem `auch´. `Möglicherweise haben wir ja alle …´ Hanna schob die Gedanken beiseite und erzählte Alf, dass sie vor Jahren einmal aus Alpaca-Wolle für Werner einen sehr eleganten und teuren Pullover gestrickt habe. Sie hakte damit das Thema `Alfs Herkunft´ ab, und wusste selber nicht, warum sie so hartnäckig etwas über ihn herausfinden wollte, worüber selbst Sonja nicht viel hatte erfahren können. Sie hatte einmal zu ihr gesagt, als sie sie auf das Thema angesprochen hatte: Mir ist wichtig, dass ich weiß, wer Alf ist, wie er das geworden ist, ist mir egal. Sie hatte lange vor Hanna aufgegeben, in Alf nach etwas zu graben, was er offensichtlich nicht berührt haben wollte.
Sie verließ unbefriedigt mit Alf den Zoo.
Über Sonjas Zustand erfuhr sie nur Gutes, das Kind gedieh prächtig, alle Untersuchungen waren bestens ausgefallen und auf Alfs Gesicht glänzte das Lächeln eines stolzen Vaters, wenn er davon erzählte.
„Ich weiß nicht, warum ich mir den Anblick meines Kindes im Bauch meiner Frau nicht schon früher gegönnt habe. Weißt du, Hanna, ich habe seither ganz neue Gefühle in mir entdeckt und ich freue mich wahnsinnig auf unseren Jungen.“
Hanna schaute ihren plötzlich so impulsiven Schwiegersohn an. Endlich zeigte sich, was sie immer vermisst hatte: ein Ausdruck von warmherziger Freude. Sie stand auf, küsste Alf auf die Stirn und sagte:
„Ich freu mich auch, mein Junge!“
Zum ersten Mal hatte sie Alf `mein Junge´ genannt. `Ob Alf jemals Erich ersetzen kann? Ach, Hanna, wie denn, kein Mensch kann einen anderen ersetzen!´ dachte sie.
Schon am dritten Tag seines Besuches reiste Alf wieder ab, bestieg sein Flugzeug nach Stockholm und Hanna fuhr vorsichtig vom Flughafen nach Hause. Dann dachte sie lange über Alf, Sonja und das Kind nach. In der Nacht nach Alfs Abreise hatte sie zum ersten Mal nach langer Zeit wieder einen bestimmten Traum, der sie viele Jahre verfolgt hatte und irgendwann, sie erinnerte sich nicht mehr wann, ausgeblieben war. Immer häufiger tauchten Erinnerungsbilder auf, und sie wunderte sich darüber, was alles in ihr verborgen oder verschüttet lag. Vorsichtig, scheu, auch ängstlich ließ sie ihre Erkundungen über sich selbst zu, vor denen sie aber immer wieder zurückschreckte.
2
Sie war jetzt häufiger auf dem Friedhof, so dass der Friedhofsgärtner, dem sie oft begegnete, meinte, was für eine treue Ehefrau Hanna doch sei, dass sie fast jeden Tag am Grab ihres Mannes erscheine und auch lange da verweile. Manchmal unterhielt sie sich mit dem Gärtner, aber oft war er ihr auch lästig, weil sie sich lieber mit ihrem Mann `unterhalten´ wollte.
Hanna erzählte nicht alles ihrem Werner. Sie unterschied sorgfältig das Sagbare vom Unsagbaren. Das Unsagbare gestand sie nur sich selbst ein und behielt, was aus ihrer Vergangenheit hervordrängte, für sich. Manchmal plagten sie deshalb Schuldgefühle, denn sie liebte ihren Werner noch immer, und es war gegen ihre Überzeugung, dass sie Geheimnisse vor ihrem Mann haben sollte. Aber sie hatte sie nun einmal, und sie wollte sich nicht darüber grämen.
Eines Tages erinnerte sie sich an den eleganten Koffer Alfs und wie er ihn sorgfältig behandelt hatte, damit dem Leder kein Kratzer angetan werde. Dabei fiel ihr dann ihr erster eigener Koffer ein, er war aus Presspappe und hatte an den Ecken Metallkappen. Er war auf allen BDM-Fahrten dabei gewesen, beim Arbeitsdienst, er hatte sie in die Ostmark begleitet und er musste noch irgendwo vorhanden sein, weil sie sich nie hatte von ihm trennen können. Ein Ruck ging durch ihren ganzen Körper, als sie sich ihren uralten Koffer vorstellte. Sie stand auf, holte die Kellerschlüssel vom Schlüsselbrett und stieg in den Keller hinunter. Sie schloss das Holzgitter, hinter dem sie die `besseren´ Sachen verstaut hatte, auf und begann darin zu kramen. Sie musste die alte Puppenstube von Sonja und den Kaufladen von Erich wegräumen, dann ein abgeschlagenes Bett und eine Matratze zur Seite räumen. Dahinter verbargen sich Kartons mit alten Büchern ihrer Kinder. Sie schob alles zur Seite, bis der Kellerdurchgang schließlich chaotisch aussah. Sie musste nach Luft schnappen, weil sie in einer unerklärlichen Eile war und die Dinge herumschob und -zog, als hinge ihr Leben davon ab, den alten Koffer jetzt sofort zu finden. Schweiß stand auf ihrer Stirn, als sie ein altes Sofa mit Mühe zur Seite rückte, weil sie dahinter ihren Koffer entdeckt hatte.
„Na, hab ich dich endlich!“, murmelte sie und schob tief gebückt den völlig verstaubten Koffer zwischen all den hervorgezerrten Gegenständen hindurch unter das Licht im Gang. Dann ließ sie sich erschöpft auf eine Kiste fallen und wischte sich mit ihrem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Sie legte den Koffer, dessen Metallecken und -schlösser verrostet waren, um, beugte sich hinunter und war im Begriff die Schlösser aufzudrücken. Da hielt sie inne. Sie setzte sich wieder auf und starrte auf das braune, zerkratzte Ding, an dem sogar Spinnweben hingen.
„Hab ich dich abgeschlossen? Sicher!“
Hanna fiel auf einmal das kleine runde Schlüsselchen ein, sie konnte es sogar in der Hand spüren, es hing immer an einem roten Band, damit es nicht so leicht zu übersehen war.
`Jetzt hab ich nicht mehr viel wegzupacken. In meinen lieben Koffer kommen meine ganz persönlichen Sachen.´ Sie legte ein Album hinein, ein Dirndl, das sie nur selten anziehen konnte, trug sie doch meistens ihre Uniform, daneben kamen eine kleine Seidendecke mit Stickereien zu liegen und ein Paar blaue, gestrickte Babyschühchen. Dann holte sie aus der Schublade der Kommode eine Fotografie, das Bild eines jungen Mannes in Uniform, und steckte sie, nachdem sie ihm ein schmerzliches Lächeln geschenkt hatte, zwischen die Falten der Seidendecke. Dann legte sie noch ein paar Sachen dazu und klappte den Deckel, der mit blau-weiß kariertem Papier ausgekleidet war, zu und schloss den Koffer sorgfältig ab. Das Schlüsselchen an dem roten Band steckte sie in die Tasche ihrer Uniformhose. Im selben Augenblick kam schon ein Soldat herein und griff sich den Koffer als letztes Stück, das noch auf den Lastwagen geladen wurde. Sie schaute sich noch einmal um und folgte dem Soldaten. Sie waren nach Belgrad verlegt worden.
Plötzlich war ihre Lust, den Inhalt des Koffers zu untersuchen, in sich zusammengebrochen. Sie hatte auch keine Ahnung, wo das Schlüsselchen sein konnte. So saß sie einige Augenblicke nur da, ausgepumpt und mit leerem Gehirn. Schließlich zerrte sie all das Ausgeräumte unsanft in den Kellerteil für `bessere Sachen´ zurück, als letztes ihren alten Koffer.
Ihr war ein wenig schwindlig, als sie wieder in ihrem Wohnzimmer saß und sich sagte, wie dumm es war, in alten Sachen herumzuwühlen und dass sie Werner davon nichts erzählen würde. Sie beschloss, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen und möglichst zu vergessen. „Dieser affige Lederkoffer von Alf“, murmelte sie vor sich hin, „der ist an allem schuld!“
Sie ging zum Telefon und rief ihre Freundin Berta an, da brauchte sie nichts zu sagen als „Wie geht’s dir?“, dann würde Berta übernehmen für eine halbe Stunde, und zuletzt würde Hanna der Kopf schwirren von all den Geschichten und Skandalen der europäischen Adelshäuser.
Einige Wochen später saß Hanna an ihrem Frühstückstisch, als sie hörte, wie der Briefträger etwas in ihren Briefkasten warf und die Metallklappe wieder herunterfiel. Sie legte ihr Brötchen auf den Teller zurück und ging hinaus. Sie war neugierig, wartete sie doch schon lange auf einen Brief aus Amerika. Die Enttäuschung war groß: Nichts weiter als bunte Reklameblätter fielen ihr in die Hände. Sie trug sie ins Haus. `Jetzt mache ich wirklich einen Aufkleber an meinen Briefkasten, dass ich keine so blöde Werbung mehr will. Ist ja reine Papierverschwendung!´ Trotzdem legte sie einen Minikatalog neben ihre Tasse, nahm ihr Brötchen wieder zur Hand und las, während sie hineinbiss: Sommermode 1986. `Na ja, das will ich mal durchblättern.´
Alles nette junge Menschen im Katalog, Sommerkleider und Badeanzüge. `Brauch ich einen? Baden? Ich?´ Ihr Rücken begann zu brennen, trotzdem schaute sie aufmerksamer hin und stutzte plötzlich: ein schwarzer Badeanzug, klassischer Schnitt mit drei weißen Streifen schräg von der Schulter zur Hüfte. `Genau wie meiner. Den hatte ich doch mal. Gott, vor unendlichen Jahren! Denen fällt auch nichts Neues mehr ein!´ Sie starrte auf das bunte Bild mit dem blonden Mädchen, das sich aus seinen langen Haaren einen Zopf geflochten hatte, der dekorativ über ihre Schulter auf die Brust hinunter hing. Hanna legte ihr angebissenes Brötchen langsam auf den Teller zurück, bedeckte mit der Linken das Bild und schloss die Augen.
Im Sommer 1939 stand sie in Ammerland am Starnberger See an der Bushaltestelle und wartete auf Ilse, ihre Cousine, die in München wohnte und mit der sie sich treffen wollte zum Schwimmen im See. Ihre BDM-Führerin, Frau Kessler, hatte ihr für den Sonntagnachmittag frei gegeben. Die Jungmädchen des Zeltlagers würden mit Frau Kessler eine Wanderung machen, und es würde genügen, wenn Hanna am Abend gegen sechs Uhr zurück wäre. Nun stand sie also da und wartete, allerdings vergebens, auf ihre Cousine. Der Bus kam ohne Ilse, und Hanna beschloss, die Uferstraße entlang zu gehen, um für den 15.00 Uhr Bus zurückzukommen.
Sie ging einen grünmoosigen Gartenzaun entlang, kam zu einem Gartentürchen, das schief in seinen Angeln hing und den Blick auf ein Seegrundstück freigab, das etwas verwahrlost und unbenützt aussah, obwohl es ohne Zweifel ein Privatgrundstück war. Die Sonne stand hoch, es war heiß, der Asphalt strahlte Hitze ab, und Hanna überlegte nicht lange, betrat das Grundstück und ging auf den See zu. Kiesel bedeckten das Ufer, rechts und links war das Grundstück von Bootshäuschen begrenzt. Sie suchte sich einen Platz auf den Kieseln, schaute sich noch einmal um, breitete ihr Badehandtuch aus und setzte sich. Im Sitzen zog sie sich aus, den Badeanzug hatte sich schon im Zeltlager angezogen, strich ein wenig Niveasonnencreme auf Hals und Brustansatz und schaute verträumt hinaus auf den See. Leise plätschernd schlugen kleine Wellen an das Bootshaus, ein einschläferndes Geräusch. Auf dem See glitzerten die Sonnenstrahlen wie tausend Wunderkerzen. Hanna legte sich zurück und schaute in den klaren blauen Himmel hinauf. Sie schloss die Augen, gab sich dem Plätschern und der Sonnenwärme hin.
Schon nach kurzer Zeit hatte sie genug vom Faulenzen, setzte sich wieder auf, stülpte sich die Badekappe über den Kopf, schob mit Schwierigkeiten ihre beiden dicken Zöpfe darunter, sprang auf die Beine und ging zum Wasser hinunter. Sie streckte einen Zeh hinein, um dann plötzlich loszurennen und sich regelrecht ins Wasser zu stürzen. In großen langen Zügen schwamm sie auf den See hinaus, hielt inne und begann, mit Füßen und Armen zu strampeln. Sie schrie vor Lebensfreude. Plötzlich fiel ihr Ilse ein, und Hanna wusste nicht, wie viel Zeit schon vergangen war. Im Kraulstil schwamm sie zum Ufer zurück, ihr Gesicht bei jedem Zug kurz untertauchend. Sie stieg aus dem Wasser, drehte sich dem See zu, schüttelte sich und rieb sich das Wasser aus dem Gesicht. Sie schaute zum anderen Ufer hinüber, das malerisch mit feinem Dunst bedeckt war. Dann drehte sie sich um und sah einen jungen Mann neben ihrem Badetuch sitzen.
`Ach, Mist, was will jetzt der da. Der hat mich vielleicht gesehen und gehört, wie ich rumgeplanscht habe!´ Sie ärgerte sich und war ein wenig verlegen. Dann drückte sie das Kreuz durch und ging auf ihr Handtuch zu. Der junge Mann hatte die Knie angezogen, die Arme darumgelegt und schaute ihr ernst entgegen. Als sie seinem Blick begegnete, blieb sie stehen. Sie schauten sich an. Die Sonne schien ihm in das offene, noch jungenhaften Gesicht. Langsam hob er seine rechte Hand und strich sich die blonde Tolle weg, die aber gleich wieder auf seine hohe Stirn zurückfiel. Ein kaum merkliches Lächeln spielte um seine Lippen.
Die beiden standen unter einem Bann. Eine für Hanna unerklärliche Macht legte sich wie eine Schlinge um sie. Ihre Brust hob und senkte sich unter einem tiefen Atem. Sie führte ihre beiden Hände nach oben und legte sie wie ein Schutzschild vor ihren Bauch. Sie verharrten wie Statuen. Plötzlich fuhr ein Schauer durch Hanna. Sie war am ganzen Körper von einer Gänsehaut überzogen.
„Sie frieren“, flüsterte der junge Mann und griff nach Hannas Handtuch. Er stand auf und trat zwei Schritte auf sie zu. Als Hanna weiter stumm dastand, legte er ihr das Handtuch um die Schultern, offensichtlich darauf bedacht, sie nicht zu berühren. Hanna nickte und zog das Handtuch um sich.
„Wer sind Sie?“, fragte Hanna.
„Ich heiße Manfred. Und Sie?“
Hanna zögerte. Aber Manfreds Augen strahlten sie so offenherzig an, dass sie ihm ihr erstes Lächeln schenkte und antwortete:
„Hanna. Hanna Bauer.“
„Wenn Sie sich umziehen wollen, können Sie in das Bootshäuschen gehen. Es ist offen. Meine Kameraden sind mit dem Segelboot meiner Tante hinausgefahren. Ich hatte keine Lust dazu. Ich spiele lieber Klavier oder bleibe allein. Das kommt öfter vor. Schauen Sie dort!“ Der junge Mann zeigte hinaus auf den See. Hanna sah die weißen Segel, gebläht vom Wind. Und winzige Figuren im Boot. Für eine Sekunde wünschte sie sich dort hinaus mit diesem jungen Mann, um sich den Wind ins offene Haar wehen zu lassen und mit ihm in die Sonne zu lachen. Das Bild verschwand so schnell, wie es gekommen war im Dunst, der über dem See lag.
Hanna wandte sich Manfred zu, erhaschte eine kleine Traurigkeit in seinen Augen, die sofort wieder unter seinem jungenhaften Lächeln verschwand.
„Sie können das Bootshaus ruhig als Umkleidekabine benützen“, wiederholte er sein Angebot.
„Das ist nett von Ihnen. Danke. Ich gehe dann.“
Hanna nahm ihre Sachen und ging. Bevor sie um die Ecke bog, drehte sie sich noch einmal um. Manfred schaute ihr noch immer nach, und sie glaubte ein leichtes Nicken zu erkennen. Sie schenkte ihm ein zweites Lächeln, das er aber auf die Distanz wohl kaum erkennen konnte.
Als sie angekleidet aus dem Bootshäuschen trat, sah sie Manfred auf dem Steg stehen, der in den See hinausführte. Er drehte ihr den Rücken zu. Auch er war jetzt in seinen Kleidern. Er trug eine Uniform, eine schwarze. Als er sie kommen hörte, drehte er sich um, und wieder standen sie sich schweigend gegenüber.
„Wenn Sie wollen und Zeit haben, können wir einen Spaziergang auf der Seestraße machen. Meine Kameraden werden erst später zurückkommen, ich schreibe einen Zettel, dass ich sie bei meiner Tante treffe. Das hier gehört ihr, ihr Haus steht auf der anderen Seite der Straße. Sie ist allein und kann Haus und Uferanteil nur schwer selber in Ordnung halten“, sagte er entschuldigend, weil das Grundstück so verwahrlost aussah.
Hanna nahm ihre Strohtasche auf, die ihr Manfred sofort abnahm, und folgte ihm den Steg entlang, zum Gartentor hinaus. Sie schlenderten schweigend die Seestraße hinunter, schauten sich die herrschaftlichen Häuser an, die entlang der Uferstraße in weitläufigen Gärten standen, jedes mit seinem eigenen Seestück.
„Ich bin auf der Junkerschule in Bad Tölz“, begann Manfred. „Die meisten von uns haben sich freiwillig zur SS gemeldet. Wir bekommen dort eine sehr gute militärische Schulung. Und ein bisschen weltanschaulichen Unterricht natürlich auch. Aber der hält sich in Grenzen. Das interessiert Sie wahrscheinlich kaum. Was machen denn Sie?“
„Im Augenblick bin ich mit einer Jungmädchenschar im Zeltlager, habe aber frei. Ich wollte mich mit einer Cousine zum Baden treffen. Aber sie ist nicht gekommen.“
Hanna hoffte, dass sie auch mit dem 15.00 Uhr Bus nicht eingetroffen war, denn es musste inzwischen 3 Uhr vorbei sein.
„Aber sonst gehe ich noch zur Schule, wissen Sie.“
„Meine Tante Margarete macht einen fantastischen Kaffee, alles echt. Haben Sie Lust auf eine Tasse? Es ist gerade die richtige Zeit.“, fragte Manfred etwas unvermittelt und war schon stehen geblieben, um umzukehren.
„Ja, gerne“, sagte Hanna etwas schüchtern. Und so gingen die beiden wieder zurück. Jetzt schlug Manfred eine raschere Gangart an. Dabei erzählte er von seiner Tante Margarete.
„Wissen Sie, meine Tante ist ein seltsamer Vogel und nicht gut einzuordnen. Sie grüsst mit Heil Hitler, aber ich habe sie noch nie die Hand hochheben sehen. Und in die Partei bringt sie keiner rein.“
„Wäre das wichtig für Sie?“
„Ach, wissen Sie, Hanna, ein paar von unserer Sorte täten der Partei ganz gut. Sie würde an Ansehen gewinnen und Zögerer überzeugen von der Bedeutung unserer Ideen.“
Hanna wusste nicht, von was für einer Sorte Manfred und seine Tante waren. Sie ließ es auf sich beruhen. Sie war nicht sonderlich neugierig. Die Tante selbst interessierte sie viel mehr.
„Erzählen Sie von Ihrer Tante, dem seltsamen Vogel, wie Sie sie nennen“, forderte Hanna ihren Begleiter auf.
„Also, was soll ich Ihnen sagen. Über meine Tante gehen in der Familie eine Menge Geschichten um. Als sie z.B. in Pommern bei Verwandten in Ferien war – sie soll damals so 14, 15 Jahre alt gewesen sein – hat sie zur Köchin ihres Onkels gesagt: „Heute gibt´s Forellen, Käthchen!“ „Nein“, hat diese geantwortet, „heute gibt´s Hirschbraten, der Herr war zur Jagd.“ „Nein, Käthchen, es werden Forellen sein!“ hat sie gerufen und ist weggelaufen, um stundenlang im Bach zu stehen und Forellen mit der Hand zu fangen. Es gab Forellen an dem Tag.“
Hanna wusste, wie das ging, hatte sie doch auf diese Weise selbst in den Ferien mit Dorfburschen zusammen Forellen in der Erms gefangen.
„Margarete soll auch mal Kirschen geklaut haben, weil der Bursche vergessen hatte, welche auf dem Markt zu kaufen. Sie hat in Pommern ein Baumhaus gebaut mit Säge und Nägeln und darin übernachtet. Keiner konnte sie von der Kastanie runterkriegen! Bei Onkel Friedhelm in Pommern hat sie sich mal den verrücktesten Gaul aus dem Stall geholt, ist runtergefallen und hat sich die Hüfte gebrochen. Seither hinkt sie und geht an schlechten Tagen am Stock. In den 20iger Jahren ist sie nach München gefahren und hat mit einem Maler zusammengelebt und Zigaretten geraucht. Das macht sie auch heute noch, sogar öffentlich! Stellen Sie sich das mal vor! Aber sie ist eine tolle Frau!“
Hanna nickte begeistert und war nun doch neugierig geworden und wollte diese außerordentliche Frau kennen lernen.
„Warum hat sie nicht geheiratet?“
„Sie wollte nicht. Sie hat zu ihrem Vater gesagt: Ich tauge nicht zur Ehefrau, ich kann nicht gehorchen!“
Sie näherten sich einem efeuumrankten Gartentor, und Hanna erkannte ein schweres Messingschild am linken Pfeiler. Beim Herantreten las sie MARGARETE VON SIEGSTEIN. Sie schreckte ein wenig zurück, nahm dann allen Mut zusammen und betrat das weitläufige Anwesen. Jetzt war ihr auch klar, von welcher Sorte Manfred gesprochen hatte. Hanna war noch nie mit Leuten vom Adel zusammengekommen. Auf verschlungenen Pfaden, die unter ungeschnittenen, von verrosteten Eisengestellen herunterhängenden Rosenhecken hindurchführten, kamen sie zu einem hinter dichten Pappelreihen versteckten Herrschaftshaus. Zwischen den Trittsteinen wuchs wildes Gras und gelber Löwenzahn. Der Kies rund um das Haus war ungeharkt und gab da und dort die Erde frei. Sie gelangten zu einem Portal, zu dem breite Marmorstufen hinaufführten. Sie stiegen die Treppen hoch, und Manfred schob die schwere, alte Eichentür auf.
„Meine Tante ist sehr lieb, müssen Sie wissen. Meine Kameraden und ich können hier nächtigen, solange wir wollen. Und sie lässt sogar für uns kochen, allerdings ziemlich rustikale Speisen.“
Sie betraten eine hohe dunkle Halle mit Wappenschildern und alten ausgeblichenen Gobelins an den Wänden. Ein Lichtstrahl fiel schräg aus einem hoch liegenden Fenster auf eine Tür, durch die in diesem Augenblick Manfreds Tante Margarete von Siegstein trat. Hanna erkannte sie an ihrem schwarzen Stock mit Silberknauf. `Aha, ein unguter Tag´, sie erinnerte sich an den dichten Dunst, der über dem See lag.
„Heil Hitler, mein Junge! Ahhhh und wer ist das?“
Frau von Siegstein kam – gekleidet in ein altmodisches, aber teures hellgraues Sommerseidenkleid, das ihr sehr gut stand, wie Hanna feststellte – den beiden entgegen. Sie verließ den Lichtstrahl, in dem die Staubpartikel tanzten, und tauchte in das Halbdunkel der Halle. Manfred stellte Hanna seiner Tante vor und sagte dann schmeichlerisch:
„Tantchen, eine Tasse von deinem guten Kaffee wäre schön jetzt.“
„Kriegt ihr, Kinderchen, kriegt ihr. Geht in den Salon, ich lass ihn bringen.“
Hannas Blick hatte nur flüchtig auf Frau von Siegstein fallen können, bevor sie wieder ins Dunkel getreten war. Aber ihre Stimme hatte sie beeindruckt. Sie hatte bestimmt, aber hell geklungen wie von einer sehr jungen Frau. Dabei musste sie doch mindestens vierzig Jahre alt sein, schätzte Hanna.
Manfred ging voraus, Hanna folgte, vorsichtig auf die alten Teppiche tretend. Sie kamen in einen großen Raum mit schmalen hohen Fenstern, an denen schwere, etwas verblichene Samtvorhänge hingen. Hanna fiel sofort ein schwarzer Flügel auf und eine sehr hohe Pendeluhr. Drei Kanapees bildeten drei Seiten eines großen Vierecks, Sessel und niedrige Tischchen die vierte. Manfred stellte Hannas Tasche neben eines der Kanapees und forderte sie auf, sich zu setzen. Sie schaute sich vorsichtig um. Manfred bemerkte es lächelnd und sagte ein wenig ironisch:
„Ja, wissen Sie. Wir gehören zum so genannten verarmten Adel Deutschlands. Früher hatten wir Schlösser oder riesige Güter im Osten, heute sind es Herrenhäuser und was es morgen sein wird, weiß Gott.“
Hanna wusste nichts darauf zu antworten und schwieg verlegen. Schlösser kannte sie nur als touristische Besucherin, z.B. Schloss Lichtenstein in ihrer Heimat. Und da sprach man dann nur im Scherz vom Burgfräulein. Eine Konversation wollte nicht so recht in Gang kommen, und als Manfreds Blick auf den Flügel fiel, fragte er entschlossen:
„Soll ich etwas für Sie spielen, Fräulein Bauer?“
Hanna schaute Manfred bewundernd an und nickte nur. Er ging zum Flügel, schlug ihn auf, ließ ein paar Läufe hören, um dann in eine Beethovensonate überzugehen. Er spielte mit viel Hingabe. Der Anfang war zwar etwas holprig und er schaute entschuldigend zu Hanna hinüber. Aber dann floss ihm die Musik aus den Händen, dass Hanna ihre Umgebung vergaß und nur noch den Melodien lauschte.
„Jaja, Fräulein Bauer, unser Junge ist begabt“, hörte Hanna plötzlich die Stimme der Tante, die ihre Hand auf ihre Schulter legte und nahe an ihrem Ohr flüsterte:
„Er sollte auf das Konservatorium, er hat das Zeug zum Pianisten! Ich habe es immer gesagt und mich mit meinem Bruder Alfred oft gestritten. Er sollte unbedingt zum Militär, meinte Alfred. Und da hat sich der Manfred freiwillig gemeldet. Unser Führer braucht sicher tüchtige junge Männer, aber unser Manfred taugt nicht dafür, der ist für die Musik geboren!“
