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Die Letzte ihres Hauses – eine Herrscherin kämpft um die Krone Siziliens. Palermo im Hochmittelalter. Seit zweihundert Jahren herrschen Krieger aus dem Norden in Sizilien. Doch mit Konstanze hat die Dynastie ihr Ende erreicht. Gegen ihren Willen muss die letzte Erbin des Normannenthrons den ungehobelten Heinrich VI. von Hohenstaufen heiraten, damit die Einigung der kaiserlichen mit der sizilianischen Krone erwirkt werden kann. Als ein Gesandter des Papstes das Abkommen verteufelt und Konstanze Unfruchtbarkeit prophezeit, bangt ganz Sizilien um die Zukunft. Die böse Weissagung erfüllt sich indes nicht. Aber wird es Konstanze gelingen, ihren Sohn vor den feindlichen Mächten zu schützen? Ein großer Mittelalterroman: die faszinierende Geschichte einer kämpferischen Frau.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Carla Maria Russo
Die Erbin des Normannenthrons
Aus dem Italienischen von Marie Rahn
Ihr Verlagsname
Die Letzte ihres Hauses – eine Herrscherin kämpft um die Krone Siziliens.
Palermo im Hochmittelalter. Seit zweihundert Jahren herrschen Krieger aus dem Norden in Sizilien. Doch mit Konstanze hat die Dynastie ihr Ende erreicht. Gegen ihren Willen muss die letzte Erbin des Normannenthrons den ungehobelten Heinrich VI. von Hohenstaufen heiraten, damit die Einigung der kaiserlichen mit der sizilianischen Krone erwirkt werden kann. Als ein Gesandter des Papstes das Abkommen verteufelt und Konstanze Unfruchtbarkeit prophezeit, bangt ganz Sizilien um die Zukunft. Die böse Weissagung erfüllt sich indes nicht. Aber wird es Konstanze gelingen, ihren Sohn vor den feindlichen Mächten zu schützen?
Ein großer Mittelalterroman: die faszinierende Geschichte einer kämpferischen Frau.
Carla Maria Russo wurde in Molise, Italien, geboren und lebt heute in Mailand.
Schwester Maria Veronica erhob sich von ihrer Pritsche und öffnete die Läden der kleinen Luke in ihrer Zelle. Die aufgehende Sonne färbte den klaren, wolkenlosen Himmel rosa. Es würde wieder ein milder Tag werden, obwohl es schon Mitte November war. Sie lächelte und dankte Gott, dass sie in Palermo geboren war.
Als sie noch ein Kind war und am Hof lebte, hatte ihre Amme ihr oft davon erzählt, dass es in der Heimat ihrer Familie, der Normandie, schon im August kühler wurde und dann für lange Zeit so kalt blieb, dass das Wasser in den Flüssen zu Eis wurde und die kleinen Kinder erfroren. Sie fühlte sich überhaupt nicht wie eine Normannin, auch wenn ihr Aussehen keinen Zweifel daran ließ, woher sie stammte.
Sie atmete noch einmal tief die Luft ein, die nach Orangen und Zitronen roch und nach dem Meer. Dann zog sie sich an, um pünktlich bei ihren Mitschwestern zu sein.
Als es leise an der Tür klopfte, war sie überrascht: Wer konnte das zu dieser Stunde sein? Hatte sie sich verspätet? Sie machte auf und sah Schwester Anna vor sich, die ebenso betagt wie rüstig die Aufsicht im Kloster führte.
«Verzeiht, Schwester Maria Veronica. Die ehrwürdige Mutter Oberin wünscht Euch gleich nach der Messe im Empfangszimmer zu sprechen. Sie hat eine wichtige Nachricht für Euch.»
«Für mich?», fragte Maria Veronica erstaunt. «Seid Ihr sicher?»
Schwester Anna zuckte resigniert mit den Achseln: Jetzt zweifelte also auch Schwester Maria Veronica an ihrer Geistesgegenwart. Dabei war sie, obwohl gerade sie allen Grund gehabt hätte, die Nase hoch zu tragen, im Vergleich zu ihren Mitschwestern immer so liebenswürdig und voller Respekt ihr gegenüber gewesen.
«Die Mutter Oberin hat von ‹Ihrer Hoheit, der Prinzessin›, gesprochen», entgegnete sie gekränkt. «Nach über fünfzehn Jahren werde ich ja wohl wissen, wer Ihr seid. So senil bin ich nun auch wieder nicht.»
«Verzeiht mir, Schwester, ich wollte Euch nicht verärgern, aber unsere ehrwürdige Mutter hat mich noch nie ins Besuchszimmer bestellt. Wieso bloß hat sie nach der ‹Prinzessin› verlangt?»
Schwester Anna war ratlos. «Was weiß denn ich?»
Rasch überlegte Maria Veronica, ob sie sich etwas zuschulden hatte kommen lassen, das das ungewöhnliche Gesuch rechtfertigte. «Ich glaube nicht, dass ich mir etwas vorzuwerfen habe», sagte sie dann tapfer, biss sich jedoch für ihren Hochmut sofort auf die Lippen.
«Natürlich nicht, mein Kind», besänftigte sie Schwester Anna, die ihr schroffes Benehmen schon wieder bereute. «Ich kenne sonst niemanden, der so edel und sanftmütig ist wie Ihr. Vielleicht seid Ihr’s schon zu sehr. Wer sollte je auf den Gedanken kommen, dass Ihr den Thron der Normannen erben könntet, wenn Ihr nicht dieses Gewand tragen würdet?» Sie seufzte und schüttelte den Kopf. Ihr waren Tränen in die Augen getreten. «Was soll nur aus diesem Land werden, wenn, was Gott verhüten möge …»
Schwester Maria Veronica unterbrach ihre Mitschwester, indem sie ihr die Hand auf den Arm legte. Die Schwierigkeiten, in denen sich das normannische Reich befand, zerrissen ihr selbst das Herz. Aber was konnte sie schon tun, außer beten? Sie war eine Nonne und unwiderruflich in Klausur. Ihr Gelübde war ein heiliges Band, das niemals und von niemandem würde gelöst werden können, ohne dass er sich eines schweren Sakrilegs schuldig machte.
«Von niemandem», wiederholte sie laut und verließ dann die Zelle.
Walter of the Mill verneigte sich vor dem König und reichte ihm das Pergament, das er in den Händen hielt. Dann nahm er auf einem Lehnstuhl neben dem Kamin Platz.
Wilhelm von Hautville brach das Siegel, las aufmerksam und gab das Schreiben an seinen ersten Kanzler zurück. Er dachte kurz nach, dann fragte er: «Hattet Ihr eine angenehme Reise, Walter?»
«Mit Einschränkungen, Sire. Im Norden ist es sehr kalt, und meine Knochen sind alt geworden, das schlechte Wetter macht mir zu schaffen. Aber ich bin froh, dass die mir anvertraute Mission zu einem für das Reich so vorteilhaften Ergebnis geführt hat. Es übertrifft vielleicht sogar Eure kühnsten Erwartungen. Der Vorschlag, den ich Euch überbringe, geht um einiges über ein einfaches Bündnis mit Kaiser Friedrich I. hinaus: Es handelt sich um ein Heiratsangebot.»
«Schreibt mir nicht Hoffnungen zu, die vor allem Ihr hegt, Walter», unterbrach ihn der König schroff. «Meine Zweifel sind keineswegs ausgeräumt. Während Ihr auf Reisen wart, hat mich Walter von Palearia an all die gefährlichen Seiten Eures Plans erinnert. Ich bin ganz und gar nicht sicher, dass die Entscheidung, zu der Ihr mich drängen wollt, die beste für das normannische Reich wäre.»
Walter of the Mill bemühte sich, nicht laut aufzuseufzen. «Ich kann mir schon denken, was für Argumente der Gesandte des Papstes vorgebracht hat, um Euch zu überzeugen. Ihr werdet mir doch recht geben, dass unser Bündnis mit den Staufern Seine Heiligkeit, Papst Clemens III., gefährlich bedrohen würde. Der Kirchenstaat wäre dann eingezwängt, zwischen dem Heiligen Römischen Reich im Norden und dem normannischen Reich im Süden, beide in den Händen eines einzigen Herrschers: ein Zangengriff, den Clemens III. mit allen Mitteln verhindern will. Es erscheint mir durchaus angebracht zu vermuten, dass die hehren Gründe des päpstlichen Gesandten den Interessen der Kirche und nicht denen des normannischen Reichs entsprechen. Aber Euer Kanzler, was sollte der anderes im Sinn haben als das Wohl des Landes und seines Herrschers?»
Walter of the Mill machte eine kurze Pause und warf König Wilhelm einen fragenden Blick zu, den dieser schweigend erwiderte.
«Majestät, erlaubt mir, Euch ganz unverblümt darzulegen, wie es um das normannische Reich steht. Wozu ist ein Kanzler der Krone auch gut, wenn er seinem Herrn die Wahrheit lieber verschweigt? Dann wäre er auch nicht mehr wert als all die nichtsnutzigen Höflinge, die im Palast herumschwirren.»
König Wilhelm zuckte mit keiner Wimper. Er hatte die Lippen zusammengepresst und starrte mit leerem Blick in das Kaminfeuer. Das Licht der Flammen flackerte über sein Antlitz, sodass die bläulichen Schatten unter seinen Augen ebenso deutlich zu erkennen waren wie die Falten, die viel zu früh schon sein Gesicht furchten und auf seine schwere Krankheit hinwiesen.
Als Walter of the Mill weitersprach, glänzte Schweiß auf seiner Stirn. Es würde nicht leicht werden, den König von dem Vorhaben zu überzeugen, an dem Friedrich Barbarossa so sehr lag.
«Während der langen Reise hatte ich viel Zeit, darüber nachzudenken, was mit dem Reich geschieht, falls Euch, Gott verhüt’s, etwas zustößt.»
«Mache ich einen so miserablen Eindruck?», unterbrach ihn der König.
«Nein, Sire», erklärte der Kanzler hastig und ein wenig verlegen, «das meinte ich nicht. Möge Gott Euch lange das Zepter in der Hand halten lassen.»
«Walter, bitte, erspart mir das Geschwätz. Habt Ihr nicht gerade behauptet, dass Ihr ohne alle Schmeichelei ehrlich sein wollt?»
Der Kanzler presste die Lippen aufeinander. «Eure Gesundheit macht uns Sorgen. Das ist nicht zu leugnen. Aber da gibt es etwas anderes, etwas, das uns noch viel größere Sorgen macht. Verzeiht mir meine Offenheit, Sire: Aber es gibt keinen Erben für den Thron von Sizilien.»
Wilhelm von Hautville zeigte außer einem kurzen Blinzeln keinerlei Anzeichen einer Gefühlsregung.
«Ein König ist kein Mann wie alle anderen, Majestät», fuhr der Kanzler fort. «Von dem Tag, an dem er den Thron besteigt, muss er sich mit der Frage auseinandersetzen, wer ihm folgen wird. Ihr habt es vorgezogen, die Königin nicht zu verstoßen, nicht nach Mitteln und Wegen zu suchen, um …», er schluckte und suchte nach den passenden Worten, «um Euch aus der Verbindung mit einer unfruchtbaren Frau zu lösen …» Er unterbrach sich, um Luft zu holen. Zuletzt hatte er nur noch geflüstert. «Wie sieht denn das Schicksal des ruhmreichen normannischen Reiches aus, wenn Euch unglücklicherweise tatsächlich etwas zustoßen sollte? In wessen Hände kommt das Land, wenn Eure Nachfolge nicht rechtzeitig geregelt wird? Es schmerzt mich sehr, Majestät, Euch dies zu sagen. Ich sehe, wie sehr Euch meine Worte treffen. Aber ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich Euch nicht vom Ernst der Lage überzeugen könnte.»
König Wilhelm machte eine unwirsche Geste. «Jetzt werdet bloß nicht pathetisch, Walter», sagte er schroff, ohne den Blick vom Feuer im Kamin abzuwenden. «Es gibt ebenso viele Vorteile für Euch, die Pläne Friedrichs von Staufen zu unterstützen, wie für Walter von Palearia, die Interessen des Papstes zu vertreten. Die Krankheit hat meinen Körper zerstört, aber meinen Verstand hat sie verschont.»
Walter of the Mill rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her. Dennoch bemühte er sich, seine Stimme gelassen und ruhig klingen zu lassen.
«Ich glaube, einen so schändlichen Vorwurf habe ich nicht verdient, mein Herr. Unsere erste Sorge gilt immer der Zukunft des Landes. Und die hängt nun einmal davon ab, wie rasch und umsichtig Eure Majestät die schmerzliche Frage der Nachfolge klärt. Unter den jetzigen Umständen ist es noch möglich, unseren Gegnern die Bedingungen zu diktieren. Friedrich schlägt uns ein aussichtsreiches Bündnis vor, eine Heirat, die das Geschlecht der Normannen mit dem der Staufer durch Blutsbande vereint, ohne dass zwischen der Herrschaft der einen und der anderen Blut vergossen wird. Allerdings …»
«Sprecht nur weiter, Walter», forderte ihn der König auf.
«Sollte der unglückliche Fall eintreten, dass wir auf die Führung Eurer Majestät verzichten müssen, ohne dass ein Thronerbe bestimmt wurde», setzte der Kanzler nach kurzem Zögern wieder an, «wäre Kaiser Friedrich Barbarossa der Erste unserer Feinde, der mit Waffengewalt für sich beanspruchen würde, was er jetzt zu schützen und zu bewahren anbietet.»
«Schützen? Aber was redet Ihr denn da, Walter? Der Staufer hat nichts anderes vor, als den Thron der Hautvilles an sich zu reißen, ohne seinen Blutzoll zu entrichten.»
«Majestät, bitte lasst Euren persönlichen Groll aus dem Spiel und bedenkt stattdessen, was Eure Entscheidungen für Folgen haben. Stellt Euch nur mal vor, was dem Reich, dem Ihr und Eure Vorfahren Frieden und Wohlstand versprochen habt, bevorsteht, wenn es eines Tages vom Kaiser erobert wird! Wie viel Leid den Frauen, den Kindern, dem ganzen Volk von den Barbaren aus dem Norden angetan würde?»
«Was Ihr von mir wollt, ist die bedingungslose Kapitulation, kein ‹aussichtsreiches Bündnis›. Mit welchem irdischen oder göttlichen Recht könnte Friedrich Anspruch auf unser Reich erheben?»
«Irdisches oder göttliches Recht? Für Friedrich ist die Waffengewalt Grund genug, ihm reicht das Gesetz des Stärkeren.»
König Wilhelm erhob sich ruckartig und ging nervös auf und ab. Auch Walter of the Mill war aufgestanden, blieb aber neben dem Kamin stehen.
«Wenn ich Euch richtig verstehe», setzte der König erneut an, «dann wollt Ihr, dass ich mein Reich Kaiser Friedrich Barbarossa überlasse, um zu verhindern, dass er es nach meinem Tod – der Eurer Meinung nach unmittelbar bevorsteht – mit Feuer und Schwert an sich reißt. Mit anderen Worten: Ich soll ihm die Eroberung erleichtern. Meint Ihr nicht, dass ich auf diese Weise Sicherheit gegen Unabhängigkeit eintausche, Frieden gegen die Freiheit meines Volkes?»
«Ich weiß, dass der päpstliche Gesandte so denkt, Majestät, und dass einige Adlige unseres Reiches ihn darin unterstützen», erwiderte Walter of the Mill, der seine Ungeduld nur mühsam unterdrücken konnte. «Ich ahne, mit welchem Nachdruck Walter von Palearia Euch diese Ansicht nahegebracht hat. Aber ich frage mich, Sire: Wenn es keinen Erben gibt, wird der Papst die Unabhängigkeit des normannischen Staates verteidigen oder sich mit den anderen in den Kampf stürzen, um auch ein Stückchen davon abzubekommen?»
Walter of the Mill schwieg. Als keine Erwiderung kam, holte er zum letzten Schlag aus. «Außerdem, mit Verlaub, ist es mir ein Rätsel, weshalb Euer Volk seine Unabhängigkeit verlieren sollte. Kaiser Friedrich bietet Euch ein gleichberechtigtes Bündnis an, wenn er die Vermählung seines Sohnes Heinrich mit einer Prinzessin des Hauses Hautville vorschlägt. So hätten die Untertanen eine Königin, in deren Adern blaues Blut fließt. Mit Gottes Hilfe könnte sie einen Erben gebären, in dem das Blut der Hautvilles sich mit dem der Staufer vereinigen würde: von edelstem Geschlecht, königlich von beiden Seiten. Eure Familie würde nicht mit Euch aussterben, sondern über Jahrhunderte weiterleben können. Haltet Ihr das wirklich für Unterwerfung? Für das Ende der Unabhängigkeit des Königreichs Sizilien? Ich glaube im Gegenteil, es würde sein Fortbestehen sichern.»
«Ich weigere mich zu glauben, dass dies die einzige Lösung des Problems ist», entgegnete der König. «Außerdem geht Euer Plan von einer falschen Voraussetzung aus. Zu einer Ehe gehören in der Regel zwei. Der Bräutigam ist Heinrich, Sohn des Stauferkaisers Friedrich. Übrigens, wie alt ist er eigentlich?»
«Neunzehn, Sire.»
«Habt Ihr seine Bekanntschaft gemacht?»
«Nein, mein Herr, bedauerlicherweise gab es dazu keine Gelegenheit.»
Walter of the Mill senkte verschämt den Blick. Er konnte einem gebildeten Mann wie König Wilhelm, der eine hervorragende Erziehung genossen hatte, nicht sagen, dass Heinrich kaum lesen und schreiben konnte. Dass er ungehobelt und eingebildet war und sein Körper so ungepflegt wie sein Geist verkümmert. Wieder unterdrückte er einen Seufzer. Andererseits war Heinrich ein echter Staufer, und er würde Kaiser werden, so wie es um die Gesundheit seines älteren Bruders bestellt war. Konnte man von einem Kanzler der Krone mehr verlangen, als seinem gebrechlichen König eine Heirat vorzuschlagen, die für alle Königshäuser Europas ein Gewinn war?
«Das ganze Unternehmen ist zum Scheitern verurteilt, da es gar keine Hautville königlicher Herkunft gibt, die Heinrich heiraten könnte», fuhr der König fort. «Wir haben keine Braut.»
Der Kanzler blickte seinem König in die Augen, diesmal fest und unumwunden. Der König log, und er wusste es. Es gab sehr wohl eine echte Hautville, eine normannische Prinzessin, gerade noch im gebärfähigen Alter, auch wenn sie schon über dreißig war und außerdem gesundheitlich ein wenig schwach. Aber mit Gottgefallen würde Heinrich schon dafür sorgen, dass sie den langersehnten Thronfolger und zukünftigen Herrscher über ein riesiges Reich zur Welt bringen würde. Er, der Kanzler, hatte ausgezeichnete Arbeit geleistet, die Gunst des Königs war ihm sicher.
«Das ist eine Ungeheuerlichkeit, Walter», schimpfte stattdessen der König. «Ihr werdet mich nicht dazu bringen, ein Sakrileg zu begehen. Geht jetzt.»
Walter of the Mill wusste sehr gut um die religiösen Skrupel des Königs, dessen Inbrunst in der ganzen normannischen Dynastie beispiellos war. Also verneigte er sich, um zu gehen. Doch als er die Hand schon auf der Klinke hatte, musste er seine Ansicht noch ein letztes Mal bekräftigen. «Ich hoffe, Ihr denkt über meine Worte in Ruhe nach. Menschen blauen Bluts haben andere Pflichten als Normalsterbliche, und was sie tun, kann nicht nach denselben moralischen Maßstäben gemessen werden. Das Privileg, als König geboren zu werden, hat seinen Preis, manchmal sogar den des Verlusts der persönlichen Freiheit, wenn es dem Reich und dem Volk dient. Und das gilt auch für blaublütige Prinzessinnen.»
König Wilhelm schwieg einen Augenblick. Dann nickte er: «Ich werde in Ruhe über Euren Vorschlag nachdenken, Walter. Wenn es so weit ist, werde ich Euch meine Entscheidung mitteilen. Für den Moment dürft Ihr Euch zurückziehen.»
Der Kanzler verneigte sich und verließ das Zimmer.
Die Mutter Oberin des Klosters von San Basilio begleitete Schwester Maria Veronica in ihre Zelle und setzte sich neben sie auf die schmale Pritsche. Zärtlich tätschelte sie ihr die Hände.
«Kopf hoch, meine Liebe», sagte sie aufmunternd. «Der König lädt Euch lediglich in den Palast ein. Kein Grund zur Sorge. Man hat mir erzählt, dass es ihm nicht gutgeht, er will Euch sicher nur ein letztes Mal in die Arme nehmen. Ihr seid seine Tante, und außer Euch ist aus der königlichen Familie keiner mehr am Leben. Freut Euch doch einfach, Euren Neffen nach so vielen Jahren wiederzusehen.»
«Um eine Verwandte einzuladen, dazu noch eine einfache Nonne wie mich, hätte es doch gereicht, den Pagen mit einer Einladung zu schicken», gab Veronica weinend zurück. «Stattdessen hat der König mich ganz förmlich aufgefordert zu erscheinen und sogar den Bischof und den ersten Kanzler geschickt. Ich weiß nicht, warum, ehrwürdige Mutter, aber ich habe ein ungutes Gefühl. Wenn Ihr wisst, was dahintersteckt, sagt es mir!»
Die Mutter Oberin zog ihre zitternden Hände zurück. Was sollte sie Veronica antworten? Sie kannte sie schon seit so vielen Jahren. Als Konstanze als junges Mädchen den Schleier genommen hatte, war sie bereits Äbtissin des Klosters gewesen. Damals war sie zunächst nicht sehr erfreut. Sie dachte, die Prinzessin würde nicht nur Ansehen und Reichtum, sondern auch Unruhe ins Kloster bringen, womöglich gar die Sittenlosigkeit, die am Königshof der Normannen herrschte. Und eine Hautville königlicher Abstammung, wer wusste schon, wie hochmütig so eine war, ob sie sich als Herrin aufführen, sie vor den anderen Schwestern demütigen würde und ob sie den Novizinnen nicht ein schlechtes Beispiel wäre.
Aber ganz im Gegenteil: Kaum war Schwester Maria Veronica ins Kloster eingetreten, hatte sie sich der strengen Ordensregel unterworfen und mit den königlichen Gewändern nicht nur das höfische Benehmen, ihren Titel und ihren Namen abgelegt, sondern auch darauf bestanden, dass bevorzugte Behandlung oder Anspielungen auf ihre Vergangenheit nicht geduldet wurden. Konstanze war zutiefst von ihrer Berufung überzeugt, gegen allen Widerstand ihrer Familie.
Wie sollte sie ihr jetzt helfen? Was der Bischof ihr kurz vor dem Treffen unter vier Augen gesagt hatte, war knapp, aber klar gewesen. Aus wichtigem, politischem Grund sollte Ihre Königliche Hoheit – so hatte er Veronica genannt – das Kloster für immer verlassen.
Die Angst und die flehentliche Bitte in Veronicas Augen schmerzten sie mehr als der bevorstehende Verlust. Aber ihr blieb nichts anderes übrig als zu lügen.
«Es gibt keinen Anlass zur Sorge, Schwester», antwortete sie, so entschieden sie konnte. «Ihr könnt dem Bischof und dem Kanzler ruhig folgen. Kleidet Euch jetzt an.» Schnell ging sie hinaus, aber als sie die Zellentür hinter sich zumachte, rief Veronica ihr flehend nach: «Heute Abend bin ich wieder hier, nicht wahr, ehrwürdige Mutter?»
Schwester Maria Veronica betrat den Palast der normannischen Könige an der Seite des Bischofs zur einen und des ersten Reichskanzlers, Walter of the Mill, zur anderen, als befürchteten diese, sie könne fliehen. Die ganze Zeit über hielt sie den Kopf gesenkt, sodass ihr Gesicht verschleiert war und niemand sie ansehen oder erkennen konnte. Den Salut der königlichen Wachen bei ihrem Eintritt ignorierte sie in der Hoffnung, dass diese vor dem Bischof und dem Kanzler strammstanden. In den Gängen des Palastes, in dem sie geboren und aufgewachsen war, sah sie sich kein einziges Mal um. Er war Teil einer fernen Vergangenheit, die sie nie vermisst hatte, längst vergessen und trotz aller Pracht reizlos. Was ihr jetzt stattdessen fehlte, waren ihre schlichte Zelle, die Pritsche, die Kniebank und das kleine Regal mit den Büchern, dem einzigen Andenken an ihre Vergangenheit.
Als sie zu Füßen des Königs, ihres Neffen, niederkniete, blieb ihr Blick gesenkt.
«Willkommen zu Hause, liebe Tante», grüßte sie der Herrscher und lud sie mit ausgestreckten Händen ein aufzustehen. «In Eurem Blick sehe ich Erstaunen und Betroffenheit. Ihr wundert Euch, wie alt ich geworden bin, nicht wahr? Die Zeit hat tiefe Spuren bei mir hinterlassen. Dafür hat sie Euch offenbar verschont. Ich hoffe, ich trete Euch nicht zu nahe, wenn ich sage, dass Ihr noch genauso anmutig seid wie in Eurer Jugend.»
Schwester Maria Veronica war ob des unerwarteten Kompliments rot geworden und versuchte, dem forschenden Blick ihres Neffen auszuweichen, indem sie den Kopf senkte und den Schleier über ihr Gesicht fallen ließ.
«Lieber Neffe, Ihr solltet unser freudiges Wiedersehen nicht trüben, indem Ihr Euch über mich lustig macht», wehrte sie gezwungen herzlich ab. «Wenn mich nicht einmal meine Ordenstracht vor Eurem Spott schützt, solltet Ihr wenigstens Respekt vor meinem Alter haben.»
«Zweiunddreißig Jahre und ein paar Monate. Habe ich recht, liebe Tante? Eine junge Frau also, und noch immer so bezaubernd wie früher.»
«Lieber Neffe, vor Euch steht eine Nonne, und ich möchte daran erinnern, dass …»
König Wilhelm hob die Hand, um sie zu unterbrechen, und teilte ihr ruhig, aber entschieden mit, was er beschlossen hatte.
«Ihr werdet in Zukunft weder diese Tracht tragen, noch werdet Ihr Euch Schwester Maria Veronica nennen. Nach dem Willen des Königs seid Ihr von nun an wieder Ihre Königliche Hoheit, Prinzessin Konstanze von Hautville, zukünftige Erbin des normannischen Throns.»
Schwester Maria Veronica wurde blass. Ihr Herz hatte für einen Augenblick aufgehört zu schlagen.
«Majestät», stammelte sie verwirrt und versuchte vergeblich, das plötzliche Zittern zu unterdrücken, «in Eurer Weisheit und Güte werdet Ihr gewiss verstehen, dass Eure Bitte …»
«Das ist keine Bitte, ich befehle es Euch», unterbrach sie der König streng. «Ich möchte nicht grob sein, liebe Tante, aber Ihr müsst begreifen, dass meine Verfügung unabänderlich ist. Das Überleben des Reichs steht auf dem Spiel. Leider kann ich Euch keine Wahl lassen. Wir müssen das Wohl des Volkes und unseres geliebten Landes in Eure Hände legen.»
Zum ersten Mal sah Schwester Maria Veronica ihrem Neffen in die Augen. Wilhelm fühlte sich unwohl angesichts dieser flehenden Augen, deren leuchtendes Blau ihn an seinen Vater Wilhelm I. und an seinen Großvater Robert erinnerte. Es war, als hätten seine Ahnen sich darin versammelt, um ihn vorwurfsvoll an die Verantwortung zu erinnern, der er sich als Herrscher nie gewachsen gefühlt hatte und die er nun einer schwachen, wehrlosen Frau aufbürden wollte.
Dieser ohnmächtige und verzweifelte Blick sollte ihn bis zu seinem letzten Atemzug verfolgen.
«Mein lieber Neffe …», flehte ihn Schwester Maria Veronica jetzt an, ohne zu wissen, dass sie mit ihren Worten seine Schuldgefühle schürte, «selbst wenn ich wollte, könnte ich Euch nicht gehorchen. Ich habe ein Gelübde abgelegt, das nicht widerrufen werden kann, es ist ebenso heilig wie die Ehe. Wollt Ihr, dass unsere Seelen eine Todsünde begehen?»
Abrupt wandte König Wilhelm den Blick ab, entschlossen, sich weder von seinen Gewissensbissen noch dem Ansturm der Gefühle übermannen zu lassen. Seine Entscheidung war unumstößlich, sie war Friedrich von Staufen bereits offiziell überbracht worden. Walter of the Mill hatte ihn vorgewarnt: Die Auseinandersetzung mit Konstanze würde schwierig, wenn nicht quälend werden. Aber er würde es hinter sich bringen, so entschieden, wie er es versprochen hatte. Unerbittlich, wenn es nötig sein sollte: Das Schicksal von Konstanze von Hautville war besiegelt. Je früher sie das begriff, umso besser für alle, auch für sie.
«Der Bischof wird Euch von Eurem Gelübde entbinden und Euer Gewissen beruhigen», entgegnete er, nachdem er sich wieder gefasst hatte. «Ihr habt eine wichtige Aufgabe vor Euch: die Rettung des Reichs unserer Ahnen. Wir haben nur diese Möglichkeit, da meine Tage gezählt sind und Gott mir keinen Erben geschenkt hat. Ihr seid die Einzige, in deren Adern noch das Blut der Hautvilles fließt. Ihr würdet es wagen, Euch dieser Verantwortung zu entziehen? Mich und das Volk, das seine Hoffnung in Euch legt, im Stich zu lassen, Konstanze?»
«Mit Eurer Erlaubnis, Majestät, möchte ich Euch daran erinnern, dass das Blut der Hautvilles auch in den Adern meines Neffen und Eures Cousins Tankred fließt. Er ist jung und stark. Und er hat viele Nachkommen …»
Der düsteren Miene des Königs war Anspannung anzusehen.
«Wie könnt Ihr nur Tankred als meinen Cousin und Euren Neffen bezeichnen? Er ist ein uneheliches Kind, seine Mutter war … eine Hure.»
«So dürft Ihr nicht von ihr sprechen, Sire. Sie war eine Adlige.»
«Eine Hure und eine berechnende Intrigantin», beharrte der König. «Tankred ist kein Hautville. Wie könnt Ihr als Kronprinzessin überhaupt daran denken, unseren Thron einem Bastard zu überlassen?»
Der König wandte sich ab, die Unterredung war beendet.
«Ihr werdet das Kloster noch heute verlassen, von Eurem Gelübde entbunden, der Bischof erteilt Euch dafür die Absolution. Ihr habt über sehr lange Zeit so gelebt, wie Ihr es wolltet. Dafür solltet Ihr dankbar sein. Jetzt werdet Ihr von Eurem Land gebraucht, und Ihr werdet ihm dienen, bis Eure Aufgabe erfüllt ist. Uns wurde eine Heirat vorgeschlagen, die uns sehr vorteilhaft erscheint. In Kürze werdet Ihr Heinrich von Schwaben heiraten, den Sohn Kaiser Friedrich Barbarossas. Eure Aufgabe ist, einen Thronerben zur Welt zu bringen. Euer Sohn wird einmal der mächtigste Herrscher Europas sein, denn in seinen Händen werden die Kronen des Kaiserreichs und die der Normannenkönige Siziliens liegen. Ihr seid noch in gebärfähigem Alter. Ich werde dafür beten, dass Gott mit Euch barmherziger sein wird als mit mir.»
«Majestät», schluchzte Schwester Maria Veronica, «ich bitte Euch, das zu überdenken. Der Papst wird niemals zulassen, dass die kaiserliche und die normannische Krone einem einzigen Herrscher gehören. Und der Absolution des Bischofs von Palermo wird er keinen Segen geben.»
König Wilhelm tat so, als hätte sie nie etwas gesagt.
«Und jetzt, liebe Tante, dürft Ihr Euch zurückziehen. Die Aufregungen dieses Tages waren sicher anstrengend für Euch. Ein Flügel unseres Palastes wurde für Euch vorbereitet. Er wird Euer neuer Wohnsitz sein.»
«Eine letzte Bitte habe ich an Euch, Sire», beharrte Schwester Maria Veronica und versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten. «Gestattet mir, noch einen Tag im Kloster zu verbringen. Als ich heute Morgen gegangen bin, hatte ich keine Ahnung, dass ich nicht mehr dorthin zurückkehren würde. Ich möchte noch einmal die vertrauten Orte sehen, ein letztes Mal vor dem Kruzifix in meiner Zelle beten, und ich möchte mich von den Menschen verabschieden, die bis heute meine Familie waren.»
Wilhelm hatte gehofft, die Unterredung sei schmerzlich genug gewesen und hätte seine Tante durch die Strenge, zu der er sich gezwungen sah, gebeugt. Stattdessen sah er sich nun zu noch größerer Härte gezwungen.
«Ich kann Eurer Bitte nicht nachkommen. Zu Eurem eigenen Besten nicht», antwortete er. «Denn Ihr müsst das Kloster vergessen und all Eure Gedanken auf die Zukunft richten. Geht jetzt. Ihr habt nicht mehr viel Zeit, Euch vorzubereiten.» Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: «Wenn es Euch tröstet, dürft Ihr Euer Kruzifix behalten. Walter of the Mill wird sich darum kümmern. Aber jetzt bitte ich Euch, liebe Tante, geht und ruht Euch aus.»
«Was geschieht, wenn das Martyrium, das Ihr mir auferlegt, vergebens ist und ich keinen Erben gebäre?», schaffte Schwester Maria Veronica noch zu fragen.
Offenbar erschauderte der König allein bei dem Gedanken daran.
«Horden gieriger Barbaren werden sich auf unser Reich stürzen und die Beute unter sich aufteilen. Auf ihrem Weg werden sie alles zerstören, was unsere Familie über mehr als ein Jahrhundert aufgebaut hat. Unsere Untertanen werden den Namen der Hautvilles für alle Zeit verfluchen. Beten wir zu Gott, dass es anders sein wird und Euer Schoß fruchtbar. Beten wir, dass die Hautvilles dank Euch fortbestehen, regieren und diesem Land Reichtum und Wohlergehen bescheren werden.»
Konstanze von Hautville verneigte sich vor ihrem König und verließ den Raum.
In der Nacht zum 1. Dezember 1185 fiel zum ersten Mal in diesem Winter Schnee. In wenigen Stunden war der Landstrich zwischen dem Tessin und dem Sesia mit einer dichten, weißen Schneeschicht überzogen, die alles bedeckte. Auf der riesigen Fläche waren weder einzelne Häuser noch Straßen oder Gräben zu erkennen. Lediglich die langen Pappelreihen an den Ufern der Flüsse und Bäche und an den Grenzen der Felder ragten in der Ferne auf. Nasser, dicker Nebel nahm einem die Sicht und dämpfte jedes Geräusch. Am frühen Morgen war die Luft kalt, und ein starker Wind aus Norden wirbelte große Schneeflocken umher.
Heinrich hatte Novara hinter sich gelassen und ritt auf San Nazzaro zu, wo sein Vater, Kaiser Friedrich von Hohenstaufen, Herzog von Schwaben, sein Lager aufgeschlagen hatte. Der Prinz trug weder Rüstung noch Kettenhemd, sondern nur dicke Gewänder aus grober Wolle. Ein schwerer, dunkler Umhang umhüllte ihn von Kopf bis Fuß so vollständig, dass nur die Augen durch zwei schmale Schlitze freiblieben und man nicht mal deren Farbe bestimmen konnte. Er ließ sein Pferd auf dem unwegsamen und rutschigen Grund langsam traben, die Zügel in nur einer Hand, der rechten. An der hocherhobenen linken trug er einen Handschuh aus festem Leder, auf dem sich mit scharfen Krallen sein Lieblingsfalke hielt. Heinrich ritt allein der Eskorte seiner jungen Reiter voran, denen er verboten hatte, ihn anzusprechen. Er wollte seine Ruhe haben auf dieser Reise, die ihm schlechte Laune machte: Seine Begegnungen mit dem Kaiser bestanden im Allgemeinen aus nichts anderem als Vorwürfen, Strafpredigten und Streitereien.
Er hatte schon als Kind gelernt, mit der Abneigung des Vaters zu leben. Der hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er Friedrich bevorzugte, den Erstgeborenen, der nicht nur seinen Namen trug, sondern auch das Ebenbild seines Vaters zu sein schien. Heinrich hingegen war seiner Mutter ähnlich, sowohl was die schmale Gestalt als auch seine verschlossene, nach innen gekehrte und scheue Art anging. Seine Lehrer am Hof beklagten sich außerdem über das wankelmütige und launische Wesen des Prinzen, der nicht selten zu Gewaltausbrüchen neigte. Ihr Urteil hatte dazu geführt, dass der Kaiser seinen Zweitgeborenen nur noch mehr verachtete, ihn vernachlässigte und von sich fernhielt.
Allerdings ging es seinem Erstgeborenen derart schlecht, dass er nun Heinrich an seine Seite rufen musste. Sie trafen also zwangsweise aufeinander, was ihre Beziehung keineswegs verbesserte, auch nicht Friedrichs Meinung, der seinen Sohn nach wie vor für gleichgültig, träge und sittenlos hielt.
Er verbarg seine Missbilligung nicht und kritisierte ihn, wo er konnte, wozu ihn einerseits seine Offenheit und sein ungestümer Charakter trieben, andererseits die Illusion, seine Ermahnungen könnten ihn tatsächlich aufrütteln. Heinrich wiederum empfand seinem Vater gegenüber ganz ähnlich, zeigte seine Gefühle aber nicht, dazu war er zu schüchtern. Außerdem fühlte er sich unterlegen. Beide litten unter ihren Begegnungen.
Als Heinrich zum Kaiser vorgelassen wurde, diktierte dieser seinem eilig Notizen machenden Sekretär gerade ein Schreiben. Friedrich schritt missgelaunt im Zelt auf und ab, wobei er so sehr fluchte, dass sein Schreiber einen ganz roten Kopf bekam.
«Sieh an, der Thronfolger», begrüßte er seinen Sohn sarkastisch. «Wochenlang hört man nichts von ihm, und wenn er an den Hof gerufen wird, lässt er sich eine weitere Woche Zeit, um zu erscheinen. Auf die Knie vor mir!», brüllte er, packte ihn am Kragen und zwang ihn zu Boden. «Und jetzt raus!»
Erst Stunden später wurde Heinrich wieder zum Vater zitiert. Der Sekretär ordnete gerade seine Unterlagen, während der Diener neues Holz ins Feuer legte. Ein kaiserlicher Wink genügte, und die beiden verneigten sich und gingen.
Friedrich wirkte ruhiger. «Päpstliche Schreiben machen mich immer etwas nervös», stellte er entschuldigend fest.
Heinrich sagte nichts dazu. Der Kaiser ließ ihn Platz nehmen.
«Der Heilige Vater ist wütend. Er hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um zu verhindern, wovon ich seit meiner Krönung träume. Aber er wird mich nicht aufhalten», rief er selbstzufrieden aus. Offenbar wartete er auf eine Reaktion, die aber ausblieb.
«Willst du nicht wissen, wovon ich spreche?», fragte er seinen Sohn und unterdrückte den Ärger, der in ihm aufstieg.
«Wovon sprecht Ihr?», echote Heinrich ebenso gehorsam wie spöttisch, was sein Vater zu ignorieren beschloss.
«Vom normannischen Reich. Es wird in unsere Hände fallen wie eine reife, schöne Frucht. Ohne Blutvergießen. Wilhelm geht es immer schlechter. Möglicherweise erlebt er nicht mal mehr das neue Jahr. Und wie du weißt, hat er keine Erben.»
«Will er Euch zum Nachfolger bestimmen?», fragte Heinrich und grinste höhnisch, was Friedrich ebenfalls ignorierte.
«In gewisser Weise schon», antwortete er gelassen. «Wilhelm hat seine Tante, Prinzessin Konstanze von Hautville, zur Thronerbin bestimmt. Sie wird deine Frau werden. Hochzeit gefeiert wird in ein paar Monaten, hoffentlich sogar schneller. Also: Bereite dich darauf vor.»
«Ich soll heiraten?»
«Sieht so aus. Wer sollte es sonst tun?»
«Dürfte ich vielleicht auch etwas dazu sagen?»
«Nein, es steht alles fest. Eheschließungen diesen Ranges sind Staatsangelegenheiten, über die der Kaiser zu bestimmen hat. Für dich ist nun der Moment gekommen, deine standesgemäße Verantwortung zu übernehmen. Du bist der Thronerbe. Deine erste Pflicht besteht darin, für einen Nachfolger zu sorgen. Ich erwarte von dir, dass du dein Bestes gibst, um dieser Pflicht nachzukommen. Deine Braut ist fast dreiunddreißig, nicht mehr ganz jung. Aber mit Gottes Hilfe ist sie noch empfänglich. Es liegt an dir, das zu beweisen.»
«Zweiunddreißig? Sie könnte meine Mutter sein!»
«Sie wird deine Frau sein und lediglich das Gefäß für deinen Samen, hoffentlich ein fruchtbares. Vergnügen findet ein Herrscher nicht im Ehebett. Konstanze von Hautville ist Erbin eines der schönsten Königreiche Europas, das sollte ausreichen, über ihr Alter hinwegzusehen.»
Heinrich sprang angewidert auf.
«Habe ich dir etwa erlaubt aufzustehen?», mahnte Friedrich, der seinen Zorn nur mühsam zügeln konnte. Missmutig setzte sich der Prinz wieder.
«Hast du verstanden, Heinrich?», fragte der Kaiser und musterte ihn streng.
«Ich glaube schon. Ich soll mit einer alten Frau das Bett teilen und sie schwängern.»
Wenn Friedrich seinem cholerischen Temperament freien Lauf gelassen hätte, hätte er den frechen Burschen geohrfeigt, am Kragen gepackt und aus dem Zelt in den Schnee geworfen, wo er vielleicht einen klaren Kopf bekäme. Die meisten ihrer Begegnungen endeten auf diese Art. Aber das hier war eine wichtige und eine heikle Angelegenheit. Also beschloss Friedrich, sich in Geduld zu üben.
«Ich verbiete dir, so unflätig von Konstanze zu sprechen. Sie ist von vornehmer Herkunft. Sie ist eine Königin, und eines Tages wird sie Kaiserin sein. Du bist zu größtem Respekt ihr gegenüber verpflichtet. Wenn es dich tröstet, so lass dir gesagt sein, dass ihre Schönheit früher an allen europäischen Höfen gerühmt wurde. Jeder wollte ein Bildnis von ihr besitzen, und die mächtigsten Männer warben um sie. Sie hätte jeden haben können. Dass ihre Familie ihr gestattete, den Schleier zu nehmen, war die reinste Torheit. Wer weiß, ob sie ihre Anmut nicht bewahrt hat. Ich hoffe, ich habe mich klar genug ausgedrückt und du weißt, was ich von dir erwarte.»
«Ja, Vater. Ich werde mein Bestes geben, das verspreche ich.»
Dass sein Sohn so plötzlich Einsicht und Respekt zeigte, versetzte den Kaiser in bessere Stimmung.
«Sehr gut», erwiderte er lächelnd. «Ich weiß aus sicherer Quelle, unter anderem vom ersten Kanzler Walter of the Mill, dass das strenge Klosterleben Ihre Königliche Hoheit sehr fügsam und nachgiebig gemacht hat. Das kommt uns sehr entgegen: eine Frau, die gehorsam, sanftmütig und gottesfürchtig ist, sich dem Gebet, der Andacht, der Besinnung verschrieben hat und Staatsgeschäft und Macht verabscheut. Es wird dir ein Leichtes sein, sie nach Wilhelms Tod zu entmachten und an ihrer Stelle zu regieren.»
«Kennt König Wilhelm unsere Pläne? Habt Ihr darüber gesprochen?»
