Die Einsamkeit der Ministerin - Simone Frieling - E-Book

Die Einsamkeit der Ministerin E-Book

Simone Frieling

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Beschreibung

Die Menschen, von denen Simone Frieling erzählt, befinden sich alle in einer Umbruchphase, in der das alte Leben keine Gültigkeit mehr hat und das neue noch nicht fest umrissen ist. Ein unvorhergesehenes Ereignis zwingt sie, ihr Leben neu zu bewerten. Die einen erleiden den Umbruch schicksalhaft, die anderen steuern sehnsüchtig auf ihn zu, um endlich neu zu beginnen. Ein Pater, der im Sterben seinen Priesterring verflucht, weil er an seiner Hand lieber den Ehering getragen hätte. Eine Politikerin, die nach einer Krebsdiagnose ihr Amt so weiterführt, als sei nichts geschehen. Eine Polin, die unter Strapazen ihre Heimat verlässt, um in Deutschland in Wohlstand zu leben und zurückkehrt, weil sie die Armut mehr liebt. Ein Maler, der nicht anerkannt wird, bis er während einer Reise auf einen ausländischen Bahnarbeiter stößt, der seine Bilder bewundert. Einfühlsam erzählt Simone Frieling von diesen und anderen Lebensläufen, in denen Gelingen und Scheitern nah beieinanderliegen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum

Die Audio-Lesung der Erzählung

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ISBN (Print-Buch) 978-3-949899-18-8Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.Textrechte: © Simone Frieling

© onomato Verlag Düsseldorf 2023Alle Rechte vorbehaltenonomato.de

 

 

 

Simone Frieling

Die Einsamkeitder Ministerin

Erzählungen

 

Inhaltsverzeichnis
Impressum
Der verfluchte Ring
Danksagung

Der verfluchte Ring

1.

Er ist alt. Die Dinge entgleiten ihm. Vor jedem Essen, außer zum Frühstück, legt Maria ihm eine Serviette um. Ein steif gebügeltes Leinen, das von zwei Klipsen rechts und links gehalten wird, die mit einer Kette verbunden sind. Das Leinen ist so groß wie ein Geschirrhandtuch, vielleicht ist es abgenutzt und deshalb für diesen Zweck ausgesondert. Er findet nichts dabei. In seiner gutmütigen Art, die sich auch beim Essen zeigt, denn ihm schmeckt alles, was man vor ihn hinstellt, bekleckert er das Tuch lustvoll wie ein Kind.

Wenn er jedoch mit dem Essen fertig ist und das beschmutzte Ding loswerden will und vergeblich an dem linken Klips herum zupft, ohne dass dieser sich öffnen lässt, wird er zornig. Das Wort „Klipse“ kann er noch denken, aber nicht mehr aussprechen. Und Maria ist schon vor einigen Minuten vom Tisch aufgestanden, um die schmutzigen Teller auf die Spüle zu stellen, so dass sie kein Auge für ihn hat. Erst als sie sich zum Dankgebet, das sie in letzter Zeit deutlich und laut vorspricht, wieder an den Tisch setzt, sieht sie seinen Kummer und befreit ihn von seiner Serviette. Mit einem gekonnten Schwung wirft sie das Tuch in die Ecke der Küche, wo schon andere schmutzige Tücher liegen. Wenn er gleich seinen Mittagsschlaf hält, wird sie die Wäsche aufheben und in die Waschmaschine füllen.

Aber jetzt sprechen sie erst einmal gemeinsam das Gebet, wie sie es seit fünfzig Jahren tun. Sind es wirklich nur fünfzig Jahre? Ihm kommt es länger vor. Und auch beim Beten hat sich neuerdings etwas geändert. Aber was ist es? Ja, sie spricht jetzt die Gebete fast allein, er hinkt immer ein bisschen hinterher. Früher war das doch umgekehrt! Dabei kann er sich im Stillen, sobald er allein in einem Zimmer ist, noch alle Gebete aufsagen. Wenn er jetzt seine Stimme im Takt mit ihrer hören will, strengt ihn das so an, dass ihm eine Zeile nach der anderen abhanden kommt. ‚Abhanden‘ trifft es nicht ganz, die Zeilen verflüchtigen sich, als hätten sie Flügel und würden aus seinem Kopf davonfliegen an einen anderen Ort, um kurz vor dem Einschlafen zu ihm zurückzukehren. Deshalb bewegt er immer häufiger nur noch die Lippen, damit keine falschen Worte sie verlassen. Liegt er dann im Bett, ärgert er sich über sein Verhalten, weil er so die Freude am gemeinsamen Gebet nicht mehr spürt.

Am Nachmittag, so nennt man wohl die Tageszeit, wird er von einem lauten Rufen seines Namens geweckt. „Franz, Franz, hörst Du, Franz steh auf!“ Maria steht über ihn gebeugt und streichelt seine Hände, die er beim Schlafen immer über der Bettdecke zusammenlegt, fast wie zum Gebet. Er hätte lieber einen Kuss von ihr bekommen, so freut er sich über ihr gutes Gesicht, das jetzt nah bei seinem ist! Aber vielleicht ist schon Besuch da, und der darf sie nicht beim Küssen sehen, so ist nun einmal ihre Abmachung! Schnell zwickt er ihr ins Hinterteil, was sie lachend und mit einer koketten Drohgebärde beantwortet. Wie ist sie noch immer glücklich an meiner Seite, denkt er.

Nachdem er aufgestanden ist, geht er ins Wohnzimmer. Er geht vorsichtig, denn seinem Gang ist auch nicht mehr zu trauen. Seine Füße setzen manchmal falsch auf, halten ihn nicht mehr in einer aufrechten Position, er hat oft das Gefühl, nach vorn zu kippen. Das ist ihm auch tatsächlich schon mehrere Male passiert, und die Platzwunde die er sich das letzte Mal zuzog, hat so geblutet, dass man das Blut noch Wochen später an den Wänden des Treppenhauses sehen konnte. Er musste in die Klinik gebracht werden, in der er angeblich jahrelang gearbeitet hat, um am Kopf genäht zu werden. Maria war an diesem Abend fürchterlich nervös geworden, sie hatte Angst, man würde ihn über Nacht dabehalten. Sie kann nämlich nicht alleine sein, konnte sie noch nie.

Sie hatten den Taxifahrer angerufen, den sie schon so lange kannten und von dem sie genau wussten, dass er ihnen helfen würde. Das tat er auch, der Ausländer – wo kam er noch her? Aus einem armen Land, in dem viele Katholiken wohnen und die Mission noch stark ist. Der Mann hatte ihn bis vor die Tür der Klinik gebracht, auf einen Rollstuhl gesetzt und dann zum Empfang geschoben. Während man seinen Kopf verarztete, hatte er gewartet und später ihn und Maria wieder nach Hause gebracht. Franz hatte ihm einen Bündel Geldscheine in die Hand gedrückt und der Mann hatte ungläubig gelächelt.

Warum aber war Maria an dem Abend so ärgerlich geworden, dass sie abrupt vom Sofa aufgestanden und in ihr Zimmer gegangen war? Er hatte nichts anderes getan, als jeden Abend seinen Schoppen getrunken, aus dem großen Glas, mit der Gravur, die er so liebte. Und er hatte den Taxifahrer aufgefordert, mit ihm zu trinken. Was für ein schöner Abend! Er hat viel aus dem Leben des Mannes erfahren, wie gläubig man in dessen Heimat noch ist. Das erstaunt ihn noch immer, wenn er an die Verhältnisse hier denkt. Erst als seine Stirnwunde zu pochen anfing, hatten sie den Abend beendet und er den Mann gesegnet. Wie warm und hell waren in der Nacht seine Träume gewesen!

Am nächsten Morgen, das weiß er wirklich ganz genau, war sie früher als er aufgestanden, was sonst nie vorkam und war bös mit ihm gewesen. Sie hatte alles aufgeräumt, was vom vergangenen Abend stehen geblieben war, nur die zwei leeren Weinflaschen nicht. Aber Maria kann nicht lang bös sein, sie liebt ihn zu sehr, und er hat, wenn er auch alt ist, noch genug Charme, um sie umzustimmen und genug Pfiffigkeit, um sie manches Mal zu hintergehen. Den Wein lässt er sich nicht nehmen, nur weil er ein Mal gestolpert ist!

Jetzt sitzt er gemütlich im Sessel vor dem Tischchen, auf dem die Snacks stehen, die er so gerne am Nachmittag isst. Langsam fällt die Benommenheit des Schlafes von ihm ab und er greift zu. Da klingelt es. Maria lächelt ihm aufmunternd zu und geht zur Tür. Nach einer Weile hört er Stimmen, jemand stürzt ins Zimmer und begrüßt ihn freudig: „Franz, altes Haus! Wie geht es Dir? Du siehst gut aus!“

Er ist verlegen, schaut auf seine Knie und wippt ein bisschen mit ihnen hin und her. Dabei fragt er sich, wer da in sein Zimmer gekommen ist und ihn stört? Ein Mann ist es, mit Sicherheit! Frauen haben mehr Gefühl. Sie treten langsam auf ihn zu und legen, bevor sie ihn ansprechen, erst einmal ihre Hand auf seinen Arm. Das beruhigt ihn immer, und er kann die Zeit nutzen, um sich zu sammeln, bevor er spricht. Allerdings muss er auf der Hut sein, Maria ist sehr eifersüchtig, und er darf mit einer fremden Frau auf keinen Fall schön tun.

Was will nun dieser Mann von ihm, was von Franz? Und wo ist die Frau, ohne die er nicht leben kann? „Maria komm!“, ruft er missmutig den Fenstern zu, da er nicht wagt, den Kopf zu verdrehen, weil das seit neuestem Schwindel bei ihm verursacht. Sie legt ihm von hinten die Hände auf die Schultern: „Ich bin doch da, ich bin doch da. Ich stehe die ganze Zeit hinter dir. Und nun sag doch dem Peter endlich ‚Guten Tag‘.“

Einen Peter hat er früher einmal gekannt in seiner Jugend. Der muss schon lange tot sein. Der Mann in seinem Wohnzimmer ist also ein anderer Peter. Diese Erkenntnis berührt ihn unangenehm. Maria wird doch wohl keinen Fremden eingelassen haben?!

Das Telefon klingelt. Wie er dieses Läuten liebt, das wie eine Sturmglocke in sein Leben fährt und es interessant macht! Jetzt gilt es Maria zu überlisten und als erster am Apparat zu sein. So haben sie es immer gemacht, wenn das Ding rasselte: einen kleinen Wettkampf ausgetragen. Wieder ist er der Sieger, er drückt als erster auf die grüne Taste! Seine Hand hält das schwarze Ding fest umklammert, dass es ihm keiner wegnehmen kann.

Plötzlich weiß er nicht genau, was er weiter tun soll. Er sucht eine Antwort in Marias Augen. „Du musst den Apparat an Dein Ohr halten.“ Er gehorcht. Da ist eine neue Stimme, die fragt: „Wie geht es Dir, Franz“? Er antwortet: „Wie geht es Dir“? Den ›Franz‹ lässt er besser weg, denn er kennt keinen zweiten Franz, auch nicht aus seiner Jugend. Die Stimme wird lauter, eindringlicher, sie lässt ihm keine Ruhe. Wenn er nur Zeit zum Nachdenken hätte, dann könnte er antworten. Langsam füllen sich seine Augen mit Tränen. Maria schaut ihn liebevoll an und streckt die Hand aus. Er zögert, eigentlich ist er doch hier der Hausherr und sie nur der Gast. Aber nein, sie ist die Frau seines Lebens, ‚sein Stern‘, ohne den er nicht leben kann. Jetzt weint er richtig und reicht, wie ein braves Kind, den Apparat zu ihr herüber.

Maria führt ihn zu dem großen runden Tisch, der in der Mitte des Wohnzimmers steht. Den fremden Mann lässt sie in einer Ecke sitzen. Sie beschäftigt sich jetzt ganz mit ihm, so dass er aufhören kann zu weinen. Als seine Augen wieder trocken sind, holt sie sein Lieblingsbuch aus seinem Arbeitszimmer: die Bibel. Sie legt das Buch vor ihn auf die Tischplatte und schlägt es dort auf, wo sich das Lesebändchen befindet. Lächelnd legt er seinen Zeigefinger auf die blaue Girlande, die den Text schmückt. Er liest ein bisschen. Er tut so. Er will nicht, dass Maria etwas merkt. Denn er hängt an allen Büchern, die er besitzt. Und sie wollte schon ausmisten!

2.

Maria räumt das Abendessen ab. Eigentlich ist sie immer unterwegs: von einem Zimmer ins andere. Eigentlich hat er sie nie ganz für sich. Er hätte sie heiraten sollen. Warum hat er sie nicht geheiratet? Er schaut auf seine Hände, auf den Ring, den sie alle bewundern, auch Maria, auf diesen kalten, protzigen Prunk. Wie viel lieber hätte er an seiner Stelle einen schlichten Ehering am Finger und Kinder und Enkelkinder … Aber sie hatte nicht gewollt! Deshalb sitzt er hier allein im Wohnzimmer und weiß nicht, wie die Zeit ausfüllen, weiß nicht, was tun. Hat Maria eine Ahnung davon, wie ihn die Zwischen-Zeit quält? In der Zwischen-Zeit könnten die Kinder ihn besuchen und er den Enkeln von seinem Großvater erzählen, der ja auch der Opa der Enkel… Ach nein. Da bringt er etwas durcheinander. Davon abgesehen, er könnte die Zeit nutzen, so wie früher. Aber jetzt, so nutzlos…

Maria stellt zwei Gläser vor ihn hin, es sind die mit der Gravur. Er streicht lustvoll mit der Daumenkuppe über ihre raue Oberfläche. Jetzt wird sich der Tag endlich wenden. Denn gleich kommt Maria mit der Flasche. Sie hat vorgearbeitet: Der Korken ist schon halb gezogen. Öffnen aber darf er die Flasche, das Vergnügen lässt sie ihm. Während er mit der Rechten den Korkenzieher ganz nach oben zieht, hält er die Flasche mit der Linken fest und spürt die feuchte Kühle, die sich am Flaschenbauch gesammelt hat. Maria lässt ihm einen Augenblick Zeit, bevor sie die Flasche an sich nimmt und die Gläser füllt. Bis oben hin muss sie die Gläser füllen, bis es fast ‚schwappt‘, sonst ist er bös mit ihr.

Es klingelt. Darauf hat er gewartet. Sein Mitbruder kommt, er wohnt gleich in der Wohnung gegenüber, ein paar Schritte auf dem Gang entfernt. Clemens kommt jeden Abend, um mit ihm als Freund zu schwatzen und zu trinken. Franz muss sich konzentrieren, die Minute nutzen, die Maria benötigt, um zu öffnen. Ganz vorsichtig, ganz leise tauscht er die Gläser. Denn er weiß, dass Maria sein Glas in der Küche zur Hälfe mit Wasser aufgefüllt hat, bevor sie es ihm brachte. Den verdünnten Wein schiebt er auf die andere Seite des Tischchens, wo Clemens gleich Platz nehmen wird. Dann umklammert er sein Glas mit beiden Händen – er ist so aufgeregt –, führt es zum Mund und leert es bis auf die Hälfte. Alles muss blitzschnell gehen und er darf nichts verschütten. Beim Trinken sitzt er ganz aufrecht, um auszukosten, wie der kühle Wein in ihm herunterfließt und durch seinen Körper strömt. Erst dann weiß er, dass bald der Leerlauf des Tages und seine Sprachlosigkeit erträglich werden.

„Guten Abend, Clemens“, singt er fast, als der Freund vor ihm steht. Clemens setzt sich, prostet Franz zu und beginnt gleich von seinem Tag zu sprechen: Was er alles erlebt, wen er gesprochen hat, nur interessante Leute. Clemens lässt ihn gar nicht zu Wort kommen, dabei könnte er jetzt reden. Und er hat doch auch etwas zu sagen! Clemens ist ein Angeber. Das verwässerte Zeug gönnt Franz ihm! Der lebt ohne Frau und kann in seiner Wohnung trinken, so viel er will.

Erst einmal aber lässt sich Franz den Genuss an Wein und Knabbereien nicht verderben von dem Geschwätz. Dann wird es ihm doch zu viel, der andere fängt an, ihn zu beleidigen: Weiß alles besser, ist mehr gereist, hält mehr Vorträge. Verzweifelt versucht Franz den anderen daran zu erinnern, dass er auch einmal vor Studenten gesprochen hat, dass er ein richtiger Professor war! Clemens ist jünger als er. Clemens könnte sein Sohn sein. Er hat ihn immer wie einen Sohn behandelt, über viele Schwächen von ihm hinweggesehen, ihm Karrierewege geebnet, ihm Geld geschenkt und sogar die Wohnung besorgt. Warum setzt der Mann ihn fortwährend herab?

Franz ruft nach Maria. Sie kann Clemens nicht leiden, deshalb hat sie den ganzen Abend in ihrem Zimmer verbracht und mit ihren Freundinnen telefoniert. Müde schleppt sich Maria ins Wohnzimmer. Sie sieht alt aus, vielleicht hat sie schon geschlafen. Sofort hat Franz Mitleid mit ihr: Womöglich muss sie zu viel arbeiten in seinem Haushalt.

Wortlos nimmt Maria die zwei Flaschen vom Tisch, trägt sie in die Küche und ruft dabei: „Es reicht jetzt!“ Clemens erhebt sich, scheinbar erschrocken, obwohl es jeden Abend das Gleiche ist und er sich, denkt Franz, längst hätte daran gewöhnen können. Dass Maria die Abende immer auf diese hässliche Weise beendet, ist ihm nun ganz recht. Warum muss Clemens auch so viel reden! Und der wird sich jetzt beim Rausgehen eine Entschuldigung abringen, die Franz auch schon kennt. „Aber ich wollte doch nur in euren grauen Alltag etwas Farbe bringen. Ich komm doch nur für euch, damit ihr etwas Abwechslung habt, noch etwas von der Welt mitbekommt.“

Bis jetzt war Franz nur wütend und hatte seine Tränen zurückhalten können, nun weint er hemmungslos. Ist es denn ein Opfergang, ihn zu besuchen, nur weil er alt ist? Bleibt eine Freundschaft nicht eine Freundschaft ein Leben lang? Soll man ihn doch befreien von diesem falschen Freund!

Sehnsüchtig horcht er auf die letzten Geräusche aus der Küche: das Klirren der Gläser, das Klappern der Teller. Gleich wird Maria zu ihm kommen, schon ist er fast beruhigt. Vorher aber wird sie die Wohnungstür abschließen, grimmig den Schlüssel drei Mal herumdrehen. „Muss er denn jeden Abend kommen, Du kannst ihn doch ein Mal wegschicken …“ Sie weiß, dass er das nicht kann und hilft ihm bei der Nachttoilette. Dann begleitet sie ihn zum Bett. Als sie die Bettdecke unter seine Arme schieben will, umfasst er sie und zieht sie zu sich: „Leg dich noch einmal zu mir ins Bett, ein letztes Mal!“ Sie schüttelt den Kopf und sagt das Abendgebet. Danach gibt sie ihm den Kuss, auf den er den ganzen Tag gewartet hat.

Franz wacht um fünf Uhr auf: wie immer. Früher hat er sich selbst angekleidet, ein Glas Wasser getrunken und ist dann zum Zeitungsgeschäft in die Altstadt gegangen. Dabei haben ihn jeden Morgen dieselben Obdachlosen erleichtert, sie kannten seinen Weg. Und er hat gerne gegeben. Er kam mit drei Tageszeitungen und frischen Brötchen zurück. Jetzt muss er auf Maria warten, bis sie ihm beim Ankleiden hilft und mit ihm zum Büdchen um die Ecke geht. Dort steht seit neustem eine Sitzgelegenheit neben der Tür. Er ist sich sicher, dass Maria die Besitzer darum gebeten hat, weil er nicht mehr lange stehen kann und der Weg ihn schon anstrengt. Sie kauft nur noch eine Zeitung, das ärgert ihn. Er war immer ein belesener Mann, wollte nie einer dieser provinziellen, beschränkten Priester sein. Wenn er nur daran denkt, den ganzen Tag mit einer Zeitung zu verbringen …

Er ist deprimiert. Er könnte durchaus jetzt ein Glas Wein vertragen. Wein hilft gegen die Qual der endlosen Zwischen-Zeit. Aber er muss warten, und Warten hat er gelernt. Durch Maria hat er das Warten gelernt. Er wartet ja heute noch auf ihr „JA“, auch jetzt in diesem Moment. Wenn sie bei ihm ist und ihn anlächelt, ist das wie ein „JA“.

Wann hat das eigentlich angefangen, grübelt er, dass er nicht mehr ‚gleich‘ denken konnte, nicht mehr ‚ich mach‘s‘, sondern überrascht wird von einem ihn ängstigenden ‚jetzt‘, auf das ein schleppendes ‚dann‘ folgt?

3.

Maria hat in dem kleinen Elektrofachgeschäft in der Altstadt angerufen, es ist das letzte, das er vor nicht zu langer Zeit noch zu Fuß erreichen konnte. Sie hat ein Gerät bestellt. Er kommt gerade nicht darauf, wie man es nennt. Maria ist schlau: Sie will ihn für das neue Gerät begeistern, das er früher immer als „dumme Flimmerkiste“ abgetan hat. Das tut sie nur, um Clemens nicht mehr jeden Abend die Tür öffnen zu müssen.

Als der Mann kommt, der das Gerät anschließen soll, macht sie viel Wind um die Sache. Franz merkt gleich, dass sie übertreibt. Der Fernseher wird in der Ecke seines Arbeitszimmers aufgestellt, ein paar gerahmte Fotos von seiner Familie müssen weichen. Gleich als das Ding steht, bittet sie den fremden Mann mit serviler Stimme, den schweren Sessel aus dem Wohnzimmer zu holen und ihn vor der Flimmerkiste aufzustellen. Das hätte er doch selbst tun können, wieder hat sie ihn übergangen! Später bringt Maria einen Stuhl, mehr Platz ist nicht neben dem Sessel. Natürlich wird er sie im Sessel sitzen lassen und selbst mit dem Stuhl vorlieb nehmen.

Der erste Fernsehabend ist da, der Wein sicher auf seinem geliebten Schreibtisch platziert. Die ‚Tagesschau‘ läuft, er lässt sie mit einem großen Schluck über sich ergehen. Maria bestimmt das weitere Programm. Aber für Farne und Echsen hat er noch nie etwas übrig gehabt. Er möchte Musik oder einen Liebesfilm. „Und wenn Clemens jetzt doch klingelt“, fragt er leise. „Dann hören wir ihn einfach nicht. Er weiß, dass wir unseren Fernsehabend haben!“

Franz döst eine Weile vor sich hin. „Die sprechen alle zu leise und zu schnell in diesen neumodischen Filmen“, beschwert er sich. Stoisch hält er eine Zeit aus, dann beginnt er zu sticheln, das kann er immer noch. Maria ist es müde, sie wechselt das Programm. Eine Weile schaut er gebannt in das Gerät, dann erst bemerkt er, dass Maria eingeschlafen ist. Wie, denkt er, sie wollte das Ding und jetzt schläft sie ein und ich muss den Mist alleine gucken? Er wird sie sofort wecken! Als er sich zu ihr beugt, um ihr einen derben Schubs zu geben, hält er inne: Die Sanftheit ihrer Gesichtszüge überwältigt ihn. Sie liegt ganz entspannt in seinem Sessel.

Voller Liebe legt er seine Hand auf ihre. Während er ihre Hände streichelt, kommt ihm ein Gedanke: Er hatte doch Eheringe gekauft, zwei Stück. Den einen könnte er ihr jetzt schnell über den Finger streifen und den anderen sich selbst. An die Worte, die gesprochen werden müssen zur Trauung, kann er sich erinnern, schließlich ist er Priester, oder war Priester, ach, das ist im Moment gleichgültig. Wo ist der Ring, wo … ? Früher hat er die Ringe wie einen Schatz in seinem Schreibtisch gehütet. Für den Fall der Fälle, dass sie doch „JA“ sagen würde. Wie viele Male er kniend um ihre Hand angehalten hat, weiß er nicht mehr, in Erinnerung nur, dass sie immer den Kopf geschüttelt hat. Dabei hatte er beim ersten Mal schon den Sekt kalt gestellt, so sicher war er sich. Nach dem „NEIN“ hatte er sie umso mehr begehrt.

War seine Familie die Ursache oder ihre, dass sie nichts vom Heiraten wissen wollte? Er hätte für sie alles aufgegeben, einen Platz unter dem großen Dach der Kirche schon gefunden. Zwei seiner Mitbrüder, mit denen er hier zusammengewohnt hatte, waren diesen Weg gegangen; die waren Väter und Großväter geworden.

Er sieht den Rauputz und die verqualmte Wohnküche vor sich, in die Maria ihn zog, als sie ihre Eltern zum ersten Mal gemeinsam besuchten. Während er in die freundlichen Gesichter sah, glaubte er, bald am Ziel zu sein. Mit Marias Vater hatte er sich auch gleich gut verstanden. Marias Mutter war, wie seine, eine Landfrau: diese Frauen schweigen erst einmal. Man aß zusammen, erzählte, lachte, dann gingen die Frauen in die gute Stube, und zurück blieben Franz und sein Schwiegervater, wie er ihn schon für sich nannte. Der ergriff sofort die Gelegenheit, offen zu sprechen: „Franz, eine Bitte, mach unsere Maria nicht zu Deiner Haushälterin“. Franz wurde rot und schüttelte den Kopf. Weder er, noch der Vater wussten, ob das bestätigend oder verneinend gemeint war.

Richtig enttäuscht war Franz von seiner Lieblingsschwester Berta. Als sie merkte, dass es ihm ernst war mit Maria, die er ihr auf einer Karnevalsfeier vorstellte, schrieb sie ihm mehrere Briefe. An den Inhalt erinnert er sich nicht mehr genau, aber an den Schmerz. Er sieht auf die Schlafende im Sessel und der Schmerz wird stärker.

Nicht ein einziges Mal durfte sie bei Familienfeiern an seiner Seite sitzen, immer nur bei den entfernten Cousinen und Cousins am Katzentisch. Was für eine Qual muss das für sie gewesen sein, sich stundenlang vor diesen Leuten zu verstellen. Er sieht ihren flehenden Blick, wie sie ihn jedes Mal mit den Augen suchte und ihm zuzurufen schien: lass uns endlich aufbrechen, nur fort von hier, fort!

Es war ein Jammer mit der eigenen Familie! Dabei hatte er sich aus Liebe zu ihr zum Priester weihen lassen. Das war seine Berufung – nicht der Ruf Gottes –, sondern der seiner Mutter und seiner anspruchsvollen Schwester! Als er geweiht war, nannten sie ihn liebevoll und spöttisch zugleich “unseren Hauspapst“. Das schmeichelte ihm sogar eine Zeit lang, aber dann hätte er darauf verzichten können: auf das ganze Brimborium! Und spätestens als er Maria kennengelernt hatte, war ihm jede Schmeichelei peinlich.

Maria schlägt die Augen auf: „Was, schon so spät? Und, hast du etwas Interessantes gesehen?“ „Nur Mist“, antwortet Franz und denkt an etwas völlig anderes. Als sie ihn ins Bett bringt, sagt er plötzlich: „Heirate mich, dann bist du nach meinem Tod auch gut versorgt“. „Ach, wer spricht denn hier von Sterben? Wer von uns zuerst stirbt, wird Gott entscheiden.“

In dieser Nacht schläft Franz, der sonst einen gesegneten Schlaf hat, schlecht; mehrere Male ruft er nach Maria. Aber sie ist so weit weg. Zwischen ihrem und seinem Zimmer liegt der lange Flur. Ob man das nicht wenigstens ändern könnte? Läge sie bei ihm, wäre er schnell beruhigt, er könnte nach ihrer Hand greifen und sie ihm über die Wange streichen. Das würde ihm völlig genügen.

Früher ja, da hatte er Gelüste! Manchmal hat er noch diese wunderbaren Träume, in denen ihm ganz heiß wird. Unwillkürlich tastet er nach dem Laken unter seinen Beinen. Es fühlt sich auf einmal feucht an und riecht streng nach Urin… Er ist zu müde, um sich darüber Gedanken zu machen. Aber Maria wird es morgen auffallen und vielleicht wird sie dann einsehen, dass sie endlich „JA“ sagen muss. Noch ist er nicht zu alt, um mit ihr zum Altar zu gehen, nur Hinknien kann er sich nicht mehr. Während er in der warmen Feuchte in den Schlaf hinüber dämmert, denkt er, Schluss wäre dann mit der ganzen Verstellerei. Hand in Hand könnten sie über den Domplatz gehen und müssten sich nie mehr trennen.

4.

Heute kommt die Putzfrau. Maria hat ihn an den großen runden Tisch im Wohnzimmer gesetzt und legt ihm zwei Fotoalben hin. Er muss sich eine Weile lang selbst beschäftigen, was er, wenn es nicht zu lange dauert, wirklich gerne versucht. Zuerst schlägt er das Album in dem roten Leineneinband auf. Die Fotos darin hat alle er gemacht und später auch eingeklebt und beschriftet. Franz schaut auf seine gut lesbare Handschrift und die übersichtliche Anordnung der Bilder. Potztausend, das hat er gut gemacht, er kann es kaum glauben!

Auf fast allen Fotografien ist Maria zu sehen, sie ist wunderschön – und immer geschmackvoll gekleidet. Wie in einem Modemagazin hat sie auf jeder Seite etwas anderes an, einmal ein blau-rotes Dirndl, dann einen schicken Hosenanzug oder einen Rock mit roter Bluse. Rot steht ihr überhaupt am besten. Sie ist der rote Farbtupfen mitten in einem blauen Feld – was dort wohl wächst? Sie trägt einen roten Janker vor einer grau-blauen Bergkulisse – haben sie den zusammen in Österreich gekauft?

In welchem Land, an welchem Ort die Fotos entstanden sind, das weiß Franz wirklich nicht mehr; und seine Beschriftung unter den Bildern hilft ihm auch nicht weiter. Denn wenn er ehrlich ist, muss er zugeben, dass er nur noch einzelne Wörter lesen, sie aber nicht in einen Zusammenhang bringen kann. Für die Fotos von Rom benötigt er keine Erklärung, sie kann er zuordnen. Es sind allesamt Stadtbilder und sie lösen in ihm die schönsten Gefühle aus: Ja Rom, das war seine Stadt, ist es bis heute! Sechzehnmal war er in der ‚ewigen Stadt‘ und würde gleich aufbrechen, um sie wiederzusehen. Wie liebt er sie noch immer: die Kirchen, die weitläufigen Plätze, die Brunnen, Ruinen, auch die Steine, die einfach nur am Wegesrand liegen. Und mittendrin: immer Maria.

Franz kichert. Das Kichern lockt Maria an. Fröhlich schaut sie ihm über die Schulter, um zu sehen, was ihn amüsiert. „Das ist mein Meisterfoto“, sagt er und streicht zärtlich über die glänzende Oberfläche eines größeren Abzugs. Auf ihm sind sie beide zu sehen: Er, in einem dunklen Anzug, berührt fast mit der Kamera ihre Schulter. Sie, in einem hellen Hosenanzug, der wie maßgeschneidert aussieht und ihre schlanke Figur betont. Er, ernst mit Sonnenbrille, steht frontal vor einem Geschäft, seine Gestalt ist in ein dunkles Honiglicht getaucht. Sie hell, ein klein wenig zu ihm gedreht, ein Lächeln andeutend. Eine dunkelrote Reflexion liegt wie ein Schal aus dünner Seide über ihnen, als sei das Foto doppelt belichtet worden und zeige noch ein anderes Motiv. Fünf rote Preisschilder haben sich in die strenge Komposition eingeschlichen, die beim genauen Betrachten Zahlen zeigen, hinter denen ‚Lire‘ steht.

Franz ist stolz auf sich: Mit diesem Foto hat er die Technik und die Menschen überlistet! Es ist das einzige, auf dem nur Maria und er zu sehen sind, sie beide ganz allein. Der Trick war, denkt er befriedigt, in Rom vor einem Geschäft auf den Moment zu warten, bis die gleißende Sonne und der dunkle Innenraum eines Herrenausstatters eine perfekte Spiegelung von ihnen außen auf das Glas malte. Damals konnte er noch von einer Sekunde auf die andere reagieren…

Natürlich hätte Franz auch Touristen oder Einheimische bitten können, von Maria und sich ein Foto mit seiner Kamera zu machen, aber das lag ihm nicht. So gibt es wirklich nur dieses eine, das besonderen Lichtverhältnissen auf einer Glasscheibe zu verdanken ist. So flüchtig war der Moment wie ein kurzer Lichtstrahl: In dem Augenblick, als Franz den Zeigefinger vom Auslöser nahm, hatte der Ladenbesitzer die Innenbeleuchtung angeschaltet und nichts mehr war von ihnen zu sehen. Der ernste Mann und die lächelnde Frau waren für immer verschwunden. Das Glas war durchsichtig geworden und man sah nur noch die Auslage feiner Anzüge hinter ihm.

Maria ist zu ihrer Arbeit in der Küche zurückgekehrt, er blättert weiter. Auf der nächsten Seite des Albums sind sie zu Zweit zu sehen und auf der übernächsten wieder, viele Male. Franz grinst: man muss schon genau hinsehen, wenn man die Schnittstelle auf den Bildern finden will. Meistens hat er Maria vor Bäumen oder Büschen fotografiert und an ihre Seite, von einem anderen Foto mit grünem Hintergrund ausgeschnitten, sich selbst in ganzer Person aufgeklebt. Dann ist er zu einem kleinen Laden in der Altstadt gegangen und hat die Bilder kopieren lassen in dunkleren Farbtönen, bis man die Schnittstelle nicht mehr sehen konnte.

Was für ein Aufwand! Listig hat er es angestellt und Maria immer wieder mit diesen Bildern überrascht. Heute würden seine Hände ihm bei dieser fisseligen Arbeit den Dienst versagen. Aus diesem Grund gibt es schon lange keine aktuellen Fotos mehr, die er gemacht hat. Er hat sogar die Kamera verschenkt, war böse mit ihr. Und mit Maria. Wären sie verheiratet gewesen, hätte er diesen Aufwand gar nicht betreiben müssen. Sie beide wären einfach in ein Fotoatelier geschlendert und hätten sich als Brautpaar ablichten lassen. Er hätte viele Abzüge bestellt und sie in alle Welt verschickt! Das wäre eine Freude gewesen!

Trotz seines Kummers streicht er jetzt zärtlich über ein Foto, das Maria lächelnd in einem Mohnfeld zeigt. In einiger Entfernung ist er zu sehen in dunklem Parka, fast verwachsen mit dem tiefen Grün der Büsche hinter ihm. Nur sein Gesicht und seine rechte Hand, die er ihr entgegenstreckt, heben sich von dem dunklen Grund ab. Es ist eine seiner letzten Arbeiten, die er besonders mag. Er hatte aus einem Foto nur seinen Oberkörper ausgeschnitten und genau an den oberen Rand der Wiese geklebt, so dass jeder glauben muss, dass er mitten im hohen Gras steht. Wie schön dieses Bild ist. Fast erträgt er die Liebe nicht, die in Marias Lächeln liegt und fast nicht seine sehnsüchtig auf sie gerichteten Augen.

Es gibt auf der Welt nichts Vollkommeneres als ihre Liebe zueinander, nichts Schöneres. Aber auch das Schöne kann plötzlich schmerzlich sein, kann ihn so übermannen, dass er nicht ein noch aus weiß. Wenn er sich dann wieder gefangen hat, ist da eine fürchterliche Leere, wo vorher seine Liebe war. Wie oft hat er diesen Zustand durchgemacht. Kraftlos sinkt er in seinem Lehnstuhl nach hinten. Er seufzt, er ruft nach Maria, sie kommt, er will ihr erklären, warum er jetzt weint, sie streichelt ihm über den Kopf, küsst ihm die Stirn und fragt leise: „Möchtest Du ein Glas Wein?“ Er schluchzt heftiger und nickt dankbar.

5.

Wieder ist die Matratzenauflage nass, als Franz erwacht. Hoffentlich sagt Maria nichts, denn er mag nicht darüber nachdenken, wie es weitergehen soll. Ob er auch Windeln tragen muss, wie die Senioren in dem Altersheim, in das er nicht wollte? Über Tag hat er sich schon ein paar Mal eingenässt, und Maria ihn liebevoll ins Bad geführt und umgezogen. Einmal ist er dabei fast umgefallen und hat sie beinahe mitgerissen, weil er sich im letzten Moment an sie klammerte. Dabei ist sie so zart und auch schon alt, er überlegt, wie alt …

Die Windeln sind eine Schande für ihn als Priester, ach was: für ihn als Mann! Er hat noch ein Problem, das vielleicht sogar größer ist: Er wird 90! Alle, wirklich alle wollen seinen Neunzigsten feiern, nur er will nicht. Er hat Angst vor dem Tag, Angst vor dem Fest und Angst vor den vielen Fremden. Auch wenn Maria jeden mit Namen ansprechen kann, sind diese Leute ihm schrecklich fremd. Was für eine Qual! Und jetzt schreibt sie ununterbrochen Adressen auf Briefumschläge, hat keine Zeit mehr für ihn, hebt nur manchmal den Kopf und fragt, ob sie Peter auch eine Einladung schicken soll.

Franz ist verzweifelt, am liebsten würde er tot sein oder nach Rom fahren. In Rom weiß keiner, dass er Neunzig wird. Er müsste nur das Taxi von dem Polen bestellen, wie heißt der freundliche Mann noch, der ihm jeden Gefallen tut? Der Pole würde Maria und ihn abholen und genau dort hinbringen, wohin er will. Nur zwei Stufen müsste er in Rom hinaufgehen, schon wären sie in ihrem geliebten Quartier! Das wäre ein Leben!

Aber daran ist nicht zu denken, solange Maria am Tisch sitzt und Einladungen in Kuverts steckt. Wenn er die gefütterten Kuverts sieht, wird er fast glücklich. Wie gerne hat er teures Briefpapier für Maria gekauft in der Vorstellung, dass sie beim Empfang ihre Hand darauf legen würde wie auf seine Wange. Jeden Tag, an dem sie nicht an seiner Seite war, hat er ihr einen Brief geschrieben, manchmal auch zwei, so stark war seine Sehnsucht. Die Sehnsucht seiner Seele nach der Frau. Sie war weit weg, musste ihre Eltern pflegen, bis sie starben. Erst nach der Beerdigung durfte sie zu ihm ziehen, so war es ausgemacht zwischen seinem ‚Schwiegervater‘ und ihm. Wie viel kostbare Zeit haben sie dadurch verloren!

Jetzt, während Maria vor ihren Papieren sitzt, würde er gern die Briefe lesen, die in fünfzig Jahren zwischen ihnen hin und hergegangen sind. Er stellt sich eine große altmodische Truhe vor, wie die, die er als Soldat bei den Schlesiern gesehen hatte, die auf der Flucht waren. Damals konnte er es kaum glauben, dass sich darin der ganze Hausrat einer Großfamilie befand. Marias und seine Briefe hätten den Platz zweier Truhen benötigt, da ist er sich sicher. Wenn er jetzt nur einen der Briefe in seinen Händen halten könnte, würde er sich zurücklehnen und lesen und lesen, seinen Neunzigsten vergessen, die Windel vergessen, die ihn zwickt und eintauchen in die Liebe.

„Maria, wo sind die Briefe, die du mir geschickt hast, es müssen doch noch Briefe da sein?!“ Maria steht auf, küsst ihn auf den Scheitel: „Du weißt doch, dass wir alle Briefe aus Vorsicht vernichtet haben. Nur die Postkarten, die schönsten, auf denen Grüße stehen, haben wir aufgehoben. Soll ich Dir die Schachtel mit den Postkarten bringen?“ „Ach lass, ich wollte die Briefe!“ Warum hat sie die Briefe vernichtet, wer hat sie dazu gezwungen, fragt er sich und scharrt mit den Füßen. Warum hat sie das nicht verhindert: unsere Briefe … vernichtet?

Als er alt war und nicht mehr arbeiten durfte, hat er zugleich Verlust und Lust gespürt. Er dachte, er sei nun frei und könnte mit Maria ein neues Leben beginnen. Aber so leicht war es nicht, immerhin war er Fünfundachtzig. Und es kam eine große Traurigkeit über ihn, dass er nicht mehr zu den Kranken gehen konnte und ihnen Trost spenden. Denn zu lieben und Trost zu spenden, sind die größten Dinge im Leben. Manchmal war er am frühen Abend, wenn die Amseln ihren melancholischen Gesang anstimmten von solcher Schwermut, dass Maria ihn über das ganze Gesicht küsste, um die Schatten zu vertreiben. Wenn er ungeachtet ihrer Liebe zu keiner Regung fähig war, kam sie mit dem Wein. Sie schenkte ihm ein, und er trank den Wein, der hüllte ihn ein, wie ein warmer Mantel gegen seine trüben Herbstgedanken.

Jetzt ist alles anders: er ist wirklich alt, muss Windeln tragen, sich von Clemens demütigen lassen. Jawohl, der Christ von gegenüber demütigt ihn. Nie im Leben hat er einen Menschen gedemütigt! Und dann der Geburtstag, den er nicht überleben wird. Man wirft ihn den Löwen vor. So dement ist er nicht, dass er nicht mehr denken kann: Sie alle wollen ein Stück von ihm! Maria will eine pompöse Messe, Clemens will ein Festessen beim Italiener und Berta einen Sektempfang. Was soll er mit einem Sektempfang, er kann weder stehen noch ein langstieliges Glas in Händen halten.

Je mehr Briefe Maria frankiert, um so sicherer ist sich Franz, dass sein Geburtstag gefeiert wird. Grimmig murmelt er: „Die feiern auch ohne mich, Hauptsache ich zahle die Zeche!“ „Ach nein, beruhige dich, ich verspreche dir auch, dass wir nach dem 90. Geburtstag keinen weiteren mehr feiern werden.“ „Ja, weil ich dann tot bin!“ Maria erhebt sich von ihrer Arbeit und schaut Franz streng an, das kann er überhaupt nicht vertragen. Es ist für ihn so, als würde sie „NEIN“ sagen. Er fängt an zu weinen. Wie oft er in letzter Zeit weint…

6.

An seinem Geburtstag ist Franz ganz still, lässt sich an Marias Arm geleiten und tut alles, was sie will, wie ein stummes, verschüchtertes Kind. Während der ganzen Messe hat er das Gefühl, aus seinem Körper herausgetreten und ganz woanders zu sein. Das ist ein Trick, um das Brimborium zu ertragen. Zum Sektempfang, den Berta durchgesetzt hat, schickt er nur noch seinen Körper. Der lächelt blöd vor sich hin und hat nichts mehr mit ihm zu tun. Er selbst will nur eines: Schlafen. „Maria, ich bin müde … Ich will ins Bett!“ Tatsächlich, Maria hilft ihm hoch, stemmt ihren zarten Körper an seinen und stützt ihn, bis sie beim Ausgang sind. Von nun an übernimmt der Pole die Führung, setzt ihn ins Auto, schleppt ihn bis in den zweiten Stock und legt ihn dann vorsichtig in sein Bett. „Endlich.“

Am späten Nachmittag, der ganz außergewöhnlich still ist, wagt sich Maria an das Bett von Franz. Ihr Rufen weckt ihn nicht, da sie aber sieht, dass er gleichmäßig atmet, ist sie beruhigt. Sie zieht einen Stuhl zum Bett und sieht Franz lange an. Eigentlich war sie gerade in letzter Zeit mit ihm am glücklichsten. Als sie die ersten Windeln bestellte, die Auflage über die Matratze spannte, dachte sie, er sei nun hilflos wie ein Kind. Und irgend etwas gaukelte ihr vor, dass sie beide nun doch noch das ganze Leben vor sich hätten. Denn jetzt war Franz immer da – und sie immer für ihn. In dem Moment glaubte sie, es könnte sie nichts mehr trennen. An den Tod dachte sie nicht. Sie tut es auch jetzt nicht.

Franz weiß nicht, wie lange er geschlafen hat. Als er aufwacht, ist ein Fremder im Zimmer, der ihn sehr freundlich anspricht. Franz versteht ihn nicht, merkt nur, dass sein Kopf glüht. Der Mann macht sich an seinem Nachthemd zu schaffen, das stört Franz nicht, solange die Stimme freundlich bleibt. Später deckt Maria ihn zu und gibt ihm zu trinken. Es ist nur Wasser in dem Glas, er aber möchte Wein! Er kann sich nicht verständlich machen. Eine Zeit lang erträgt er den Zustand, dann wird er zornig, brüllt herum, knüllt die Bettdecke zusammen, wirft den Hocker um, der neben dem Bett steht.

Ein anderes Mal wacht er in einem fremden Bett auf. Er rüttelt an dem Gitter, das ihm den Ausstieg unmöglich macht. Liegt er denn in einem Gitterbett? Ist er denn ein Baby? Und wer hat ihn da hineingelegt? Er ruft, er fleht, er brüllt. Alles ist schwarz um ihn. Endlich macht jemand Licht und Maria steht vor ihm. Wie ist er dankbar, wie erlöst!

Dann – eine andere Zeit ist angebrochen, er hat lange in einem Nichts gelegen –, hört er Stimmen, verschiedene Stimmen. Er macht die Augen auf. Er liegt jetzt in seinem Arbeitszimmer. Was hat das zu bedeuten? Was wollen die Gesichter um ihn herum, die er nicht kennt? Sie sind wie Geister, die ihn an Menschen erinnern, die er früher einmal gekannt hat. Hat Maria die Menschen eingelassen? Wie das, sie weiß doch, dass er keine Händler mag. „Raus“, möchte er rufen, sie vertreiben aus dem Tempel. Aber die Händler rücken näher an sein Bett. Sie umfassen das Gitter seines Bettes. Clemens ist einer von ihnen, ihn erkennt er zweifelsfrei. Er beugt sich über das Gitter und berührt seine Stirn. „Ich glaube, es ist bald so weit“, sagt er den Gesichtern. Was ist so weit, fragt sich Franz, von solchen Dingen hat Clemens noch nie etwas begriffen!

Aber irgend etwas stimmt mit ihm nicht, irgendeine Unruhe überfällt ihn. Sein Hals ist so trocken, die Luft so dünn. Es fängt an zu keuchen in ihm. Dann rasselt es in seiner Brust. Er will sich aufbäumen, um die Händler zu vertreiben, die ihm die Luft nehmen. Die frechen Kerle umfassen jetzt seine Hand- und Fußgelenke. Er versucht sie abzuschütteln.

Plötzlich fängt es fürchterlich an zu stinken. Er muss husten, wie früher als die Messdiener direkt vor seiner Nase ihre Weihrauchfässchen schwenkten. Maria hilf mir doch, denkt er. Aber sie steht bei den anderen am Gitter und singt mit ihnen. Als ob ihm Singen jetzt helfen würde.

Irgendetwas ist im Gange, das er nicht versteht. Es scheint etwas Ernstes zu sein. Etwas, das mit mit ihm zu tun hat. Er fängt an, sich Sorgen zu machen. Er weiß aber nicht, worüber. Er bekommt seine Hände frei, versucht den Ring vom Finger zu streifen. Das versucht er in letzter Zeit automatisch.

Sie greifen nach seinen Fuß- und Handgelenken. Das sollten sie nicht tun, da ist er empfindlich. Zu oft hat er diese Vergewaltigung in der Psychiatrie gesehen. Die armen Teufel damals. Er war ihr Beistand und konnte ihnen nicht helfen. Erstaunt stellt er fest, dass er selbst jetzt wie toll tobt. Das gefällt ihm! Ein Mal im Leben wird er ihnen zeigen, das sie ihn nicht bezwingen können. Und das eine Mal ist jetzt!

Er wirft sich hin und her wie ein Rasender: Der Ring soll runter und wenn er den Finger aus seiner Hand reißen muss. Es gelingt nicht. Er fällt zurück auf die Matratze, heiß ist sie, heiß. Er betrachtet für eine Sekunde die Gesichter, die sich über sein Bett beugen. Sie alle haben mich betrogen, wie sie hier stehen! Auch Maria! Er denkt nicht mehr, es rast in seinem Kopf. Wieder bäumt er sich auf, möchte diese beschwichtigenden Hände abschütteln, diesen ekelhaft sanften Gesang überbrüllen. Er will ihnen endlich sagen: „Ihr habt mich um mein Leben betrogen!“

Er hebt die Hände, versucht ein letztes Mal den Ring loszuwerden, den verfluchten Ring!

Danksagung

Randnotiz

Die in der Erzählung Das Kreuz gefetteten Passagen stammen aus den beiden Erzählungen Ein Landarzt und Die Verwandlung von Franz Kafka.

Dank

Für Lektüre und Ermutigung danke ich Thomas Anz, Bernd Eilert und Irmela von der Lühe.