Die Engel der Loire - Juliette Barret - E-Book

Die Engel der Loire E-Book

Juliette Barret

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine bewegende Geschichte über die Macht der Liebe und ein lang gehütetes Familiengeheimnis Als die junge Marie auf das Weingut ihres verstorbenen Vaters reist, ahnt sie nicht, dass sie dort ihre Jugendliebe André wiedertreffen wird. Die alten Gefühle flammen wieder auf – doch Marie gehört nach Paris zu ihrem Verlobten, und André liebt eine andere Frau. Doch einfach abreisen kann Marie nicht, denn das wunderschöne Anwesen im Tal der Loire steht kurz vor einer Zwangsversteigerung. Da entdeckt Marie die Tagebücher ihres Vaters und in ihnen ein lang gehütetes Familiengeheimnis. Ein Roman über große Gefühle und die einzig wahre Liebe Wer Corina Bomann und Lucinda Riley mag, wird dieses Buch lieben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die Autorin Juliette Barret lebt mit ihrer Familie an der schönen Schwarzmeerküste. Inspiriert von der Geschichte und der reichen Kultur Frankreichs arbeitet Juliette Barret seit zwei Jahren an ihrem Projekt »Geschichten aus dem Königstal«. Der erste Roman der Reihe ist Die Engel der Loire.

Das Buch Als die junge Marie auf das Weingut ihres verstorbenen Vaters reist, ahnt sie nicht, dass sie dort ihre Jugendliebe André wiedertrifft. Trotz wieder aufflammender Gefühle gehört Marie nach Paris zu ihrem Verlobten, und André liebt eine andere Frau. Doch einfach abreisen kann Marie nicht, denn das wunderschöne Anwesen im Tal der Loire steht kurz vor einer Zwangsversteigerung. Da entdeckt Marie die Tagebücher ihres Vaters und in ihnen ein lang gehütetes Familiengeheimnis.

Juliette Barret

Die Engel der Loire

Roman

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Deutsche Erstausgabe bei Forever Forever ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Dezember 2014 (1) Copyright der deutschen Erstausgabe © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2014 © Fotina Georgieva (2014). Alle Rechte vorbehalten. Aus dem Bulgarischen von Sdravka Evstatieva Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München Titelabbildung: © Finepic® Autorenfoto: © privat

ISBN 978-3-95818-021-5

Alle Rechte vorbehalten.

Rechts von der Straße konnte man die Loire sehen, den Königsfluss, wie sie von Dichtern und Schriftstellern genannt wurde, und drüben, auf dem gegenüberliegenden Ufer in der Ferne, lag der Gutshof mit seinen weiten Feldern und Wäldern. Es war ein majestätischer Ausblick, der sich ihren Augen bot, und die alten Erinnerungen übermannten sie auf einmal.

Marie bog langsam ein, fuhr über die alte Brücke und kam am Château Chandor an. Vor ihr breitete sich eine unglaubliche Landschaft aus. Die Weingärten erstreckten sich bis zum Horizont, der kristallblaue Himmel schmolz irgendwo in der Ferne mit dem Fluss zusammen, die Luft war frisch, kühl, vom Duft ihrer Kindheit durchdrungen. Sie lächelte, fuhr mit der Hand durch ihre blonden Haare, atmete tief ein und schloss die Augen: Wenn sie nur dieses harmonische Gefühl für immer behalten könnte! Zum ersten Mal seit zwei Jahren war sie wieder zu Hause.

Der Gutshof Chandor hatte eine lange Geschichte: Ende des siebzehnten Jahrhunderts erbaut, befand er sich schon seit mehr als vierhundert Jahren im Besitz der Familie Louvière, die einige der besten französischen Weißweine der Rebsorte Sauvignon Blanc produzierte.

Das Schloss war das ganze Leben ihres Vaters gewesen. Alles sah noch so aus, wie sie es in Erinnerung hatte – als ob die Zeit stehen geblieben wäre, ihr Vater noch da wäre und sich liebevoll um alles kümmerte und als ob er jeden Augenblick mit dem Traktor eingefahren käme und sie in die Arme nehmen würde. Es war aber unmöglich, dass sich alles wiederholte, es wäre einfach zu schön gewesen, um wahr zu sein.

Sie warten vielleicht schon auf mich, dachte Marie und ging mit schnellen Schritten auf das große steinerne Gebäude zu. Die Eingangstür öffnete sich und eine kleine, mollige, wie eine Hauswirtschafterin gekleidete Frau trat vor und rief fröhlich aus:

»Marie, mein Kind, endlich bist du wieder da!«

»Hallo, Rose, komm, lass dich umarmen!« Marie nahm die ältere Frau sanft in die Arme. »Gut siehst du aus. Wo ist Mama?«

»Christine ist im Wintergarten. Sie wartet schon auf dich seit dem frühen Morgen und wollte endlich etwas Ablenkung. Los, lauf zu ihr, Mädchen! Ich kümmere mich um dein Gepäck, jemand wird es ins Haus bringen.«

Marie beeilte sich zum Wintergarten, der sich in einem Nebengebäude des Schlosses befand. Sie erreichte die Tür und öffnete sie.

»Mutter, Mutter!«

In der entlegenen Ecke neben den großen Zitronenbäumen pflanzte Christine auf einem kleinen Tisch gerade Frühlingsblumen an. Sie war mittelgroß, schlank und hatte strohblonde Haare, die sie im Nacken zu einem Dutt zusammengebunden trug. Sie richtete sich abrupt auf, ihr Gesicht erhellte sich, ihre Augen strahlten.

»Mein Kind, mein liebes Kind!« Christine stürmte zur Tür, umarmte Marie fest und hielt sie lange an ihrer Brust. »Mein Gott, wie ich dich vermisst habe! Komm, lass mich dich ansehen. Du siehst wunderbar aus.«

»Du hast mir auch gefehlt, Mama. Sehr sogar.«

Hand in Hand gingen die beiden zum Haus.

»Jetzt wird Tee getrunken und du erzählst mir, wie es dir geht«, schlug Christine vor, strahlend vor Glück.

Vor dem großen Esszimmer hielt Marie inne. Über dem Kamin sah sie das große Foto – ihr Vater gab ihr Schwung in der Schaukel, die er zu ihrem achten Geburtstag selbst zusammengebastelt hatte. Ihr Blick streifte auch über die anderen Bilder, ihre Augen wurden nass.

»Ich kann mich immer noch nicht an diesen Gedanken gewöhnen, Mama, ich will es einfach nicht wahrhaben, dass Papa nicht mehr da ist, dass er nie wieder zurückkommt.«

Sie ließ sich auf das Sofa nieder, umfasste ihren Kopf mit den Händen und beugte sich nach vorn. Christine setzte sich zu ihr, streichelte ihr sanft über den Rücken und versuchte sie zu beruhigen:

»Weine nicht, mein Kind. Papa wird immer mit uns sein. Wir tragen ihn in unseren Herzen. Er hatte dich sehr lieb und hätte nicht gewollt, dass du leidest. Egal, wie schwer es ist, du musst lernen, mit diesem Schmerz und mit dieser Leere in deiner Seele weiterzuleben und stark zu sein.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür.

»Tee ist fertig«, verkündete Rose mit feierlicher Stimme. »Und dein Lieblingszitronenkuchen auch, Marie«, lächelte sie höflich, servierte den Tee und fuhr mit belehrendem Ton fort: »Na, wie steht’s also um dich, junges Fräulein? Wo steckt dein Marc, wann stellst du ihn uns vor?«

Sie schaute verschwörerisch zu Christine hinüber, die mit einem Lächeln fragte:

»Und, habt ihr schon über die Hochzeit geredet?«

Marie lächelte:

»Ach, Rose, ich habe mich schon gewundert, dass du mit dieser Frage so lange gewartet hast!«

Marie kostete vom Kuchen, er war einfach fantastisch. Sie kannte Rose und ihren Mann François, seit sie denken konnte. Die beiden waren schon seit vielen Jahren im Schloss beschäftigt, Rose war Hauswirtschafterin und François verwaltete die Schlosskellerei und die Weingärten. Sie standen den Louvières sehr nahe und wurden von der Familie nicht als Bedienstete, sondern vielmehr als Teil der Familie betrachtet. Nach dem Tod von Phillippe Louvière blieben sie die Einzigen, auf die sich Christine verlassen konnte. Sie waren schon im Rentenalter, deshalb hatten sie nicht mehr so viele Aufgaben auf dem Schlosshof wie früher. Die beiden wohnten im ersten Stock des Gebäudes. Familie Lemar hatte einen Sohn, André. Er und Marie waren zusammen aufgewachsen, er war fünf Jahre älter als sie. Als kleine Kinder hatten sie oft in den Weingärten herumgetobt, im Wald Versteck gespielt, waren im Fluss baden gegangen, hatten ihre Zeit wunderbar verbracht und waren wie Geschwister gewesen.

»Naja, was soll ich sagen …«, begann Marie. »Eine Hochzeit wird es bestimmt geben. An einen genauen Tag haben wir noch nicht gedacht, aber es wird wahrscheinlich im August sein. Zurzeit hat Marc ziemlich viel um die Ohren, er steht kurz vor dem Abschluss eines großen Geschäfts. Er beschäftigt sich mit Immobilien und so, wie die Dinge jetzt auf dem Markt laufen, muss man vor jeder Entscheidung alles bis ins kleinste Detail prüfen.«

Marie holte tief Luft, atmete schwer aus und fragte sichtlich gereizt:

»Sonst noch irgendwelche Fragen?«

»Aber wieso denn?« Rose zog die Augenbrauen zusammen. »Ist es nicht ein bisschen voreilig, bist du dir sicher, dass er der Richtige ist, habt ihr euch das gut überlegt? Immerhin ist es eine Entscheidung fürs Leben, obwohl ihr als junge Menschen das nicht unbedingt so seht.«

»Rose, er ist reich, schön und schwört, dass er mich liebt. Worin soll ich mir sicher sein? Was braucht eine Frau mehr, um glücklich zu sein?«

»Ach, mein Kind«, seufzte Christine, versuchte zu lächeln und fuhr fort: »Keiner der Gründe, die du genannt hast, ist schwerwiegend genug, um eine solche Entscheidung zu treffen. Aber du hast es dir bestimmt gut überlegt und weißt, was du tust. Erlaube jetzt deiner alten Mutter, dir etwas zu sagen. Die Liebe, mein Mädchen, ist ein Segen, nur sie allein kann dich durch die Wirrnisse des Lebens bringen, und nur sie kann dir eine Stütze sein auf dem Weg, der mit viel Freude, aber auch mit vielen Schwierigkeiten und Hindernissen übersät ist, von denen du nichts geahnt hast und auf die du nicht vorbereitet bist. Das Leben, Marie, ist unvorhersehbar, man kann nie wissen, welche Überraschungen das Schicksal für uns bereithält. Wichtig ist, dass der Mann an deiner Seite dich unterstützt und achtet. Alles andere ist vergänglich und unbeständig.«

Marie wurde nachdenklich, sagte aber nichts. Sie nippte an ihrem Tee. Dieser unglaubliche Duft und der unverwechselbare Geschmack riefen sehr angenehme Gefühle in ihr hervor. Sie entspannte sich, sie war wieder zu Hause. Sie unterhielten sich noch eine Weile, dann ging Marie auf ihr Zimmer.

Rose war dabei, das Teegeschirr wegzuräumen, hielt kurz inne und wandte sich an Christine:

»Wie findest du sie? Diese Heirat kommt mir ein bisschen zu schnell vor, was meinst du?«

»Ich weiß es nicht. Diese Nachricht hat mich unvorbereitet getroffen; obwohl die beiden schon seit längerer Zeit zusammenleben, hat sie ihn kein einziges Mal hierhergebracht. Sie schien mir etwas angespannt, warten wir bis heute Abend ab. Sie weiß ja nicht, dass André zurück ist, das wird eine große Überraschung für sie sein. Die beiden standen sich schließlich sehr nahe.«

»Ja, sehr nahe, zu nahe sogar, bis André diese Giftschlange Natalie kennengelernt hat.« Rose ging zur Küche und hörte nicht auf, halblaut vor sich hin zu schimpfen.

Christine blieb noch einige Zeit da, in Gedanken versunken, dann zog sie sich auf ihr Zimmer zurück.

Marie lag in ihrem großen Bett und starrte auf die Decke. Das Zimmer war geräumig und hell, stilvoll eingerichtet, alles darin trug die typischen Züge der Renaissance. An die Wände waren herrliche Bilder gemalt: Schöne Frauen in seidenen Kleidern spazierten in den Parkanlagen und um die Wasserbrunnen von Schloss Versailles herum, in eleganter männlicher Begleitung. Schwere Samtgardinen in Blassrosa verliehen dem Raum zusätzlichen Charme. Alte weiße Möbelstücke mit goldfarbenen Ornamenten erinnerten an die lange Vergangenheit von Schloss Chandor. Auf der großen Kommode standen die Lieblingspuppen und Lieblingsstofftiere von Marie. Vor dem großen Kosmetikschrank konnte sich jede noch so anspruchsvolle Dame bequem herrichten, darüber war an der Wand ein schöner ovaler Spiegel mit reich dekoriertem Rahmen aufgehängt. Auf dem Kosmetikschrank stand ein altes Schmuckkästchen, ein Geschenk von ihrer Großmutter. Neben dem alten Stück hatte die einzige Tochter von Phillippe und Christine auch eine schöne Perlenkette, dazu eine Brosche und Ohrringe geschenkt bekommen, die seit vielen Jahren der Familie gehörten.

Marie griff nach ihrem Handy und wählte Marcs Nummer, sie hatte vergessen, ihn anzurufen. Die Zeit war so schnell verflogen. Sie musste sich zum Abendessen frisch machen. Onkel François hatte sie noch nicht gesehen, vielleicht war er den ganzen Tag in der Kellerei gewesen. Früher war er die rechte Hand ihres Vaters, jetzt musste er sich wahrscheinlich allein um alles kümmern. Christine hatte ja nie Interesse gezeigt, die Kellerei allein weiterzuführen. Ihre Lieblingsbeschäftigung war ganz anderer Natur – sie liebte die Blumen.

Marc ging nicht ans Telefon. Merkwürdig, dachte Marie, vielleicht meldet er sich ja später zurück.

Das heiße Wasser von der Dusche floss an seinem Körper herab. Marc stand mit geschlossenen Augen da und versuchte, wenigstens für ein paar Minuten das Denken abzuschalten. Alles war außer Kontrolle geraten. Die Finanzen der Firma liefen nicht gut. Ein paar unüberlegte Schritte bei dieser globalen Finanzkrise, er hatte sich verspekuliert und das Unternehmen stand kurz vor der Insolvenz. Er drehte den Hahn für kaltes Wassers auf, hoffte, dass die eisige Dusche ihm helfen würde, sich besser zu fühlen. Nach dem Gespräch mit den Investoren, denen er viel Geld schuldete, war er in die Bar nahe der Firma gegangen, die er oft besuchte. Dort hatte er Freunde oder eher Bekannte getroffen, mit denen er ein paar Gläschen über den Durst trank; dort hatte er auch die junge Frau aufgegabelt, mit der er mit Tequila angestoßen und die er dann später mit in die Wohnung genommen hatte.

»Marc, dein Telefon klingelt«, rief die halbnackte Schönheit, während sie die Badtür öffnete.

Er drehte rasch den Wasserhahn zu, legte das Handtuch um seine Hüften und trat aus dem Bad. Er schüttelte sein rabenschwarzes Haar und riss das Telefon aus der Hand der jungen Frau. Gut sah er aus, sehr gut sogar, sportlich und schön, von jenem Typ Männer, nach denen alle Frauen verrückt sind.

Verdammt ‒ Marie, schimpfte er lautlos, was sollte er ihr sagen, er hatte ihr seine finanziellen Probleme verschwiegen, seinem Vater übrigens auch, aber es war schon alles vorbei. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Bank, die Investoren und alle anderen, denen er Geld schuldete, das ganze Vermögen des Unternehmens und auch den alten Familiensitz am Rande von Paris, wohin sich seine Eltern zurückgezogen hatten, beschlagnahmen würden. Ihm blieb nicht sehr viel Zeit – ein, vielleicht zwei Monate und sein Vater würde von seinem Riesendesaster erfahren. Er beschloss, die Heirat mit Marie zu beschleunigen, wer weiß, vielleicht könnte ihn das Erbe, das sie nach dem Tod ihres Vaters bekommen hatte, retten. Es war aber sehr schwierig zu erfahren, wie es um die Finanzen von Schloss Chandor stand, jedes Mal, wenn er ein Gespräch darüber anfangen wollte, brach sie in Tränen aus und das war es dann. Aber es war unmöglich, dass eine so alteingesessene Familie wie die Louvières kein Geld hatte oder wenigstens etwas, das viel Geld bringen könnte. Er hatte sich nach dem Kaufpreis des Schlosses erkundigt, jetzt war Marie die einzige Besitzerin. Und wenn er es schaffte, seine Karten richtig einzusetzen, könnte es klappen.

»Was machst du noch hier? Verschwinde! Hau ab!«, brüllte Marc die junge Frau an.

Er zündete sich eine Zigarette an, grundsätzlich war er kein Raucher, aber heute hatte er sich in der Bar eine Schachtel gekauft; er schenkte sich einen großen Whisky ein und starrte aus dem Fenster. Vor ihm waren der Eiffelturm, die Seine und ein großer Teil der Stadt zu sehen. Die Wohnung befand sich in einem der höchsten und modernsten Gebäude in Paris. Wahrscheinlich würde sie ihm bald nicht mehr gehören, es sei denn, ein Wunder geschahn. Seit einigen Tagen dachte er an David Hale, seinen ehemaligen Kommilitonen von der Uni, ein Engländer, der in Frankreich lebte, Wein produzierte und mit Immobilien handelte; er war sehr reich, vielleicht würde er sich für Schloss Chandor interessieren.

André verabschiedete sich von den Helfern und ging in den Weinkeller. Er hatte einen schweren Tag hinter sich. Er setzte sich in das alte Arbeitszimmer von Phillippe Louvière und vertiefte sich in die Bücher. Seit zwei Monaten hatten sie keine Löhne mehr gezahlt. Das letzte Jahr hatte eine kümmerliche Ernte gebracht. Die starken Regenfälle und Hagel hatten nicht nur den halben Ernteertrag vernichtet, die Rebstöcke selbst waren ziemlich angeschlagen und die Weingärten an der Loire waren vom über die Ufer getretenen Fluss weggeschwemmt worden. Das Geld, das er vom Verkauf des Weines bekommen hatte, war schon alle. Christine wollte ihn nicht hören, wenn er sie auf die Probleme der Kellerei ansprach, sie sah ihn nur mit leerem Blick an und murmelte etwas in der Richtung: »Tu das, was auch Phillippe getan hätte, du kennst die Kellerei gut, du wirst schon wissen, was zu tun ist.« Sie begriff nicht oder wollte einfach nicht begreifen, dass das unmöglich war. Die ganze Ausrüstung, alle Gerätschaften mussten erneuert werden, es brauchte eine große Investition, um die Weinkellerei Chandor wieder wettbewerbsfähig zu machen. Auf dem Markt gab es viele Weine zu niedrigen Preisen. Die Händler schienen sich nicht mehr so sehr für die Qualität zu interessieren, sondern vielmehr für den niedrigen Preis. Als ob es keine Bedeutung mehr hatte, dass dieser einmalige Geschmack ausschließlich im Tal der Loire anzutreffen war. Wenn der alte Louvière noch am Leben gewesen wäre, hätte er es nie zugelassen, dass es überhaupt dazu gekommen wäre. Seine Tochter Marie interessierte sich einen Dreck für das Weingut. Nach dem Abschluss der Fachschule war sie in Paris geblieben und arbeitete dort als Übersetzerin für einen großen Verlag. Er hatte sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen, seit jenem Sommer, in dem er mit Natalie nach Italien gegangen war. Sie waren zusammen aufgewachsen und waren trotz des Altersunterschiedes Freunde gewesen. Marie war ein süßes Mädchen gewesen, Papas Prinzessin, und er hatte sie über alles auf dieser Welt geliebt. Sie begleitete ihren Vater überall – auf dem Traktor, in den Weingärten, in der Kellerei. Phillippe erzählte ihr stundenlang die Geschichte des Hofes und des Weins, er zeigte ihr, wie sie die Rebstöcke pflegen, sie zurückschneiden konnte, wie man erkannte, dass sie krank waren, und wie sie sie heilen konnte. Sie kosteten gemeinsam die Trauben und begutachteten sie. Er brachte ihr bei, wie man Wein produziert, wie er gelagert und abgefüllt wird. So vergingen die Sommer, sie wurde erwachsen, begann sich André gegenüber irgendwie komisch zu benehmen, wurde zickig, sah ihn schief an und redete fast nie mit ihm. Er beachtete sie natürlich überhaupt nicht und übersah sie einfach – neben der vielen Arbeit war er auch mit Natalie sehr beschäftigt.

André biss die Zähne zusammen, er wollte sich an diese hinterlistige Frau nicht erinnern, die ihn verführt und betrogen und seine Gefühle rücksichtslos mit den Füßen getreten hatte. Sie brachte ihn dazu, alles wegzuschmeißen und mit ihr nach Italien zu gehen, wo sie endlich ihr wahres Gesicht zeigte, er war aber so blind und verliebt, dass Jahre vergehen mussten, bis er die Wahrheit begriff. Und als er am Schluss erfuhr, dass das Kind, das sie zur Welt brachte und mit dem sie noch schwanger gewesen war, als sie ihn zwang, Frankreich zu verlassen, nicht sein Kind war, brach er endgültig zusammen. Er fing an zu trinken, um alles zu vergessen, der Wirklichkeit zu entfliehen, um weiter in seiner Welt mit einer Natalie zu leben, die er liebte. Die Nachricht über den Tod von Phillippe Louvière erreichte ihn in so einem Rauschzustand. Er brauchte eine Woche, bis er wieder auf dem Schloss war.

Erst dann begriff er, dass Chandor sein richtiges Zuhause war, obwohl es ihm gar nicht gehörte. Winzer zu sein war in seinem Blut. Sein Vater war schon sehr alt, so übernahm er seine Aufgaben, er war einfach heimgekehrt, als wäre er niemals weg gewesen, er sprach nie mehr den Namen von Natalie aus, redete nicht mehr über die Zeit in Italien, er hatte sich verändert, war jähzornig geworden, in sich verschlossen, düster.

Jedes Mal, wenn Rose versuchte, ein Gespräch anzufangen, drehte er sich auf die andere Seite oder verließ den Raum, ohne ein Wort zu sagen. So gewöhnte sie sich mit der Zeit ab, in der alten Geschichte herumzuwühlen. Sie war zufrieden, dass er hier bei ihnen war, sich um das Weingut kümmerte, aber um ihr Mutterherz war es ihr schwer, sie litt, weil sie zusehen und spüren musste, wie unglücklich er war, dass er den Glauben an die Liebe und ans Glück verloren hatte. Eines Tages, so ihre große Hoffnung, würde ihr Junge das Glück wieder finden.

André sah auf die Uhr, es war Zeit zum Abendessen. Er schloss die Bücher der Kellerei, sperrte zu und ging ins Haus. Es war eine klare Nacht, auf dem Himmel waren unzählige Sterne verstreut, am nächsten Tag versprach das Wetter gut zu sein. Und vielleicht würde er eine Lösung für das Problem finden …

Marie warf einen letzten Blick in den Spiegel und lächelte. Gut sah sie aus. Obwohl sie Jeans und einen weißen Pullover trug, verriet ihre Ausstrahlung ihre adeligen Wurzeln. Sie sah erneut zum Telefon hinüber, Marc hatte sich noch nicht gemeldet. Vielleicht gibt es ja eine vernünftige Erklärung dafür, dachte sie. Sie trat aus ihrem Zimmer am Ende des Flurs und ging langsam, die Bilder an den hohen Wänden bewundernd, nach unten. Es waren atemberaubende Landschaftsbilder aus dem Tal der Loire, mit Weingärten, Schlössern, Wäldern, wilden Tieren.

Im Treppenhaus zum Esszimmer nahm sie den Duft des Essens wahr, das Rose selbst zubereitet hatte, es roch herrlich.

»Hallo, alle zusammen, da bin ich.« Marie verbeugte sich leicht. Ihr Atem stockte und sie blieb einen Augenblick lang wie gelähmt stehen.