Die Erbin des Faerynthrons - Marie Weber - E-Book

Die Erbin des Faerynthrons E-Book

Marie Weber

0,0

Beschreibung

Elodye ist die letzte Faeryn - und damit die letzte, rechtmäßige Erbin des Faerynthrons und zukünftige Herrscherin von Arrancar. Doch längst nicht alle Bewohner des Landes akzeptieren sie als Regentin, die das marode Reich vor dem Untergang bewahren soll. Womöglich zurecht? Meyre ist eine junge Soldatin der Stadtwache mit großen Ambitionen und einem noch größeren Willen, bis sich eines Tages ihr Schicksal mit Elodyes kreuzt und ihr einen gehörigen Strich durch die Rechnung macht. Als auserwählte Leibwache der baldigen Königin. Doch auch Meyre kann nicht für immer vor ihrer Vergangenheit flüchten... Gefangen in einem Spinnennetzt aus Politik und Etikette, müssen sie gemeinsam nicht nur mit den Anfeindungen der Bewohner und den Intrigen der Parlamentsmitglieder fertig werden, sondern auch mit ihren in Tumult geratenen Gefühlen... Denn in einem korrupten Königreich ist im Krieg, wie in der Liebe, alles erlaubt. Schaffen sie es, Herz und Krone davor zu beschützen? Das queere Debütwerk von Marie Weber

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Table of Contents

Verlag

Title Page

Widmung

Hinweis des Verlags

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Danksagung

Impressum

Traumschwingen Verlag GbR

Marie Weber

Die Erbin desFaerynthrons

Für den Flug nach Island, der nie stattfinden wird.

Hinweis des Verlags

Willkommen in der Welt der Faeryn.

Bevor ihr mit dem Lesen des Buchs beginnt, solltet ihr einige Dinge wissen, die es zu beachten gibt.

Die Welt von „Die Erbin des Faeryn­throns“ unterscheidet sich sehr von unserer Welt, und damit meinen wir nicht, dass es hier Magie gibt.

Etliche Worte, die euch in diesem Buch begegnen werden, muten nach menschlichem Verständnis falsch an, aber seid versichert, dass es sich nicht um Schreibfehler handelt, sondern dass Wörter wie „Gesetzt“ statt Gesetz, oder „Herrschung“ statt „Herrschaft“ zum Sprachgebrauch der Protagonistinnen gehört, wie für uns das Wort Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmütze.

Wenn ihr also die Geschichte von Elodye und Meyre verfolgt, behaltet dies bitte stets im Hinterkopf.

Außerdem beinhaltet die Geschichte unter Umständen Inhalte, die verstörend oder anstößig wirken können. Auch dies mögt ihr bitte bedenken, wenn ihr weiterlest.

Wir wünschen Euch gute Unterhaltung

Claudia, Sasha und Marie

Kapitel 1

Elodye

Schmerzhaft bohrte sich diese verfluchte Nadel erneut in meine Fingerspitze. Dieses Mal in den kleinsten, letzten Finger. Das hatte ich wohl davon, mich von der Stickarbeit ablenken zu lassen. Aber das massenhafte Sterben der Fische, welches sich nun immer mehr häufte, hatte meine Aufmerksamkeit weiterhin vollends unter Kontrolle. Wenn wir dafür nicht bald eine Lösung finden würden, würde unsere, und sämtliche Partierren des Nordens, zugrunde gehen, etwas anderes als Fischfang konnte man hier nicht als Einnahmequelle etablieren. Auf den kargen Böden wuchs wegen der Kälte und frühen Dunkelheit nichts.

»Verdammt«, murmelte ich und wollte mir als gleich dafür auf die Zunge beißen. Ein roter Tropfen sog sich in das blütenweiße Tuch ein. Ich hatte mich erneut ablenken lassen. Nun musste ich schon wieder eine strategisch schlau angelegte Blüte darüber sticken, in der Hoffnung, weder Mama noch Großmutter würden dieses Malheur entdecken, oder mein Fluchen am benachbarten Tisch hören. Vorsichtig schielte ich zur Seite. Mama und Großmutter saßen jedoch weiterhin makellos über ihrer Stickarbeit. Selbst jetzt, im immer fahler werdenden Licht der näherkommenden Abenddämmerung, leuchtete und funkelte ihre Haut wie das Mondlicht, schimmernd wie von tausenden winzig kleinen Diamanten überzogen. Wie immer konnte ich mir ein Zähneknirschen nur schwer verkneifen, als mein Blick auf meine eigene Haut fiel, die normaler und menschlicher nicht aussehen konnte. Immerhin wäre die heutige Handarbeitsstudie bald beendet, und ich konnte zum vergnüglichen Teil des Tages übergehen, meiner abendlichen Freizeitstunde, dem einzigen Lichtblick in diesem steifen Alltag.

Mein Finger hatte endlich aufgehört, zu bluten, und ich wand mich wieder meinem Stickrahmen zu.

So sehr ich mich auch bemühte, dieser dämlichen Stickerei konnte ich einfach nichts abgewinnen. Auch wenn Mama und Großmutter seit Kindestagen mit ihrem erbarmungslosen Unterricht in Etikette und Damenhaftigkeit versuchten, es in mich hineinzuprügeln. Ihrer Ansicht nach war Stickerei eine der höchsten Künste, die eine Dame unseres Standes erlernen und perfektionieren musste, was ich allerdings herzlich wenig nachvollziehen konnte, denn ich hielt es für höchst unwahrscheinlich, den Gesandten der benachbarten Lande mit einem Kreuzstich für eine Allianz zu gewinnen.

Seufzend durchsuchte ich den Stickkorb nach einem Garn in demselben Rot wie der Blutfleck und beschloss, ihn mit einer Tulpe zu tarnen. Tulpen waren nicht anspruchsvoll, und auch die einzigen Blumen, die ich zu Mamas Zufriedenheit bewerkstelligte. Als ich gerade am Blattgrün meiner Not-Tulpe arbeitete und der Fleck einwandfrei getarnt war, klopfte es zaghaft an meine Tür.

»Herein« Es konnte nur Dandelia, meine Zofe sein. Ansonsten klopfte niemand so dezent an.

Dandelia betrat mein Zimmer und knickste, sobald sie die Türe geschlossen hatte. Wie immer bauschten sich um ihre Ohren Gänseblümchen, die pink wurden, wenn ihr etwas unangenehm war. So wie jetzt gerade auch.

»Verzeiht die Störung, Eure Hoheit, ich weiß, dass Ihr während der Studienzeit nicht gestört werden wollt, aber gerade kam ein Bote mit dieser Nachricht. Er trug zwar kein Wappen, allerdings ist das königliche Siegel darauf. Er hielt mich zur Eile an. Es scheint sehr wichtig zu sein.«

Mama und Großmutter hatten beide gleichzeitig bei den Worten »königliches Siegel« ihre Stickarbeiten auf den Boden fallen lassen. Nachricht von Hofe war üblich, allerdings, Nachricht des Königs… Das war bisher erst ein einziges Mal vorgekommen. Ich erinnerte mich noch gut daran, auch wenn es bereits vor elf Jahren geschehen war. Es war schließlich der Tag, an dem mein Leben sich radikal geändert hatte.

Mama war aufgesprungen und hastete sehr undamenhaft auf Dandelia zu.

»Sie können gehen«, sagte Großmutter, sobald Mama den Umschlag aus Dandelias Händen gerissen hatte. Sie knickste und verschwand durch die Tür, nicht ohne mir einen besorgten Blick und ein fast unmerkliches Nicken in Richtung Fenster zu geben. Vorsichtig schob ich den schweren Vorhang ein Stück zur Seite und sah den Boten, den sie gemeint haben musste. Das Pferd scharrte nervös mit den Hufen. Es spürte die Nervosität seines Reiters. Er selbst war komplett in schwarz gehüllt, mit einer Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Und, wie Dandelia bereits erwähnt hatte, trug er kein Wappen an der Seite, wie es eigentlich Pflicht war. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.

Ich stand auf und lief zu Mama und Großmutter, die in der Zwischenzeit das Siegel gebrochen hatten und nun den Inhalt des Briefes lasen. Mamas Hände zitterten. Mamas Hände zitterten nie. Großmutter blickte von dem Papier auf und sah mich an, ihre Miene eine beängstigende Mischung aus Furcht und Stolz.

»Es ist so weit.«

Meyre

Er machte es mir viel zu einfach. Diesen Angriff konnte ich schon mit sieben parieren.

»Ist das alles?«, fragte ich, während ich mit Leichtigkeit seinen Schwerthieben auswich.

Remnos schmunzelte. Trotz seines mittlerweile fortgeschrittenen Alters bewegte er sich immer noch federleicht wie ein Raubvogel.

»Unterschätze niemals deinen Gegner.« Mitten in der Bewegung machte er plötzlich kehrt und griff mich von links an. Nur knapp konnte ich sein Schwert abwehren. Einen Zentimeter weiter, und er hätte mir einen gefährlichen Schnitt an der Hüfte zugefügt. Vorausgesetzt, er hätte ein Schwert mit scharfer Klinge und keines der Übungsschwerter aus Holz gehabt. Und vorausgesetzt, ich hätte diesen Zentimeter nicht geschafft. Hatte ich aber. Ein triumphierendes Lächeln zuckte in meinen Mundwinkeln. Nach all den Jahren des Trainings schaffte ich es endlich, mit ihm gleichauf zu sein. Oder zumindest öfter.

Die Schweißperlen liefen in kleinen Rinnsalen über meinen Körper. Es war fürchterlich heiß. Die Mittagshitze brannte erbarmungslos auf uns herab, und selbst mir machten die Temperaturen zu schaffen, obwohl ich ein Wüstenkind war und mein Körper deshalb hohe Temperaturen eigentlich gut aushalten konnte. Allerdings wurden die Sommer in den letzten Jahren immer heißer, länger und trockener, genau wie die Dürren, die es mit sich zog.

Unser Trainingskampf ging schon ewig, und langsam hatte ich keine Lust mehr, die Zeit für die Mittagspause war längst verstrichen. Ich entschied, mir noch fünf weitere Minuten zu geben, um ihn zu entwaffnen. Hunger konnte ich nicht lange aushalten. Von allen nervigen Empfindungen war Hunger mir die Schlimmste. Kälte, Hitze, Müdigkeit, das war kein Problem. Aber Hunger? Es lag vermutlich daran, dass ich ihn als Kind zu oft erlebt hatte, bevor Remnos mich aufgelesen und in das Stützpunktlager gebracht hatte.

Hoffentlich würde man mich in diesem Jahr in einen anderen Dienst berufen würde. Ich hatte es satt, ständig mit den Erstlingen auf Patrouille durch die Stadt zu laufen, während die Erstlinge sich entweder vor ihrem eigenen Schatten erschreckten oder hinter jeder Mauer einen Banditen vermuteten. Im Stützpunktlager lernten sie alles, außer der Realität. Und ein weiteres Jahr mit diesen Bakarthen, wie es in meiner Sprache hieß, würde ich nicht überstehen. Oder eher, die Erstlinge würden es nicht über­stehen, denn das Einzige, was mich dabei bei Laune hielt, war das Einzige, wovon ich jemals geträumt hatte.

Königliche Waffenmeisterin und Oberste Befehlshaberin der Armee.

Niemand aus meinem Volk hatte bisher eine solche Laufbahn eingeschlagen, oder hätte sie bewerkstelligt. Zugegeben, die glorreichen Tage der Nahajarner als wohlhabendes Reisevolk waren längst verstrichen, und die meisten meiner Artgenossen lebten ein Leben zwischen Armut, Gefängnis und der nächsten Flasche Gebranntem. Natürlich konnte ich nicht die alten Zeiten von goldgeschmückten Kamelen wiederbringen, aber den Ruf meiner Leute könnte ich verbessern. Vorausgesetzt, ich schaffte es bis zur Waffenmeisterin und das schaffte ich nur, wenn dieser Trainingskampf nicht bis in alle Ewigkeit weiterging.

Gerade als ich mich dazu entschloss, ihn mit seinen eigenen Tricks zu schlagen und mitten im Angriff kehrt zu machen, ertönten schallend und dröhnend die Glocken des Turms. Remnos und ich verharrten beide in der Bewegung. Es gab keinen Grund, die Glocken zu läuten, es stand weder ein Festtag noch ein Stadtdurchlauf der königlichen Familie an.

Außer…

Meine Augen weiteten sich, als die Abfolge aus sieben Tönen unweigerlich meinen Verdacht bestätigten. Der schweißnasse Schwertgriff rutschte mir aus der Hand und das Holz prallte dumpf auf den Boden.

Remnos stets undurchdringbarer Blick wanderte in Richtung des Palastes, der sich nur wenige Ringe über uns befand, erbaut auf dem einzigen Hügel in Erredas. So zumindest die Legende.

Der König war tot.

Kapitel 2

Elodye

Die letzten Stunden schienen, wie im Sturm an mir vorbeigebraust zu sein. Mama hatte sofort nach den Wachen gerufen, um ein Reisebataillon aufzustellen, und Großmutter war losgesprungen, um mit den Bediensteten das Einpacken zu leiten.

Irgendwann, während um mich herum meine kleine Welt aufbrach, hatte Dandelia mich in mein Kleidezimmer eskortiert, um mich abreisefertig zu machen. Aber selbst die seidenweichen Pinselstriche fühlten sich an wie die Zacken eines Messers. Erst kam die Lotion, damit meine Haut nicht austrocknete und die Schicht Risse bekam, dann die Tinktur, dann das Pigmentpuder. Diesen Ablauf hatten wir über die Jahre geübt und perfektioniert, von dem Tag an, als uns die Nachricht vom Tod Königin Selemas und ihrem ungeborenen Kind erreicht hatte und klar wurde, dass ich nun die rechtmäßige Erbin des Faerynthrons war. Einen größeren Scherz hätten sich die Faten nicht ausdenken können: Eine Faeryn ohne Glanz auf dem Thron von Erredas. Sehr komisch. Ich war nicht einmal eine nahe Verwandte des Königs, Mama war lediglich seine Großcousine dritten Grades, und doch war ich die einzige Faeryn, die jetzt noch den Thron besteigen konnte. Unser Volk war über die Jahrhunderte immer kleiner geworden, bis anscheinend nur noch ich übrig war.

Dandelia kniete neben mir, um meine Beine mit der Tinktur einzustreichen. Meine ganze Haut kribbelte schon davon, und der Geruch brannte in meiner Nase. Bei dem Gedanken, dies jetzt jeden Tag zu tun, wurde mir übel. Ich hatte gewusst, dass ich Königin werden würde, seitdem ich acht Jahre alt war. Dennoch hatte ich nicht erwartet, dass es so früh passieren würde. König Methyn war zwar nicht ein vor Kraft und Gesundheit strotzender Mann gewesen, doch hatte ich, oder irgendjemand, nicht damit gerechnet, er würde so früh von uns gehen. Der Tod seiner Frau Selema und seines Kindes hatten ihm wohl mehr zugesetzt, als man vermutet hatte.

Dandelia war fertig mit dem Auftragen der Tinktur und begann nun, meinen Körper mit dem Pigmentpuder zu betupfen, der mir den Glanz einer Faeryn verpassen sollte.

Der Glanz war der Stolz eines jeden Faeryn. Es war die äußerliche Ballung unseres Wesens, unserer Kräfte und unserer Verbindung zum Ursprung, von dem wir direkt abstammten.

Die glitzernden Fragmente des Puders tanzten durch die Luft, reflektiert vom Licht der untergehenden Sonne.

Mama betrat das Zimmer, ein Tablett mit einem Kelch und einem Teller Flachbrot tragend und einer Horde Bedienstete im Schlepptau, die nach und nach Kleidungsstücke hereinbrachten. Es war die Kleidung, die wir für diesen Moment hatten anfertigen lassen. Reisekleidung und ein Umhang in blutrotem Samt, das Wappen der königlichen Familie auf der Rückseite eingestickt. Ein Kleid für den Einritt, tiefschwarz, und dennoch üppig bestickt. Schlicht, um meine Bescheidenheit auszudrücken, doch prachtvoll genug, meine Macht zu symbolisieren, hochgeschlossen, um meinen Respekt zu zeigen und dennoch freizügig genug, um nicht prüde zu wirken. Trauerflor einer zukünftigen Monarchin. Genau, wie es von mir erwartet wurde.

»Hier, Liebling. Du solltest etwas Essen, für einen Schwächeanfall haben wir wirklich keine Zeit. Sobald du fertig bist, reisen wir.« Dandelia betupfte gerade meine Hände mit dem falschen Glanz, weshalb Mama mir ein Flachbrot faltete. Es würde wohl das letzte Flachbrot sein, dass ich jemals essen würde. Im Süden, in dem auch die Capita mit dem Regierungspalast lag, konnte es nicht hergestellt werden. Der Teig musste nachts bei Kälte ruhen, und in Erredas war es niemals kalt. Es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Mein bisheriges Leben war jetzt vorbei, für immer. Ab jetzt würde ich nicht mehr mit Cassia durch die eisverkrusteten Felder jagen, oder mit den Dorfbewohnern auf dem Marktplatz Laternen steigen lassen. Oder Flachbrot essen. Stumm betete ich zu Sol, dies möge nur ein böser Traum sein, aus dem ich augenblicklich erwachen möge. Ich schloss die Augen, und als ich sie wieder öffnete, zeigten sie mir dasselbe Bild. Mein Kleidezimmer. Die monarchische Reisekleidung. Dandelia mit dem Glanzpuder. Mamas kritischer Blick. Dies war kein Traum. Dies war real.

»Mama…«, kam es nur aus mir heraus, während die Trauer und Panik in mir hochstiegen.

»Mein Schatz.« Mama stand auf, um mich in die Arme zu nehmen, offensichtlich ausgelöst durch die übermäßige Emotion dieses Moments, verharrte jedoch in der Bewegung. Der Glanz war noch nicht trocken. Würde es jetzt immer so sein? Der falsche Glanz, eine Barriere zwischen mir und allem anderen?

»Ich schaffe das nicht.«

»Weine nicht. Jetzt wirst du wirklich zu der, zu der du immer bestimmt warst. Dafür haben wir dich großgezogen. Es gibt niemanden, der es mehr schaffen könnte als du.« Sie nahm die Bürste von der Frisierkommode und kämmte meine langen, zotteligen Locken, bis sie in gestriegelten Wellen über meinen Rücken flossen.

Ich wusste, dass ihre Worte mich aufmuntern sollten. Doch je mehr Puder Dandelia auftrug, und je mehr Mama mein Haar frisierte, und ich in den fremdartigen Umhang gekleidet wurde, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass ich nicht zu mir selbst wurde. Mein selbst war abgepudert und hinter zarten Handschuhen und Trauerflor vergraben, und ich war mir nicht sicher, ob es je wieder zum Vorschein kommen konnte.

Meyre

In der Stadt herrschte der absolute Wahnsinn. Die Glocken läuteten noch immer die siebenstellige Tonfolge, während um mich herum die Leute entweder in Panik gerieten oder die Gunst der Stunde nutzten, um zu plündern. Remnos und ich kämpften uns durch die Menschenmassen, doch jeder Bewohner von Erredas schien irgendwohin rennen zu wollen, und allesamt in unterschiedliche Richtungen. Wir wollten die Station so schnell wie möglich erreichen, um Truppen aufzustellen und das Chaos zu besänftigen. Die Mittagshitze die erbarmungslos auf uns herabdrückte, und die Massen­panik ließen die Stadt zu einem Schmelztiegel werden. Es schien, als würden selbst die Mauern erzittern, sie bebten in ihrer Grundstruktur, als würde ein Erdbeben uns heimsuchen. Trotz der panischen Masse um mich herum behielt ich einen klaren Kopf. Hierfür war ich ausgebildet worden. Das war meine Chance, mich zu beweisen.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie eine Kapuzengestalt sich auffällig unauffällig an einer Hauswand entlang drückte und dann, nach mehrmaligem Umblicken, in einer Seitengasse verschwand.

Mich beschlich ein merkwürdiges Gefühl, und selbst, als Remnos und ich uns weiter durch die Stadt gekämpft hatten, konnte ich nicht aufhören, an die Gestalt zu denken. Ich konnte einfach dieses Gefühl der Eiseskälte nicht abschütteln, das meinen Rücken entlanggekrochen war, als ich sie gesehen hatte.

Ich machte kurzen Prozess.

Ich machte kehrt.

»Mey, wo willst du hin?«, rief Remnos mir über das Schreien der Menschen hinzu.

»Ich bin gleich zurück!«, antwortete ich ihm. Ich entdeckte ein Weinfass vor einer Ladenfront, ließ mich von der Masse dorthin treiben und erklomm es. Remnos rief mir noch etwas zu, doch der Lärm der erschütterten Menschen trug seine Worte nicht bis zu mir. Als ich mit beiden Füßen fest auf dem Deckel des Weinfasses stand, war es ein Leichtes, auf das Hausdach zu gelangen. Mit beiden Händen hielt ich mich am Dachvorsprung fest und Schwang mich federleicht nach oben. Remnos sagte immer, ich wäre im letzten Leben eine Katze gewesen. Es wäre schön, wenn ich das auch in diesem Leben geworden wäre. Sicher platzierte ich meine Schritte auf den Dachziegeln und fiel in einen gleichmäßigen Rhythmus. Ein Glück, dass die Häuser in Erredas dicht an dicht standen, so musste ich nicht sonderlich weit springen, um auf das nächste Dach zu gelangen. Im Nu hatte ich die Strecke zurückgelegt und fand mich direkt oberhalb der Gasse, in der unsere mysteriöse Gestalt verschwunden war. Sie war nicht mehr hier. Natürlich nicht. Ich hatte auch nicht erwartet, dass sie sich hier ein Kaffeekränzchen eingerichtet hatte. Ich legte die Hand an die Augen, um die Sonne abzuschirmen, und suchte die umliegenden Gassen ab.

Nur zwei Straßen weiter wurde ich fündig. Die Kapuzengestalt schlenderte entspannt durch die Straße der Gerber, sah sich erneut um, und huschte durch ein vom Schatten getarntes Tor, vermutlich in einen Innenhof. Schon merkwürdig, dass er oder sie, so entspannt, gar fröhlich wirkte, wenn die komplette Stadt auf dem Kopf stand.

Schnell hatte ich das Gebäude gegenüber dem Torbogen erreicht und sprang federnd auf den gepflasterten Untergrund. Vorsichtig schlich ich mich, den Rücken gegen die Wand gepresst, an den Eingang heran. Ich hörte nichts. Abseits des Trubels wurde sämtlicher Lärm von den dicken Steinmauern der Gebäude verschluckt. Meine Hand lag auf dem Griff des Dolchs, der seitlich an meinem Gürtel steckte. Nervös trommelten meine Fingerkuppen auf dem eingelassenen Opal, dem wohl einzigen Erbstück meiner Familie.

Dann plötzlich, ein metallisches Summen, ein gedämpfter Schrei. Ich zog den Dolch, nahm Haltung ein, so, wie ich es schon tausende Male getan hatte, und betrat den Innenhof. Ich sah gerade noch ein Bein, das sich über die Mauer schwang, dann fiel mein Blick auf den Mann, der auf dem Boden lag. Er schnappte röchelnd nach Luft, aus einer Wunde gefährlich nah an seinem Herzen, floss Blut. Viel Blut. Es sprudelte förmlich aus ihm heraus, wie eine Wasserfontäne im Park. Eine große Arterie war verletzt, das war klar. Ich rannte zu ihm, das Tuch, das ich zum Schutz immer um den Hals trug, um den Staub der Straße nicht einzuatmen, knotete ich währenddessen bereits ab. Bei dem Mann angekommen presste ich es auf die Wunde, um die Blutung zu stoppen.

»Wer bist du?«, fragte ich ihn. Er hustete, und aus seinem Mund lief ein dickes Rinnsal roter Flüssigkeit. Das Messer musste auch die Lunge verletzt haben. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, was zuerst passieren würde: Tod durch den Blutverlust oder Tod durch Ertrinken.

»Wer war das? Warum hat man dir das angetan?« Für ihn konnte ich nichts anderes mehr tun, als den Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Selbst wenn ich es schaffen würde, ihn zur nächstgelegensten Spitala zu bringen, bei den Tumulten auf der Straße würde ich viel zu lange brauchen. Und er hatte nur noch Minuten. Wahrscheinlich weniger. Das Blut pulsierte unbeeindruckt durch das aufgepresste Tuch.

»I…I…«, versuchte er. Seine Lider flackerten.

»Ja? Was willst du mir sagen?«

»In…o…yat.« Bei der letzten Silbe flackerten seine Lider nicht mehr. Sein Kopf sackte zur Seite, während der letzte Rest Leben endgültig aus ihm verschwand.

Ich wusste nicht, welchem Volk der Mann angehörte, weshalb ich kurzerhand das Totenlied der Nahajarner anstimmte. In unserem Jenseits war jeder willkommen, egal, welcher Herkunft. So konnte seine Seele immerhin irgendwo Frieden finden. Und das Lied war kurz.

Drei goldene Lichtpunkte traten aus seiner Brust, nach kurzem Tanz vereinten sie sich zu einem und schossen gen Himmel. Als sie so weit entfernt waren, dass ich sie nicht mehr erkennen konnte, schloss ich seine Augen.

Es war definitiv nicht das erste Mal, dass ich einen Toten gesehen hatte oder ich dabei war, als jemand starb, aber es war das erste Mal, dass mir ein Sterbender als letzten Worte den Namen des Münzmeisters genannt hatte.

Kapitel 3

Elodye

Der schwere Stoff des Umhangs drückte sich wie eine Felswand gegen meinen Körper. Es war eine klare Nacht. Eine gute Nacht, um zu reisen. Wir waren seit zwei Tagen unterwegs, womöglich würden wir die Capita noch vor Einbruch der Morgendämmerung erreichen. Cassia unter mir schnaubte und ihr Atem bildete weiße Rauchwölkchen in der Dunkelheit der Nacht. Dank unserer Entstammungsverbindung fühlte ich mich immer ruhiger und sicherer, wenn ich bei ihr war, ansonsten wäre ich sicherlich längst der Angst erlegen. Sanft strich ich über ihr weiches, weißes Fell. Ermunternd schüttelte sie die goldblonde Mähne, die ebenso hochherrschaftlich frisiert war, wie meine eigene. Cassia schien nicht begeistert zu sein von ihrer üppig geflochtenen Frisur. Ich wusste, dass sie sie lieber frei im Wind wehen ließ, genau wie ich. Mir fiel auf, dass in ihre Zöpfe Perlen und Bänder eingearbeitet waren. Manchmal übertrieb Großmutter es wirklich. Vorsichtig versuchte ich, durch Zupfen die Strähnen etwas zu lockern, damit sie es bequemer hatte. Immerhin trug sie mich, und das schon seit Stunden. Die letzte Rast war zur Mittagszeit gewesen.

Der Bataillonsführer hob die Hand und hielt uns zum Halten an.

»Wir haben den Rastplatz erreicht. Wir werden hier einige Stunden ruhen.«

Der Soldat, der an meiner Seite geritten war, stieg von seinem Pferd und half mir, abzusteigen, während die anderen bereits dabei waren, die Zelte aufzubauen. Ich machte mich daran, Cassia abzusatteln, doch Mama hielt mich blitzschnell davon ab.

»Nein, nicht dass der Glanz splittert!«, zischte sie mir zu. Ich hatte Cassia immer selbst versorgt, doch jetzt musste ich zur Seite treten und einen der Bediensteten, die mit uns reisten, diese Aufgabe überlassen. Cassia empfand dies als überhaupt nicht amüsant. Sie war direkt beleidigt und schnappte nach dem Bediensteten. Erfolgreich.

»Es ist in Ordnung. Ich finde dies alles ebenso unangenehm, wie du.«, murmelte ich ihr zu, als ich sie zum Wasser führte, wo sie sogleich begann, zu trinken. Ich ließ sie dort ihren Durst stillen, während ich zurück zu den Zelten lief, die bereits standen. Dandelia und Mama halfen mir, Kleid und Korsett auszuziehen, bevor wir uns zur Ruhe legten. Unruhig warf ich mich hin und her, unfähig, Schlaf zu finden. Dandelia neben mir schnarchte leise. Schließlich entschloss ich mich, aufzustehen und zu Cassia zu gehen. Vielleicht konnte ich bei ihr zur Ruhe kommen.

Als ich aus dem Zelt trat, schliefen die Wachen ebenfalls, außer jene, die unser Zelt bewachten. Ich grüßte sie mit einem Nicken. Cassia lag, die Vorderbeine elegant eingeschlagen, direkt am Flussufer. Der Mondschein ließ ihr Fell glänzen wie sämtliche Kronjuwelen in der königlichen Schatzkammer. Ich ließ mich neben ihr ins taufeuchte Gras sinken. Die Tatsache, dass es nicht gefroren war, sagte mir, dass wir den Norden weit hinter uns gelassen hatten und nur noch wenige Stunden von Erredas entfernt waren. Die Nachtluft strich mild und warm um meine Haut. Cassia ließ ihren Kopf in meinen Schoß sinken und ich kraulte sie hinter den Ohren, genau wie sie es mochte.

Ein Knacken durchschnitt die Stille. Cassia schreckte auf und sprang panisch auf die Beine. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Verängstigt sah ich mich um, konnte jedoch nichts entdecken.

»Schon gut, es war sicherlich nur ein Hase, oder ein Reh.«, sagte ich mehr zu mir selbst. Allmählich beruhigte ich mich von dem Schrecken, doch die schiere Panik in Cassias Augen verschwand nicht. Unruhig trabte sie hin und her. Etwas konnte nicht stimmen. Doch bevor ich mich erheben und eine Wache zur Hilfe holen konnte, surrte plötzlich die Luft. Instinktiv duckte ich mich. Ich kannte das Geräusch eines Pfeilschusses, Vater hatte mich als Kind oft genug in Bogenschießen geübt. Cassias Wiehern erklang, schrill und verängstigt. Mein Herz blieb stehen, als ein tiefer, schneidender Schmerz meine Brust durchzog.

Ein Pfeil steckte in ihrer Seite. Dann zwei, dann drei. Sie bäumte sich auf vor Schmerz und schrie, während ich mich am Boden unter ihren Qualen wand, als wären es die meinen. Still schickte ich ein panisches Stoßgebet an Sol. Warum kamen keine Wachen? Es war unmöglich, dass sie nichts hiervon hörten. Verschwommen erkannte ich eine Gestalt vor mir, die sich zu mir herabbeugte. Das Gesicht war komplett von dunklem Stoff verhüllt.

»Kein Thron für die falsche Faeryn.«, flüsterte sie mir belustigt zu. Die Stimme war verzerrt, als hörte ich sie durch dutzende Schichten Nebel, es gab keine Möglichkeit zu erkennen, ob sie von einem Mann oder einer Frau kam. Vor meinen Augen tanzten Sterne. Ich versuchte, irgendwie einen klaren Gedanken zu fassen. Vergebens. Vater hatte mich vor seinem Tod auf derartige Situationen vorbereitet. Ich zwang mich, mir seine Worte ins Gedächtnis zu rufen. So einfach würde ich nicht untergehen. Obwohl ich mich unter Cassias Schmerzen krümmte, rief ich still den Geist der Natur um Hilfe. Ihm hatte ich mich bisher immer am Nächsten gefühlt, wenn auch nicht ansatzweise so intensiv, wie ich eigentlich sollte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich hinter der Person eine Wurzel erhob, und als ich schon dachte, vor Schmerz und Erschöpfung ohnmächtig zu werden, schloss ich meine Faust, ließ den Strang um das Bein meines Gegners knoten und zog ihn so zu Boden. Ich war selbst überrascht von meiner Tat, so etwas hatte ich noch nie zustande gebracht.

»Es heißt keinen, nicht kein.«

Nach Luft schnappend kroch ich zu Cassia, die ebenfalls auf dem Boden lag und vor Schmerzen um sich trat. Blut befleckte ihr schneeweißes Fell, wie Regentropfen frische Wäsche auf der Leine.

»Cassia…« Tränen liefen über meine Wangen wie Sturzbäche. Der falsche Glanz tropfte auf das Gras unter mir und ließ es glitzern und schimmern, wie zuvor meine Haut. Ich kroch auf sie zu, meine längste und einzige Freundin, als ich hinter mir das Reißen eines Wurzelstrangs hörte.

»Glaubst du wirklich, mit ein bisschen Naturmagie kannst du uns aufhalten?«, lachend kam die Person näher, ich hörte die Schritte, dumpf und mächtig. Ich musste Cassia erreichen. Wenn ich erst einmal bei ihr wäre, könnte ich uns mittels der Entstammungsverbindung vielleicht retten, vielleicht könnte Cassia von meiner Energie schöpfen und wir könnten entkommen.

Mein Gegner ging leichten Schrittes an mir vorüber. Ein kaltes, grausames Lachen schallte durch die Nacht. Cassia ächzte auf. Aus ihrem Hals sprudelte Blut, ihre Kehle war durchtrennt.

Meyre

Remnos fand mich kurze Zeit später. Er kannte mich zu gut und war mir, so gut es in dem Trubel ging, gefolgt. Ich berichtete ihm, was ich gesehen hatte. Seine Miene war ausdruckslos, was bei ihm immer der Fall war, doch mittlerweile kannte auch ich ihn gut genug, um zu wissen, dass hinter der beherrschten Fassade gerade sämtliche Zahnrädchen Informationsfetzen, alles, was er hier und dort aufgeschnappt hatte, miteinander verbanden.

»Was weißt du?«, fragte ich ihn geradeheraus. Er wusste etwas. Er wusste immer etwas.

Er schwieg und kniete sich neben das Opfer.

»Du weißt immer etwas.« Er ignorierte mich einfach.

»Dieser Mann wurde gerade umgebracht, und seine letzten Worte war der Name des Münzmeisters! Du kannst mir erzählen, was du willst, aber normal ist das nicht.«

»Es wäre besser, wenn du nicht so laut herumschreien würdest«, sagte Remnos schlicht. Frustriert warf ich die Hände in die Luft. Dieser Mann würde mich noch irgendwann den letzten Nerv kosten.

»Was machen wir jetzt mit ihm?«, fragte ich entnervt.

Remnos erhob sich.

»Wir bringen ihn in die Spitala. Ein Heiler kann uns vielleicht mehr über ihn erzählen. Ich nehme an, du hast gegen die Regeln verstoßen und ihn bereits übergeben?«

Als ich schwieg, seufzte er und rieb sich müde über die Augen.

»Mey, mittlerweile solltest du doch wissen, dass nur ein Geistiger übergeben darf.«

Es war nicht das erste Mal, dass wir diese Diskussion führten.

»In meinem Volk ist jeder dazu befugt, Sterbende dem Jenseits zu übergeben.« Trotzig verschränkte ich die Arme vor der Brust.

Remnos stöhnte auf. Das würde wieder viel Papierkram geben.

»Außerdem war kein Geistiger in der Nähe! Wenn die Seele nicht unmittelbar nach dem letzten Herzschlag aus dem Körper entlassen wird, ist sie für immer darin gefangen!«

»Ja, bei den Nahajarnern vielleicht, aber das weißt du genau. Wir wissen nicht, wer der Mann war.« Remnos untersuchte den Leichnam. Wonach er suchte, wusste ich allerdings nicht.

»Elfisch war er definitiv nicht, ansonsten wäre er längst zu einer Horde Schmetterlinge geworden. Ein Naturgeist auch nicht, denn dann wäre hier längst alles voll mit Büschen oder Löwenzahn.«

»Hättest du einfach die Vorschriften befolgt, könnten wir unser Opfer immerhin befragen, wer oder was hinter dem Angriff steckt.« Er sah genervt zu mir auf.

Ich lachte schnaubend.

»Nachtmagie? Das ist ja wohl sehr viel verbotener als eine unbefugte Übergebung.« Ich ging in die Hocke und legte einen Arm des Toten um meine Schulter.

»Hilfst du mir, oder muss ich ihn allein in die Spitala schleppen?«

Remnos atmete tief ein und aus. Schließlich griff auch er nach dem Arm des Opfers und gemeinsam trugen wir ihn durch die menschenleeren Seitenstraßen der Capita.

Es schien, als wären alle Bewohner Erredas in Richtung des Regierungspalastes gedrängt. Vermutlich erwarteten sie Antworten darüber, wer nun das Land regieren würde. Eine Frage, die auch mich beschäftigte.

»König Methyn hat keinen Thronfolger. Wer wird dann regieren? Das Parlament?« Bei dem Gedanken konnte man sich auch gleich von der Stadtmauer in die See stürzen. Das Parlament bestand nur aus korrupten, heuchlerischen Nobelisten. Reiche Kaufmänner, Adelige und andere Männer und Frauen, die hohen Stand hatten. Und allesamt nur darauf aus, ihren Reichtum zu vergrößern und ihren Einfluss auszuweiten, ohne Rücksicht auf die Folgen, die ihre skrupellosen Taten für das Volk hatten, angeführt von dem Obermistkerl Mertellier, der für mehr als die Hälfte der Straßenbanden und Schwarzmarktgeschäfte verantwortlich war.

»Das Parlament wird nicht regieren. Zumindest nicht alleine.« Schwer atmend hievten wir den leblosen Körper eine schmale Treppe hinauf zum nächsten Ring.

»Aber er hat keine Kinder.«

»Thronfolger muss nicht unbedingt ein leibliches Kind sein«, sagte er schlicht.

Die Sonne hatte endlich erbarmen gezeigt und zog nun langsam weiter Richtung Westen. Die drückende Hitze war nun nicht mehr drückend. Nur noch heiß.

»Und das heißt? Hat er irgendwo ein Kind adoptiert?« Eine andere Möglichkeit konnte ich mir nicht ausdenken. Am ganzen Hofe gab es keinen einzigen Faeryn. Und man hörte auch nichts über irgendwelche Faeryn. Und hätte er ein Kind adoptiert, hätte er es längst bei Hofe vorstellen müssen. Nur durch diese offizielle öffentliche Anerkennung konnte ein adoptiertes Kind Thronfolger werden. Und das war definitiv nicht vorgekommen. Zumindest nicht in den letzten zwölf Jahren, die ich hier in der Stadt verbracht hatte. Und Königin Selema und ihr Kind waren erst danach verstorben. Das konnte nur bedeuten…

Ich hielt inne und sah Remnos verwundert an.

»Das heißt, es gibt noch irgendwo…«

Remnos unterbrach mich.

»Du musst dir um die Thronfolge wirklich keine Sorgen machen. Überleg dir lieber, wie wir deinen erneuten Übergebungsverstoß möglichst glaubwürdig rechtfertigen können.«

Kapitel 4

Elodye

Mein Schrei hallte noch von den Zeltwänden wider, als ich schweißgebadet, zitternd und panisch um mich schlagend von meinem Feldbett fiel.

»Eure Hoheit!«

»Liebling!«, kam es von Dandelia und Mama.

Orientierungslos strauchelte ich nach draußen. Cassia stand friedlich bei den anderen Pferden und genoss ihr Frühstück.

Ich wollte vor Erleichterung weinen.

Ich hatte das nur geträumt. Sol sei gedankt.

Die Wachen an unserem Zelteingang sahen betont an mir vorbei. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich nur im Nachtkleid vor ihnen stand. Mama und Dandelia kamen hinter mir aus dem Zelt gestürzt, Dandelia schwenkte wild meinen spitzenbesetzten Morgenmantel.

»Guten Morgen, General. Leutnant.«, grüßte ich die Wachen. Sie nickten mir zu. »Eure Hoheit.«

Mama legte stürmisch ihr gestricktes Tuch um meine Schultern. Es war noch sehr früh, die Sonne war noch nicht aufgegangen, dennoch war es nicht sonderlich kalt.

»Liebling, komm rein, du erkühlst dich noch.« Mama und Dandelia schoben mich zurück in den Zeltinnenraum.

»Was ist bitte in dich gefahren?« Mama begutachtete mich besorgt – oder eher, meinen Glanz. Sie atmete erleichtert auf. Anscheinend war keine Schicht gerissen oder abgesplittert, was natürlich die oberste Priorität war.

Dandelia trug einen Hocker herbei, auf dem ich mich niederließ. Meine Beine zitterten noch von dem Schrecken des Traums. Dandelia begann akribisch, meine elegant gesteckte Frisur aufzufrischen. Währenddessen erzählte ich den beiden von dem Traum der vergangenen Nacht. Beide sahen sich immer wieder mit undeutbaren Blicken an, die mich noch nervöser machten, als ich ohnehin schon war. Schlussendlich tat Mama den Albtraum mit einem ungewohnt liebevollen Lächeln und den Worten »Das war sicher die Aufregung der vergangenen Tage« ab, gab mir einen ebenfalls ungewohnten gehauchten Kuss auf die Stirn und schnürte mich dann etwas zu eifrig in mein Korsett. Das Ankleiden wollte sie unbedingt selbst übernehmen, doch auch wenn sie sorglos plapperte, spürte ich eindeutig, wie ihre Hände zitterten. Das war das zweite Mal, in zwei Tagen. Mamas Hände zitterten nie. Nicht einmal bei Vaters Tod, obwohl damals auch ein Teil voan ihr selbst gestorben war.

Nachdenklich kaute ich auf den Trauben, die Dandelia mir während des Ankleidens reichte, herum. Auch sie bemühte sich um eine fröhliche Miene, doch ihre Gänseblümchen wurden welk und rieselten zu Boden wie frischer Schnee.

Der Umhang lag heute noch schwerer auf mir, und als einer der Bediensteten uns informierte, wir seien nun aufbruchbereit, hatte ich das Gefühl, nicht einen Schritt darin gehen zu können. Wankend machte ich mich auf den Weg zu Cassia und war dieses Mal froh, dass mir in den Sattel geholfen wurde. Cassia spürte meine Anspannung und warf nervös den Kopf. Ich versuchte, uns beide gleichzeitig zu beruhigen.

»Wir werden Erredas bei Sonnenaufgang erreichen«, informierte uns der Bataillonsführer.

Nur noch wenige Stunden lagen zwischen mir und meinem neuen Leben als Monarchin. Ich konnte die Furcht davor nicht untergraben, so sehr ich mich auch auf meinen Unterricht, der mich seit Jahren darauf vorbereitet hatte, zu berufen versuchte. Es konnte nicht gut enden, wenn eine Herrschaft direkt mit einer Lüge begann.

Meyre

Unruhig trat ich von einem Bein auf das andere. Seit der gestrigen Verkündung des neuen Regenten herrschte in der Stadt die hellste Aufregung. Alles und jeder bereitete sich darauf vor, den neuen Herrscher gebührend in Erredas willkommen zu heißen. Die Straßen wurden geschrubbt und so gut es ging von Elend und Dreck befreit, Wimpelketten mit dem königlichen Wappen wurden zwischen den Häusern gespannt, Bäcker versanken in Aufträgen für den Palast und sämtlicher Nobelistenfamilien, die das Eintreffen des Monarchen mit dutzenden Gesellschaften feiern wollten. Neben mir diskutierte der Besitzer des Weinkellers heftig mit einem Winzer über eine zusätzliche Lieferung nordischen Süßweins, die von den Mertelliers geordert worden war, und angeblich der bevorzugte Wein unseres zukünftigen Königs war. Wir hatten noch nicht einmal die Krönung hinter uns gebracht, und schon waren die Mertelliers dabei, politische Fäden zu ziehen. Oder eher, politische Intrigen zu spinnen. Typisch. Hoffentlich erstickte er an seinem Wein.

Ich stand seit zwei Stunden Wache am südlichen Tor zum Dritten Ring, wo man einen wunderbaren Blick über das Handelsviertel hatte. Einer der Erstlinge hinter mir gähnte lautstark.

»Ist dir die Arbeit zu langweilig, Erstling Ortis?« Ich musste mich gar nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Ortis war. Nur er würde sich das trauen. Als Kind einer Nobelistenfamilie dachte er viel zu oft, dass die Arbeit in der Stadtwache unter seiner Würde war. Und er vergaß viel zu oft, dass er hier war, weil sein Vater, Obert Ortis, genug hatte von seinen ständigen Skandalen und Eskapaden, die dem Ruf seiner Familie definitiv geschadet hatten.

»Wir stehen hier seit zwei Stunden und sehen Händlern beim Befüllen der Regale zu. Es passiert absolut nichts. Das ist die reinste Zeitverschwendung.« Herablassend schnaubte er durch die Nase.

»Es passiert nur nichts, weil du nicht genau hinschauen kannst.« Ich genoss es mehr als ich sollte, Ortis in seine Schranken zu verweisen. Er hatte einen Dämpfer bitternötig, und den verpasste ich ihm liebend gern.

Die Gruppe hinter mir kicherte. Ich musste wieder nicht hinsehen, um zu wissen, dass Ortis gerade dunkelrot anlief, eine Eigenschaft, die er von seinem Vater hatte.

»Denn wenn du hinschauen würdest, hättest du gesehen, dass der Ölhändler gerade das Pessatöl mit irgendeinem billigen streckt, dem Blumenladen dort hinten gerade einige Töpfe Rotgoldbüschchen heruntergefallen sind. Erstling Zerka, wie viele waren es?« Erstling Zerka war eine der wenigen, die ihre Arbeit immer mit vollem Einsatz anging, egal ob es Stadtpatrouillen oder Latrinenreinigung war.

Sie war die Einzige in der mir zugewiesenen Truppe, die verstanden hatte, dass dies die letzte Chance war, die sie vor dem Gefängnis bewahrte. Jugendliche Verbrecher konnten ihre Strafe bis zu einem gewissen Maß in Militärdienst umwandeln. Eine grauenvolle Idee, meiner Meinung nach. Gesetzesbrecher wurden zu Gesetzeshütern. Arbeit in der Spitala oder einer Hilfsherberge wäre da deutlich wirkungsvoller.

»Drei, Offizierin Nehal«, antwortete sie prompt.

»Korrekt.«

Ich ließ meinen Blick über die Menschenmasse gleiten. Ein Bäcker platzierte verschiedene Brote mit dem königlichen Wappen in der Auslage. Einige Kinder spielten ein Hüpfspiel neben dem Zentralbrunnen. Ein Stoffhändler verscheuchte eine Schar Tauben, die sich auf den ausgelegten Stoffen vor seinem Laden niedergelassen hatten.

Eine rothaarige Frau mit ausladendem Dekolletee bezirzte einen Kaufmann. Mit schallendem Lachen warf sie den Kopf in den Nacken und ließ ihre Hände über seine Arme gleiten. Ich kniff die Augen zusammen.

»Sofern ihr nicht zu müde seid, könnt ihr neben Kerzengeschäft ein wunderschönes Beispiel für einen gelungenen Taschendiebstahl bewundern.«

Kokett zupfte die Frau das geknotete Tuch des Kaufmanns zurecht und lenkte damit von ihrer Hand ab, die sie in seiner Tasche verschwinden ließ. Doch diese Mühe hätte sie sich gar nicht machen müssen. Der Mann war sowieso ganz hin und weg von ihr, er hing wie ein sabbernder Welpe an ihrem Blick. Oder eher, ein Stockwerk tiefer.

»Ortis, Zerka, ihr kommt mit mir. Ihr anderen haltet hier Wache.«

Mit den beiden im Schlepptau machte ich mich auf den Weg. Als die Diebin uns entdeckte, spielte sie dem Kaufmann eine traurige, aber hastige Verabschiedung vor, und verschwand dann in einer Gasse, und ich sprintete los.

Kapitel 5

Elodye

Die letzten Stunden vor unserem Eintreffen in Erredas zogen sich hin wie die langen Winternächte des Nordens. Sie schienen Ewigkeiten anzudauern, und mit jedem Schritt schlug mein Herz stärker. Ich war noch nie in der Capita gewesen, ich kannte sie nur aus Bildern und Mamas Erzählungen von ihrer Zeit bei Hofe. Selbst Dandelia war bereits mehrmals in Erredas gewesen, ihre Familie lebte dort und sie ging regelmäßig mit Großmutter dorthin, um die neusten modischen Kreationen für uns einzukaufen. Doch ich durfte sie bisher nie begleiten, was vor allem an meinem fehlenden Glanz lag und der Tatsache, dass ich die Thronerbin war, die letzte Faeryn. Um meine Sicherheit willen waren wir in den entferntesten Winkel der Partierre meiner Familie gezogen, eine der kleinsten, nördlichen Inseln, wo niemand wusste, dass ich die zukünftige Herrscherin war. Dort interessierte sich niemand für die königliche Familie und ihre dramatischen Entwicklungen. Einige wussten nicht einmal, wie der regierende Monarch überhaupt hieß.

Mama neben mir redete unaufhörlich auf mich ein, immer wieder wiederholte sie den Ablauf. Ich würde durch das östliche Stadttor in Erredas einreiten, da dort die, wie Mama es nannte, »Große Treppe«, lag, die direkt durch die Ringe zum Palast führten. Oben, auf dem höchsten Ring und unmittelbar vor den Palasttoren, würde ich absteigen, und die jahrhundertealten Worte an mein Volk richten, wie König Methyn, und der König vor ihm, und der vor ihm. Immer wieder betonte Mama, wie wichtig dieser Einritt war, dass es meine erste Handlung als Königin war, eine Art Feuerprobe, und dass nichts schief gehen durfte. Ich schwieg, bis sie mich dazu aufforderte, die einstudierten Worte aufzusagen. Immer und immer wieder, bis ich beinahe losgeschrien hätte. Irgendwann schien sie zufrieden zu sein, und mit ihrer Stille umhüllten mich nur noch die Geräusche der Pferdehufe auf dem weichen Waldboden, das Knarren der vollbeladenen Wagen und das Rauschen der Waldblätter.

Ich atmete tief ein und aus. Die Waldluft im Süden roch ganz anders als die in meiner Heimat. Viel süßer und schwerer, und im Laufe unseres Ritts mischte sich immer mehr das Salz des Meeres darunter. Wir kamen Erredas immer näher. Ich hatte erwartet, dass ich von der südlichen Hitze längst kollabiert wäre, allerdings war die Sonne noch nicht vollständig aufgegangen, und die Furcht vor dem Kommenden ließ mich frösteln. Der Wald lichtete sich vor uns und vor mir lag das Glitzern der See, die Erredas wie ein Halbmond umrandete, und die Landbrücke, die die Stadt mit dem Festland verband. In der Ferne strahlten die weißen Mauern des Palastes, der sich wie ein leuchtender Berg in den Himmel erhob. Dies war also mein neues Zuhause. Es sah furchteinflößend aus, als würde es alle meine Geheimnisse kennen und mir drohen, mich damit bloßzustellen. Die gepflasterte Landbrücke vor uns war menschenleer. Es war noch viel zu früh für den Durchgangsverkehr, und alle Bewohner würden sich im Stadtinneren tummeln, in der Hoffnung, einen Blick auf den zukünftigen Herrscher werfen zu können, wenn er das Tor durchschritt.

Auf mich.

Wir hielten an, und Dandelia und Mama kleideten mich in das schwere, schwarze Kleid, jenes für den Einritt vorgesehen war. Es war Tradition, dass der zukünftige Herrscher nach dem Ableben des Regenten in Trauerflor in die Stadt einritt, um seine Verbindung zum trauernden Volk und um seine eigene Trauer, und somit Unschuld am Tode des Monarchen, zu symbolisieren. Dandelia betupfte sicherheitshalber erneut meine Hände und Wangen mit Puder, Mama platzierte den formellen Schleier, der weit über meine Schultern und Cassias Rücken fiel. Mittlerweile war ich ein nervöses Wrack. Ich verdankte es einzig und allein Cassias Ruhe, nicht das Bewusstsein zu verlieren, denn den Einritt musste ich allein schaffen, ohne Mama oder Dandelia an meiner Seite. Ein Monarch musste stark sein für sein Volk. Und wenn er es nicht einmal schaffte, allein seine Capita zu betreten, war dies kein Zeichen großer Stärke. Mama, die Garde und die Bediensteten würden mir später nachfolgen.

Bevor ich erneut Cassia bestieg, drückte mich Mama überraschend herzlich an sich.

»Sei stark, mein Liebling. Du bist es, was dieses Land braucht. Zeige es ihnen.«

Dandelia knickste formell, doch auch sie war mit den Nerven am Ende, sie fiel dabei beinahe hin. Ein Bediensteter half mir in den Sattel, und Mama und Dandelia drapierten den Schleier, sodass er fließend hinter uns fiel. Die Soldaten reihten sich formell rechts und links von mir auf und sanken nacheinander auf die Knie, während ich an ihnen vorbeiritt. Das Klicken von Cassias Hufen war das Einzige, das die gespenstische Stille durchschnitt, während ich auf die Stadttore zuritt. Je näher ich Erredas kam, desto bedrohlicher türmte es sich vor mir auf. Es schien, als würde es jeden Moment zusammenstürzen und mich unter sich begraben, wie eine Maus im Kartenhaus.

Binnen weniger Minuten hatte ich das verschlossene Stadttor erreicht. Cassia kam davor zum Stehen und zitternd hob ich die Hand, um gegen das uralte Holz zu klopfen.

»Wer begehrt Einlass?«, hörte ich gedämpft die Worte eines Wachsoldaten.

»Elodye Faeryn von Thee, Erste ihres Namens, Erbin des Faerynthrons, bittet die Bewohner Erredas´ in friedlicher Absicht um Einlass.«

Meyre

Das Metall meiner Rüstung raschelte und klapperte bei jedem meiner Schritte. Ortis und Zerka waren lange hinter mir zurückgefallen. Die rothaarige Taschendiebin hatte sich geschickt durch das Getümmel davontragen lassen, doch nach einigen Straßenkreuzungen hatte ich sie endlich wieder im Visier.

»Auf Befehl der Stadtwache, bleib stehen!«, rief ich ihr zu, doch sie rannte weiter durch das Wirrwarr der Gassen. Ich stöhnte genervt. Bei einem einfachen Diebstahl gab es höchstens eine Verwarnung. Es gab keinen Grund, so panisch davonzurennen. Es sei denn, sie war bereits vorbestraft. Sie kannte sich gut aus in den verwinkelten Gässchen der Stadt, doch ich kannte sie besser. Ich bog scharf ab und schnitt ihr dadurch den einzigen verblieben Fluchtweg ab. Ich hatte sie erfolgreich in eine Sackgasse getrieben. Remnos wäre stolz. Innerlich klopfte ich mir auf die Schulter.

»Auf Befehl der Stadtwache, heb die Hände und auf die Knie!« Ich legte die Hand an den Schwertknauf an meiner Seite, bereit, es zu ziehen.

Trotz des kleinen Dauerlaufs war ich, dank Remnos´ unerbittlichen Trainings, glücklicherweise kaum außer Atmen. Sie dafür umso mehr. Sie hob die rechte Hand über den Kopf, wie ich es angeordnet hatte, die andere legte sie an ihren Hals.

»Keine Bewegung!« Ich zog das Schwert und hoffte inständig, dass diese Situation nicht auf die Art eskalieren würde, die ich gerade befürchtete.

Sie lächelte hämisch und zog eine silberne Kette mit einem Anhänger aus ihrem Ausschnitt. Die blank polierte Münze schimmerte im Licht der untergehenden Sonne feuerrot.

»Ich stehe im Dienst des Weißen Panthers.« Obwohl sie eindeutig außer Atmen war, klang ihre Stimme gelassen und triumphal. Das durfte jetzt bitte nicht wahr sein.

»Und inwiefern sollte mich das davon abhalten, dich zu verhaften? Dadurch erreicht man keine Immunität gegenüber dem Gesetz.« Na ja, eigentlich schon. Und das wussten wir beide. Der »Weiße Panther« war der Straßenname von Obert Mertellier, dem einflussreichsten Nobelisten der Stadt und Vorsitzender des Parlaments. Er war reich und machte sich Freunde, indem er die auch reich machte, und das machte er, indem er Substanzen, Schmuggelware und Gewalt von Straßenbanden verkaufen ließ, oder Schutzgebühren gegen genau diese Straßenbanden verlangte, das Parlament und damit den König nach seinen Wünschen Gesetze verabschieden ließ, oder anderen schön kriminellen Kram. Selbst wenn ich sie inhaftierte, innerhalb weniger Stunden wäre sie wieder auf freiem Fuß und ich würde bis zum Eintritt in die Altersruhe Erstlingen die Rüstung anlegen und Latrinen schrubben, oder morgen tot in der See treiben, je nachdem, wie gut er geschlafen hatte.

»Zeig es mir.« Vorsichtig trat ich einige Schritte auf sie zu und als ich nah genug war, zog ich den Anhänger entgegen. Mir sah das Profil eines Panthers mit gefletschten Reißzähnen entgegen, das Wappentier der Mertelliers. Sie sagte also die Wahrheit.

»Was arbeitest du für ihn? Kammerzofe, Küchenhilfe…?« Ich wollte mehr über sie herausfinden. Ich bezweifelte, dass Obert Mertellier seine Verbindungen wegen einer Küchenhilfe spielen ließ. Die Wache versuchte schon seit Jahren, Obert Mertellier wegen seiner zahlreichen Verbrechen dran zu bekommen, doch es fehlten immer die Beweise. Zeugen. Irgendwas Handfestes, womit man ihm den Prozess machen konnte.

Sie zog spöttisch die Augenbraue nach oben.

»Ich tue die Dinge für ihn, die sonst niemand zustande bringt.«

Na wunderbar. Sie war seine Mätresse. Damit wusste sie garantiert alle schmutzigen Geheimnisse, aber aussagen würde sie garantiert nicht. Aber noch schockierender fand ich, dass sie wahrscheinlich nur ein paar Jahre älter war, als ich, und Obert Mertellier war dreifach so alt.

»Ich nehme an, wir sind hier fertig.« Graziös erhob sie sich und ging an mir vorbei. Sie wusste genau wie ich, dass ich sie nicht mit auf die Station nehmen würde. Das war ein Kampf, den jemand in meiner Position nicht gewinnen konnte.

Zähneknirschend ging ich zurück zu meinen Erstlingen. Ortis und Zerka waren ebenfalls dorthin zurückgekehrt.

»Die Schicht ist beendet. Feierabend für heute.« Auf dem Weg zur Station fing Remnos mich ab. Er wirkte viel zu gut gelaunt. Ich grüßte ihn grimmig und berichtete ihm von der Taschendiebin. Er zuckte mit den Schultern und seufzte.

»Leider hatte sie recht. Selbst wenn du sie inhaftiert hättest, hätte es rein gar nichts gebracht. Aber ich bin mir sicher, dass ich deine Stimmung heben kann.« Er zog mich unter ein verwinkeltes Vordach.

»Gerade wurde die Ankunftszeit des Monarchen bestätigt. Er wird wohl in den frühen Morgenstunden hier eintreffen. Und ich habe für dich einen Platz im Spalier klar gemacht.« Mein Herz setzte für einen Moment aus. Im Spalier standen ausgewählte Mitglieder der Stadtwache und der Armee. Es war eine der größten Ehren. Ich fiel ihm um den Hals. Ich wollte gar nicht wissen, wie viele Gefallen er dafür eingefordert hatte. Jemand meines Dienstgrades würde man sonst nie ins Spalier berufen.

»Du stehst im dritten Ring.«, brachte er gequetscht heraus.

»Ich konnte dem Hauptmann schmackhaft machen, dass du dort seit Wochen für die Stadtwache aufgestellt warst und ihn deshalb in- und auswendig kennst.«

»Danke.«, flüsterte ich.

Obwohl ich kein Freund von Sentimentalität war, konnte ich nicht verhindern, dass mir auf dem Weg zur Kaserna einige Freudentränen über die Wangen liefen.

Kapitel 6

Elodye

Das gedämpfte Murmeln hinter den Toren der Stadt erlosch abrupt. Ich war selbst überrascht davon, wie fest meine Stimme geklungen hatte. Einige Sekunden herrschte Schweigen. Cassia trat unsicher von einem Bein auf das andere. So war dies nicht vorgesehen. Es gab ein exaktes Protokoll. Ich war kurz davor, erneut anzuklopfen, als endlich die Erlösung in Form der Stimme des Wachmanns kam.

»Die Bürger von Erredas gewähren Euch Einlass.« Die Erleichterung fiel wie Felsbrocken von meinen Schultern. Die erste Hürde war geschafft.

Metallische Riegel wurden entsichert, ein Schlüssel drehte sich im Schloss, und die schweren Tore öffneten sich mit einem tiefen Knarren. Cassia richtete ihren Hals auf, als die Stadt sich vor uns immer weiter öffnete. Ich erkannte die »Große Treppe« mit ihren tausend Stufen, von der Mama immer erzählte, sofort. Sie erhob sich direkt vor mir, rechts und links gesäumt von Mitgliedern des Militärs. Sie erstreckte sich über Kilometer die Stadt hinauf und endete direkt vor den Palasttoren. Die aufgehende Morgensonne tauchte die schneeweiße Kuppel aus Kristall und Marmor in die schönsten Schattierungen von Rot, über Magenta, bis Orange.

Ich erkannte die einzelnen Ringe der Stadt wie die Altersringe eines Baumes. Direkt vor mir lag der sechste Ring, das ärmste Viertel. Es war klar an den heruntergekommenen Gebäuden und den ärmlichen Kleidern der Menschen zu erkennen, auch, wenn für diesen Anlass alle ihre beste Kleidung angelegt und jeden Zentimeter der Stadt akribisch herausgeputzt hatten. Die offensichtliche Armut und das Elend schlugen mir trotzdem wie ein Faustschlag entgegen und ließ mich im Sitz taumeln. Ich unterdrückte die aufsteigenden Tränen. Natürlich hatte ich gewusst, dass es Armut gab und dass ich diese hier erwarten würde. Doch es so vor mir zu sehen, Kinder, die eindeutig nicht genug zu essen hatten, die flachen, kargen Bretterbauten… Ich wollte nicht, dass meine Bürger leiden mussten. Aber wie konnte ich dies verändern? Ich benötigte für jede Amtshandlung die Zustimmung des Parlaments, die nicht erpicht darauf waren, irgendetwas zu tun.

Obwohl ich das aufgeregte Tuscheln der Leute bis vor den Toren deutlich gehört hatte, herrschte jetzt gespenstische Stille. Ich schluckte den Kloß hinunter, der sich seit Stunden in meiner Kehle eingenistet hatte. Vorsichtig ließ ich den Blick über die Menge schweifen. Mir blickte eine Mischung aus Missmut und Überraschung entgegen. Niemand jubelte. Niemand klatschte. Keine Fähnchen wurden geschwenkt, keine Blüten geworfen. Selbst die Wimpelketten, die quer über die Straßen von Haus zu Haus gespannt worden waren, trieben leblos in der Luft. Das hatte ich nicht erwartet. Mama hatte mir von den beiden Einritten, die sie miterlebt hatte, berichtet. Und dies passte keineswegs auf ihre Beschreibung. Nichtsdestotrotz konnte ich hier nicht ewig stehen bleiben und darauf hoffen, mich würde das Volk doch noch herzlich begrüßen. Sachte gab ich Cassia Druck mit den Schenkeln und sie setzte sich unmittelbar in Bewegung. Ihre Schritte hallten in den leeren Gassen der Stadt wider. Ehrlicherweise verstand ich diese Reaktion nicht wirklich. Ich hatte gewiss keine Freudentränen erwartet, doch dieses Verhalten war mehr als merkwürdig.

Ich schob es weit nach hinten in meiner Gedankenwelt. Ich hatte jetzt Wichtigeres zu tun. Cassia schritt elegant die ersten Stufen nach oben, und ich brachte, untermalt von der Stille der Stadt, den sechsten Ring hinter mich. Auch wenn im fünften Ring, dem Ring der Handwerker und Hersteller, die Lebenssituation drastisch verbessert war, kam mir auch hier nichts als Missmut und Stille entgegen. Wo im sechsten Ring noch hauptsächlich Verzweiflung geherrscht hatte, gab es hier viel Wut. Ich spürte die angestaute Aggression mein Rückgrat hinaufwandern. Ich schob es auf die Faerynsinne, die sich schon darauf vorbereiteten, bald die geballten Emotionen des Volks spüren zu können.