Die Egomanin - Hannelore Wulff - E-Book

Die Egomanin E-Book

Hannelore Wulff

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Beschreibung

Die Autorin schickt ihre Figuren in die 1946 zerstörte Stadt Hamburg, in der die Hauptfigur rücksichtslos mit dem Mut der Verzweiflung um ihr Leben kämpfend zur egozentrischen, neiderfüllten Person wird, die über Leichen geht und quasi alles erreicht, nur eines nicht: Ihre große Liebe.

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Seitenzahl: 460

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Hannelore Wulff

Die Egomanin

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Auch sie war nicht unsterblich

Sie war Westfälin

Man nannte ihn Rudi

Hugo Wolf

Aber es kam anders

Sie hatte sich damit abgefunden

Der verschollene Sohn

Drei Tage nach dem Unfall

Suche nach einem Krankentransport

Recherche

Helmut, der Sohn von Hugo Wolf

Die Dame Margot

Warten auf Anruf

Hotel Rosenhof

Das Leben am Hofweg

Timmendorfer Strand

Klaus Pörtner

Wohin jetzt?

Das Appartement am Winterhuder Marktplatz

Ein Büro in der Poststraße

Anna de León

Klaus hatte alles

Das Haus am Schrammsweg

Sie nannten ihn Miki

Der „Bienenstock“

Margot

Anna de León, was nun?

Nicht immer läuft alles wie gewünscht

Wellingsbüttel

Hugo? . . . doch sie hatte andere Sorgen

Klaus steigen die Möglichkeiten zu Kopf

Der Taxifahrer

Die Leiche in der Plastikplane

Margot in St. Tropez

Der Rückfall von Hugo

Ella – nichts als Sorgen

Die Nachricht von Klaus´ Tod

Heidelberg

Ella – Nur noch Niederlagen

Ein Hund namens Pelle

Das wahre Gesicht von Miki

Es war nicht mehr so wie es früher war

Probleme, die nicht abreißen

Die heile Welt – die gibt es nicht!

Der Schönheitschirurg

Hugo im Pflegeheim

Das Gefühl der Irrealität

Die über den Tod hinausgehende Hasstirade

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Der Mann stand auf der anderen Straßenseite gegenüber dem Haus, aus dem eine alte Frau mühselig die zirka zehn Treppenstufen eine nach der anderen hinunterhumpelte. Mit ihrer linken Hand, an der sie eine für sie verhältnismäßig große Tasche trug, hielt sie sich am Geländer fest. An ihrer rechten Hand hing eine Leine, an der ein kleiner Hund versuchte, sich loszureißen. Er zerrte knurrend mit aller Gewalt, so dass es aussah, als ob die Frau jeden Moment stolpern und die Treppe herunter fallen würde. Fast jeden Tag sah sich der Mann diese gefährliche Prozedur an und fast jeden Tag blieb er wie angewurzelt stehen, bis es der Frau gelang, heil die Stufen herunter zu kommen. Erst dann wollte er ruhig weitergehen. Doch fast jedes Mal musste er sich die von der Frau in voller Lautstärke über die Straße geschrienen Schimpfworte, die manchmal sogar unter der Gürtellinie gingen, anhören. „Hau bloß ab du Dreckskerl, du Spanner, meinst du, ich weiß nicht, dass du hinter mir her bist? Dass du mir auflauerst, nur um mit mir . . .“ Das Weitere hörte sich der Mann gar nicht mehr an. Er machte, dass er schnell aus der Reichweite dieser Dame mit ihren lautstarken obszönen Äußerungen kam. Er wohnte schon etliche Jahre in dieser ´feinen` nur für die oberen Zehntausend gedachten Straße in Harvestehude. Und als er das erste Mal diese geschmacklos und billig aufgetakelte alte Dame aus dem gegenüberliegenden Haus kommen sah, musste er unwillkürlich stehen bleiben, weil jeder in solch einem bewusst auffälligen Outfit Aufsehen erregte und einfach nicht in diese vornehme Gegend passte. Später hatte er erfahren, dass sie im Hochparterre zur Miete wohnt und mit dem jetzigen Hausbesitzer bereits zehn Jahre im Clinch liegt, und man sagte ihm – die ganze Straße redete davon - dass sie in ihrem hohen Alter, sie mag ungefähr über neunzig sein, quasi Kündigungsschutz besäße, und es zeitaufreibend lange dauern würde, bis der Hauswirt dieses, sein sogenanntes Krebsgeschwür, aus dem Haus bekommt. Heute, und das sah der Mann erst jetzt, stützte sie sich auf eine Krücke und ging auffallend langsam zu der im Souterrain gelegenen Garage, in der ihr Oldtimer stand. Sie fuhr immer noch Auto. Mehr noch als waghalsig, denn wenn sie rückwärts auf die Straße lenkte, ging jedes Mal ein Hupkonzert der ihr entgegenkommenden Fahrzeuge los, das sie stur nach dem Motto ´die Straße gehört mir` schimpfend ignorierte. Immerhin war sie noch im Besitz ihres Führerscheins. Jeden Morgen zur gleichen Zeit, fuhr sie bei Wind und Wetter, bei Eis und Schnee bis zu dem kleinen Park an der Außenalster, um ihren Hund auszuführen. Es war schon beinahe Routine, doch wie lange würde es noch dauern? Wie lange würde sie noch fähig sein, diese Strapazen auf sich zu nehmen? Wenn jemand sie darauf ansprach, wurde er angeschnauzt: er solle sich um seinen eigenen Dreck kümmern. Nein, angenehm höflich war die Dame nicht. Und niemand in der Straße wollte etwas mit ihr zu tun haben. Die armen Hunde, ihre Tiere wurden bei ihr nicht alt, taten den Leuten leid. Man sagte, sie hätte Geld. Nur man wusste es nicht so genau. Früher, das heißt, noch vor nicht allzu langer Zeit, war sie einmal Maklerin gewesen. Sollte auch damit Erfolg gehabt haben, denn sonst hätte sie nicht die in diesem Viertel üblichen hohen Mieten für ihre Wohnung bezahlen können, wobei allerdings ihr Hauswirt ihre nach dem alten Mietvertrag gültige Miete nicht erhöhen kann, weil er damit sie als Mieterin anerkennen würde. Es hört sich alles ein bisschen kompliziert an, aber dafür hatte sie als Maklerin seinerzeit, als der Mietvertrag zwischen ihr und den alten Leuten, den Vorbesitzern, von ihr ausgeklügelt wurde, gesorgt. Zu der Wohnung im Hochparterre gehört laut Mietvertrag die beheizbare Einzelgarage, ein Kellerraum, ein geräumiger nach hinten gelegener Garten und eine große Sonnenterrasse. Die Wohnung selbst ist etwa 180 qm groß. Armer Hauswirt, er muss mit der bei weitem nicht so großzügigen oberen Etage und einer kleinen Dachwohnung auskommen und ist natürlich diesbezüglich stinksauer. Als das Haus zum Verkauf stand, wollte es wegen des ausgebufften Mietvertrages niemand haben. Der jetzige Besitzer dachte zuerst, er hätte ein Schnäppchen geschlagen, bis er dann einsehen musste, dass seine Mieterin quasi bis an ihr Lebensende laut Gerichtsbeschluss, denn Kauf bricht nicht Miete, unkündbar ist, und wenn er Pech hat, ihn sogar noch überleben wird.

Auch sie war nicht unsterblich

Es war noch sehr früh an diesem Sonntagmorgen. Der wolkenlose Himmel versprach einen noch heißeren Tag, als der gestrige es war. Hans Hausschild, nur mit einem leichten T-Shirt und Shorts bekleidet, stand auf seinem Balkon und schaute in den unter ihm gelegenen Garten, der ihm zwar gehörte, doch zu dem er keinen Zutritt hatte. Und jedes Mal – nun schon seit Jahren – wenn er dieses schöne, leider so verwahrloste Fleckchen Erde sah, überkam ihm eine grenzenlose Wut. Der nach Wasser schreiende Rasen müsste gemäht, die Sträucher und Bäume beschnitten werden. Aber Madame, zu deren Mietvertrag der Garten gehörte, ließ alles verkommen, und er war machtlos. Gerne hätte er heute am Sonntag etwas länger geschlafen, doch das unaufhörliche Gebell eines Hundes ließ es nicht zu. Er schaute nach allen Richtungen, um zu erkunden, woher das Gekläff kam, doch nirgendwo war ein Hund zu erblicken. Seine Frau, die inzwischen auch aufgewacht war, richtete sich auf und rief: „Mein Gott noch mal, kann man denn hier nicht einmal in Ruhe ausschlafen? Muss man dabei immer die Fenster geschlossen halten? Hans, das geht zu weit. Du musst mit dieser Frau endlich Tacheles reden. Die kann doch nicht immer nur machen, was sie will.“

Ohne zu antworten bückte sich der Mann über das Geländer seines Balkons und sah, dass die Terrassentür der unteren Wohnung geöffnet war und der kleine Yorkshire zwischen der Tür und Terrasse bellend hin und her lief. „Ich werde gleich mal runter gehen und sehen, was los ist, irgendwas stimmt da nicht“, sagte er zu seiner Frau, zog sich provisorisch eine Hose an und schlüpfte in seine Sandalen.

„Meinst du nicht auch, dass es sich nicht lohnt? Von der kriegst du ja doch nur eine Abfuhr, die wird dir wieder die Tür vor der Nase zuschlagen“, sagte die Frau und stand ärgerlich auf. Ihr Mann hörte erst gar nicht hin. Er war bereits im Treppenhaus, ging die Stufen runter und klingelte an der Tür der unteren Wohnung. Es rührte sich nichts. Er klingelte noch mal, diesmal Sturm. Wieder nichts, alles still, nur der Hund war bis zu der Wohnungstür gekommen und kratzte jaulend dagegen. Der Mann zögerte nicht lange, sondern schloss die Haustür auf und ging die Stufen zum hinteren Garten runter. Er ging über den Rasen, die kleine Treppe hoch auf die Terrasse und stand unmittelbar vor der offenstehenden Tür zum Schlafzimmer seiner Mieterin. „Hallo“, rief er, „hallo Frau Bolle, sind Sie okay?“ Nichts rührte sich, nur der Hund lief winselnd um ihn herum. Er versuchte, sich bemerkbar zu machen und wäre beinahe über einen Kleiderständer gestolpert, als er die Frau regungslos im Bett liegen sah. Er stand wie versteinert in unmittelbarer Nähe des Bettes und wusste, dass vor ihm eine Tote lag. Er zögerte nicht lange, drehte sich um und lief so schnell er konnte zurück um die Ecke ins Treppenhaus zu seiner Wohnung. Die Tür stand offen, seine Frau befand sich im Bad, als er tief Luft holte, in sein Arbeitszimmer ging, nach dem Telefon griff und 110 wählte.

„Hier spricht Hans Hausschild aus der Abteistraße. Bitte kommen Sie schnell. Ich habe meine Mieterin tot aufgefunden. Ich erwarte Sie vor der Hausnummer 28.“

Inzwischen war seine Frau aus dem Bad gekommen. Sie stand im Morgenmantel an der Tür gelehnt und starrte ihren Mann ungläubig an. Er war zuerst sprachlos. Dann stand er abrupt auf, ging auf sie zu, umarmte sie und sagte: „Ja, du hast richtig gehört. Sie ist tot. Endlich.“ Dann ging er ins Bad, putzte sich die Zähne, holte ein Hemd aus dem Schrank, zog es über und merkte erst jetzt, dass der Hund die ganze Zeit hinter ihm herlief.

Seine Frau benahm sich, wie ein aufgescheuchtes Reh. Sie lief, ohne zu wissen, was sie eigentlich wollte, in der Wohnung hin und her, bis ihr Mann etwas ungehalten sagte:

„Nun zieh dir etwas über, die Polizei wird gleich hier sein.“ Und schon hörte man von weitem die Sirenen der herankommenden Polizeifahrzeuge.

Die Straße wurde nicht nur vom Bereitschaftsdienst der Polizei sondern auch noch von Einsatzwagen der Feuerwehr umstellt. Eine Notarzt-Ambulanz tauchte auch noch auf und verschaffte sich einen Weg auf dem Bürgersteig. Hans Hausschild fasste sich an den Kopf und sagte zu seiner Frau, die nun doch neugierig mit dem zitternden Hund auf den Arm mit runter kam: „Kannst du mir das erklären, was dieser ganze Aufwand soll? Ich habe doch nur die Polizei gerufen?“ Er öffnete die Haustür, blieb auf der obersten Stufe der Treppe stehen und wartete auf die sich nähernden Beamten. Außer den beiden uniformierten von der Bereitschaft kamen ihm zwei Herren in Zivil entgegen:

„Ich bin Kommissar Berger von der Kriminalpolizei“, sagte der Ältere von beiden und zückte seinen Ausweis. Der hinter ihm stehende jüngere zeigte ebenfalls seinen Ausweis und fügte hinzu: „Und mein Name ist Pfeiffer, Kriminalassistent vom Kommissariat Wiesendamm, PK 33, und wer sind Sie?“

„Mein Name ist Hans Hausschild“, und mit der Hand hinter sich zeigend „und das ist meine Frau Gerda. Wir sind die Besitzer dieses Hauses. Die Tote, Frau Bolle, ist, eh, war meine Mieterin der Wohnung im Hochparterre. Aber, ich weiß nicht, was es soll. Die Dame ist gestorben, sie war bereits über neunzig Jahre alt. Ich glaube nicht, dass die Kriminalpolizei dafür zuständig ist? Nun gut, folgen Sie mir bitte, wir müssen durch den Garten gehen.“

Inzwischen war auch der Notarzt mit seinen Helfern angekommen, die eine Trage mit sich führten. Sie folgten Hans Hausschild die Treppe zum Garten runter, über den Rasen zur Terrasse hoch, durch die offene Tür und standen unmittelbar im Schlafzimmer der Toten. Der Arzt war der erste, der eintrat und sich der Toten annahm. Routinegemäß fühlte er ihren Puls, leuchtete in die Augen, besah oberflächlich ihre Arme und Hände und sprach zu Kommissar Berger gewandt:

„Tja, meines Erachtens ist die Dame ermordet worden. Vermutlich erstickt“, und er zeigte auf das auf dem Boden liegende Kissen, „sie hat sich mit letzter Kraft noch gewehrt, wurde aber festgehalten, man kann die Abdrücke an ihren Schultern und Armen noch erkennen. Der Täter muss Handschuhe getragen haben. Der Tod ist so wie ich es sehe vor zirka drei Stunden eingetreten. Die genaue Zeit sowie Ursache erhalten Sie per Bericht.“

„Also sind wir doch zuständig“, äußerte sich Kommissar Berger, dabei blickte er Hans Hausschild und seine Frau herausfordernd an. „Ich möchte Sie bitten, sich für ein vorläufiges Verhör bereitzuhalten. Ach ja, was ich vorerst wissen muss? Haben Sie beim Auffinden der Toten irgendetwas berührt? Sind Sie hier im Zimmer gewesen? Ans Bett gegangen?“ Und ehe Hausschild antworten konnte, wandte er sich an die Beamten der Bereitschaftspolizei und orderte: „Nehmen Sie bitte mit dem Revier Kontakt auf und sorgen dafür, dass alles weitere in die Wege geleitet wird. Spurensicherung, und so weiter!“ Und zum Notarzt gerichtet, sagte er: „Doktor, sorgen Sie bitte dafür, dass die Tote zur Untersuchung in die Pathologie nach Eppendorf des Gerichtsmedizinischen Instituts gebracht wird.“

Unterdessen hatte sich Pfeiffer in der Wohnung umgesehen. Gerda Hausschild folgte ihm neugierig und betrachtete die mit Nippes, Kunstblumen und anderen Kinkerlitzchen ausgestattete Behausung. Bisher hatte sie nie Gelegenheit gehabt, sich in dieser Etage umzusehen und war über so viel Geschmacklosigkeit erschrocken. Die Wohnung war total zugemüllt. In einer Ecke stapelten sich meterhohe Berge von alten Zeitschriften und Katalogen. Die Chintz-Sofa-Ecke mochte vielleicht einmal schön gewesen sein, jetzt jedoch waren über die kaputten und schmutzigen Stellen ausgefranste Deckchen gelegt. Von der abgetretenen Auslegeware, auf der mit Hundekot und Urin befleckte Teppiche und Brücken lagen, strömte ein undefinierbarer, ekelhafter Geruch in die Nase. In der Küche quoll der Mülleimer über mit in Plastik eingewickelten Essensreste und leeren Dosen. Und gleich an der Eingangstür standen Hundenäpfe mit vergammeltem Fleisch und stinkendem Wasser. Es war nicht auszuhalten, überall, wohin man auch sah, nur Dreck. Dabei hatte sie doch angeblich Putzfrauen, die sich zwar alle naselang abwechselten, aber immerhin, die mussten doch auch manchmal sauber gemacht haben, oder? Und wo sind die „wertvollen Antiquitäten“, mit denen sie sich überall rühmte, geblieben? Denn was sie hier zu sehen bekam, war nichts als Sperrmüll. Gewiss, man mochte es auf ihr Alter zurückführen, aber noch gestern hatte man sie gesehen – aufgetakelt wie eine Jahrmarktsfigur – mit ihrem Hund in den Park oder sonst wo hinfahren. Also war sie noch gut drauf gewesen. Nun war sie tot. Jemand konnte es nicht abwarten und hatte ihr quasi den ´Hals umgedreht´. Nur, wo war das Motiv? Hier war doch nichts zu holen. Und plötzlich kam sie zu der erschreckenden Erkenntnis, dass in erster Linie sie, das heißt, sie beide, ihr Mann und sie, ein unausweichliches Motiv hätten und somit als Täter infrage kämen. Ihr schauderte. Es lief ihr kalt über den Rücken, als sie feststellen musste, dass Hans letzte Nacht eine Zeitlang nicht neben ihr im Bett gelegen hat. Wo war er gewesen?

Und während sie über diese Möglichkeit nachdachte und es mit der Angst bekam, stand Pfeiffer hinter ihr und sagte: „Frau Hausschild, wissen Sie, ob Frau Bolle Verwandte hatte? Denn jemand wird nach den Ermittlungen für die Bestattung, Auflösung und behördlichen Wege zuständig sein müssen?“

„Leider, nicht dass ich wüsste Herr Kommissar, das hat immer alles mein Mann erledigt, wenn was war. Ich bin heute zum ersten Mal in dieser Wohnung. Zuvor hat sie mich nie reingelassen. Aber in ihrem Schreibtisch wird man mit Sicherheit etwas Konkretes finden können. Doch jetzt entschuldigen Sie mich bitte, mir ist schon ganz schlecht geworden. Die Luft hier und alles auf nüchternen Magen.“

„Ich verstehe“, sagte Pfeiffer und deutete nach hinten, „aber hier können Sie jetzt nicht raus. Sie müssen schon wieder durch den Garten zu Ihrer Wohnung gehen, denn hier muss erst die Spurensicherung alles durchsuchen und danach wird sowieso abgesperrt.“

Gerda Hausschild sah sich um und bemerkte: „Wo ist denn der Hund geblieben? Ich hatte ihn doch auf meinen Arm, als ich hierherkam. Und wer wird für das Tier aufkommen? Wir können ihn nicht nehmen, ich bin allergisch gegen Katzen- und auch Hundehaare.“

Pfeiffer folgte der Frau bis zur Terrasse, holte ein Tempo-Taschentuch aus seiner Jackentasche und tupfte sich die Schweißperlen von der Stirn. Tief Luft holend krächzte er mehr zu sich selbst: „Die hat doch weiß Gott noch die Heizung laufen.“

Nachdem soweit alles aufgenommen wurde, löste sich allmählich alles auf. Die Tote wurde von den Helfern des Amtsarztes abtransportiert und nach Eppendorf in die Uniklinik gebracht. Hans und Gerda Hausschild gingen nach oben in ihre Wohnung und Berger und Pfeiffer begaben sich vorerst zu ihrem Fahrzeug, das in der Einfahrt des Hauses stand. Berger machte sich Notizen und sagte so nebenbei zu Pfeiffer, der mit langgestreckten Beinen auf dem Beifahrersitz saß und den inzwischen eingetrudelten Menschenauflauf beobachtete:

„Wir müssen gleich noch mal hoch und uns den Schreibtisch der alten Dame vornehmen. Ich glaube, dass wir dort so manches vorfinden, das uns die Beweise für einen Mordmotiv liefert. Merkwürdig ist nur, dass der Täter nicht danach gesucht hat? Vielleicht wurde er gestört?“

„Daran dachte ich auch schon, als ich mich am Schreibtisch flüchtig umsah. Wir werden jede Menge Arbeit haben, um nach etwas Brauchbarem fündig zu werden. Die Wohnung ist total zugemüllt. Nicht nur von allerhand Krimskrams, sondern auch von Unterlagen, Belegen und Quittungen jeglicher Art. Sie scheint nichts weggeschmissen zu haben. Da stehen allein drei dicke Ordner mit Prozessunterlagen über die Gerichtsverhandlungen mit dem Hauswirt Hausschild. Sie muss viel Geld gehabt haben, um all die Jahre prozessieren zu können. Anwälte kosten eine Menge Geld, und das wollen sie im Voraus haben. Ich meine: Wenn jemand einen Grund hat, sie zu töten, dann ist es Hausschild.“

Sie gingen durch den gepflegten Vordergarten, die Stufen hoch und diesmal von vorne in die Wohnung im Hochparterre. Berger hatte den Schlüssel in einer Plastiktüte steckend. Beide trugen Untersuchungshandschuhe, um möglichst keine Fingerabdrücke zu hinterlassen.

„Heute können wir sowieso nichts mehr machen. Es ist Sonntag, die Spurensicherung kommt erst morgen und bevor die antanzen, werden wir längst hier sein. Jetzt werden wir hier vorne und hinten zum Garten alles abschließen und ein Siegel anbringen.“ Und während er das sagte, sich noch mal umblickte, kroch unten vom Sofa verängstigt der Hund hervor. „Ja, wen haben wir denn da“? beugte sich und hob das Tierchen hoch, „ ich denke, du bist oben bei Hausschilds, was sollen wir mit dir machen?“ Und zu Pfeiffer gewandt: „Ich denke die Hausschild hat ihn mitgenommen, wir können ihn doch nicht hier alleine lassen.“

Sie war Westfälin

Ella Bolle war keine Hamburgerin. Sie war Westfälin und in Dortmund geboren. Nach Hamburg kam sie kurz nach dem Krieg, als die Stadt noch in Schutt und Asche lag. Dortmund musste sie Hals über Kopf verlassen, weil sie Dreck am Stecken hatte. Niemand wusste warum. Wie gesagt, es war kurz nach dem Krieg, und schwer zu ermitteln, ob jemand kriminell oder auch nicht war. Jedenfalls munkelte man im Nachhinein, dass sie ihren aus der Kriegsgefangenschaft kommenden Mann, der durch einen Kopfschuss schwer verwundet und deshalb unzurechnungsfähig war, umgebracht hat.

Hochschwanger stand sie an einem Sonntagmittag im April 1946 auf dem nur teilweise betriebsfähigen Hamburger Hauptbahnhof mit einem kleinen schäbig wirkenden Koffer in der Hand und wusste nicht wohin. Ihr war speiübel. Den ganzen Tag über hatte sie nichts gegessen. Es hätte nicht viel gefehlt und sie wäre ohnmächtig geworden, wenn sie nicht zufällig an einem Bretterverschlag die in großen Lettern handschriftliche Anzeige „Bahnhofsmission“ gesehen hätte. Mühsam, den kleinen Koffer hinter sich schleppend, machte sie sich auf den Weg dorthin. Die Helfer in der provisorisch eingerichteten Mission erkannten sofort die Dringlichkeit und riefen die Ambulanz aus dem nächstgelegenen Krankenhaus St. Georg. Und gleich, als sie in der Notaufnahme angekommen war, setzten die Wehen ein. Sie schrie wie am Spieß. Und auch jetzt hatte sie Glück. Der behandelnde Arzt, der längst hätte im Ruhestand sein müssen, sah die verkrüppelte Wirbelsäule der jungen Frau und diagnostizierte, dass es keine normale Geburt sein würde. Sie kam schnellstens in den Kreißsaal, wurde mit Äther narkotisiert und das Kind kam per Kaiserschnitt zur Welt.

Nach vierzehn Tagen wurde sie entlassen. Das Kind behielt man noch in der Klinik. Ihr war es recht so, denn sie wusste selbst alleine nicht wohin, und mit dem Kind? Sie kannte sich in Hamburg nicht aus und so steuerte sie – noch ziemlich wackelig auf den Beinen – wieder den Bahnhof an. Ihre Lage war alles andere als gut, eher ziemlich brenzlig. Ohne Geld, ohne Zuhause und noch halbkrank setzte sie sich auf eine Bank. Eigentlich sah sie nicht schlecht aus. Sie war ziemlich klein geraten, nicht mal 1,40 m groß, hatte ein niedliches, rundes Puppengesicht, das von blonden Naturlöckchen eingerahmt war und wäre für so manch einen Mann die richtige Wellenlänge. Wenn nur nicht das deformierte Rückgrat wäre. Früher sagte man Buckel dazu. In der Schule, in ihrer Umgebung, in der Familie wurde sie nur „die Bucklige“ genannt. Sogar von ihrem eigenen Vater als sie noch ein kleines Kind war. Von ihm bekam sie dazu noch brutale Schläge, die ihre Verkrümmung austreiben sollten. Sie konnte sich nicht wehren. Nicht körperlich. Dafür aber mit ihrem Mundwerk. Bereits als Kleinstkind, kaum dass sie laufen konnte, hatte sie sich den Hinterhofjargon ihrer Spielkameraden angeeignet. Nein, auf den Mund war sie nicht gefallen.

Es war noch früh am Morgen. Im Krankenhaus forderte man sie auf, das Bett frei zu machen, weil andere, dringende Fälle untergebracht werden mussten. Der Bahnhof war voll. Voller Menschen, die keine Bleibe hatten oder sogenannter ´Nachtschwärmer´, die immer noch, meistens ziemlich angetrunken, einem Abenteuer hinterherjagten. Sie wurde beobachtet. Der Mann kam aus der Bahnhofskneipe, die rund um die Uhr geöffnet hatte und in der er, wie jeden Morgen, einen `Ab-Seiler´ nahm. Max Becker war Nachtclubbesitzer, oder besser gesagt: Bordellbesitzer, in dem größtenteils Schwarzmarktschieber verkehrten. In seinem Etablissement konnte man alles von Waffen bis Penizillin gegen entsprechende harte Währung oder andere wertvolle Tauschmittel erstehen. Sein Bordell würde sich nicht Club nennen dürfen, wenn nicht auch eine Bar dabei wäre. Nur mit der Bedienung dieser Bar hatte er bisher nicht besonders viel Glück. Anfangs wurden die Gäste von einem Barmixer bedient, der, wie sich später herausstellte, schwul war und somit wie ein Magnet Homosexuelle und Lesben anzog, so dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sein Lokal als Schwulenkneipe bekannt geworden wäre. Also musste er ihn, obwohl er gut war, schweren Herzens entlassen. Dann wurde die Bar zunächst von seinen `Damen´ geführt, das aber auch nicht so hinhaute, weil sie immer öfter in die eigene Tasche wirtschafteten. Außerdem wollte er auch nicht jemanden hinter dem Tresen stehen haben, die nicht abgeneigt war für einen Quickie mal schnell zu verschwinden. Jetzt dachte er nur noch an Schlaf und ging in Richtung Kirchenallee, um sich nach etwas Fahrbarem umzuschauen.

Ella war nicht zu überhören. Neben ihr auf der Bank saß ein nicht gerade attraktiver, heruntergekommener Typ, der im Begriff war, sie anzumachen. „Wenn du Penner, du besoffenes Schwein nicht bald deine dreckigen Pfoten von meinem Koffer nimmst, dann hau´ ich dir deinen eigenen Schwanz um die Ohren, und deine Eier kannst du nur noch in der Gosse suchen“, schrie sie in einem Ton, der die Umherstehenden amüsiert aufhorchen ließ. Auch Max Becker kam nicht drum herum sich dieses Spektakel anzusehen. Zuerst sah er nur übergroße Füße, die an zu kurzen Beinen baumelten und die überhaupt nicht zu diesem Zwergwuchs passten. Dann bemerkte er den Höcker auf ihren Rücken und sah in das von blonden Löckchen umrahmte Puppengesicht. ´Mein Gott´, dachte er, ´wie kann man nur so aussehen, das ist ja die reinste Jahrmarktsfigur´? Und plötzlich hatte er eine Idee. Er ging auf Ella zu, schob den Penner zur Seite und fragte: „Was hat dich denn hierher verschlagen“? „Was geht dich das an, du Arschloch, hau´ ab!“ Er überhörte es und sagte in einem ruhigen beinahe flüsternden Ton: „Suchst du Arbeit?“ Ella, von der leisen, dominierenden Art des Fremden überrascht, antwortete: „Ja, aber nicht als Klofrau.“ „Dann komm´ heute Abend ab acht ins „Chez Nous“, erhob sich und ging. Sie wollte noch fragen „wo“, aber er war nicht mehr zu sehen, also stand auch sie auf und begab sich zur Bahnhofsmission, um eventuell einen Teller Suppe zu ergattern.

Der Tag verging langsam, und es wurde auch wieder ziemlich kalt. Den kleinen Koffer hatte sie bei der Gepäckaufbewahrung gelassen, als sie kurz vor acht vor dem noch nicht geöffneten „Chez Nous“ stand und nicht wusste wo der Eingang für Personal und Lieferanten war. Sie wollte schon umdrehen, als sie hinter sich eine Stimme hörte: „Der Chef wartet auf dich, komm.“ Schaudernd stellte sie fest, dass der Mann mindestens zwei Meter groß war und sie leicht in seine Jackentasche hätte stecken können. Respekt, Respekt, dachte sie und verkniff sich eine entsprechende Bemerkung.

Das Lokal war noch geschlossen. Der Mann führte sie durch ein Tor zum hinteren Eingang. Wie sich später herausstellte, war es der Türsteher des Etablissements „Chez Nous“. Er war derjenige, der dafür sorgte, dass nur auserlesene Gäste Einlass fanden. Und außerdem gehörte er zu den engsten Vertrauten des Chefs. Er öffnete die Tür, schaltete Licht an und ließ Ella die steile Treppe zum Büro hochgehen. Auch wenn sie sich einbildete, nie Angst zu haben, war es ihr doch nicht so ganz wohl dabei. Sie spürte diesen Übermenschen hinter sich und war ihm, was immer auch geschah, quasi ausgeliefert. Zumal er ihr, auf ihre Fragen, wohin es gehen sollte, keine Antwort gab, und es ihr vorkam, als ob die Stufen dieser Treppe nie ein Ende fanden.

Der Leibwächter, oder wie er sich auch immer nannte, führte sie in einen Raum, in dem nur ein Schreibtisch und ein paar Regale für die Ablage standen. Der Chef, sie nahm an, dass es der Chef war, denn es war der Mann, von dem sie heute Morgen angesprochen wurde, saß hinter dem Schreibtisch auf einen Ledersessel und rauchte. Sie waren alleine. Der Übermensch war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt, aber durch die Tür, durch die sie hier reingekommen waren, ist er nicht rausgegangen. Merkwürdig, dachte sie und wollte dazu etwas sagen, doch durch den Lichtstrahl einer Leselampe wurde sie dermaßen geblendet, so dass sie es instinktiv vorzog, sich nicht zu äußern. Max Becker ließ sie absichtlich im Unklaren, und während er darüber nachdachte, ob sie für die Zwecke, die ihm vorschwebten, geeignet wäre, begutachtete er sie von Kopf bis Fuß. „Setz dich“, befahl er und sie war froh, sich endlich auf den einzigen Stuhl im Raum niederlassen zu können. „Hast du Papiere“, wollte er wissen und ließ sie nicht aus den Augen. Nun doch etwas eingeschüchtert, nestelte sie an sich herum und holte aus dem Innern ihrer Jacke versteckt ein kleines Täschchen hervor. Sie öffnete es und zog einen von der englischen Besatzungsmacht provisorisch ausgestellten Ausweis hervor. „Woher soll ich wissen, dass du es bist? Woher hast du dieses Stück Papier? Bist du vorbestraft? Warst du im Knast?“ „Nein“, antwortete sie, doch dann überlegte sie, dass es nicht angebracht wäre, um den Brei herum zu reden und fuhr fort: „Das heißt, man hat mich bei einer Razzia aufgegriffen. Ich war aber nur eine Nacht in der Zelle, dann wurde ich freigelassen, meinen deutschen Ausweis hat man dabehalten und stattdessen dieses Papier gegeben.“ „Hm“ murmelte er, und hielt immer noch das in Englisch verfasste Blatt Papier in den Händen. Allmählich wurde es ihr zu bunt und ohne seine weiteren Fragen abzuwarten setzte sie sich in Pose, obwohl sie gerade dadurch lächerlich wirkte, stampfte ungeduldig mit ihren viel zu großen Füßen auf und sagte: „Hören Sie, was soll der Scheiß? Ich bin hierhergekommen, weil ich annahm, Sie hätten Arbeit für mich. Entweder Sie sagen mir, was Sie wollen, oder ich haue wieder ab, verstanden?“ Dabei langte sie so gut sie konnte über den Schreibtisch und riss ihm das Papier förmlich aus den Händen. „Nun werde mal nicht frech, mein Fräulein, wenn ich dich bei mir einstellen . . .“ Sofort unterbrach sie ihn: „Als was? Als Nutte bin ich wohl kaum geeignet, oder?“ „ . . . also, wenn ich dich bei mir einstellen will, dann muss ich wissen, wer du bist, woher du kommst, was du bisher gemacht hast und was du gedenkst in Hamburg zu tun, verstanden?“ Sie sah ein, dass es in ihrer jetzigen Lage nicht angebracht ist großkotzig zu sein und gab klein bei: „Nun gut, ich heiße Ella Bolle, komme aus Dortmund und suche Arbeit, und dass ich nicht für jede Arbeit geeignet bin, das sieht man ja.“ „Wie alt bist du denn? Und was hast du bisher getan?“ „Ich bin 25 Jahre alt, habe eine Banklehre gemacht und wurde später gegen Ende des Krieges in die Munitionsfabrik eingezogen.“ „Hast du schon mal hinter dem Tresen gestanden?“ „Nein, leider nicht.“ Und schon sah sie sich wieder auf der Straße stehen, zum Bahnhof gehen und dort in die Mission. Aber „bitte, bitte“ sagen kam für sie nicht infrage. Lieber würde sie sich ein Hausflur zum Übernachten suchen. Vom Stuhl war sie schon aufgesprungen, und damit er nicht ihr enttäuschtes Gesicht, ihre sich mit Tränen füllenden Augen sah, drehte sie sich um und wollte nur noch zur Tür hinaus. Doch in letzter Sekunde schoss es ihr durch den Kopf, dass sie es sich nicht leisten konnte, hier die Hochmütige zu spielen. Sie musste nach jedem Strohhalm, den dieser Mann ihr reichte, greifen. Sie brauchte ein Dach über den Kopf. Und so wie sie vom Aussehen her gehandikapt war, konnte sie noch nicht einmal unter die Decke eines Kerls kriechen.

Max Becker hatte wohl mitbekommen, dass sie verschwinden wollte, dass sie mit sich rang, wie sie sich ihm gegenüber gegen ihren Willen verhalten sollte. ´Sie steckt bis über beide Ohren im Dreck`, dachte er, ´nicht nur hier, sondern auch in Dortmund hat sie jede Menge ausgefressen`. Es wird ein Risiko, das er einzugehen gedenkt. Aber wenn man solchen Typen wie auch immer aus der Patsche hilft, werden sie willig und fressen einen erfahrungsgemäß aus der Hand.

„Könntest du dir vorstellen als Barfrau zu arbeiten?“

Jetzt war sie es, die überrascht wurde und nach geeigneten Worten suchte. „Soll das heißen, Sie wollen mich als Barfrau einstellen?“

„Das habe ich doch soeben gesagt.“

„Ja aber . . ., sehen Sie mich doch an, ich bin doch kein Aufreißer.“

„Und ich bin nicht blind. Also, willst du nun, oder nicht?“

„Ja“, kam es kaum hörbar von ihren Lippen, und misstrauisch wie sie nun mal von zu Hause aus war, überlegte sie, wo hier wohl der Pferdefuß stecken möge, denn irgendetwas führte er im Schilde, fragte sich nur was? Ja, und dann? Dann war da noch das Kind. Das konnte sie nun gar nicht gebrauchen. Und damit konnte sie ihm nicht kommen. Männer, und schon gar nicht in diesem Beruf, würden nicht bereit sein, sich mit solchen Problemen herumzuschlagen. Aber irgendwann musste sie es aus der Klinik holen. Es musste ihr etwas einfallen, nur jetzt nicht. Sie vernahm seine Stimme, sah in das hinter dem Schatten der Leselampe versteckte Gesicht und wiederholte:

„Ja, aber ich habe . . .“

Er unterbrach sie: „Ich weiß, was du hast, du hast kein Zuhause, du weißt nicht, wo du bleiben kannst. Also gut, Ich gebe dir hier oben ein kleines Zimmer, mehr eine Schlafstelle, aber fürs erste wird es wohl genügen. Geld kriegst du von mir nicht. Das musst du dir selber verdienen. Es gibt genügend Trinkgelder und außerdem erhältst du zehn Prozent Provision von den täglichen Umsätzen. Wenn du es geschickt anstellst, wirst du auf deine Kosten kommen. Aber das eine sage ich dir: fang nicht an, mich zu betrügen. Beim leisesten Verdacht fliegst du ohne Vorwarnung. Für den Ausschank ist Gerd, der Mixer, zuständig. Er mixt die von den Gästen über dich bestellten Getränke. Er wird dich einweisen und dir sagen, wo es lang geht. Versuche, mit ihm klarzukommen. Ich dulde keine Reibereien zwischen meinen Angestellten. Du wirst bald erkennen, dass du dich in einem Puff befindest. Die Damen, die hier frei arbeiten, nennen sich Tischdamen, neuerdings „Taxigirls“, und du hast die Aufgabe, alles zu bespitzeln, dir darf nichts, nicht die geringste Kleinigkeit in meinem Lokal entgehen. Du wirst mein sogenannter unauffälliger Beobachter werden. Ich verlange jeden Tag Deinen Bericht, und ich verlange, dass du absolut abstinent bist. Schaffst du das, ohne einen Tropfen Alkohol zu dir zu nehmen, hinter einer Bar zu sitzen? Wenn nicht, dann kannst du gleich gehen, dann hat sich das hier erledigt.“

„Nein, nein, ich trinke nicht. Ich bin keine, die an der Flasche hängt. Es wird mir nichts ausmachen, trocken zu bleiben. Ganz im Gegenteil. Wann soll ich anfangen?“

„Sofort. Ich zeige dir nur schnell dein Zimmer und dann gehen wir runter. Wir werden bald öffnen müssen. Gerd, der Mixer wird bereits da sein und alles Weitere übernehmen.“

Sie ging noch eine Stiege höher hinter ihm her. Die Kammer, mit nur einer Liege und daneben ein Tischchen, war winzig. In einer Ecke stand ein Kleiderständer und wie sie erleichtert feststellte, ein kleines Waschbecken für fließendes Wasser. Die schrägen fensterlosen Wände mit nur einer Luke nach draußen gaben nicht mehr her. Für sie jedoch, war es ein Himmelreich.

„Das kostet fünfhundert Mark Miete im Monat.“

„Wie bitte? Für diese miese Absteige so viel Geld? Das habe ich nicht, das tut mir leid.“

„Was sind in der heutigen Zeit schon fünfhundert Mark? Die Deutsche Reichsmark ist doch nichts mehr wert. Der Preis ist nur noch symbolisch. Unten an der Bar wird nur noch in ausländischer Währung bezahlt. Vorwiegend in Englische Pfund oder Dollars. Wie gesagt, Gerd wird dich einweisen, er kennt auch die jeweiligen Tageskurse. Etwas rechnen wirst du schon müssen, aber du hast ja in einer Bank gearbeitet. Also dürfte es für dich nicht schwierig sein. Ach ja, hier hast du den Schlüssel für die Dachkammer. Nach Feierabend, und das ist meistens so gegen 6 Uhr früh, kommst du mit Gerd zuerst zu mir zum Abrechnen. Nach der gesetzlichen Sperrstunde brauchen wir uns nicht zu richten, wir werden von den Besatzern toleriert.“

Sie gingen runter, über die Toreinfahrt ins nächste Haus zu dem Lokal, das noch einen ziemlich verschlafenen Eindruck machte. Der Barmixer stand schon hinter dem Tresen und wunderte sich, dass sein Chef nicht wie üblich alleine kam. Max Becker begrüßte ihn mit einem Handschlag, stellte Ella vor und gab ihm ohne Widerrede zu verstehen, dass er eine reibungslose Zusammenarbeit wünsche. Gerd musterte Ella von Kopf bis Fuß und die gegenseitige Antipathie war nicht zu übersehen. ´Was soll dieser abgebrochene Zwerg hier anstellen? Die steht doch nur rum und vergrault mir die Gäste`, dachte er und sah seinen Chef fragend an, der darauf nicht reagierte, im Gegenteil , er war damit sogar zufrieden, weil er so annehmen konnte, dass ein Miteinander – wie auch immer – von vorn herein ausgeschlossen war.

Ella sagte nichts. Sie stand nur da, machte absichtlich auf unbeholfen, auf schüchtern und registrierte alles haargenau. Sie zählte die Tische, die Sitzecken und sah, wie zwei Musiker ihre Instrumente auspackten und gierig auf ihre obligatorischen Drinks warteten. Sie stellte fest, dass es für den Anfang gar nicht mal so übel war. Es hätte schlechter kommen können. Und was die zwei Männer betrifft, die neben ihr standen und ohne von ihr Notiz zu nehmen diskutierten, sie wie Luft behandelten, denen würde sie es bald zeigen, wer hier das Sagen hat. Nur, das Kind bereitete ihr Sorgen. Wohin damit?

Max Becker ging zurück in sein Büro. Und Ella stand immer noch an einem Barhocker gelehnt vor dem Tresen. Sie wollte an Gerd vorbei nach hinten zu ihrem Arbeitsplatz, doch der machte keine Anstalten, sie vorbeizulassen. Er stellte sich quer, so dass für sie kein Platz war, um an ihn vorbeizukommen. `Okay, ich kann auch anders´, dachte sie, stellte sich dicht hinter ihm und kniff ihn mit aller Kraft gekonnt in die Genitalien, so dass er vor Schmerzen laut aufschrie und vornüber haltesuchend nach der Zapfanlage griff. Er wollte sich umdrehen und ihr eine runterhauen, doch sie war schneller, sie wich ihm aus und mit beinahe flüsternder Stimme sagte sie ruhig: „Das nächste Mal reiß ich dir den Sack ab, kapiert?“ Er kam nicht mehr dazu, darauf zu reagieren, denn die beiden Musiker kamen, um das ihnen vor Arbeitsbeginn zustehende Bier zu trinken. Wenig später kamen die ersten Damen und das Lokal begann sich schnell zu füllen.

Der erste Abend war die reinste Enttäuschung. Sie saß in der Ecke hinter dem Tresen auf einen Barhocker und wurde von keinem der Gäste bemerkt. Wenn, dann gingen sie direkt zum Barmixer, den sie kannten und bestellten bei ihm ihre Drinks. Es sah wirklich so aus, als würde sie die Gäste vergraulen, als würde sie sich langweilen bei all den sich gegenseitig mit Alkohol und Drogen animierenden Menschen. Doch es täuschte. Sie beobachtete das sich ihr bietende Milieu bis ins kleinste Detail. Sie wusste wann und mit wem die jeweilige Dame in die dafür bestimmten Gemächer verschwand. Sie merkte sich jede Sektflasche, die in Kübeln auf den Tischen standen und die von den Kellnern serviert wurden. Und sie sah wie so manch ein Schieber unter den Tischen mit Schwarzmarktware handelte.

Je später es wurde, desto mehr Menschen, überwiegend Männer, kamen ins Lokal und desto ausschweifender benahmen sich die angetrunkenen Gäste, von denen viele Ausländer, sogar Besatzer waren. Ella, die sich einbildete vieles zu kennen musste zugeben, dass dieses hier neu für sie war, dass dies hier anders war und in keinem Vergleich zu den einheimischen Kneipen in Dortmund stand.

Sie registrierte alles. Sie nahm das Rings-Um-Sie-Herum wahr, nicht etwa für ihren Chef, der sie damit beauftragt hatte, nein . . . sie hatte eine Idee. Und diese, bereits am ersten Abend aufgetauchte Idee wollte auch später nicht aus ihrem Kopf weichen. Max Becker ließ sich öfter mal blicken. Er setzte sich auch auf eine Zigarette zu Ella an den Tresen. Trinken tat er nicht. Und er unterhielt sich auch nicht mit ihr.

Gegen Morgen war sie wie gerädert. Das ganze Remmidemmi in dem Bordell dauerte immerhin bis nach 6 Uhr früh. Sie schlief keine drei Stunden. Denn sie wollte, das heißt sie musste ins Krankenhaus, um die Sache mit dem Kind ins Reine zu bringen. Die ganze Nacht hatte sie Zeit gehabt, um zu überlegen, was sie sagen wird, damit der Säugling zumindest fürs erste noch ein paar Tage in der Klinik bleiben kann. Gleichzeitig wollte sie darum bitten, ob es nicht eventuell eine Möglichkeit gäbe, das Kind in ein Waisenhaus oder zu Pflegeeltern zu geben, wo es allemal besser aufgehoben sein würde, als mit ihr quasi auf der Straße. Nun ging sie die Lange Reihe runter bis zur Lohmühlenstraße zum Krankenhaus St. Georg. Und immer wieder fragte sie sich: `Warum habe ich dusselige Kuh mich damals bei Nacht und Nebel mit dem besoffenen Typen, von dem ich noch nicht mal weiß, wie er heißt, eingelassen? Jetzt habe ich ein Balg am Hals und weiß nicht wohin damit´.

So leicht, wie sie es sich vorgestellt hatte, war es nicht. Im Krankenhaus wollte man ihr das Baby gleich mitgeben. Es zeigte sich, dass niemand dafür zuständig war, auf ihr Anliegen einzugehen. Sie wollte schon resigniert aufgeben, als per Zufall der ältere aus der Notaufnahme kommende Arzt ihr auf dem Flur über den Weg lief. Sie erkannte ihn nicht. Doch er erinnerte sich spontan an die körperbehinderte, schwangere kleine Frau, die er damals in den Kreißsaal schickte. „Hallo, wie geht es Ihnen? Wie ich sehe, haben Sie alles gut überstanden. Doch wo ist das Baby?“ Ella reagierte sofort, brach, wie auf Kommando, in Tränen aus und schluchzte herzzerreißend. Er setzte sich neben sie auf die Bank, zog ein Tuch aus seiner Hosentasche, gab es ihr und sagte: „Was ist denn mit dem Kind? Doch nicht etwa . . .?“ „Nein, nein, mit dem Kind ist alles in Ordnung, es ist ein strammer Junge, aber . . ., sehen Sie Herr Doktor, ich habe kein Dach überm Kopf, ich schlafe im Bahnhof in einer Ecke auf bloßem Fußboden. Das Baby wird sterben, wenn ich es jetzt mitnehme. Ich weiß auch nicht, wie ich es ernähren soll, ich habe keine Milch. Ich brauche dringend Arbeit, aber wie soll ich die bekommen, gehandikapt wie ich bin und dann noch mit einem Säugling im Arm? Bitte Doktor, helfen Sie mir.“

„Das würde ich gerne tun, aber wie? Mir sind die Hände gebunden, ich weiß wirklich nicht, was man da machen könnte.“

So leicht wollte Ella nicht aufgeben. Sie rutschte von der Bank etwas nach vorn, so dass sie mit einem Fuß auf dem Boden Halt fand, drehte sich zu ihm um, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte schluchzend: „Bitte, bitte Doktor, ich will ja nur, dass es dem Kind gut geht, dass es – und wenn es nur für ein paar Tage ist – hier in der Klinik bleiben kann. Ich werde jeden Tag vorbeischauen, und vielleicht findet sich in der Zeit ein Waisenhaus, in dem es gut aufgehoben wäre.“ Und während sie sprach, dachte sie: `Ohne weiteres könnte ich aufstehen und verschwinden. Kein Hahn würde nach mir krähen. Wo sollten die mich auch finden? Ich bin sicherlich nicht die erste, die ihr Kind aussetzt. In diesen Zeiten schon gar nicht´. Doch irgendetwas hielt sie davon zurück. Es wurde ihr bewusst, dass dieses Kind in ihrem späteren Leben nützlich sein könnte. Und so war sie sich im Klaren darüber, dass es vorübergehend wo auch immer untergebracht werden müsste, so dass sie jederzeit, wenn sie in der Lage sein sollte, es zu sich nehmen kann.

Der Arzt erhob sich, blickte zu ihr runter und sagte: „Warten sie hier. Ich werde versuchen, mein Möglichstes zu tun. Versprechen kann ich leider nichts. Aber warten Sie bitte, ich bin gleich zurück.“

Ella holte tief Luft. Nun war sie sicher, dass sie zumindest für ein paar Tage ihre Ruhe hatte und schöpfte wieder Hoffnung, dass alles nach ihrem Plan verlief. Obwohl sie nicht rauchte, so hätte sie doch gerne in diesem Moment eine Zigarette gehabt.

Auf dem Weg zurück zum Hauptbahnhof, wo sie ihren Koffer von der Gepäckaufbewahrung holen wollte, hatte sie sich bereits mit dem Gedanken abgefunden, dass sie das Kind, ihr Kind vielleicht nie mehr zu Gesicht bekommen würde. Ihr sollte es recht sein. Sie wollte nur, dass das Kind versorgt ist und sie keine Probleme damit hat. Eine Beziehung war von vorn herein nicht da. Und mütterliche Gefühle hatte sie schon gar nicht. Sie überlegte, ob sie sich überhaupt noch mal im Krankenhaus blicken lassen sollte? Das Beste wäre, einfach zu verschwinden. Zwar hatte sie ihre Personalien angeben müssen und ihr Höcker war nun mal ein besonderes Merkmal, aber finden würde sie niemand, nicht in diesem Durcheinander der Nachkriegszeit und schon gar nicht in einem Bordell.

Abends trat sie ihren Dienst an. Der Barkeeper huschte zur Seite, als sie an ihm vorbeikam. Und als sie anstandshalber ein `guten Abend´ sagte, lächelte er zurück. Mehr noch, er hatte in einer Thermoskanne Kaffee organisiert, wovon er ihr eine Tasse anbot. Sie staunte nicht schlecht. Und als dann eine Nutte nach der anderen zu ihr kam, um sich vorzustellen, musste sie diese Sinneswandlung erst mal verdauen. Aber sie konnte sich denken, woran es lag. Es musste sich herumgesprochen haben, oder der Chef hatte etwas verlauten lassen, dass sie für die `Überwachung´ des Ladens zuständig war und morgens nach Feierabend über die Ereignisse Bericht erstatten musste. Jedenfalls änderte sich von einem Tag auf den anderen die Gesinnung aller. Sie wurde von allen Seiten hofiert und es dauerte gar nicht lange, von den Gästen auch. Die Damen gaben ihr heimlich still und leise einen Teil von dem, was sie eingenommen hatten, ab. Der Barkeeper schob ihr hin und wieder etwas von seinen eingenommenen Trinkgeldern zu und fast jeder Gast sah es als selbstverständlich an, ihr einen, man kann schon sagen, großzügigen Tip zu geben.

Es hagelte man so mit Devisen und Wertsachen. Es dauerte nicht lange und sie wurde im Laufe der Zeit eine verhältnismäßig wohlhabende Frau. Bis 1948 änderte sich daran nichts. Dann kam die Währungsreform. Die D-Mark wurde eingeführt und über Nacht waren sämtliche Schaufenster voll mit den erlesensten Sachen. Und da Ella Bolle wenig wertlose Reichsmark besaß, konnte sie bei jeder Bank reibungslos ihre gehorteten Devisen angemessen umtauschen. Nur, von dem Moment an änderte sich auch der Betrieb in dem Bordell. Schwarzmarkthändler, die ihren illegalen Geschäften im Lokal nachgingen und dementsprechend für Umsatz sorgten, blieben aus. So manches änderte sich zum Nachteil Max Beckers. Sperrstunden mussten eingehalten werden und von der deutschen Polizei wurden nicht angemeldete Razzien wesentlich öfter durchgeführt, als von den Besatzern. Wer dem ältesten Gewerbe angehörte wurde registriert und bei jeder Gelegenheit wegen illegaler Tätigkeit festgenommen. Für diejenigen in diesem Milieu wurde es zunehmend schwieriger. Der nachkriegschaotische Zustand wurde allmählich aber sicher aufgehoben.

Für Ella Bolle war die Zeit gekommen, in der sie sich Gedanken machen musste, wie es weitergehen sollte. Dass es nicht so bleiben konnte, lag auf der Hand. Es musste ihr etwas einfallen. Noch war sie auf die Dachkammer, als Unterkunft, angewiesen. Die war ihr auch sicher, solange sie für Max Becker arbeitete. Wo sollte sie auch hin? Die Stadt hatte nach dem Krieg schwer gelitten. Die Wohnungsnot war groß. Das Kind hatte man einem Waisenhaus übergeben. Sie erfuhr es von einer Krankenschwester, die sie zufällig unterwegs traf, und die ihr – gegen Bezahlung – versprach, sie weiter auf dem Laufenden zu halten. Gesehen hatte sie das Kind nie wieder. Alles in allem waren ihre Pläne in Erfüllung gegangen und sie hätte zufrieden sein können.

Es war nun schon 23 Uhr durch und in dem Etablissement herrschte immer noch gähnende Leere. Die Damen saßen gelangweilt auf irgendeinen Freier wartend und erzählten sich gegenseitig Witze. Hin und wieder trat ein Mann herein, der jedoch weiter nach hinten ging, wo Max Becker neuerdings ein Raum für illegale Spiele mit allen Vorkehrungen eingerichtet hatte. Illegal, weil man dafür eine Konzession brauchte, die er von den deutschen Behörden nicht bekam.

Ella schaute zur Uhr. Sie wollte gerade kurz rausgehen, als sich ein Mann zu ihr an die Bar setzte. Er bestellte Whiskey Soda und fing ein Gespräch an: „Nichts los hier. Überall ist nichts los, wo man auch hinkommt. Die Leute haben alle kein Geld. Dabei liegt es auf der Straße.“ Und als er merkte, dass er auf taube Ohren stieß, suchte er nach Zigaretten und fand dabei in seiner Jackentasche mehrere Tütchen mit Muster einer Berliner Kosmetikfirma. Er stapelte die Proben einer Gesichtscreme auf den Tresen und sagte zu Ella: „Wenn Sie wollen, können Sie die Tüten behalten. Es ist eine sehr gute Creme, neu auf dem Markt.“ Ella rückte mit ihrem Hocker, auf dem sie immer saß, näher und betrachtete neugierig die Pröbchen, die unterschiedlich Tag und Nachtcreme beinhalteten. „Sind Sie Vertreter“, fragte Sie und verstaute ein Tütchen nach dem anderen unter dem Tresen. „Nicht direkt“, sagte der Mann, „ich bin Berliner und zuständig für den Vertrieb der Produkte dieser Kosmetikfirma und suche hier in Hamburg Jemanden, der mit etwas Kapital gewillt ist, diese Creme in einem Kosmetiksalon zu vertreiben.“ „Hier gibt es keine Kosmetiksalons. Für so etwas haben die Frauen hier kein Geld“, antwortete Ella und stellte das Glas Whisky vor ihn hin. „Was nicht ist, kann noch werden. Mit Bestimmtheit. Die Zeiten ändern sich.“ Ella fixierte den Mann und hätte am liebsten gesagt `verpiss dich, Spinner´. Doch sie sagte gelangweilt, sogar etwas melancholisch wirkend: „Sehen Sie, die Frauen dieser Stadt, und nicht nur dieser, die tagsüber für ein bisschen Essen die Trümmer beseitigen nur um ihre Kinder am Leben zu erhalten, deren Männer in Gefangenschaft oder im Krieg geblieben sind, glauben Sie, dass diese Frauen, die nicht mal Geld für ein Stückchen Seife haben, sich für Kosmetik interessieren?“ „Nein, nein Madame, Sie verstehen mich falsch. Es wird auch wieder Männer geben, die genügend verdienen, und deren Frauen es sich leisten können, ihr Gesicht nicht nur mit dem `Nivea´ in der blauen Blechdose zu `verwöhnen´.“ „Möglich ist alles“, entgegnete Ella und wollte das Gespräch endgültig beenden. Doch der Mann wollte sie überzeugen und insistierte weiter: „In Amerika . . . „ Ella schnitt ihm das Wort ab und sprach: „Gehen Sie mir nur weg mit Amerika. Das ist eine andere Welt und mit uns wohl kaum vergleichbar.“ Er schüttelte den Kopf und fügte hinzu: „Die Amerikaner, Gnädigste, stehen bereits vor unserer Tür. Seitdem wir die DM haben, sind wir für Investitionen interessant geworden.“

Eigentlich hatte sie keine Lust, sich mit ihm über Dinge zu unterhalten, von denen sie wenig verstand. Allerdings leuchtete ihr ein, dass es so nicht weiter gehen konnte, dass ihr in unmittelbarer Zeit etwas einfallen musste. Dieses Bordell war zwar ein Sprungbrett, doch irgendwann musste man auch bereit sein, sich abzuseilen. Irgendwann musste man sich überlegen, wie es weitergehen sollte. Das Milieu wollte sie nicht aufgeben, denn während der Zeit ihrer Tätigkeit hinter diesem Tresen, hatte sie genügend gelernt und mitbekommen, dass man mit geeigneten, nicht direkt professionellen Damen Geld machen konnte.

Die zwei Musiker spielten den aktuellen Song „I´m singing in the rain“ und eines der Mädchen erhob sich und wollte zu dem Gast an die Bar. Doch Ella gab zu verstehen, dass es nicht angebracht wäre, denn plötzlich schoss es ihr durch den Kopf, dass es gar nicht mal so verkehrt sein würde, um von diesem Berliner zu erfahren, wie er sich die Einrichtung eines Kosmetiksalons vorstellte. Und vor allen Dingen, wie viel Geld man dafür mitbringen musste. Deshalb rückte sie wieder ein Stückchen näher an ihn ran und fragte so nebenbei, dabei hielt sie eine seiner Proben in der Hand:

„Sagen Sie mal, wie haben sie sich das vorgestellt, ich meine mit der Eröffnung eines Kosmetiksalons hier in Hamburg? Haben Sie schon jemanden, der sich dafür interessiert?“

„Natürlich haben wir das. Viele wollen, sind aber größtenteils nicht geeignet oder haben nicht das Geld für die erforderliche Kaution. Zuallererst müsste man einen Schnellkursus machen, um als Kosmetikerin mit Diplom ausgebildet zu werden. Das würden wir in unserer Firma machen, denn Fachkenntnisse muss man haben, um die Konzession vom Amt für Gewerbe zu erhalten.“ Und dabei sah er sie genauer an, weil er merkte, dass sie ein persönliches Interesse daran zeigte.

„Sagen Sie, so ein Salon bezieht sich doch nicht nur auf Gesichtspflege? Ich meine, die Behandlungen könnten doch auch auf Manikür, Pedikür und Massage erweitert werden? Und ist von seiten Ihrer Firma nur ein Ladengeschäft vorgesehen, oder käme eventuell auch eine Etage in Frage?“

Jetzt fiel bei ihm der Groschen. Jetzt wusste er, was sie damit meinte und schnalzte mit der Zunge. Er nahm eine Zigarette aus der Packung, zündete sie an und überlegte, was er zu der Frage, ohne Obligo vorsichtig antworten sollte und um Zeit zu gewinnen, bestellte er noch einen Drink: „Wenn ich richtig verstanden habe, Gnädigste, dann haben Sie soeben zu verstehen gegeben, dass Sie selbst daran interessiert sind ein derartiges Geschäft zu betreiben?“

Ella wollte sich nicht allzu sehr offenbaren. Aber auch nicht um den Brei herum reden. Zwar wirkte dieser Mensch nicht wie ein Gauner, aber es musste erst mal alles überlegt sein. Alleine kam sie nicht vorwärts, das wusste sie. Außerdem durfte niemand dahinterkommen, dass sie im Begriff war, sich nach etwas anderem umzuschauen. Ach, dachte sie, wer nicht wagt, gewinnt nichts und sagte über ihre eigene Entschlossenheit überrascht: „Stimmt! Oder meinen Sie, ich eigne mich nicht dafür?“

„Nein, nein, das wollte ich damit nicht sagen. Im Gegenteil. Doch falls Sie die Absicht haben, ein Geschäft dieser Art zu führen und über das nötige Geld für die Kaution verfügen, dann ist dies nicht der richtige Ort zu verhandeln und dann würde ich vorschlagen, dass wir uns morgen Nachmittag an einem Ort treffen, wo wir uns ungestört unterhalten können.

„Einverstanden. Nur möchte ich noch auf meine Frage eine Antwort haben, ob eventuell auch eine Etage in Erwägung gezogen werden könnte? Ladengeschäfte sind rar, und eine Etage hätte ich in Aussicht, wenn Ihre Firma als Hauptmieter fungiert.“

„Verstehe, dann wären Sie als Betreiber quasi Untermieter meiner Firma. Wissen Sie was? Ich werde morgen Vormittag mit Berlin telefonieren und mir die Konditionen telegraphisch schicken lassen.“

„Und ich werde alles noch einmal überschlafen und als Grundlage die Konditionen meinerseits zu Papier bringen.“

„Ich weiß nicht, aber ich habe so das Gefühl, als ob wir uns einig werden.“

„Gut, dann treffen wir uns morgen, sagen wir um 16 Uhr im Alsterpavillon. Und nun möchte ich darüber kein Wort mehr verlieren, denn mein Kollege, der Barkeeper muss jeden Moment kommen und braucht davon nichts wissen.“

„Einverstanden, dann geben Sie mir bitte die Rechnung, damit ich mich in mein Hotel zurückziehen kann. Ich wohne im Europäischen Hof. Ach ja, mein Name ist Rudolf Paschke, man nennt mich Rudi.“

„Und ich heiße Ella Bolle. Dann bis morgen.“

Die zwei Musiker versuchten den Miller-Sound nachzuahmen, was ihnen aber nicht allzu gut gelang. Gerd, der Barmixer war auch soeben eingetrudelt und fragte, ob der Chef schon seine Runde gemacht hat. Doch Ella hörte nur mit einem halben Ohr hin, sie war mit ihren Gedanken ganz woanders. Sie begann, sich innerlich abzunabeln, und ging dann auch früher als üblich nach oben in ihre Dachkammer unter dem Vorwand, dass es ihr nicht gut gehen würde.

Einen Schreibblock hatte sie immer zur Hand. Sie machte sich für die Nacht fertig, setzte sich aufrecht in ihr Bett und ließ ihre Gedanken um das neue Projekt kreisen. Ihr Vorhaben nahm immer mehr Gestalt an. Nach Berlin würde sie reisen müssen. Schon um die Bonität, das heißt, um das geschäftliche Ansehen dieses Kosmetikunternehmens vor Ort zu testen. Schließlich würde sie ihr Geld investieren müssen, dabei aber möglichst kein Risiko eingehen wollen. Sie zog auch in Erwägung, ob es nicht zweckmäßig beziehungsweise fair wäre Max Becker einzuweihen. Vielleicht würde er sich sogar daran beteiligen wollen? Die Räumlichkeiten, oder besser gesagt die ehemalige Wohnung in den Colonnaden, hatte sie bereits ausgekundschaftet. Es war eine 6-Zimmer Wohnung in der ersten Etage mit Küche, Bad und Diele, in der vor dem Krieg eine jüdische Kaufmannsfamilie lebte. Sie stand leer, weil der Vermieter - unter dem Vorwand, dass die Familie zurückkommen würde und ein Anspruch hätte wieder einzuziehen - nicht zwangsvermieten brauchte, und wenn, dann wollte der Vermieter nur gewerblich vermieten, weil er somit die dreifache Miete bekommen würde. Sie kannte ihn. Er war quasi Stammgast im „Chez Nous“ und ihm gehörte auch das im Erdgeschoss gelegene Ladengeschäft. Sie legte Block und Bleistift beiseite, weil sie sich spontan entschlossen hatte, abzuwarten, bis Paschke mit den Bedingungen der Berliner Firma herausrückte. Erst dann würde sie im Gegenzug ihre Bedingungen stellen. Und vielleicht wäre Max Becker dabei.

Sie schlief bis zum späten Vormittag. Dann stand sie auf, wusch sich – wie jeden Tag – mit kaltem Wasser aus dem Waschbecken, schaute in den darüber angebrachten fast blinden Spiegel und war mit dem, was sie sah, zufrieden. Ihre blonden, naturgelockten Haare hingen ihr bis zur Schulter und umrahmten ein ebenmäßiges etwas puppenhaft wirkendes Gesicht. Ihren deformierten Körper, den sie sowieso nicht im Spiegel zu sehen bekam, ignorierte sie ausschließlich. Was sie nicht sehen wollte, war für sie auch nicht vorhanden. Es begegnete ihr keine Menschenseele, als sie die knarrenden Stufen herunterging. Wer sollte ihr auch begegnen? Das „Chez Nous“ war tagsüber geschlossen und Max Becker wohnte privat am Feenteich in dem vornehmen Stadtteil Uhlenhorst.