Die Eistaucher - Kaśka Bryla - E-Book

Die Eistaucher E-Book

Káska Bryla

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Beschreibung

Kaśka Brylas manischer Realismus zieht uns in seinen Bann. "Die Eistaucher" ist ein hochaktueller und schmerzhaft intensiver Roman. Iga, die Skaterin, die schöne Jess und der pummelige Ras sind Außenseiter*innen in ihrer Schulklasse, doch gemeinsam bilden sie eine verschworene Gruppe, die unzertrennlichen "Eistaucher". Als die Jugendlichen eines Nachts Zeugen eines brutalen polizeilichen Übergriffs werden und diese Schandtat folgenlos bleibt, beschließen sie, das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Zwanzig Jahre später taucht ein geheimnisvoller Fremder auf, der von der damaligen Rache zu wissen scheint und das prekäre Gleichgewicht gefährdet… Gekonnt verwebt Kaśka Bryla eine packende Story über die Ursachen von Radikalisierung mit einem Plädoyer für Solidarität und Liebe. Dieser Roman ist nichts für schwache Nerven und alles für brennende Herzen!

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Seitenzahl: 336

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Kaśka Bryla

Die Eistaucher

Roman

© 2022 Residenz Verlag GmbH

Salzburg – Wien

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation inder Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

www.residenzverlag.com

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

Keine unerlaubte Vervielfältigung!

Umschlaggestaltung: Thomas Kussin / buero8

Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien

Lektorat: Jessica Beer

ISBN ePub:978 3 7017 4670 5

ISBN Printausgabe:978 3 7017 1751 4

Für Władysława Monika Sułkowska Bryła

9Der Campingplatz

1Alles

8Loaded Dervish Sama

2Der Horla

7Jenseits von Schuld und Reue

3Franziska Fellbaum

6Der Widerstand der Welt

4Münzen

5Man ist auch Gott.

5Das Schönste

4Radikale Akzeptanz

6Die Avantgarde

3Wer liebt schon die Menschheit?

7Der Verrat

2Weiße Wände

8Maja

1Falsche Verbündete

9Sich vom Gefälle ziehen lassen

10Liebe

Everything can be usedexcept what is wastefulyou will needto remember this when accused of destruction.

AUDRE LORDE

9Der Campingplatz

Ich kehre draußen das erste Laub zusammen, als ich ihn von Weitem kommen sehe. Von der Seite blendet die Sonne und ich halte inne. Die Campingsaison ist eigentlich zu Ende. Dass er so spät eintrifft, ist das einzig Auffällige. Trotzdem kommt mit ihm eine Unruhe. Das habe ich mit der Zeit gelernt: das Gefühl zuerst im Körper zu orten, es zu benennen und schließlich nach seinem Ursprung zu suchen. Inzwischen passiert es automatisch. Es sind seitdem immerhin zwanzig Jahre vergangen. Obgleich ich mich im September am häufigsten erinnere.

Manchmal denke ich dann, dass ich mir das alles nur einbilde. Dass nichts davon wirklich geschehen ist und Franziska Fellbaum irgendwo glücklich mit dem Peter lebt. Und der Jakob schon groß ist. Nicht wie unser Jakob, der noch ein Kind ist.

Endet ein Tag mit diesem Gedanken, schlafe ich in der Nacht ruhig und ganz ohne Albträume. In den Nächten, die auf die anderen Tage folgen, schlafe ich kaum, ziehe stattdessen Igas Longboard unter dem Bett hervor und fahre damit in die Vergangenheit. So muss man sich das vorstellen.

Mit einem kleinen Wörterbuch steht er vor mir und stammelt: »Nocleg? Nie mam namiot.« Erst jetzt legt er den Rucksack ab. Als wäre es vorher zu riskant gewesen. Was, wenn ich ihn sofort weggeschickt hätte. Martin, sagt er und reicht mir die Hand. Ich sage: Saša, und schüttle sie. Dabei kennen wir einander, glaube ich.

So wie er dasteht und lächelt. Wie er in seinem kleinen Wörterbuch blättert. Er ist nicht älter als ich. Warum hat er kein Smartphone? Wer hat im Jahr 2016 kein Smartphone? Der Rucksack und die Schuhe, beides brandneu. Als hätte er die Sachen gekauft, nur um damit den Hügel zu meinem Campingplatz hinaufzukommen und sie mir vorzuführen.

Ich sage: »Alle Kabinen sind noch frei. Weiter den Hügel hinauf. Die letzte und schönste liegt direkt vor dem Wald.« Dann deute ich nach Norden Richtung Kälte. Er nickt. Jeder andere hätte sofort gefragt: Sie sprechen Deutsch? Ganz ohne Akzent? Woher kommen Sie?

Aber er weiß es ja, denke ich, doch dann kommen Zweifel. Das ist nur meine Einbildung. So was kann ich nicht wissen. Woher überhaupt? Wieder vermische ich etwas.

Heute leben wir in einem Naturschutzgebiet. Im Paradies. Iga und Jess und Jakob und ich. Beinahe eine Familie. Wenn man so will. Einmal im Jahr kommt Ras. Dann sind wir vollzählig.

Auch wenn ich noch nicht verstehe, wer Martin ist und was er will. Bei seinem Anblick brechen alle Zweifel weg und ich kann mit Gewissheit behaupten, dass nichts von dem, was sich vor 20 Jahren ereignete, meiner Einbildung entspringt. Dass sich daran nichts mehr ändern lässt. Trotz des Longboards, trotz unseres guten Willens.

»Entschuldigen Sie«, sagt er und ich merke, dass ich wieder gegrübelt habe. Das ist nicht gut. Ich muss mich zusammenreißen, allein schon wegen der Gefahr, dass ich mit meiner Vermutung richtigliegen könnte. Also gehe ich ins Haus und hole den Schlüssel. Dabei werfe ich einen Blick auf mein Smartphone. Drei Nachrichten von Iga.

Wir steuern auf die letzte Kabine zu. Dort fängt der Wald an, eine Wildnis mit Bären und Wölfen, die während des Sommers vor den Touristen flüchten. Bald werden sie wieder näherkommen. Iga meint, es sei berechenbar. Eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Trotzdem sie damit aufhören wollte, ständig alles einzuschätzen. Gegen manches kann sich ein Mensch nicht wehren.

Die Blätter der Laubbäume funkeln im Sonnenlicht. Ohne Einwände zu erheben, folgt Martin mir.

»Ich nehme sie«, sagt er sofort. »Wie viel?«

»Zehn Euro die Nacht.« Er nickt und greift nach der Geldbörse in seiner Hosentasche.

»Und Essen?« Er zeigt auf mein Haus.

»Ja«, sage ich. »Abends gibt es Küche. Wenn Sie vorher Bescheid geben. Momentan sind Sie der einzige Gast.« Ich stecke das Geld ein. Dann drehe ich mich um und gehe.

Mir ist furchtbar heiß, T-Shirt und Flanellhemd sind nass. Sein Blick im Rücken reißt mir die Haut auf und legt die Nerven frei. Ich habe dieses Leben zu lieben gelernt und möchte es nicht mehr hergeben. Wer hätte das geglaubt? Vor 20 Jahren habe ich ganz anders darüber gedacht. Der Campingplatz auf dem Hügel, von kleinen Bergen umgeben. Wie eine Festung. Der Hirsch, der jeden Morgen vorbeikommt, und im Winter die Wölfe. Der Herbst, wenn die Wölfe den Jungen das Jagen beibringen und Iga und ich sie aus unserem Versteck beobachten. Besonders Iga liebt die Wölfe. Seit Jakob zehn Jahre alt ist, darf er mit. Die Wölfin erlaubt inzwischen, dass wir uns bis auf fünf Meter den Jungen nähern, bevor sie die Nackenhaare aufstellt und die Lefzen hochzieht. Sie hat sich an uns gewöhnt. Sie hat gelernt, dass ihr von uns keine Gefahr droht.

Im Zimmer merke ich, dass meine Hände zittern, als hätte ich tagelang den Garten umgegraben. Ich muss mich setzen, überlegen. Was, wenn ich mich irre?

Saša, ermahne ich mich. Sei ohne Furcht.

Meine Eltern hatte ich nicht beschützen können. Sie wurden mit einer Wucht von 100 Stundenkilometern und 40 Tonnen von der Straße gefegt.

Danach blieb mir nur noch Iga. Bei ihr wollte ich nichts unversucht lassen. Wachsam und voller Güte ruhen meine Augen bis heute auf ihr. Wachsam und voller Güte.

Draußen ist es dunkel, als ich ihn klopfen höre. Es kann niemand anderer sein, und ich erinnere mich, dass ich ihm Verpflegung in Aussicht gestellt habe. Ich fahre über den Display und sehe, dass zwei Stunden vergangen sind. Zwei Stunden verschwunden in einem schwarzen Loch. Die übergangslose Helligkeit der Glühbirne schmerzt in den Augen, auch im Kopf. Mehrmals klopfe ich mir mit den Fingerknöcheln gegen die Stirn.

»Verzeihung. Ich wollte Sie nicht stören. Es ist nur …«

»Sie haben Hunger.« Er lächelt. Ganz furchtbar sympathisch ist er.

»Kommen Sie rein. Na, kommen Sie.«

Ich fahre mit den Händen übers Gesicht, reibe mir die Augen. Wie ein Verbrecher sieht er nicht aus. Der Rucksack, die Schuhe. Teures Material. Warum nicht ein Hotel oder eine Pension? Warum mein Campingplatz? Im Dorf werden Zimmer vermietet.

»Pierogi Ruskje«, sage ich. »Gekocht oder angebraten?«

»Was empfehlen Sie?«

»Gebraten.«

»Dann gebraten.« Er dreht sich von der Bar weg, tastet mit Blicken den Raum ab, ohne zu werten. Nimmt lediglich Eindrücke auf. Das wirkt beruhigend.

Ich hole die Piroggen aus dem Gefrierfach und werfe sie direkt in die von geschmolzener Butter überquellende Pfanne. Eigentlich macht man das nicht. So werden sie eher frittiert als angebraten schmecken, aber es ist mir gleich. Plötzlich entscheide ich, dass er es sich nicht allzu gemütlich machen soll. Auf dem Teller verteile ich noch zwei Löffel Sauerrahm. Die Petersilie lasse ich weg.

Er hat sich an einen Tisch mitten im Raum gesetzt. Jede und jeder von uns hätte einen Platz gewählt, an dem es möglich ist, den Rücken gegen die Wand zu drücken.

Ich stelle ihm den Teller hin, lege eine Gabel daneben und setze mich zu ihm. »Möchten Sie lieber allein sein?« Natürlich will er das nicht. Ich fasse in meine Brusttasche nach einer Zigarette, sehe ihn fragend an.

»Bitte, bitte«, sagt er, taucht eine halbe Pirogge in den Sauerrahm, wie selbstverständlich. Er war schon einmal hier. Ich kenne ihn. Nicht auf dem Campingplatz, aber im Dorf. Ich erinnere mich, ihn an einer Bushaltestelle gesehen zu haben.

»Kommen Sie öfter hierher?«

Er sieht auf, wischt sich mit der Serviette über den Mund, schluckt die zerkaute Pirogge hinunter.

»Letztes Jahr. Ich habe in der Pension gewohnt. Dort wurde mir Ihr Campingplatz empfohlen, wegen der Aussicht und der Tiere. Und es stimmt. Sie haben es hier sehr schön.«

»Ja«, sage ich und entdecke eine dicke Narbe an seinem Hals.

»Arbeitsunfall«, antwortet er prompt.

»Was arbeiten Sie?«

»Polizei.« Das sagt er einfach so. Ich vergesse, den Rauch an ihm vorbeizublasen. Er hustet.

»Entschuldigen Sie.« Er schüttelt den Kopf.

»So gefährlich ist Ihr Job?«

Er lacht.

»Manchmal.«

Ich lache auch.

»Und Sie? Ist die Saison nicht bald zu Ende?«

»Doch, doch. Im Grunde erwarte ich niemanden mehr.«

»Und den Rest des Jahres?«

»Die Einnahmen reichen für den Rest des Jahres.«

Das ist gelogen. Im Winter biete ich Touren an. Aber ich möchte sehen, ob er bei meiner Lüge blinzelt, ob sie ihm auffällt. Ich möchte einschätzen können, wie gut er ist. Und tatsächlich stockt er kurz, teilt mit der Gabel eine Pirogge und fügt nur noch hinzu: »Das ist ein schönes Leben, das Sie hier haben. Hier kann Ihnen niemand was. Und trotzdem ist da die Natur, die Sonne.« Wir lachen beide, als hätte er einen Witz gemacht. Danach widmet er sich ganz seinem Essen. Als wäre er nun doch allein. Ich drücke die Zigarette aus und gehe zurück in die Küche, greife nach dem Smartphone und schreibe an Iga: Wir müssen uns sehen. Heute noch.

1Alles

Iga ließ ihr Longboard auf den Boden gleiten, sodass es einige Meter vorausrollte und sie wie beiläufig aufspringen konnte. Es war der erste Tag in der neuen Schule, der erste Schultag im neuen Schuljahr. Sie fuhr vom Gehsteig auf die Straße und an einer Autokolonne entlang. Jemand hupte. Die Spätsommerluft prickelte auf den nackten Unterarmen. Der Asphalt war rauer als der Gehsteig, aber der Weg leicht abschüssig, sodass sie nur auf dem Brett zu stehen brauchte, um sich vom Gefälle ziehen zu lassen. Sonnenstrahlen kitzelten über ihr Gesicht. Sie rieb sich die Augen. Überall torkelten Kinder mit zu großen Schultaschen nebeneinander her. Manche gingen an der Hand eines Elternteils und wurden wie kleine Hunde an der Leine geschleift, andere hielten sich an den Händen. Die Älteren lehnten gegen Verkehrsschilder oder rauchten in kleinen Grüppchen hinter Werbetafeln versteckt. Andere trugen aufgeschlagene Schulbücher vor sich her. An jeder Haltestelle gab es einen oder zwei, von denen sich der Rest fernhielt. Ohne dass darüber gesprochen werden musste, wichen ihnen die anderen aus. Zwischen Schülerinnen und Schülern drängten sich Erwachsene mit Aktentaschen, steuerten hektisch, aber bestimmt auf den Parkplatz ihres Autos zu, den Schlüssel wie eine Pistole in der Hand haltend. In der Luft hing ein dezent modriger Geruch, der den Herbst ankündigte, Rufe, Begrüßungen, Beschimpfungen übertönten den Verkehr.

Auf der Uhr, an der Iga vorbeifuhr, war es bereits halb acht. Sie sprang ab, entschied, für den Rest der Strecke die Straßenbahn zu nehmen, und verstaute das Board zwischen Riemen und Rucksackwand. Die dritte Schule in zwei Jahren. Wieder eine neue Klasse, geschätzte 20 neue Mitschülerinnen und Mitschüler. Dazu die Lehrenden. Noch drei Schuljahre, 1095 Tage, 26280 Stunden. Ihr Blick fiel zu Boden und blieb an einer gelben Blume haften, die sich durch eine Ritze im Beton ans Tageslicht gestoßen hatte. Iga bückte sich. Vorsichtig fuhren ihre Finger die seidigen Blütenblätter entlang. Die Versuchung, sie zu zupfen, war groß. Alles war möglich und alles verging. Sie richtete sich auf und lief zur Straßenbahn. Dieses Mal würde sie es besser machen, weniger auffallen, öfter anwesend sein, öfter den Mund halten. Dann wären alle zufrieden mit ihr. Dann hätte ihr Vater eine Sorge weniger. Sie sah hinauf zum Himmel. Wolken flogen wie Zugvögel gen Süden. Hinter ihr schlossen sich die Türen und die Straßenbahn zuckelte los. Wie sie wohl sein würde, ihre neue Klasse? Und die Lehrenden? Ob sie Iga mögen würden? Ob sie eine Bank für sich allein bekommen würde oder wenigstens mit einem Jungen?

Das letzte Stück bis zur Schule rollte sie wieder, vorbei an den Nachzüglern und chronisch Zuspätkommenden. Böen jagten das erste Laub über die Straße. Geschmeidig war der Beton unter dem Board. Als würde sie über Eis gleiten. Als hätte die Welt keinen Widerstand.

Am Eingang des Schulgebäudes stand der Rektor und tippte bei ihrem Anblick mit dem Zeigefinger auf die Armbanduhr. »Hopp, hopp«, rief er und lächelte. Sie sprang ab, griff das Longboard an der Achse und beschleunigte ihren Gang. Eins, zwei oder drei, dachte Iga, letzte Chance, und betrat die Schule.

»Wir begrüßen dieses Jahr zwei Neue. Also. Schnelle Namensrunde.« Ein Raunen ging durch die Reihen des quadratischen Klassenzimmers, das aufgrund der spärlichen Fenster, die zur Nordseite hinausgingen, bereits im September vom Licht der Neonröhren an der Decke erhellt werden musste. Iga war als Letzte gekommen und saß nun allein auf der wohl unbeliebtesten Bank rechts direkt neben der Tür.

Der Klassenvorstand Professor Hochleithner räusperte sich und rückte sein Jackett zurecht. Er nickte dem Jungen in der ersten Reihe zu. »Sebastian«, parierte dieser und der Hochleithner nickte weiter. Die Namen rauschten an Iga vorbei, bis ein zwischen Bauch und Kehlkopf hervorgestoßenes »Ras« sie aufhorchen ließ. Auch er schien neu zu sein.

»Was’n das für ein Name?«, kam es aus der Reihe hinter ihr, vermischt mit einem Schmatzer. »Jessica! Bitte!«, ermahnte der Hochleithner und wurde von einem schroffen »Jess!« korrigiert. Erstaunt drehte Iga sich um und sah knallrote volle Lippen, dazwischen ein lässig herauslungerndes Stäbchen. »Jess«, wiederholte der Hochleithner beinahe gefügig und ergänzte: »Lass bitte den Lolli verschwinden.« Aber Jess schien nicht einmal in Erwägung zu ziehen, sich von dem Lolli zu trennen. Ein dichter brauner Pony, zwei Zöpfe, weißes T-Shirt mit weitem Ausschnitt, aus dem eine kantige, gebräunte Schulter rechts hervorlugte, um den Hals mehrere dünne Lederschnüre. Der Hochleithner ignorierte es, auch wenn seine Irritation wahrnehmbar blieb. Er war es nicht gewohnt, dass ihm widersprochen wurde. Trotzdem ging er nicht weiter darauf ein, wandte sich wieder Ras zu. »Ras-pu-tin«, las er sehr langsam vor. »So heißt du?«

»Schon. Aber alle nennen mich Ras«, antwortete ein dicker Junge mit Sommersprossen und orangenen Locken und starrte dabei auf den Tisch.

»Ist das ein russischer Name?«, beharrte der Hochleithner. So eine dumme Frage, dachte Iga. »Was sonst«, sagte sie und merkte, dass sie den Gedanken laut ausgesprochen hatte. Alle lachten. Der Blick des dicken Jungen traf sich mit ihrem. Es war ein gequälter Blick, denn jetzt hatte Ras im Gedächtnis des Mathematikprofessors einen prominenten Platz eingenommen. Iga zupfte an ihrer Augenbraue. Immerhin war sie in Mathe gut.

»Und du bist wer?«, fragte der Hochleithner mit dem Tonfall, den Erwachsene anschlagen, wenn ihre Frage eine Drohung und ein Versprechen enthält.

»Iga Sulkowska«, antwortete sie leise.

Tant pis, dachte Jess und begutachtete die Bräune ihrer Oberarme. In zwei Wochen würden alle Spuren des Sommers verblasst sein und ihr durchsichtiger Marmorteint sich wieder den Weg an die Oberfläche gebahnt haben. Dann wäre die Zeit der weißen T-Shirts vorbei. Vielleicht noch ein Monat Miniröcke ohne Strumpfhose, Shirt und Jeansjacke, aber weiße T-Shirts höchstens noch eine Woche. Obwohl sie darin so schick aussah. Irgendwann würde sie in einem Land leben, in dem man immer braun blieb.

Wenigstens musste sie keine Pickel oder Mitesser ausdrücken wie die anderen in ihrem Alter. Sie holte den kleinen Spiegel aus der Lade und überprüfte Wimperntusche und Lippenstift. Auf ihr Aussehen war Verlass. Die Hübscheste ihres Jahrgangs, wahrscheinlich der gesamten Oberstufe. Auch wenn Sandra immer behauptete, es komme bei einer Frau nicht aufs Aussehen an. Darauf solle Jess sich mal nicht ausruhen.

In Wirklichkeit wussten alle, dass es gerade auf das Aussehen ankam. Auf das Aussehen und den Stil. Womöglich war Stil sogar entscheidender, überlegte sie. Überhaupt verstand sie nicht, was ihre Mutter mit »ausruhen« meinte, es war ein arbeitsintensiver Aufwand, den Jess betrieb, für den Auftritt, den sie bot.

Mit Blicken überflog sie die Mädchen in der Klasse. Obwohl sie alle irgendwie mochte, war keine dabei, die ihr gefiel, und das lag schlicht an Kombinationen wie hellblauen Jeans mit weißer Bluse und hellblauem Strickjäckchen, wenn eine obendrein noch blonde Haare hatte. Sie verstand es einfach nicht. Hingen bei denen zu Hause keine Spiegel? Horteten deren Mütter keine Vogue? Hatten deren Brüder keinen Playboy?

Der Hochleithner hatte begonnen, Gleichungen an die Tafel zu kritzeln. Und das schon in der ersten Stunde nach den Ferien! Die Neue hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Zwar fand Jess, dass die auch keinen Stil hatte, aber irgendwie sah sie interessant aus. Iga.

Jess’ Banknachbarin Jana stupste sie leicht mit dem Ellbogen. Zu Beginn der Stunde hatte sie Jess bereits Zettelchen rübergeschoben »Hab dich vermisst!« stand auf dem ersten und »Bist du verknallt?« auf dem zweiten.

Bist du verknallt?, wiederholte Jess innerlich, sah aus dem Fenster und wünschte sich zurück an den französischen Atlantik, wo sie diesen Sommer Tifenn kennengelernt hatte. Tifenn, dachte sie und zeichnete auf den zweiten von Janas Zetteln einen traurigen Smiley, schob ihn dann zu Jana zurück.

Tifenn war zwei Jahre älter. Tifenn hatte Stil. Kein einziges falsches Kleidungsstück. Reine Stoffe in reinen Farben. Dieses Gefühl, wenn man hinfasste. Egal ob weich oder rau, es war echt. So wie der Käse, der Wein und das Brot. Warum lebte sie nicht in Frankreich? Bei Tifenn? Was hielt sie noch hier? Tifenns Haut – eine Mischung aus Kaschmir und Seide. Niemals hatte sie geglaubt, dass sich ein Mensch so anfühlen könnte. Bei der Erinnerung wurde ihr ganz warm und sie hob den Arm. »Ja?«, reagierte der Hochleithner.

»Ich muss aufs Klo«, sagte sie.

»Dann geh bitte.«

Um 13:50 Uhr verkündete die Pausenglocke das Ende der letzten Stunde. Ras wartete, bis die anderen aufgesprungen waren und Richtung Speisesaal losstürmten. In seinem Magen rumorte es. Durch das gesamte Schulgebäude zog der Geruch von Reisfleisch. Ekelhaft. Er fischte ein Schoko-Bon aus dem Rucksack und stopfte es sich in den Mund. An der Tafel stand die halbe Deutschaufgabe, ein Roman, von dem sie bis zur nächsten Stunde eine Inhaltsangabe gemacht haben sollten, allerdings ließ sich der Titel nicht mehr entziffern. Ras seufzte. Schon wieder hatte er nicht zugehört und würde nachfragen müssen.

Plötzlich vernahm er ein Geräusch. Eine Schublade wurde aufgezogen und wieder zugemacht. Er fuhr zusammen und hätte sich beinahe verschluckt. Aus dem Augenwinkel erkannte er Iga. Was machte sie denn noch hier? Er sah nicht hinüber und gab vor, seine Schulsachen zu sortieren, bis er hörte, dass sie ging. Vollkommen still war es auf einmal. Beim Hinausgehen hatte sie das Licht abgedreht und ganz unerwartet saß Ras im Dunkeln. Hastig steckte er die Geldbörse in die Hosentasche und verließ das Klassenzimmer.

Vor einer Woche hatte er mit seinem Vater vom Direktor eine Führung durch die Schulgebäude, das dazugehörende Gelände und die in den Gesamtkomplex integrierte Kirche bekommen. Ras war überzeugt, dass sein Vater eine hohe Spende abgeliefert haben musste, so, wie der Direktor um sie herumgetänzelt war. Sie hatten nicht darüber gesprochen, aber den letzten Vorfall an der alten Schule, das war spürbar gewesen, hatte der Vater persönlich genommen. Worte wie »Hochstapler« und »Neureicher« waren gefallen. »Ich sehe doch nicht dabei zu, wie unser Sohn beschimpft wird, nur weil wir es hier zu etwas gebracht haben«, hatte er den Vater zur Mutter sagen gehört. Um die Prügel, die Ras kassiert hatte, war es bei dem Gespräch nicht gegangen.

Der Weg von der Klasse zum Speisesaal verlief durch eine Unterführung, der ein langer, schlecht beleuchteter Flur vorausging. In ihn mündeten mehrere Seitengänge, die noch dunkler waren. Ideale Hinterhalte, hatte Ras gedacht und sich vorgestellt, wie ihn andere dort abpassen und ausrauben würden. Ganz starr war er bei der Vorstellung geworden. »Wo bleibst du denn!«, hatte sein Vater gerufen, sich umgedreht und war schnellen Schrittes auf Ras zugekommen. Er hatte ihn am Ellbogen gepackt und sehr deutlich »Da ist nichts!« in sein Ohr geflüstert. Ras hatte genickt und sie waren weitergelaufen.

Den Oberstufenklassen war es erlaubt, die Stunde nach der letzten Einheit und vor dem Nachmittagsprogramm, das entweder aus überwachten Hausaufgaben oder der Teilnahme an sportlichen Aktivitäten bestand, frei auf dem Schulgelände und rund um das Hauptgebäude herumzustreunen. Spazierengehen, hatte der Direktor es genannt und lächelnd hinzugefügt: zum Beispiel auf dem Weinberg. Dabei war er nach draußen getreten, hatte Ras und seinen Vater, die noch in der Aula standen, zu sich gewunken und mit einer ausufernden Geste den vor ihnen liegenden Weinberg präsentiert.

»Und auf dem Weg dorthin befinden sich unsere Sportanlagen. Tennis- und Fußballplätze, ein Reitstall und im letzten Gebäude auch Schwimmbad, Kraftkammer und Sauna.« Unbeeindruckt hatte Ras’ Vater vom Weinberg zum Direktor und auf dessen Armbanduhr gesehen. Daraufhin hatte der Direktor nur noch hinzugefügt, dass man auch zum Supermarkt etwas einkaufen gehen oder einfach in der Klasse bleiben könnte.

An den Rest des Rundgangs erinnerte sich Ras kaum. Er hatte die Supermarkt-Option als sicherste Variante der Freizeitgestaltung abgespeichert und machte sich nun auf den Weg. Den Kopf gesenkt, tastete er vor jedem Schritt den Gehsteig mit Blicken nach nützlichen Funden ab – Feuerzeuge, Schlüsselanhänger, Knöpfe –, die er später in einem Apothekerschrank archivieren würde. An jedes Fundstück wurde ein Etikett mit Beschreibung, Ort und Datum geheftet. Seine Augen gierten besonders nach allem, was glänzte, und blitzten auf, als sich ein paar Meter vor ihm etwas in mattem Gold vom Grau des Gehsteigs abhob. Er ging in die Knie und nahm den Schlüssel in die Hand, hielt ihn gegen das Licht, es war ein kleines Z eingraviert.

»Gehst du auch zum Supermarkt?«, hörte er eine Stimme in seinem Rücken. Er schloss die Finger um den Schlüssel und drehte sich um. »Das Schulessen schmeckt sicher scheußlich. Wir könnten gemeinsam laufen«, sagte Iga. Sie trat auf das Ende ihres überdimensionalen Skateboards, kippte es hoch, sodass es zwischen Hüfte und Arm landete. Ras ließ den Schlüssel in die Hosentasche gleiten.

»Warum?«, fragte er und ermahnte sich, zu Hause das Etikett Schlüssel – Hannah-Arendt-Straße 56, Nordstadt, 5. September 1996 an das Fundstück zu heften. Irgendwann würden die Sachen, die er fand, an Wert gewinnen. Es war eine Frage der Zeit. In 60 Jahren wäre dieser Schlüssel eine Antiquität, in 120 unbezahlbar. Iga zuckte mit den Schultern. »Also gut«, antwortete er schließlich, noch immer verwundert, dass sie ihn gefragt hatte. »Cool«, bestätigte sie. »Hebst du immer Zeug vom Boden auf?«

Jess stand mit Rilke-Rainer und dem schönen Sebastian auf dem Parkplatz hinter dem Kiosk, der sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand und deshalb nicht mehr offiziell zum Schulgelände zählte. Trotzdem kontrollierten die Präfekten und der Direktor regelmäßig die Rückseite des Kiosks, und es war ratsam, hellhörig zu bleiben und sich zum richtigen Zeitpunkt, noch bevor eine ordnungshütende Person um die Ecke bog, der brennenden Zigaretten zu entledigen. Während der Schulzeit mit einer Zigarette angetroffen zu werden, bedeutete, am Samstag nachzusitzen, und eine gehäufte Anzahl Samstage konnte zu einem Schulverweis führen.

Jess zündete sich eine Zigarette an. Neben ihr rezitierte der Rilke-Rainer ein Gedicht. Es erzählte von Vergänglichkeit und dem Fallen der Blätter. Dabei wurde Rainer vom schönen Sebastian begleitet, der, die Augen geschlossen, den Kopf gesenkt, Daumen und Zeigefinger am Nasenansatz, in Rainers Lesung versank.

Mit den Gedichten hatte es vor drei Jahren angefangen, als sie 13 gewesen waren und die Klassen neu zusammengesetztwurden. Damals hatten Jess, Rainer und Sebastian einander kennengelernt. Sie waren die drei Einzigen, die in der neuen Klasse niemanden kannten. Die anderen kamen alle in Grüppchen von mindestens vier. Jess war damals nach Hause gekommen und hatte geweint. »Es ist wegen dem Niveau«, hatte Sandra ihr erklärt. »Irgendwann wirst du es verstehen.«

»Weißt du, von wem das ist?«, fragte der Rilke-Rainer. »Bachmann!«, gab er sich selbst nach einigen Sekunden vorwurfsvoll die Antwort. »Ich habe sie diesen Sommer entdeckt! Hast du meine Briefe nicht gelesen?«

»Logisch!«, antwortete Jess und blies Rauch in sein Gesicht. »Etwas mit Zeit. Die gestundete Zeit.« Jetzt nickte der Rilke-Rainer zufrieden. Der schöne Sebastian ließ seine Zigarette auf den Boden fallen und machte einen verheißungsvollen Schritt nach vorne.

»Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind, dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan, dein Herz hat anderswo zu tun …«

Damals war auf einem Skikurs entschieden worden, dass Rainer und Jess sportlich unterbegabt waren. Nach wenigen Stunden hatte die Skilehrerin die Geduld verloren und die anderen Kinder hatten ihnen mit blauen Lippen und zusammengekniffenen Augen am Fuß des Berges entgegengestarrt.

Als sich Sebastian dann am nächsten Tag das Kreuzband zerrte, wurden Rainer und Jess mit der Pflege beauftragt. Sie sollten Verbände wechseln und Sebastian Gesellschaft leisten, und weil Sebastian vor Schmerzen nicht zu jammern aufhörte, holte Rainer irgendwann ein Buch aus der Bibliothek des Hotels und begann vorzulesen. Es waren Gedichte von Rilke. So wie er sie vorlas, hatten sie selbst auf Jess eine beruhigende oder sogar einschläfernde Wirkung.

»Und Rilke ist jetzt out, oder was?«, fragte sie. Rilke-Rainer schlug die Augenlider nieder. »Natürlich nicht. Aber Bachmann. Ich glaube, ich habe mich verliebt.« Seine Wangen glühten. Jess schnippte den Zigarettenstummel gegen ein vorbeifahrendes Auto. Durch das Gebüsch sah sie, wie Ras und Iga Richtung Supermarkt liefen. Iga trug ihr riesiges Skateboard unter dem Arm. Ras hoppelte pummelig neben ihr her.

Vielleicht hatte Iga doch Stil, überlegte Jess. Nicht einen, der sich auf den ersten Blick erschloss. Aber womöglich war Jess in ihren bisherigen Überlegungen nicht weit genug vorgedrungen? Vielleicht musste sie sich korrigieren?

Bisher hatte sie Stil als einen mehr oder weniger gut ausgearbeiteten Ausdruck der Persönlichkeit begriffen, aber schon bei Tifenn und jetzt bei Iga kam ihr der Verdacht, dass in manchen Fällen, vielleicht ja sogar in den meisten, der Stil nicht von der Persönlichkeit zu trennen war. Je ausgereifter die Persönlichkeit, desto entschiedener der Stil. Bei der Erkenntnis schoss ein Glücksgefühl durch ihren Körper, fast hätte sie aufgestöhnt. Sie presste die Oberschenkel zusammen.

»Ich habe noch eines«, verkündete Sebastian und setzte direkt an: »Mein lieber Bruder, wann bauen wir uns ein Floß und fahren den Himmel hinunter? Mein lieber Bruder, bald ist die Fracht zu groß und wir gehen unter.«

Iga sah mit ihrem Skateboard aus wie die Jungs mit den Surfboards an der Atlantikküste. Diesen Sommer hatte Jess sich selbst auf ein Surfbrett gestellt, ein Junge aus der Segelschule hatte es für sie festgehalten. Sie war sofort ins Wasser gefallen. An das Hochziehen des Segels war nicht zu denken gewesen.

Igas lange blonde Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, doch einige Strähnen lösten sich immer wieder und fielen ihr ins Gesicht. Das machte eine Geste notwendig, mit der die Strähnen aus dem Gesicht gestrichen wurden, die Jess schon während der Schulstunden aufgefallen war.

»Voll traurig«, sagte der Rilke-Rainer, Sebastian nickte. »Und du?«, fragte er Jess. Sie zuckte mit den Schultern. »Ja, eh.«

Das Klappern von teuren Herrenschuhen auf dem Gehsteig ließ alle drei zusammenfahren. Schnell traten der schöne Sebastian und Jess die Zigaretten aus. Geschlossen entfernten sie sich von der Rückseite des Kiosks und liefen in die Richtung, aus der das Klappern kam, und zum Schulgebäude zurück.

Ras riss die Noisetteschokolade auf, zuerst das Papier, dann die Alufolie. Erst eine Rippe für ihn. »Magst du?«, fragte er. Iga schüttelte den Kopf. Noch dreieinhalb Stunden, bis der Schultag zu Ende sein würde. Noch drei Stunden, in denen sie im Klassenzimmer sitzen musste. Drei Stunden, in denen sie auf dem Longboard durch die Stadt surfen, ihrem besten Freund Saša beim Lösen seiner Statistikaufgaben helfen oder im Innenstadtcafé einen Espresso trinken und eine Portion Buchteln essen könnte. Womöglich auch das mit Saša.

Im Sommer waren sie einmal spontan einige Tage und Nächte am Stadtfluss entlanggeskatet. Iga auf dem Longboard, Saša auf seinem Skateboard. Wenn sie müde wurden, legten sie sich ans Ufer ins Gras und schliefen. In den Morgenstunden suchten sie einander nach Zecken ab und warteten, dass die Pommes-Buden öffneten. Ihre Körper waren von der Sonne durchflutet. Am dritten Tag hatten sie kaum noch miteinander gesprochen, so vertraut war alles gewesen.

Jetzt saß sie mit Ras auf der Parkbank und beobachtete, wie er die Schokolade Rippe um Rippe verschlang, als könnte Iga es sich im letzten Moment anders überlegen und doch noch auf sein Angebot eingehen.

Igas Vater behauptete, Russen solle man nicht trauen. Das betonte er Iga gegenüber bei vielen Gelegenheiten. Sie beobachtete, wie Ras seine dicken Finger abschleckte. Es lag etwas Wehmütiges darin. Was wusste schon ihr Vater. Er war Geschäftsmann. Und Igas Mutter betrog ihn, seit Iga vierzehn Jahre alt war. Iga war überzeugt, dass es alle wussten und dass alle wussten, dass es alle wussten. Trotzdem machte ihr Vater, wenn er in Polen arbeitete, jeden Abend einen Kontrollanruf, den Igas Mutter einfach abwartete, bevor sie das Haus verließ. Iga liebte ihren Vater. Aber er war ein Träumer und machte sich ständig etwas vor. Die Idee mit der Firma. Es war nur eine Frage der Zeit.

Für Iga gab es keine Mehrdeutigkeit. Dinge passieren und man sieht sie. Menschen treffen Entscheidungen und diese ziehen Konsequenzen nach sich. Wenn an dem Kleid der Mutter an einem Samstagabend Chanel statt Old Spice haftete, was ließ sich da noch leugnen?

Ras knüllte das Schokoladenpapier zusammen.

»Warum hast du eigentlich gewechselt?«, fragte er schmatzend.

»Die haben mich rausgeschmissen. Und du?«

»Mein Vater hat gesagt, dass ich einen besseren Umgang brauche.« Er hielt kurz inne und rülpste. »Obwohl, hat eh niemand mit mir geredet.«

»Niemand?« Zugegeben, besonders gut roch er nicht. Sie konnte nicht ausmachen, was es war, aber es war befremdlich. Der Geruch drängte sich ihr in die Nase.

»Zeigst du mir, was du gefunden hast?«

Nach langem Zögern langte Ras in die Hosentasche und holte einen Schlüssel heraus. Sie erkannte nicht sofort, um was für einen Schlüssel es sich handelte. Erst als sie ihn gegen die Sonne hielt und das Z sah. Es war ein Zentralschlüssel, den ein Postbote wahrscheinlich bei der Arbeit verloren hatte. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie Ras. Vermutlich hatte er keine Ahnung, was für einen Schatz er da gefunden hatte.

In jedem Mietshaus war in der Gegensprechanlage ein Schloss eingebaut. Dort führte der Postbote den Zentralschlüssel ein, drehte, es erklang ein Summton und die Haustür öffnete sich. Wie in einem Märchen. Das hatte sie einmal fasziniert beobachtet.

»Er ist ganz hübsch«, sagte Iga nüchtern und studierte scharf seine Mimik.

»Das ist er«, bestätigte Ras. Dabei lächelte er ein wenig dümmlich.

»Sammelst du alles?« Sie gab ihm den Schlüssel zurück. Er hatte keine Ahnung. Beinahe gleichgültig ließ er ihn in die linke Hosentasche gleiten. Du bist wie ein Wolf, sagte Saša häufig im Spaß zu ihr. Du erlegst mehr, als du essen kannst.

»Nicht alles. Es muss mir gefallen.«

»Und was machst du damit?« Obwohl Saša nur scherzte, hatte sich in Iga das Bild des Wolfs sofort mit ihrem eigenen verschränkt.

»Ich archiviere.«

»Und dann?«

»Sehe ich mir die Sachen manchmal an.«

Noch immer das dümmliche Lächeln. Irgendwie war er ganz süß. Ein Schweigen folgte und dann saßen sie nur noch auf der Parkbank und warteten, bis es Zeit war, wieder in die Klasse zu gehen.

Der Zirkel raste über das Blatt Papier, auf das sie eigentlich die Inhaltsangabe des »Fänger im Roggen« schreiben sollte. Die Klasse hatte die Lektüre des Buchs über die Ferien aufbekommen. Noch vor Igas Zeit. Der Gedankenstrom eines versnobten Teenagers aus New York, dachte Iga. In der alten Schule hatten sie den Roman schon in der Unterstufe durchgenommen und bereits damals hatte sie die Geschichte gelangweilt. Literatur überhaupt. Das Leben war voll genug, wozu Geschichten? Obendrein ergaben sie selten Sinn.

Mathematik hingegen fand Iga präzise und selbsterklärend. Ein Zusammenhang verkehrte sich nicht plötzlich in sein Gegenteil. Logik. Daran konnte man sich festhalten.

Vielleicht sollte sie Ras über die Bedeutung des Z-Schlüssels und die damit verbundenen Möglichkeiten in Kenntnis setzen? Mit Kellern und Dachböden könnte sie ihn locken und mit den Schätzen, die dort verborgen lagen. Vielleicht würde er ihn ihr dann mitgeben und sie könnte ihn nachmachen lassen? Sie rutschte auf dem Holzstuhl hin und her. Ein Papierball landete auf ihrem Tisch. Schnell legte sie die Hand darauf. Vorne saß der Präfekt und las ein Auto-Magazin. Kurz sah er hoch.

Sie wartete, bevor sie das Knäuel glättete, schrieb ihren Schulweg als Antwort, schaukelte mit dem Stuhl nach hinten und warf das Papier unter Jess’ Tisch.

»Iga?«, erklang die Stimme des Präfekten.

»Ja?« Gemächlich wippte sie zurück und beugte sich über das Blatt mit den Kreisen.

»Bist du schon fertig?« Sie schüttelte den Kopf.

Ras würde ihr den Schlüssel niemals leihen. Seinen Schatz. Während Iga überlegte, kreiste der Zirkel immer schneller. Plötzlich stand der Präfekt vor ihr und beugte sich ganz tief hinunter. Sein Atem war von Pfeifentabak durchsetzt. »Was soll das sein?«, fragte er.

»Kreise«, antwortete Iga wahrheitsgetreu, in Gedanken noch mit dem Schlüssel beschäftigt. Sie widerstand dem Reflex, sich die Nase zuzuhalten, sah zu ihm hoch, hörte, dass Jess kicherte. Hatte Iga etwas Witziges gesagt?

»Du bist wohl der neue Clown.« Sehr ernst wirkte er, als er das sagte. Ganz und gar nicht amüsiert. Wie ein Bär, den man aus seinem Mittagsschlaf gerissen hatte. Ein Bär mit schlimmem Mundgeruch. Iga setzte zu einer Antwort an.

»Was!!«, grölte der Bär. Es hallte durch das Klassenzimmer. Nichts sonst war mehr zu hören. Wuttränen stiegen reflexartig in Igas Augen. Sie unterdrückte sie. Sie war neu in der Klasse. Sie wollte nicht weinen. Alles in ihr vibrierte.

Jemand hatte sie angeschrien. Dieser Bär, dessen Intelligenzquotient mit Sicherheit weit unter ihrem lag, der mit Gewissheit weder auf einem Longboard stehen konnte noch eine Rechenaufgabe zu lösen vermochte. Er hatte Iga angeschrien! Vor Wut zitternd starrte sie auf seine behaarten Hände, die auf ihrem Tisch ruhten, diesen besetzten, stellte sich vor, wie die Zirkelspitze in das Fleisch eindrang und eine Sehne entzweiriss. Bloß nicht weinen, mahnte sie sich. Wehe, du weinst!

Letzte Chance, hörte sie die Worte ihres Vaters. Beschwörend. Der Moment ist flüchtig, dachte Iga, aber Konsequenzen strecken ihre Tentakel bis in die Ewigkeit.

Sie ließ den Zirkel matt auf den Tisch fallen. Niemand lachte mehr, besonders nicht der Präfekt. Sein Gesichtsausdruck war noch immer finster. Er sagte nichts, schrie auch nicht, wartete nur. Mit gesenktem Blick zog Iga die Schublade auf und holte den »Fänger im Roggen« heraus.

Erst auf dem Heimweg im Bus griff Ras wieder nach dem Schlüssel in der Hosentasche, aber da war nichts. Er stülpte die Tasche nach außen. Danach auch die andere. Riss den Rucksack auf und packte Bücher, Hefte, Federpennal auf den stets freien Sitz neben sich. Kein Schlüssel. Er schüttelte die Schultasche aus, merkte, wie er dabei angestarrt wurde, räumte alles wieder ein. Bei der nächsten Haltestelle stieg er aus, wechselte die Straßenseite und fuhr zurück.

Er suchte den Boden rund um die Haltestelle ab, lief zu der Bank, wo er mittags mit Iga gesessen hatte. Auf allen vieren kroch er um die Bank herum, ließ sich für einen Moment von der knallrot untergehenden Sonne ablenken. Dädalus und sein Sohn Ikarus. Ikarus war abgestürzt, weil er dem Licht nicht widerstehen hatte können. Das Wachs an den Flügeln war geschmolzen, die Federn hatten sich aus der Halterung gelöst. Wer kein Vogel ist, der sollte nicht fliegen.

Ras erinnerte sich, warum er im Dreck saß, und begann die Suche von Neuem, bis es dunkel war. Noch immer kein Schlüssel. Ganz und gar allein wühlte er mit einem Stecken in der Erde, die Augen zusammengekniffen. Hier und jetzt könnte ihn alles holen. Es war besser, nichts zu sehen.

In der ersten Schulstunde, als Iga sich zwischen ihn und den Hochleithner gestellt hatte, hatte er geglaubt, dass es in dieser Schule anders werden könnte. Dass er Freunde finden würde. Etwas kroch über seinen Handrücken. Er wagte nicht, die Augen zu öffnen. Die Welt war eine Abwärtsspirale, und unterwegs regierten die Monster.

Plötzlich schoss grelles Licht durch seine Augenlider. War er tot?

»Bist du verrückt!« Ras erkannte die Stimme des Vaters. »Deine Mutter weint sich die Augen aus!«

Muskulöse Arme zogen seinen Körper unsanft in die Höhe. Ganz benommen war er von der Wucht der Bewegung.

Ja. Sein Vater war Dädalus. Sein Vater würde sich nicht von der Sonne blenden lassen. Sein Vater hätte den Schatz nicht verloren. Noch nie zuvor hatte Ras etwas verloren oder irgendwo liegenlassen. Das konnte einfach nicht sein. Niemals würde er ein Mann werden und irgendwen beschützen können, auf irgendjemanden aufpassen. Er war nicht wie sein Vater, der ins Auto stieg, losfuhr und ihn holte. Der wusste, wo Ras zu finden sein würde. Ras schluchzte auf.

Der Vater, der, seit er Ras ins Auto gesteckt hatte, nicht zu reden aufgehört hatte, verstummte kurz und sah in den Rückspiegel.

»Du bist jetzt kein Kind mehr«, sagte er. »Du bist jetzt ein Mann!« Ras nickte und nahm das Taschentuch, das ihm der Vater nach hinten reichte. »Wir haben gekämpft, um hier wer zu sein.« Ras schnäuzte sich und nickte erneut. Der Vater hatte recht. Dädalus hatte recht. Sie waren hier wer. Das war entscheidend. Nicht nur Migranten. Sie waren reiche Migranten. Das hatten der Vater und die Mutter geschafft. Aus dem Nichts. Ohne fremde Hilfe. Ganz allein. Niemand hatte dem Vater eine Privatschule gezahlt, nur weil er sich gegen ein paar Mitschülerinnen und Mitschüler nicht durchzusetzen vermochte.

»Aus dem Nichts heraus«, sagte eine Stimme, nicht die seines Vaters. Ras drehte den Kopf, aber der Platz neben ihm war leer. Natürlich war er leer. Da war niemand. Das Radio war auch nicht an. »Aus dem Nichts heraus«, wiederholte die Stimme. Das Auto wurde geparkt und die Tür aufgerissen. Sie waren zu Hause.

Ras dachte nicht mehr an die Stimme, setzte sich an den Küchentisch, auf dem noch der halbleere Teller von Alexandra stand und ein voller für ihn. Die Mutter streichelte über seinen Kopf.

»Wo warst du denn?«, fragte sie sanft. Ausgehungert stopfte Ras einen ganzen Pelmeni in den Mund.

»Hab was verloren«, erklärte er und tauchte den zweiten in Sauerrahm. Schlang einen nach dem anderen hinunter und spülte mit Buttermilch nach.

In seinem Zimmer riss er Schublade für Schublade des Apothekerschranks auf. Er ging die Listen durch und überprüfte jedes Fundstück. Sie waren alle noch hier. In der Ecke saß niemand.

Er räumte die Fundstücke in die Schubladen zurück. In der Ecke lag ein unbestimmter Haufen Müll. Wie war der dorthin gekommen? Ras sah weg, wollte den Müllhaufen wegdenken. Die Stimme fiel ihm ein. Und der Schlüssel. Er legte sich aufs Bett, versteinerte sofort. Die Turnschuhe hatte er noch an. Das war verboten. Er zog sie aus und schlich von seinem Zimmer ins Vorzimmer, wie durch eine fremde Wohnung, vorbei am Wohnzimmer, in dem der Fernseher lief und der Vater, die Mutter und Alexandra auf der Couch saßen. Womöglich war er gar nicht hier. Womöglich hatte es ihn nie gegeben. Leise legte er die Turnschuhe in das Regal und schlich zurück.

Die Haustür wurde geöffnet. Iga legte Sašas Statistik-Lehrbuch auf den Boden neben ihre Matratze und sah die leuchtenden Ziffern des Radioweckers. Es war drei Uhr morgens. Erst da wurde ihr bewusst, dass sie gewartet, dass sie sich Sorgen gemacht hatte.

»Iga?«, rief ihre Mutter und kam schnellen Schrittes in ihr Zimmer. »Warum steht die Terrassentür offen? Ich bin erschrocken.« Erleichtert lachte sie.

Iga betrachtete die Mutter von unten, vom Bett aus. Wie schön sie war. Das weiche Lächeln und die tiefen, dunklen Augen, die dunkelbraunen, lockigen Haare. Wie ein Engel. Kein Wunder, dass sich der Vater in sie verliebt hatte. Wäre Iga ein Mann, sie würde sich auch in die Mutter verlieben.

Oft wunderte es Iga, dass sie ihre Tochter war. Struppiges Blond, viel zu schwere Knochen, über denen die Haut roh spannte. Die Mutter zierlich und klein. Der Vater für einen Mann auch nicht hochgewachsen. Iga hingegen 1,75. Woher das kam, hatte sie sich oft misstrauisch vor dem Spiegel gefragt.

»Hab was in der Werkstatt gesucht«, antwortete sie.

»Warum bist du noch auf? Es ist drei Uhr in der Nacht.«

Dachte die Mutter, dass Iga nicht wusste, warum sie unter der Woche bis in die frühen Morgenstunden nicht nach Hause kam?

Als Iga nicht antwortete, sagte die Mutter nichts mehr, drehte sich um und ging in die Küche. Iga hörte, dass die Kühlschranktür aufgemacht, eine Pfanne aus der Lade gezogen wurde. »Ich mach uns Rührei«, rief sie fröhlich. Widerwillig kam Iga ihr nach und setzte sich an den Küchentisch. Sie nahm das Brot aus dem Kasten und schnitt zwei Scheiben herunter. Ihr Magen rumorte. Schon wieder