Die Erbin des Sizilianers - Chiara Marchetti - E-Book

Die Erbin des Sizilianers E-Book

Chiara Marchetti

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Alles in Stefanies Leben scheint auf Ehe und Familie mit Peter hinauszulaufen. Doch dann vererbt ihr ein unbekannter Sizilianer sein Hotel. Peter ist dafür, es zu verkaufen, aber Stefanie verliebt sich auf den ersten Blick in das alte Haus, die Schönheit Siziliens und in Roberto Gori, einen charismatischen Sizilianer ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 505

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



rowohlt repertoire macht Bücher wieder zugänglich, die bislang vergriffen waren.

 

Freuen Sie sich auf besondere Entdeckungen und das Wiedersehen mit Lieblingsbüchern. Rechtschreibung und Redaktionsstand dieses E-Books entsprechen einer früher lieferbaren Ausgabe.

 

Alle rowohlt repertoire Titel finden Sie auf www.rowohlt.de/repertoire

Chiara Marchetti

Die Erbin des Sizilianers

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Alles in Stefanies Leben scheint auf Ehe und Familie mit Peter hinauszulaufen. Doch dann vererbt ihr ein unbekannter Sizilianer sein Hotel. Peter ist dafür, es zu verkaufen, aber Stefanie verliebt sich auf den ersten Blick in das alte Haus, die Schönheit Siziliens und in Roberto Gori, einen charismatischen Sizilianer ...

Über Chiara Marchetti

Chiara Marchetti veröffentlichte den vorliegenden Roman erstmals 1999.

Inhaltsübersicht

PrologEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzig

Prolog

Bereits am frühen Vormittag war es so heiß in Palermo, als stünde nicht nur eine Sonne am wolkenlosen Himmel, sondern vier Feuerbälle, unter deren Glut die Stadt zu verbrennen schien.

Auf dem Fischmarkt schwitzten die Männer, die Kisten mit gestoßenem Eis zu den Verkaufsständen schleppten, wo es sich unter Schwertfischen und Tintenfischen verflüssigte.

Im August beschränkten sich auf Sizilien auch die eitelsten Frauen beim Make-up auf Lippenstift und Transparentpuder. In den dunklen Kirchen schmolzen die Wachskerzen vor dem Altar schneller, als sie abbrennen konnten.

Wenn der alte Italiener in seinem Bett unter der Hitze ebenso wenig litt wie sein Besucher, dann nur wegen der Klimaanlage, die geräuschlos kühle Luft in sein Zimmer im Krankenhaus blies.

«Giovanni, du wirst schon wieder auf die Beine kommen», sagte der Besucher. «Unterschätze die Ärzte nicht. Die können heutzutage eine Menge.»

Der alte Mann im Bett versuchte sich aufzurichten. «Spar dir die Mühe. Meine Uhr ist abgelaufen. Ich brauche keinen Trost.»

Der Besucher wollte widersprechen, doch ein Blick des Kranken verschloss ihm den Mund. «Also gut», sagte er sachlich. «Was kann ich noch für dich tun?»

«So gefällst du mir viel besser», sagte der Kranke. «Mein Testament …» Ein Hustenanfall erschütterte seinen dünn gewordenen Körper. «Das Vermächtnis ist doch rechtswirksam? Ich will nicht, dass das Hotel in andere Hände gerät.»

Der Besucher hatte Mühe, seine Ungeduld zu verbergen. «Ich habe es dir schon hundertmal erklärt, Giovanni. Dein Testament ist völlig in Ordnung. Es wird alles so geschehen, wie du willst. Aber wenn es dir hilft …» Er griff in die Tasche seiner dunklen Jacke und reichte dem Kranken ein Papier. «Hier hast du es schwarz auf weiß! Ich habe die Urkunde längst beim Gericht hinterlegt. Antonia wird sich zwar ärgern, aber sie kann nichts dagegen unternehmen.»

Der Kranke warf einen Blick auf das Papier und ließ es dann aus seinen schwachen Händen auf das Betttuch gleiten. Er wirkte erleichtert, doch dann wurden seine Augen wieder unruhig. «Die Deutsche wird Fragen stellen. Viele Fragen. Und irgendwann wird sie erfahren …»

Die Augen des alten Mannes wirkten jetzt, als könne er in weite Ferne blicken. Vielleicht blickte er aber auch nur zurück in eine längst vergangene Zeit.

«Von mir erfährt niemand auch nur das Geringste», sagte der Besucher, Notar Bonello aus Catania. «Und ich werde sie im Auge behalten. Wenn sie dein Hotel allerdings verkaufen will … Sobald es ihr überschrieben ist, kann sie damit machen, was sie will.»

Ein Hustenanfall riss den Kranken aus seinen Gedanken. «Sie wird dieses Juwel nicht verkaufen», sagte er heiser. «In ihren Adern fließt mein Blut.»

Eins

Stefanie hatte gerade ein goldenes Ei unter einen triumphierend krähenden Hahn kopiert, als es passierte. Nichts mehr bewegte sich auf ihrem Bildschirm. Sogar der Cursor war plötzlich verschwunden. Diese verdammten Computer, dachte sie. Sobald man mit einem Grafikprogramm halbwegs zurechtkommt, wird es durch ein neues ersetzt. Und zwar durch ein noch komplizierteres.

Sie hackte auf der Tastatur herum, ging um den Tisch und rüttelte an allen Kabeln, aber es half nichts.

Abgestürzt. Sie fühlte, dass ihr das Blut ins Gesicht strömte. Mein Computer macht wieder, was er will. Und das ausgerechnet heute, wo der Verkaufsprospekt für den neuen Aktienfonds fertig werden muss. Am besten das Programm neu starten. Mist. Dann geht alles verloren, was ich bisher geschafft habe.

In diesem Moment kam Ralph Dieter Weber in das kleinste der Zimmer der Werbeagentur Weber and Friends, wo Stefanie seit drei Jahren arbeitete. Wie meist hatte RDW – so nannten alle in der Agentur den Chef – seine verwaschene hellblaue Calvin-Klein-Jeans an. Die obersten drei Knöpfe seines weißen Hemdes waren geöffnet.

«Wann bekomme ich endlich das Layout?», fragte er. «Ich will die Entwürfe heute noch an den Kunden mailen.»

«Weiß ich! Aber mehr als arbeiten kann ich nicht. Zwei Stunden brauche ich noch.»

«Zwei Stunden», sagte Weber. «Ich verlasse mich auf dich.»

Sie nickte, blickte auf den Bildschirm und tippte auf der Tastatur. In solchen Situationen war sie froh über die Enge in ihrem Büro. Sie hatte ihren Computertisch so gestellt, dass ihr niemand über die Schulter blicken konnte. Sobald RDW ihr Büro verlassen hatte, huschte sie über den Flur in das Zimmer gegenüber.

 

Bodo Fechner musste – das behaupteten jedenfalls alle in der Agentur – schon mit einem Gameboy in der Hand geboren worden sein. Der Chef beklagte zwar regelmäßig, dass er der schlechteste Fotograf der Welt sei, aber er war ein Genie am Computer. Das machte ihn für die Werbeagentur unersetzlich.

Als Stefanie sein Büro betrat, saß Bodo am Lichttisch. Er hatte ein Messer in der Hand und säbelte gerade von einem Kilo Käse ein riesiges Stück ab.

«Na, wieder eine Woche Atkins-Diät?»

Er nickte. «In Zukunft kein einziges Kohlehydrat mehr. Kohlehydrate bringen den Menschen um.»

«Mich nicht!», widersprach Stefanie. «Ich kann essen, was ich will, und nehme trotzdem kein Gramm zu. Gesunde Mischkost ist noch immer das Beste. Schon wegen der Vitamine.»

Sie hatte wenig Lust, mit Bodo über gesunde Ernährung zu diskutieren. Doch als er mit dem Käse in der Hand zu seiner Fototasche ging und zusätzlich ein großes Stück Fleischwurst herausholte, tat er ihr plötzlich Leid.

Bodo war keine zwei Jahre älter als sie. Noch nicht einmal fünfunddreißig. Wie konnte man sich nur so gehen lassen? Als ob der Rettungsring aus Fett, der um seine Taille waberte, nicht schon schlimm genug wäre, hatte er sich offensichtlich auch seit mindestens drei Tagen nicht rasiert.

Wenn Stefanie solche Männer sah, wusste sie, was sie an ihrem Peter hatte. Der war zwar pedantisch wie ein Buchhalter, doch er achtete auf seine Gesundheit und duschte morgens wenigstens eine halbe Stunde.

Bodo aß sein Stück Käse, verschlang die Wurst, und als er sich den Mund mit dem Handrücken abgewischt hatte, blickten Stefanie die freundlichsten Augen der Welt an. «Wieder Probleme mit deinem Mac?»

Sie nickte. «Wenn RDW die Layouts nicht in zwei Stunden auf dem Tisch hat, springt er im Quadrat.»

«Hast du wenigstens zwischengespeichert?»

«Ich glaub schon. Gestern Abend auf alle Fälle. Jetzt bewegt sich gar nichts mehr.»

Er griff nach einem Etui mit Disketten. «Dann mal los.»

 

Er begleitete Stefanie zurück in ihr Zimmer. Als er sich durch den engen Gang zwischen ihrem Arbeitstisch und der Wand zwängte, musste er den Bauch einziehen. Dann knarrte ihr Stuhl unter seinem Gewicht. Bodo griff nach der Maus, tippte auf zwei Tasten und stand grinsend wieder auf.

«Nicht verzagen, Bodo fragen – bekomm ich jetzt ein Küsschen?»

«Wer mich küsst, muss mich heiraten», sagte Stefanie. «Ich warne dich! Ich wünsche mir mindestens acht Kinder.»

Bodo stöhnte und verdrehte die Augen. «Um Gottes willen. Ich will mir einen Porsche kaufen, sobald ich hinter das Lenkrad passe.»

Sie setzte sich wieder an ihren Computer. «Vielleicht in deinem nächsten Leben. Man soll die Hoffnung nie aufgeben.»

Der Fotograf hatte das enge Zimmer gerade verlassen, als das Telefon auf ihrem Tisch klingelte. Hoffentlich hat RDW nicht mitbekommen, dass mir Bodo wieder mal helfen musste, dachte sie, während sie den Hörer abnahm.

«Der Vortrag heute Abend fällt aus, Liebling», hörte sie Peters Stimme. «Hast du Lust, uns etwas Schönes zum Essen zu zaubern?»

«Bei dir oder bei mir?»

«Am besten bei dir! Dann brauchst du morgen nicht so früh aufzustehen.»

«In Ordnung», sagte sie «Aber nicht vor acht. Kann sein, dass ich heute etwas länger arbeiten muss.»

«Kein Problem. Ich bringe uns eine gute Flasche Wein mit. Bis nachher, Liebling. Ich freue mich auf dich.»

Es knackte in der Leitung. Sie wandte sich wieder dem Bildschirm zu und zoomte das goldene Ei unter dem krähenden Hahn noch größer.

 

Drei Stunden später hatte Stefanie sämtliche Entwürfe pünktlich abgeliefert, und RDW hatte eine ihrer Fotomontagen sogar für gelungen erklärt. Solches Lob war in der Agentur selten.

Sie vertauschte ihre bequemen Ballerinas, die sie in der Agentur gewöhnlich trug, mit schwarzen Stiefeletten. Dann legte sie einen dicken Schal um den Hals, schlüpfte in ihre helle Daunenjacke und fühlte sich hinreichend gewappnet gegen den Münchener Winter.

Seit drei Tagen lag eine geschlossene Schneedecke auf der Stadt. Ein scharfer Wind trug winzige Eiskristalle durch die Luft. Stefanie zog die Kapuze über den Kopf und den Schal vor den Mund, als ein Auto neben ihr hupte. Bodos Geländewagen, mit Schneeketten ausgerüstet wie für eine Polarexpedition. Er kurbelte ein Fenster herunter. «Soll ich dich bis zur Münchener Freiheit mitnehmen? Ich muss sowieso in die Richtung.»

Sie schüttelte den Kopf. «Lieb von dir, aber ich muss noch einkaufen. Ich nehme danach die U-Bahn.»

«Dann bis morgen!» Bodos Auto fuhr an, und die dicken Reifen schaufelten Schnee und Eis in die Luft.

Das fehlte gerade noch, dachte Stefanie. Wenn mich zufällig einer von Peters Freunden aus einem fremden Wagen steigen sieht, hängt wieder eine Woche der Haussegen schief.

Sie ging weiter die Schellingstraße entlang, vorbei an Boutiquen, Buchhandlungen und kleinen Schmuckläden. Als sie im hell erleuchteten Schaufenster eines Miederwarengeschäftes eine verführerische Korsage aus schwarzer Spitze entdeckte, kämpfte sie mit sich. Ob ich Peter darin gefallen würde? Nein, dachte sie, wahrscheinlich nicht.

Eine Korsage für einhundertdreißig Euro? – Niemals! Er hätte ihr eher zum Kauf von Aktien geraten.

Sie riss sich vom Schaufenster los und hastete zum Supermarkt, wo sie sich zwei Lammfilets zurechtschneiden ließ. Aus der Tiefkühlabteilung nahm sie eine Packung grüne Bohnen, bevor sie noch zwei reife, köstlich duftende Mangofrüchte in den Einkaufskorb legte. Wenn sie schon auf die Korsage verzichtete, wollte sie Peter und sich wenigstens zum Abendessen etwas besonders Gutes gönnen.

An der Kasse musste sich Stefanie an das Ende einer langen Menschenschlange stellen, aber darüber ärgerte sie sich heute nicht. Sie war mit sich und der Welt voll und ganz im Einklang.

 

Die schwere Haustür knallte hinter ihr ins Schloss.

Sie war froh, als sie endlich in ihrer Wohnung war. Nachdem sie die Lebensmittel auf den Küchentisch gelegt hatte, sah sie rasch ihre Post durch. Nichts Besonderes. Drucksachen. Ihre Cosmopolitan. Eine Ansichtskarte ihrer Freundin Babsi. Stefanie wollte die Drucksachen gerade in den Mülleimer werfen, da entdeckte sie eine rote Benachrichtigungs-Karte von der Post. Eingeschriebene Sendung, las sie. An den nächsten Werktagen beim Postamt abzuholen. Ein unangenehmes Gefühl ballte sich in ihr zusammen. Vermutlich hat mir der Hauswirt geschrieben, dass er schon wieder mehr Miete will, ging es ihr durch den Kopf.

Sie verstaute die Karte in der Handtasche und stellte Teller und Tassen vom Frühstück in die Spülmaschine. Sie hasste es, abends in eine unaufgeräumte Wohnung zu kommen, aber an diesem Morgen hatte sie verschlafen und keine Zeit mehr gehabt, für Ordnung zu sorgen.

Danach lüftete sie das Schlafzimmer, schüttelte ihr Bett auf und legte drei Pullover vom Sessel in den Kleiderschrank.

Ob ich noch staubsaugen sollte? Sie blickte zu der großen Standuhr, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte. Nein. Viel wichtiger war erst einmal, dass das Essen fertig wurde. Die paar Flusen auf dem Teppich würde Peter kaum bemerken. Sicherheitshalber schob sie den Dimmer noch ein wenig zurück, mit dem sie das helle Licht des Deckenfluters dämpfen konnte.

 

Die Lammfilets verbreiteten einen köstlichen Duft, als Peter in die Wohnung kam. Seit drei Monaten hatte jeder einen Schlüssel für die Behausung des anderen, was Peter als «Vertrauen fördernde Maßnahme» vorgeschlagen hatte. Sie ahnte zwar, dass ihn eher seine Eifersucht auf diese Idee gebracht hatte, doch sie hatte sich einverstanden erklärt.

«Gigantisch!», rief Peter. «Das Wasser läuft einem ja schon vor deiner Tür im Mund zusammen.»

Er betrat die Küche, stellte eine Flasche Wein auf den Tisch und überreichte ihr eine Rose. «Nur ein kleines Dankeschön für deine Mühe. Zum Wochenende gehen wir wieder zum Käfer.»

«Hör auf! Bei den Preisen? Meinetwegen brauchen wir wirklich nicht so oft auswärts zu essen. Wenn ich daran denke, wie viel Geld du für mich ausgibst …»

Er lachte. «Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. So was kann ich immer in meine Spesenabrechung fummeln.»

Sie runzelte die Stirn. «Freut mich zu hören. Dann werde ich mich in Zukunft bei deiner Bank für die Einladung bedanken.»

Er griff nach ihren Händen und sah sie mit gut gespieltem Ernst an. «Sag bloß, du traust mir so was zu? – Ich und krumme Dinger drehen? Können diese Augen lügen?» Er sah sie schmunzelnd an, bevor er sich an den Küchentisch setzte. «Außerdem hat unsere Bank hat eine sehr tüchtige Innenrevision», fügte er noch hinzu.

«Schön für die Bank», sagte Stefanie und drückte ihm den Korkenzieher in die Hand. «Hier, du kannst schon mal den Wein öffnen und ins Wohnzimmer bringen.» Sie richtete die Filets, das Kartoffelgratin und das Gemüse an, und als sie ins Wohnzimmer kam, lief dort das Fernsehgerät ohne Ton. Peter saß im Sessel davor und switchte durch den Videotext. «In der Wallstreet ist wieder die Hölle los. Der Dow hat fast zweihundert Zähler verloren.»

Sie stellte das Essen auf den Tisch und zündete die Kerzen an. «Na und? Wer gewinnen will, muss auch verlieren können.»

Er nickte. «Zweifellos! Aber gewinnen ist besser.» Er starrte noch immer gebannt auf den Bildschirm, und sie nahm ihm die Fernbedienung aus der Hand. «Peter. Auch du hast irgendwann mal Feierabend.»

«Aber nicht, wenn ich im Beruf weiterkommen will. Wer heutzutage mit vierzig keine Karriere gemacht hat, kann sie vergessen.»

Sie schaltete das Fernsehgerät aus. «Wer mit vierzig tot ist, kann das auch.»

Er ging zum Tisch und füllte beide Weingläser, bevor er sich setzte. «Und wie war der Tag bei dir? Kommst du inzwischen mit dem neuen Computerprogramm klar?»

«Überhaupt kein Problem. Heute hat mich unser Boss sogar gelobt. Für den Hahn mit dem goldenen Ei.»

Er griff nach Messer und Gabel. «Hab ich’s nicht gesagt? Meine Idee! Manchmal glaub ich, an mir ist ein Grafiker verloren gegangen. Wenn ich besser zeichnen könnte …»

«Na und?», sagte sie. «Man schafft alles, wenn man es wirklich will.»

«Au fein! Dann will ich sofort fliegen können. Und zwar ohne jedes Gerät.»

Sie lachte. «Käme darauf an, was du darunter verstehst. Aber meinetwegen. Du hast mal wieder gewonnen.»

Die Lammfilets zergingen auf der Zunge. Als sie den ersten Schluck Wein dazu trank, hätte sie mit keiner Frau auf der Welt tauschen mögen. Ein Tag, der mit gutem Essen, einem guten Wein, bei Kerzenlicht und in der Gesellschaft eines zuverlässigen Mannes ausklang – war sie nicht beneidenswert?

 

«Wie wollen wir meinen Resturlaub nutzen?», fragte er nach dem Essen, während er den obersten Hemdenknopf öffnete und sich im Stuhl zurücklehnte. «Ich habe noch mehr als vierzehn Tage aus dem vergangenen Jahr. Die möchte ich der Bank nicht schenken. Magst du nicht doch mit mir ins Stubaital?»

«Auf keinen Fall Skiurlaub! Einmal und nie wieder. Mir genügt schon der Schnee in München.»

Sofort bemühte sie sich, ihre impulsiv hervorgestoßenen Worte zu entschärfen. «Nichts gegen deine Gletscher, aber Eis mag ich nun mal nur mit Vanillegeschmack. Ich möchte viel lieber nach Florida.»

«Nicht im Winter», sagte er entsetzt. «Erst dreißig Grad in Miami und vierzehn Tage später den Winter hier … Auf keinen Fall! Das ist eine Tortur für den Körper.» Er sah sie mit dem Blick eines tieftraurigen Dackels an. «Da geh ich im Urlaub lieber im Englischen Garten spazieren.»

«Und wenn du allein zum Skilaufen fährst? Oder mit einem deiner Freunde? Ich bin nun mal keine begeisterte Skiläuferin.»

Er bemerkte, dass Wachs von einer der Kerzen auf die Tischdecke zu tropfen begann, und stellte den Leuchter auf seinen leeren Teller. «Und was machst du, während ich weg bin?»

Stefanie blies die Kerze aus. «Ich hole mir jede Nacht einen anderen Mann ins Bett. Zuerst meinen Chef, dann den fetten Bodo und dann …» Sie ging zu Peter und umarmte ihn. «Hab ich dir heute eigentlich schon gesagt, dass ich dich liebe? Glaubst du etwa, das ändert sich so schnell?»

Er schüttelte den Kopf. «Das nicht … Aber würdest du mich denn überhaupt nicht vermissen?»

«Schon am nächsten Tag. Aber zu lieben bedeutet auch, zu vertrauen. Ich weiß doch, wie gut du dich beim Skilaufen erholst. Vielleicht wärst du mit einer Göttin der Skipiste glücklicher als mit mir.»

Er sah sie verblüfft an. «Mit einer Cartieruhr am Handgelenk und nichts als Flausen im Kopf, was? Sag mal, wie gut kennst du mich eigentlich?»

Sie blickte ihm ruhig in die Augen. «In jedem Fall bist du der Mann, mit dem ich jetzt ins Bett möchte», flüsterte sie ihm ins Ohr.

 

Die Zeiten, wo er ihr mit sanften Küssen die Bluse aufgeknöpft und sie danach seine Hand zärtlich unter ihrem Rock gespürt hatte, waren längst vorbei. Stefanie vermisste manchmal solche Gesten, die ihr das Gefühl gaben, dass er sie jedes Mal aufs Neue erobern wollte. Im Bett lief es zwischen ihnen routiniert und vertraut, ohne Überraschungen.

Vielleicht ist das der Preis dafür, wenn man sich bei einem Mann geborgen fühlen möchte, dachte sie.

Im Schlafzimmer zog sie erst ihren Pullover aus, dann die Stretchhose. Sie hatte gerade die Strumpfhose und den Slip abgestreift, als Peter in seinen Boxershorts aus dem Badezimmer kam, die Anzugjacke in der einen Hand und die Hose in der anderen. «Hast du einen Kleiderbügel für mich?»

«Selbstverständlich.» Sie ging zum Schrank und nahm eine ihrer Blusen vom Bügel.

Während er sorgfältig die Bügelfalten glatt strich, hatte sie das Gefühl, sie wäre plötzlich unsichtbar geworden. Bemerkte er nicht, dass sie nackt war? Eine attraktive Frau von dreiunddreißig Jahren, nach der sich viele Männer auf der Straße umdrehten.

Sie schlüpfte enttäuscht ins Bett, und als er sich zu ihr legte, trug er noch immer seine Shorts. Sein Signal, dass er einen anstrengenden Tag hinter sich hatte und sich erschöpft fühlte. Sie knipste die Nachttischlampe aus und schmiegte sich an seinen Rücken. Gerade hatte sie den Arm auf seinen Oberkörper gelegt, da drehte er sich zu ihr um. Er tastete im Dunkeln nach ihren Brüsten, strich erst vorsichtig über eine Brust, dann über die andere. Sie stöhnte leise. Er küsste sie, bevor sich seine Hand den Weg zwischen ihre Schenkel bahnte.

Stefanie schloss die Augen, hob sich seiner Hand entgegen, und als sie seinen Körper über sich spürte, als sie seinen Schweiß roch, der sich mit dem Duft seines Rasierwassers vermischte, krallte sie ihre Fingernägel in seinen Rücken. Doch da löste er sich schon von ihr. Er küsste sie und legte seine Hand besitzergreifend um sie. «Gute Nacht, Liebste», sagte er und wenig später, schon mit schlaftrunkener Stimme: «Du weißt ja, dass ich morgen spätestens um halb neun in der Bank sein muss.»

 

Erst zwei Tage später erinnerte sich Stefanie wieder an die Karte von der Post in der Handtasche. Sie nutzte die Mittagspause, um den Brief abzuholen. Der Schnee auf den Straßen war geschmolzen. Jetzt schwappte eine schmutzige Brühe um ihre Stiefeletten.

Im Postamt dauerte es fast eine Viertelstunde, bis ihr endlich ein Beamter den Brief aushändigte. Aus Italien? dachte sie erstaunt, als sie die große blaue Briefmarke sah. Wer schreibt mir aus Italien? Sie entfernte sich vom Schalter, und während sie zu einem der Schreibpulte ging, überfluteten sie plötzlich ihre Erinnerungen.

Rom. Die Spanische Treppe. Die kleine Trattoria in Trastevere, wo sie abends meistens mit Marcello gegessen hatte. Dann der Abend, als sie weinend ihre letzten Lire in den Trevibrunnen warf.

«Du wirst zu mir zurückkommen, Bella Bionda», sagte Marcello und strich behutsam über ihr damals noch langes Haar. «Jeder, der einmal in Italien glücklich war, kommt wieder zurück.»

«Vom Glück allein kann ich nicht leben», sagte sie. «Ich fahre nach Hause. Ich brauche endlich einen vernünftigen Beruf.»

Marcello versuchte sie aufzurichten. «Du bist eine Malerin», versicherte er ihr. «Eine wirklich gute Malerin.»

«Mag sein», antwortete sie traurig. «Aber an der Akademie sieht man das leider anders. Ich bin froh, dass mich eine Werbefachschule in Deutschland aufnehmen will.»

Unbegabt, dachte sie. Für meinen Professor war ich völlig unbegabt. Sie merkte, dass sich die Traurigkeit wieder in ihr ausbreiten wollte, die sie damals im Rom empfunden hatte, doch eine heisere Frauenstimme riss sie aus ihren Erinnerungen in die deutsche Wirklichkeit zurück: «Sie stehen hier sehr ungünstig. Lassen Sie mich wenigstens mal in das Telefonbuch gucken.»

Stefanie trat ein paar Schritte zur Seite und drehte den Briefumschlag um. Tomaso Bonello war als Absender auf die Rückseite gedruckt. Notaio. Viale Garibaldi, 27. 95100 Catania. Sicilia.

Der Brief kann unmöglich für mich sein, dachte sie. Ich kenne keinen Menschen aus Sizilien. Einen Notar schon gar nicht. Es muss sich um einen Irrtum handeln. In der U-Bahn, auf der Fahrt zur Agentur, öffnete sie den Umschlag. Er enthielt ein kurzes Schreiben des Notars.

Tèma: Giovanni Piazzolo, las sie, nato il 25 maggio 1929, deceduto il 13 novembre 2001 … Gentile Signora … Stefanie hatte seit fünf Jahren weder italienisch gesprochen, noch eine italienische Zeitung gelesen. Es fiel ihr nicht mehr so leicht wie früher, einen Brief in dieser Sprache zu verstehen. Offenbar war ein alter Sizilianer mit dem Namen Giovanni Piazzolo verstorben, und er hatte sie, so verstand sie den Brief jedenfalls, in seinem Testament zu seiner Erbin bestimmt. Sie solle unverzüglich Kontakt mit dem Absender aufnehmen.

Giovanni Piazzolo? Sie überlegte, ob sie jemanden dieses Namens kannte. Fehlanzeige. Auch ihre Eltern hatten keine Verwandte oder Freunde in Italien.

 

Welcher Italiener hatte einen Grund, ihr irgendetwas zu vererben? Sollte es sich um einen Betrugsversuch handeln?

Peter hatte ihr einmal belustigt von Briefen erzählt, in denen Nigerianer Leichtgläubigen riesige Gewinne versprachen, um ihnen eine Menge Geld abzunehmen, angeblich für Spesen. Sie fuhr im Lift hoch zur Werbeagentur, und als sie durch den Korridor zu ihrem Zimmer eilte, kam ihr Bodo entgegen. «Na, war es eine Mieterhöhung?»

«Ganz im Gegenteil! Ich habe gerade eine Million geerbt.»

Bodo grinste. «Von Bill Gates oder von Donald Trump?»

«Von Königin Elisabeth. Aber sag es nicht weiter.»

«Ich werde schweigen wie ein Grab», versprach er. «Gibst du mir dafür ein Küsschen?»

 

Einige Tage später wartete Stefanie nervös in einem kleinen Café an der Feldherrenhalle auf Peter.

«Ich muss heute einen Vortrag in der Handwerkskammer halten», hatte er am Telefon gesagt. «Es hat keinen Sinn, vorher noch nach Hause zu fahren. Ich habe sehr interessante Neuigkeiten für dich. Du wirst überrascht sein, Liebste.»

Inzwischen trank sie schon ihren dritten Kaffee und wurde immer wütender. Wer bin ich denn, dass mich ein Mann einfach sitzen lässt, als wäre er der Herrscher des Universums und ich nur eine kleine Grafikmaus, die nichts Besseres zu tun hat, als auf ihn zu warten?

Sie hatte sich gerade entschlossen zu zahlen, als Peter endlich auftauchte. «Entschuldige bitte. Ich kann wirklich nichts dafür. Ich hatte schon den Mantel an, da wollte unser Filialleiter unbedingt noch über den Umsatz des letzten Vierteljahres mit mir sprechen.»

Sie nickte, immer noch leicht verstimmt.

Nachdem Peter ihr gegenüber Platz genommen hatte, zog er zwei Blätter Papier aus der Tasche und bestellte bei der Kellnerin Prosecco. Er zwinkerte Stefanie zu. «Ich glaube, wir haben etwas zu feiern.»

«Du meinst, dieser seltsame Brief aus Italien ist kein Versuch, mich in die Gewalt der Mafia zu bringen?»

«Das habe ich keinen Augenblick lang vermutet.»

Sie schmunzelte und verkniff sich eine Erwiderung. Sein Misstrauen hatte er sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, nachdem sie ihm das Schreiben gezeigt hatte.

Die Kellnerin stellte die beiden langstieligen Gläser mit dem prickelnden Getränk vor sie, und Peter hob seins, um mit Stefanie anzustoßen.

 

«Glückwunsch! Der Absender dieses Briefes ist nicht nur wirklich Notar, sondern er hat auch einen tadellosen Ruf.»

«Ich verstehe die Welt nicht mehr …»

«Es kommt noch besser!», fuhr Peter fort. «Giovanni Piazzolo, von dem im Brief die Rede ist, verstarb tatsächlich im vergangenen Jahr. Am 13. November.»

Er reichte ihr die Kopie des Briefes über den Tisch. «Es gibt keinen Grund, am Inhalt dieses Schreibens zu zweifeln.»

«Und wie hast du das so schnell herausgefunden?»

Er lächelte. «Wozu hat unsere Bank eine Auslandsabteilung? Wenn du mehr wissen willst … Ich habe schon überlegt, ob ich eine Bonitätsprüfung veranlassen soll, aber wenn das unser Filialleiter erfährt …»

Peter trank einen Schluck, dann sah er Stefanie nachdenklich an. «Es will mir einfach nicht in den Kopf, dass du diesen Mann angeblich nicht kennst. Also wenn …» Er stockte und musste sich überwinden, bevor er weitersprechen konnte. «Also wenn du in Rom eine Affäre mit ihm gehabt haben solltest … Das könntest du mir ruhig erzählen. Was vor unserer Zeit war, interessiert mich nicht.»

Sie schüttelte den Kopf. «Sei nicht albern. In Rom war ich achtundzwanzig Jahre alt. Da muss dieser Piazzola fünfundsechzig gewesen sein. Hast du den Eindruck, ich hätte einen Vaterkomplex?»

«Das nicht», antwortete Peter. «Aber man setzt gewöhnlich keinen wildfremden Menschen zum Alleinerben ein.»

«Genau. Und deshalb werde ich so schnell wie möglich nach Sizilien fliegen. Ich will wissen, was da los ist.»

«Kommt überhaupt nicht infrage», widersprach er. «Wir beauftragen schlicht und einfach einen Rechtsanwalt mit der Wahrnehmung deiner Interessen.»

Zwei

In der Abflughalle des Flughafens herrschte Hochbetrieb. Vor den Check-in-Schaltern für Gran Canaria und Teneriffa warteten so viele Passagiere, als müssten die sonnigen Inseln ein paar Tage später wegen Überfüllung geschlossen werden.

Nach Catania wollten zwar kaum hundert Leute, aber auch in dieser Schlange vor dem Abfertigungsschalter dauerte es geraume Zeit, bis Stefanie und Peter ihre Koffer wieder ein Stück weiter nach vorn schieben konnten. «Bei Ihnen dauert das Einchecken wohl länger als der Flug», sagte Peter zur Stewardess, als er endlich die beiden Gepäckstücke auf die Waage stellen konnte.

«Ich kann leider nichts dafür. Sie können sich gern bei der Geschäftsleitung beschweren.»

Dann schob sie Peter zwei Bordkarten über die Theke und gab ihm die Tickets zurück. «Gate zwölf. Ihr Flug wird aufgerufen. Gute Reise.»

«Du hättest ruhig etwas freundlicher zu ihr sein können», sagte Stefanie, als sie an der Sicherheitskontrolle ihr Handgepäck auf ein Laufband legten. «Die Frau erledigt doch nur ihren Job.»

«Ja. Und zwar so langsam wie möglich. Ich hasse diese ständige Warterei.»

Er steckte die Flugscheine in seine Brieftasche. Vor der Handgepäckkontrolle brauchten sie weniger lange zu warten.

«Wenn Sie bitte noch Ihre Taschen und Ihre Mäntel auf das Rollband legen würden», forderte sie ein Grenzschutzbeamter auf.

Peter funkelte ihn böse an. «Aber meine Hose darf ich doch wenigstens anbehalten?»

«Selbstverständlich», sagte der Beamte. Als Stefanies Jacke und Peters Mantel im Durchleuchtungsgerät verschwanden, untersuchte der Beamte Peter kurz mit einer Metallsonde. Eine junge Beamtin vollzog dieselbe Prozedur bei Stefanie.

«Meinetwegen hättest du wirklich ins Stubaital fahren können», zischte sie Peter zu, als die Passkontrolle hinter ihnen lag. «Ich habe dich nicht darum gebeten, mit mir nach Sizilien zu fliegen. Verdirb mir bitte die Reise nicht.»

«Weiß ich», sagte er, etwas versöhnlicher. «Aber ich kann dich nicht ins offene Messer laufen lassen. Wir haben noch nicht die Möglichkeit bedacht, dass du nichts als Schulden erben könntest.»

«Du und dein ewiges Misstrauen», stieß sie genervt hervor. «Ich habe zweimal mit Notar Bonello telefoniert. Ein sehr freundlicher Mann. Er hat meinetwegen sogar ganz langsam gesprochen, als er merkte, dass ich Schwierigkeiten mit seinem Dialekt habe.»

«Wir werden sehen. An deine Geburtsurkunde und die Heiratsurkunde deiner Eltern hast du hoffentlich gedacht?»

«Natürlich. Ich habe sie sogar von einem vereidigten Dolmetscher übersetzen lassen.»

Sie kamen an ein Kosmetikgeschäft. Stefanie hatte sich vorgenommen, dort noch einen Lippenstift und ein Parfüm zu kaufen, doch jetzt verzichtete sie darauf. Es hätte eine weitere Verzögerung verursacht, die Peter noch mehr verstimmt hätte.

«Im März nach Sizilien», sagte er verärgert, als sie im Warteraum Platz nahmen. «Und dann auch noch im Touristenbomber! Aber was tut ein Mann nicht alles für die Frau, die er liebt.»

Stefanie stöhnte auf. «Auf alle Fälle meckert er nicht an allem herum. Wenn das so weitergeht, kannst du dir ein anderes Hotel suchen. Oder denkst du etwa, ich will die ganzen Ferien über dauernd dein mürrisches Gesicht sehen?»

Er wirkte gekränkt. «War doch nicht böse gemeint. Es ist nur … Na ja, ich hätte halt einen Skiurlaub vorgezogen.»

 

Es dauerte nicht lange, bis die Reisenden ins Flugzeug gelassen wurden. Peter nörgelte zwar, als er seinen Mantel und Stefanies Steppjacke in das enge Gepäckfach über ihren Sitzen quetschte, doch als beide endlich saßen und ihre Sicherheitsgurte geschlossen hatten, griff er nach ihrer Hand. «Jetzt freue ich mich auch auf diese Reise. Mehr als vierzehn Tage nicht in die Bank müssen und stattdessen mit dir Italien entdecken … Ich hoffe nur, Sizilien ist nicht auch so ein Teutonengrill wie Riccione oder Rimini.»

«Nicht im Frühjahr», beruhigte sie ihn. Sie hatte inzwischen drei Reiseführer gelesen. «Es ist zwar die beste Reisezeit, aber zum Baden ist das Meer meistens noch zu kalt.»

«Das habe ich vermutet. Genau deshalb habe ich für uns in Taormina ein kleines, aber feines Hotel mit Swimmingpool gebucht. Ein richtig lauschiges Liebesnest.»

Stefanie sah ihn lächelnd an und drückte seine Hand zärtlich.

Sie hörte, dass die Triebwerke lauter wurden, und lehnte sich in ihrem Sitz zurück. Es war nicht ihr erster Flug, doch beim Start und bei der Landung hatte sie jedes Mal ein mulmiges Gefühl. Sie blickte durch das dicke Fenster auf die nasse Rollbahn. In das düstere Grau des Münchener Morgens.

Das Flugzeug rollte an, gewann an Geschwindigkeit, hob vom Boden ab und flog durch schmutzig graue Wolken. Wenige Minuten später stieß es durch die dichte Wolkendecke, und die Sonne schien gleißend vom hellblauen Himmel.

Endlich wieder Italien, dachte sie. Die Erinnerungen an den überstürzten Abschied von Rom stiegen wieder in ihr hoch. So schmerzlich es damals gewesen war, sich von Marcello und der Akademie zu trennen – jetzt hatte sie einen vernünftigen Beruf. Und einen Mann, der Zukunftspläne schmiedete.

Im Geiste sah sie Marcellos tiefbraune Augen vor sich. Ja, dachte sie, er hat sich nicht geirrt. Auch ich komme nach Italien zurück. Aber nicht zu ihm.

«Mach dir keine Sorgen wegen des Notars», sagte Peter. «Dem werde ich sehr genau auf den Zahn fühlen. Verlass dich darauf.»

Sie streichelte seine Hand. «Ich weiß schon, was ich an dir habe.» Geborgenheit, dachte sie, ist wichtiger als Leidenschaft. Auf heißen Liebesschwüren kann man kein gemeinsames Leben gründen.

 

Sonne. Blauer Himmel. Palmen, deren Zweige sich sanft im Wind bewegten und dabei leise knarrten … Schon auf dem Weg von der Ankunftshalle zum Parkplatz hatte sich Stefanie wie in einem Traum gefühlt. Zwei Stunden Flug, dachte sie, schon ist man in einer völlig anderen Welt.

Inzwischen saß sie neben Peter in einem kleinen Bus, der ein knappes Dutzend Neuankömmlinge zu deren Hotels brachte. «Typisch Massentourismus», hatte er geknurrt, als der Fahrer die Koffer im Bus verstaut hatte. Er hatte Peter auch seinen Aktenkoffer abnehmen wollen, doch den verteidigte er wie ein Drache seinen Schatz. «Darin befindet sich mein Laptop. Den gebe ich nie aus der Hand.»

«Deutsche immer nur arbeiten», sagte der Fahrer lachend, als er Peter seinen Aktenkoffer ließ. Peter fasste das offenbar als Kompliment auf, denn er nickte nur geschmeichelt.

Inzwischen fuhr der Bus durch enge Straßen, auf denen Autos und Motorroller stinkende Abgaswolken ausstießen. «Wie in München im Berufsverkehr», sagte Peter. «Man fühlt sich hier sofort wie zu Hause.»

«Erst mal abwarten, ja? Catania ist die zweitgrößte Stadt Siziliens. Kein Mensch verbringt dort seinen Urlaub.»

«Deshalb habe ich mich für Taormina entschieden. Sogar Goethe hielt es für den schönsten Ort Italiens. Ich hoffe nur, der Herr Geheimrat hat sich nicht geirrt.»

Stefanie streifte Peter mit einem erstaunten Blick. Seit wann interessierte er sich für tote Dichter? Doch dann erinnerte sie sich, den Hinweis auf Goethes Italienische Reise in einem Reiseführer gelesen zu haben. Peter hatte nicht nur darauf bestanden, sie zum Notar zu begleiten, sondern er hatte kurzerhand eine Urlaubsreise daraus gemacht. Und gründlich vorbereitet hatte er sich offenbar auch. Er musste dasselbe Buch gelesen haben wie sie. In solchen Augenblicken liebte sie ihn am meisten. Sosehr sie sich manchmal darüber ärgerte – seine Gründlichkeit hatte nicht nur negative Aspekte.

Als der Bus die Autobahn erreichte, fuhren sie noch eine Viertelstunde an den riesigen, hässlichen Mietskasernen der Großstadt vorbei, bevor sie dünn besiedeltes Land erreichten. Vorbei an Feldern und Olivenhainen, dazwischen kleine, uralte Häuser aus braunem Gestein. Stefanie genoss den Ausblick und hoffte nur, dass das Paar, das hinter ihnen saß – offenbar eine Lehrerehepaar –, endlich seinen nervenden Streit beenden würde. Die beiden diskutierten lautstark, welches Ausflugsziel sie heute noch anstreben wollten.

Endlich hielt der Kleinbus vor einem dreistöckigen Haus, das direkt am Meer lag. Am anderen Ufer der weit geschwungenen Bucht leuchteten schmale Sandstrände, hinter denen Häuser einen Hang hinaufzuklettern schienen. Hotel Norma las Stefanie auf einem Messingschild. Peter rappelte sich mit seinem Aktenkoffer von seinem Sitz hoch. «Da wären wir. Ich hoffe, wir bekommen ein Zimmer mit Blick auf die Bucht.»

«Mach dir keine Sorgen», sagte sie. «Notfalls schließe ich die Augen und stelle mir das Meer einfach vor.»

Sie drängten sich aus dem engen Bus. Im schmalen Garten vor dem Hotel blühten Agaven und Kakteen. An einer weißen Mauer leuchteten blaue Glyzinien. Inzwischen war auch das Paar ausgestiegen, das im Bus hinter ihnen gesessen hatte. Der Mann zog seine Jacke aus und gesellte sich zu ihnen, während der Fahrer das Gepäck aus dem Kofferraum hob.

«Möller-Konze aus Augsburg», stellte sich der Mann aus dem Bus vor. «Wir sind zum achten Mal in Sizilien. Wenn Sie irgendwelche Fragen haben …»

Stefanie mochte aufdringliche Leute nicht. Sie war jedes Mal überrascht, wie gut Peter mit ihnen umgehen konnte. Er schüttelte die ausgestreckte Hand Möller-Konzes. «Scholz. Bei Bedarf werden wir gern auf Ihr Angebot zurückkommen.»

Der Hoteldiener trug das Gepäck ins Hotel. An der Rezeption studierte eine Angestellte Peters Reiseunterlagen, nickte und legte sie zur Seite, als Möller-Konze auf die Theke zusteuerte. «Wir haben Ihr Haus zum dritten Mal gebucht.»

Die junge Frau hinter der Rezeptionstheke sah ihn fragend an. «Potrei avere il Suo tagliando?»

«Subìto», sagte Möller-Konze. Er gab ihr seinen Gutschein, und sie nahm einen Schlüssel von der Konsole. Der Hoteldiener war hinter den neuen Gästen stehen geblieben. Jetzt bückte er sich nach den Koffern der Möller-Konzes, und sie folgten ihm zum Lift.

«Herzlich willkommen in unserem Haus», sagte die Hotelangestellte dann in fließendem Deutsch zu Stefanie. «Ich hoffe, Sie werden sich wohl bei uns fühlen. Wenn Sie irgendwelche Wünsche haben … Sie können sich jederzeit an mich wenden.»

Wenig später betraten sie ein riesiges Hotelzimmer mit einer schweren Ledersitzgruppe vor einem großen Fernsehgerät. Durch eine geöffnete Tür warf Stefanie einen Blick in das Schlafzimmer; über einem breiten Doppelbett hing ein schwerer Baldachin aus Brokat.

Die Angestellte, die sie zu dem Zimmer geleitet hatte, ging zu einem Fenster, schob einen weißen Vorhang zur Seite und öffnete eine Glastür. Stefanie trat auf die Terrasse und war überwältigt von der Aussicht. Von hier aus konnte sie ganz Taormina überblicken, und dahinter sah sie das Meer, auf dem weiter draußen Yachten vor Anker lagen.

«Sie müssen sich irren», wandte sich Peter an die Angestellte. «Ich habe nur ein schlichtes Doppelzimmer gebucht.»

Die junge Frau nickte. «Ich habe Ihren Gutschein gesehen. Aber um diese Jahreszeit sind wir nicht ausgebucht. Da kann ich großzügig sein, wenn ich Gäste sympathisch finde. Machen Sie sich keine Sorgen. Diese Suite kostet Sie keinen Cent mehr.»

Dann wandte sie sich Stefanie zu. «Frau Berger, falls Ihre Garderobe im Koffer zerknittert sein sollte … Sagen Sie am besten dem Zimmermädchen Bescheid. Angela bringt Ihnen das gern in Ordnung. Und wenn Sie sonst noch Wünsche haben sollten …»

«Hab ich!», unterbrach Peter. «Der Stecker meines Computers passt nicht in die Steckdosen hier.»

«Kein Problem. Für solche Fälle haben wir immer Adapter griffbereit. Sie haben Halbpension gebucht. Das Abendessen wird in unserem Restaurant zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Uhr serviert.»

Endlich ließ die Angestellte sie allein, und Stefanie eilte zu Peter, umarmte ihn und überschüttete ihn mit Küssen. Er schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. «Das kommt mir alles sehr merkwürdig vor», sagte er nachdenklich, als sie sich von ihm gelöst hatte. «Die Reise kostet für uns beide keine zweieinhalbtausend Euro. Da stimmt doch irgendwas nicht! Und überhaupt … Wieso hat sie dich sofort mit deinem Namen angesprochen? Nicht einmal unsere Ausweise hat sie verlangt.»

«Du und dein ewiges Misstrauen!», sagte Stefanie. «Wir packen jetzt unsere Koffer aus, und dann lege ich mich auf der Terrasse in die Sonne. Du kannst mir gern Gesellschaft leisten.»

Er grinste. «Aber erst, nachdem wir was gegessen haben. Ich sterbe fast vor Hunger. Bis heute Abend halte ich es nicht mehr aus.»

 

Drei Stunden später saßen sie im Garten einer kleinen Trattoria unter blühendem Oleander. Peter hatte zwar nur eine Pizza essen wollen, doch Stefanie konnte ihn davon abbringen.

«Versuche nie, in einem Restaurant in Italien tagsüber eine Pizza zu bestellen, wenn du kein Messer in den Rücken bekommen willst.»

«Jawohl, Frau Lehrerin. Und könnten Sie mir freundlicherweise auch den Grund dafür verraten?»

«Weil in guten Restaurants der Pizza-Ofen erst am Abend in Betrieb genommen wird. Italiener essen mittags sehr selten Pizze. Wenn überhaupt, dann nur in einer Pizzeria.»

«Danke für die Belehrung», antwortete er ironisch, doch dann genoss er den Seehecht mit Rosmarin, zu dem sie geraten hatte.

Er griff zum Weinglas. «Ich muss zugeben, dass ich einen Urlaub auch ohne Neuschnee ganz gut vertragen kann. Besonders, wenn mich eine Expertin in alle Geheimnisse einweiht.»

Sie musste wieder an das Lokal in Trastevere denken, wo sie abends meistens mit Marcello gegessen hatte, doch als Peter erneut Wein aus der Karaffe in ihr Glas goss, verblassten diese Erinnerungen. Sofort nach dem Auspacken der Koffer hatte Peter seinen Anzug mit einer engen Jeans und einem leichten Kaschmirpullover vertauscht. Wenn sie ihn mit den Männern an den anderen Tischen verglich … Sie war überrascht, als sie das auf einmal bemerkte, aber er war eindeutig der attraktivste Mann in diesem Lokal. Nur sein Gesicht war noch bleich, aber das würde sich schnell ändern. Im Gegen- «satz zu den meisten Männern mit blondem Haar wurde er im Handumdrehen braun. Sogar von einem Wochenendausflug ins Gebirge kam er jedes Mal tief gebräunt zurück.

 

Peter bezahlte mit seiner Kreditkarte, und als sie wenig später eng umschlungen den Corso Umberto entlangschlenderten, fühlte sich Stefanie so glücklich wie lange nicht mehr.

Die Siesta war vorbei. Sämtliche Geschäfte waren wieder geöffnet, und ihre Auslagen brauchten den Vergleich mit Schaufenstern in Roms Via Veneto nicht zu scheuen.

In den Boutiquen wurden Kleider und Mäntel von Prada, Chanel und Versace angeboten. Herrenausstatter präsentierten die neuesten Modelle von Armani und Valentino. Hinter dem Glas der Juweliergeschäfte lockten Uhren von Cartier, Patek Philippe und Rolex sowie kostbarer Schmuck. In einem Straßencafé tranken sie einen Espresso. Stefanie liebte es, die Passanten dabei zu beobachten. Gut gekleidete Paare, die ihre Einkäufe erledigten. Junge Mädchen, deren Freunde den Motor ihrer Vespas laufen ließen, während sie sich unterhielten.

Am interessantesten fand sie die italienischen Männer, von denen viele beim Nachmittagsspaziergang auf dem Corso ihr Handy ans Ohr pressten und telefonierten. Stefanie genoss ihre Blicke. Hier fühlte sie sich nicht nur beachtet, sondern bewundert. Wie damals in Rom, dachte sie. Mein volles, langes blondes Haar. Nein, es muss wohl in erster Linie meine Figur sein.

Die Hälfte der Italiener sei auf die Brüste der Frauen fixiert, hatte Marcello einmal lächelnd gesagt, und die andere Hälfte auf ihr Hinterteil. «Und ihre Seele?», fragte sie damals entsetzt. «An der Seele natürlich auch», hatte er hastig versichert. «Die Seele ist überhaupt das Wichtigste.»

Aus und vorbei, dachte sie. Sie drückte kurz Peters Hand, der ihre Geste mit einem liebevollen Lächeln erwiderte.

Inzwischen war die Sonne tiefer gesunken. Männer und Frauen standen in kleinen Gruppen unter blühenden Bäumen zusammen. Kinder rasten auf Inlinern und Rollerblades herum. Kellner eilten mit Getränken zu weiß gedeckten Tischen. Hinter einer Balustrade lag unbewegt das Meer, dessen Blau jetzt zu einem bleiernen Grau geworden war. Und in der Ferne sah sie den Ätna, dessen Gipfel mit Schnee bedeckt war. Dieser Urlaub dürfte nie zu Ende gehen, dachte sie verträumt.

 

«In Taormina haben Sie von der Mafia nichts zu befürchten», verkündete Möller-Konze. «Aber in einem Dorf im Landesinneren möchte ich nachts keine Autopanne erleben.»

Seine Frau nickte. «Nicht mal am hellen Tag! Wir unternehmen hier nichts ohne Reiseleiter. Da läuft man wenigstens nicht Gefahr, von irgendeinem Schafhirten vergewaltigt zu werden.»

Dich wird bestimmt niemand vergewaltigen, dachte Stefanie. Zu diesen Leuten lasse ich mich nicht noch einmal an den Tisch setzen. Sie rechnete damit, dass Peter jeden Moment aus der Haut fahren würde, doch er blieb ruhig. «In Somalia haben mich Aufständische vor einem halben Jahr vier Wochen lang als Geisel festgehalten», flunkerte er mit todernstem Gesicht. «Die Beulenpest, die ich mir damals geholt habe, macht mir noch immer zu schaffen. Man verlässt unser sicheres Deutschland eben nicht ungestraft.»

Frau Möller-Konze hatte gerade ihre Gabel in die Spaghettini getaucht und blickte Peter entsetzt an. «Die Beulenpest, um Himmels willen!»

Peter legte seine Hand auf ihren Arm. «Sie können unbesorgt sein. Wenn ich nicht gerade einen Schub ertragen muss, merke ich fast nichts mehr davon.» Er griff nach der Weinflasche, füllte die Gläser und beugte sich wieder über seine Pasta.

Stefanie blickte sich im Restaurant des Hotels um. Sämtliche dreißig Tische waren besetzt, und den anderen Gästen schien das Essen genauso gut zu schmecken wie ihr. Spaghettini con le seppie, hatte die Speisekarte als primo piatto versprochen. Und als zweiten Gang noch saltimbocca alla romana, Kalbsschnitzel mit Schinken und Salbei.

Wie schaffen es die Italiener bloß, bei solchen Mahlzeiten schlank zu bleiben, dachte sie. Wenn ich nicht aufpasse, bin ich nach dieser Reise doppelt so dick wie Bodo. Da schob Frau Möller-Konze plötzlich ihren Teller von sich weg. «Ich glaube, das genügt mir für heute.» Sie blickte ihren Mann auffordernd an. «Kommst du mit? Ich möchte mir noch die Füße etwas vertreten.» Möller-Konze nickte und stand auf. «Dann guten Appetit noch!»

Peter nickte. «Danke. Der Koch in diesem Hotel ist ganz vorzüglich. Aber wenn ich Ihnen noch einen Rat geben darf … Benutzen Sie immer ein Insektenschutzmittel, bevor Sie abends aus dem Haus gehen. Wir befinden uns hier nicht weit von der Küste Afrikas, und mit der Malaria ist nicht zu spaßen.»

«Vielen Dank für den Hinweis», stammelte Möller-Konze. «Ich gehe morgen sofort in eine Apotheke.»

Stefanie hatte sich zurückgehalten, doch als das Ehepaar außer Sicht war, konnte sie sich nicht länger beherrschen. «Wie kann man so harmlosen Leuten nur solchen Schrecken einjagen. Beulenpest! Ich bitte dich! Die haben doch keine ruhige Minute mehr.»

«Und ihr blödes Gerade von der Mafia? Ich habe mich bei unserer Auslandsabteilung erkundigt. Von der Mafia hat man nicht das Geringste zu befürchten. Die machen sich doch ihren Tourismus nicht kaputt. Wenn man auf seine Wertsachen aufpasst, ist man hier sicher wie in Abrahams Schoß.»

Er wandte sich wieder seinem Teller zu, aß sämtliche Spaghettini und schaffte sogar noch das Schnitzel, auf das Stefanie verzichtet hatte.

Als sie zurück in die Suite kamen, war ihr breites Bett schon aufgedeckt. Stefanie öffnete die Tür zur Terrasse, und draußen kam ihr der Mond wie ein silbern glänzender Lampion vor. Sie ging näher an die Brüstung und blickte auf die weit geschwungene Bucht, an deren Ufer jetzt unzählige Lichter leuchteten. Plötzlich spürte sie einen Luftzug, der sie frösteln ließ. Es ist hier doch noch ziemlich kalt am Abend, dachte sie, als Peter ihr auch schon seine Jacke über die Schultern legte. «Respekt vor deiner Romantik, aber du solltest deswegen keine Lungenentzündung riskieren.»

«Du kannst mich ja wärmen», antwortete sie leise. Er zog sie an sich, küsste sie lange, während sich seine Hand unter ihren Pullover schob. «Komm, sonst erkälten wir uns noch beide.» Er zog sie in den Wohnraum, von dort aus ins Schlafzimmer, und als er sie behutsam entkleidete, ihre Schultern küsste und dann den Hals, spürte sie, wie eine Welle des Glücks durch ihren ganzen Körper lief, begleitet von leichter Skepsis. Was ist denn plötzlich in Peter gefahren? dachte sie. Ein Tag im Süden kann doch einen Mann nicht derart verändern. Er zog sie zum Bett und streichelte erst ihre Brüste, dann langsam die Innenseite ihrer Oberschenkel. Er küsste sie auf den Mund, küsste ihre Brüste und ließ dann die Zunge um ihren Bauchnabel kreisen. «Hör sofort damit auf, das kitzelt!», sagte sie lachend, als er plötzlich erstarrte und sie fragend ansah. «Hat es gerade an unserer Tür geklopft?»

«Dein Herz klopft lediglich wie verrückt», sagte sie, aber da hörte sie das Klopfen an der Tür auch.

«Wer stört uns denn noch um diese Zeit?» Er nahm seinen weißen Frotteebademantel aus dem Schrank und ging in den Wohnraum. Sie kroch unter die Bettdecke und zog sie mit beiden Händen bis hoch zum Hals.

«Entschuldigen Sie bitte die späte Störung», erklang eine Männerstimme an der Wohnzimmertür. «Das wurde bei uns soeben für Sie abgegeben.»

«Das hätte wohl auch bis morgen Zeit gehabt», erwiderte Peter.

«Scusi. Mi dispiace.»

Stefanie wartete, bis die Tür laut ins Schloss gefallen war, dann sprang sie aus dem Bett und lief ins Wohnzimmer. Peter stellte gerade einen großen Präsentkorb auf den Tisch, in dem sich vor allem eine Flasche Champagner, drei Flaschen Wein und große Orangen befanden. Limonen lagen in hellem Grün zwischen Gläsern mit Nüssen und Mandeln. Sogar zwei große Schachteln paste di mándorla entdeckte Stefanie, als sie das Geschenk inspizierte.

Dann fand Peter einen Briefumschlag und reichte ihn ihr mit spitzen Fingern. «Hier. Wohl ein persönlicher Liebesgruß für dich.»

«Ich wüsste nicht, von wem», sagte sie, öffnete den Umschlag, und als sie den Text auf der Karte gelesen hatte, sah sie Peter unsicher an. «Vom Notar Bonello! Er hofft, dass ich einen guten Flug hatte, und freut sich, mich endlich persönlich kennen zu lernen.»

Peter schien einen Augenblick lang zu überlegen. «Nun ja», sagte er schließlich. «Andere Länder, andere Sitten.» Er griff nach Stefanies Hand, wollte sie zurück ins Schlafzimmer ziehen und blieb dann abrupt stehen. «Woher weiß der eigentlich, in welchem Hotel wir wohnen und dass wir schon heute angereist sind? Du hast den Termin bei ihm doch erst am Freitag.»

«Keine Ahnung», antwortete sie. «Ich wusste bis zu unserer Ankunft hier selbst nicht, wo wir wohnen würden. Du hast doch die Flüge und das Hotel gebucht.»

Sie gingen wieder ins Bett. Ihre ausgelassene Stimmung war vorbei. «Und von hier aus habe ich Bonello auch nicht angerufen», erklärte sie, als müsse sie sich entschuldigen. «Du weißt, wir waren den ganzen Tag zusammen.»

«Hör auf», sagte er ruhig. «Das habe ich keine Sekunde vermutet.» Sie legte ihren Kopf an seine Schulter, und wenig später fühlte sie, dass er seinen Arm über sie legte. Doch an Sex war nicht mehr zu denken. «Bloß gut, dass ich mitgeflogen bin», hörte sie nach einer Weile seine Stimme aus dem Halbdunkel. «Dieser merkwürdigen Erbschaft misstraue ich von Minute zu Minute immer mehr.»

Drei

So schön die Terrasse ihrer Suite war, seit sie den Swimmingpool im Garten des Hotels entdeckt hatten, verbrachten sie dort so viel Zeit wie möglich. Nur was die Mittagsstunden betraf, gab es für Peter keine Kompromisse. Um diese Zeit, sagte er, seien die Sonnenstrahlen besonders schädlich. Er würde jedenfalls keinen Sonnenbrand riskieren. Ob das sein einziger Grund war, den Pool zwischen zwölf und drei Uhr zu meiden?

An so etwas wie Mittagsschlaf war jedenfalls nicht mehr zu denken. Sobald sie in die Suite zurückkamen, zog er Stefanie aufs Bett. Auch wenn seine Küsse dann noch nach dem Chlor des Schwimmbeckens schmeckten – er schien sie für alles entschädigen zu wollen, was sie während der letzten Monate vermisst hatte.

Jetzt saß Stefanie wie jeden Vormittag im Bikini auf einer Liege. Um diese Zeit hatten sie den großen Garten fast für sich allein. Stefanie räkelte sich und blickte zum Pool, in dem Peter jede halbe Stunde zehn Minuten lang eine Runde schwamm.

«Kannst du mich nochmal einölen?», rief sie ihm zu. «Meine Haut ist so trocken.»

Als er über das dichte Gras zu ihr kam, genoss sie den Anblick seines Körpers. Auch wenn Peter wie die meisten im Büro tätigen Männer nicht über die Muskulatur eines Ringkämpfers verfügte, sein kleines Bäuchlein störte sie nicht.

Sie hielt ihm die Flasche mit der Lotion hin: «Hier, Liebster. Besonders den Rücken und die Schultern!»

Sie rollte sich auf den Bauch, fühlte, wie die Sonnenmilch auf ihren Rücken tropfte. Dann spürte sie seine kräftigen Hände, die ruhig über ihre Haut strichen und ihre Schultern massierten. Sie schloss die Augen. Stundenlang hätte sie das genießen können. «Die Stelle zwischen den Schultern auch», sagte sie träge. «Da hole ich mir immer am schnellsten einen Sonnenbrand.»

«Wir dürfen heute Abend nicht vergessen, den Wecker zu stellen», riss er sie aus ihren Gedanken. «Wenn wir den Achtuhrzug nach Catania nehmen wollen, müssen wir das Hotel morgen früh spätestens um sieben verlassen.»

Sie blickte ihn zweifelnd an. «Dann müssen wir aber heute sehr früh ins Bett. Mit dir bekommt man ja hier nachts kaum eine Stunde Schlaf.»

Er küsste sie auf die Schulter. «Seit wann sind Urlaubsnächte zum Schlafen da?»

Sie wollte gerade antworten, da entdeckte sie die Möller-Konzes. Sie in einem verblichenen einteiligen Badeanzug, er in einer Badehose, die unter seinem großen weißen Bauch noch winziger wirkte als Stefanies Bikinislip. Beide trugen Badetücher über dem Arm. Stefanie sah, dass Frau Möller-Konze auf ihren Mann einredete, dann kam er zu Stefanies Liege.

«Ich möchte Ihnen keinesfalls zu nahe treten», wandte er sich an Peter. «Aber Ihre Krankheit aus Afrika … Wir können doch unbesorgt im Pool schwimmen?»

Peter nickte. «Unbedingt. Erstens ist das Wasser gechlort und zweitens … Sogar während eines aktiven Schubs bestünde Ansteckungsgefahr höchstens bei sehr intensivem Hautkontakt. Sie können völlig unbesorgt sein.»

«Danke für die Auskunft. Ich hoffe, Sie verübeln mir meine Frage nicht. Aber in meinem Alter …»

«Ich bitte Sie», sagte Peter. «Ich kann Ihre Befürchtungen voll und ganz verstehen. Aber sie sind vollkommen unnötig.»

Möller-Konze ging zu seiner Frau zurück. Stefanie sah, dass sie miteinander sprachen, dann ließen sich die beiden auf den am weitesten von Stefanie und Peter entfernten Liegen nieder.

«Da sieht man, was man mit einer einzigen blöden Bemerkung anrichten kann», sagte Stefanie.

«Stimmt. Aber wolltest du dir etwa jeden Abend im Restaurant ihr dämliches Gequatsche anhören? Jetzt bleiben sie uns wenigstens von der Pelle. Was dagegen, wenn ich noch ein paar Bahnen schwimme?»

«Nur wenn ich dir Gesellschaft leisten kann.»

Sie gingen zum Pool. Stefanie kühlte ihre Arme und Beine unter der Dusche neben dem Schwimmbecken ab und sprang dann ins Wasser. Schade, dass unser Hotel mitten im Ort liegt, dachte sie. Und dass die Küste hier so steil ist. Auch wenn die See noch zu kalt ist, um darin zu schwimmen – es wäre schön, mit Peter abends am Meer entlanglaufen zu können. Aber man kann im Leben eben nicht alles haben.

Sie schwamm zügig zwei Bahnen, dann ließ sie sich auf dem Rücken durchs Wasser treiben. Sie roch den würzigen Duft der Pinien und Zypressen. Und wenn sie nach links blickte, sah sie weit entfernt den Ätna, dessen sanft ansteigende Hänge sich hoch oben weiß vom fast unwirklichen Blau des Himmels abhoben.

 

Stefanie hielt es für übertrieben, dass Peter für den Besuch beim Notar sein Banker-Outfit angezogen hatte: einen dunkelblauer Anzug, weißes Hemd und gedeckte Krawatte.

«Der erste Eindruck ist immer der wichtigste», hatte er doziert. «Jeder beurteilt andere immer zuerst nach ihrer Kleidung. Ich möchte nicht, dass mich dieser Bonello für jemanden hält, mit dem er nach Belieben umspringen kann.»

Jetzt, im Zug zwischen Messina und Catania, wirkte Peter sehr distanziert. Außer Stefanie und ihm saßen nur Italiener im Abteil – zwei alte Männer, die sich im sizilianischen Dialekt unterhielten, und neben ihnen eine Frau in verwaschenem schwarzem Wollkleid mit einem Korb voll Eiern auf den Knien. Wohl eine Bäuerin auf dem Weg zum Markt. Stefanie blickte durch das schmutzige Fenster. Satte grüne Wiesen. Kleine Pinien- und Eichenwälder. Feigenbäume und Orangenhaine leuchteten im Licht der Morgensonne so kräftig, dass sie sich allein von der Schönheit der Landschaft wie betrunken fühlte.

«I biglietti, per favore», bat der Fahrkartenkontrolleur. Peter gab ihm die beiden Fahrscheine. Der Uniformierte prüfte sie so sorgfältig wie ein Briefmarkensammler. «Entwerten Sie Ihre Fahrscheine künftig vor Fahrtantritt», sagte er auf Italienisch. «Wenn heute nicht mein Hochzeitstag wäre, würde ich Ihnen dreißig Euro Strafe abnehmen.» Stefanie übersetzte für Peter, und sein Gesicht lief rot an. «Woher soll man so was denn wissen?»

Stefanie schenkte dem Eisenbahner ihr freundlichstes Lächeln. «Mille grazie. Sehr nett von Ihnen.»

«Tante belle cose!», sagte er. «Alles Gute für Ihren Urlaub.» Die Fahrt dauerte zwar noch eine Stunde, doch als sie in Catania aus dem Abteil stiegen, ärgerte sich Peter noch immer über die Fahrscheine. «Wie soll man wissen, dass man die hier selbst entwerten muss? Kannst du mir das verraten?»

«Weil auf jedem Ticket darauf hingewiesen wird», sagte sie.

«Und weshalb haben wir es dann nicht gemacht?»

«Weil ich nicht perfekt bin», gab sie zurück. «Und abgesehen davon steht es nur auf Italienisch drauf! Meinst du vielleicht, ich schaue mir jeden Fahrschein mit der Lupe an?»

Sie gingen die Stufen in die Bahnhofshalle hinunter, und als sie den Lärm dort hörte, als sie die vielen Menschen sah, die sich vor dem Zeitschriftenkiosk und den Schaltern drängelten, musste sie wieder an Rom denken. Endlich bin ich wieder in Italien, dachte sie.

«Am besten, wir fahren mit dem Taxi zu deinem Notar», sagte Peter.

Sie sah auf die Uhr und schüttelte den Kopf. «Dann kommen wir eine Stunde zu früh in sein Büro. Am besten, wir trinken in aller Ruhe noch einen caffè und gehen dann zu Fuß. Die Via Garibaldi beginnt direkt hinter dem Dom. Wir können sie unmöglich verfehlen.»

«Woher weißt du das?»

«Weil ich mir die Stadtpläne genau ansehe!»

Sie drängelten sich durch den lebhaften Autoverkehr vor dem Bahnhof auf die andere Straßenseite, und als sie wenig später durch eine enge Seitenstraße in Richtung der Altstadt gingen, hatte Stefanie das Gefühl, in ein anderes Jahrhundert geraten zu sein.

Dunkelbraune, düstere Fassaden uralter hoher Häuser auf beiden Straßenseiten. Schwere Holztüren. Vor den Fenstern verwitterte Fensterläden. Balkons mit verrosteten eisernen Brüstungen. Weit und breit kein Mensch. Nur verbeulte alte Autos, Stoßstange an Stoßstange auf dem schmalen Bürgersteig geparkt, deuteten darauf hin, dass die Häuser bewohnt waren. Sogar die Müllabfuhr schien diese Straße zu meiden. Aus großen grauen Plastiksäcken neben den Haustüren strömte Gestank.

Schließlich mündete die Straße in eine breite Allee. Die Passanten hasteten achtlos an den Schaufenstern vorbei, vermutlich auf dem Weg zur Arbeit. Vor einem Zeitungskiosk rauchten Männer ihre Zigarette. Auf dem Pflaster davor hatten zwei Afrikaner ihre Waren ausgebreitet. Ledergürtel, hölzerne Elefanten und jene Sitzkissen, die später in den Kellern deutscher Urlauber verstaubten. Ein paar Häuser weiter, an der Ecke eines großen Platzes, endlich eine pasticcerìa, an deren Tischen gut gekleidete Männer beim Frühstück ihre La Sicilia lasen.

«Komm», sagte sie. «Für einen cappuccino und eine brioche haben wir noch genug Zeit.»

«Wenn du meinst … Aber ich möchte nicht unpünktlich sein.»

«Besser eine Viertelstunde zu spät als fünf Minuten zu früh. Glaub mir! Ich kenne die Italiener.» Sie bereute diese Bemerkung sofort, aber jetzt war es zu spät. Weshalb habe ich bei Peter eigentlich ständig Angst, etwas falsch zu machen? dachte sie. Es geht doch hier um meine Angelegenheiten. Nicht um seine.

 

Wie Stefanie dem Stadtplan entnommen hatte, begann die Via Garibaldi gleich hinter dem Dom. Während sie sich dem Haus näherten, in dem sich die Kanzlei des Notars Bonello befinden sollte, deutete Peter auf ein blaues Auto mit der Aufschrift Polizia, neben dem zwei Carabinieri mit Maschinenpistolen standen. «Dein Notar hat sich wohl gut auf unseren Besuch vorbereitet», witzelte er.

«Ich glaube eher, die bewachen die Bank gegenüber», sagte Stefanie. Seit sie das Gebäude gesehen hatte, in dem der Notar residierte, bereute sie, dass sie nur ihre Jeans und ein T-Shirt angezogen hatte. Die Kanzlei erinnerte an einen palazzo. Ein Palast mit schwarz polierter Marmorfassade und Säulen rechts und links der Glastür, die den Weg in eine große Halle freigab.

Hinter einem Empfangstisch saß eine junge Italienerin. Bonello hatte Stefanie mitgeteilt, dass sich seine Kanzlei in der dritten Etage befand, aber als sie den Sicherheitsbeamten neben der Treppe sah, holte sie den Brief des Notars aus der Handtasche. Die Frau am Empfang blickte auf eine Liste und deutete dann auf den Aufzug. «Terzo piano. Notaio Bonello erwartet Sie.»

«Was immer auch geschieht», schärfte ihr Peter ein, als sich die Lifttüren geschlossen hatten. «Du unterschreibst nichts. Wenn du irgendetwas nicht verstehst, bittest du um Bedenkzeit. Abgesehen davon … Ich habe auch meine Vorkehrungen getroffen.» Er knöpfte seine Jacke auf, zeigte ihr ein kleines Tonbandgerät und ließ es sofort wieder in der Tasche verschwinden. «Nur für alle Fälle.» Er grinste sie an.

«Ich mag solche Tricks nicht», konnte Stefanie gerade noch antworten, da öffneten sich die Lifttüren, und sie blickte in das Gesicht eines alten Italieners. «Benvenuta in Sicilia, Signora Berger», begrüßte er sie liebenswürdig. Er bedachte Peter mit einem schnellen, prüfenden Blick. «E Lei, cosa fa? Sind Sie der Anwalt von Frau Berger?»

Stefanie schüttelte den Kopf. «Um Gottes willen! Sono con il mio fidanzato. Peter Scholz.» Sie merkte, dass sie errötete, als sie Peter als ihren Verlobten vorstellte, aber warum nicht? Vielleicht hatte es auch seine Vorteile, dass Peter kein Italienisch verstand. Bonello schüttelte ihm sofort die Hand: «Salve, Signor Scholz. Freut mich, Sie kennen zu lernen.»

Der Notar führte sie durch das Vorzimmer, wo eine etwa vierzigjährige Frau an einem Computer arbeitete, in sein Büro. Unzählige Aktenordner füllten hohe Regale an den Wänden. Er deutete auf zwei Stühle vor einem altmodischen dunkelbraunen Schreibtisch, setzte sich dahinter und drückte auf eine Taste der Sprechanlage. «Caffè e grappa», bestellte er und schlug eine Akte auf, die auf dem Tisch lag. «Potrei avere i Suo passaporte, per favore», bat er Stefanie. Er betrachtete ihren Personalausweis sehr genau, notierte die Nummer, und als er ihr die Karte zurückgab, sagte er: «Ich bedauere, dass es so lange gedauert hat, bis ich endlich Ihre Anschrift ermitteln konnte. Aber was lange währt, wird hoffentlich gut.»

Sie sah, dass sich Peter immer unbehaglicher auf seinem Stuhl fühlte, und fragte, ob es nicht möglich sei, das Gespräch auf Deutsch oder zumindest Englisch zu führen.

Notar Bonello schüttelte den Kopf. Er spreche leider nur Italienisch. Aber er wolle sich bemühen, für sie so langsam wie möglich zu reden. Stefanie konnte sich nicht mehr zurückhalten. «Ich verstehe das alles nicht! Ich kenne diesen Mann überhaupt nicht, von dem ich etwas geerbt haben soll. Wieso gerade ich?»

Der Mann sah sie an und zuckte mit den Schultern: «Keine Ahnung! Ich habe Signor Piazzolo in allen Rechtsangelegenheiten vertreten. Da war es selbstverständlich, dass ich auch seinen letzten Willen beurkundet habe. Über den größten Teil seines Vermögens hat er anderweitig verfügt, aber was sein kleines Hotel betrifft … Er hat darauf bestanden, dass es die Tochter der Eheleute Elisabeth und Friedrich Berger erbt. Stefanie Berger. Sie haben doch hoffentlich Ihre Geburtsurkunde und die Heiratsurkunde Ihrer Eltern mitgebracht? Die benötige ich für das Gericht.»

Stefanie riss erstaunt die Augen auf. Ein Hotel? Ein wildfremder Mann sollte ihr ein Hotel vererbt haben?

«Das muss ein Irrtum sein», sagte sie zögernd. «Wie ich Ihnen schon sagte … Ich habe noch nie etwas von diesem Signor Piazzolo gehört.»

«Und Ihre Eltern?», fragte der Notar. «War Ihr Vater vielleicht während des Krieges in Italien und hat sich damals mit ihm angefreundet?»

Sie schüttelte den Kopf. «Ausgeschlossen. Mein Vater hat immer nur von der Hitlerjugend gesprochen. Für die Front war er noch zu jung.»

Peter zappelte unruhig auf seinem Stuhl. «Nun übersetze doch endlich für mich, was er sagt. Worum geht es überhaupt?»

«Ich soll angeblich von Herrn Piazzolo ein Hotel geerbt haben», erklärte Stefanie verwirrt. «Ehrenwort, Peter! Ich habe den Namen dieses Mannes noch nie im Leben gehört.»

«Erkundige dich, ob mit der Erbschaft irgendwelche Auflagen verbunden sind. Schulden … Hypotheken … – Entweder du hast mir irgendetwas verschwiegen, oder aber die Sache stinkt zum Himmel.»