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Melanie und Kurt leben mit ihren Kindern ein normales und glückliches Leben. Da bestehen Melanies Eltern darauf, in ihre Einliegerwohnung ziehen zu dürfen. Und Kurts Mutter erzwingt eine Notsituation, durch die sie in einem der Kinderzimmer aufgenommen werden muss. Von nun an nimmt der Anspruchsterror der älteren Generation gegenüber der jüngeren volle Fahrt auf. Kann das gut gehen?
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Seitenzahl: 223
Veröffentlichungsjahr: 2017
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G. J. Wolff
Die Einnistung
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ohne Chance
Moralisches
Tyrannei
Bedrohung
Katastrophe
Impressum neobooks
Im Alter soll man auf seine Kinder hören.
Chinesisches Sprichwort
Lebt so, dass man nicht aufatmet, wenn ihr endlich geht!
G. J. Wolff
1
„Es ist halt so!“, begann Lorenz, Kurts Schwiegervater in seiner langsamen bedächtigen Art, mit der er seinen Worten Wichtigkeit zu verleihen versuchte, auch wenn er, wie meistens übrigens, über Belanglosigkeiten redete oder die immer gleichen Dummheiten und falschen Ansichten wiederholte. „Es ist halt so, dass wir den vielen Platz in unserem Haus nicht mehr nützen, einfach nicht mehr brauchen, ja, dass er uns langsam auch zu viel Mühe macht, ebenso wie der Garten. Und jetzt hätten wir noch etwas voneinander!“ Er nickte bedeutungsvoll. „Katharina hat ihre Eltern jetzt auch zu sich genommen.“ Er sah seine Tochter herausfordernd an.
Die Familie saß beim 75sten Geburtstag des Großvaters in einer Wirtschaft beisammen und feierte. Neben Lorenz saß Sofia, seine Frau, inzwischen auch schon 74 Jahre alt, eingerahmt waren die Alten von ihren Kindern, auf der linken Seite saß ihre Tochter Melanie, auf der anderen Seite ihr Sohn Felix. Ihnen gegenüber saßen ihre Enkel, Paul und Stefanie, Kurts und Melanies Kinder, gleich daneben die Kinder von Felix, Markus, Philip und Marina. Am Rande saßen die Schwiegerkinder, Brigitte, die Frau von Felix und Kurt, Melanies Mann.
Die Sitzordnung spiegelte die Beziehungen wieder, wie sie auch von Kurts Schwiegermutter definiert worden war. „Wir lieben unsere Kinder und unsere Enkel!“
„Was für eine böse Frau!“, hatte Kurt gedacht.
„Ja, da hat Lorenz Recht!“, bestätigte nun Sofia und sah fordernd in die Runde. „Felix und Brigitte haben ja nur ein kleines Haus und die brauchen ja auch noch alle Zimmer für die Kinder.“ Sie sah Melanie flehend an. „Aber ihr, ihr habt doch noch eine Einliegerwohnung.“
Alle schwiegen betroffen und mit gesenktem Blick, wie immer schwiegen alle außer Kurt, der seinen Mund nicht halten konnte und der sich deshalb erst recht unbeliebt machte, denn seine Schwiegereltern vertrugen es überhaupt nicht, wenn man ihnen widersprach oder wenn sie nicht ihren Willen bekamen.
„Die Einliegerwohnung ist für Gäste gedacht oder für Freunde, die nach einer Feier bleiben müssen.“ Er setzte ein gespieltes Grinsen auf.
„Ach, ihr habt doch eh nie Gäste!“, fuhr sie fort. „Und Freunde habt ihr doch auch nicht. Ist ja auch kein Wunder!“ Sie warf Kurt einen verächtlichen Blick zu, als wollte sie sagen, wer will mit dem schon befreundet sein.
„Die Kinder äußerten auch schon den Wunsch, in die Wohnung zu ziehen, wenn sie noch älter sind“, warf er ein und sah diese hilfesuchend an.
„Ach, die ziehen doch eh bald aus, wenn sie irgendwo studieren“, warf die Schwiegermutter ein und machte diese und Kurt mundtot. Dann sah sie ihre Tochter durchdringend an.
Die senkte betroffen den Kopf.
Er begriff zwar, dass er hier nicht mehr gefragt war, sondern, dass der Druck nun voll auf Melanie ausgeübt werden würde. Er empfand Mitleid mit seiner Frau, die nun voll im Feuer stand. Sie hatten schon genügend Erfahrungen mit dem Zorn ihrer Eltern gemacht. Diese sah ratlos zu Boden.
„Ich dachte, vielleicht wäre es möglich, wenn wir zu euch ziehen. Wo ihr doch so ein großes Haus habt!“
Melanie wagte nicht, zu widersprechen. Zu oft hatte sie die Erfahrung gemacht, dass sie mit moralischen Vorwürfen überzogen wurde, wenn sie widersprach, und dass man froh sein konnte, wenn man danach von den Eltern gnädigerweise wieder angenommen wurde, damit man von Neuem ihre Sklavin und Untergebene sein durfte.
Kurt kannte das ebenfalls nur zu gut, denn auch er hatte schon des Öfteren diese moralische Verurteilung erfahren. Und er erinnerte sich an seinen eigenen Vater. „Kinder sind so etwas wie Sklaven!“, hatte dieser ernsthaft gemeint. Immerhin stellte er fest, dass sein Schwager ihm und seiner Frau nicht auch noch in den Rücken fielen, schließlich war der fein raus mit seinem zu kleinen Haus.
Melanie und Kurt schwiegen noch immer betroffen. Die Enkel begriffen die Situation nicht und schäkerten miteinander, wobei sie gleichzeitig mit ihrem Handy hantierten.
Bei Kurt schrillten die Alarmglocken, aber er spürte, dass etwas Entscheidendes gesagt werden musste. „Das kommt nicht in Frage!“, meinte er bestimmt vom Rande des Tisches.
Die Schwiegermutter ging kaum auf seinen Einwurf ein. „Was du wieder für einen Blödsinn redest! Wie immer halt!“ Sie schnaubte. „Außerdem rede ich mit meiner Tochter und nicht mit dir!“. Sie wiederholte die Aufforderung. „Eine Tochter muss für ihre Eltern da sein!“, meinte sie.
„Wir nehmen euch nicht zu uns!“ Kurt ließ nicht locker. „Ich sage heute, was ich vor fünf Jahren gesagt habe, was ich heute sage und was ich in fünf Jahren sagen werde: Wir nehmen niemanden von den Eltern zu uns. Das steht definitiv fest! Melanie und ich haben das besprochen!“
Die Schwiegermutter kümmerte sich nicht um seinen Einwurf. „Eine gute Tochter muss für ihre Eltern da sein!“, wiederholte sie bestimmter und sah Melanie an, die nicht aufzusehen wagte. Sie war so erzogen worden, dass sie ihre Eltern zu lieben und ihnen zu gehorchen hatte. Und sie konnte diese Rolle nicht ablegen, empfand ein ungutes Gefühl, wenn sie sich ihnen widersetzte. Sie wollte immer eine gute und dankbare Tochter sein.
Kurt beugte sich vor, damit er gesehen wurde. „Ich habe Melanie folgendes gesagt, liebe Schwiegermutter!“ Er betonte das Wort Schwiegermutter. „Der Tag, an dem einer von deinen Eltern seinen Koffer in unsere Diele stellt, ist der Tag an dem ich meinen packe!“
„Also, das sieht dir ja wieder mal ähnlich!“, keifte ihn nun Sofia an. „Natürlich wieder keine Verantwortung zeigen. Natürlich wieder seinen Pflichten nicht nachkommen. Das ist ja typisch für dich!“
„Also, das ist wirklich nicht schön, dass du uns nicht bei euch aufnehmen willst!“, warf nun auch der Schwiegervater ein. „Du bist einfach kein anständiger Mensch!“
„Der Grund bin nicht ich, sondern der Grund seid ihr!“, versuchte sich Kurt zu rechtfertigen.
„Wir? Das ist ja eine Unverschämtheit!“, riefen die beiden im Chor.
„Ich finde, dass es das schönste und anständigste ist, wenn man seine Eltern bei sich aufnimmt und pflegt!“, meinte Kurt.
„Na also, was willst du denn dann?“, fragte Sofia wütend und in ihrer aggressiven und schrillen Weise.
„Dann brauchst du doch nicht so einen Druck auf deine Frau machen und sie ihre Pflicht erfüllen lassen!“, pflichtete Lorenz bei.
„Woher weißt du denn, dass sie das will?“, fragte Kurt vorsichtig.
Melanie schüttelte flehend den Kopf.
„Selbstverständlich ist das ihr Wunsch!“, rief Sofia aus. „Wir kennen unsere Tochter!“
„Das glaubst auch nur du!“, begann Kurt wieder und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Aber ich will auf etwas Anderes hinaus.“ Er holte Luft, um seine Rede fortsetzen zu können. „Die entscheidende Frage, die man sich stellen muss, ist die, ob es gut geht, wenn man seine Eltern oder Schwiegereltern bei sich aufnimmt. Und wir, Melanie und ich, haben schon vor Jahren für uns festgestellt, dass das nicht gut gehen wird. Und deshalb sollten wir so klug sein, und damit meine ich auch euch, nicht zusammen unter einem Dach zu leben. Das wird nicht gut gehen und deshalb sollten wir es lassen.“
Die Schwiegereltern sahen Kurt böse an. Dann wandten sie sich ihrer Tochter zu. „Ist das auch deine Meinung?“, fragte Lorenz gespielt traurig.
„Ich muss mal auf die Toilette!“, antwortete Melanie und verschwand.
2
„Was war das denn heute?“, fragte Kurt kopfschüttelnd und legte sich zu Melanie ins Bett. „Ich dachte, wir hätten das schon besprochen und ich hätte mich deutlich geäußert, was mir nicht leicht gefallen ist, weil man ja weiß, dass man sofort mit den heftigsten moralischen Vorwürfen von deinen Eltern überschüttet wird, wenn man nicht ihrer Meinung ist oder nicht tun will, was sie sich einbilden. Das ist ja die Masche deiner Eltern, mit denen sie alles um sich herum kontrollieren und manipulieren!“
Melanie ging nicht auf seine Ausführungen ein. „Was meinst du?“, fragte sie vorsichtig, obwohl sie genau wusste, was er meinte.
Kurt verzog deshalb die Miene. „Na ja, dass jetzt plötzlich der Wunsch auftaucht, dass sie zu uns ziehen. Sie werden unser Leben bestimmen und zerstören, so lange sie noch fit sind und danach, wenn sie sich nicht mehr alleine helfen können, dürfen wir sie am Ende noch pflegen!“
„Davon war doch gar nicht die Rede!“, fuhr sie ihn barsch an.
„Ah, dann weißt du doch genau, wovon ich sprach. Was fragst du dann so scheinheilig?“
„Ich glaube, ich sage jetzt besser nichts mehr!“, meinte sie beleidigt und drehte sich um.
Aber er ließ nicht locker, weil ihn das Thema wieder einmal aufgerüttelt hatte, ihn aufwühlte und ihn außer sich gebracht hatte.
Sie ahnten beide, dass sie sich zunehmend aufregen würden, streiten würden, vielleicht nicht schlafen könnten, sie wahrscheinlich weinen würde und er ohne Schlaftablette nicht würde schlafen können. Das war schon sehr häufig so gewesen und er ärgerte sich darüber, wie viele Tage ihrer Ehe schon von seinen Schwiegereltern belastet und zerstört worden waren.
Trotzdem hakte er nach. „Für dich steht doch genauso wie für mich fest, dass deine Eltern nicht zu uns kommen, oder?“
„Ich weiß nicht, ich bin mir da nicht so sicher!“, antwortete sie leise.
Er setzte sich alarmiert auf. „Aber wir hatten das abgesprochen! Wir hatten das so abgesprochen!“
„Ach, abgesprochen!“ Sie machte eine abfällige Bemerkung. „Ich weiß nicht, ob unsere Absprache das Richtige war!“
„Ach, so ist das“, brummte er ärgerlich. „Solange mein Vater gelebt hat, war es klar, dass wir niemanden von den Alten bei uns aufnehmen. Aber jetzt, wo man den nicht mehr nehmen muss und es nur noch um deine Eltern geht, da sieht die Sache ganz anders aus!“, knurrte er verbittert. „Aber vielleicht könnte es sein, dass meine Mutter auch den Wunsch äußern könnte, zu uns zu kommen. Hast du da schon einmal daran gedacht?“
„Jetzt hör aber auf!“, fuhr sie ihn wieder an und setzte sich ebenfalls neben ihm im Bett auf. „Du wolltest doch auf gar keinen Fall, dass wir deine Eltern aufnehmen, weil du mit keinem von ihnen klar gekommen bist.“
„Nicht klargekommen? Der Mann war ein Schwein, ein Alkoholiker und ein Tyrann. Er war Handelsvertreter und hat jeden Abend in der Kneipe ausklingen lassen. Sowohl meine Mutter, als auch ich hofften jedes Mal, dass er erst nach Hause kam, wenn wir schon schliefen oder, dass er so besoffen war, dass er kaum wusste, wo er war und dann gleich einschlief. Er gehörte nämlich zu der Sorte von Menschen, die nicht fröhlich werden, wenn sie trinken, sondern aggressiv. Und wenn er nach Hause kam, wenn wir noch wach waren und er halbwegs fit, dann machte er uns das Leben zur Hölle.“ Er holte Luft nach dieser Tirade. Dann fuhr er fort. „Und meine Mutter, die hatten meine Großeltern, die ja einen Bauernhof hatten, zu einem Bauerntrampel ausgebildet und so war ihr einziger Gedanke, auf den Bauernhof zu rennen und Magd zu spielen. Um mich kümmerte sie sich nie. Sie betonte immer, wie schwer sie gearbeitet hatte, ohne zu ahnen, dass ich mir eine stilvolle Mutter gewünscht hätte statt eines Bauerntrampels. Und dann noch ihre Verschlamptheit. Da alles aufgehoben wurde und sie alles hinstellte, wo es ihr gerade einfiel, war unser Haus eine einzige Müllhalde.“ Wieder legte er eine Pause ein, um Luft zu holen. „Jedes Mal, wenn ich heute mit ihr Kontakt habe oder an einen von beiden erinnert werde, bekomme ich Bauchschmerzen, wenn ich daran denke, wie diese beiden Idioten mir mein Leben versauten.“ Er schüttelte den Kopf. „Und anstatt, dass mich jemand dafür bedauert, was ich mit denen durchgemacht habe, werde ich auch noch für ihn in Sippenhaft genommen!“
Sie ging nicht auf sein Argument ein, weil es sie nicht interessierte und sah ihn nur verständnislos an. „Nun, dann ist es ja in deinem Fall sowieso klar, dass man solche Eltern nicht aufnehmen kann. Deine Entscheidung war völlig richtig!“ Sie hob belehrend den Zeigefinger. „Aber du hast die Weigerung, deine Eltern bei uns aufzunehmen, einfach auf meine ausgedehnt. Nur weil deine Eltern so unmöglich waren. Das geht so nicht!“
„Na, deine Mutter ist auch kein bisschen besser, im Gegenteil, auch noch raffinierter und falscher. Die böse Frau. Und dein Vater steht ihr in nichts nach. Auf meiner Seite war wenigstens meine Mutter gutmütig!“
„Das ist eine Unverschämtheit, weißt du das?“
„Wieso?“, fragte er ehrlich. „So wie mich deine Mutter bei jedem Treffen behandelt, von oben herab und demütigend, so haben dich meine Eltern im ganzen Leben nie behandelt. Darüber solltest du mal nachdenken!“
Verärgert saßen sie eine Weile nebeneinander.
„Ich glaube, eigentlich ist die Sache ganz einfach!“, begann er schließlich. „Alle sollten sich die Frage stellen, ob sie glauben, dass man friedlich miteinander auskommen kann. Und ich kann sicher sagen, dass ich das nicht nur nicht glaube, sondern dass ich das sicher weiß, dass das nicht gelingen wird!“
„Das sehen meine Eltern vielleicht ganz anders!“
„Das wiederum glaube ich gleich!“, meinte er verächtlich. „Glaube mir, das gibt eine Katastrophe!“ Dann sah er seine Frau an. „Und du, was glaubst du?“
Sie starrte weiter vor sich hin. „Ich, ich bin mir nicht sicher!“
„Ach, so ist das!“, fuhr er verbittert fort. „Ist es wieder einmal so, dass die brave Tochter, das von ihren Eltern zur hörigen Tochter geprägte Wesen, es wieder einmal nicht schafft, über den Schatten ihrer Prägung zu springen und brav jeden Befehl von Mama und Papa ausführt. Wann befreist du dich endlich von dieser Programmierung? Wann wirst du ein eigener, selbstständiger, sich selbst steuernder Mensch?“
„Du bist unverschämt, weißt du das?“
„Wirklich?“ Er atmete tief durch. „Erinnere dich doch nur mal daran, was ich mit deinen Eltern schon alles durchgemacht habe. Soll ich dich mal daran erinnern? Oder soll ich dich etwa sogar daran erinnern, wie du schon unter ihnen gelitten hast?“
„Du kannst es ja eh nicht lassen!“ Sie legte sich wieder hin und drehte sich von ihm weg. Dann begann sie zu weinen.
„Na bitte!“, meinte er. „Ich hatte mich auf schönen Sex gefreut, wo heute Abend beide Kinder ausgegangen sind. Ergebnis heute ist, dass du weinst!“
„Da bist du dran schuld, nicht ich!“, schluchzte sie.
„So? Ist es nicht vielmehr so, dass deine Eltern zum wiederholten Male an unserem Streit schuld sind?“, fragte er verbittert. „Es ist immer alles gut, solange ich alles schlucke, meinen Mund halte und den Willen deiner Eltern umsetze. Aber die Zeiten sind vorbei, das sage ich dir!“
Sie weinte mehr und mehr.
„Bitte, jetzt sei doch einfach mal ehrlich!“, flehte er sie nun an, weil es ihm wehtat, dass sie weinte, weil er dann das Gefühl hatte, als Ehemann versagt zu haben. „Erinnere dich doch mal nur an all die Streitereien, die vorgefallen sind in den letzten Jahren. Es war doch so viel!“
Sie schwieg und schluchzte weiter.
„Na gut, wenn du dich nicht erinnern willst, dann muss ich es eben tun!“
Er setzte sich noch mehr auf, holte Luft und überlegte, wo er beginnen sollte.
3
Er erzählte ihr, wie es war, als seine Eltern noch rüstig waren und die Kinder noch klein. Sie wohnten damals auf Wunsch Melanies, oder war es heimlich der Wunsch der Schwiegermutter gewesen, zur Miete direkt neben seinen Schwiegereltern, so dass sie für diese täglich und rund um die Uhr verfügbar waren. Er nahm eine weite Fahrt zur Arbeit für diesen Wunsch Melanies auf sich, was aber von allen als selbstverständlich angesehen wurde und wofür er kein einziges Mal Dank erhielt. So lebten alle auf seine Kosten vergnügt zusammen, was zu eben so viel Streit zwischen Kurt und Melanie führte. Und wenn sie dann mal zu seinen Eltern fuhren, wurde dies eifersüchtig beäugt. Wie immer hatten sie die Schwiegereltern noch an der Garage abgepasst.
„Ach so, diesen Samstag geht ihr zu deinen Schwiegereltern!“, meinte Lorenz gespielt traurig und legte ein Pause ein, die seine Meinung vermitteln und gleichzeitig erklären sollte, zu Melanie.
Diese schlug auch gleich betroffen die Augen nieder und wagte weder etwas zu sagen, noch den Blick des Vaters zu suchen.
„Na ja, meine Eltern haben uns zum Essen eingeladen!“, erklärte Kurt vorsichtig. „Wir waren ja schon vierzehn Tage nicht mehr bei ihnen.“ Auch er harrte unsicher der Dinge, die nun kommen würde.
„Natürlich, ihr müsst auch mal zu deinen Eltern!“, heuchelte der Schwiegervater.
„Ja, die wollen uns und die Kinder ja auch ab und zu mal sehen!“, schob Kurt nach und wunderte sich über seinen Mut.
„Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht zu kurz kommen!“, wandte sich Lorenz an seine Frau und diese nickte.
„Zu kurz kommen?“, fragte sich Kurt mehr selbst, als seine Schwiegereltern. „Ihr holt uns jeden Tag zum Abendessen ab und wir verbringen den ganzen Samstag bei euch. Das heißt, wir sind doch viel, viel mehr bei euch, als bei meinen Eltern!“
„Ich finde, man sollte solche Besuche nicht gegeneinander aufrechnen!“, warf der Schwiegervater mit bösem Blick ein.
„Natürlich nicht!“, dachte Kurt. „Solange du weit im Vorteil bist, ist ja alles in Ordnung. Aber wehe, du fühlst dich benachteiligt, dann kommt aber das volle Programm: Beleidigtsein, Vorwürfe, Moral oder auch eine Szene, je nachdem, wie´s gerade beliebt.“ Aber er schwieg. Er hatte das Gefühl, schon genug, um nicht zu sagen, schon wieder zu viel, gesagt zu haben.
„Dann müsst ihr wohl dahin!“, meinte der Schwiegervater bedeutungsschwer.
„Wir müssen nicht nur, wir wollen auch mal“, meinte Kurt. Dann sah er seine Frau an. „Also ich will, ich dachte, du willst auch, oder!“
Melanie sagte nichts.
„Ihr kommt aber doch danach auf jeden Fall noch kurz bei uns vorbei, Melanie. Ihr werdet ja nicht ewig bleiben. Ich denke, das kann man schon verlangen.“
Melanie schwieg und goss sich Kaffee nach.
„Aber ihr müsst uns jetzt schon pünktlich gehen lassen!“, traute sich Kurt noch nachzuschieben. „Beim letzten Mal kamen wir zu spät zum Essen. Und meine Mutter hatte sich so viel Mühe gegeben!“
„Du willst aber nicht sagen, wir hätten euch festgehalten“, beschwerte sich nun die Schwiegermutter. „Wir wollen euch auf keinen Fall festhalten oder festbinden.“
„Je mehr man festhalten will, umso eher verliert man etwas! Merk dir das!“, belehrte Sofia ihren Schwiegersohn.
Wieder lastete eine schwere Stille über der Unterhaltung.
Melanie schwieg hilflos.
Kurt bemerkte, dass die Schwiegereltern wie so oft eine Diskussion suchten, um sie noch länger festhalten zu können. Da schob er seine Kinder in den Wagen und stieg wortlos ein. Er startete den Motor und fuhr los.
Melanie gelang es im letzten Moment ebenfalls in den Wagen zu springen.
Im Rückspiegel bemerkte er noch die wütenden Blicke seiner Schwiegereltern.
4
Dann erinnerte er sie an ein anderes Vorkommnis. Sie saßen, wie eigentlich täglich, bei den Schwiegereltern beim Abendessen und diskutierten heftig. Die Diskussionen waren eigentlich stets heftig, weil tiefe ideologische Gräben zwischen Kurt und seinen Schwiegereltern lagen. Dieses Mal ging es um den Einbau eines Specksteinofens in ihr Haus. Problem war nur, dass weder der Schwiegervater noch sein Sohn einen solchen Ofen hatten, sondern sich einen Metallofen angeschafft hatten. Und es war bei Kurts Schwiegereltern grundsätzlich verboten, etwas anders zu machen, als die Schwiegereltern oder der Schwager machte.
„Also, ich bin jetzt schon etwas beleidigt!“, meinte der Schwiegervater und schnaufte laut auf, ein Schnaufen, das alle warnte, jetzt nur nichts mehr Falsches zu sagen. „Ich möchte schon in eure Entscheidungen eingebunden sein. Schließlich geht es doch um die Familie!“
„Und da du dich zum Familienoberhaupt erklärt hast, das alles wissen muss, das in alles eingebunden sein muss, alles bestimmen und entscheiden darf …“, wusste Kurt, schwieg aber und dachte sich nur seinen Teil. „… musst du alles wissen, musst in alles eingebunden sein, darfst alles entscheiden und bestimmen und wehe, jemand wagt das in Frage zu stellen. Dann raucht es aber!“
„Nun, es ist ja noch nicht zu spät!“, warf Melanie schnell ein. „Die Entscheidung ist ja noch nicht getroffen. Es ist noch alles offen!“
Kurt sah sie fragend an, denn in Wirklichkeit hatten sie sich schon für eine zusätzliche Heizquelle für ihr Haus entschieden, und zwar bewusst für einen Specksteinofen.
„Ach so, das ist gut, dann kann ich euch ja noch beraten!“
„Natürlich, wir schätzen doch deine Meinung!“, sagte Kurt spöttisch und meinte es völlig ironisch. Dafür hatte der Schwiegervater aber kein Gespür und freute sich.
„Also, ich bin dafür, ihr kauft euch einen Metallofen, wie wir ihn haben. Und Felix hat ja auch so einen. Die sind auch sehr zufrieden damit!“
„Natürlich!“, dachte Kurt. „Natürlich das Gleiche, wie dein Sohn. Der macht ja schließlich alles richtig!“ Er überlegte kurz und holte Luft.
Melanie bat ihn mit flehendem Blick, zu schweigen.
Aber da legte er auch schon los. „Wir halten nichts von Metallöfen. Die wärmen nur solange, wie man heizt. Reine Energieverschwendung. Wir haben uns für einen Specksteinofen entschieden. Der wärmt nach jeder Heizung 24 Stunden. Das ist ökonomisch und ökologisch!“ Kurt war sich bewusst, dass er praktisch eine Majestätsbeleidigung begangen hatte, indem er eine Entscheidung der angeheirateten Familie nicht nur in Frage stellte, sondern als Dummheit verwarf.
„Ich denke, ihr solltet euch das noch Mal überlegen!“, knurrte und schnaufte der Schwiegervater.
„Es ist entschieden!“, versicherte Kurt.
„Ich halte das für keine gute Entscheidung. Denkt doch nochmals darüber nach!“, brummte der Schwiegervater immer verärgerter.
„Es ist entschieden und jeder, dem wir es erzählen, bestätigt uns, dass wir es richtig entschieden haben!“
„Na dann, wenn ihr nicht auf meinen Rat hören wollt, dann begeht eben den nächsten Fehler an eurem Haus. Habt ja schon genug Bock gebaut, weil ihr nicht hören könnt!“ Damit sprang er auf und stürzte wütend und schnaubend hinaus.
„Musst du deinen Schwiegervater dauernd so ärgern!“, bellte nun die Schwiegermutter Kurt an. „Kannst du nicht an sein schwaches Herz denken?“ Damit folgte sie ihrem Mann.
Da brach Melanie in Tränen aus. „Musst du dich denn immer mit meinen Eltern streiten?“, meinte sie schluchzend.
Da beschloss er, auf die Toilette zu gehen. Ein seltsames Geräusch aus einer dunklen Nische neben der Toilette ließ ihn kurz erstarren. Dann erkannte er im Zwielicht seinen Schwiegervater, der dort schmollend verharrte. Sie sahen sich eine Weile an.
„Du liebst mich nicht!“, knurrte da sein Schwiegervater.
Vor Überraschung verharrte Kurt eine Weile vor ihm. Dann riss er sich los und stolperte ratlos zur Toilette.
5
Seine Erzählungen bewirkten das Gegenteil, von dem, was er beabsichtigt hatte. Sie weinte noch mehr. Irgendwann schliefen sie ein.
Am nächsten Morgen saßen sie schweigend am Frühstückstisch. Kurt wartete auf eine Bemerkung von Melanie zur Aussage ihrer Eltern vom Vortag, aber sie schwieg wie meist.
„Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen!“, meinte er schließlich.
„So?“, fragte sie leise, weil sie ahnte, was kommen würde.
„Sieht man das nicht in meinem Gesicht?“
Sie sah auf. „Ich sehe nichts.“
Er wusste nicht, ob sie nichts sah oder ob sie es nur behauptete. „Ich habe ganz blau unterringelte Augen, du weißt doch, dass das ein sicheres Zeichen dafür ist, dass es mir nicht gut geht.“
Sie sah auf und nickte. „Ja“, meinte sie nur.
„Willst du nicht wissen, warum ich so schlecht geschlafen habe?“
„Du wirst es mir schon sagen!“
Er sah sie nachdenklich und schon ein bisschen verärgert an. Aber er versuchte, seinen Ärger zu kontrollieren, versuchte sich auf das zu konzentrieren, was wichtig für ihn war. „Ich habe die ganze Nacht an die Zeit gedacht, als wir noch im gleichen Ort, wie deine Eltern gewohnt haben und noch dazu gleich neben ihnen!“
Er hatte sich gegen ihren Willen wegbeworben und sie hatten in einem anderen Ort ein Haus gebaut, weit genug weg, um nicht jeden Tag von den Schwiegereltern belästigt zu werden.
„Ich weiß!“, kommentierte sie kalt.
Er hatte gehofft, dass sie ihn verstehen würde, dass sie ihn unterstützen würde, aber er fühlte, dass sie sich heraushalten wollte oder einen Weg suchte, zwischen den Wünschen von allen zu lavieren.
„Ich will doch nur, dass ihr euch alle gut versteht!“, meinte sie wie so oft.
Da entschied er sich, ihr einfach alles in einem Vortrag zu erzählen. „Deine Eltern hatten uns damals total vereinnahmt und gaben uns keine Chance, uns als Paar zu finden und selbstständig zu werden. Sie haben uns immer nur als Fortsatz ihrer eigenen Familie begriffen, nie als neue, eigene Familie!“
„So dramatisch?“ Sie sah ihn kopfschüttelnd an. „Jetzt übertreibst du!“
Er holte tief Luft, damit er seinen Ärger unter Kontrolle bringen konnte. Er wollte auf keinen Fall mit ihr einen Streit haben, der damit enden würde, dass sie sich, wie so oft, stritten und nicht mehr über die eigentliche Sache gesprochen wurde, sondern nur noch über die Form oder darüber, dass zwischen ihnen immer Streit war. Oder dass sie ihm vielleicht eine ihrer hysterischen Szenen machte, denn sie neigte tatsächlich zur Hysterie, ein Erbe ihrer Mutter, die diese Eigenschaft mit Valium und anderen Tabletten bekämpfte. „Dann will ich dich mal daran erinnern, wie es damals war!“
„Musst du nicht!“, meinte sie mit einer Stimme, die sowohl Verärgerung, als auch Unsicherheit ausdrückte.
„Deine Eltern kamen jeden Abend bei uns vorbei, holten uns ab oder bestanden darauf, dass wir noch zu ihnen zum Abendessen kommen.“
„Ist das so schlimm?“
„Ja, das ist bereits unnormal, weil sich so ein Paar nicht finden kann!“ Er holte wieder Luft. „Aber das eigentlich Schlimme daran war, dass sie uns jedes Mal genau auftrugen, was wir in den nächsten Tagen zu erledigen hätten, für sie oder ihre Enkel.“
„Du Ärmster!“
„Natürlich war es für dich und deine Eltern völlig klar, dass wir auch das ganze Wochenende bei oder mit ihnen verbringen. Und auch da ging es nur darum, dass sie uns genau sagen konnten, was wir zu tun hatten. Und natürlich vor allem darum, den Schwiegersohn einzunorden, ihn genauso zu erziehen und zu prägen, wie sie es von den eigenen Kindern gewohnt waren, unter die Fuchtel zu bringen, die Tochter war ihnen ja schon völlig hörig. Gut gezogen eben!“
„Jetzt werd bloß nicht unverschämt, hörst du?“ Wieder sah sie ihn mit einer Mischung aus Ärger, aber auch Verlegenheit an, weil sie wusste, dass er Recht hatte.
„Nicht zu vergessen, die Szenen, wenn wir nicht spurten. Dann wurde dein Vater aber fuchsteufelswild oder er übergoss uns mit einem Strom aus Schuldgefühlen, moralischem Vorwürfen oder angsterregenden Szenen. Familie, Familie, Familie. Und er als Familienoberhaupt hätte natürlich allen Bescheid sagen und befehlen dürfen. Ihm hatte niemand Bescheid gesagt, weil er ja ohne Vater aufwuchs und Mamas ganzer Liebling war. Ihm durfte seine Mutter mit 16 nichts mehr sagen, meinte er mal, aber uns wollte er noch mit 30 Bescheid sagen!“
„Was soll das alles, das bringt doch jetzt nichts mehr. Du hast dich wegbeworben und ich musste mit. So toll war das auch nicht von dir!“, warf sie verärgert ein. „Noch dazu, ohne mich darüber zu informieren. Schon eine Hinterhältigkeit, die ich dir nicht zugetraut hätte.“
„Notwehr, nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche geschah es!“
„Ach so? Notwehr! Dass ich nicht lache!“
„Ich wäre auch ohne dich gegangen!“
Sie sah ihn erschrocken an.
„Und auch ohne die Kinder!“, sagte er hart.
Sie starrte ihn fragend an.
„So war das mit deinem Vater!“, fuhr er fort. „Aber deine Mutter war noch schlimmer!“
„Jetzt auch noch das!“
