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ALEXANDRA: Die Haut zu durchstechen. Die Erwartung. Das Anspannen. Die Ungewissheit, wie es sein würde. Das Erahnen der Annäherung. Und dann hatte ich gespürt, wie eine Nadel in mich eindrang. Wie sie meine Haut durchstach. Wie sie in mir steckte. Wie der Schmuck eingeführt wurde. Das Gewicht an meinem Ohr. Die Schwerkraft. MARKUS: Er fand das Ritualartige beim Ohrlochstechen erotisierend. Das Ohr als erogene Zone, den Schmerz, die "adelnde" Handlung. Den Versuch, eine in einem Buch gefundene Idee umzusetzen. Mit dem Schmuck zu spielen. Sich etwas Feierliches zu erlauben. Das Gefühl, Metall zu spüren. Sex konnte man jede Woche haben. Aber das nicht.
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Seitenzahl: 432
Veröffentlichungsjahr: 2014
www.tredition.de
Gravity is a natural phenomenon by which all physical bodies attract each other.
(Definition der Schwerkraft)
Laura V.
Die Entdeckung der Schwerkraft
oder die Kunst, die Haut zu durchstechen
www.tredition.de
© 2014 Laura V.
http://entdeckungderschwerkraft.wordpress.com/
Umschlaggestaltung, Illustration: Laura V.
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
978-3-8495-8320-0 (Paperback)
978-3-8495-8321-7 (Hardcover)
978-3-8495-8322-4 (e-Book)
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PROLOG
„Wird es wehtun?“
Dumme Frage, eigentlich. Aber ich bin jetzt auf einmal unsicher. Die Antwort kommt von beiden praktisch gleichzeitig:
„Ja“
Aber immerhin: sie lächeln dabei. Was immer das bedeutet.
Sie hält mir die Handschellen hin. Er zieht das Tuch aus seiner Hosentasche. Es ist wohl aus Seide. Und es ist rot. Ein rotes Tuch also. Auf was habe ich mich da eingelassen, frage ich mich. Und bin noch gespannter.
Sie drückt mich wortlos nach hinten, sodass ich flach auf dem Rücken liege, den Kopf etwa 15 cm vom Bettgestell entfernt. Er beugt sich von der Seite über mich, dreht das Tuch zu einer Rolle und verbindet mir damit die Augen.
Das, was ich jetzt nicht mehr sehe, spüre ich umso stärker.
Sie nimmt meine linke Hand. Er nimmt meine rechte. Ich fühle das kalte Metall der Handschellen am Gelenk. Dann klickt es kurz hintereinander. Sie sind also zugeschnappt. Meine Arme werden nach hinten gezogen, über den Kopf. Es klickt nochmals. Ich versuche unwillkürlich, die Arme nach vorne zu bewegen. Vergeblich. Ich bin am Bettgestell fixiert.
Man knöpft mir die Bluse auf, entfernt meinen BH. Jemand zieht an meinen Stiefeln. Ich höre, wie sie zu Boden fallen. Ich spüre Finger an den seitlichen Trägern meines Unterhöschens. Sie fassen die Träger, ziehen am Slip, er gleitet den Beinen entlang nach unten, über die Füße, und ist weg.
Ich liege jetzt also an einem Sonntagnachmittag in einer mir fremden Stadt gefesselt, mit verbundenen Augen, mit geöffneter Bluse und im Röckchen, aber ohne Unterwäsche, auf einem Bett in einer fremden Wohnung. Einem Mann und einer Frau, die ich erst seit zwei Wochen kenne, ausgeliefert.
ALEXANDRA: Wieder vier Absagen. Das waren jetzt fast 40 erfolglose Bewerbungen.
„Wir bedauern, Ihnen in unserem Betrieb keine Stelle anbieten zu können…..“
„Einen Schmarren bedauert ihr!“, schrie ich durch meine leere Wohnung, ich schleuderte das allen fiktiven Personalchefs entgegen, während ich an meinen Tränen würgte.
Jetzt wurde die Situation wirklich prekär. Der Gerichtsvollzieher sagte, wenn ich nicht bis spätestens ersten März zumindest eine Teilzahlung von 2.000,00 € leiste, müsse er die Räumung durchführen.
Und was sollte ich dann tun? Gedemütigt zu den Eltern zurückziehen? Mit eingezogenem Schwanz darum betteln, wieder mein Mädchenzimmer beziehen zu dürfen?
Ich würde mich wohl oder übel in anderen Branchen bewerben müssen, egal was ich eigentlich für mein Leben geplant hatte. Besser eine Karriere, die von Anfang an im Arsch war, als arbeitslos und ohne Einkommen zu sein.
Die Zeitung lag vor mir auf dem Tisch. Mit einem roten Stift ringelte ich alle auch nur peripher in Fragen kommenden Stellenausschreibungen ein: Finanzdienstleistungen, Vermögensberatung, PR-Agentur, Versicherungsmakler. Ich schrieb elf weitere Bewerbungen, alle nahezu identisch. Je größer der Druck wurde, Arbeit zu finden, desto weniger konnte ich mich zur Sorgfalt aufraffen.
Elf Briefmarken schleckte ich ab. Die Zunge wurde mir trocken, ich verspürte einen Ekel im Magen. Nicht nur vor dem Leim der Marken, auch vor mir selbst, weil ich offenbar niemanden glaubhaft machen konnte, wie qualifiziert und motiviert ich für einen richtigen Job war.
Ich schleppte mich hinunter zum Postkasten. Ich schleppte mich wieder zurück. Hunger hatte ich keinen. Die ständige Unsicherheit hatte mir schon lange den Appetit genommen. Im Vorratsschrank, hinter einem Paket Nudeln, fand ich eine halbe Flasche Bacardi. Die hatte schon mehrere Umzüge mitgemacht, ich erinnerte mich nicht mehr daran, wer sie mir geschenkt hatte. Auch nicht, wie die Hälfte davon weggekommen war. Seit ich mir mit Sechzehn nach einer dummen Schülerparty einmal nach zu exzessivem Bacardikonsum beinahe den Magen aus dem Leib gekotzt hatte, graute mir schon vor dem Geruch von Schnaps.
Im Kühlschrank war noch eine halbe Flasche Cola. Ich schüttete beides zusammen und trank alles aus, langsam, verzweifelt und nicht ohne Ekel. Es erschien mir genau das Richtige zu sein in meiner Situation. Bevor ich mich so gut wie ohnmächtig, zumindest empfindungslos, auf mein Bett fallen ließ, dachte ich nur noch: I wish I had died and gone to heaven.
Am Morgen wachte ich auf und mein Mund fühlte sich an, als hätte ich eine Flasche Terpentin getrunken. Mein Kopf auch. Nicht nur Terpentin, eher so ein Cocktail, von dem in der Reise nach Petuschki erzählt wird. Mit Lack, Frisierwasser und sonst noch einigem, bei dem ich mich wunderte, wie man das überleben kann. Wahrscheinlich konnte man alles schaffen, wenn man dieses Gesöff überlebte. Und ich wenigstens ein bisschen, mit dem Bacardi. Vorausgesetzt ich überstand die Kopfschmerzen.
Ich legte ein Abstinenzgelübde ab, es war ohnehin kein Alkohol mehr in der Wohnung. Und für Nachschub hatte ich kein Geld. Merkwürdig wäre es schon, wenn ich als „Vermögensberaterin“ tätig werden müsste. Aber nicht einmal für das würde mich jemand einstellen. Was blieb dann noch? Heiraten? Aber wen?
Endlich erhielt ich eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch. Beinahe hätte ich sie weggeschmissen, von außen sah sie ganz genau gleich aus wie die Absagen. Und noch eine Absage hätte ich nicht mehr ertragen. Eine PR-Firma wollte mich sehen, Sigma Public Relations. Sigma, das Omega für Arme. Diese PR-Firma sollte eine PR-Firma damit beauftragen, ihr einen nicht ganz so verheerenden Namen zu suchen. Aber ein Hoffnungsschimmer war es zumindest, wenn auch nur ein dürftiger. Mit PR wollte ich eigentlich nie etwas zu tun haben, die Schönrederei, das seichte Geschwätz, das Anpreisen von Waren, die ich mir selbst nie kaufen würde, das Anschleimen an irgendwelche Zeitschriften, die ich nie lesen würde, nur damit die irgendein dünnes Webesüppchen als redaktionelle Erkenntnis verkaufen konnten. Aber im Grunde wusste ich nicht genau, was man als PR-Mensch machte.
Immerhin gab es eine Jobaussicht. Den ganzen Vormittag verbrachte ich vor meinem Kleiderschrank. Nachdem ich alle Kleider, Kostüme und Hosenanzüge, die ich besaß, anprobiert und miteinander kombiniert hatte, entschied ich mich für das Biederste vom Biederen. Nur um auf Nummer sicher zu gehen.
Bei jedem Kleiderwechsel ging ich alle möglichen Bewerbungs-Standardfragen, die mir einfallen wollten, durch. Würde ich den PR-Sprech beherrschen? Sollte ich nach Lehrbuch antworten? Würde ich erkennen, was sie von mir hören wollten? Ich musste mir auch hinreichend attraktive Schwächen ausdenken. War „meine größte Schwäche ist, ich kann auch in meiner Freizeit nicht abschalten“ zu klischeehaft? „Ich bin zu genau“ auch? „Ich lebe zu sehr mit?“
Und die Stärken? War „ich erkenne gut meine Schwächen“ eine adäquate Stärke?
MARKUS: Warum denn nicht? Nachdem zwei Jahre Psychotherapie ihn nicht glücklicher gemacht hatten, sondern nur dazu geführt hatten, dass er den Großteil seiner Zeit damit verbrachte, sich fruchtlose Gedanken über seine eigene Vergangenheit zu machen, schien es ihm einen Versuch wert, das auszuprobieren, was der englische Schriftsteller Anthony Trollope als Lösung für Lebenskrisen vorschlug: nicht sich selbst, sondern Andere zu beobachten, und aus den gemachten Beobachtungen über das Verhalten der Anderen Lehren für sich selbst zu ziehen.
Diese Methode stand zwar im Widerspruch zu allem, was der Psychologie heilig war. Sie vernachlässigte ICH und ÜBER-ICH vollkommen, und hatte ihre Wurzeln ausschließlich im angelsächsisch-protestantischen Pragmatismus, den Trollope in seinen Büchern so verherrlichte, anstatt in den Erkenntnissen Freuds, Jungs und Adlers.
Gerade dieser angelsächsisch-protestantische Pragmatismus sprach aber dafür, den Versuch zu wagen.
Da die Trollopesche Methode keinen signifikanten Kapitaleinsatz erforderte, konnte sie gar nicht so wirkungslos sein, dass sie bei einer nüchternen Kosten-Nutzen-Rechnung nicht einen günstigeren Bilanzsaldo als die Psychotherapie (45.000€ Kosteneinsatz bei ergebnismäßigem Nullertrag), die er absolviert hatte, erbringen würde.
Dass die bewusste Wahrnehmung des Verhaltens seiner Umgebung gar nicht so einfach war, wie es schien, bemerkte er schon nach kurzem. Zwei Jahre Konditionierung auf die Wahrnehmung jeder innerlichen Gemütsregung und die sofortige Analyse jedes subjektiven Bedürfnisses erschwerten die Konzentration auf das, was sich außerhalb des eigenen Kopfes abspielte.
Da kam ihm gerade recht, dass seine Assistentin den ganzen Tag mit Bewerbungsgesprächen für ihn verplant hatte. Dadurch wurde er gezwungen, sein Augenmerk auf die Bewerber anstatt auf sich selbst zu richten.
Er nahm sich also vor, diese Bewerbungsgespräche als Test für die Trollopesche Methode heranzuziehen, und, anders als für ihn üblich, keine impulsiven Entscheidungen zu treffen, sondern seine Entscheidungen ausschließlich anhand der Ergebnisse einer kühlen und distanzierten Analyse seiner Beobachtungen zu treffen.
Vielleicht war ja gerade seine Impulsivität, und dass er dazu neigte, dem ersten Impuls immer nachzugeben, die Ursache seiner Probleme? Irgendetwas zu ändern, irgendeinen Neuanfang zu versuchen, konnte jedenfalls nicht schaden, sagte er sich, als die erste Bewerberin in sein Büro geführt wurde.
Das Schwierige daran, passende Mitarbeiter für seine PR-Agentur auszuwählen, hatte er im Laufe der 14 Jahre herausgefunden, in denen er diesen Betrieb durchaus erfolgreich geführt hatte, war, dass es keine objektiven Kriterien gab, nach denen sich die Eignung einer Person für diesen Job bestimmen ließ. Er hatte schon Leute eingestellt, deren Lebenslauf fast vollkommen seinem eigenen zu Beginn seiner Karriere entsprochen hatte, die sich von Ausbildung, Auftreten und Aussehen nahtlos in die zweite Führungsebene einer Weltagentur wie Ogilvy oder Saatchi & Saatchi eingefügt hätten, und von denen er sich nach einigen Monaten sang- und klanglos trennen musste, weil sie nicht nur selbst keine Kunden an Land zogen, sondern sogar bestehende Kunden vergraulten.
Demgegenüber war jemand wie Bea, eine Handelsschulabsolventin, die nie eine Universität von innen gesehen hatte, und bei ihm als Schreibkraft begonnen hatte, eines der wertvollsten Assets der Firma geworden, ganz einfach, weil man weder kreatives Denken noch den richtigen Umgang mit Leuten noch Führungsqualitäten in einer Hochschule lernte.
Autodidakten tendierten, so seine Erfahrung, auch stärker dazu, sich ihre eigenen Gedanken bei der Problemlösung zu machen, als die klassisch universitär Ausgebildeten, die gerne alles Punkt für Punkt nach den Vorgaben, die sie gelernt hatten, abarbeiteten. Und eigene Gedanken zu haben, das war der Unique Selling Point seiner Agentur.
Instinktiv suchte er daher immer neue Beas, also Leute mit unkonventionellem Werdegang, die quirlig, schlagfertig, individuell, kreativ, risikoliebend wirkten.
Aber heute hatte er sich ja entschlossen, gerade nicht impulsivinstinktiv auszuwählen, sondern, wie Trollope empfiehlt, genau zu beobachten, objektive Kriterien zu suchen und zu bewerten, und anhand dieser Kriterien eine rationale Entscheidung zu treffen.
Dieser Entschluss war Alexandras Glück. Eine Woche zuvor noch hätte sie in ihrem biederen Kostümchen mit den nichtssagenden Floskeln, die sie von sich gab, und die alles wiederkäuten, was in jedem Ratgeber zu finden war, keine Chance auf die Stelle gehabt. Heute jedoch kam Markus zum Ergebnis, dass eine Ausbildung mit einem MBA-Abschluss, ein langweilig-seriöses Auftreten, eine Bereitschaft, immer nach den Regeln zu spielen, genau die richtigen Voraussetzungen für einen Einstieg in seine Firma waren.
Ganz konnte er jedoch seine Instinkte doch nicht unterdrücken, irgendwie hatte er noch kein unbeschränktes Vertrauen zur neuen Methode. Und so ließ er alle anderen Bewerbungsgespräche absagen und stellte Alexandra sofort ein, aber nur zu einem Monatsfixum von 500,00 €, bei verhältnismäßig hohen erfolgsbezogenen Provisionen. Das würde es ihm nicht so teuer machen, wenn seine Bewertungskriterien doch nicht die gewünschten Erfolgsgaranten waren, gratulierte er sich zu dieser sehr rationalen Entscheidung, für die ihm auch Trollope applaudiert hätte, fand er.
ALEXANDRA: Das Bewerbungsgespräch verlief ganz gut. Der Firmenchef, ein Mann im mittleren Alter, der amerikanisierthemdsärmelig auftrat, führte es selbst durch. Anfangs war ich wahnsinnig nervös und wechselte ständig hin und her zwischen meiner für Bewerbungsgespräche eingelernten Natürlichkeit und den von Bewerbungsseminaren empfohlenen Antworten. Mit der Zeit beruhigte ich mich, dachte daran, dass ich eigentlich schon einige mehrstufige Corporate-Bewerbungen hätte souverän meistern müssen und stattdessen in so einer kleinen Klitsche nervös war.
Der Chef tat so, als wäre er begeistert von meiner Ausbildung, als könnte ich eine Bereicherung für seine Firma sein, und bot mir nach einer Stunde tatsächlich die Stelle als „Konsulentin“ an. Wenn ich frei wäre, sagte er und sah dabei so aus, als wüsste er über meine Verzweiflung Bescheid, könnte ich gleich am nächsten Tag anfangen. Zuerst jubelte ich innerlich, während ich mich nach außen hin cool gab, wie man das eben so macht. Dann aber erklärte er mir die Konditionen: Nur 500 € Grundgehalt, dafür gute Provisionen für jeden Auftrag und zwar die Hälfte bei Auftragserteilung und die andere nach Beendigung. Wenn ich gleich in den ersten zwei Wochen ein oder zwei Aufträge an Land ziehen könnte, dann wären meine Probleme vorläufig gelöst. Würde ich keinen Auftrag sichern, steckte ich tiefer in der Scheiße als vorher. Mit 500 € würde sich die Bank nicht zufriedengeben und essen musste ich auch. Aber was blieb mir übrig. Alternativen hatte ich nicht.
Ich nahm den Job an.
MARKUS: Am nächsten Morgen in der Firma nahm er sich vor, besonderes Augenmerk auf die seit kurzem - seit Beginn seiner Psychotherapie - eingestellten Mitarbeiter zu legen. Eigentlich kannte er die kaum, weil er in letzter Zeit, in der er hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt war, die Zügel sehr schleifen hatte lassen und sich ganz darauf verlassen hatte, dass Leute wie Bea den Laden auch ohne seinen täglichen Input in Schwung hielten. Aber solche Self-Indulgence hätte Trollope mit Sicherheit missbilligt, also musste damit Schluss sein.
Er nahm sich vor, zunächst einmal mit seiner gestrigen Neueinstellung zu beginnen. Alexandra, wenn er sich richtig erinnerte, sah eigentlich ganz attraktiv aus. Das war ihm gestern gar nicht aufgefallen. Sei’s drum, dachte er sich, mal schauen was man heutzutage auf den teuren Schulen so praktisch Verwertbares lernt. Er setze sich auf ihren Tisch und versuchte, unauffällig in einem beiläufigen Gespräch etwas mehr über sie zu erfahren. Aber die junge Frau war so unsicher und nervös, dass nicht viel aus ihr herauszubringen war. Er schlug ihr, um sie zu beschäftigen, vor, sie solle zunächst einmal ein „generic concept“ erstellen, an dem sie sich dann strukturell orientieren könne, wenn der erste richtige Auftrag hereintrudelte. Wenn sie das fertig habe, solle sie zu ihm kommen, um sich einige Tipps abzuholen.
Obwohl er sich in ihrer Anwesenheit sofort wohlfühlte, weil sie trotz ihrer erkennbaren Unsicherheit eine Grundselbstsicherheit ausstrahlte und sich ironisch und schlagfertig über ihre angeblichen Schwächen lustig machte, anstatt sich selbstzufrieden im Glanz ihres Studienabschlusses zu sonnen, zog er sich nach kurzer Zeit in sein Büro zurück, weil er bemerkte, dass ihr die unerwartete Aufmerksamkeit ihres Chefs unangenehm war.
Aber als er, sich verabschiedend, über ein kleines Wortspiel, das sie machte, viel zu laut lachte, anstatt angemessen leise zu schmunzeln, ließ sich die Frage, ob diese Frau etwas noch nicht näher Fassbares ausgelöst hatte, nicht vermeiden, wenn er seine Selbstbeobachtungen analysierte.
Die nächsten Tage war er immer schon eine Stunde früher als eigentlich üblich im Büro, ohne dass es dafür eine wirkliche Notwendigkeit gegeben hätte. Und da er jetzt auch morgens im Bad im Durchschnitt zumindest eine Viertelstunde länger brauchte als gewöhnlich, musste sich Bernadette nicht mehr mit ihm am Frühstückstisch darüber streiten, wer welchen Zeitungsteil bekommt, sondern hatte die ganze Zeitung für sich, wenn sie aufstand.
ALEXANDRA: Arbeitsstart im Großraumbüro. Mitarbeiter rannten den ganzen Tag hektisch hin und her, telefonierten, hackten auf ihren Computertastaturen herum, wirkten, als würden sie Geld verdienen. Alle außer mir. Ich saß da und wusste nicht so recht, was ich machen sollte. Der Firmenchef, Markus, der mir gleich am ersten Tag das Du-Wort anbot, bat mich ein PR-Konzept für ein fiktives Kleinunternehmen mit vier Filialen zu entwerfen. Zur Übung, sagte er, damit er einschätzen konnte, wo und wie er mich einsetzen sollte. Fiktive Wurstgeschäfte, die unmodern geworden sind und ihre fiktiven Würste nicht mehr an fiktive Kunden brachten. Ein Lifestyle-Konzept sollte das sein, weil man ohne Lifestyle heutzutage nichts mehr verkaufen kann. Die Frage, die ich beantworten musste: wie wird eine Blutwurst zur Lebenseinstellung?
Würste kaufte man doch einfach, weil sie schmeckten, und nicht um einen Lifestyle zu bekommen. Oder brauchte man jetzt für jedes Grundnahrungsmittel einen Lifestyle? Und für Klopapier auch?
Ich mochte keine Würste. Trotzdem kaufte ich mir am Nachhauseweg eine Knackwurst. Als Feldforschung für das fiktive Konzept sozusagen. Eine fiktive Knackwurst hätte auch gereicht. Zu Hause wollte ich mich mit meinem Vibrator über die läppischen 20 €, die ich verdient hatte, und über die fette Wurst, die mir aufstieß, hinwegtrösten. Der hatte aber seinen Geist aufgegeben. Rührte sich nicht mehr. War unnützer als die Wurst und sein Versagen schwerer verdaulich. Was sollte ich jetzt tun? Abstinenz auf Dauer – für das, was ich aus eigener Kraft verdiente, konnte ich mir nicht einmal Batterien leisten – Sublimierung, Vergeistigung? Bis ich Marienerscheinungen bekam? In jedem Fall waren das glänzende Zukunftsaussichten, alles in allem. Ich würde meine Tage mit fiktiver Wurst, und meine Nächte ohne fiktiven Penis verbringen.
MARKUS: Er bat Bea zu sich ins Büro und fragte sie, ob sie nicht eine Kundenanfrage, etwas nicht Allzugroßes, aber doch nicht ganz Uninteressantes hätte, die sie Alexandra überlassen könne. Er wolle einfach einmal konkret sehen, wie jemand, der wie Alexandra bisher nur im geschützten akademischen Indoorpool geschwommen war, sich anstellte, wenn er in einen Freilufttümpel geschmissen wurde.
Sie könne im Gegenzug auch gerne seine Bonusmeilen aus dem Vielfliegerprogramm nutzen und damit einen Kurzurlaub machen.
Bea sah ihm wissend in die Augen, und sagte, sie glaube, sie habe da etwas, was in Frage kommen könnte. Sie werde mit Alexandra sprechen, gleich, nachdem sie die Miles + More-Karte gecheckt habe. Ach ja, und sie werde dann erst Mitte kommender Woche zurück sein.
Lächelnd dachte er sich, Bea müsse wohl auch Trollope gelesen haben, so gut wie sie ihn beobachtet und so schnell wie sie ihn durchschaut habe.
Einige längere Telefonate später ging er zum Automaten, um sich einen Kaffee zu holen. Auf dem Weg sah er, wie Bea mit Alexandra sprach und ihr etwas erklärte. Alexandra nickte mehrfach, und nahm dann ein Blatt, das ihr Bea reichte. Er musste sich bei Bea erkundigen, was sie Alexandra für einen Auftrag überlassen hatte, dachte er sich.
ALEXANDRA: Missmutig ging ich am nächsten Morgen zur Agentur. Einziger Lichtblick des zweiten Tages war meine Nachbarin im Großraumbüro, Bea. Eine sehr hübsche, recht kleine, etwa 35-jährige extrovertierte Frau mit blonder Kurzhaarfrisur. Für Sigma-Verhältnisse schien sie sehr avantgardistisch gekleidet. Farbe statt schwarzem Rollkragenpullover war wohl ihr Motto. Wir unterhielten uns recht lange. Sie war nett.
Seit drei Jahren war sie hier tätig und sagte, die Verdienstchancen seien sehr gut, wenn man sich einen gewissen Kundenstock aufgebaut habe, weil man ja die Provisionen auch für die Folgeaufträge inklusive Werbeeinschaltungen etc. erhalte, wenn eine Dauer-PR vereinbart sei. Im letzten Jahr habe sie über 100.000 € brutto verdient. Das klang ja alles schön und gut. Aber wie sollte ich zu Aufträgen kommen? Sollte ich mit meinem Konzept Fleischer zu keilen versuchen?
Aber Bea übergab mir eine an sie gerichtete Kundenanfrage, weil sie bis kommenden Dienstag einen Kurzurlaub in Venedig (Karneval!) machen würde, und der Kunde unbedingt für Montag ein Kontaktgespräch vereinbaren wollte, weil die Angelegenheit so dringlich sei.
Ich erhielt ein vom potentiellen Kunden ausgefülltes Formular, dem man aber außer dem Namen der Kontaktperson, der Geschäftsadresse des Betriebes und dem Vermerk „Erarbeitung einer expansiven PR-Strategie“ nichts entnehmen konnte.
Bea gab mir dann noch eine Post it-Note mit der Telefonnummer der Kontaktperson, wünschte mir viel Glück und verabschiedete sich. Ich rief an und vereinbarte einen Termin im Büro des Kunden für Montag, 11.00 Uhr.
Was für ein Betrieb konnte das denn sein?
Am Abend war der obligatorische Anruf bei den Eltern etwas weniger schrecklich, weil ich ja den üblichen Optimismus diesmal zumindest halbauthentisch verbreiten konnte.
„Ja, Mutter, ich habe einen Job. Ja, Mutter, mit guten Aussichten. Ja, Mutter, mit ein bisschen Networking werde ich eine tolle Karriere machen. Ja, Mutter, meine Schulden werde ich jetzt zurückzahlen können.“
Obwohl, halbauthentisch war vielleicht ein zu starkes Wort. Wie immer blieb ich nach dem Anruf mutlos zurück. Ich arbeitete am fiktiven Fleischereilifestyle weiter, zur Vorbereitung auf Montag. Die letzte Flasche Wein hatte ich ausgetrunken. Alkoholabstinenz war noch weniger für mich geeignet als Sublimierung, stellte ich fest.
MARKUS: Als er die Haustür öffnete, hörte er schon von weitem, wie im Wohnzimmer einige Frauen intensiv und lautstark diskutierten. Bernadette, mit der er seit 16 Jahren verheiratet war, hatte also wieder eine ihrer politischen Runden zusammengetrommelt. Seit einigen Jahren hatte sie ein immer stärkeres Engagement für gesellschaftliche Probleme aller Art entwickelt und war inzwischen rund um die Uhr mit der Rettung der Welt beschäftigt, befand er nicht ohne Bewunderung. Dieses Engagement brachte allerdings mit sich, dass sie kaum noch Zeit für ihn fand, sodass sie inzwischen, obwohl sie sich gegenseitig immer noch mochten, eigentlich mehr nebeneinander als miteinander lebten. Wenn er sich selbst hinterfragte, musste er aber zugestehen, dass er nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob die politische Tätigkeit Ursache oder Folge des Nebeneinanderlebens war. Egal. Irgendwie hatten sie sich ja alles ganz bequem eingerichtet, wenn auch gemeinsame Aktivitäten oder gar Sex seit fast vier Jahren kein Thema mehr waren. Dafür hatte er ausreichend Zeit, seinen Hobbys nachzugehen, wofür er von allen männlichen Bekannten beneidet wurde, sein Klavierspiel hatte sich in den vergangenen Jahren bedeutend verbessert, und für die sexuellen Bedürfnisse, die bei ihm aber noch nie wahnsinnig groß waren, gab es ja auch das Internet und seine zwei gesunden Hände.
Er ging deshalb durchaus in guter Stimmung, ohne sich im Wohnzimmer zu zeigen, in das Musikzimmer im oberen Stock und legte eine alte Vinylplatte auf, Gershwin plays Gershwin. Gershwin war der Komponist, der ihn mit 16 oder 17 wieder zum Klavierspielen gebracht hatte, nachdem er als Kind nach drei Jahren Zwangsbeglückung mit Musikschulklavierunterricht voll von Tonleitern, Etüden und schließlich dem Wohltemperierten Klavier entnervt alles hingeschmissen hatte. Ein Genie, kein Zweifel. Und, absurderweise, der schlechteste denkbare Interpret eigener Werke. Als der Meister Someone to watch over me anspielte und diesen elegischen, feinsinnigen Song als Uptempo-Rickety-Ricky-Nummer auf grausame Weise ermordete, lächelte er zufrieden und dachte: nobody’s perfect, weshalb sollte sein Leben denn perfekt sein?
Der Trollopesche Pragmatismus zeigte erste positive Auswirkungen.
ALEXANDRA: Nervös rief ich Renate an, um zu fragen, ob sie mir eines ihrer Bankangestelltenkostümchen für das Gespräch leihen konnte, damit ich einen professionell-seriösen Eindruck machte. Jetzt musste ich das Kostüm noch holen gehen, was mich zu einer dreiviertelstündigen Straßenbahnfahrt zwang und das noch vor dem wichtigen Gespräch in dieser Firma, die alles sein konnte vom Druckereibetrieb bis zur Schmelzkäsefabrik (da könnte ich wenigstens mein Fleischkonzept adaptieren – was für Fleisch galt, galt sicher auch für Schmelzkäse). Jedenfalls würde ich alles tun, um die Hoffnung am Leben zu halten.
Als ich bei Renate ankam, war ich völlig verschwitzt, vor Hast und vor Aufregung. Natürlich hatte ich kein Deo in der Tasche, dafür aber einen halbaufgegessenen Müsliriegel von undefinierbarem Alter. Zum Frühstücken hatte ich keine Zeit, also war ich froh darüber. Mir grauste nur ein kleines bisschen. Alles, damit ich nicht zusammenklappe, wenn ich mein Meeting hatte. Mein erstes Meeting. Hastig zog ich mich um, benutzte heimlich Renates Deo und rannte wieder zur Straßenbahn.
In meinem grauen Kostümchen stand ich schon um 10.45 Uhr vor dem Haus in der Innenstadt, in dem das Büro des Kunden lag. Ein Eckhaus, Gründerzeitstil. Im Erdgeschoß ein Kleiderladen für Hipster, und daneben eine Tattoobude mit Totenschädeln in der Auslage. Mein Termin war im ersten Stock, bei einer BA-Unlimited GmbH.
Punkt 11.00 Uhr betätigte ich die Klingel und hoffte, mich hatte niemand dabei beobachtet, wie ich eine Viertelstunde um das Haus herumschlich. Eine junge Frau öffnete mir, führte mich in ein geräumiges Büro, und bat mich, auf dem Besucherstuhl vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Die Chefin werde gleich kommen.
Etwa fünf Minuten später betrat eine große etwa 40-jährige Frau den Raum, musterte mich kurz, schüttelte mir die Hand und nahm hinter dem Schreibtisch Platz.
Sie sagte, Sie betreibe das Tattoo- und Piercingstudio im Erdgeschoß. Ihr Büro hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der Auslage des Studios. Es wirkte kühl und stylish, eigentlich sehr geschmackvoll. Für eine beabsichtigte Expansion, die zur Gründung von Filialen führen sollte, benötige sie ein PR-Konzept. Bis Anfang nächster Woche erwarte sie konkrete Vorschläge. Sie habe auch Gespräche mit zwei weiteren PR-Agenturen vereinbart, von denen eines bereits stattgefunden habe. Und sie werde auf Basis der bis Montag eingehenden Vorschläge den Auftrag unverzüglich vergeben.
„Sie sehen nicht so aus, als hätten Sie eine Ahnung von Tattoos und Piercings“, sagte sie und deutete mit einem sarkastischen Kopfschwenken auf meine Ohren, „Sie können gerne das Studio im Erdgeschoß ansehen, meine Assistentin wird Ihnen alles erklären, was Sie wissen wollen. Sie können Ihr Konzept am Montag um 15.00 Uhr präsentieren.“
Dann erhob sie sich, öffnete die Tür, ließ mich aus dem Büro hinausschlüpfen, ging grußlos in das Büro zurück und schloss die Tür von innen.
Ich stand nun allein in einem leeren Vorraum und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich konnte nicht vernünftig denken. Mir schoss nur immer durch den Kopf, dass ich vielleicht am Freitag schon Geld verdienen könnte, dass damit meine finanziellen Probleme zumindest vorübergehend gelöst wären. Aber ich hatte keine Chance, zu diesem Geld zu kommen, weil ich nicht nur keine Ahnung von Tattoos und Piercings hatte, sondern erst recht keinen Schimmer, wie Tattoos und Piercings erfolgreich zu verkaufen wären.
Als ich so dastand, huschte die junge Frau, die mich vorher begrüßt hatte, plötzlich an mir vorbei, nahm sich einen Mantel vom Kleiderständer und setzte sich eine Mütze auf.
Ich sagte stotternd: „Mhm, ihre Chefin hat mir gesagt, Sie würden mir das Studio zeigen und meine Fragen beantworten.“
Sie rief mir nur zu: „Ich muss weg. Kommen Sie morgen Mittag wieder“ und verließ den Raum.
Mir blieb nichts übrig, als zurück ins Büro zu gehen, ahnungsund ideenlos. Dort angelangt, zog ich mein Fleisch- und Wurstwarenkonzept aus der Schublade und überlegte.
Expansion. Tattoos. Piercings. Geld. Der Gerichtsvollzieher. Meine Wohnung. Lifestyle. Blutwurst. Mein Mädchenzimmer. Meine Eltern. PR. PR. Immer wieder im Kreis. Bis zum Abend. Kein Gedanke, kein Schimmer und vom Konzept nicht einmal einen theoretischen Ansatz.
Auf dem Heimweg redete ich mir ein, meine Alkoholabstinenz beeinflusse meine Kreativität negativ. Ich kaufte mir eine Flasche billigen Chardonnay.
Nachdem ich den Wein ausgetrunken hatte, und immer noch nicht weitergekommen war, entschloss ich mich, auch noch die Sublimierung aufzugeben. Mit den zur Verfügung stehenden nicht motorisierten Hilfsmitteln versuchte ich mich abzulenken, aber nach kurzer Zeit setze vom billigen Fusel ausgelöstes Sodbrennen ein. Also, zwei Alka-Seltzer, und ab ins Bett. Vielleicht würde der Schlaf Ideen bringen?
KATHARINA: Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem ich Alexandra begegnete.
Es war ein trüber Montag gegen Ende Februar. Und ein besonders trüber Tag für mich. Einige Minuten, bevor ich Alexandra zum ersten Mal sah, teilte mir Michael nach 12-jähriger privater und beruflicher Beziehung mit, dass er mich und die Stadt verlassen werde.
Er wolle zunächst „um einen klaren Kopf zu bekommen“ und „Ballast abzuwerfen“ eine dreimonatige Reise durch die USA machen, und dann im Juli nach Berlin ziehen, um dort „was ganz Neues“ anfangen.
Dafür würde er dann die 250.000,00 €, die er in unser Studio gesteckt habe, benötigen. Ich könne ihm den Betrag ja von dem Investitionskredit, den die Bank gewährt habe, bezahlen. Er sei jetzt bereits in Amsterdam und warte auf seinen Flug nach New York. Er würde beizeiten eine Adresse bekanntgeben, an die ich seine Sachen, die noch in unserer Wohnung wären, schicken könne. Das sei keine große Sache. Ein Bankkonto, auf das ich den Geldbetrag überweisen solle, werde er mir dann auch gelegentlich mitteilen. Ich solle bitte sein Auto abmelden. Er wolle nicht sinnlos Versicherungsprämien bezahlen. Und uns die Trennung nicht schwermachen, wir hätten doch eine gute Zeit gehabt, alles in allem. Weitere Details könne ich zuhause einem Brief entnehmen.
Ich legte das Telefon mit dem Gefühl auf, mit dem Kopf gegen eine Wand gelaufen zu sein. Alles drehte sich in meinem Kopf, als Isabella das Zimmer betrat und mitteilte, die zweite PR-Agentin, mit der ich wegen des Expansionskonzeptes einen Termin vereinbart hätte, warte in meinem Büro.
Im Büro fand ich eine sehr bieder gekleidete hübsche junge Frau, die mir körpersprachlich den Eindruck eines verschüchterten Rehleins vermittelte. Ich teilte ihr, ohne überhaupt auf sie zu achten, geistesabwesend und desinteressiert in gröbsten Zügen die Grundprämissen des gewünschten PR-Konzeptes mit. Bevor sie noch eine Frage stellen konnte, warf ich sie fast unhöflich, so schnell es ging, aus meinem Büro, mit dem Hinweis, sie solle sich die gewünschten Informationen bei Isabella beschaffen.
Darauf schloss ich die Türe, öffnete die schon seit Monaten im Kühlschrank befindliche Proseccoflasche, und trank diese in der nächsten Stunde allein aus.
Als die Flasche leer war, und ich aus meinem Büro trat, um nach Hause zu gehen, stürzte Isabella plötzlich atemlos zur Türe herein, schmiss Mantel und Mütze auf einen Stuhl und überschüttete mich mit einem Schwall schwer verständlicher Entschuldigungen, wonach so etwas (keine Ahnung was sie meinte) nicht mehr vorkommen werde und sie alles tun wolle, um für eine erfolgreiche Expansion zu sorgen. Ich nickte ihr beruhigend zu, sagte, ich würde erst morgen wieder kommen, und fuhr nach Hause.
Dort fand ich auf dem Küchentisch ein mit meinem Namen beschriftetes Kuvert. Ich nahm es in die Hand und stellte fest, dass sich darin ein dicker, vielseitiger Brief befinden musste, legte es wieder hin, ging zum Kühlschrank, nahm eine Flasche Weißwein heraus, öffnete sie, schenkte mir ein Glas voll, leerte das Glas in einem Zug, zerriss das ungeöffnete Kuvert in einige kleine Stücke, schmiss die Stücke in den Mistkübel und füllte mir noch ein Glas, das ich dann langsam, in kleinen Schlucken, austrank.
Dann setzte ich mich zum Computer und rief die Wohnungsund Immobilienbörse auf.
ISABELLA: Scheißdreck. Es ist immer das Gleiche. Wenn ich etwas von ihm will, dann fallen ihm tausend Gründe ein, wieso er im Moment keine Zeit dafür hat, oder es jetzt gerade besonders ungünstig dafür, was immer es sein mag, ist. Es geschieht nichts, was er nicht will, was ihm nicht gerade zupass kommt. Wenn er etwas will, wenn er etwas braucht, dann muss ich Gewehr bei Fuß stehen, sofort, Anruf genügt, egal, welche Schwierigkeiten mir dadurch entstehen. Und das Allerschlimmste ist, ich springe auch unverzüglich, reagiere wie ein wohlerzogener Hund auf einen Pfiff, immer wieder.
Wer außer Martin würde auf die Idee kommen, seine Freundin an ihrer Arbeitsstelle anzurufen, und aufzufordern, sofort nach Hause zu kommen und seine Kleider zu bügeln, weil er jetzt sofort dringend ein frisches Hemd und einen knitterfreien Anzug für ein Vorstellungsgespräch am Nachmittag brauche (von dem er mit Sicherheit schon seit Tagen wusste)?
Und wer außer mir wäre so bescheuert, Probleme mit der sowieso schon sehr entgegenkommenden Arbeitgeberin in Kauf zu nehmen. Die Arbeit auf der Stelle fallenzulassen. Dabei eine PR-Beraterin, der sie nach den Anweisungen der Chefin alles hätte erklären sollen, wie einen abgestellten Regenschirm stehen zu lassen. Aus dem Büro zu stürmen. Und auf dem schnellsten Weg heim zu huschen, um dem guten Herrn, der sich in der Unterhose im Bett fläzt und die Playstation betätigt, als Kammerzofe zu dienen.
Man sagt ja, Problemerkenntnis ist der erste Schritt zur Problemlösung. Aber das ist nur dann so, wenn man irgendwann auch einmal einen zweiten Schritt macht. Und ich bewege mich seit Monaten nicht, problemlösungsmäßig.
Obwohl eigentlich alles klar ist. Der gute Herr missversteht meine Neigung zum sexuellen Masochismus, zur erotischen Submissivität als Freibrief, sich auch im Alltag als mein Gebieter aufzuspielen. Und ich habe ganz offensichtlich zu wenig getan, ihm klar zu machen, dass unabhängig von den Sexspielen und der Umsetzung erotischer Fantasien eine Beziehung nur funktionieren kann, wenn sie - wie die Lebenshilferatgeber so schön sagen - auf Gleichberechtigung der Partner und gegenseitigem Respekt beruht.
So kann es nicht weitergehen, denke ich mir, und bügle vor mich hin, bis ich endlich Anzug und Hemd knitterfrei an des Meisters Schrank hängen und - ohne auch nur ein Danke zu hören zu bekommen - ins Büro zurückeilen kann.
Es muss sich etwas ändern, schnell.
Wieder im Büro warte ich, nachdem ich mich für meine zwischenzeitliche Abwesenheit entschuldigt habe, auf den erwarteten Anschiss. Aber der bleibt aus. Die Chefin wirkt der irgendwie abwesend und nicht bei der Sache. Ich versichere ihr trotzdem, dass mir klar ist, dass die geplante Expansion auch für mich die Chance ist, meinen Karriereplan, selbst eine Filiale zu leiten, zu verwirklichen, und ich mich mit vollem Engagement für eine erfolgreiche Expansion einsetzen werde.
Am Abend, wieder daheim, bemerke ich, dass Anzug und Hemd immer noch unverändert am Schrank hängen. Und keine Spur von Martin zu sehen ist. Der ganze Aufwand war also nicht nur umsonst, sondern auch noch vergebens. Das erscheint mir als Signal.
Ich werde ihn überraschen. Und ihm so, dass selbst er es versteht, verdeutlichen, dass es einen Unterschied zwischen erotischen Spielchen und der realen Welt gibt.
Ich hole Martins Koffer aus dem Dachboden, dazu noch eine Tasche, und packe Anzug, Hemd, seine restlichen Kleider, seine paar Bücher und CDs, die vielen Computerspiele, die Playstation, seinen Laptop, seine Kosmetikutensilien und seine Espressomaschine hinein.
Dann stelle ich Koffer und Tasche in die Abstellkammer neben der Eingangstür, ziehe mich nackt aus, lege mir mein Nietenhalsband samt Kette um, befestige die Nippelexpander an meinen Brustwarzen, und versperre meine Muschi, indem ich das langbolzige Vorhängeschloss durch die äußeren Schamlippenringe schiebe und einschnappen lasse. Den Schlüssel für das Schloss lege ich in den Vorratskasten, in eine Packung Dörrobst. Dann nehme ich mir eine Flasche Pinot Grigio, ein Glas und ein Comicheft, schenke mir ein und setze mich im Wohnzimmer auf die Couch, um die Rückkehr des Herrn und Meisters abzuwarten.
Nach etwa 20 Minuten höre ich, wie sich der Schlüssel im Schloss umdreht. Ich lege das Comicheft zur Seite und warte. Er stolpert, offenkundig schon angeheitert, herein, und begrüßt mich, erfreut von dem was er sieht, mit einem hingeworfenen „Hallo, das ist ja genau, was ich jetzt brauche.“
Ich frage ihn, ganz unbefangen, ob er einen strengen Tag hatte, was ihn zu einem Grunzen veranlasst. Gleichzeitig beginnt er, sich auszuziehen. Nachdem es ihm mit einiger Mühe gelungen ist, sich des Pullovers zu entledigen, stolpert er beim Versuch, sich aus der Jeans zu schälen, und fällt vornüber auf den Boden. Er rappelt sich auf, streift Hose und Unterhose ab, greift sich im Aufstehen die an meinem Halsband befestigte Kette und zieht mich zu sich hinunter. Er nimmt meine Nippelexpander zwischen Daumen und Zeigefinger und beginnt, daran zu ziehen, bis ich vor Schmerz aufstöhne. Dann lässt er meine Nippel los, greift nach meinem Kopf und drückt diesen auf seinen erigierten Pimmel, bis ich anfange, mit meiner Zunge langsam Kreise um die Eichel zu ziehen, dass nur die Kugeln meiner Zungenbarbells seinen Eichelkranz berühren. Als er sich entspannt keuchend zurücklehnt, gleite ich mit meinen Zungenpiercings immer schneller auf seinem Frenum hin und her, bis ich merke, dass er dem Höhepunkt nahekommt. Als dieser kurz bevorsteht, führe ich den ganzen Penis so tief wie möglich in den Mund ein, ziehe aber, sobald er versucht, Gegendruck zu geben, den Mund zurück und stehe auf. Überrascht fragt er mich, was los sei, stürzt sich aber dann, ohne auf eine Antwort zu warten, auf meine Muschi und verlangt den Schlüssel, um das Vorhängeschloss entfernen und in mich eindringen zu können.
Ich sage ihm, der Schlüssel werde wohl noch am Schlüsselbord im Vorzimmer hängen, worauf er losstürzt, um ihn zu holen. Als er ihn nicht findet, rufe ich ihm zu, ich muss den Schlüssel wohl versehentlich mit dem Schlüssel für das Fahrradschloss verwechselt haben, und ihn in der Satteltasche des im Halbstock abgestellten Fahrrades hinterlegt haben.
Er sagt, er würde mich dafür noch bestrafen, stapft aber, gierig, ohne nachzudenken, die gewünschte Befriedigung so schnell wie möglich zu erlangen, nackt zur Wohnungstüre hinaus. Ich laufe ihm nach und packe, sobald ich ihn die Stiege hinuntergehen höre, Koffer und Tasche aus der Abstellkammer, stelle diese vor die Wohnungstüre, rufe laut Tschüss, ziehe die Wohnungstür zu und versperre sie von innen. Dann nehme ich seine Hose, seine Unterhose, seinen Pullover, sein Handy und seine Geldbörse, stecke alles in einem Plastiksack und werfe diesen aus dem Fenster, auf den Komposthaufen im Hof.
Als ich das Fenster schließe, höre ich ihn schon an der Wohnungstür rütteln. Ich gehe zur Tür, rufe ihm durch die geschlossene Tür zu, dass ich von ihm endgültig genug habe, ihn nie mehr sehen will, und er seine restlichen Habseligkeiten auf dem Kompost finden kann.
Dann gehe ich zum Vorratsschrank, hole den Schlüssel aus dem Dörrobst, nehme mir aus einer Schublade die kleinen Liebeskugeln, öffne das Schloss, entferne es und schiebe mir die Kugeln so tief es geht in meine Muschi. Während ich Martin immer noch vor der Tür irgendetwas rufen höre, fixiere ich in einer großen Schleife die Zugschnüre der Kugeln an meinen äußeren Schamlippenringen, so dass eine Schnur die 8 Ringe auf der linken Seite und eine Schnur die 9 Ringe auf der rechten Seite umfasst. Dann schiebe ich einen Dildo nach und massiere mir mit dem Zeigefinger der einen Hand die Klitoris, während ich mit der anderen Hand den Dildo vorschiebe und damit die Liebeskugeln anstoße, was eine angenehm schmerzhafte Spannung an meinen Schamlippenringen auslöst. Und langsam, langsam tritt das Poltern, das Rütteln, das Rufen und das Flehen an der Wohnungstür in den Hintergrund, ich konzentriere mich ganz auch mich, auf meine Muschi, ich schwitze, ich stöhne, ich explodiere.
Und als ich danach daliege ist es still. Ganz still.
So bleibe ich etwa eine Viertelstunde liegen, bis mein Telefon läutet. Martin. Ich drücke ihn weg. Kurz danach klingelt es wieder. Diesmal nehme ich ab, und sage, bevor er überhaupt zu Wort kommt, ich will ihn nie wieder sehen und werde, wenn er mich weiter belästigt, die Polizei rufen. Bevor er noch antworten kann, lege ich auf.
Zufrieden mit mir selbst fühle ich mich erstmals seit längerer Zeit richtig hungrig. Als ich den Kühlschrank öffne, stelle ich fest, dass dieser mit Ausnahme einer Packung Milch, einigen Flaschen Bier und einem von Martins Proteindrinks vollkommen leer ist. Der Herr hat also wieder nicht einmal den Einkauf, um den ich ihn gebeten habe, erledigt. Nachdem ich den Proteindrink in den Ausguss geschüttet habe, rufe ich den Pizzaservice an und bestelle mir eine Pizza, einen Salat, ein Tiramisu und eine Flasche des teuersten Rotweins, den die auf der Speisekarte haben.
ALEXANDRA: Schlaf und Chardonnay brachten auch keine Idee. Ich zog Jeans, Tanktop und einen schwarzen Rollkragenpullover an, damit ich wenigstens nicht mehr so lächerlich bieder aussah.
Auf dem Weg nach unten begegnete ich dem Briefträger. Er drückte mir wieder zwei amtlich aussehende Einschreibbriefe in die Hand, die ich aber ungeöffnet in meine Tasche stopfte, um den erwarteten Kreativitätsschub nicht negativ zu beeinflussen.
Zum Tattoostudio fiel mir den ganzen Vormittag lang nichts ein, zum Wurstkonzept nur: „Fleisch gibt Kraft“, „Jede Saison ist Grillsaison“, „Jausenzeit ist Wurstzeit“, „Weihnachtszeit ist Bratenzeit.“
Je öfter ich es durchlas, desto unbefriedigender erschien es mir. Es strotzte vor Klischees, setzte sich mit dem zu verkaufenden Produkt in keiner Weise auseinander. Eigentlich handelte es sich konzeptuell um eine öde Aneinanderreihung von Phrasen, die in einigen an Bauernweisheiten erinnernden Sprüchen zusammengefasst waren.
Man merkte dem Konzept an, dass ich mich für Fleisch- und Wurstwaren nicht im Geringsten interessierte. Wenn ich mich selbst nicht einmal dazu bringen konnte, mich für das zu Produkt zu begeistern, wie sollte ich andere dazu bringen? Für Piercings und Tattoos interessierte ich mich noch weniger als für Wurst.
Niedergeschlagen machte ich mich auf den Weg zur Studiobesichtigung, beinahe hätte ich vergessen, den Rollkragenpulli auszuziehen, als ich das Büro verließ. Wo ich doch schon an das Tanktop gedacht hatte.
ISABELLA: Im Büro ein Anruf der Chefin, sie kommt heute nicht. Sie klingt irgendwie komisch und bittet mich, zur PR-Agentin von gestern nett zu sein, ihr zu helfen, sie habe sich der gegenüber gestern so unkooperativ verhalten. Wenn’s sonst nichts ist. Von Michael, dem Partner der Chefin, ist auch nichts zu sehen, genau wie gestern. Aber der findet es nicht mal nötig, mitzuteilen, dass er nicht kommt. Typisch. Ich rufe einen unserer Tätowierer - Joe - an, der eigentlich frei hat, um Michael kurzfristig zu ersetzen. Das wird wieder Ärger geben, weil einer der Biker, die auf Michael und seine langweiligen Grateful-Dead-Motivvariationen so stehen, am Nachmittag einen Termin hat. „Ich will den Chef und keinen dieser jungen Rotzlöffel, die gerade den Kindergarten fertig haben…“
Wenn der wüsste, was für Künstler diese Rotzlöffel sind, wie variabel und kreativ die tätowieren, und was für ein drittklassiger Handwerker ohne Esprit Michael im Vergleich zu ihnen ist. In tausend Jahren würde ich mich von Michael nicht tätowieren lassen. Joe lässt sich breitschlagen und steht schon eine dreiviertel Stunde später da. Wir trinken einen Kaffee, schimpfen ein bisschen über Michael, sind uns einig, dass die Chefin jemanden Besseren verdienen würde. Dann kommt der erste Kunde, und er geht tätowieren, während ich die Lieferantenbestellungen erledige.
Gegen Mittag läutet es, und die PR-Agentin von gestern steht vor der Tür. Heute ist sie nicht mehr so spießig angezogen und ich bemerke, dass sie eigentlich sehr hübsch ist. Sehr wache, intelligente Augen, lange braune Haare, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ich bitte sie herein, nehme mir die Aufforderung der Chefin zu Herzen, und frage sie, womit ich ihr helfen kann. Schüchtern sagt sie, sie wolle „alles“ wissen, worauf ich das Briefing der Chefin für die anderen PR-Agenten wiederhole. Statistiken, Umsatzzahlen etc.
Danach mache ich uns einen Kaffee, und wir plaudern über ihre Arbeitserfahrung und ihr Studium. Als ob sie dadurch etwas Vertrauen zu mir gefasst hat, teilt sie mir dann konspirativ mit, die Chefin hätte sie abschätzig gemustert, weil sie keine durchstochenen Ohren habe, und sie müsse zugeben, sie habe weder von Tattoos noch von Piercings den blassesten Schimmer. Ob ich denn gepierct und tätowiert sei? Sie sagt das so, dass ich das Gefühl habe, sie möchte etwas darüber erfahren. Ich führe sie hinunter ins Studio, wo Joe und die beiden anderen Tätowierer bereits mit Michaels Bikerfreunden beschäftigt sind, und die Maschinen so vor sich hinsurren. Da ich nicht will, dass sie von den stumpfsinnigen Typen abgeschreckt wird, bringe ich sie in das wegen Michaels Vorurteilen so sträflich und dümmlich vernachlässigte Piercingzimmer, schließe die Türe, lasse sie auf dem Piercingstuhl Platz nehmen, streife mir die Haare hinter die Ohren und zeige ihr mein linkes Ohr mit seinen Piercings.
ALEXANDRA: Als ich Punkt 12 die Klingel beim Büro der „BA-Unlimited GmbH“ betätigte, öffnete mir die junge Frau von gestern, lächelte mich freundlich an: „Ich bin Isabella. Was möchten Sie denn sehen oder erklärt bekommen?“
Ich druckste herum, wollte nicht unprofessionell wirken, aber trotzdem die nötigen Informationen bekommen. Wie das gehen sollte, wusste ich nicht, deshalb entschloss ich mich nach einer Weile, keine Charade zu spielen, und sagte: „Ich habe keine Ahnung von Tattoos und Piercings. Und von einem Geschäftsmodell dafür schon gar nicht.“
„Das Geschäft läuft nicht schlecht, aber im Moment ist eine gewisse Stagnation festzustellen. Und das obwohl immer mehr junge Leute sich piercen oder tätowieren lassen wollen.“
Sie machte eine kurze Pause, unsicher, ob ich noch mehr hören wollte, „ich glaube ja, das Geschäft stagniert, weil der Laden zu sehr auf Biker ausgerichtet ist. Das verschreckt potenzielle Kunden. Ältere Männer wollen sich nicht in einem Studio neben Teenagern tätowieren lassen, Frauen und Mädchen haben Schwellenangst, ein Studio zu betreten, das von haarigen Bikern dominiert wird und so weiter. Aber ich bin hier nur die Piercerin.“
„Und was würdest du tun, um das Geschäft anzukurbeln?“ Ich hatte sie unwillkürlich geduzt, das fühlte sich ganz natürlich an. Sie schien es nicht zu bemerken.
„Ich würde das Studio den Bikern überlassen und zwei oder drei Filialen jeweils speziell für ein anderes Zielpublikum – junge Leute, Frauen mittleren Alters, Hipster, oder so was – aufmachen.“
Ich nickte wissend und versuchte, den Eindruck zu vermitteln, mir sei jetzt schon klar, wo ich die Hebel ansetzen wollte. Isabella bot mir dann einen Kaffee an, was ich dankend annahm. Als sie mit dem Kaffee zurückkam, begannen wir zu plaudern. Sie erkundigte sich nach meinem Alter, meiner Ausbildung. Was ein MBA ist, musste ich ihr erklären. Schließlich fragte sie: „Bist du gepierct oder tätowiert?“
Ich deutete entschuldigend auf meine Ohren: „Sogar deine Chefin hat mich komisch angeschaut, weil ich keine durchstochenen Ohrläppchen habe. Tätowiert bin ich auch nicht. Bist du gepierct und tätowiert?“
Wortlos fasste sie mich am Arm und forderte mich auf, ihr zu folgen. Wir gingen die Stiege hinunter, betraten das Tattoostudio, in dem drei Tätowierer mit surrenden Maschinen beschäftigt waren, in verschiedenen Ecken eines großen Raumes drei nicht mehr ganz junge Männer mit Vollbärten im ZZ-Top-Stil zu tätowieren.
Isabella grüßte kurz und fragte einen der Tätowierer, ob Raum 3 frei sei. Er nickte und sie führte mich in einen kleinen, ganz weiß ausgemalten Raum, in dessen Mitte eine Art Zahnarztstuhl und zwei Drehhocker standen. Sie schloss die Tür hinter sich, sagte, „das ist der Piercingraum“, und deutete mit der Hand an, ich solle mich auf den Zahnarztstuhl setzen.
Dann strich sie sich mit der rechten Hand ihre langen brünetten Haare hinter das Ohr. Im Ohrläppchen war ein etwa ein Zentimeter großes Loch, in dem eine Art goldene Schraubenmutter steckte, durch die man durch das Ohr durchsehen konnte. In der Ohrmuschel war eine große goldene Kugel, wobei ich nicht erkennen konnte, wie diese befestigt war. Ansonsten waren entlang des Ohrrandes von oben bis unten etwa 15 kleine Goldringe angebracht.
„Um deine Frage zu beantworten“, sagte Isabella, „ja, ich bin gepierct und tätowiert.“
KATHARINA: Es war gar nicht so leicht, einen Umzug in 24 Stunden zu organisieren. Das ging nur, wenn man bereit war, viel Ballast abzuwerfen. Aber das war für mich kein Problem, jetzt endlich wirklich nicht mehr. Sechs Umzugskartons reichten für alles, was mir wichtig war. Dazu noch das Sofa, die große Seemannstruhe und das Klavier. Und Ende.
Gegen 11 Uhr war alles im bestellten Kleinlaster verstaut und wurde in die neue Wohnung transportiert. Ich versperrte die Wohnungstür von außen, steckte beide Schlüsselsätze in ein Kuvert, dazu einen Zettel, auf den ich „mfg Katharina“ schrieb, adressierte das Kuvert an Michaels Mutter und gab es bei der Post ab.
Dann fuhr ich in die Firma, rief alle Anwesenden zusammen, und teilte ihnen mit, dass Michael nicht mehr hier tätig wäre. Das Bedauern der Belegschaft hielt sich erkennbar in Grenzen. Isabella fragte, ob das an den Expansionsplänen etwas ändere, was ich bejahte. Es gebe jetzt kein Appeasement der alten Biker mehr, sondern wir würden kompromisslos das durchsetzen, was mir schon länger vorgeschwebt sei. Modern, kreativ, hell, frisch, weltoffen, ganz raus aus dem Schmuddeleck. Alle seien herzlich eingeladen, ihre Vorstellungen zu äußern oder Ideen einzubringen. Und das Expansionsbudget bliebe ungekürzt. Ebenso wie der Zeitplan.
Zurück im Büro blätterte ich nochmals die Kreditunterlagen und den Businessplan durch. Ich schaltete an meinem Computer Spotify ein, lehnte mich zurück, als Leonard Cohens inzwischen etwas brüchiger gewordene, aber immer noch unvergleichliche, Stimme aus den Lautsprechern drang, „….as someone long prepared for the occasion; in full command of every plan you wrecked..”
Passender konnte man meine Empfindungen, meine Situation nicht ausdrücken. Ich wertete das als Zeichen. Ich würde mir diese Liedzeile tätowieren lassen. Nach all den Jahren als untätowierte Tattoostudiomitbesitzerin mein erstes Tattoo. Damit würde der Neuanfang auch äußerlich irreversibel. Ich rief Isabella und ersuchte sie, Joe heraufzubitten.
Als ich mich einige Stunden später, nach Geschäftsschluss, auf einer Liege im Studio befand und die Tätowiermaschine surrte, kam mir das, was mir bisher immer logisch und sinnvoll erschien, plötzlich bescheuert vor. Ich hatte mir eingeredet, dass die erfolgreiche Führung einer Firma, die realistische Marktbeurteilung, das Treffen der betriebswirtschaftlich richtigen Entscheidungen von mir eine Distanz zum verkauften Produkt erfordere. Nur so, dachte ich, könne ich ohne persönliche Involviertheit, ohne Rücksichtnahme auf persönliche Präferenzen oder Idiosynkrasien, das tun, was ökonomisch sinnvoll ist. Weil mir gerade Michaels Vorlieben für Tattoos im Stile der Hells Angels in den 60er und 70er-Jahren und seine damit verbundene Weigerung, irgendwelche Neuerungen überhaupt ins Auge zu fassen, immer schon ein Dorn im Auge waren. Die mit dieser Festgefahrenheit in eigenen Vorlieben verbundene Konzentration auf Bikerkunden erschien mir seit langem als Hemmnis und war auch ein ständiger Streitpunkt zwischen uns. Ich durfte gar nicht daran denken, wie lange es gedauert hat, bis ich gegen seinen Willen durchgesetzt habe, dass wir überhaupt einen Piercingraum einrichteten, weil das ja nur „Scheiß für Mädchen“ sei. Und wie ich ihn unter Druck setzen musste, bis er die geplante und notwendige Expansion akzeptiert hatte.
Aber jetzt, wo er weg war, war auch die ganze Logik meiner Argumentation weg. Eigentlich, schien mir, war Grund der Probleme nicht seine Begeisterung für irgendetwas, sondern seine Sturheit, Starrköpfigkeit, seine Weigerung, sich für etwas anderes, als das, was er schon kannte und schätzte, zu begeistern.
Ich spürte, wie die Nadel meinen Bauch bearbeitete, gar kein unangenehmes Gefühl, irgendwie, und dachte mir, eigentlich war es beknackt, überhaupt nur zu erwägen, man könne engagiert hoffentlich bald eine Kette von Tattoo- und Piercingstudios führen, ohne mit dem, was man verkauft, überhaupt persönliche Erfahrungen haben.
ALEXANDRA: Isabellas Ohren sahen schön aus, ja, aber den Reiz verstand ich nicht.
Wenn ich mich schmücken wollte, konnte ich mir Ketten und Armbänder oder sogar Ohrclipse anlegen, ohne mich durchstechen zu lassen. „Tut das sehr weh?“, fragte ich und erst nachdem ich die Frage ausgesprochen hatte, merkte ich, wie unprofessionell sie war. Sie verriet das gesamte Ausmaß meiner totalen Ahnungslosigkeit auf diesem Gebiet.
Ich biss mir auf die Lippe.
Isabella neigte den Kopf und schaute mich amüsiert an: „Eigentlich nicht, kommt immer darauf an, wie viel Schmerz du aushalten willst und zu welchem Zweck.“
Das verstand ich nicht. Der Zweck eines Piercings ist doch, sich die Ohren mit Schmuck zu behängen. Meinte sie vielleicht etwas anderes? Ihr Blick war etwas abwesend, als sie das sagte. Ich wagte nicht, sie zu fragen.
„Ich erkläre dir erst einmal, wie das vor sich geht“, half sie mir aus meiner Verlegenheit. „Ich desinfiziere zuerst die Stelle, die gepierct werden soll, zum Beispiel das Ohrläppchen, dann male ich mit dem Stift einen Punkt darauf, damit man ungefähr sieht, wie es aussehen wird und damit ich weiß, wo ich stechen muss. Das ist die Kanüle.“
Sie zeigte mir eine in Plastik verpackte Nadel. Die sah aus wie eine Nadel, die der Arzt zum Impfen benutzt, nur größer und dicker und furchterregender. Mir schauderte. Sie packte sie aus.
„Siehst du, wenn du genau schaust, kannst du den Plastikschlauch um die Nadel herum erkennen.“
Richtig, die Nadel steckte in einem durchsichtigen Plastikteil mit Spitze. Ich hatte ein komisches Gefühl, wenn ich sie ansah, als wäre ich beim Arzt.
„Ich bohre nun die Kanüle durch die Stelle, die ich mit dem Punkt markiert habe.“ Sie winkelte mein Bein an, nahm im Kniebereich eine Falte meiner Jeans zwischen ihre Finger und stach die Kanüle hinein. Ich erschrak, mir wurde mulmig und beinahe glaubte ich einen Schmerz zu spüren. Ähnlich wie beim Arzt, wo nicht der Einstich selbst das Schlimmste ist, sondern die Angst vor dem Gestochenwerden.
Mit einer raschen Bewegung zog sie die Nadel wieder heraus. In meiner Hose steckte nun ein kleiner Plastikschlauch. Ich wusste nicht, ob da etwas schiefgegangen war, und ob meine Hose das aushalten würde. „Der Schlauch ist wichtig, durch den wird der Schmuck eingefädelt.“
Sie nahm einen kleinen, nicht durchgängigen Stahlring aus einer Schublade und steckte ein offenes Ende in den Schlauch. Dabei beugte sie sich über mein Knie und sah mir tief in die Augen, als wollte sie eine Reaktion von mir prüfen. Welche das sein sollte, wusste ich nicht. Sie hatte ein Loch in meine Jeans gebohrt, was sollte ich da fühlen?
Mit einem sanften Ruck zog sie den Schlauch heraus. Der offene Ring steckte jetzt in meiner Hose. Isabella nahm eine kleine Kugel und steckte sie in die Öffnung des Rings.
„So fertig“, sagte sie, „jetzt weißt du, wie das geht.“
Die Darbietung hatte mich nicht überzeugt. Ich dankte ihr verlegen und ging nach Hause.
Krampfhaft versuchte ich zu begreifen, warum jemand so etwas machen sollte. Noch weniger verstand ich, weshalb sich jemand tätowieren wollen könnte. Piercings kann man wenigstens wieder entfernen, wenn man sie nicht mehr haben will, Tattoos bleiben, egal wie alt und hässlich man wird, egal, ob man nach Jahren einen völlig anderen Geschmack entwickelt hat.
In dem Laden habe ich nur Biker gesehen. Wer könnte sich noch für so etwas interessieren? Ich schaltete meinen Computer an. Wie lange würde ich ihn noch haben? Wenn die Sache mit der Piercing-PR nicht klappte, dann würde ihn wohl der Gerichtsvollzieher mitnehmen.
Bei der Suchmaschine gab ich „Piercing“ ein und startete die Bildersuche.
