Die Elternsprecherin - Laurie Gelman - E-Book

Die Elternsprecherin E-Book

Laurie Gelman

4,5
8,99 €

Beschreibung

»Denken Sie bitte daran, dass das Buffet nussfrei sein muss, da mein Sohn hochallergisch ist.« Natürlich, aber auf dem Elternabend sind ja keine Kinder dabei!? »Ich bringe Becher mit.« Prima, da sind Sie die vierte. Und was ist mit Getränken? Als Elternsprecherin hat man es alles andere als leicht, das weiß Jennifer allzu gut. Deshalb ist sie auch nur widerwillig wieder im Amt. Aber dieses Jahr hat sie einen Plan: Allergiker-Mom, Spießer-Dad und alle anderen sollen sich mal locker machen. Mit ihren E-Mails gewinnt Jennifer auch einige neue Freunde, aber dann proben die Helikopter-Eltern den Aufstand … »Gelman’s Debüt ist ein literarisches Stand-up-Programm, und Sie können gleich aufhören, sich zu wehren: Diese Frau wird das Lachen aus Ihnen herauskitzeln.« Kirkus Reviews »Ein absoluter Lesespaß!« Booklist »Bringt Eltern mit einer gehörigen Portion Humor zum Lachen.« ZDF heute.de

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EPUB

Seitenzahl: 427

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Zum Buch:

Eine überraschend sexy gekleidete Grundschullehrerin, zwei Beste-Freundinnen-Mamis im Partnerlook, ein zum Dahinschmelzen gut aussehender Daddy, eine rothaarige Allergiker-Mom und eine steife Mrs. Tadellos – als Elternsprecherin bekommt Jennifer Dixon es mit sehr eigenen Persönlichkeiten zu tun. Und einige von ihnen sind für Jens Humor leider gänzlich unempfänglich. So unempfänglich, dass Jen aus dem Amt gedrängt wird. Das lässt sie nicht auf sich sitzen. Mit der Erfahrung einer dreifachen Mutter und dem Charme eines ehemaligen Groupies nimmt sie jede Hürde.

»Ein absoluter Lesespaß!«

Booklist

»Fast auf jeder Seite urkomische Beobachtungen und kluge Witze. Leser werden mit einer einfühlsamen Parodie überdrehter Elternschaft belohnt.«

Publishers Weekly

Zur Autorin:

Die gebürtige Kanadierin Laurie Gelman hat fünfundzwanzig Jahre als Moderatorin für das kanadische und auch für das amerikanische Fernsehen gearbeitet, unter anderem für »The Mom Show«, bevor sie mit dem Schreiben begann. Heute lebt Laurie mit ihrem Ehemann und zwei Töchtern im Teenageralter in New York. Gelman bloggt für babycenter.com und tritt nach wie vor im Fern­sehen auf. Nach eigenen Angaben ihr bislang schwierigster Job: Sie war fünf Jahre lang Elternsprecherin.

MIRA® TASCHENBUCH

Copyright © 2018 by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH

Copyright © by Laurie Gelman Translated from the English language: CLASS MOM First published by: Henry Holt and Company, a division of Macmillan Publishing Group, LLC.

Covergestaltung: bürosüd, München Coverabbildung: www.buerosued.de Lektorat: Stefanie Höfling

ISBN E-Book 9783955768287

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E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

Widmung

Ich widme dieses Buch meinem Ehemann Michael und unseren Töchtern Jamie und Misha. Ohne euch drei wäre ich nie Elternsprecherin geworden.

Einleitung

An: Eltern

Von: JDixon

Datum: 04. September

Betreff: Mich kennenlernen – Ihre neue Elternsprecherin

Hallo, Eltern der Vorschulgruppe von Miss Ward,

mein Name ist Jennifer Dixon, und ich habe mich »freiwillig« als Elternsprecherin für das bevorstehende Vorschuljahr gemeldet. Da dies ein undankbarer Job ist, erwarten Sie keine Kuschel-E-Mails von mir, wie man sie vermutlich im Kindergarten bekommt. Aufwachen! Wir sind hier in der Vorschule, im rauen Milieu der William-H.-Taft-Grundschule, und es ist Zeit, einigen Tatsachen ins Auge zu blicken. Allen voran: Ich trage die Verantwortung und habe ein paar wichtige Vorschläge, dieses Jahr für uns alle möglichst einfach zu gestalten – besonders für mich.

Erstens: Lesen Sie die wöchentliche @#$%&-E-Mail der Schule! Es mag Ihnen langweilig erscheinen, aber dort stehen viele nützliche Informationen drin, und mir ersparen Sie damit, Fragen wie »Wann ist der erste Elternabend?« zu beantworten. (Eine Antwort auf diese Frage finden Sie übrigens unten.)

Zweitens: Wenn ich Unterstützung brauche, melden Sie sich freiwillig! Wenn ich sage, dass wir Donuts brauchen, fragen Sie: »Wie viele?«, und nicht: »Kann ich auch Pappbecher mitbringen?« Ich will niemandem eine Aufgabe zuweisen, also seien Sie bitte unter den Ersten, die mir zurückmailen. Ich werde Sie schon sehr bald testen, weil der Elternabend … (siehe unten).

Drittens und letztens: Wenn eine Veranstaltung stattfindet … kommen Sie! Es mag Ihnen uninteressant und lästig erscheinen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir hier sind, um eine Gemeinschaft aufzubauen. Wenn immer nur die gleichen fünf Leute auftauchen, werden sie einander schnell auf die Nerven gehen.

Wichtige Termine zum Abspeichern

Mein Geburtstag: 18. April. Ich erwarte keine Geschenke, aber ich gehe gern zu Starbucks.

Elternabend: Dienstag, 27. September von 18:30–20:30 Uhr.

Das wird Ihre erste Gelegenheit sein, die Auswirkungen von Alkohol auf die anderen Eltern zu beobachten. Im Laufe der nächsten Woche werde ich nach Beiträgen zum Getränkebuffet fragen.

Elterndialogcafé: 07. Oktober; Ort: das Foyer – keine Ahnung, worin der »Dialog« besteht, aber seien Sie nicht überrascht, wenn es um Kaffee geht.

Elterntreff, 6. Jahrgang: 18. Januar, 18–20 Uhr; Ort: Cafeteria. Meiner Erfahrung nach sind diese Treffen etwas merkwürdig – ungefähr wie ein Tanzabend in der 7. Klasse. Gehen Sie auf eigenes Risiko hin.

Miss Ward hat außerdem darum gebeten, dass jeder vor dem ersten Schultag ein Foto seines Kindes vorbeibringt. Ich wiederhole: vor dem ersten Schultag. Ich bin mir zwar nicht sicher, aber ich denke, sie hat vor, die Fotos für irgendein Wicca-Zauberritual zu benutzen, mit dem sie den Klassenraum »reinigt«.

Das ist für den Moment alles.

Irgendwelche Fragen?

Jennifer

PS: Falls sich irgendjemand für »handwerklich begabt« hält, lassen Sie es mich wissen. In diesem Jahr müssen sämtliche Geschenke für die Lehrer selbst gemacht sein. In diesem – und nur in diesem! – Fall bin ich also offen für Vorschläge.

1. Kapitel

Ich klicke auf meinem Laptop auf Senden, lehne mich in meinem Stuhl zurück und grinse.

»Das sollte als Gedankenanstoß reichen«, sage ich so vor mich hin.

Während ich mir die müden Augen reibe, frage ich mich zum fünfzigsten Mal an diesem Tag, warum um alles in der Welt ich zugesagt habe, noch mal Elternsprecherin zu spielen.

Meine instinktive Reaktion war richtig gewesen.

»Aufüberhauptgarkeinen Fall!«, hatte ich zu Nina Grandish gesagt, als sie mich gefragt hatte. Nina ist die amtierende Hohepriesterin des Elternvereins der Schule. Trotzdem ist sie meine beste Freundin. »Das ist der schlimmste Job, den ich je hatte – nach der Kundenbetreuung bei Allstate.«

»Bitte!«, bettelte sie. »Ich brauche dich wirklich.«

»Nein. Ich habe keine Zeit.«

»Doch, hast du. Vivs und Laura sind schon auf dem College.«

»Ich habe mit meinem Training für den Schlammlauf angefangen.«

»Unwahrscheinlich«, spöttelte Nina.

»Ich denke darüber nach, Max einen Hund zu kaufen, und das wird mich sehr einspannen.«

»Das stimmt doch gar nicht. Du hasst Hunde. Komm schon! Denk an die ganze Erfahrung, die du für den Job mitbringst.«

»Oh, wow«, sagte ich. »Danke, dass du mich daran erinnerst, wie viel älter ich im Vergleich zu den anderen Eltern bin.«

»Nicht älter«, säuselte Nina, »weiser.«

Und das bin ich – fünfzehn Jahre weiser. Die Neunziger waren für mich irgendwie ein verlorenes Jahrzehnt. Nachdem ich vier Jahre an der Universität von Kansas herumgelungert hatte (Ich sage nur Jayhawks!, und für diejenigen, die keine Ahnung haben: eine alternative Countryband), stand ich mit einem supernützlichen Abschluss in Kunstgeschichte und ohne jede Chance da, damit eine Stelle zu finden. Deshalb beschloss ich, mir die Welt anzusehen. Einige Leute fahren nach Paris, um sich großartige Kunst anzuschauen; andere gehen nach Rom, um tolle Architektur zu bestaunen. Und ich? Ich ging nach Amsterdam, um mir eine fantastische Band anzusehen. INXS fingen gerade an, dank ihres Albums X international so richtig erfolgreich zu werden. Mein Glück war es, dass sie noch nicht so erfolgreich waren, dass sie sich nur mit Supermodels einließen. Teilweise hatte ich es wohl meiner damaligen »Ohne BH«-Phase zu verdanken, dass ich aus dem Publikum geholt und – wer hätte das gedacht? – ein Groupie wurde.

Kennen Sie den Cameron-Crowe-Film Almost Famous – Fast berühmt, in dem drei Mädchen, die »Band Aids« genannt werden, mit der Band herumreisen und die, ähm, Moral der Musiker hochhalten? So ähnlich war das auch bei mir, nur nicht annähernd so glamourös. Ich habe INXS etwas länger als ein Jahr begleitet und bin dann weiter zu einem Folksänger namens Greg Brown gezogen. Ja, ich hatte vorher auch noch nie von ihm gehört, aber er wirkte definitiv anziehend auf viele Menschen – besonders auf die ungewaschenen. In den drei Jahren, in denen ich unterwegs war, bekam ich irgendwie zwei Kinder, von denen eins möglicherweise von Michael Hutchence ist. Dank seines vorzeitigen Todes 1997 wird die arme Vivs es nie erfahren. Und Lauras Samenspender war sehr wahrscheinlich Greg Browns Banjospieler. Da bin ich mir zu fünfundsechzig Prozent sicher.

Um den Sänger von Journey, Steve Perry, zu zitieren: »Es heißt, die Straße sei nicht der richtige Ort, um eine Familie zu gründen.« Also nahm ich meine beiden Kinder von zwei verschiedenen Vätern und machte mich auf den Heimweg nach Kansas City, kurz KC genannt.

Zu jenem Zeitpunkt hatten sich meine Eltern einen Lebenstraum erfüllt und waren nach Overland Park gezogen, einem schicken Vorort von KC. Ich war traurig, dass ich keine Gelegenheit gehabt hatte, mich von unserem alten Haus zu verabschieden, aber begeistert, weil ich Vivs und Laura an so einen schönen Ort bringen konnte.

Sagen wir mal so: Ich musste Kay und Ray Howard, meinen extrem katholischen Eltern, eine Menge erklären, als ich mit Laura und Vivs, die beide noch Windelpopos hatten, auf ihrer mondänen neuen Türschwelle landete. Der Gesichtsausdruck meiner Mutter veränderte sich so schnell von irritiert in entsetzt und weiter in erfreut, dass ich dachte, sie hätte einen Schlaganfall.

Glücklicherweise gehören sie eher zu den religiösen Menschen, die anderen vergeben, und weniger zu jenen, die andere verdammen. Und nach ein paar Dutzend Ave-Marias und einem quälenden Nachmittag in der katholischen Schule Our Lady of Unity, an dem ich den Stationen des Kreuzwegs gefolgt bin, zog ich bei ihnen ein und begann damit, was ich heute als »die normalen Jahre« bezeichne. Mit ihrer Hilfe zog ich die Mädchen groß, arbeitete eine Weile beim Versicherungsunternehmen Allstate und, ja, war sieben endlose Jahre in Folge Elternsprecherin. Ein Rekord, der, soviel ich weiß, an der William-H.-Taft-Grundschule bislang ungebrochen ist. Zwar hoffe ich nicht, dass dies in meinem Nachruf irgendwann mal als meine bemerkenswerteste Leistung hervorgehoben wird, aber man kann nie wissen.

Während meiner Zeit bei Allstate habe ich den Mann kennengelernt, der Baby-Daddy Nummer drei und Ehemann Nummer eins wurde: Ron Dixon. Nur mal nebenbei: Ich habe bis heute nur einen Ehemann. Ich finde es einfach nur lustig, ihn so zu nennen. Ron rief an, um sich über die Leute zu beschweren, bei denen er sich bisher in guten Händen geglaubt hatte. Wie es meinem Job entsprach, nahm ich den Anruf entgegen und versuchte, ihm auszureden, seine Versicherung zu kündigen. Ron hat eine fantastische Stimme. Sogar wenn er sich beschwert, klingt er, als hätte er gerade flüssigen Samt geschluckt. Ich hätte ihm den ganzen Tag zuhören können. Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als er mich ein seelenloses Miststück nannte, beschloss ich, mich mit ihm zu treffen. Er denkt bis heute, ich wäre mit all meinen aufgebrachten Anrufern mittagessen gegangen.

Was soll ich sagen? Ich stand von der ersten Sekunde an auf ihn. Ich bin nicht unattraktiv, in Anbetracht meines Alters und der Laufleistung meines Körpers, und Ron war zufälligerweise Single und hatte gerade eine seelenzehrende Scheidung hinter sich. Als er die Versicherungsgesellschaft anrief, behauptete er, sein Schadensfall – ein umgestürzter Baum – wäre eine Folge von höherer Gewalt, obwohl er ganz eindeutig von einem Auto umgefahren worden war. Später erfuhr ich, dass der Baum das Opfer häuslicher Gewalt war und seine Ex ihn umgepflügt hatte.

Als Mitglied der Schwesternschaft sind mir Männer, die Frauen andauernd als verrückt bezeichnen, ein Graus, aber in diesem Fall ist es eindeutig, dass Rons Exfrau Cindy irre ist. Aber nicht renn-um-dein-Leben-irre, sondern nur durchschnittlich irre. Das größte Problem ist, dass man nie weiß, in welcher Form der Irrwitz seine hässliche Fratze zeigt. Wie einmal, als, wenige Monate nachdem Ron und ich zusammengezogen waren, plötzlich sechs Vorratspackungen Windeln vor unserer Tür standen. Die beiliegende Karte war von Cindy: »Botschaft angekommen?« Ich dachte, dass sie uns entweder für Babys hielt oder vorschlug, wir sollten ein Baby bekommen. Ron erklärte mir, was sie uns sagen wollte: dass wir bis oben hin voll Scheiße sind.

Ron passt gut zu mir. Er ist das, was mein Vater einen soliden Kerl nennen würde, sowohl körperlich als auch emotional. Er ist ungefähr eins achtzig groß (obwohl er anderen gegenüber aus mir unerfindlichen Gründen immer behauptet, er wäre eins zweiundachtzig) und durchtrainiert, ohne dabei aufgepumpt auszusehen. Und er hat kurzes, dunkles Haar, das an den Schläfen langsam dünner wird. Er ist nicht unbedingt der Typ Mann, den ich in der Vergangenheit attraktiv fand – er ist nicht mal tätowiert –, aber er ist wahnsinnig charismatisch und hat das freundlichste Gesicht auf dem Planeten. Das alles kombiniert mit seiner samtenen Stimme: In dem Moment, als ich ihn gesehen habe, war es um mich geschehen. Unsere Balz war kurz und süß, denn wenn es passt, dann passt es. Warum lange um eine Beziehung schleichen wie die Katze um den heißen Brei? Und dank Cindys spleeniger Angst davor, sich zu übergeben, hatten die zwei keine Kinder in die Welt gesetzt. Als er an unserem ersten Jahrestag also die B-Bombe platzen ließ, hätte ich eigentlich nicht überrascht sein dürfen.

Wir aßen am Abend zusammen bei Garozzo’s, und bei einer köstlichen Penne Victoria erwähnte er beiläufig, dass er gern ein Baby hätte. Ich unterdrückte meinen ersten abwehrenden Gedanken (Tja, viel Spaß mit den Wehen!) und erwiderte, dass wir es natürlich versuchen würden. Insgeheim zählte ich darauf, dass mein in die Jahre gekommener Bauch verhindern würde, dass es klappte, aber was soll ich sagen? Ein gutes Ei war noch übrig. Und dafür danke ich Gott, denn Max ist die Krönung meines Mutterdaseins.

Und so habe ich nun, im reifen Alter von sechsundvierzig Jahren, zwei Mädchen im College und einen Jungen in der Vorschule. Ich bin die älteste Mutter in seiner Jahrgangsstufe. Ach nein, Moment, die weiseste.

»Max! Komm runter. Dein Toast wird kalt.«

Ich sitze unten in meinem Küchentresen-Büro und haue eine E-Mail an die Eltern meiner Klasse raus, die alle hoffentlich noch lesen, bevor sie ihre Kinder an diesem Morgen zur Schule bringen.

An: Elternabend

Von: JDixon

Datum: 06. September

Betreff: beantwortete Fragen

Liebe Eltern,

als ich am Ende meiner letzten E-Mail schrieb: »Irgendwelche Fragen?«, war das eigentlich eine rhetorische Frage. Also eine, auf die man nicht zu antworten braucht. Nun ja. Erlauben Sie mir, sie in der Reihenfolge des Eingangs zu beantworten.

1) Nein, ich mache keine Witze.

2) Ja, das ist mein Ernst.

3) Nein, Bierbrauen ist kein Handwerk.

4) Das Datum, an dem der Elternabend stattfindet, steht in der ersten E-Mail. Einfach lesen.

5) Nein, man kann nicht von einem Job gefeuert werden, für den man sich freiwillig gemeldet hat.

Vielen Dank für das Feedback.

Jennifer

Max kommt um die Ecke in die Küche. Er trägt ein Outfit, das keine Ähnlichkeit mit dem aufweist, das ich für ihn rausgesucht habe.

»Wow. Die rote Hose ist super. Gehört die nicht zu einem Kostüm?«

»Jep. Pac-Man.«

»Und das lilafarbene Oberteil?«

»Das hat Nana mir gegeben, erinnerst du dich?«

»Ja. Bist du sicher, dass du das an deinem ersten Schultag zusammen anziehen willst?«

»Ja. Ich will auffallen.«

»Tja, das hast du geschafft.« In einem stillen Gebet danke ich dem Himmel, dass er nicht noch den passenden Pac-Man-Hut trägt.

Max lächelt und beißt von seinem Toast ab. Seit er alt genug ist, sich seine Anziehsachen alleine auszusuchen, hat er einen, sagen wir mal: einzigartigen Modegeschmack bewiesen. Man weiß nie, mit welchem Ensemble er als Nächstes aufwartet. Manchmal denke ich, er stellt seine Outfits mit Augenbinde und Dartpfeil zusammen. Ich hatte ihm eine Kakihose und ein weißes Poloshirt aufs Bett gelegt und gehofft, er würde seine neue Schuluniform lieben. Aber das ist wohl nicht der Fall.

Ron kommt verschwitzt von seinem Morgenlauf zurück. Ich liebe es, wenn er so aussieht.

»Hey!« Ich fasse ihm an den Hintern. »Du musst in zehn Minuten fertig sein, wenn du dir den Spaß des ersten Schultags nicht entgehen lassen willst.«

»Ich bin schon fertig.« Er grinst und rennt die Treppe hoch.

»Mom, wie heißt meine Lehrerin noch mal?«

»Miss Ward.«

»Ist sie nett?«

»Ich habe sie noch nicht kennengelernt, aber ihre E-Mail war nett.«

»Hoffentlich mag sie Lila.«

»Wer mag Lila nicht?« Ich lächle. »Aber du weißt, dass du ab morgen die Uniform tragen musst, oder?«

Er nickt mit vollem Mund.

»Ich hole dich heute Mittag ab, und wir gehen irgendwo zusammen essen.«

»Kommt Dad auch mit?«

»Wahrscheinlich nicht. Er muss im Fitting Room sein.« Ich spreche von dem Geschäft für Sportbedarf, das Ron gehört.

Noch bevor ich rufen kann: »Warum zum Teufel brauchst du so lange?«, ist mein Ehemann geduscht und abfahrbereit. Es muss wirklich schön sein, ein Mann zu sein. Ich bin nun wirklich kein Stundenlang-Schmink-Typ, aber ich brauche trotzdem mehr als sechs Minuten, um zu duschen und vorzeigbar auszusehen.

»Wer ist bereit für die Vorsch…«

Ron verstummt mitten im Wort, als er sieht, was Max anhat.

»Willst du das anziehen, Max?«, fragt er.

Ich werfe ihm einen Blick über den Küchentisch zu, der sagt: Jetzt mach deswegen kein Theater.

»Ja. Ich will auffallen.«

»Ich dachte, ihr müsst Schuluniformen tragen.« Ron sieht zu mir.

»Nicht am ersten Tag.« Ich feuere einen weiteren warnenden Blick auf ihn ab. Normalerweise wirkt das. Aber heute treffe ich offenbar daneben. »Und heute ist sogar nur ein halber Tag, also lasst uns los!«

2. Kapitel

DER ERSTE SCHULTAG. Jep, in Großbuchstaben, fett und kursiv. Genauso episch ist er in meinem Kopf gespeichert. Alle sind so adrett und aufgeregt! Neue Schulranzen, quietschende Sneakers, gespitzte Bleistifte. Würde man Mitte November noch mal eine Momentaufnahme machen, sähe die Sache schon ganz anders aus.

Wir gehen die ausgetretenen Flure von Vivs’ und Lauras altem Tummelplatz entlang – der William-H.-Taft-Grundschule. Als wir bei Raum 147 ankommen, steht dort die hübscheste und adretteste Person, die ich je gesehen habe, an der Tür des Klassenzimmers und begrüßt die ankommenden Eltern und Kinder. Sie hat langes blondes Haar, das von einem pinkfarbenen Haarband zurückgehalten wird. Sie trägt eine hellrosa karierte Hose und eine weiße Bluse mit Rüschen. Ich hoffe, sie besitzt einen Kittel.

Als wir näher kommen, schenkt sie uns ein umwerfendes Lächeln und streckt uns die Hände entgegen.

»Ist das Max? Mein Gott, Max, ich habe mich ja so darauf gefreut, dich kennenzulernen! Ist das Shirt neu? Lila ist meine Lieblingsfarbe!«

Tja, ich bin schwer beeindruckt. Miss Ward ist ein echter Charmebolzen. Offensichtlich hat sie sich die Fotos, die wir ihr geschickt haben, gründlich angesehen. Max sagt keinen Ton, aber auf seinen Lippen liegt das Lächeln eines verliebten Mannes. Genauso wie bei Ron, wie ich feststelle.

»Hallo, Miss Ward. Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Ich bin …«

»Nein, nein«, unterbricht mich Miss Ward. »Hier geht es nicht um Max’ Eltern. Heute geht es allein um Max. Komm rein und such deinen Namen und deinen Tisch.« Sie schiebt Max in den Raum, was er zufrieden geschehen lässt, ohne sich umzusehen.

Ron und ich sehen einander an. Ich zucke die Schultern.

»Es geht allein um Max«, wiederhole ich.

Als wir die Schule verlassen, fragt mich Ron, was ich vorhabe.

»Ich treffe mich mit meinem neuen Trainer.«

Er sieht mich skeptisch an.

»Ich weiß, was du jetzt denkst, aber nach dem Debakel in deinem Laden habe ich das Gefühl, ich brauche mehr Work-outs.«

»Oder einfach, na ja, damit anfangen.« Er lächelt und drückt meine Schulter.

Die Sache ist die: Rons Sportartikelgeschäft gehört zu den größten in KC. Vor ein paar Monaten haben sie einen kleinen Schlammlauf veranstaltet, um für die »Werde fit«-Initiative unseres Gouverneurs zu werben. Als er erwähnte, dass er noch Teilnehmer bräuchte, meldete ich mich freiwillig. Das war mein erster Fehler. Ich dachte, dass ich dank des Fitnessstudios mit dem vielversprechenden Namen »Curves« gut in Form sei, das in unserer Wohngegend liegt und dem ich seit der Geburt von Max zweimal die Woche einen Besuch abstatte. Als ich also in Rons Laden kam und den Parcours sah, dachte ich noch: Null problemo. Das war mein zweiter Fehler.

Ich will es mal so formulieren: Die Kraft im Oberkörper, die man bekommt, wenn man ein paar Jahre lang ein Kleinkind durch die Gegend schleppt, bereitet einen nicht unbedingt darauf vor, ein Seil raufzuklettern, sich an horizontalen Stangen entlangzuhangeln oder sich auf den Bauch zu werfen und durch Matsch zu kriechen, auch wenn das noch der einfachste Teil war.

Es hat Wochen gebraucht, bis ich mich wieder in diesem Laden zeigen konnte. Es ist einfach nicht so toll, wenn die Frau des Eigentümers weinend zusammenbricht, weil sie nicht über eine Mauer kommt. Außerdem hatte ich tagelang Muskelkater an Stellen, von deren Existenz ich bis dahin nicht mal was geahnt hatte.

»Wen hast du als Trainer engagiert?«, erkundigt sich Ron, als ich nicht auf seine Spitze eingehe. Ich weiß genau, dass er verstimmt ist, weil ich ihn nicht in die Entscheidung miteinbezogen habe.

»Jemanden, den mir meine Mutter empfohlen hat. Er macht Hausbesuche. Und ich dachte mir, es ist an der Zeit, endlich Rons Gym & Tan zu benutzen.« So nenne ich den Sport- und Solariumbereich, den Ron in unserem Keller errichtet hat.

Ron keucht gekünstelt. »Willst du damit sagen, dass du nicht mehr zu Curves gehst?« Er war noch nie ein Fan davon. Ron ist gewissermaßen ein Fitnessstudio-Snob.

»Bis später!« Ich werfe ihm ein durchtriebenes Lächeln zu und gehe zu meinem Minivan. »Mein heißer neuer Trainer wartet.«

Ron runzelt die Stirn. »Heiß? Du hast nicht gesagt, dass er heiß ist.«

Lachend öffne ich die Autotür. In Wahrheit habe ich keine Ahnung, wie er aussieht. Aber der Name Garth macht mir große Hoffnungen.

Meine Mom hat mir sehr wenig von Garth erzählt. Nur dass er früher als Trainer im örtlichen Lucille-Roberts-Fitnessstudio gearbeitet hat. Er musste für eine Weile aussteigen und fängt nun wieder an. Für einen Personal Trainer mit Hausbesuchsoption ist er ziemlich günstig – dreißig Dollar die Stunde. Ich hoffe nur, es wird kein Fall von »Du bekommst so viel, wie du bezahlst«.

Als ich zu unserem Haus abbiege, sehe ich einen weißen Toyota Prius in der Auffahrt stehen. Mein neuer Trainer ist zehn Minuten zu früh. Das fängt ja gut an. Wir steigen gleichzeitig aus unseren Autos aus, und ich erhasche einen ersten Blick auf den Mann, mit dem ich von nun an jede Woche zwei Stunden verbringen werde.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass plötzlich alles wie in Zeitlupe ablief und in meinem Kopf die Töne von »Dream Weaver« erklangen, während er sich die langen Haare in den Nacken warf und mir ein umwerfendes Lächeln schenkte, doch das wäre gelogen.

Garth ist knapp eins siebzig groß und hat fast eine Glatze. Und er sieht aus, als wäre er Mitte fünfzig. Er erinnert mich ein bisschen an den Schauspieler Michael Chiklis aus der Krimiserie The Shield – Gesetz der Gewalt.

Während ich noch meine Erwartungen an die Wirklichkeit anpasse, kommt er zu mir rüber und … was soll ich sagen? Er hat ein umwerfendes Lächeln! Ich mag ihn augenblicklich.

»Hallo Jennifer. Ich bin Garth.« Er schüttelt mir die Hand und zerquetscht sie fast dabei.

»Au. Hallo Garth. Sie haben einen ziemlich festen Händedruck.«

»Ach herrje, tut mir leid«, erwidert er und lockert seinen Klemmzangengriff sofort. »Ich vergesse immer, bei den Mädels einen Gang zurückzuschalten.«

»Kein Problem. Ich muss ganz offensichtlich etwas stärker werden.«

»Genau deshalb bin ich ja hier.« Er lächelt und folgt mir zur Haustür.

»Kann ich Ihnen was zu trinken anbieten?«, frage ich und werfe meine Handtasche auf das Tischchen im Flur.

»Nein, danke. Ich bringe mir immer selbst was mit.« Er hält stolz eine derbe 400-ml-Wasser-Trinkflasche hoch. Garth ist augenscheinlich von der alten Schule und steht nicht auf schicke Wasserflaschen.

»Wie wär’s, wenn ich Ihnen unseren Trainingsbereich zeige und dann schnell nach oben laufe und mich umziehe?«

»Klingt gut.« Wieder lächelt Garth. »Nach Ihnen, meine Liebe.«

Als ich ihn in den Keller führe, frage ich mich, wie old school er wohl ist. Denn ich bin seit fünf Jahren bei Curves. Dort geht es ziemlich fortschrittlich zu.

Rons Gym & Tan befindet sich in einer Ecke unseres Kellers, gleich neben dem Waschkeller. Es besteht aus einem Laufband, einer Hantelbank, losen Gewichten, einer Matte und so einem großen Gymnastikball.

»Das ist großartig!«, verkündet Garth, und mir wird schnell klar, dass er keinen Witz macht.

»Wirklich?«, sage ich. »Brauchen wir noch mehr Equipment?«

»Nein. Das ist perfekt. Ziehen Sie sich ruhig schon mal um. Ich erstelle in der Zeit einen Trainingsplan.« Er klingt tatsächlich begeistert.

»Okay. Ich bin gleich zurück.«

Als ich die Treppe zu meinem Schlafzimmer hochrenne, frage ich mich, was ich mir da eingebrockt habe.

Ich gebe zu, dass ich ein recht herbes Auftreten habe, aber ich hatte keine Ahnung, wie viele Eltern ich mit nur einer einzigen E-Mail pikieren konnte. Im Grunde waren es gar nicht so viele, aber es braucht ja auch nur einen, um das Feuer anzufachen. Nina ruft mich an, als ich nach meinem Training gerade aus der Dusche komme.

»Mein Gott, was hast du bloß in deiner E-Mail an die Eltern geschrieben?«, schreit sie.

»Nur das Übliche. Warum?« Ich werfe mein feuchtes Handtuch in den Wäschekorb und gehe zum Kleiderschrank.

»Ich habe gerade mit Asami Chang telefoniert. Sie ist to-tal angepisst!«

»Weswegen?«, frage ich, während ich meine T-Shirts durchsehe.

»Sie sagt, du hättest die Vorschuleltern auf unangemessene Weise angesprochen.«

»Ach ja?«

»Also, stimmt es?«

»Wahrscheinlich. Aber ich kann nicht glauben, dass jemand das persönlich genommen hat.«

Nina seufzt. »Das habe ich mir schon gedacht. Aber dein, ähm … Humor kommt bei den Leuten manchmal nicht richtig an. Asami will, dass du dein Amt als Elternsprecherin an sie abtrittst.«

»Ich glaube, sie hat absolut recht. Ich bin nicht gut darin, mit anderen Eltern zusammenzuarbeiten.« Ich nehme mir vor, Asami einen Obstkorb zu schicken.

»Nicht so schnell, du Witzbold. Du hast mir versprochen, das zu machen.«

»Ja, aber das Volk hat gesprochen. Ich bin auf der Reise nicht erwünscht.«

»Ich will dich sehr wohl auf der Reise dabeihaben. Ich denke, es wird dir guttun, ein paar Leute kennenzulernen. Und ich weiß, dass Max es toll findet.«

»Auweia. Ein kluger Schachzug, Max ins Spiel zu bringen. Und was ist mit Wie-heißt-sie-noch-gleich?«

»Asami Chang. Mit der setze ich mich auseinander. Dann ist also alles gut?«

»Definiere ›gut‹.«

»Und du schreibst freundlichere Mails?«

»Vergiss es.«

Nina lacht. »Ein Glück, du bist noch die Alte. Wie war dein neuer Trainer?«

»Interessant«, sage ich. »Anders als die Leute bei Curves, so viel steht fest.«

»Positiv interessant oder negativ interessant?«

»Na ja, auf jeden Fall habe ich seit Ewigkeiten keinen Burpee mehr gemacht.«

Nina bricht in Gelächter aus. »Ein Burpee? Was ist das denn?«

»Das zeige ich dir mal bei Gelegenheit. Eins ist sicher: Morgen werde ich Hammermuskelkater im Hintern haben.«

»Das ist doch super. Okay, ich muss Schluss machen. Denk dran, nett zu den Eltern zu sein!«

Ich lege auf und schlüpfe in meine Jeans. Ich bewundere Nina dafür, dass sie erfolgreich auf beiden Seiten des Zauns entlangnavigiert. Sie ist wirklich die absolute Idealbesetzung für den Posten der Elternvereinsvorsitzenden, aber genauso gut kann sie ordentlich auf die Kacke hauen. Sie ist so der Typ niedliches, eins fünfzig großes Energiebündel mit cappuccinofarbener Haut und einem raspelkurzen Afro, den sie stur als »angeboren« ausgibt. Sie ist wie das Häschen, dessen Batterien niemals der Saft ausgeht. Ich habe keine Ahnung, woher sie ihre Energie nimmt. Vorsitzende des Elternvereins ist kein Job für Weicheier. Es ist ein undankbarer Vollzeitscheißdreck, den sich nur sehr wenige Leute freiwillig ans Bein binden. Aber Jahr für Jahr schafft Nina es, diese Aufgabe in den – soweit ich weiß – randvollen Zeitplan zu quetschen, den die Leitung ihres Grafikdesign-Büros mit sich bringt.

Sie und ich haben uns vor zehn Jahren in einem Fahrradgeschäft kennengelernt. Eine Zufallsbekanntschaft. Ich war auf der Suche nach Fahrradhandschuhen, und sie kaufte gerade eine neue Radfelge. Ein Mann kam in den Laden und verkündete, dass bei ihm eine Schraube locker sei. Ich schwöre bei Gott, dass wir im selben Moment sagten: »Dann sollten Sie lieber mal zum Arzt gehen.« Und das war’s: Seelenverwandte fürs Leben.

Nina ist alleinerziehend, und das würde man niemals vermuten. Sie hat alles so dermaßen unter Kontrolle und beschwert sich nie übers Alleinsein – auch wenn ich genau weiß, dass sie noch immer nach Sid schmachtet, dem Vater ihrer Tochter Chyna. Er verließ sie zwei Wochen vor Chynas Geburt und wurde gewissermaßen vom Erdboden verschluckt, aber sie hofft immer noch, dass er zurückkommt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Grund dafür verstehe, weil es ganz danach klingt, als sei er ein Totalversager. Aber das Herz will nun mal, was es will, und deshalb flackert ihre Liebe seit nunmehr zwölf Jahren. Ich habe versucht, sie mit ein paar Typen zu verkuppeln – hauptsächlich mit Kunden aus dem Sportladen meines Liebsten –, doch nicht einer von ihnen konnte ihr Herz erobern. Es scheint schwer zu sein, sich mit dem brillanten Exemplar namens Sid zu messen.

Chyna ist genau wie ihre Mom – zierlich, dynamisch und nur Flausen im Kopf. Ich kann es kaum erwarten, bis sie alt genug ist, dass ich sie als Babysitter einspannen kann.

Wir waren damals beide Single-Moms, doch auch nachdem ich mit Ron zusammengekommen bin, sind wir uns nah geblieben. Vivs und Laura waren sogar im Zweierteam Babysitter für Chyna.

An: Eltern

Von: JDixon

Datum: 10. September

Betreff: Elternabend-Party

Hallo Eltern-Kollegen,

da der ungeschickte Putschversuch der letzten Woche nun hinter uns liegt und ich immer noch Elternsprecherin bin (ich bin nicht nachtragend, Asami; ich verstehe das Machtbedürfnis von Ihnen und Ihren Leuten), möchte ich mich gerne mit wichtigen Dingen befassen – zum Beispiel damit, wer den Wein mitbringt.

Der 27. September (aka Elternabend) naht in großen Schritten. Das ist mein Lieblingsabend im gesamten Schuljahr, weil er Fragen beantwortet wie: »Wer hat den heißesten Ehemann?« und »Wer hat diesen Sommer ein bisschen zu viel Geld am Eiswagen ausgegeben?«. Außerdem möchte ich, dass alle denken, die Klasse von Miss Ward sei der beste Ort auf der ganzen Welt, um zu FEI-ERN! Um das zu erreichen, müssen wir gewisse Vorkehrungen treffen:

2 Bierfässer (ich bringe den Trichter mit)

Jelly Shots (bitte Limette und Kirsche!)

Spezial-Brownies – Familie Wolffe, hierbei zähle ich auf Sie.

Für alle, die immer noch lesen und noch nicht Direktorin Jakowski angerufen haben, kommen hier noch ein paar Dinge, die wir brauchen KÖNNTEN:

Mini-Quiches (für die Mikrowelle)

Kleine Käseplatte

Kleine Gemüseplatte

Leckere Cookies oder Brownies

Pappbecher und – teller, Servietten

Wasser mit und ohne Kohlensäure

Rot- und Weißwein

Die Leitungen sind geöffnet, also rennen Sie zum Computer – bloß nicht gehen – und melden Sie sich freiwillig, um etwas beizusteuern. Nicht schüchtern sein!

Vielen Dank im Voraus. Ich bin mir sicher, dass die Beteiligung überwältigend sein wird. Reaktionszeiten werden notiert.

Jennifer

Als ich gerade meinen Laptop zuklappe, kommen meine zwei Lieblingsmänner zur Hintertür herein.

»Mom! Das Zelt steht!«, schreit Max, obwohl ich direkt vor ihm sitze.

»Schon? Super. Seid ihr sicher, dass ihr das machen wollt?« Meine Frage richtet sich eigentlich an Ron – er ist derjenige mit der fünfzig Jahre alten Wirbelsäule.

»Campen ist bei den Dixon-Männern eine seit langer Zeit gepflegte Tradition«, sagt mein Ehemann.

Max nickt feierlich. Ich weiß, dass er ganz wild auf dieses Campingabenteuer ist, aber es ist schwer, ihn ernst zu nehmen, wenn er Sombrero und Poncho trägt.

»Und außerdem«, fügt Ron hinzu, »steht da draußen ein Kodiak Canvas Flex-Bow Deluxe. Mit diesem Baby könnten wir ein Basislager errichten, stimmt’s, Kumpel?«

Ich verdrehe die Augen. Ich weiß, dass er damit unseren Lebensunterhalt verdient, aber ich kann noch immer nicht glauben, wie sehr sich Ron für jede Art von Sportausrüstung begeistert. Max hingegen setzt sein Pokerface auf. Er ist nicht so wirklich ein Draußensport-Kind, aber seinem Dad zuliebe versucht er, eins zu sein. Manchmal macht mir das Sorgen. Die zwei haben vor, diesen Freitag im Garten zu zelten.

Ich zucke mit den Schultern. »Wenn ihr meint. Wundert euch nur nicht, wenn es da draußen ein bisschen kühl wird. Ihr hättet die Aktion im August starten sollen.«

»August, Schmaugust«, spöttelt Ron. »Wir sind Dixon-Männer. Außerdem schlafen wir im Nemo Nocturne 15.« Er sieht mich erwartungsvoll an, aber ich zeige keine Reaktion.

»Ich lasse zumindest die Hintertür auf, für alle Fälle.« Ich zwinkere meinem Sohn zu. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, aber ich meine, er sieht erleichtert aus.

An: JDixon

Von: SCobb

Datum: 19. September

Betreff: Elternabend-Party

Liebe Jennifer,

Sie haben gar nichts zum Thema »Nahrungsmittelallergien« geschrieben. Mein Sohn Graydon Cobb reagiert HOCHGRADIG allergisch auf Erdnüsse, Milchprodukte, Weizen, Gräser, Weizengras, Schokolade und Staub in der Luft. Bitte sorgen Sie dafür, dass keins dieser Dinge im Klassenraum auftaucht.

Shirleen Cobb

An: SCobb

Von: JDixon

Datum: 19. September

Betreff: Elternabend

Liebe Shirleen,

da der Elternabend nur für die Eltern ist, habe ich mir über Nahrungsmittelallergien keine Gedanken gemacht. Aber aus Ihrer Nachricht geht hervor, dass es sehr schlecht um Graydon bestellt ist und er jeden Augenblick umfallen könnte. Wie groß ist eigentlich die Seifenblase, in der er zur Schule kommt?

Jennifer

Warum nur ist immer die Mutter mit dem allergischsten aller Kinder selbst eine taube Nuss? Ja, ja, mir ist schon klar, dass Allergien eine ernsthafte Angelegenheit sind. Sogar lebensbedrohlich sein können. Darüber macht man keine Witze. Aber wann ist das alles passiert? Wann wurde Erdnussbutter in der Grundschule zum Äquivalent für Milzbrand? Als ich in der zweiten Klasse war, saß ich neben einem Kind namens Alan Ervine, der die ganze Zeit nach Erdnussbutter roch. Ich bin überzeugt davon, dass er sie sich wie Parfum hinter die Ohren tupfte. Niemand in unserem Klassenzimmer hatte damit ein Problem. Aber für uns ist die Verbannung der Erdnussbutter ein Problem, weil Max nichts anderes essen wird als Jennifers Erdnussbuttersandwiches. Im Namen der Erdnussbutter: Irgendjemand muss sich dieser Sache annehmen. Ich würde es gerne selbst machen, aber Sie wissen ja, wie schwer beschäftigt ich als Elternsprecherin bin.

3. Kapitel

An: Eltern

Von: JDixon

Datum: 21. September

Betreff: Hallo? Hat irgendwer meine letzte E-Mail gelesen?

Liebe Klasse von Miss Ward,

schockiert? Entsetzt? Nein, »enttäuscht« beschreibt am besten, wie ich mich nach der weniger als angemessenen Reaktion auf meinen Aufruf zur Beteiligung fühle. Nur zwei Personen haben sich zurückgemeldet. Sasha Lewicki war mit einer automatischen Antwort und einer beeindruckenden Reaktionszeit von 11 Sekunden die Erste. Und Jackie Westman hielt mich auf dem Parkplatz an, um mir zu sagen, dass sie Pappbecher mitbringt. Hört zu, Leute, wir werden ZWEI STUNDEN lang in diesem Klassenraum sein. Meinen Sie nicht, dass wir zumindest Wasser brauchen, ganz zu schweigen von Alkohol? Also ran an den Computer und freiwillig melden. Und zwar pronto!

Meine Güte!

Jennifer

PS: Reaktionszeiten werden notiert.

Ich klicke auf Senden. Das ist der Teil des Elternsprecheramtes, den ich am meisten hasse: die Leute anbetteln, etwas mitzubringen. Alle denken immer, dass sich schon jemand freiwillig melden wird, und am Ende bleibt alles an der Elternsprecherin hängen.

»Tja, falscher Zeitpunkt, meine kleinen Vorschulelterchen«, sage ich zu meinem Spiegelbild im Computerbildschirm. »In diesem Jahr werde ich euch so sehr beschämen, dass ihr euch alle beteiligt. Haha!«

»Führst du wieder Selbstgespräche?«

Der unerwartete Klang der Stimme meines Mannes lässt mich zusammenfahren. »Was machst du hier? Ich dachte, die Dixon-Männer harren heute Nacht im Garten aus.«

»Wir haben auch ausgeharrt – bis ein Eichhörnchen aufs Zelt gesprungen ist. Max ist ausgeflippt, also habe ich ihn reingebracht.«

Ich kann Ron die Enttäuschung ansehen. »Er liegt in seinem Bett?«

»Und schläft tief und fest. Und sieh uns mal an: Zehn Uhr abends, und wir haben nichts zu tun.« Er schlendert zum Bett herüber, wo ich mit dem Computer sitze.

»Wer sagt, dass ich nichts zu tun habe?«

»Ich«, erwidert er und beugt sich zu mir, um mich zu küssen. »Ich will sehen, was ich von den dreißig Dollar habe, die Garth pro Stunde bekommt.«

»Bislang nicht mehr als ordentlich Muskelkater.« Ich weiche seinem Kuss aus und rolle mich auf die andere Seite vom Bett. Ron folgt mir.

»Was machst du denn?«, frage ich.

»Wonach sieht es denn aus?« Er beobachtet mich genau.

»Es sieht so aus, als hättest du den Wink nicht verstanden«, feuere ich zurück.

Er sieht verletzt und neugierig aus, als er sich aufsetzt. »Was ist los?«

Das ist in der Tat eine gute Frage. Mein attraktiver Ehemann will Sex mit mir, und ich reagiere total zickig. Aber es ist nun mal so: Ich habe mich wirklich auf diesen Abend gefreut. Ich liebe Ron abgöttisch, aber manchmal ist es auch schön, etwas Zeit für sich zu haben. Ich habe es mir so schön ausgemalt, alleine in unserem Kingsizebett zu liegen – ohne jemanden neben mir, der schnarcht oder mir die Decke klaut. Und jetzt kommt es nicht dazu, und ich bin genervt. Nein, ich bin enttäuscht, aber verhaltenstechnisch kommt es aufs selbe raus.

»Ich habe einfach nicht mit dir gerechnet, das ist alles.« Ich weiß, dass meine Erklärung schwach klingt.

»Du hast nicht mit mir gerechnet?« Er steht hastig vom Bett auf. »Wäre es dir lieber, ich würde wieder ins Zelt gehen?«

Also, eigentlich schon, denke ich, aber ich sage es nicht laut. Stattdessen stehe ich auf und gehe zur Tür. »Ich sehe mal nach Max.«

Als ich gehe, frage ich mich selbst, woher zum Teufel das jetzt kam.

An: Eltern

Von: JDixon

Datum: 23. September

Betreff: Gut gemacht

Liebe Klasse von Miss Ward,

vielen Dank, dass Sie endlich auf meinen Ruf nach Unterstützung reagiert haben. Wer hätte gedacht, dass so viele von Ihnen Rezepte für Spezial-Brownies haben?

Die Verteilung sieht wie folgt aus:

Mini-Quiches – Dixons, Elders

Käseplatte – Changs (bitte inklusive Crackern)

Gemüseplatte – Wolffes

Wein – Batons (… die Franzosen sind; wir erwarten also guten Stoff)

Cookies – Kaplans

Wasser mit und ohne Kohlensäure – Zalis

Brownies – Fancys

Pappteller/Servietten – Aikenses

Pappbecher – Westmans

Der Rest von Ihnen ist bei dieser Party noch mal ohne Engagement davongekommen, aber denken Sie bloß nicht, dass eine langsame Reaktionszeit Sie davor bewahrt, irgendwann auch mal was beizusteuern.

Bitte bringen Sie am Elternabend alles VOR 18:30 Uhr in die Klasse. Miss Ward möchte, dass alles fertig ist, bevor sie mit ihrer Präsentation beginnt.

Okay. Das ist alles. Bis dann.

PS: Die Reaktionszeiten sind schwach, Leute, SCHWACH! Ich werde Sie nicht bloßstellen, indem ich die Zeiten veröffentliche, zumindest nicht DIESES MAL. Aber Sie sollen wissen, dass ich eine Liste führe. Eine Liste, auf der ganz bestimmt keiner von Ihnen stehen möchte.

Ich sehe auf meine Uhr und stelle fest, dass mir noch genau vier Minuten bleiben, bis Garth zehn Minuten zu früh zu unserem Work-out eintreffen wird. Ich weiß, wie zuverlässig er ist. Während ich meine Trainingssachen anziehe, werde ich daran erinnert, wie hart er mich bei unserer letzten Einheit rangenommen hat. Alles schmerzt leicht. Nicht so sehr, dass ich entkräftet bin, aber genug, dass mir bewusst ist, was mein Körper geleistet hat. Es ist, als wäre ich niemals bei Curves gewesen! Ich nehme mir vor, denen ein paar deutliche Worte zu ihren falschen Versprechungen zu schicken.

Ich bin etwas angespannt, weil heute Abend der Elternabend in der Schule ist. Zum ersten Mal muss ich mich den anderen Eltern persönlich als Elternsprecherin präsentieren, und ich bin nervös. Obwohl ich das früher häufig gemacht habe – diesmal ist es etwas anderes. Diesmal interessiert mich tatsächlich, was die anderen Eltern von mir halten. Fragen Sie mich nicht, warum, aber es ist so. Wie gerne wäre ich noch mal sechsundzwanzig und so überzeugt davon, was richtig ist, dass ich dem Establishment im Geiste den Stinkefinger zeige.

Die Türklingel unterbricht mein Grübeln, und ich laufe nach unten, um Garth hereinzulassen.

»Was ist denn heute mit dir los?«, schwärmt Garth, als ich noch ein Set Liegestützstrecksprünge mit dem lustigen Namen Burpees mache. Das Gesieze haben wir noch während der ersten Trainingseinheit abgelegt.

Ich zucke die Schultern. »Nervöse Energie, nehme ich an.« Ich bin wirklich wie in Trance.

»Und warum bist du nervös?«

»Heute ist Elternabend in der Schule meines Sohnes.«

»Und?«, erwidert Garth. Er war eindeutig noch nie bei so etwas dabei.

»Na ja …«, fange ich an.

»Erzähl es mir, während du Crunches machst«, schlägt Garth vor.

Ich lege mich mit dem Rücken auf die Matte. Garth sitzt auf dem großen Gymnastikball. Ich fange mit den Bauchübungen an.

»Ich habe zu Beginn des Schuljahres eine E-Mail verschickt, die eigentlich lustig sein sollte, aber irgendwie habe ich damit ein paar Leute verärgert und angegriffen. Früher waren mir solche Dinge egal, aber heute ist das anders.« Meine Erklärung kommt in einer Art Grunzen heraus, während ich meine Mitte trainiere.

»Achtzehn, neunzehn, zwanzig. Gut, Pause. Warum ist dir das nicht mehr egal?«, fragt Garth jetzt vom Ball aus.

Ich liege da und denke nach. »Na ja, ich …«

»Erzähl es mir beim nächsten Satz Crunches«, unterbricht er mich.

»Mein Gott, okay!«, bringe ich stöhnend hervor. »Ich glaube, jetzt ist es mir wegen Ron nicht mehr egal. Als Vivs und Laura klein waren, war ich alleinerziehend. Ich glaube, damals hatte ich das Gefühl, etwas beweisen zu müssen. Außerdem war ich jung und dumm.« Ich lasse mich auf den Rücken fallen.

»Noch ein Satz, aber mit dreißig«, sagt Garth.

Ich rolle mich auf die Seite und sehe ihn an. »Heute ist mir bewusst, dass alles, was ich tue, sage und schreibe, sich auch direkt auf Ron und Max auswirkt. Als ich früher Krieg gegen die gesamte Welt geführt habe, habe ich nicht richtig an Vivs und Laura gedacht. Aber allmählich wird mir klar, warum sie immer wütend auf mich gewesen sind.«

»Hört sich so an, als würdest du erwachsen werden«, erwidert Garth mit mehr als wenig Weisheit in der Stimme.

»Wird ja auch Zeit.« Ich lächle und mache mit den Crunches weiter.

4. Kapitel

Als ich gerade die Klassenliste fertig ausgedruckt habe, die ich beim Elternabend verteilen will, klingelt das Telefon.

»Mrs. Dixon?«

»Hallo Ashley. Bist du schon auf dem Weg?«

»Ich kann heute Abend nicht babysitten. Meine Mom sagt, ich muss mich auf die Schule konzentrieren und Sie müssten das einfach akzeptieren.«

Ich verdrehe die Augen. Man muss Ashley einfach lieben. Sie ist die ungeeignetste Babysitterin aller Zeiten. Erinnert mich an mich. »Hm, da lässt du mich heute Abend ja schon ein bisschen hängen. Wir haben einen Termin in Max’ Schule.«

»Ja, ich weiß, aber meine Mom meinte, ich soll Ihnen sagen, dass ich krank bin. Äh … wahrscheinlich sollte ich das als Erstes sagen.«

»In Ordnung, alles klar. Sag deiner Mom ›Danke‹ von mir.«

»Okay, ciao.«

Verdammt. Ashley kommt so gut mit Max klar. Zu schade, dass ich ihren siebzehnjährigen Hintern feuern muss.

»Ron!«

»Meine Güte, was ist? Ich bin doch direkt hier.«

Seit dem Campingabend ist die Stimmung bei uns etwas angespannt. Ich weiß, dass er noch immer auf irgendeine Erklärung wartet. Und ich warte immer noch darauf, dass mir eine einfällt.

»Ashley hat gerade abgesagt. Einer von uns muss also zu Hause bleiben. Ich stimme für mich.«

»Und ich stimme für mich«, kontert Ron. »Ich weiß, dass wir irgendwo in unserem Ehevertrag geregelt haben, dass ich bei so was den Vortritt habe.«

Ich will widersprechen, aber ich weiß, dass er recht hat. Als Elternsprecherin muss ich anwesend sein, um Hände zu schütteln, Babys zu küssen und über den Weltfrieden zu sprechen. Ach nein, Moment, das ist der Job des Präsidenten. Ich muss einfach nur da sein.

»Max!«

»Mommy, ich bin hier. Warum schreist du so?« Er steht mit einer Federboa um den Hals und einem Piratenhut auf dem Kopf hinter mir.

»Entschuldige, ist eine Angewohnheit von mir. Ashley ist krank oder muss Hausaufgaben machen oder so was. Deshalb bleibt Dad mit dir zu Hause, während ich deine Lehrerin treffe.«

»Okay. Kann ich fernsehen?«

»Ich würde sagen, deine Chancen stehen ziemlich gut.«

»Ja! Grüß Miss Ward von mir. Ich liebe sie.«

»Ach ja?«

»Jep.«

»Na gut.«

Ich gebe Max fünf Küsschen, schnappe mir die zwei Platten voll Miniquiches, die ich versprochen habe mitzubringen, und gehe zur Tür hinaus.

Man muss den Klassenraum von Miss Ward sehen, um es zu glauben. Stellen Sie sich die TV-Kinderserie Pee-wee’s Playhouse vor und speien Sie dann allen möglichen Disney-Mist darüber. Es gibt keinen Zentimeter, der nicht von buntem, ähm, Kram bedeckt ist.

Beinahe hätte ich Miss Ward gar nicht gesehen, die an ihrem Tisch sitzt und gerade Lippenstift auflegt. Sie trägt einen violetten Mini-Lederrock und einen knallengen pinkfarbenen Pulli mit tiefem V-Ausschnitt. Ihre blonden Haare hat sie in einem unordentlichen Pferdeschwanz zurückgebunden. Der beste Teil ihres Aufzugs sind die schwarzen Overknee-Stiefel. Es sind zwar keine Stilettos, aber sie lassen sie trotzdem wie eine lebensgroße Bratz-Puppe aussehen.

Als ich auf sie zugehe, frage ich mich, was mit Schwester Mary Perfect passiert ist.

»Hallo Miss Ward.«

Sie springt auf und umarmt mich. »Jenny! Ich freue mich ja so, dass Sie da sind! Sind das die Miniquiches? Lecker. Wann kommen denn alle? Ich bin schon seit einer Stunde fertig.«

»Sie müssten jede Minute hier sein.« Ich stelle meine Tabletts neben eine beeindruckende Platte mit Sushi auf den Tisch. »Super, haben Sie das mitgebracht?«, frage ich etwas zu laut.

»Nein. Das hat Nadine Lewickis Mutter geschickt. War das nicht süß von ihr?«

»Sehr.« Ich bin wirklich beeindruckt. Nach all den automatisierten Antworten aus dem Büro hätte ich nicht gedacht, dass Sasha meine E-Mails gelesen hat. Nicht, dass ich um Sushi gebeten hätte, aber trotzdem.

»Max sagt, dass Nadine noch gar nicht im Unterricht gewesen ist. Ist alles in Ordnung mit ihr?«

Miss Ward scheint von der Frage überrascht zu sein. »Na ja, darüber darf ich eigentlich nicht sprechen. Aber ihre Mutter und ich stehen in engem Kontakt.«

»Anscheinend arbeitet ihre Mutter ziemlich viel. Ach, ich soll Sie übrigens von Max grüßen. Er sagt, er liebt …«

»Ähm … Jenny?« Auf einmal hat Miss Ward diesen »Ich bin eine Lehrerin, also nehmen Sie mich ernst«-Ausdruck auf dem Gesicht. »Könnten Sie einfach respektieren, dass hier heute Abend eine Kennenlernparty stattfindet und es nicht der richtige Zeitpunkt ist, um über persönliche Themen und Ihr Kind zu sprechen?«

Ich öffne den Mund und schließe ihn wieder. Ich bin sprachlos – und glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass das nicht oft vorkommt. Aber erst in diesem Moment bemerke ich den verrückten Blick. Miss Ward hat einen verrückten Blick. Den kenne ich von Rons Exfrau Cindy. Es macht keinen schlechten Menschen aus ihr, aber es ist definitiv erwähnenswert.

»Tut mir leid. Sie haben recht. Ich hebe mir meine Gedanken für den Elternsprechtag auf.«

An dieser Stelle trudeln allmählich die anderen Eltern ein, und ich bin damit beschäftigt, die Gastgeberin zu spielen.

»Sind Sie die Elternsprecherin?«, höre ich eine atemlose Stimme hinter mir.

Ich drehe mich um. Da steht eine große Frau mit kurzen roten Haaren, die keucht und röchelt, als ob sie gerade vom Parkplatz hergerannt wäre. Sie trägt einen orangefarbenen gerippten Pullover und einen braunen Rock. An ihrem Pulli prangt ein großer Button mit dem Aufdruck »Kein Witz.« Aus der Kampagne gegen Mobbing wegen Lebensmittelallergien.

»Ja, guten Abend, ich bin Jennifer Dixon. Und Sie müssen Shirleen Cobb sein.«

Sie sieht erschrocken aus. »Woher wissen Sie das?«

»Der Anstecker. Allergien. ›Kein Witz‹«, sage ich ernst.

»Tja, genau. Genau darüber möchte ich mit Ihnen sprechen. Ich denke, Sie müssen …«

Zum Glück bewahrt mich eine andere Mutter davor, herauszufinden, was ich tun »muss«, indem sie mich fragt, wo sie die Brownies hinstellen soll. Ich entschuldige mich bei Shirleen und zeige einer dünnen, komplett in Schwarz gekleideten Blondine, wo sie ihre Mitbringsel abstellen kann.

Und so beginnt er – mein erster Abend mit den anderen Vorschuleltern. Ich bin eindeutig diejenige in der Gruppe, die, sagen wir mal, am meisten gereift ist. Die meisten Pärchen sehen aus wie Anfang dreißig.

Als ich mich im Raum umblicke, fällt mir drüben beim Geburtstagskalender ein extrem großes Paar auf. Ich finde es schön, wenn große Menschen zueinanderfinden. Kleine Menschen natürlich auch, obwohl mir ihre Kinder leidtun, weil sie, seien wir doch ehrlich, keine Chance haben. Die blonde Frau mit den Brownies tuschelt mit einer anderen Frau, die ebenfalls ganz in Schwarz gekleidet ist. Sie stecken die Köpfe zusammen, während sie Miss Wards Outfit studieren. Die zwei Männer neben ihnen müssen ihre Ehemänner sein. Einer von ihnen sieht sehr gut aus. Hmm … Und er mustert Miss Ward ebenfalls. Der andere Ehemann scheint sich Wachs aus dem Ohr zu pulen.

Auf der anderen Seite des Raums sieht sich ein Paar das Schildkrötenterrarium an. Sie stehen mit dem Rücken zu mir, und mir entgeht nicht, dass der Typ einen ziemlichen Knackarsch hat. Und während ich noch seinen Hintern bewundere, dreht er sich um, und ich sehe sein Gesicht. Heilige Scheiße! Ich bekomme am ganzen Körper eine Gänsehaut, als ich ihn erkenne. Don Burgess. Er ist so ein Hottie. Die Worte kommen mir in den Sinn, bevor ich sie daran hindern kann, weil man damals in der Highschool nie das eine ohne das andere hörte. »Don Burgess – so ein Hottie.« Es war wie sein vollständiger Name. Heute würde man das mit Hashtag schreiben: #donburgesssoeinhottie.

An jeder Highschool gibt es einen Don Burgess – den einen Typen, mit dem jedes Mädchen zusammen sein will und der von jedem Jungen beneidet wird. Aber Dons Coolness war unerreichbar und zugleich mühelos. Seine Jeans sahen nie neu aus, aber auch nie alt. Er fuhr einen limettengrünen Dodge Charger und kämmte sich die Haare mit den Fingern. Aber das Beste war, dass er soooo rock’n’rollmäßig war. Nicht auf ungepflegte Art, sondern einfach nur supercool. Sein Gesichtsausdruck verriet einem, dass er irgendeinen kosmischen Witz im Sinn hatte, den man nie verstehen würde, weil man dafür niemals toll genug wäre. Wenn er einen auf dem Flur anlächelte, war es, als wären für diesen kurzen Moment die Engel auf die Erde herniedergekommen und hätten einen mit Licht erhellt. Wenn er mit einem sprach, vergiss es. Ich erlebte das zum ersten Mal in meinem ersten Jahr an der Highschool, als er mich in der Cafeteria versehentlich anrempelte und sagte: »Uuups! Sorry, Jen.« Ich hatte das Gefühl, von einem Truck überrollt zu werden. Er wusste, wie ich hieß! Ich reagierte, als hätte er mich gefragt, ob ich mit ihm auf den Abschlussball gehen wollte. Eine Woche lang schwebte ich wie auf Wolken.

»Kennen wir uns nicht?«

Ich blicke hoch, und er steht direkt vor mir – aschblonde Haare, grüne Augen und genau das richtige Maß Bartstoppeln. Heilige Scheiße. Warum steht einigen Männern das Älterwerden nur so verdammt gut?

Ich kichere nervös und vollkommen unbeholfen.

»Hallo Don. Ich bin’s: Jen Burgess. Äh. Ich meine, Jen Howard.« Ich will gar nicht wissen, wie rot ich gerade bin.

»Jen! Das gibt’s ja nicht!«

Ich kichere wieder und versuche, meinen Puls unter Kontrolle zu bringen.

»Wow. Du siehst umwerfend aus!«, sagt er.

Er beugt sich nach vorn, um mich zu umarmen, und eine Brise Polo von Ralph Lauren katapultiert mich ohne Umwege zurück in die Flure der East High. Das war sein Duft, und er hing immer gute dreißig Sekunden in der Luft, wenn er an einem vorbeigegangen war. Jetzt hatte ich ihn auf meiner Kleidung. Mein normales Ich würde denken, wie seltsam und erbärmlich es war, dass er noch immer sein Highschool-Parfum benutzt, aber ganz offenbar ist mein normales Ich nirgendwo in Sicht. Ich weiche zurück und versuche, mich cool zu verhalten.

»Hast du ein Kind hier in der Klasse?« Ich finde, es ist immer gut, nach dem Offensichtlichen zu fragen.

»Jep. Lulu. Und du?«

»Max.« Ich sehe mich um, um herauszufinden, ob irgendjemand mitbekommt, dass ich mich mit Don Burgess (er ist so ein Hottie) unterhalte. Als ob es irgendwen interessieren würde.

»Dann bist du verheiratet?«

»Ja. Mein Mann ist zu Hause mit Max. Unsere Babysitterin hat abgesagt. Deshalb musste ich alleine kommen. Ansonsten hätte er mich natürlich begleitet.« Sei still, schändliches Plappermaul, sage ich zu mir selbst.

»Cool. Ali – das da drüben ist Ali.« Er zeigt auf die Frau, die immer noch die Schildkröten betrachtet. Sie winkt.

»Wir sind nicht verheiratet, aber wir ziehen Lulu gemeinsam groß. Ich glaube, das klappt.« Er zuckt mit den Schultern und schenkt mir sein typisches Don-Burgess-»er ist so ein Hottie«-Lächeln.

Mir ist schwindelig. Als wäre ich zu lange in der Sonne gewesen. Mir wird klar, dass ich mich besser vom Acker machen sollte, wenn ich mich nicht zum Vollidioten machen will.

»Ich muss mich ein wenig unter die Leute mischen …«, sage ich und mache die ersten Schritte von ihm weg.

»Erinnerst du dich noch an den Wäscheraum in der Turnhalle?«

Natürlich erinnere ich mich an den Wäscheraum in der Turnhalle, hätte ich am liebsten geschrien, doch stattdessen antworte ich mit diesem geistreichen Kichern, das ich mir neuerdings angewöhne, und zeige ihm … den Daumen. Hätte ich noch bescheuerter reagieren können?