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Mitten im Zentrum der angolanischen Hauptstadt Luanda steht das Maianga-Gebäude, ein heruntergekommenes Hochhaus, an einem riesigen Loch in der Außenwand zu erkennen. Im ersten Stock strömt pausenlos frisches Wasser aus maroden Leitungen. Es ist ein Ort der Magie, Treffpunkt der Hausbewohner, Straßenhändle-rinnen, Journalisten, Tagediebe. Auf dem Dach wird ein illegales Kino betrieben, das bisweilen ganz ohne Leinwand auskommt. Korrupte Be-amte, ein Hahn namens Camões und ein Briefträger, der seine Briefe meist selber schreibt, gehen ein und aus, sogar ein leibhaftiger Minister taucht plötzlich auf - rein privat selbstverständlich. Im Untergrund von Luanda wird derweil nach Erdöl gebohrt, Gerüchte um eine ominöse Erschließungsgesellschaft machen die Runde, Politiker wittern das große Geld, während Angola sich auf eine weltweit beachtete Sonnenfinsternis vorbereitet, die in letzter Sekunde von der Regierung schlicht abgesagt wird. Dann überschlagen sich die Ereignisse, und Luanda brennt. Die Durchsichtigen ist eine poetische Satire auf das postkoloniale, postsozialistische, real existierende Angola, eine augenzwinkernde Liebeserklärung an die Bewohner Luandas.
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Seitenzahl: 427
Veröffentlichungsjahr: 2015
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AFRIKAWUNDERHORN
Reihe für zeitgenössische afrikanische LiteraturHerausgegeben von Indra Wussow
ROMAN
Aus dem Portugiesischenvon Michael Kegler
Die Übersetzung aus dem Portugiesischen wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amts unterstützt durch Litprom – Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e. V.
Gefördert vom Direcção-Geral do Livro e das Bibliotecas / Portugal.
Die Arbeit des Übersetzers wurde gefördert vom Deutschen Übersetzerfonds.
Titel der Originalausgabe:Os TransparentesLektorat: Corinna Santa Cruz© 2015 Verlag Das Wunderhorn GmbHRohrbacher Straße 18D-69115 Heidelbergwww.wunderhorn.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert werden oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Gesamtgestaltung: sans serif, BerlinUmschlagabbildung: © Rui Sergio Vieira Pinto AfonsoFoto Seite 2: Michael HughesISBN 978-3-88423-499-0
für Renataund für Michel L.
vorbei ist die zeit des erinnerns
ich weine am kommenden tag
worüber ich heute schon weinen sollte.
[von Odonatos Zettel]
»sag mir nur noch, welche Farbe das Feuer hat …«
der Blinde sprach zu der Hand des Jungen, der seinen Körper am Arm stützte, beide angstvoll darauf bedacht, keinen Laut von sich zu geben, um nicht von den riesigen, aus dem Boden schießenden Feuerzungen verschlungen zu werden, die nach dem Himmel Luandas jagten
»könnte ich die Farbe des Feuers beschreiben, alter Mann, wäre ich Dichter, einer der Verse aufsagt«
mit hypnotisierter Stimme folgte der Muschelverkäufer dem Schwanken der Temperaturen und führte den Blinden über mehr oder weniger sichere Wege, wo Wasser aus den geborstenen Rohren strömte und einen Korridor bildete für jene, die noch den Mut hatten, sich durch den Dschungel der vom Wind aufgepeitschten Flammen zu bewegen
»ich bitte dich, sieh, deine Augen sind offen, ich kann es auf der Haut spüren, doch ich will mir die Farben des Feuers auch vorstellen«
der Blinde klang flehend, mit dieser Stimme, die mehr zu befehlen gewohnt war als zu liebkosen, und der Muschelverkäufer spürte, dass es respektlos wäre, diesen so deutlich geäußerten Wunsch nicht zu erfüllen, der mit zärtlicher Stimme nach einer einfachen Auskunft verlangte, nach Farbe,
was schwierig war und vielleicht unmöglich
der Junge holte aus seinem Inneren heiße Tränen hervor, die ihn zurückführen sollten bis in die Kindheit, denn dort, in dem von Gedanken noch unbehelligten Reich, konnte der Keim einer Antwort stecken, lebendig und dem getreu, was er sah
»lass mich nicht sterben, ohne dass ich die Farbe dieses heißen Lichts weiß«
die Flammen brüllten mit Macht, und selbst wer mit den Augen nichts sah, musste ein gelbes Gefühl der Erinnerung spüren, an Grillfisch mit Bohnen in Palmöl, heiße Mittagssonne am Strand, oder den Tag, an dem Batteriesäure ihm die Lust raubte, die Welt zu sehen
»alter Mann, ich warte auf eine Kinderstimme in mir, um dir eine Antwort zu geben«
von weitem und auch aus der Nähe gesehen war die Nacht wie ein Strang, dunkel und dicht, Haut eines nächtlichen Tiers, dem der Lehm vom Leib tropft, und am Himmel funkelten schüchtern die Sterne, die Starre einer besonderen Gischt, Muscheln im Sand knackten vor glühender Hitze, Körper von Menschen, die unfreiwillig verbrannten, die Stadt weinte im Schlaf, ohne, dass der Mond sie umfing
der Blinde zitterte ein trauriges Lächeln auf seine Lippen
»Kind, lass dir nicht zu lange Zeit, unser Leben ist fast schon gegrillt«
keine Wolken, die Sonne abwesend, Mütter, die nach ihren Kindern schrien, und die blinden Kinder sahen nicht das eitle Licht dieser Stadt, die schwitzte und sich unter dem blutrünstigen Mantel bereit machte, am eigenen Leib tiefdunkle Nacht zu empfangen, wie nur das Feuer sie lehren kann
Zungen und Flammen einer sich ausbreitenden Hölle, wie der trotzige Gang eines ermatteten Tiers auf der Flucht vor dem Jäger, rund und entschlossen mit dem stets sich erneuernden Willen, noch weiter zu gehen, noch mehr zu verbrennen, noch mehr Glut zu entfachen, und dann erschöpft nach dem Brennen von Körpern zu verlangen, die schon im Begriff sind, den Takt alles Menschlichen zu verlieren, geatmete Harmonie, Hände, die Haare und sorglose Schädel liebkosen in einer Stadt, in der jahrhundertelang Liebe im Schatten der Brutalität
das eine oder andere Herz zum Bewohnen gefunden hatte
»alter Mann, was war noch einmal die Frage?«
die Stadt blutüberströmt, von ihren Wurzeln hinauf bis zu den Spitzen der Häuser, war gezwungen, sich dem Tod zu ergeben, und die Pfeile, die sein Nahen verkündeten, waren nicht trocken, sondern flammende Speere, die ihr Körper brüllend empfing wie eine erahnte Bestimmung
und der Alte wiederholte seine verzweifelte Bitte
»sag mir nur, welche Farbe das Feuer hat …«
Odonato lauschte der Stimme des Feuers
sah es wachsen in Bäumen und Häusern, erinnerte sich an die Spiele aus seiner Kinderzeit, als Feuer mit niedlichen Linien aus Pulver gemacht wurde, das sie im Geschäft seines Stiefvaters stahlen, labyrinthische Zeichnungen, fein, auf dem Boden, ein Streichholz setzte das gefährliche Spielzeug in Brand, bis er eines Tages aus Neugier und Übermut probiert hatte, etwas davon auf seine linke Handfläche zu geben. ohne zu zögern hatte er die Haut und Schmerzen entzündet – die Narbe, über die er nun strich, während ein weit größeres Feuer die Stadt in einem gigantischen Tanzen von über den Himmel hallenden Gelbtönen verschlang
das Feuer brüllte
Odonato hatte schon nicht mehr die Kraft, auch nur das geringste Anzeichen von Staunen auf seine Lippen zu malen, nicht einmal ein schlichtes Lächeln, die Hitze stieg ihm in die Seele, seine Augen brannten von innen heraus
Weinen hatte schon nichts mehr mit Tränen zu tun, war eher die Metamorphose von inneren Regungen, die Seele besaß Wände – poröse Texturen, die Stimmen und Erinnerungen zu verändern vermochten
»Xilisbaba …«, er schaute auf seine Hände, aber sah sie nicht, »wo bist du, meine Geliebte?«
im ersten Stock des Gebäudes hatte Xilisbaba ihren Körper mit Wasser getränkt, um sich vor dem Feuer zu schützen, atmete schwer, hustete langsam, als wolle sie keinen Laut von sich geben
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