Die dunklen Wasser der Limmat - Saskia Gauthier - E-Book

Die dunklen Wasser der Limmat E-Book

Saskia Gauthier

5,0

Beschreibung

Zürich im Sommer. Lisa Klee, eine unerfahrene Assistenzärztin der Rechtsmedizin, macht sich bei Kollegen und Ermittlungsbehörden zum Gespött, weil sie hinter einem offenkundigen Selbstmord ein Tötungsdelikt vermutet. Als sie bei weiteren Obduktionen Ungereimtheiten feststellt, kommt sie einem verborgenen Geheimnis auf die Spur. Doch ihre dunklen Vorahnungen werden von niemandem ernst genommen. Lisa bleibt nichts anderes übrig, als auf eigene Faust zu ermitteln und bringt sich damit in tödliche Gefahr …

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Saskia Gauthier

Die dunklen Wasser der Limmat

Kriminalroman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © anshar73 / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-7070-7

Widmung

Für Pascal, Noah und Flurin. Ihr seid das Beste was mir je passiert ist.

Prolog

Sie lief weiter. Die hohen Absätze versanken im weichen Boden. Erschwerten ihr das Vorankommen. Ihr Atem ging schnell, zu schnell. Er schien jedes Geräusch zu übertönen. Äste kratzten an ihrem Gesicht, verhedderten sich in ihrem Kleid. Das schöne, sündhaft teure Kleid, das sie erst vor zwei Tagen in der Bahnhofstraße gekauft hatte. Mit einem Anflug des Bedauerns registrierte sie das hässliche Ratschen, als ihr Kleid riss. Egal. Sie musste weiter. Er war schon ganz nah. Sie konnte ihn förmlich spüren.

Da sah sie die Lichter. Sie tanzten durchs Geäst wie Irrlichter in einem Märchen. Nun hörte sie auch Stimmen. Jemand lachte. Das leise Hämmern von Musik. Das dröhnende Brummen eines Motorrads. Vorsichtig schob sie ein paar Haselnusszweige zur Seite und versuchte, durch die Dunkelheit zu spähen. Fast hätte sie vor Erleichterung laut aufgelacht. Die Straße war ganz nah. Sie musste nur noch über diese Wiese. Eine sanft abfallende Wiese. Mit weichem grünem Gras. Ein Ort zum Verweilen, zum Sonnenbaden und Picknicken. Tagsüber natürlich. Nun aber lag die Wiese schonungslos offen vor ihr. Sie bot keinen Schutz. Keine Deckung. Wie lange würde sie brauchen, um sie zu überqueren? Sekunden? Minuten? Würde es reichen? Würde sie schnell genug sein?

Da hörte sie das Knacken eines spröden Asts. Nicht weit von ihr entfernt. Ihr Kopf ruckte herum. Sie lauschte fast regungslos. Nur ihre Nasenflügel bebten, als sie den Kopf hob und wie ein Tier witterte. Da knackte es noch mal. Dieses Mal näher. Sie musste hier weg. Sofort. Mit zitternden Händen schob sie die Äste auseinander und schlängelte sich hindurch, vorsichtig da­rauf bedacht, ja kein Geräusch zu machen. Noch ein Schritt, dann wäre sie auf der großen Rasenfläche. Ihr kam eine Idee, die ihr für einen Moment so absurd vorkam, dass sie erneut beinahe hysterisch auflachen musste. Am Boden lag ein knüppeldicker Teil eines abgebrochenen Asts. Sie hob ihn hoch, wog ihn kurz in den Händen und schleuderte ihn dann mit aller Kraft nach rechts. Ihre Hoffnung wurde erfüllt, und der Ast krachte mit einem lauten Knacken gegen einen Baumstamm. Das würde ihren Verfolger vielleicht kurz ablenken. Ihr die Zeit geben, die sie brauchen würde, um über die offene Wiese auf die Straße zu rennen. Sie schob die letzten zwei Haselnussruten zur Seite und trat hinaus auf die offene Fläche. Drehte sich ein letztes Mal um, blickte hektisch nach allen Seiten und rannte los.

Da trat sie auf die Dose. Eine achtlos weggeworfene Bierdose. Ein junger Mann hatte sie leer getrunken. Hatte die Feierabendstimmung im Park genossen. War zu faul gewesen, um zum Mülleimer zu laufen. Unwissend, was seine Dose für Folgen haben würde. Wahrscheinlich saß er just in diesem Moment in seiner Zweizimmerwohnung und sah sich das spannende Match zwischen Roger Federer und Raffael Nadal an, das gerade im Fernsehen übertragen wurde.

Unnatürlich laut schepperte es durch die Nacht. Wie in einem Zeitraffer nahm sie das Geräusch wahr, wie es durch die Dunkelheit schallte, sich in der Ferne verlor und einem Echo gleich wieder zu ihr zurückkam. Wie als Antwort darauf vernahm sie ein Rascheln in den Haselnussbüschen hinter ihr. Äste brachen unter schweren Schritten. Ihr Verfolger gab sich nun keine Mühe mehr, leise zu sein. Verzweiflung stieg in ihr auf. Sie löste sich aus ihrer Erstarrung und rannte weiter.

Ganz in der Nähe flüsterten die dunklen Wasser der Limmat ihre geheimnisvollen Weisen. Gemächlich und von kleinen Strudeln durchzogen bahnte sich das Wasser seinen Lauf. Es mochte sein Geheimnis nicht preisgeben. Noch nicht.

Kapitel 1

Irgendwie war heute nicht mein Tag. Es war 8.15 Uhr, und ich saß im Rapportraum. Fast alle waren bereits um den ovalen Tisch versammelt und unterhielten sich in gedämpfter Lautstärke. Wir warteten wie immer auf unsere Chefin, bevor die Nachtärztin mit dem Vorstellen ihrer Fälle beginnen konnte. Ich unterdrückte ein Gähnen und schaute zwei Hunden zu, die draußen im Park miteinander herumtollten.

Meine Kollegin drückte ein paar Tasten der Computertastatur, und das Bild eines Leichnams erschien auf der Leinwand. Ein Mann, der in unnatürlich verdrehter Position am Fuße einer Treppe lag. Die weit aufgerissenen Augen blickten erstaunt nach oben, und um den Kopf hatte sich eine Blutlache gebildet. Durch die gegenüberliegende Fensterfront konnte ich noch immer die zwei Hunde miteinander spielen sehen. Nun gesellte sich ein dritter dazu, dessen Frauchen einen Kinderwagen schob. Die Idylle im Park stand in einem grotesken Widerspruch zum überdimensionierten Bild des toten alten Mannes, das auf unserer Leinwand prangte.

Meine Kollegin begann mit der Vorstellung des Todesfalls, den sie in der Nacht hatte untersuchen müssen. Sie zeigte gerade Detailaufnahmen der Verletzungen, als sie durch das laute Klingeln eines Handys unterbrochen wurde.

Mein Diensttelefon. Mist! Schon so früh.

Ich hatte heute Tagdienst, das hieß, ich war von morgens um 8 Uhr bis abends um 20 Uhr für alle außergewöhnlichen Todesfälle in der Stadt Zürich, Untersuchungen lebender Gewaltopfer und allerlei skurrile Anfragen an das rechtsmedizinische Zentrum zuständig. Da ich gestern Abend viel zu spät ins Bett gegangen war und in der Nacht schlecht geschlafen hatte, war ich schrecklich müde und hatte gehofft, dass der Dienst ruhig werden würde. Aber ein gleich am Morgen klingelndes Telefon verhieß nichts Gutes. Eine Entschuldigung murmelnd, ging ich zur Tür und trat auf den Gang hinaus, wo ich fast mit meiner Chefin zusammengestoßen wäre, so dass ich erschrocken zurückzuckte.

»Frau Klee, passen Sie doch bitte auf!«, fuhr sie mich an. Frau Professor Hagmann war eine chaotische Norddeutsche, die eigentlich völlig in Ordnung war. Morgens aber durfte man ihr nicht zu nahe treten. Kopfschüttelnd rückte sie sich ihre Brille gerade und lief in den Rapport­raum. Zurück blieb eine Wolke Parfüm. Chanel Nr. 5, wie ich erschnuppern konnte, denn meine Mutter benutzte dasselbe.

Ich entfernte mich ein wenig von der offen stehenden Tür, aus der die empörte Stimme Frau Professor Hagmanns zu hören war, die sich beschwerte, dass man schon ohne sie mit dem Rapport angefangen hatte, und stellte mich neben den etwas zerrupft aussehenden Drachenbaum, der in einer dunklen Ecke sein trauriges Dasein fristete. Zwar wurde er in vermutlich eher unregelmäßigen Abständen von unserer Sekretärin gegossen, aber Licht und Luftfeuchtigkeit fehlten ihm, so dass er viele eingerollte und braun verfärbte Blätter hatte, die sich regelmäßig immer wieder am Boden ansammelten.

Am Telefon war die Einsatzzentrale der Kantonspolizei Zürich, die mich über einen Todesfall in Kilchberg informierte. Ich kramte in meiner schwarzen Diensthose nach Stift und Zettel, während ich mir das Telefon zwischen Ohr und Schulter klemmte. Prompt fiel mein Stift auf den grauen Linoleumboden. Bis ich den Stift wieder aufgehoben hatte, war klar geworden, dass ich ihn gar nicht brauchte, denn der Todesfall war bei »Vita Aeterna«, einem der in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossenen Sterbehilfe-Vereine. Wer unheilbar krank war oder an unerträglichen Schmerzen litt, konnte sich bei »Vita Aeterna« melden, dessen Slogan »Schön gelebt, noch schöner gestorben – nur mit Vita Aeterna!« lautete, was ich persönlich total daneben fand. Aber der Verein schien genügend Personen anzusprechen, denn neben »Exit« und »Dignitas« war »Vita Aeterna« bereits der drittgrößte Suizidhilfe-Verein der Schweiz, und mir war zu Ohren gekommen, dass nun, in Anbetracht der steigenden Nachfrage, auch im Kanton Aargau mit Blick auf den Hallwilersee expandiert werden sollte. Wir führten beinahe täglich Leichenschauen bei ihnen durch, daher war mir die Adresse bestens bekannt, und ich steckte den Stift wieder in meine Tasche.

Aus dem nahen Rapportraum ertönte lautes Gelächter meiner Kollegen, gefolgt von Stühlerücken. Noch während ich das Telefonat beendete, strömten meine Kollegen schon munter plaudernd aus dem Rapportraum, der sich am Ende eines Gangs befand.

»Na, Lisa, wohin musst du?« Christoph Reichert, einer unserer Oberärzte, war mit einem freundlichen Grinsen neben mir stehen geblieben.

»Ach, nur zu ›Vita Aeterna‹«, antwortete ich mit einem Lächeln, während ich zu Christoph aufschaute und seinen Geruch aus Rauch, Aftershave und etwas, was mich immer an altes Leder erinnerte, wahrnahm.

Christoph nickte und klopfte mir mit seiner Pranke aufmunternd auf die Schulter. »Du weiß ja, ich habe Hintergrunddienst. Wenn also vor Ort was komisch ist oder du Fragen hast«, sein Grinsen wurde breiter, »ruf – mich – an!«, ahmte er eine Werbung für Telefonsex nach und brach in krächzendes Gelächter aus.

Ich fiel in sein Lachen ein und entgegnete: »Klar, mache ich. Aber ›Vita Aeterna‹, das ist ja immer das Gleiche. Was soll da schon sein?«

Ich lief durch den langen, geraden Gang zu meinem Büro, das sich auf der entgegengesetzten Seite des Rapportraums befand. Der Schreibtisch meiner Kollegin, mit der ich mir das Büro teilte, lag dem meinen direkt gegenüber und sah aus wie aus dem Ei gepellt. Kein Blatt lag darauf, das nicht dorthin gehörte. Ganz im Gegensatz zu meinem, wie ich mit dem Anflug eines schlechten Gewissens bemerkte. Kreuz und quer lagen da die Akten durcheinander, eine gebrauchte Kaffeetasse stand neben der Tastatur, und der Bildschirm war voll mit an den Rand geklebten, vollgekritzelten Post-it-Zetteln. Mit einem Seufzen registrierte ich, dass auf meinem Stuhl die grüne Akte eines Obduktionsfalls lag, den ich vor einigen Wochen zur Korrektur des Obduktions-Gutachtens an die zuständige Oberärztin gegeben hatte. Darauf klebte ein rosa Zettel in Form eines Sterns, auf dem nur ein einziges Wort stand: ›Besprechen‹. Na, das verhieß ja nichts Gutes.

Ich ging zum Schrank, der sich an der Wand neben der Tür befand, und nahm meine beiden Diensttaschen und den Fotokoffer heraus. Kurz kontrollierte ich, ob ich auch alles hatte, bevor ich mich auf den Weg zum Auto machte.

Unser Institut war mit dem Institut für Theologie zusammengebaut. Die Eingänge zu den Instituten befanden sich unmittelbar nebeneinander, wobei auf dem einen in schwungvoller Schrift ›Alle Menschen sind willkommen‹ mit Verweis auf eine Bibelstelle und auf dem anderen in großen roten Druckbuchstaben ›Rechtsmedizinisches Zentrum – Unbefugten Eintritt verboten‹ prangte. Früher einmal hatte das RZZ zur Universität Zürich gehört, war aber vor einigen Jahren privatisiert worden. Da der Universitäts-Campus am Standort Irchel sich ohnehin im Umbau befand, konnte die Trägerschaft der Uni das Gebäude abkaufen, und die Rechtsmedizin hatte nicht umziehen müssen.

Beide Institute teilten sich sechs Parkplätze. Unser Dienstwagen, ein roter VW-Golf, stand vor dem Theologischen In­sti­tut. Als ich aus der Tür trat, musste ich einen Moment meine Augen vor der Sonne abschirmen. Es würde ein schöner, sommerlich warmer Tag werden, mit nur ein paar harmlosen Wölkchen am Himmel. Eigentlich viel zu schade, um Dienst zu haben, dachte ich bedauernd. Als ich die Tür zu unserem Dienstwagen öffnete, schlug mir der muffige Geruch eines Autos entgegen, das sich mehrere Personen teilten und das zu nicht immer sehr ansehnlichen Schauplätzen gefahren wurde. Heute roch es überdies leicht faulig, wie ich mit einem Naserümpfen registrierte. Ich wischte ein paar Brösel vom Fahrersitz, öffnete alle Fenster und fuhr los.

Kapitel 2

Auf der Quaibrücke stand ich, wie so oft, zwischen Bellevue und Bürkliplatz im Stau, wo gerade eine Großbaustelle war. Nur mühsam ging es im Stop-and-go weiter, und ich beobachtete währenddessen ein paar japanische Touristen, die die herrliche Aussicht über den blauen Zürichsee bis hin zu den Bergen fotografierten. Eigentlich war der Berufsverkehr um diese Zeit schon vorbei, aber zusätzlich zur Spurreduktion wegen der Baustelle hatte ein Aargauer sich in der Spur vertan und stand nun schräg zwischen den zwei Spuren, so dass es auf beiden Spuren nicht mehr vorwärtsging, was mit einem lauten Hupkonzert quittiert wurde. Der Autofahrer hinter ihm fuchtelte wütend in seinem Auto herum, und ich glaube, er war kurz davor auszusteigen. Zum Glück erbarmte sich bald einer des Aargauers und ließ ihn bei der nächsten Grünphase der Ampel vorfahren, so dass der Verkehr wieder in den Fluss kam. Ich genoss die Fahrt den See entlang. Durch die offenen Fenster kam frische Morgenluft ins Auto, und im Radio lief gerade ein Lied von Jack Johnson, einem meiner Lieblingsmusiker. Ich drehte die Musik lauter und sang herzhaft mit, zumindest bei den Stellen, an denen ich den Text kannte. Auf der Seestraße herrschte nur noch wenig Verkehr. Am Mythenquai hatten sich mehrere Mütter mit Kinderwagen versammelt, die offenbar das schöne Wetter zu einem Spaziergang nutzten. Gelegentlich blitzte der See zwischen den herrschaftlichen Villen auf.

In Kilchberg angekommen, bog ich am Bendlikon rechts ab und fuhr zu einem in leichter Hanglage gelegenen Anwesen in der Böndlerstraße, wo ich unseren Dienstwagen auf einem der mit ›Vita Aeterna‹ angeschriebenen Parkplätze abstellte. Das edle alte Haus aus dem 19. Jahrhundert war von wohlhabenden Gründern des Vita-Aeterna-Vereins gekauft worden, um Freitodbegleitungen in einem »exklusiven Setting« zu ermöglichen, wie es in ihrem Flyer hieß. Die Aussicht auf den See und die Berge war auch in der Tat fantastisch, wobei ich bezweifelte, ob sich die »Kunden« von »Vita Aeterna«, die ja zum Sterben hierherkamen, etwas daraus machten.

Ich läutete an der mit schmiedeeisernen Gittern verzierten Eichenholztür, woraufhin sich Schritte von innen näherten und eine ältere Dame in einem eleganten Kleid öffnete. »RZZ?«, fragte sie.

»Ja, Klee, RZZ«, antwortete ich ihr freundlich und zeigte ihr meinen RZZ-Ausweis.

Sie nickte und bedeutete mir mit einer altmodischen Geste hereinzukommen. »Ich führe Sie gleich in den Salon 1. Die anderen Herrschaften sind auch eben eingetroffen«, sagte sie steif und ging voran.

In Salon 1, einem mit Stuck an den Wänden verzierten Zimmer mit herrlicher Seesicht, lag die Leiche einer sehr gepflegt aussehenden Frau in einem Bett an der Wand. Es roch nach altem Holz, Waschmittel und ganz dezent nach Rosen. Auf der anderen Seite des Zimmers standen bereits einige geschäftig wirkende Personen an einem antiken Holztisch und beugten ihre Köpfe über mehrere Stapel Papiere.

Eine hochgewachsene braunhaarige Frau, die sich unfreundlich als Staatsanwältin Bühler vorgestellt hatte, musterte mich prüfend. »Ich muss gleich zu einer Gerichtsverhandlung. Können Sie sich bitte beeilen?«, sagte sie in einem Ton, der mehr wie ein Befehl denn wie eine Frage geklungen hatte.

Ich schaute sie verunsichert an, doch noch bevor ich etwas entgegnen konnte, wuselte die elegant gekleidete Frau, die mir die Tür geöffnet hatte, wieder in den Raum und reichte mir einen dicken Stapel Papiere, auf dem in großen Buchstaben die Personalien der verstorbenen Frau standen. Irritiert von Frau Bühlers Verhalten, blätterte ich mich durch die Unterlagen und stöhnte innerlich auf. Die Dokumente, auf denen sich die ärztliche Vorgeschichte der Verstorbenen befand, waren auf Französisch. Ich konnte leider kein Wort dieser Sprache. Bemüht, mir meine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen, blätterte ich weiter und entdeckte am Schluss einen Bericht einer Schweizer Ärztin, die die Verstorbene vor ihrem Selbstmord bei »Vita Aeterna« noch einmal untersucht hatte.

Erleichtert überflog ich den Bericht. Staatsanwältin Bühler trommelte unterdessen ungeduldig mit ihren Fingern auf der Tischplatte herum. Ich versuchte, irritiert davon, mich auf den Bericht zu konzentrieren. Bei der Verstorbenen handelte es sich um eine 56 Jahre alt gewordene Frau aus Frankreich. Als Suizidgrund war eine Augenerkrankung mit zunehmender Sehverschlechterung und nun einer fast vollständigen Erblindung angegeben.

»Da hat mal wieder jemand die schöne Seesicht gar nicht mehr genießen können«, gab gerade einer der Polizisten zum Besten und lachte wiehernd auf.

Ein eisiger Blick der Staatsanwältin brachte ihn jedoch sofort zum Schweigen. Ich wandte mich wieder den Unterlagen zu und versuchte, die zunehmende Ungeduld Frau Bühlers zu ignorieren.

Die Verstorbene hatte außerdem noch verschiedene andere altersassoziierte Erkrankungen gehabt, die ich rasch durchging. Die Unterlagen erschienen vollständig, die Erblindung war ausreichend dokumentiert und die Urteilsfähigkeit mehrfach ärztlich bestätigt. Bei den auf Französisch geschriebenen medizinischen Unterlagen überflog ich lediglich die Diagnoseliste, auf der ebenfalls das Wort »rétine« ersichtlich war. Zum Glück waren sich die medizinischen Diagnosen in fast allen Sprachen ähnlich. Also wirklich ein Routinefall, dachte ich und begann mit der Leichenschau.

Frau Mathieu war eine zierliche, gepflegte alte Dame gewesen. Sie trug einen hellblauen Kostümrock, eine beigefarbene Bluse und Perlenschmuck, den ich abnahm und in ein eigens dafür vorbereitetes Plastiksäckchen legte. Die Leichenstarre war noch nicht eingetreten, und ich achtete darauf, die Kleider sorgfältig zusammenzulegen, nachdem ich den Leichnam vollständig entkleidet hatte.

Staatsanwältin Bühler saß auf einem Stuhl und gähnte vernehmlich hinter vorgehaltener Hand. Die beiden Polizisten standen in einer Ecke und unterhielten sich leise.

Die Totenflecken befanden sich der Rückenlage entsprechend und waren vollständig wegdrückbar, was in Anbetracht der kurzen Zeitspanne zwischen Todeseintritt und meiner Untersuchung auch nicht überraschte. Ich notierte mir Umgebungs- und Rektaltemperatur und widmete mich danach dem Kopf. Das Bett war niedrig, und ich musste mich tief bücken, um mir den Leichnam genau anschauen zu können.

Mit Hilfe zweier Pinzetten klappte ich die Augenlider um, um mir die Augenbindehäute anzuschauen, und stutzte. Überall waren kleine rote punktförmige Blutungen zu erkennen. Vielleicht lagebedingt, dachte ich. Bei Kopfseitenlage konnte es schon mal vorkommen, dass die Augenbindehäute auf der einen Seite stärker gestaut waren als auf der anderen. Aber hier schien dem nicht so zu sein, denn auf der anderen Seite hatte sie ebenfalls Stauungsblutungen. Wenn man genau hinsah, konnte man sie sogar in der Gesichtshaut erkennen. Schnell untersuchte ich den Rest des Gesichts, das keine Verletzungen aufwies. Nur in der Unterlippenschleimhaut sah ich eine kleine Läsion am Lippenbändchen. Ich richtete mich einen Moment auf und schaute stirnrunzelnd auf den Leichnam. Mit meiner Taschenlampe leuchtete ich die Halshaut ab, konnte aber keine Würgemale oder Ähnliches entdecken. Wieder richtete ich mich auf und verstaute die Taschenlampe nachdenklich in meiner Tasche. Meine Gedanken rasten, denn Stauungsblutungen wiesen verdächtig auf ein gewaltsames Ersticken hin. In Kombination mit der Mundschleimhautläsion war es vorstellbar, dass man Frau Mathieu ein Kissen auf den Kopf gedrückt hatte. Vielleicht hatte sie einen Teil des Gifts wieder erbrochen oder nicht alles geschluckt und war dann zwar bewusstlos gewesen, aber nicht gestorben, überlegte ich. Nachdenklich kauerte ich mich vor das Gesicht von Frau Mathieu. Sie sah eigentlich ganz friedlich aus. Kam das überhaupt vor, dass jemand nicht starb, wenn er einen Teil des Gifts wieder erbrach? Oder war die Dosis so hoch, dass man auch schon bei einer kleineren Menge ums Leben kam?

Frau Bühler, die ungeduldig auf ihre Uhr sah, hatte mein Zögern bemerkt. Sie trat näher.

»Stimmt etwas nicht, Frau Klee?«, fragte sie.

Ich zögerte. Eigentlich müsste ich zuerst meinen Oberarzt anrufen, um mit ihm die Befunde und das weitere Vorgehen zu besprechen.

Frau Bühler sah von oben prüfend auf den Leichnam und wandte sich dann wieder mir zu. »Frau Klee?«, fragte sie scharf.

Ich biss mir auf die Lippen, zog mein Telefon hervor, hob es hoch und lächelte entschuldigend. »Ich muss kurz meinen Oberarzt anrufen«, sagte ich unsicher.

Frau Bühler lachte humorlos auf, warf die Hände in die Luft und bedachte mich mit einem eisigen Blick. »Sagen Sie mal, was denken Sie eigentlich, wer Sie sind? Zuerst lassen Sie uns alle ewig auf Ihr Erscheinen warten. Dann lesen Sie sich in aller Ruhe die Unterlagen hier durch«, sie deutete erbost auf den Tisch, »und dann müssen Sie plötzlich mitten in der Untersuchung Ihren Oberarzt anrufen. Dabei haben Sie doch erst den Kopf angeschaut. Sind Sie denn nicht mal in der Lage, allein eine Leichenschau durchzuführen? Ich glaube, ich bin im falschen Film.« Sie blickte entnervt nach oben, stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte ihren Kopf. »Wegen Ihnen muss ich die Gerichtsverhandlung verschieben, nur weil Sie nicht vorwärtsmachen. Wissen Sie, was das kostet?« Sie trat näher zu mir, zeigte mit dem Zeigefinger auf mich und fauchte: »Ich möchte hier und jetzt von Ihnen wissen, warum«, ihre Augen starrten mich wütend an, »warum Sie nun Ihren Oberarzt anrufen müssen. Das hier ist doch absolute Routine. Schließlich sind wir hier bei ›Vita Aeterna‹ und nicht bei einem Tötungsdelikt.«

Ich stand einen Moment wie versteinert vor dem Leichnam und drehte unsicher mein kleines Diktiergerät in den Händen. Alle schauten mich an. Mir brach der Schweiß aus. Die Polizisten hatten aufgehört, sich zu unterhalten, als Frau Bühler angefangen hatte, mich anzufahren, und waren näher gekommen.

»Also, Frau Klee? Ich höre!«, giftete Frau Bühler, während sie in kleinen Kreisen hin und her lief und alle Augen auf mich gerichtet waren.

»Nun … ja … also … die Tote hat Stauungsblutungen im Gesicht und in den Augenbindehäuten«, druckste ich herum.

Brigitte Bühler blieb stehen und sah mich an, die perfekt gezupften Augenbrauen hochgezogen. Sie neigte sich über das Gesicht der Verstorbenen, jedoch peinlich darauf bedacht, ja genügend Abstand zu ihr einzuhalten. »Was noch?«, fragte sie.

Eingeschüchtert sah ich sie an. »Also, na ja, eine kleine Läsion in der Lippenschleimhaut, aber …« Frau Bühler unterbrach mich ungeduldig. »Gut, Frau Klee. War es das?«

Ich nickte unsicher und vergaß zu erwähnen, dass ich den restlichen Körper des Leichnams noch gar nicht angeschaut hatte.

»Gibt es Erkrankungen, die diese Befunde erklären?« Meine Gedanken rasten. Ich konnte mich nicht erinnern, in den Unterlagen etwas hierzu gefunden zu haben, und schüttelte den Kopf.

Frau Bühler drehte sich um und wandte sich zu den Polizisten. »Spurensicherung aufbieten, Sterbebegleiterin befragen, Tatort absichern«, befahl sie knapp. »Vielleicht rufen Sie zuerst die Spurensicherung an. Das dauert immer so lange, bis die da sind. Und ich kann den Gerichtstermin nun definitiv in den Wind schreiben.« Verärgert presste sie die Lippen zusammen und nahm ihr Telefon hervor.

Verunsichert stand ich einen Moment da. Hoffentlich hatte ich nun keinen Fehler gemacht. Ich musste jetzt dringend den diensthabenden Oberarzt informieren. Wenn das mal keinen Ärger gab.

Christoph Reichert lachte leise ins Telefon, als ich ihm den Sachverhalt schilderte. »Endlich mal was Spannendes, Lisa. Halte die Stellung. Ich schmeiß mich in die Maschine und brause los.«

Ich legte auf, dankbar, dass er kommen würde. Mir blieb nun also erst mal nichts anderes übrig, als auf Christoph zu warten. Ich sah ihn vor mir, wie er kaugummikauend die Lederjacke anzog, eine Kappe auf den kahl rasierten Schädel setzte, in sein Porsche Cabrio stieg und in Richtung Kilchberg losbrauste. Hoffentlich kommt er bald, dachte ich nervös, während es bereits an der Tür klingelte und die Spurensicherung eintraf.

»Grüezi, Hofer, TechKrim«, stellte sich der erste Mann vor, der bereits den weißen Overall der Spurensicherung trug. »Könnten Sie bitte alle den Raum verlassen, damit wir mit der Spurensicherung anfangen können? Wer hat hier was angefasst?« Kopfschüttelnd betrachtete er mich. »Seid ihr hier also alle ohne Spusi-Anzüge reingetrampelt? Man könnte meinen, das RZZ sollte es mittlerweile besser wissen.«

»Aber normalerweise gibt es hier ja auch nicht den Verdacht auf Fremdeinwirkung«, entgegnete ich konsterniert.

»Normalerweise, normalerweise«, äffte er mich kopfschüttelnd nach. »Man muss immer«, er hielt kurz inne und schaute mich an, als sei ich besonders minderbemittelt, »immer vom Fall der Fälle ausgehen.«

Damit wandte er sich entnervt ab und begann, alles abzufotografieren.

Ich kam mir irgendwie ziemlich dumm vor und trat frustriert in den schönen Garten. Ungeduldig trat ich von einem Bein auf das andere und hoffte, dass Christoph bald da sein würde. Auf dem See waren einige Boote unterwegs. Die Gipfel der fernen Berge schienen in greifbare Nähe gerückt zu sein. Von irgendwoher konnte man einen Traktor hören. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Christoph eintraf. Schon von weitem konnte man das Brummen des Cabriolets hören, bevor man ihn in seinem Auto um die Ecke flitzen sah. Er parkte seinen Porsche neben unserem Dienstwagen und lief energisch mit riesigen Schritten auf mich zu.

»Hallo, Lisa«, sagte er und haute mir auf die Schulter, dass ich beinahe nach hinten umfiel. »Das ist ja eine verrückte Geschichte! Und ausgerechnet ›Vita Aeterna‹! Die sind doch sonst oberkorrekt!« Er schüttelte den Kopf. »Hast du die medizinischen Unterlagen?«

Ich nickte und gab sie ihm.

»Ah, französisch!«, schnalzte er mit der Zunge. Er begann stirnrunzelnd zu lesen und blätterte rasch eine Seite nach der anderen um. Allerdings runzelte er beim Lesen immer mehr die Stirn. Schließlich ließ er die Papiere sinken und sah mich mit schwer zu deutendem Blick an. Er seufzte. »Du kannst kein Französisch, oder?«

»Äh, nein, warum?«

»Na ja, hier, in dem aktuellsten Bericht der französischen Hausärztin, steht, dass Frau Mathieu schon seit vielen Jahren an einem bösartigen Krebs der Lymphdrüsen erkrankt war, der aber einen relativ langsamen Verlauf gezeigt hatte und erst in letzter Zeit manifester geworden sei. Sie habe bei der letzten Konsultation vor drei Tagen Anzeichen für einen Infekt gezeigt, diesen aber nicht behandeln lassen wollen.« Er sah mich ernst an. »Nun überlege doch mal. Was könnten also noch die Ursachen für die Stauungsblutungen sein?«

»Hmm, eine Sepsis, also eine Blutvergiftung?« Ich schaute fragend zu Christoph auf, der mit seinen fast einen Meter neunzig deutlich größer war als ich. »Aber davon steht doch gar nichts im Bericht der Schweizer Ärztin, die die Urteilsfähigkeit bestätigt und das Rezept ausgestellt hat«, entgegnete ich stirnrunzelnd.

»Na, schau mal. Rezept und Untersuchungsberichte der Schweizerin sind doch auch schon sechs Wochen alt.« Christoph schaute mich an. »Anscheinend hatte Frau Mathieu es sich zuerst noch mal anders überlegt, nachdem sie vor sechs Wochen bereits mit Hilfe von ›Vita Aeterna‹ sterben wollte, und ist nochmals zurück nach Frankreich gegangen. Das Rezept ist ja noch gültig, so dass eigentlich keine neue Konsultation bei der Vita-Aeterna-Ärztin notwendig geworden war. So wie es in dem aktuellen französischen Bericht steht, sind Infekt und Lymphdrüsenkrebs jetzt noch das I-Tüpfelchen für die arme Frau gewesen.« Er schaute mich immer noch unverwandt an. »Das gibt es ja angeblich ziemlich oft, dass die Leute es sich noch mal anders überlegen, nachdem sie schon den Termin ausgemacht hatten.«

Ich biss mir auf die Lippen und schaute nach unten.

»Kann es sein, dass du nicht auf das Datum geachtet hast?«, fragte Christoph.

Ich spürte, dass ich rot wurde. »Nein, das habe ich offenbar vergessen«, murmelte ich bedrückt. »Außerdem kann ich kein Französisch und habe immer nur die Diagnoseliste überflogen. Dabei habe ich den Krebs offenbar auch noch übersehen.« Ich schaute zum Haus, wo gerade eine Frau der Spurensicherung mit einer großen Kamera he­rauskam und zu uns hochwinkte. »Was machen wir denn jetzt?«, fragte ich Christoph verzweifelt.

Der wiegte den Kopf und lachte leise. »Gar nichts, denn vielleicht hat ja trotzdem jemand nachgeholfen. Und wenn nicht, umso besser.« Erneut haute er mir kräftig auf die Schulter. »Kopf hoch! Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig, und sag bloß nichts zu den anderen da oben.« Er deutete auf die Polizisten und die Leute von der Spurensicherung. »Du machst morgen eine Obduktion und schließt die Fremdeinwirkung aus. Vielleicht findest du ja auch noch den Infekt. Aber jetzt reiß dich zusammen und bewahre Contenance!« Er grinste mich an.

Ach verflixt! Ich hatte doch gewusst, dass heute nicht mein Tag war!

Kapitel 3

Rainer Wilti stand unschlüssig vor seinem Kleiderschrank und überlegte, was er anziehen sollte. Den grauen Anzug mit hellblauem Hemd und Krawatte? Oder doch lieber Jeans, Hemd und Jackett ohne Krawatte, also eher leger. Als Mann mit Stil wäre ihm eigentlich der graue Anzug lieber gewesen, aber der spannte ein bisschen über seinem Bauch, und gerade bei einem Abendessen war das vielleicht nicht das Richtige. Morgen Abend würde das Event Dinner zwischen der Staatsanwaltschaft, der Kriminalpolizei und dem RZZ in Zürich stattfinden, zu dem er auch eingeladen war. Er hatte sich riesig gefreut, denn da er bereits pensioniert war, hatte er nicht damit gerechnet, noch mal dabei sein zu können. Endlich mal wieder fachsimpeln, über alte Zeiten und ungelöste Fälle reden dürfen. Er war gespannt, wie sich seine Nachfolgerin bei der Kripo machte. Eigentlich war er ja der Meinung, dass sie viel zu jung für diesen Job war, aber von dem, was er bis jetzt gehört hatte, machte sie es offenbar recht gut. Wobei er, offen gestanden, nicht viele Informationen hatte.

Seit Wilti pensioniert war, erfuhr er eigentlich das meiste aus der Tagesschau oder der Zeitung. Anfangs war er ziemlich enttäuscht gewesen, da er immer gern an vorderster Front gewesen war und sich gut mit den Kollegen verstanden hatte. Mit der Zeit war er halt ein bisschen hinter der Zeit geblieben. Dass alles mit Computern gemacht werden musste, hatte ihm Schwierigkeiten bereitet. Dass man ständig irgendwelche E-Mails bekam, die man lesen musste, und sich für eine Konferenz über einen Doodle Link eintragen musste. Aber nun gut, er hatte bis zum Schluss seinen Polizisten gestanden und seine Arbeit gut gemacht. Auf seiner Abschiedsfeier hatte er viele Telefonnummern von ehemaligen Kollegen in sein Adressbuch geschrieben mit der festen Abmachung, dass man sich bald mal treffen würde. Aber den ein oder zwei Verabredungen waren bald keine mehr gefolgt, und so hatte Wilti überhaupt nichts Neues mehr erfahren. Daher freute er sich umso mehr auf das Event Dinner, das dieses Jahr vom RZZ organisiert werden würde.

Jetzt aber schloss er entnervt die Kleiderschranktür. Er würde morgen Abend spontan entscheiden, was er anziehen würde. Jetzt würde er erst mal einen Spaziergang durch den Wald machen. Wilti wohnte in Maschwanden, einer kleinen Zürcher Gemeinde auf dem Land. Hier war es so ländlich, dass er zu Fuß ins nahe Naturschutzgebiet laufen konnte. Es regnete zwar leicht, aber Wilti versuchte, jeden Tag rauszugehen. Seine Frau war zum Schluss im Rollstuhl gesessen, und es war schrecklich gewesen, dem körperlichen Verfall zuzuschauen, nachdem sie nicht mehr hatte laufen können. Daher war es sein fester Vorsatz, jeden Tag spazieren zu gehen, egal, wie das Wetter war. Wilti spielte auch öfters mit dem Gedanken, sich einen Hund anzuschaffen. Dann wäre er nicht mehr so allein, und der innere Schweinehund, auch bei Wind und Kälte rauszugehen, müsste dann täglich überwunden werden. Erst neulich hatte er einen wirklich schönen Hund gesehen, der ihm gut gefallen und eindrücklich gut gehorcht hatte. Ein Aus­tralian Shepherd sei das, hatte ihm die Besitzerin erklärt. Die bräuchten viel Kopfarbeit und Auslauf. Am wichtigsten aber sei eine liebevoll konsequente Erziehung. Die Hundefrau hatte ihn gleich ein Stück auf seinem Spaziergang begleitet und gar nicht mehr aufgehört, über ihren Hund und dessen Eigenheiten zu sprechen. Da war sich Wilti dann doch unsicher geworden, denn auf stundenlange Gespräche unter Hundebesitzern hatte er nun auch keine Lust.

Während er durch den Nieselregen in den Wald spazierte, dachte er über den Anruf nach, der ihn vor wenigen Tagen erreicht hatte.

Er konnte sich sehr gut daran erinnern, denn dieser Fall hatte ihn damals lange beschäftigt. Viele Befragungen, endlose Sitzungen mit zermürbenden Diskussionen. Oft war er spät nach Hause gekommen. War seiner Frau schweigend und in Gedanken versunken beim Abendessen gegenübergesessen.

Viele Zeugen waren befragt worden. Junge Menschen, die ausgelassen den Sommer gefeiert hatten. Nicht wenige hatten sich an die junge Frau erinnert. »Außergewöhnlich hübsch«, »sehr sexy, wenn Sie wissen, was ich meine« und »eine totale Kanone« waren die Attribute gewesen, die die Männer ihr gegeben hatten. »Arrogante Schlampe«, »männermordend« und »ziemlich billig« diejenigen der Frauen, die befragt worden waren.

Als man sie gefunden hatte, war nicht mehr viel von ihrem guten Aussehen zu sehen gewesen. Wilti erinnerte sich noch zu gut an den leblos im Wasser treibenden Körper. An das Boot, mit dem man den Leichnam an Land gezogen hatte. Der Körper war grau vor Schlick und Schlamm gewesen. Vor allem die Hände waren ihm im Gedächtnis geblieben. Wie einen Handschuh hatte man die Haut mühelos abziehen können, was der damalige Rechtsmediziner ihnen mit fast kindlicher Begeisterung vorgeführt hatte.

Wilti zog fröstelnd den Reißverschluss seiner Regenjacke hoch. Nachdenklich kickte er einen Tannenzapfen vor sich her. Er erinnerte sich nur ungern an die Obduktion, der er hatte beiwohnen müssen. Der aufgedunsene Körper, der auf dem glänzenden Stahltisch gelegen hatte. Reste eines ehemals blauen Kleides. Kleine Muscheln, die an der Haut hafteten. Wilti schüttelte sich. Noch lange danach hatte er den süßlichen Geruch nach Moder, Fäulnis und Wasser, den der Leichnam ausgeströmt hatte, in der Nase gehabt. Er hatte nie verstanden, wie die Rechtsmediziner mit einer Selbstverständlichkeit ihren Kopf über einen solchen Leichnam beugten und sich dabei noch über das Mittagessen unterhielten.

Irritiert hatte zuerst, dass sie keine Unterhose getragen hatte. Dieser Umstand hatte sich jedoch schnell aufgelöst, als sich ein verschämter junger Mann gemeldet hatte, der ihre Unterhose in einer Plastiktüte zur Polizei gebracht hatte. Wilti schmunzelte, als er an den geschniegelten, großgewachsenen jungen Mann dachte. Wie er rot geworden war und sich immerzu nervös die Brille auf der Nase nach oben geschoben hatte. Anfangs war er Wilti hochgradig verdächtig vorgekommen. Aber letztendlich hatte die Freundin der Toten seine Geschichte bestätigt. Die Studentin hatte offenbar regelmäßig nach einem wilden Flirt ihre Unterhose ausgezogen und dem jeweiligen Glücklichen oder je nach Betrachtung auch Unglücklichen zugesteckt und sich dann in der Regel aus dem Staub gemacht.

Wilti hob nachdenklich den in Mitleidenschaft gezogenen Tannenzapfen auf und drehte ihn in den Händen. Er versuchte, die unangenehmen Erinnerungen abzuschütteln. Das ungute Gefühl, das ihn immer beschlich, wenn er daran zurückdachte. Er beobachtete ein Eichhörnchen, das geschickt von einem Baum zum nächsten sprang. In einem hohen Bogen warf er den Tannenzapfen in den Wald und setzte seinen Spaziergang fort.

Kapitel 4

Laute Musik dröhnte durch die Empfangshalle des RZZ. Es roch nach Bratwurst, verbranntem Brot und Mayonnaise. Unschlüssig sah ich mich um. Die Halle war kaum wiederzuerkennen. Die Sitzgruppe, die sonst gegenüber dem Empfangssekretariat stand, war entfernt worden. Stattdessen war hier eine Bar aufgebaut, hinter der unsere Oberärzte munter Getränke in weißen Plastikbechern ausschenkten. In der Mitte standen zahlreiche Bierbänke und -tische, an denen sich bereits viele Personen eingefunden hatten und sich fröhlich miteinander unterhielten.

Ich erspähte meine Chefin, die gerade mit theatralischen Gesten eine Geschichte zu erzählen schien und von mehreren älteren Herren umringt wurde, die ihr gebannt an den Lippen hingen. Das sonst hier herrschende gedämpfte Licht war abgeschaltet und durch einen stetigen Wechsel unterschiedlicher Farben ersetzt worden. Das jährliche Event-Dinner zwischen der Kriminalpolizei und dem RZZ war mein erstes, da ich ja erst seit neun Monaten im Institut war. Dementsprechend kannte ich auch kaum jemanden, mit Ausnahme von einigen Kriminaltechnikern, die ich vor Ort bei den Leichenschauen schon gesehen hatte. Die standen in einem Grüppchen am Grill, der vor dem Sekretariat aufgebaut worden war, und warteten da­rauf, von unserem Chefpräparator bedient zu werden, der mit der für ihn typischen grimmigen Miene schweigend Würste grillte. Von meinen Kollegen konnte ich im Moment niemanden erkennen, und bei den Kriminaltechnikern erblickte ich denjenigen, der mich bei der Vita-Aeterna-Leiche angeschnauzt hatte, so dass ich wenig Lust verspürte, mich dazuzugesellen. Ich entschloss mich, mir erst einmal etwas zu trinken und zu essen zu holen. Vielleicht ergab sich ja dann die Gelegenheit, neue Leute kennenzulernen. Falls nicht, würde ich mich nach höflichem Smalltalk eben bald wieder verzupfen.

Seit meinem Umzug von München in die Schweiz vor gut neun Monaten hatte ich noch keine richtigen Freundschaften hier schließen können. Die Münchner galten ja eigentlich schon als eigenbrötlerisch und reserviert gegenüber Fremden, aber die Schweizer setzten dem Ganzen noch eins drauf. Zwar waren sie freundlich und überaus höflich zu mir, und ich war auch schon das eine oder andere Mal mit meiner Bürokollegin abends im Ausgang gewesen, aber die Initiative war jedes Mal von mir ausgegangen. Es war nett gewesen, aber auch nicht mehr.

Wehmütig dachte ich einen Moment an die Weihnachtsfeier der Psychiatrischen Klinik in München, wo ich direkt nach dem Studium ein Jahr gearbeitet hatte, da dies für den Facharzt für Rechtsmedizin Voraussetzung war. Wochen vorher hatte ich mich schon darauf gefreut und mit meinen Kollegen Pläne geschmiedet, in welchem Klub man die Weihnachtsfeier noch ausklingen lassen würde, was letztlich damit geendet hatte, dass ein harter Kern, bestehend aus mehreren Assistenz- und Oberärzten, Psychiatriepflegern und sogar dem Klinikchef, noch in der Milchbar bis morgens um 5 Uhr ausgelassen getanzt hatte. Zu gerne wäre ich einfach dort geblieben, aber die Psychiatrie lag mir vom Fach her leider überhaupt nicht, und so hatte ich mich am Ende tatsächlich mit zwei weinenden Augen von dort verabschiedet, um die Stelle in meinem Wunschfach Rechtsmedizin anzutreten. Nun war ich hier und musste mich wohl erst noch besser einfinden. Ich straffte also meine Schultern und lief durch das Gedränge in Richtung Bar.

»Frau Klee! Das ist ja schön, Sie zu sehen«, ertönte plötzlich eine tiefe Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah einen beleibten, rotgesichtigen Mann vor mir, der mich freundlich angrinste. Seine massige Statur, die schütteren Haare und die große Nase erinnerten mich unglaublich an den Schauspieler Gerard Depardieu, was ihn in meinen Augen nicht sympathischer machte.

»Herr Seifert, was für eine schöne Überraschung«, log ich.

Der Staatsanwalt neigte sich zu mir. Seiner Fahne nach zu urteilen, hatte er vermutlich schon mehr als ein Glas Wein intus.

»Kommen Sie, Frau Klee. Wir holen uns da mal so ein paar feine Schweinereien vom Grill«, sagte er und deutete auf das Buffet.

Ich ächzte innerlich. Benno Seifert war Leitender Staatsanwalt in Zürich. Man traf ihn oft vor Ort bei Leichenschauen an, wo er sich nie zu schade war, selbst kräftig mit anzupacken. Allerdings war er unangenehm aufdringlich, ließ schlüpfrige Witzchen ab, über die niemand außer ihm lachte, und daher war es mir persönlich wesentlich lieber, wenn jemand anders vor Ort war, der dann halt nicht so mit anpackte wie Benno Seifert.

Ich hatte daher nur mäßig Lust darauf, den Abend mit ihm zu verbringen, wusste mir aber vorerst nicht anders zu helfen, als mit ihm in Richtung Futterausgabe zu gehen.

Gemeinsam warteten wir in der Schlange vor dem Buffet.

»Na, von Ihnen hört man ja tolle Dinge, was?«, lachte er dröhnend. »Wollten Sie mal wieder unserer ›Vita Aeterna‹ das Handwerk legen?« Er sah sich beifallheischend um. Die beiden Männer hinter uns grinsten. Aargh! Wenn ich nicht von so vielen Kriminalpolizisten umgegeben gewesen wäre, ich wäre ihm wahrscheinlich an die Gurgel gegangen. So aber versuchte ich, ein freundliches Gesicht zu machen, und hoffte, dass mein Lächeln nicht eher einem Zähnefletschen glich.

Die Obduktion von Frau Mathieu hatte in der Tat eine Sepsis mit einer Lungenentzündung als Focus ergeben. Todesursächlich aber war eine Vergiftung mit dem bei assistierten Suiziden üblicherweise eingesetzten Barbiturat in hoher Dosis gewesen. Keinerlei Hinweise auf das Vorliegen einer Gewalteinwirkung gegen den Hals oder die Atemwege. Frau Mathieu hatte noch nicht einmal eine chronische Überblähung der Lunge gehabt, von einer akuten, wie sie beim Ersticken vorkommt, ganz zu schweigen. Staatsanwältin Bühler hatte den Fall zum Anlass genommen, um sich ordentlich lustig zu machen über das RZZ, das ihrer Meinung nach viel zu viel obduzieren wolle und dann auch noch Deutsche einstelle, die noch nicht einmal die Landessprachen der Schweiz anständig beherrschten und die Berichte nicht gründlich genug studierten. Dabei war es ausgerechnet ihre Ungeduld gewesen, die den Fall so hatte ausarten lassen. Aber gut, ich hatte den Fehler gemacht und konnte natürlich nicht anderen die Schuld für meine Unachtsamkeit in die Schuhe schieben. Christoph allerdings hatte ihr gegenüber voll hinter mir gestanden und den »Aufruhr« als absolut gerechtfertigt verteidigt, da man auch bei Vorliegen einer inneren Krankheit eine Fremdeinwirkung als Grund für die Blutungen nicht ausschließen könne, wofür ich ihm sehr dankbar war.

Wir rückten ein paar Schritte in Richtung Buffet auf.

»Aber«, Seifert kam immer näher, so dass ich nicht nur seine Fahne noch deutlicher riechen, sondern auch die Poren in seinem geröteten Gesicht gut erkennen konnte. »Sie haben ja völlig recht! Zeit, dass da mal jemand genauer draufschaut! Wenn nicht dieser Fall, dann eben ein anderer. Irgendwann wird ihnen jemand auf die Schliche kommen, ha!« Er hob das Glas an die Lippen, senkte es aber gleich wieder, als eine zierliche Schwarzhaarige an uns vorbeiging.

»Nicht wahr, Frau Kubiczi?«, sprach er sie an. Sie blieb vor ihm stehen und schaute ihn keck von unten an. Mich würdigte sie keines Blickes. »Oder was meinen Sie«, raunte Seifert ihr zu. »Dieser ›Vita Aeterna‹ gehört doch einmal ein Riegel vorgeschoben. Unsere Frau Klee da hat schon mal einen guten Anfang gemacht!« Er nahm einen großen Schluck Wein und wischte sich danach mit dem Handrücken über den Mund.

Ariana Kubiczi lächelte ihn spitzbübisch an und legte ihm eine Hand auf den Arm. »Da haben Sie mal wieder recht, Herr Seifert. Aber eine Anfängerin wie unsere Frau Klee hier«, ein spöttischer Blick aus dunkel umrandeten Augen traf mich, »müsste vielleicht noch etwas mehr Erfahrung sammeln und« – ihr Blick wurde nun regelrecht boshaft – »natürlich Französisch lernen, dann klappt es vielleicht ein bisschen besser mit dem Handwerklegen.« Bei den letzten Worten hatte sie mit den Zeigefingern Anführungszeichen in der Luft angedeutet und angefangen zu lachen. Ich wurde rot vor Wut, während Seifert dröhnend lachte und sich Ariana mit einem Augenzwinkern von ihm verabschiedete.

»Ach, was für eine Frau, Ihre Kollegin«, schwärmte Herr Seifert, und schaute Ariana bewundernd nach. »Sie haben es sicher lustig im RZZ!«

Ich murmelte etwas Unverständliches und beherrschte mich nur mühsam. Meine Assistenzarztkollegin Ariana Kubiczi und ich waren alles andere als Freunde. Sie, die fast fertige Fachärztin, hatte mir von Anfang an deutlich zu verstehen gegeben, dass sie überhaupt keine Lust auf mich hatte. Dabei hatte ich ihr nie etwas getan, sondern mir anfangs noch große Mühe gegeben, mit ihr gut auszukommen. Mittlerweile hatte ich es jedoch aufgegeben. Seit der Vita-Aeterna-Leiche ließ sie keine Gelegenheit aus, mich zu verspotten.

Benno Seifert und ich hatten uns freie Plätze gesucht und ich biss gerade in meinen Veggie-Burger, der überraschend gut schmeckte, während ich versuchte, der triefenden Soße Herr zu werden. Seifert rückte immer näher. »So, Frau Klee, jetzt trinken wir doch mal ein Glas zusammen. Eigentlich könnten wir doch auch Duzis machen, oder nicht? Also ich bin der Benno«, sagte er zu meinem Schrecken und blickte mich erwartungsvoll an.

»Äh, ja klar, Lisa«, gab ich etwas zögernd zurück.

»Wir könnten doch eigentlich auch mal zusammen abends …« Weiter kam er nicht, denn rechts neben mir ertönte plötzlich eine helle Stimme.

»Ist da noch frei?«, fragte mich eine junge Frau und drückte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, unsanft neben mich auf die Bank, so dass ich gegen Benno Seiferts Arm stieß, der da­raufhin den Inhalt seines Rotweinglases über sein weißes Hemd schüttete.

»Was zum Henker …«, fluchte dieser laut und schaute auf den Rotweinfleck, der sich auf seinem nicht unbeträchtlichen Bauch ausbreitete.

Ich drehte mich um und schaute in haselnussbraune Augen, die unter einem langen Pony fröhlich zwinkerten. »Oh, entschuldige bitte. Ist das wegen mir passiert? Das tut mir aber leid«, gab die junge, sportlich aussehende Frau scheinbar zerknirscht zurück, während sie mir mit einem Auge zuzwinkerte. »Herr Seifert, also so was Blödes. Ich hoffe, Sie bekommen Ihr Hemd wieder sauber. Rotwein ist ja wirklich kritisch, vor allem auf weißen Textilien!«

Benno Seifert hatte sich schnell wieder gefangen, als er die junge Frau gesehen hatte. »Ach, Frau Zimmermann. Ihnen würde ich doch alles verzeihen«, lachte er dröhnend, nachdem er einen Moment konsterniert auf die Weinflecken auf seinem Hemd geschaut hatte.

»Trotzdem wäre es gut, wenn Sie die Flecken sofort ein wenig auswaschen würden«, insistierte die junge Frau. Seifert nickte resigniert. »Sie haben ja recht, Frau Zimmermann, wie immer. Ich kann vermutlich nicht auf Ihre Hilfe beim Auswaschen hoffen, oder?« Schmierig grinsend schaute er sie an.

Frau Zimmermann aber ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. »Leider nein, Herr Seifert, ich bin so ungeschickt in solchen Dingen, dass das Hemd nachher sicher noch schlimmer aussieht.« Verschwörerisch beugte sie sich zu ihm hin. »Am besten nehmen Sie das Salz da vom Tisch mit. Das soll gut gegen Rotwein wirken.« Sie drückte dem verdutzten Benno Seifert den Salzstreuer in die Hand und wandte sich mir zu. »Du bist vom RZZ, oder? Kannst du mir bitte zeigen, wo das WC ist?«

Ich lächelte sie an. Nur zu gerne kam ich dieser Aufforderung nach.

Als wir nebeneinander beim Waschbecken standen und uns die Hände wuschen, bedankte ich mich bei ihr.

Sie winkte ab, während sie sich mit einem Papiertuch die Hände abtrocknete. »Dieser schmierige Seifert. Du hast mir einfach leidgetan. Ich hatte den erst kürzlich auch mal an der Backe«, sagte sie und stellte sich gleich darauf als Julia vor.

Ich musterte sie einen Moment. Sie mochte etwa mein Alter haben, war etwas kleiner als ich und sehr schlank. Sie trug knöchellange Jeans, Turnschuhe und eine weiße Bluse, die sie lässig über der Hose trug. Um den Oberkörper hatte sie eine kleine Freitag-Tasche hängen. Sie war mir auf Anhieb sympathisch.

Zusammen gingen wir zur Bar und unterhielten uns ein bisschen. Julia Zimmermann arbeitete beim kriminaltechnischen Dienst der Kantonspolizei Zürich. Sie hatte erst vor ein paar Monaten dort angefangen und wurde daher noch von den erfahrenen Kollegen bei der Arbeit begleitet.

An der Bar war einiges los, und wir mussten eine Weile warten, bis Christoph uns zwei Gläser Weißwein einschenkte. Er schien Julia schon zu kennen, denn er prostete ihr fröhlich zu. Henrik Sitta unterhielt sich derweil auf der anderen Seite der Bar mit ein paar älteren Männern, die ihrem Aussehen nach früher wichtige Positionen eingenommen haben mochten. Ich nahm einen Schluck Weißwein, der, da musste ich Benno Seifert recht geben, wirklich gut schmeckte. Ein Petit Arvin sei das, hatte ich Henrik vorhin sagen hören. Ich nahm mir fest vor, mir diesen Namen zu merken und meinem Vater bei meinem nächsten Besuch ein paar Flaschen mitzubringen.

Julia grinste mich fröhlich an und wippte zur Musik, die immer lauter zu werden schien. Es dauerte nicht lange, und es gesellten sich noch ein paar weitere junge Polizistinnen und Polizisten zu uns, mit denen wir uns angeregt unterhielten. Dem ersten Glas Wein folgten weitere, und so wurde der Abend immer feuchter und fröhlicher. Mein ursprünglich gefasster Vorsatz, die Veranstaltung bald wieder zu verlassen, schwand mit jedem Schluck ein bisschen mehr und löste sich dann gänzlich in Luft auf.

Als sich die Halle langsam zu leeren begann, ließ ich mich von Julia sogar noch überreden, noch mit in die Langstraße zu gehen, um dort den Abend in lustiger Runde ausklingen zu lassen. Die Langstraße war Zürichs Partymeile. Eigentlich ging ich nicht gerne dorthin, weil ich im Dienst jede Nacht auf der dortigen Polizeiwache irgendwelchen Autofahrern oder pöbelnden jungen Männern Blut abnehmen musste, aber Julia duldete keinen Widerspruch. So zogen wir zusammen mit drei weiteren Polizisten los und, um ehrlich zu sein, weiß ich nicht mehr so ganz genau, wie ich nach Hause gekommen bin.

Kapitel 5

Rainer Wilti lag zufrieden auf der Couch und las das Fernsehprogramm in der Zeitung. Neben ihm auf dem Couchtisch stand ein Glas Weißwein. Er hatte bis vor kurzem endlich mal wieder Besuch gehabt, und es war ein sehr schöner Nachmittag gewesen, bei dem er zuerst bei Kaffee und Kuchen und später mit Bier, Knabbereien und zum Abendessen bei Raclette und Wein über alte Zeiten hatte reden können.

Es war ein lauer Abend, und durch die leicht geöffnete Terrassentür hinter ihm konnte er die Vögel zwitschern hören. Gleich würde ein guter Film auf SRF 1 mit zweien seiner Lieblingsschauspieler kommen, auf den er sich sehr freute. Er seufzte wohlig. Es war schön gewesen, mal wieder fachsimpeln zu können. Den gemeinsamen Event mit dem RZZ vor zwei Wochen hatte er richtig toll gefunden. Da hatte er als alter Hase den Jungen viel von seinen langjährigen Erfahrungen berichten können.

Er legte die Zeitung weg, als er im Fernseher die Musik hörte, die den Beginn des Films ankündigte. Freudig gespannt schaute er auf den Bildschirm. Da vernahm er ein kaum wahrnehmbares Geräusch hinter sich. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Außer ihm war niemand im Haus. Er richtete sich leicht auf und sah sich um. Die Terrassentür war geschlossen. Das Vogelgezwitscher war verstummt. Hatte die Tür denn nicht eben noch offen gestanden? Wilti setzte sich ganz auf und blickte sich um. Leider war sein schon vor der Pensionierung nicht unbeträchtlicher Bauch seitdem noch etwas gewachsen. Zu gerne widmete er sich den kulinarischen Genüssen des Lebens, weswegen ihm nun jene geschmeidige Schnelligkeit fehlte, die er in jungen Jahren als Polizist gehabt hatte. Die Schiebetür zum Esszimmer war halb geöffnet. Hatte er die vorhin nicht geschlossen wegen des Käsegestanks? Wilti wusste es nicht mehr. Die Vorhänge am Fenster bewegten sich ganz leicht in einem nicht spürbaren Luftzug. Alles sah aus wie immer. Die Kommode mit den Bildern seiner Frau, die große Vase in der Ecke, die seine Frau so geliebt hatte, und der kleine Teppichläufer. Alles war an seinem Platz.

Hatte er sich das Geräusch nur eingebildet? Konnte es sein, dass er die Terrassentür selbst zugemacht hatte? Schließlich hatte er vielleicht das eine oder andere Glas Wein gehabt heute Abend, und auch der Grappa als Digestiv war wohl auch eher einer zu viel gewesen. Da konnte es schon passieren, dass man sich nicht mehr so genau an Banalitäten wie eine offene Terrassentür erinnerte. Unschlüssig blieb er einen Moment sitzen. Die Unruhe, die ihn plötzlich überkommen hatte, war immer noch da. In den Jahrzenten seiner Arbeit als Polizist hatte er sich einen gewissen Instinkt antrainiert, auf den er sich während seiner Arbeit immer verlassen hatte. Daher irritierte es ihn, dass er sich plötzlich nicht mehr nur nicht allein, sondern sogar beobachtet fühlte. Kurz überlegte er, ob er sich sicherheitshalber seine alte Dienstwaffe aus der Nachttischschublade holen sollte. Aber er verwarf den Gedanken sofort wieder. Denn bis er die Treppen hinaufgeächzt wäre, wäre er schon längst überfallen worden, wenn denn überhaupt jemand im Haus war.

»Hallo!«, rief er halbherzig in den Raum.

Niemand antwortete. Im Fernsehen hatte sein Spielfilm bereits begonnen, und er konnte Anthony Hopkins auf dem Bildschirm erkennen. Wilti zögerte. Er stellte den Ton seines Fernsehers ab und lauschte. Absolute Stille. Nur das Ticken der großen Wanduhr war zu hören. Wilti gähnte unverhohlen. Das viele Essen, der Alkohol und der gesellige Tag forderten ihren Tribut. Er fühlte sich unendlich träge und begann, sich wieder zu entspannen. Einbildung ist also auch eine Bildung, dachte er, als er den Ton wieder anmachte und sich gespannt seinem Film widmete.

Kapitel 6

Im Obduktionssaal hörte man das Klappern von metallenen Instrumenten, gefolgt vom Plätschern des Wassers. Ich nahm meine blauen Obduktionsschuhe aus dem Regal neben dem Eingang und suchte in einer Schublade nach passenden schnittfesten Handschuhen. Als ich endlich einen in meiner Größe gefunden hatte, stellte ich entnervt fest, dass der Stoff am Mittelfinger blutig war, und kramte weiter in der Schublade. Von Tisch 1 hörte man nun das laute Surren der Knochensäge. Der typische Geruch nach Blut, Eingeweiden und Knochensäge lag in der Luft.

Auf dem dritten Tisch lag der noch unversehrte Leichnam eines älteren Mannes, den ich gleich obduzieren würde. Stirnrunzelnd überflog ich nochmals das Wichtigste in den Unterlagen. Der 65 Jahre alt gewordene Mann war von seiner Putzfrau, die einmal pro Woche kam, tot auf seiner Couch liegend gefunden worden. Hier war keiner von uns zur Leichenschau ausgerückt, weil er im entfernteren Kanton Zürichs gewohnt hatte, so dass die Leichenschau von einem Bezirksarzt durchgeführt worden war. Dieser hatte in der Wohnung zahlreiche Herz-Kreislauf-Medikamente gefunden und auf entsprechende Vorerkrankungen geschlossen. Bei der Leichenschau waren keine Auffälligkeiten festgestellt worden, außer dass Kopf und Hals sehr blutgestaut gewesen waren, was zu einem akuten Herzpumpversagen, zum Beispiel aufgrund eines Herzinfarkts, passen würde. Man hatte geschätzt, dass er etwa zwei bis drei Tage tot war. Eigentlich schien hier alles klar zu sein, aber weil er ein ehemaliger Polizist der Kantonspolizei Zürich in leitender Position war, wurde er sicherheitshalber obduziert. Ich trat näher.

Der Körper von Rainer Wilti lag unbekleidet auf dem Stahltisch. Kopf und Hals wiesen in der Tat eine starke Blutstauung auf.

Ich verschob den kleinen Tisch, der am Fußende jedes Obduktionssaals auf verschiebbaren Schienen befestigt war, um mir den gesamten Leichnam in Ruhe anschauen zu können.

Als im Rapport über die Obduktionsanmeldung von Wilti gesprochen worden war, hatte allgemeine Bestürzung geherrscht. Unsere Chefin hatte berichtet, dass Wilti früher einmal leitender Kriminalpolizist gewesen sei und sie sich erst beim Event-Dinner noch mit ihm unterhalten hätte. Dort hätte er schon etwas kurzatmig gewirkt, aber wer hätte denn ahnen können, dass er so plötzlich bei uns landen würde. Nachdenklich betrachtete ich den leblosen Körper. Ein kleiner Schnauzbart zierte das rundliche Gesicht, das aufgrund der Blutstauung eine bläuliche Verfärbung angenommen hatte. Wilti war bestimmt während seiner Arbeit in der Kripo das eine oder andere Mal im Obduktionssaal gewesen, um den Autopsien von Mordopfern beizuwohnen. Ob er wohl auch mal die Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, dass er selbst einmal hier liegen würde? Vermutlich nicht, denn wir Menschen neigen dazu, die Vorstellung des eigenen Todes zu verdrängen. Ich dachte schließlich auch nicht daran, dass ich theoretisch schon morgen ebenfalls auf einem Obduktionstisch landen könnte. Ich schüttelte diese überaus irritierenden Gedanken ab und wandte mich dem Leichnam zu. Mein kleines silbernes Diktiergerät in der Hand, umrundete ich den Körper und begann leise, die sicheren Todeszeichen zu diktieren. Schließlich ging ich zum Kopf. Dort wartete allerdings auch schon Mark Krüger, der Chefpräparator, der bereits ein blitzendes Messer in der Hand hielt.

»Können wir loslegen?«, fragte er nur.

Ich schluckte. Mark war ein Bär von einem Mann. Die aschblonden Haare waren dafür schon eher schütter, was mit den dunklen buschigen Augenbrauen einen faszinierenden Kontrast bildete. Als Präparator war er unglaublich schnell und präzise. In der Zeit, die ich für das Präparieren des Herzens brauchte, hatte er in der Regel schon sämtliche Organe herausgenommen und war schon wieder mit dem Zunähen des Leichnams beschäftigt. Nie hatte man auch nur ein abgerissenes Gefäß oder einen Schnitt in einem Organ. Er arbeitete so exakt, dass es schon fast unheimlich war und für mich, mit gerade mal 32 Obduktionen Erfahrung, ein ziemlicher Stress, weil er mir im Minutentakt Befunde präsentierte, die ich mir dann merken musste. Er hasste es, wenn man zu viel Zeit verlor, was seiner Meinung nach ziemlich oft vorkam. Schlimmer war nur, wenn man bei der Obduktion zu viel schwätzte, dann wurde er richtig unangenehm. Er äußerte sich zwar nie entsprechend, doch der Blick seiner grünen Augen nahm einen bedrohlichen Ausdruck an, und er hatte dann so eine Art und Weise, einen anzustarren, die es einen sehr froh werden ließ, wenn er dann das Messer weglegte. Gegenüber jeglichem Charme oder internen Lästereien schien er immun, denn er behandelte alle gleich. Nicht einmal Ariana traute sich in seiner Gegenwart, bei den Obduktionen zu tratschen.