Die Eigenen täuschen - Ole Halding - E-Book

Die Eigenen täuschen E-Book

Ole Halding

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Beschreibung

Wahre Geschichte ist häufig spannender als ein Krimi. Besonders wenn es um Krieg und Frieden geht. Spielt doch im politischen Berlin des Sommers 1914 jeder sein eigenes Spiel: Der Deutsche Kaiser ermutigt Österreich zum Losschlagen, will dann aber doch den Frieden. Generaloberst von Moltke ist überzeugt, dass der große Krieg gegen Russland und Frankreich unausweichlich ist und will lieber jetzt als später loslegen. Der Reichskanzler möchte England heraushalten und nur in den Krieg ziehen, wenn auch die Sozialdemokraten mitmachen. Die SPD ist jedoch grundsätzlich gegen Krieg, zumindest bis zu den ersten Tagen im August. Und während man sich in Berlin gegenseitig zu überlisten versucht, kocht Österreich derweil sein eigenes serbisches Süppchen. Aber auch so mancher Botschafter scheint zur Intrige bereit ...

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Nicht alles ist wirklich geschehen,

was uns als Geschichte dargeboten wird,

und was wirklich geschehen,

das ist nicht so geschehen, wie es dargeboten wird,

und was so geschehen ist,

das ist nur ein Geringes von dem,

was überhaupt geschehen ist.

Johann Wolfgang von Goethe

im Gespräch mit Luden.

INHALT

Habemus Patriam

Glückliche Hand

Der eiserne Ring

Die Gelegenheit

Nicht Amt des Deutschen Kaisers

Das Ultimatum

Sprung ins Dunkle

Direkte Gespräche

Diplomatie

Der Umfall

Kronrat

Ein wertvoller Dienst

Neutralität

Sein oder Nichtsein

Drohende Kriegsgefahr

Der erste August

Durchmarsch

Mobilmachung

Kriegserklärung

Notwehr

Erklärung

Fraktionssitzung

Bewilligung

Handelnde Personen

Wann Krieg beginnt, das kann man wissen,

aber wann beginnt der Vorkrieg.

Falls es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen.

In Ton, in Stein eingraben, überliefern.

Was stünde da?

Da stünde, unter andern Sätzen:

Laßt euch nicht von den Eigenen täuschen.

Christa Wolf, Kassandra

HABEMUS PATRIAM

Die Welt tritt ins Dunkel! – David erschrickt über sich selbst. Woher die trüben Gedanken? Der finstere Himmel über der Kuppel ist kein Grund für Untergangsvisionen. Ein heftiges Sommergewitter, sonst nichts, und ganz und gar harmlos im Vergleich zu den Bedrängnissen der letzten Tage. Jetzt wird alles gut. Wie sagt die Offenbarung: Wer überwindet und sein Werk bis ans Ende hält, dem wird Macht gegeben.

Saaldiener zünden die Lichter. Die Gesichter der Abgeordneten schimmern im Dämmerlicht. Das nahe Unwetter scheint niemanden zu kümmern. Die Mitglieder sind mit ihren Gedanken bei der Abstimmung. Kein Wunder: Nichts Geringeres steht auf dem Spiel als die Zukunft der Nation; die Gesetze, die das Land wehrhaft machen.

Das Präsidium erlässt die Aufforderung, die Regierungsvorlage abzustimmen. Die Abgeordneten der Konservativen, des Zentrums und der Nationalliberalen erheben sich von ihren Bänken. Als sie stehen, unterbricht eine Böe das Prasseln auf der Glaskuppel. Für einen Moment herrscht vollkommene Stille.

Jetzt liegt es an ihnen. Zügig erhebt sich David von seinem Sitz. Ihm folgen weitere, bis alle stehen. – Jubel braust auf. Begeistert rufend und klatschend springen die Zuschauer auf den Tribünen von ihren Sitzen. Sogar auf der sonst reglosen Regierungsbank stehen sie, um Beifall zu spenden. Der Lärm erreicht ohrenbetäubende Stärke.

Die Ovation gilt ihnen. Sie streichen den gerechten Lohn ein für all die Mühen nicht nur der letzten Tage. Die Menschen würdigen ihr öffentliches Bekenntnis zum Staat, sie zollen ihnen Respekt, weil sie in der Stunde der Not das Vaterland nicht im Stich lassen!

David zittern die Nerven. Eine leichte Anwandlung zum Weinen steigt in ihm auf, so, wie er es als kleiner Junge öfters hatte. Warum soll er die Gefühle mäßigen? Die Freude über das Erreichte ist größer als alles, was er jemals empfunden hat: Wir haben ein deutsches Vaterland!

In vorderster Reihe der Zuschauertribüne winkt Sonja. Das Kind ist vom Jubel überwältigt. Ihre Jugendlichkeit kann einem wahrlich Hoffnung verleihen. Es tut so wohl, das Mädchen bei sich zu haben. Wenn sie nur nicht so viele Fragen stellen würde. Sie ist noch so jung und kann das nicht verstehen.

Für sie und all die anderen jungen Menschen hat er gegen den Unverstand und die Borniertheit nicht weniger Genossen in der Partei angekämpft. Immer wieder gegen die national Empfindlosen angeredet, die mit ihrem ungeheuerlichen Fanatismus das Vaterland in Stücke reißen und den Parteiwagen gen Abgrund lenken wollen.

Jetzt, nachdem der Sturm überstanden ist, fühlt es sich an, als sei der Krieg beendet und wieder Frieden eingekehrt. Wenn er jetzt nichts mehr tun könnte, er würde mit der Gewissheit sterben, dem Volk und der Partei einen großen Dienst erwiesen zu haben. Ohne ihn und seine Freunde, das ist vollkommen offensichtlich, wäre nicht nur das deutsche Volk in der schwersten Stunde seines weltgeschichtlichen Daseins innerlich zerrissen, auch die Partei läge zerschellt am Boden.

Zum Schutz von Volk und Partei hätten sie auch dann mit Ja gestimmt, wenn die Fraktion mehrheitlich gegen eine Bewilligung entschieden hätte. Dazu hatten sie sich schriftlich verpflichtet. Nicht wenige hatten unterschrieben, in jedem Fall den Kriegskrediten zuzustimmen, auch wenn das den Bruch der Fraktionsdisziplin bedeutet hätte. Dann hätten sie eben ihre Mandate zurückgeben müssen.

Dem Allmächtigen gebührt ewiger Dank, dass es nicht so weit gekommen ist! Das Ganze ist besser ausgegangen, als sie zu hoffen wagten. Das, woran lange Zeit keiner glaubte, ist in Erfüllung gegangen. Die Partei hat ihre Verantwortung für das Land übernommen.

Licht flutet den Saal. Die Wolkendecke reißt auf. Der Blick aus dem Fenster bietet eine einmalige Aussicht: Draußen mahnt das Ebenbild des Eisernen Kanzlers, umstrahlt wie ein Heiliger von gleißendem Licht. – Kein Zweifel! Sie haben richtig entschieden. Das Schicksal steht auf Seiten der Reformer. Der Lauf der Geschichte wird zeigen, dass sie Recht haben.

Welch‘ klägliches Bild bieten indes die Radikalen! David kann es auch jetzt kaum fassen. Die bornierten Doktrinäre lassen sich bejubeln, obgleich sie noch nie ein Quäntchen Solidaritätsgefühl mit ihrem Land empfunden haben. Unnaturen sind das! Den Männern fehlt jeglicher Patriotismus. Nicht einmal ihre eigenen Frauen und Kinder wollen sie in der größten Not gegen die zaristische Despotie verteidigen, stattdessen den Zusammenbruch des Vaterlandes begrüßen, um darauf eine neue Gesellschaft aufzubauen. Eine freie Gesellschaft unter der Knute des Zaren – zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Eigentlich kann es sich nur um kranke Hirne handeln. So wie bei Kautsky, der allen Ernstes dem Generalstab die Garantie abverlangen wollte, im Krieg keine Länder zu erobern. Der Mann ist nicht bei Sinnen! Nicht einmal der Reichsregierung würden die Generäle so etwas versprechen, aber ihm, dem Cheftheoretiker des revolutionären Sozialismus, sollen sie bestätigen, ja Herr Kautsky, wenn Sie es wünschen, werden wir mit unseren Truppen selbstredend im eigenen Land bleiben.

Bebel würde sich im Grabe umdrehen, müsste er das mit anhören. Ein Glück, dass Kautskys unsäglicher Passus in allerletzter Minute aus der Erklärung entfernt wurde. Hat keine Ahnung von Weltpolitik der Mann. England hätte er provoziert mit seinen dilettantischen Winkelzügen. Deutschland ins größte Unheil gestürzt seit Menschengedenken.

Nur gut, dass der Reichskanzler die Formulierung beanstandet hat. So musste Kautsky klein beigeben und seine Drohung fallen lassen, im Falle eines Eroberungskrieges entschiedensten Widerstand zu leisten. England hätte nur daraus geschlossen, die Deutschen würden auch Belgien angreifen wollen. Dann hätte Deutschland England auch gleich den Krieg erklären können.

Wäre Kautsky der einzige Irre in der Partei, ließe sich darüber vielleicht noch hinwegsehen. Aber der Wahnsinn hat Methode. Der Oberradikale Liebknecht wollte das Gleiche auch den Österreichern verbieten, die ebenfalls nichts erobern dürften. Zum Glück war es den Vernunftbegabteren schon in der Redaktionssitzung gelungen, diesen Blödsinn abzubügeln. Im Falle Österreichs liegt die Frage viel zu kompliziert, als dass man sie schlechthin verneinen könnte.

Und dann die Erklärung von Hoch! Die schlug dem Fass den Boden aus. Welch‘ unglaubliches Produkt gehässiger Polemik gegen die herrschenden Klassen, den Kapitalismus, die Junker usw. Wurde zum Glück ebenfalls gleich abgeschmettert. Warum begreifen diese Fanatiker nicht? – Nicht Deutschland greift an, sondern die Deutschen sind die Angegriffenen, und zwar von zwei Seiten zugleich, von Russen und Franzosen. Die Gegner trifft die Verantwortung – nicht das Reich.

Aber der Irrsinn wollte kein Ende nehmen. Nachdem die Erklärung für den Reichstag nach langem Hin und Her endlich fertig war, wollten Haase und die anderen sie nicht en bloc annehmen. Der Vorsitzende begann stattdessen gegen einzelne Formulierungen zu polemisieren: Das könne er nicht verlesen, das sei abgedroschener Primanerstil. Aber David hat dagegengehalten: Es ist einzig und allein die Wahrheit, wenn wir Sozialdemokraten erklären, da machen wir wahr, was wir immer betont haben: In der Stunde der Gefahr lassen wir das Vaterland nicht im Stich!

Wie freundlich der Vorsitzende plötzlich wurde, nur um den Satz wieder herauszubekommen: Man könne das doch auch anders sagen, hat er kokettiert, man könne erklären, wir seien bereit, die Mittel zu bewilligen, um dem Volke in der Not zu helfen. – Ausgerechnet Haase! Dabei hatte Bebel schon vor Jahren im Reichstag erklärt, dass die Partei im Falle eines Verteidigungskrieges bis zum letzten Mann und selbst die Ältesten von uns bereit sein werden, die Flinte zu schultern, um unseren deutschen Boden zu verteidigen. Daran sollte sich Haase ein Beispiel nehmen.

Zum Glück ist es jetzt egal! Soll der Vorsitzende doch bleiben, wo der Pfeffer wächst. David wird ihm keine Zugeständnisse mehr machen. Denn eines ist vollkommen klar: Der letzte Grund für seinen erbitterten Widerstand ist sein gänzlicher Mangel an nationalem Empfinden. Im Stillen scheint Haase noch immer auf eine Niederlage als Weg zur sozialen Revolution zu hoffen.

Das erklärt auch den Aufruhr, den die Linken in der Fraktionssitzung veranstaltet haben, nur weil der Vorsitzende angedeutet hat, er wolle die Erklärung im Reichstag nicht verlesen, weil sie gegen seine Überzeugung sei. Hätte doch auch Scheidemann machen können. Aber Hoch war gleich wieder hysterisch geworden: Wie würde das nach außen aussehen, wenn sich der Vorsitzende in einer solchen Stunde zurücknähme? Dann könne man gleich einpacken und den Bürgerlichen die Mandate überlassen! – Halt die übliche Polemik.

Und dann der heuchlerische Sturm der Entrüstung und das Gejammer auf Seiten der Radikalen, als Haase meinte, er würde aufgrund der Erfahrungen, die er in den letzten Tagen in der Fraktion gemacht habe, seine Konsequenzen ziehen, wenn wieder ruhigere Zeiten eingetreten seien. Nicht auszuhalten diese leeren Drohungen!

Das würden sie ihm nie verzeihen, das mache sie irre an Haase, haben sie gegrölt. Wie Wilde waren sie auf den Vorsitzenden eingestürmt, bis der kleinlaut einräumen musste, seine Aussage beziehe sich nur auf das Amt des Fraktionsvorsitzenden, nicht aber auf den Parteivorsitz. Zu dumm nur, dass der Alte am Ende dem Geschrei seiner Leute nachgegeben hat: Mit einer solchen Reaktion habe er nicht gerechnet, er werde die Erklärung nun doch selbst im Reichstag verlesen.

Das Geschrei war so laut, dass Erzberger das Tohuwabohu beinahe mitbekommen hätte, als der plötzlich vor der Tür stand. Nur gut, dass David ihn schon auf dem Flur abfangen konnte. So blieb dem Mann das erbärmliche Schauspiel der ‚Genossen‘ weitgehend erspart.

Erzberger war im Auftrag des Reichskanzlers unterwegs: die Regierung sei bereit, den Reichstag zu vertagen, so dass dem Parlament auch während des Krieges noch die Möglichkeit bleibe, Gesetze zu verabschieden. Allerdings fürchte sich der Kriegsminister im Falle von Niederlagen vor möglichen Hungerrevolten. Er glaube, die Anführer des radikalen Flügels würden gestützt auf ihre Immunität als Abgeordnete eventuelle Aufstände ausnutzen und versuchen, das Volk gegen die Regierung zu lenken.

In dieser Frage konnte David den Mann beruhigen: Weder die Parteiorganisationen noch einzelne Mitglieder planen irgendwelche Maßnahmen in diese Richtung. Aber Erzberger ist keiner, der sich so leicht abspeisen lässt: Was sei mit den Radikalen, insistierte er, was mit Liebknecht und seinen Gefährten? – Die Antwort lag auf der Hand. Erzberger hätte sie sich selbst ausrechnen können: Auch sie werden bald zu den Waffen berufen und an der Front werden sie wohl kaum mehr Aufstände anzetteln.

Das war eine reine Feststellung, die ohnehin jeder weiß. Kein Grund also für ein schlechtes Gewissen, zumal David auch gleich dem Vorsitzenden über das Gespräch berichtete. Und was Erzberger und die Regierung über Liebknecht denken, ist so abwegig nicht. Den Radikalen ist vieles, wenn nicht alles zuzutrauen.

Die Linken sind eine Gefahr für Partei und Volk. Das zeigt schon der Tumult, den sie in der Sitzungspause veranstaltet haben. Das Beifall Spenden wollten sie ihm und Göhre verbieten, nur weil sie sich bei des Kanzlers Appell an die Einigkeit der Nation erhoben hatten. Welche niederträchtigen Beschimpfungen und Verleumdungen mussten sie sich anhören: Verräter an der Sache der Arbeiterschaft seien sie; alle Prinzipien der Bewegung würden sie über Bord werfen. – Unglaublich, dieser Blödsinn!

Haase meinte, sich das Recht herausnehmen zu dürfen, ihn zu rügen. Alles nur wegen einer Kundgebung für die Einigkeit des Vaterlandes. Würden doch diese selbst berufenen Klassenkämpfer endlich begreifen, wie der Großteil der Arbeiter da draußen wirklich denkt. Aber wie sollen sie das, diese hoffnungslos bornierten Salonrevolutionäre? Den Kontakt zur Wirklichkeit haben die längst verloren. Das weiß jeder Vernünftige in der Partei!

Sogar das Schlusshoch wollten sie ihm verbieten. Dabei ging es überhaupt nicht um ein gewöhnliches Kaiserhoch. Dieses Mal ging es um ein besonderes Hoch auf Volk und Vaterland in der schwersten Stunde seiner bisherigen Existenz! Jeder klardenkende und empfindende Sozialdemokrat kann und muss da mit gutem Gewissen einstimmen. Aber was macht die Fraktion? – Nicht einmal seine Freunde ließen ihn ausreden, als er seinen Standpunkt erläutern wollte.

Doch sollen sie ruhig krakeelen und schimpfen, diese Irren. Die Zeiten sind nicht mehr fern, in denen die Partei auch das Kaiserhoch schlucken wird. Überhaupt wird sie in den nächsten Jahren noch in vielen Dingen umlernen müssen.

Abermals braust Applaus auf. David sieht den Reichskanzler ans Rednerpult treten. Dem Mann ist die Tiefe seiner Ergriffenheit deutlich anzumerken. Auch er wird in den letzten Tagen Seelenqualen durchlitten haben. Und heute dieser grandiose Auftritt! Er ist nicht nur ein exzellenter Politiker, sondern auch menschlich groß. Bethmann Hollweg ist dem Ernst der Stunde in jeder Hinsicht gewachsen:

Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit – hinter ihr das ganze deutsche Volk! – Das ganze deutsche Volk einig bis auf den letzten Mann!

Die Worte treffen ins Mark. Erneute Begeisterungsstürme brechen los. Die Menschen im Saal jubeln, manche weinen, andere beginnen zu tanzen.

GLÜCKLICHE HAND

Im Kriegsministerium ist die Stimmung ausgelassen wie selten. Mantey kann sich nicht erinnern, den Generalstab jemals so gut gelaunt erlebt zu haben. Selbst sein Chef wirkt zufrieden – ein ungewöhnlicher Zustand für den sonst so ernsten Moltke. Der Generaloberst lacht ausnahmsweise über Witze, die seine Generäle über Franzosen und Russen machen. Er will kein Spielverderber sein, diesmal nicht. Auch er erhebt sein Glas, um auf das große Gelingen anzustoßen.

Als die Versammelten Beifall klatschen, ist Mantey zunächst nicht im Bilde. Erst als die Herrschaften einen Kreis bilden, sieht er den Grund: Der Reichskanzler, der Innenminister und der Außenamtsleiter sind eingetroffen. Diesmal ist der Achtungserweis der Generäle aufrichtig. Bethmann Hollweg und seine Minister sind sichtlich gerührt. Mit abwehrenden Handbewegungen versuchen sie die Applaudierenden zu beschwichtigen. Der Kanzler spricht Worte des Dankes, die wieder mit Applaus belohnt werden. Als die letzte Woge abebbt, räuspert sich Moltke. Der Generaloberst will ebenfalls eine Rede halten. Die werten Herren bittet er um ihre geschätzte Aufmerksamkeit.

Es ist ihm eine Ehre, dem Reichskanzler und seinem Stab seinen Dank auszusprechen. Den anwesenden Exzellenzen gebührt höchste Anerkennung! Das Kanzleramt hat in den letzten Tagen Unglaubliches geleistet. Das Gleiche gilt selbstverständlich auch für Innenminister Delbrück und Außenamtsleiter Jagow.

Den Herren des Zivilkabinetts ist ein strategisches Meisterstück gelungen. Sie haben eine glückliche Hand bewiesen, die Deutschen als die Angegriffenen hinzustellen. Es grenzt beinahe an ein Wunder, dass die Sozialdemokraten mit im Boot sitzen. Wie oft haben wir erleben müssen, dass diese vaterlandslosen Gesellen mit ihrem unsäglichen Internationalismus und Pazifismus dem Land Schaden zufügen.

Moltkes Generosität gegenüber den Zivilisten irritiert Mantey. Es scheint beinahe, als meint der Generaloberst, was er sagt. Hat er am Ende seine Einstellung geändert? Auch das käme einem Wunder gleich.

Doch Moltke ist noch nicht fertig: Es ist ihm ein ehrliches Bedürfnis, hier und heute und vor dem gesamten Generalstab zu bekennen, dass die von ihm vorgeschlagene frühere Mobilisierung ein Fehler gewesen wäre. Er bittet jedoch anzuerkennen, dass die Generalität gute Gründe für die Skepsis hatte; schließlich hätte die Geschichte auch anders ausgehen können.

Mantey traut seinen Ohren nicht. Noch am Morgen hat sein Chef ganz anders über die Regierung geredet. – Und jetzt das! Der alte Moltke gesteht dem Kanzler einen Fehler, als wäre es das Normalste von der Welt. Irgendetwas muss vorgefallen sein?!

Moltkes Tonfall deutet an, dass er zum Ende kommen will: Nun, wo der Krieg begonnen hat, liegt die Verantwortung für das Wohl der Nation in den Händen seines Stabes. Alle können uneingeschränkt versichert sein, dass sie den Kampf gegen Deutschlands Feinde mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln führen werden. Die Generalität weiß das Land zu schützen. Dafür stehe er persönlich mit seinem Wort ein.

Die Exzellenzen mögen sich bitte erheben, um mit einzustimmen in ein dreifaches Hoch auf Vaterland, Kaiser, Volk und Nation – Hoch, hoch, sie leben hoch!

Gläserklirren und laute Hochrufe erfüllen den Raum. Die Zivilisten lassen sich von der ungewöhnlichen Begeisterung der Generäle anstecken. Vergessen scheint jede Geringschätzung, mit der man sich sonst begegnet. Das eine oder andere Mal kommt es zu Verbrüderungen. Dinge werden ausgesprochen, die sonst nur hinter vorgehaltener Hand gesagt werden. Ein angetrunkener Hauptmann lässt seiner Laune freien Lauf: Und wenn wir auch am Kriege zugrunde gehen, schön war’s doch. – Die Umstehenden quittieren das mit Gelächter. Dann wollen die Offiziere dem Kanzler ein Ständchen darbieten. Über den Text ist man sich schnell einig. Man verlangt nach der dritten Strophe:

Heilige Flamme, glüh’,

Glüh’ und erlösche nie

Fürs Vaterland!

Wir alle stehen dann

Mutig für einen Mann

Kämpfen und bluten gern

Für Thron und Reich!

Während die Generäle singen, winkt Moltke Mantey zu sich. Er will zurück ins Große Hauptquartier. Mantey soll den Wagen rufen. Dann zeigt Moltke mit dem Finger auf sein Ohr. Der Adjutant begreift erst nicht, was gemeint ist. Dann versteht er, der General will ihm etwas zuflüstern:

Es ist besser zu gehen. Die Reverenz an die Adresse der Reichsregierung muss genügen. Ansonsten sage er womöglich noch Dinge, die besser nicht gesagt werden sollten. Dem Reichskanzler jedenfalls würde das nicht gefallen.

Mantey nickt verständnisvoll. Er weiß, die verdeckten Spiele der Politiker sind Moltkes Sache nicht. Zu oft schon hat der Generaloberst über die Intriganten geklagt, die sich überall in der Diplomatie ausbreiten. Diese Herren, die stets mehr wissen, als sie sagen und nie sagen, was sie denken. Moltke pflegt diese Spezies gemeinhin mit den Wucherungen an seiner Leber zu vergleichen.

Heimtückisch wie die Geschwüre in seinem Inneren würden diese Leute langsam, aber unaufhaltsam die Aktionsfähigkeit des Staates gefährden. Ureigene deutsche Tugenden wie Aufrichtigkeit, Ehre und Pflichtgefühl bedeuten diesen Herren wenig. Dafür achten sie umso mehr auf jeden kleinen Vorteil, den sie für sich und ihre Karriere erheischen können.

Ein Diener meldet, dass der Wagen bereitsteht. Schnellen Schrittes nähert sich Mantey Moltke, um ihn nach draußen zu begleiten. Im Innenhof des Palais kann der Generaloberst nicht mehr an sich halten. Noch während er ins Fahrzeug steigt, wettert er bereits gegen den Kanzler.

Bethmanns ganze ausgeklügelte Taktik tauge letztlich zu Nichts. Besser wäre es gewesen, gleich die üblichen Maßnahmen gegen die Sozialdemokraten zu ergreifen! Keiner in der Regierung kann wissen, was diese Gesellen noch alles aushecken werden, wenn die ersten kriegsbedingten Schwierigkeiten auftreten. Der eine oder andere Linksradikale muss ohnehin unschädlich gemacht werden. Andernfalls wäre die Gefahr viel zu groß, dass im Gefolge möglicher Niederlagen Revolten ausbrechen und irgendein verwirrter Parlamentsrevolutionär das ausnutzt, um das Volk gegen die Regierung aufzuhetzen.

Mantey möchte seinen Chef gern aufmuntern: Es sei doch günstig, dass sich die meisten Verhaftungen mit der Mobilmachung erübrigen. In Kürze werden die wehrfähigen Sozialdemokraten ihre Gestellungsbefehle erhalten. Wenn die unsicheren Kantonisten erst einmal an der Front dienen, werden auch sie begreifen, was es heißt, für das Vaterland einzustehen und womöglich auch zu sterben.

Aber Moltke lässt sich nicht so leicht beschwichtigen. Die Dummheiten der Zivilisten regen ihn viel zu sehr auf. Schließlich waren seine Leute auf die Abwehr möglicher vaterlandsfeindlicher Agitatoren gut vorbereitet. Schon seit Jahren führen sie Listen mit den Führern der antinationalen Bewegungen. Die meisten darauf sind Sozialdemokraten. Es wäre ein Leichtes, alle verdächtigen Subjekte schnell und gezielt aus dem Verkehr zu ziehen. Das Recht dazu hätten sie. Der Kriegszustand bringt ein verschärftes Strafrecht und eine verschärfte Strafjustiz mit sich. Was hat es für einen Sinn, die Grundrechte auszusetzen und die Immunitäten der Abgeordneten aufzuheben, wenn man sie dann laufen lässt?

Widersprechen wäre in Moltkes jetzigem Zustand zwecklos. Mantey kennt seinen General. In solchen Situationen neigt er zum Schwarzsehen. Das muss man hinnehmen. Besser ist abzuwarten, bis er sich wieder beruhigt. Ab und zu mit dem Kopf nicken genügt. Moltke scheint es ohnehin egal zu sein, ob jemand zuhört. Er ist mit sich selbst beschäftigt, vermutlich braucht er das Wehklagen.

Würde es nach ihm gehen, wären längst alle auf der Liste Verzeichneten im Gefängnis. Es war ein Fehler gewesen, Bethmann Hollweg zu versprechen, die Verhaftungen trotz Belagerungszustandes auszusetzen. Der Verzicht ist nicht nur gleichbedeutend mit der Preisgabe der schärfsten Waffe gegen Subversion, sondern betrügt die Sicherheitsbehörden um die Früchte ihrer jahrelangen Aufklärungsarbeit. Wenn die vaterlandslosen Gesellen irgendetwas im Schilde führen, kommt es auf schnelles Handeln an. Sollte es diesen Verbrechern jedoch gelingen, in den Untergrund abzutauchen, wäre die ganze Mühe umsonst gewesen. Der Aufwand, sie wieder aufzuspüren und unschädlich zu machen, käme einer Herkulesaufgabe gleich.

Mantey erinnert nur zu gut, mit welcher Heftigkeit der Reichskanzler und der Innenminister seinerzeit auf Moltke eingeredet haben: Um keinen Preis dürfe man die Sozialdemokraten bei Kriegsausbruch einsperren, haben sie verlangt. Ein angeblich zuverlässiger Informant habe versichert, dass niemand irgendwelche staatsfeindlichen Maßnahmen plane, weder Streiks noch Sabotageakte. Das Gegenteil sei der Fall. Bethmann verstieg sich zu der Behauptung, er könne dafür Sorge tragen, dass die Sozialdemokraten das Land im Verteidigungsfall aktiv unterstützen.

Moltke kann sich bis heute nicht verzeihen, eingewilligt zu haben. Das war deutlich mehr, als ein verantwortungsbewusster General je hätte erlauben dürfen. Doch die Impertinenz des Kanzlers ging noch weiter. Der Generalstab sollte den Belagerungszustand aussetzen, hatte er gefordert, damit die Zivilbehörden auch nach der russischen Mobilmachung ihre Befugnisse behalten können.

Mantey kann die Verbitterung seines Chefs gut nachfühlen. Kein normaler Mensch kann auf eine solche Idee kommen. Ein Krieg ohne Kriegsrecht! Das ist unvorstellbar!

Jeder im Stab weiß um die Seelenqualen, die der Dilettantismus der Zivilregierung Moltke bereitet. Aber nicht nur das Unvermögen des Kanzlers ist es, das ihm zu schaffen macht. Auch die allerhöchste Ebene gibt Anlass zur Sorge.

Der Fisch stinkt vom Koppe her, heißt es nicht grundlos. Die Schwäche und Eitelkeit Wilhelms sind mit schuld daran, dass nicht die Ehrbarsten und Besten das Reich regieren, sondern Opportunisten und Karrieristen. Unzählige Male hat Moltke sich beschwert, dass der Kaiser sein Personal nach Gunst und seine Minister wie Geliebte aussuche. Jetzt ist er nur noch von Jasagern umgeben, nur um selber größer zu wirken, als er in Wirklichkeit ist.

Kein Wunder, dass mancher Offizier bereits darüber nachdenkt, selbstständig Maßnahmen zu ergreifen. Einer meinte vor gar nicht langer Zeit, Moltke sollte mal darüber nachdenken, die Staatsgeschäfte in Gänze zu übernehmen. Die meisten Generäle hätten dafür jedenfalls Verständnis. Der Kaiser könnte dann weiterhin auf Jagd und Kreuzfahrt gehen oder mit seiner Flotte spielen, während Moltke und Ludendorff das Land wehrtüchtig machen.

Aber Moltke befand das für keine gute Lösung. Die Unwägbarkeiten eines Staatsstreiches wären zu zahlreich, zumal dann nicht nur die Sozialdemokraten zu revoltieren drohten. Der Ausbruch des Krieges bietet einen viel einfacheren Ausweg. Nicht nur muss das Parlament endlich die dringend benötigte Heeresvermehrung bewilligen, auch die vollziehende Gewalt fällt mit der Verhängung des Kriegsrechts von ganz allein in die Hände der Generalität, und zwar auf völlig legalem Wege.

Mit Erleichterung beobachtet Mantey, wie sich Moltkes Gemüt mit jedem Kilometer aufhellt, den der Wagen dem Hauptquartier näherkommt. – Endlich kommen die Dinge ins Laufen! Deutschland wird Frankreich mit einem kurzen, aber kräftigen Schwertstreich zu Boden strecken. Dann werden die Russen niedergeworfen. Mit etwas Glück sind an Weihnachten Deutschlands Ansehen in der Welt wiederhergestellt und die dem Reich zustehenden Kolonien errungen.

DER EISERNE RING

Moltke spürt seine Kräfte schwinden. Schuld daran ist nicht allein die kranke Leber. Die Besprechung im Großen Hauptquartier war reine Strapaze. Wenn er nicht selbst dabei gewesen wäre, würde er nicht glauben, wie begriffsstutzig selbst hohe Offiziere sein können. Den Mund hat er sich trocken reden müssen, bis endlich alle verstanden haben, wie der Aufmarschplan wirklich funktioniert.

Jetzt braucht es Zeit für ein kurzes Nickerchen. Mantey soll alle abweisen, die stören. Nur in ganz dringenden Fällen darf man ihn wecken. Es ist schwer, in solchen Zeiten Ruhe zu finden, das gilt auch und gerade für die Seele. Je mehr von der äußeren Hast abfällt, umso schneller kreisen die Gedanken im Innern. Moltke weiß warum. Es ist wegen der Verantwortung. Keiner trägt davon so viel wie er.

Das liegt auch an dem Gespräch, das er vor Wochen mit Jagow geführt hat. Es musste sein! Die Situation im Reich war bedrückend. Die trüben Aussichten in die Zukunft lasteten wie ein Alp auf Deutschland. So konnte es nicht weitergehen. Die Regierung erwies sich zunehmend als unfähig, die dringend benötigten Rüstungsfinanzierungen im Reichstag durchzusetzen. Die Politiker jeglicher Couleur achteten nur auf ihre eigenen Vorteile, ihre Pflichten gegenüber dem Vaterland schienen sie zu vergessen.

Es war nicht ohne Risiko, offen mit einem von der Regierung zu sprechen. Den Zivilisten ist nicht zu trauen. Jagow schien noch am wenigsten befallen vom Virus des Opportunismus und am ehesten in der Lage, die anstehenden Notwendigkeiten ins Auge zu fassen. Für einen Zivilisten ist er über die existenziellen Fragen des Landes außergewöhnlich gut informiert. Er ist nicht so ein idealistischer Schwärmer wie der Kanzler.

Die Gelegenheit war günstig. Es war nach einem gemeinsamen Vortrag beim Kaiser. Jagow begleitete ihn im Wagen von Potsdam zurück nach Berlin. Genügend Zeit also, um ihm die Sache einmal ausführlich darzulegen.

Die Regierung musste endlich entscheiden, ob sie handeln will. Wenn nicht bald etwas Grundlegendes geschieht, wird das Reich sowohl hinter den anderen europäischen Mächten als auch hinter Russland gänzlich und uneinholbar zurückfallen – das war so sicher, wie das Amen in der Kirche.

Jagow ist nicht dumm. Er hatte wohl geahnt, in welche Richtung sich das Gespräch entwickeln würde. Gleichwohl gab er sich anfangs überrascht und vermied alles, was nach einer Festlegung hätte aussehen können. Da war er wie die anderen Politiker.

Doch ihm konnte er nichts vormachen. Im Generalstab kannte man längst Jagows Überzeugung. Früher oder später wird alles auf eine militärische Auseinandersetzung zwischen den Mächten hinauslaufen – vielleicht sogar auf eine große Entscheidung. Russlands Wirtschaft und Militärkraft gewannen zusehends an Stärke und je weiter die Zeit voranschritt, umso schwieriger wurde es für Deutschland, zwischen Frankreich und Russland zu bestehen.

Die Einkreisung des Reiches war beinahe besiegelt und England drauf und dran, das auszunutzen. London besaß die Dreistigkeit, öffentlich mit den Russen über eine Marinekonvention zu verhandeln. Im Falle eines Krieges würden britische Flottenverbände russischen Expeditionskorps bei ihrer Landung in Pommern Schutz bieten. Das ist ungeheuerlich! Engländer und Russen machen gemeinsame Sache gegen Deutschland. Dem Treiben konnte kein vernünftiger Deutscher tatenlos zusehen.

Die Offenheit seiner Worte beeindruckte Jagow. Auch der wurde bald direkt. Der eiserne Ring der Feinde schließt immer enger um Deutschland. Das zeigt auch der Fall Sanders. Den General hatten sie auf Druck der Russen wieder aus der Türkei abziehen müssen, obwohl der nur das türkische Heer beraten hatte.

Die Erinnerung an die Demütigung genügte, um Jagow gänzlich aus der Reserve zu locken: So etwas dürfe nicht noch einmal passieren! Das müsse ein für alle Mal der Vergangenheit angehören, brüllte er in einer Lautstärke, die den Chauffeur erschrocken zusammenzucken ließ.

Moltke hatte also richtig gelegen. Wenn es um Deutschlands Stellung in der Welt geht, vertritt Jagow eine klare Linie. Es stand tatsächlich mehr dahinter als nur Großmäuligkeit, als er bei Amtsantritt in Gegenwart des Kaisers erklärt hat, der Erste zu sein, der Seiner Majestät den Krieg empfehle, wenn man versuchen sollte, Deutschlands Rechte auf dem Balkan und Kleinasien anzutasten.

Jagow versteht die Sorgen des Generalstabs. Das Heer wird bald nicht mehr stark genug sein für eine vorbeugende Maßnahme. In zwei bis drei Jahren wird Russland seine Rüstungen beendet haben. Dann wäre das russische Heer in allem neuzeitlich ausgerüstet: Kraftwagen, Panzerautos, Maschinengewehre, Eisenbahnen durch Polen, ein von Grund auf verbessertes Heerwesen. Das militärische Übergewicht der Feinde wäre dann so groß, dass keiner mehr wüsste, wie Deutschland ihrer Herr werden könnte. Jetzt jedoch sind Deutschlands Truppen den Feinden noch einigermaßen gewachsen.

Kaum ein Politiker kann das verstehen. Doch Jagow weiß, was auf dem Spiel steht: Wenn Russland Deutschland in Bedrängnis bringt, wird auch Frankreich nicht zögern, sich für 1871 zu revanchieren. Dann wären das Elsass und Lothringen in größter Gefahr. Nicht ohne Grund haben die Franzosen ihren Militärdienst von zwei auf drei Jahre verlängert. In der Schule unterrichten sie ihre Kinder schon längst, Deutschland zu hassen.

Am Ende war es Jagow, der die Vorzüge präventiver Maßnahmen pries, als wäre es das Normalste auf der Welt! Seine Männer im Auswärtigen Amt denken ganz ähnlich, hat er gesagt. Vor allem Zimmermann und Stumm hätten sich bereits wiederholt in diese Richtung geäußert. Der Kriegsminister vertritt ebenfalls die Ansicht, dass mit Defensive nach allen Seiten nichts mehr zu machen sei. Für die Zukunft sieht auch er nur im Angriff Heil.

Dann ist da noch Tschirschky, der nicht müde wird zu betonen, dass die Frage mit Russland von überaus ernster Natur sei. Der Chef des österreichischen Generalstabs hat ihn erst vor kurzem gefragt, ob nicht ein früherer Austrag mit Russland von Vorteil wäre. Tschirschky hat darauf geantwortet, dass sei zwar richtig, jedoch mit Franz Ferdinand und Friedrich Wilhelm sprächen zwei Große dagegen. Leider hatte er damit Recht. Beide Monarchen gefielen sich in der Rolle der Friedensstifter. Vom Ausmaß der Probleme hatten beide keine rechte Vorstellung.

Schließlich gibt es noch diesen Romantiker …. wie heißt er doch gleich? – Dietrich Bethmann, ein Vetter des Reichskanzlers. Als Tschirschkys Sekretär in Wien tätig, erklärt er jedem, der es hören will, dass es so mit Deutschland nicht weiter gehen könne. Seit der letzten Marokkokrise ist es nahezu Allgemeingut in der öffentlichen Meinung, dass nur ein großer europäischer Krieg Deutschland die Freiheit zur weltpolitischen Betätigung bringen könne.

Die nächste Gelegenheit muss beim Schopfe gepackt werden, das war als Gefühl bei allen Einsichtigen längst vorhanden. Schließlich ist es die geschichtliche Aufgabe der teutonischen Völker, der immer weiter vordringenden Slawenmacht mit aller Entschiedenheit entgegen zu treten. Die Slawen sind nicht zum Herrschen, sondern zum Dienen geboren. Auch Bismarcks Kriege waren vorbeugende Feldzüge gewesen. Und zwar überaus erfolgreiche! Deutschland muss sich endlich entscheiden, ob es Hammer oder Amboss sein will.

Der Krieg hing so oder so über Europa. Er war nur noch eine Frage der Zeit. Und in ein oder zwei Jahren wäre er nur noch gefährlicher und unentrinnbarer auf das Reich zu gekommen. Jetzt aber ist der Kampf noch möglich, ohne zu unterliegen. Egal, ob Tirpitz seine Hochseeflotte fertig hat oder nicht. Sie wird daran nichts ändern. Den Kampf entscheidet am Ende das Heer und nicht die Marine.

Moltkes Gedanken kreisen langsamer. Es gibt keinen Zweifel! Er hat seine Pflicht getan. Als Generalstabschef musste er die Regierung über die Zustände informieren. Niemand kann ihm vorwerfen, er habe nicht alles für den Erhalt des Deutschen Reiches und der deutschen Rasse getan.

FÜNF WOCHEN FRÜHER

DIE GELEGENHEIT

Friedlich dümpelt die Meteor in der Morgensonne. Von offener See weht ein laues Lüftchen die Förde herunter. Die Meldung, die von Müller machen muss, will nicht so recht in das idyllische Bild passen. Nur allzu gern würde er auf die Ehre verzichten, die kaiserliche Yacht entern zu dürfen. Dem Befehlshaber wird der Rapport nicht gefallen. Womöglich wird er sich wieder aufregen und Dinge befehlen, die später alle bereuen.

Der wachhabende Offizier bedeutet per Handzeichen, dass Müller ihm unter Deck folgen soll. Dann darf er die Kabine des Kaisers betreten. Das Beste wird sein, unverzüglich zur Sache zu kommen. Ein langes Drumherum-Reden würde Seine Majestät nur noch ungehaltener stimmen.

Welch‘ absurder Anblick! Wilhelm trägt vollen kaiserlichen Ornat. Warum diese übertriebene Aufmachung? Dann sieht er den Grund: Hofmaler Schneider weilt ebenfalls in der Kabine. Dem Herrgott sei gedankt, es ist nur für ein neues Gemälde; diesmal stört er kein diplomatisches Tête-à-tête! Hoffentlich will Wilhelm nicht über das Bild reden. Besser alles schnell hinter sich bringen. Untertänigst bittet Müller um Erlaubnis, eine schreckliche Mitteilung machen zu dürfen.

Der Kaiser macht eine flüchtige Handbewegung, ohne sich dabei umzusehen. Das soll vermutlich bedeuten, dass er sprechen darf. Dann ermutigt Wilhelm ihn sogar: So schlimm werde es schon nicht sein.

Der Monarch scheint guter Laune. Müller verneigt sich flüchtig, um gleich wieder Haltung anzunehmen. Er will keine Umschweife machen. Vielleicht hat er diesmal Glück:

Die Serben haben Franz Ferdinand ermordet. So meldet es jedenfalls ein Telegramm aus Sarajevo.

Für einen Moment scheint es, als verstehe Wilhelm nicht, was ihm gerade mitgeteilt wurde. Jedenfalls zeigt er keine sichtbare Reaktion. Doch dann besinnt er sich.

Von Müller soll sich was schämen. Es verbiete sich von selbst, in Gegenwart einer Majestät Scherze zu machen. Mit solchen Dingen darf man keinen Unsinn treiben! Er weiß sonst Mittel und Wege, es ihm auszutreiben …

Dann hält er inne. Wilhelm wirkt verunsichert, vermutlich weil sein Gegenüber keine Anstalten macht, den Scherz zuzugeben. – Er will selbst sehen! Ohne Vorwarnung springt er in Richtung von Müllers und reißt ihm das Telegramm aus den Händen. Während er liest, fällt er in den Sessel neben dem Kartentisch. Je länger er auf das Papier starrt, umso tiefer versinkt er im Polster.

Von Müller wartet eine gefühlte Ewigkeit, während der Kaiser so dasitzt. Schneider nutzt die Gelegenheit und verlässt ohne jedes Geräusch die Kabine.

Von Müller weiß, was jetzt kommen wird. Wilhelms Mimik kündet bereits vom Herannahen eines jener gefürchteten Monologe, mit denen er sich für gewöhnlich in Rage zu reden pflegt. Der Theaterdonner lässt nicht lange auf sich warten:

Das ist eine Katastrophe! Was ist mit der Regatta?! Sollen wir die jetzt absagen? Der Tag wird als der schwärzeste des Jahrhunderts in die Annalen eingehen.

Der Kaiser scheint tatsächlich zu leiden, fast wirkt er weinerlich. Fragt sich nur, wem die Trauer gilt: dem Kronprinzen oder dem Bootsrennen?

Als hätte Wilhelm die Gedanken Müllers hören können, beantwortet er die Frage umgehend. Es ist wegen der Balkanpolitik.

Man betrügt ihn schändlich um die Früchte seiner Diplomatie! Wenn das Telegramm die Wahrheit sagt, ist das ein gemeiner Schlag gegen die gesamte bisherige Friedensarbeit auf dem Balkan. Dann muss er wieder ganz von vorn anfangen! Dabei hat es ihn so viel Mühe gekostet, eine Verständigung mit dem Erzherzog über die österreichisch-ungarischen Beziehungen herzustellen, ohne dass Rumänien vom Dreibund abfällt. Und nun steht er vor dem Nichts: Mit einem Schlag die gesamte Arbeit von Monaten vernichtet.

Von Müller will Haltung bewahren, während sich der Kaiser im Selbstmitleid ergeht. In solchen Momenten darf man ihn nicht unterbrechen. Wilhelm würde sich dann nur noch mehr aufregen. Seine Stimme klingt kurz vorm Überschlag. Er schreit mehr als er spricht:

Das feige Attentat ist ein Schlag direkt ins Gesicht der geheiligten Monarchie! Wieso haben es diese halbbarbarischen Balkanstämme zugelassen, dass die serbischen Nationalisten den Erzherzog und dessen liebreizende Gattin einfach auf offener Straße meucheln konnten? Das darf man den Slawen nicht durchgehen lassen. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden! Wien muss den hinterhältigen Serben Mores lehren. Wenn sich diese Unzivilisierten nicht zu benehmen wissen, sollen sie das strafende Schwert zwischen ihren Schulterblättern zu spüren bekommen. Er wird den Österreichern jedenfalls nicht in den Arm fallen, wenn sich der Bundesgenosse für die Schandtat rächen will. Serbien ist nicht mehr als eine Räuberbande, die für ihre Verbrechen bestraft gehört!

Der Wortschwall endet jäh. Der glasige Blick des Kaisers verrät tiefe Melancholie. Es scheint allein, ihm fehlt die Kraft weiterzureden. Das ist die Gelegenheit. Von Müller darf sie sich nicht entgehen lassen. So schnell wie möglich will er raus aus der Schusslinie der kaiserlichen Tiraden. Vorsichtig bittet er, sich zurückziehen zu dürfen, um Seiner Majestät Befehle auszuführen. – Welch‘ unerwartetes Glück! Wilhelm nickt. Von Müller macht eine kurze Verneigung. Gesenkten Hauptes verlässt er die Kabine.