Die Erbinnen - Ed Belser - E-Book

Die Erbinnen E-Book

Ed Belser

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Beschreibung

Der letzte Teil der "Highlands-Trilogie": Kaum eine Zeit ohne Flüchtlingsströme von Menschen, die um ihr Überleben kämpfen und nach Sicherheit und Auskommen streben. So auch in den schottischen Highlands. Im Jahre 1746 wurde der letzte Aufstand unter der Führung des Prinzen Charles Edward Stuart von den Engländern brutal niedergeschlagen. Seine Anhänger wurden verfolgt, vertrieben oder niedergemacht. Ganze Landstriche entleerten sich, wer nicht auf der Seite der Engländer stand, dem drohten Tod oder Sklaverei in den Kolonien. Maggie und James, das junge Liebespaar, setzen ihr Leben aufs Spiel, um ihren Landsleuten zu helfen. Sie werden unterstützt von Cremor, dem ehemaligen Söldner, und von Lady Margaret, der Liebe seines Lebens. Sie hoffen, nach langen Jahren der Trennung endlich ihr Glück zu finden. Ihnen steht ein gefährlicher Gegner gegenüber: der englische Oberst Arthur Middlehurst. Er spielt eine doppelte Rolle und setzt alle erlaubten und unerlaubten Mittel ein, um die beiden Liebespaare und ihre Freunde zu vernichten.

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Seitenzahl: 427

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ed Belser

Die Erbinnen

Historischer Roman

Imprint

Die Erbinnen Copyright: © 2017 Ed Belser

published by: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de

Cover: Erik Kinting | www.buchlektorat.net Konvertierung: Sabine Abels | www.e-book-erstellung.de

All rights reserved [email protected]

Für Alice

Meinem Schwiegersohn, Roland Nisple, und meinen Freunden Jürg Schoch und Pierre Weydert danke ich für ihre wertvollen Beiträge.

Über dieses Buch:

Nach der Niederlage in der Schlacht von Culloden im April 1746 sind die Bewohner des schottischen Hochlandes gnadenloser Verfolgung und Vertreibung durch die siegreichen Engländer ausgesetzt. Dörfer werden abgebrannt, ganze Landstriche veröden, wer es sich leisten kann, emigriert ins Ausland, wer nicht, dem drohen Deportation in die Kolonien und Versklavung. Die siegreichen Soldaten marodieren, Hinrichtungen vermeintlicher oder echter Rebellen sind an der Tagesordnung.

Maggie und James, das junge Liebespaar, setzen ihre Leben aufs Spiel, um ihren Landsleuten zu helfen. Sie werden unterstützt von Cremor, dem ehemaligen Söldner, und von Lady Margaret, der Liebe seines Lebens. Sie hoffen, nach langen Jahren der Trennung endlich ihre Gemeinsamkeit zu finden.

Beiden Paaren steht ein gefährlicher Gegner gegenüber – der englische Oberst Arthur Middlehurst. Er spielt eine doppelte Rolle und setzt alle Mittel ein, um die beiden Liebespaare und ihre Freunde zu vernichten.

Der Trilogie dritter und letzter Band.

Band 1

Die Frauen von Schloss Blackhill

ISBN-13: 978-1494419868

Erschienen 2013

Band 2

Die Frauen von Schloss Summerset

ISBN-13: 978-1494412647

Erschienen 2014

Inhaltsverzeichnis

Was bisher geschah

Prolog

Kapitel I – Frühsommer 1746

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Epilog

Personen

Historische Personen

Glossar

Nachwort des Autors

Über den Autor

Was bisher geschah

(Zusammenfassung Band 1 und Band 2)

Lucas Creamore ist der uneheliche Sohn eines Pfarrers aus dem schottischen Hochland. Seine Mutter war Spanierin und Köchin des Pfarrers. Lucas besuchte die Universität in Aberdeen, um sich zum Wundarzt auszubilden. Daneben zeigte er außerordentliche Fähigkeiten als Fechter und wurde schließlich Fechtlehrer.

Von nun an nannte er sich Cremor.

Er erfreute sich mit seinen für einen Highlander ungewöhnlichen schwarzen Augen großer Beliebtheit bei jungen Damen. Doch die Eifersucht seiner Kommilitonen zog Aufforderungen zu Säbelduellen nach sich. Aufgrund der Verbindung seiner Kenntnisse der menschlichen Anatomie mit der Beherrschung seiner Waffe, wäre der Tod seiner Kontrahenten absehbar gewesen. Cremor entzog sich deshalb den Herausforderungen und schiffte sich nach Frankreich ein.

Dort bewarb sich bei der Armee als Wundarzt und wurde aufgrund eines Empfehlungsschreibens seiner Universität der irisch-schottischen Brigade zugeteilt. Diese wiederum zählte zur Exil-Armee der in Rom lebenden Anwärtern auf den schottischen Thron, Prinz James Francis Stuart, und sein Sohn, Prinz Charles Edward Stuart.

Cremors Fähigkeiten als Wundarzt waren nicht sehr gefragt, umso mehr jedoch seine Fähigkeiten als Fechtmeister. Ein Agent der Stuarts heuerte ihn dafür an, zurück nach Schottland zu gehen, um die Soldaten der Clans für eine Rebellion gegen die Engländer auszubilden, mit dem Ziel, mit Prinz Charles wieder einen der katholischen Stuarts an die Macht zu bringen. Man schrieb das Jahr 1725.

Auf Schloss Blackhill, hoch in den Highlands, wo die Zeit stehengeblieben war, herrschte Clan-Chief Ronald MacAreagh über hunderte von Untertanen. Cremor sollte ihnen beibringen, ihre Kampfart anzupassen, um gegen die Strategie der Engländer zu bestehen.

Cremor trifft auf Margaret, Gemahlin von MacAreagh, die zusammen mit ihrer fast erwachsenen Tochter Shauna ein behütetes Leben führt, eingeengt in ihrer Villa, von Ronald abgeschirmt und überwacht.

Margaret und Cremor verlieben sich ineinander und treffen sich mehrere Male in aller Heimlichkeit. Doch MacAreagh kommt ihnen auf die Schliche.

Zur Strafe soll Margaret nach Amerika verbannt werden, ihre Tochter Shauna eine Erzieherin erhalten. Cremor wird zum Tod am Galgen verurteilt.

Shauna gelingt es, ihm zur Flucht zu verhelfen. An Stelle von Cremor wird jedoch einer der Gefängniswärter gehängt, mit Kapuze über dem Kopf, damit jedermann, auch Margaret, annehmen müsste, es handle sich um Cremor.

Shauna muss ebenfalls flüchten und findet Zuflucht bei einer Freundin. MacAreaghs Schergen sind ihr auf der Spur.

Für Margaret folgen lange Jahre der Verbannung in einer englischen Kolonie in Amerika. Sie wähnt Cremor tot, doch es gibt vage Indizien, dass er dem Galgen entronnen sein könnte. Sie kehrt zurück nach Schottland um ihre Tochter zu finden und nach Cremor zu suchen.

Cremor gelingt die Flucht in das Gebiet von Alan MacLennoch auf Schloss Summerset. Dieser, ein Todfeind von MacAreagh, hat sich halbherzig auf die Seite der Engländer geschlagen. Cremor hat die Satteltaschen voller Edelsteine und Geld von Margaret, das ihm Shauna im letzten Moment noch heimlich hatte übereignen können. Nachdem es in den Highlands von Schwarzbrennern geradezu wimmelt, beschließt Cremor, das Geld in eine legale Whiskybrennerei zu investieren. Es gelingt ihm, Alan von seinen Plänen zu überzeugen, denn ein Steuerzahler auf seinem Gebiet würde seine Reputation verbessern. Cremor gewinnt sein Vertrauen und gehört bald zu dessen engem Umkreis.

Er begleitet ihn auf die Jagd, wo Alan einen auffälligen Fremdling verfolgt. Es stellt sich heraus, dass es sich dabei um Shauna handelt, doch diese verheimlicht ihre wahre Identität und nennt sich Maggie. Sie verpflichtet Cremor zum Schweigen. Sie und Alan verlieben sich ineinander. Er verbirgt seine Leidenschaft für Shauna mit Hilfe von Cremor vor Lady Charlotte, seiner Ehefrau.

Doch Shauna lebt immer noch im Verborgenen und gelangt zu Cremor. Sie erfährt, dass Alan um sein Leben kämpft, nachdem er in einem Scharmützel mit MacAreagh schwer verwundet worden ist. Sie eröffnet Cremor, dass sie ein Kind erwarte. Sie geht zurück zu ihrer Freundin.

Cremor rettet Alan das Leben und dieser kann sich erholen. Zur Belohnung wird Cremor Laird von Blair Mhor und damit Besitzer des Dorfes.

Man überbringt Cremor die Nachricht von Shauna, dass sie hochschwanger sei und Alan treffen möchte, am Ort, wo sie sich kennengelernt hatten.

Alan und Cremor warten dort auf sie. Als sie ankommt, sinkt sie vom Pferd und stirbt in den Armen ihres Liebsten. Es gelingt Cremor im letzten Moment, das Kind ihrem Bauch zu entnehmen. Er will es sofort zu einer Amme bringen. Diese, Mary, wird zu ihrer Ziehmutter. Cremor sagt ihr, sie solle das kleine Mädchen Maggie nennen.

Alan hält die Totenwache. Cremor meißelt in schlafloser Nacht einen Grabstein zurecht, auf der Vorderseite den Namen Maggie und auf der Rückseite ihren richtigen, Shauna MacAreagh, mit ihren Lebensdaten.

Am anderen Tag beerdigen sie Shauna und gestalten die Grabstätte.

Margaret stößt auf der Suche nach ihrer Tochter auf deren Grab. Dabei entdeckt sie die Inschrift auf der Rückseite des Steines.

Von Cremor findet sie keine Spur und beschließt, das ihr fremdgewordene Land wieder zu verlassen und nach Amerika zurückzukehren.

Inzwischen hat Cremor bei Blair Mhor seine Brennerei aufgebaut und zwar an einer der von den Engländern neu erbauten Straßen. Sie sollen der Armee den Zugang ins Hochland ermöglichen.

Prinz Charles Edward Stuart landete 1745 in Schottland, scharte seine Anhänger um sich und vereinigte ihre Clans unter seiner Flagge. Ronald MacAreagh führte auch seinen Clan in die Schlacht gegen die Engländer.

Der Prinz hatte vergeblich bis zuletzt auf Unterstützung aus Frankreich gewartet. Am 16. April 1746 stießen die Truppen bei Culloden aufeinander. Mit ihrem Sieg unter dem Kommando von General William Cumberland, Sohn des herrschenden Königs, beendeten die Engländer alle schottischen Unabhängigkeitsträume.

Maggie, Tochter von Shauna, und damit Enkelin von Margaret, ist mittlerweile erwachsen. Cremor brachte auch ihr, wie schon Shauna, das Säbelfechten und Schießen bei.

Alan MacLennoch will die Situation ausnützen und seinem durch die Schlacht geschwächten Feind MacAreagh den Todesstoß versetzen. Er besetzt Schloss Blackhill, nimmt die dort stationierten Soldaten gefangen und lässt sie nach Summerset bringen.

Doch MacAreagh setzt zur Rückeroberung an. Alan wird von dessen Leibwächter getötet, der wiederum von Maggie erschossen wird. Plötzlich stehen sich MacAreagh und Cremor gegenüber. Es kommt zum Säbelduell, MacAreagh, schwer verletzt, erfährt noch vom Tod seiner Tochter Shauna, und stürzt von der Burgzinne.

Margaret bekommt in Amerika von einem Emigranten aus Schottland eine Zeitung in die Hand, in der über die Brennerei Blair Mhor und ihren Inhaber berichtet wird. Sie macht sich auf zur zweiten Rückreise nach Schottland.

Der Stabschef von General Cumberland, Oberst Arthur Middlehurst, residiert auf Fort Augustus am Loch Ness. Er nimmt den Auftrag des Generals wörtlich, die schottischen Highlands von allen Rebellen, noch besser von allen Bewohnern, leerzufegen. Einer seiner Untergebenen, Oberstleutnant James Moore, wird Kommandant auf Schloss Blackhill.

Oberst Middlehurst traut James Moore nicht. Er setzt ihm zur Überwachung einen Stellvertreter zur Seite, Major Tucker.

Middlehurst findet auch heraus, dass Cremor vor Jahren auf der Soldliste von MacAreagh fungiert hatte.

Cremor wird verhaftet und auf Schloss Blackhill eingekerkert.

John MacDougal war einer der Chieftains unter MacAreagh. Bei der Schlacht von Culloden führte er eine Kavallerieeinheit, die den Engländern hohe Verlusten bescherte. In der Folge steht Dougal, wie man ihn nannte, zuoberst auf der Fahndungsliste. Tucker kommt ihm auf die Spur. Dougal landet im Kerker, in der gleichen Zelle wie Cremor. Noch sind sie Todfeinde. Doch Cremor kann ihm seine verletzte Schulter behandeln und erzählt ihm seine Geschichte. Sie werden zur Schicksalsgemeinschaft und planen ihre gemeinsame Flucht.

James Moore wohnt in der weißen Villa, die einst die Heimat von Margaret und Shauna gewesen war. Die Flucht von Cremor und Dougal scheitert und sie werden auf Befehl von Moore in ebendieser Villa eingesperrt.

Tuckers erster Auftrag ist die Vernichtung des Dorfes Dunlochy und die Deportation der Bewohner. Maggie beobachtet das Geschehen und will die Dorfbewohner, fast ausschließlich Frauen, retten. Dabei hilft ihr ein geheimnisvoller Mann, der sich Jacob nennt. Gemeinsam gelingt es ihnen, die Frauen zum Widerstand zu bewegen und die Soldaten zu überwältigen, umzubringen oder in die Flucht zu schlagen. Maggie führt die Frauen nach Blair Mhor in die Freiheit.

Tucker vermutet zu Recht, dass Moore ein Doppelspiel treibt, in dem er die Bewohner der Dörfer warnt. Doch Moore gelingt es immer wieder, den Verdacht gegen ihn zu entkräften. Er ermöglicht Dougal die Flucht, auf dem gleichen Weg, der von Cremor einst benutzt wurde, um seine Geliebte, Margaret, heimlich zu besuchen.

Maggie gelingt es, das Feldlager von Middlehurst in Brand zu setzen. Die Soldlisten mit dem Namen von Cremor werden durch das Feuer zerstört. Dabei stößt sie auf Jacob, den sie liebt, und erkennt, dass er und James Moore dieselbe Person ist.

Margaret, unterwegs mit ihrem Begleiter und Leibwächter Finn O’Brian, kommt in der Brennerei an und muss erfahren, dass Cremor im Kerker auf Blackhill steckt. Sie wird von Mary aufgenommen.

Bei einem Besuch auf Schloss Summerset, bei Lady Charlotte, der Witwe von Alan MacLennoch, erfährt sie, dass die Soldlisten vernichtet seien.

Oberst Middlehurst möchte gerne Schlossherr werden und macht Lady Charlotte einen Heiratsantrag. Als sie diesen ablehnt, erreicht er mit der Begründung, Alan sei nur auf der Seite der Engländer gestanden um sein Hab und Gut zu retten, dass Schloss Summerset, dazugehörende Länder inbegriffen, verstaatlicht wird. Er geht auf Blackhill und erpresst Cremor, in dem er ihm die Freiheit gegen die Eigentumsübertragung der Brennerei auf seinen Namen verspricht.

James Moore erklärt Middlehurst seinen Rücktritt als Kommandant von Blackhill.

Dougal unterbricht seine Flucht und geht zurück nach Blackhill, um Cremor zu befreien. Dabei läuft ihm Tucker in den Schuss einer Feldkanone.

Maggie kommt zurück und erfährt, dass Margaret eingetroffen ist.

Moore und Cremor gehen zurück nach Blair Mhor, Dougal verschwindet wieder.

Cremor und Margaret kommen wieder zu einander.

James Moore konfrontiert Middlehurst mit der erpressten Besitzesurkunde der Brennerei und der Verstaatlichung von Schloss Summerset und droht ihm an, General Cumberland ins Bild zu setzen. Es sei denn, er würde ihm das Kommando für das neu gegründete Summerset Highland Regiment, gebildet aus den ehemaligen Soldaten von MacAreagh, übertragen. Der Oberst willigt ein. Er will damit die Kontrolle über Moores Aktivitäten behalten.

Cremor und Margaret reisen nach Edinburgh. Sie führen Kisten mit sich, in denen sich das Geld, dass Cremor einst von Margaret erhalten hatte, befindet, ebenfalls die gesamten Ersparnisse von ihm selbst. Er hatte Lady Charlotte überzeugen können, dass auch sie ihm sämtliches verfügbares Geld mitgab. Cremor hatte ihr dafür versprochen, sie wieder zur Besitzerin des Schlosses Summerset zu machen. Sie reisen in einer Kutsche des Regimentes samt Eskorte mit dem Auftrag für Cremor, in seiner Eigenschaft als Laird von Blair Mhor mit den englischen Behörden die Pacht für die Stationierung des Regimentes auszuhandeln. Doch selbst Margaret weiß noch nicht, dass das Ziel ihrer Reise das Schloss Holyrood sein würde, wo die Versteigerung der von den Engländern verstaatlichten Liegenschaften stattfinden wird. Cremor geht zusammen mit Finn O’Brian als Leibwache zur Auktion, in deren Verlauf er gegen Schluss nur noch einem Bieter gegenübersteht – Middlehurst.

Margaret und Cremor kehren nach Blair Mhor zurück. Er eröffnet ihr, dass er der neue Besitzer von Schloss Summerset sei. Doch beide wissen, dass damit die letzte Schlacht noch nicht geschlagen war.

***

Prolog

Kenneth Mackenzie wurde in der Mitte des 17. Jahrhunderts auf der Insel Lewis geboren. Wenn er hätte voraussehen können, was ihm nach fünfundzwanzig Lebensjahren widerfahren würde, wäre er sicher in seinem kleinen Dorf in der Gemeinde Uig geblieben, statt auf Schloss Brahan als Arbeiter anzuheuern.

Kenneth wohnte am Ufer von Loch Ussie, und wenn er sich beeilte, war er in einer guten Stunde an seinem Arbeitsplatz auf dem Schloss. Die Fischer brauchten Teer, um ihre Boote wasserdicht und ihre Netze gegen Nässe zu schützen. Nachts bedurfte man Pechfackeln für Licht. Kutscher erhielten ihr Schmiergeld für das Schmieren der Wagenachsen.

Kenneth war Teer- und Pechkocher. In einem riesigen Kupferkessel über einer Feuerstelle rührte er die dampfende, pechschwarze und klebrige Masse. Seine Hände waren mit der Zeit dunkelbraun geworden.

Wann immer es ihm seine Zeit erlaubte, stand er am Ufer von Loch Ussie. Wer ihn beobachtet hätte, würde sein Interesse bald verlieren, denn Kenneth stand stundenlang da, beinahe regungslos, sein rechtes Bein vorgeschoben, die linke Hand hinter seinem Rücken. In seiner Rechten hielt er einen runden Gegenstand, durch den er hindurch zu blicken schien, sein linkes Auge hielt er zugedrückt. Wer nahe genug zu ihm heran träte, könnte erkennen, dass der Gegenstand ein Stein war, bläulich, mit einem Loch in der Mitte.

Den Stein hatte er von seiner Mutter erhalten. Er konnte sich nicht erinnern, wann ihm seine Mutter zum ersten Mal erzählt hatte, wie sie zu diesem Stein gekommen war. Es gab keinen Grund, an ihrer Geschichte jemals etwas in Zweifel zu ziehen. Später Abend sei es gewesen, so hatte sie berichtet, sie hätte auf ihre Rinder aufgepasst, und gegen Mitternacht hätte sie unten im Dorf beobachtet, dass sich die Gräber des Friedhofes öffneten, und dass ihnen etliche Leute, vom Kleinkind bis zur weißhaarigen Greisin entstiegen seien und sich in alle Richtungen zerstreut hätten. Nach einer Stunde oder so seien alle wieder zurückgekommen und hätten sich in ihre Gräber gelegt, die sich über ihnen wieder geschlossen hätten. Doch eines der Gräber sei leer und offengeblieben. Sie habe ihren Spinnrocken gefasst, den sie stets bei sich hatte, um von der Wolle daran abzuziehen und ihren Faden zu spinnen. Dann sei sie zum offenen Grab hinuntergeeilt und habe den Spinnrocken in die aufgewühlte Erde gesteckt.

Sie hatte ihrem Sohn erklärt, dass damit die Rückkehr ins Grab verhindert werden könne. Es habe dann auch genauso gewirkt, denn plötzlich sei eine junge Frau in weißen Kleidern und langem hellblondem Haar vor ihr aufgetaucht und habe sie aufgefordert, den Spinnrocken zu entfernen. „Das werde ich tun, wenn Du mir sagst, warum Du erst jetzt zurückkommst“, habe sie entgegnet.

„Weil meine Reise länger dauerte, als jene der anderen – ich musste nach Norwegen.“

Sie habe die weiße Dame fragend angeschaut und mit Verwunderung ihrer Antwort gelauscht. „Ich bin eine Tochter des Königs von Norwegen. Man fand mich am Ufer von Loch Ussie, angespült, nachdem ich ertrunken war. Hier hatte man mich begraben. Und jetzt brauche ich Deine Hilfe. Nimm den Spinnrocken weg, damit ich wieder in mein Todesbett finde.“

Seine Mutter hatte den Stab aus der Erde gezogen und die weiße Dame hatte sie angelächelt. „Damit Du Dich stets an mich erinnerst und als Dank – geh zum Strand von Loch Ussie. Dort wirst Du einen blauen Stein mit einem Loch in der Mitte finden. Gib ihn deinem Sohn Kenneth. Er hat die Gabe der Vorsehung. Der Stein hilft ihm sie zu nutzen.“

Aus Kenneth, dem Teer- und Pechkocher, war Kenneth, der Seher geworden – der Seher von Brahan.

Bald fand man ihn nicht mehr beim Torfstechen und bei seinen kochenden Kesseln. Jedermann wollte seine Weissagungen hören, Knechte anfänglich, dann Bauern, dann Pächter, dann die Verwalter des Schlosses. Seine Hände waren inzwischen weiß und gepflegt. Schließlich verlangten die Herrschaften von Schloss Brahan nach seinen Diensten und weil Kenneth dazu noch ein kluger Kerl war, er seine Voraussagen mit großer Geste und vielen Worten auszuschmücken verstand, war er bald weit herum ein gern gesehener Gast. Für ihn gab es keinen Zweifel an seiner eigenen Fähigkeit und er maß sie an jenen Vorsehungen, die wirklich eintrafen, die anderen vergaß er, wie sie auch von jenen Leuten vergessen wurden, die an seinen Lippen hingen; sie bewunderten ihn, wenn sie Wirklichkeit geworden waren. Stets füllte er sein unerschöpfliches Reservoir wieder nach, wenn er stundenlang durch das Loch des Steines auf das Wasser von Loch Ussie schaute.

Kenneth gehörte zum Clan der Mackenzies, und trug daher dessen Namen. Der Chief des Clans war der Graf von Seaforth. Seine Frau Isabel war bekanntermaßen nicht gesegnet mit besonderer Schönheit. Als die Rückkehr ihres Gatten von einer Reise nach Frankreich überfällig war, zog sie Kenneth zu Rate. „Sag mir, wie geht es meinem Mann und warum ist er noch nicht zurück?“

Kenneth zögerte, dann meinte er ziemlich unbestimmt: „Es geht ihm gut.“

Isabel regierte ungeduldig. „Entweder Du sagst mir alle, oder ich lasse Dich bestrafen.“

Kenneth druckste herum, dann weiteten sich plötzlich seine Augen. „Er ist mit einer Frau zusammen. Schöner als Sie.“ Sein Blick ging in die Ferne. „Außerdem wird das Geschlecht der Grafen von Seaforth aussterben. Der letzte wird Stimme und Gehör verlieren. Seine vier Söhne werden ihm ins Grab vorausgehen. Da wird kein Mackenzie mehr herrschen auf Schloss Brahan.“

Isabel geriet außer Rand und Band. „Dafür wirst Du bezahlen!“ Sie schrie nach dem Sekretär. „Lass den Pechkessel heizen! Und hol mir den Henker her!“

Der Seher wusste, was das bedeutete. Dafür brauchte er seine Gabe nicht zu bemühen. Er fand sein Ende kopfüber im brodelnden Inhalt des Kessels.

Pech gehabt.

Doch seine Prophezeiungen haben ihn überlebt, auch jene, die ihm das Leben gekostet hatte. 1815 war sie Wirklichkeit geworden.

Auch die blutige Schlacht von Culloden hundert Jahre später hatte er vorausgesehen:

„Oh! Culloden, dein Moor wird getränkt sein vom Blut der besten Highlander. Froh bin ich, dies nicht ansehen zu müssen, denn es wird eine grausame Zeit werden, unzählige Köpfe werden rollen, es gibt kein Erbarmen und kein Pardon.“

Seine kürzeste Voraussage jedoch hatte die schlimmsten Auswirkungen auf das schottische Hochland und seine Bewohner:

„The sheep shall eat the men.“

Kapitel I – Frühsommer 1746

Der große Saal von Schloss Holyrood in Edinburgh hatte sich nach der Auktion rasch geleert. Zurück blieben die Ausdünstungen von Gewinnern und Verlierern, leere Gläser und ein paar Beamte und – Oberst Arthur Middlehurst. Die Beamten hatten ihn klar den Verlierern zugeordnet. Sie hatten eine Weile Haltung bewahrt, weil er gezeigt hatte, dass er ziemlich hoch hatte mitbieten können.

Doch als er keine Anstalten machte, sich zu rühren, begannen sie, Tische und Stühle wegzuräumen.

Middlehurst bemerkte nichts davon. Er hockte in seinem Stuhl, vornübergebeugt, den Kopf in die Hände gestützt. Es brodelte in ihm wie in einem Kochtopf. Der kochte auf seinem Magen wie auf einem Ofen. Am Boden begann es anzubrennen. Dampf und Rauch stiegen ihm den Gaumen hoch in die Nase. Der Geruch hatte Namen – Demütigung, Enttäuschung und Zorn. Da hatten mehrere Gerichte gekocht, und alle waren angebrannt.

Seine geplatzte Hochzeit mit Lady Charlotte von Summerset – aus der Traum vom Schlossherr. Vermasselt von Cremor, dem ehemaligen Söldner im Dienste der Franzosen, den er in sicherem Gewahrsam wusste, bis die Soldlisten beim Überfall auf sein Feldlager in Flammen aufgegangen waren. Da hatten ihm die Beweise gefehlt, die zur Verurteilung und Hinrichtung von Cremor geführt hätten – aus der Traum, sich auch dessen Brennerei Blair Mhor unter den Nagel zu reißen. Und nun als Tiefpunkt die verlorene Auktion.

Er hatte keinen Augenblick daran gezweifelt, dass sein Plan aufgehen würde, hatte er doch selbst dafür gesorgt, dass Schloss Summerset enteignet worden war. Dann bräuchte er nur noch zu warten, bis die Regierung es verkaufen würde. Er hätte sein ganzes Vermögen dafür eingesetzt, um den Zuschlag zu erhalten.

Doch Cremor hatte ihn überboten. Und ihm dazu noch für ein Butterbrot seine Brennerei zurückgekauft, die er ihm für den Preis seines Lebens abgepresst hatte. Nur weil er zu unwissend gewesen war, sich auch den Besitz des umfangreichen Fasslagers zu sichern. Dort lag das Vermögen. Brennhäfen und ein paar Kupferleitungen waren nicht entscheidend. Ersetzbar. Aber während Jahren gereifter Whisky war nicht ersetzbar. Zeit kann nicht ersetzt werden. Und auch nicht das Wissen und die Erfahrung, die in seine Herstellung geflossen waren.

Er reckte sich auf und betrachtete mit leerem Blick die verlassenen Reihen der Stühle. Aus der Traum. Von den kleinen Rückschlägen, wie er sie nannte, ganz zu schweigen. Das Doppelspiel von Oberstleutnant James Moore, beauftragt von Cumberland und ihm persönlich, die Rebellen zu jagen und zu vernichten – dabei hatte Moore alles unternommen, um ihnen die Flucht zu ermöglichen. Nicht nachweisbar, und der einzige Zeuge, Major Tucker, sein Schützling, war tot. Da hatte sicher auch Moore seine Hände im Spiel, wie auch bei der Tatsache, dass der meistgesuchte der Rebellen, John MacDougal, ehemals Chieftain auf Schloss Blackhill, ebenfalls entkommen war.

Und letztlich die einfache Botschaft seines Feldherrn, des Herzogs von Cumberland. Die steckte wie ein Stachel in seinem Fleisch. Er hatte zur Kenntnis nehmen müssen, dass fast alle der Offiziere aus dem Stab von Cumberland, deren Vorgesetzter er doch gewesen war, an neue Posten berufen worden waren. Nur er nicht. Er griff in die Brusttasche und holte den Brief hervor.

Geschätzter Oberst

Seine Majestät, König George, hat mir neue Aufgaben übertragen. Ihr Auftrag als mein Stabschef ist somit erfüllt. Sie haben Ihre Aufgabe hervorragend … und so weiter. Man wird Sie sicher mit einer neuen Mission beehren … und Floskeln – der Dank der Nation ist Ihnen gewiss. Auch Ihr Name wird mit unserem glorreichen Sieg über die schottischen Rebellen in die Annalen eingehen. In der Zwischenzeit anvertraue ich Ihnen einen Auftrag höchster Wichtigkeit. Charles Edward Stuart, der katholische Erbschleicher, treibt sich immer noch irgendwo in den Highlands herum. Suchen und finden Sie ihn. Entweder tot oder lebendig, besser lebendig, und bringen Sie ihn vor Gericht. Es folgte eine Zusammenfassung der bisher erfolglosen Suchergebnisse . Wenden Sie sich an Hauptmann …, es folgte ein ihm unbekannter Name, er wird Ihnen alles Weitere erläutern. Ich entbiete Ihnen meine besten Wünsche … und so weiter. Siegel und Unterschrift von William Augustus Cumberland. Sohn des Königs von Großbritannien.

Daran angehängt war eine Einladung, eher ein Aufgebot, an der offiziellen Verabschiedung auf Fort Augustus teilzunehmen.

Er biss sich auf die Lippen. Damit war er arbeitslos geworden. Das schmerzte ihn nicht weiter. Aber machtlos, nicht mehr benötigt, das war viel schlimmer. Cumberland wollte ihn nicht mehr. Hatte ihn offensichtlich ersetzt durch einen anderen. Cumberland würde sich samt Hofschranzen nach London verziehen. Und er fasste diesen Auftrag, mit dem man ihn abschob und der kaum Aussicht auf Erfolg hatte. Dazu müsste er sich auch noch mit subalternen Beamten und Offizieren herumschlagen.

Das brannte tief in seiner Seele.

Cremor und Moore. Rache. Das war er sich selbst schuldig. Die Nation konnte ihm gestohlen bleiben, wenn man ihn schon nicht mehr benötigte.

Middlehurst wartete, bis sich sein Magen wieder beruhigt hatte. Er schaute kaum auf, als ein Beamter auf ihn zukam. „Sir …?“

Er erhob sich, schob ihn beiseite und eilte zum Ausgang und zu seiner Kutsche, die einzige noch auf dem großen Vorplatz zum Schloss Holyrood. Seine Leibwache und die Diener sprangen herbei. Sie empfingen ihre Befehle und schirrten die Pferde ein.

Leutnant Simon Buckle überwachte alles, beorderte die Soldaten an ihre Plätze und meldete Middlehurst die Bereitschaft zur Abfahrt.

„Ich muss mit Ihnen sprechen. Steigen Sie ein.“ Middlehurst wies mit der Hand auf die Kutschentüre.

Der Leutnant verharrte einen Moment. Es war noch nie vorgekommen, dass Middlehurst jemanden zu sich zusteigen ließ. Er wusste nicht, was er davon halten sollte und ob es ein gutes Zeichen war. Er überließ die Zügel seines Pferdes einem Soldaten.

Die Sonne stand noch halb über dem Schloss von Edinburgh, als sie von Holyrood wegfuhren und der Royal Mile Richtung Schloss folgten. Der Kutscher hatte seinen Hut tief über die Augen gezogen und folgte der Vorhut von drei Soldaten, die sich einen Weg durch den dichten Vorabendverkehr suchten. Es wimmelte von fliegenden Händlern, die mit letzter Anstrengung und lautem Rufen ihre Waren anboten, um ihren Tagesumsatz noch abzurunden. Die langsam fließende endlose Kolonne von Fuhrwerken und Kutschen staute sich immer wieder, wenn Seitenstraßen zur Royal Mile stießen und hunderte von Menschen kreuz und quer ihre Wege suchten.

In der Hauptstadt von Schottland war kein einziger Mann mit einem Kilt unterwegs. Man hätte meinen können, dass sei vor dem misslungenen Aufstand der Highlander anders gewesen und hätte nun ein Ende gefunden mit dem Verbot, die traditionelle Tracht aus den vielfarbig karierten Tüchern aus verwobener Schafwolle zu tragen. Doch in Edinburgh trug man zu keiner Zeit einen Kilt. Man wollte doch nicht mit den primitiven Barbaren in den Highlands in einen Topf geworfen werden.

Buckle saß Middlehurst gegenüber, und es war ihm nicht wohl in seiner Haut. Es war ihm unangenehm, mit seinem Rücken gegen die Fahrtrichtung zu sitzen. Middlehurst hatte kein Wort gesprochen, vielleicht hie und da geflucht über die Staus, und Buckle fühlte, dass er ihn beobachtete. Er spürte dessen Blick auf seinen Stiefeln, seinen Händen und seinem Gesicht und wenn er aufschaute, blickte er in eiskalte graue Augen. Es war ihm, als ob sein Gegenüber immer seine Stirn fixierte. Wenn Middlehurst einmal aus dem Fenster schaute, konnte er ihn seinerseits kurz betrachten. Es kam ihm seltsam vor, dass Middlehurst entgegen seiner Gewohnheit keine Perücke trug. Seine Kopfhaut war weiß mit braunen Flecken, kaum bedeckt mit kurzen grauen Haarstoppeln.

Es war schon ziemlich dunkel im Innern ihres Gefährtes, als Middlehurst endlich sein Schweigen brach. „Ich kenne Sie nun schon einige Zeit, Leutnant Buckle. Sie machen Ihre Aufgabe gut, denken an alles und halten Ihre Leute auf Trab. Aber sie sind nicht mehr der Jüngste.“

Buckle hatte sich zuerst leicht gereckt, doch die letzte Bemerkung ließ ihn wieder einfallen.

„Sicher haben Sie sich schon überlegt, sich um einen höheren Grad zu bewerben, zum Beispiel als Hauptmann, nicht wahr? Aber dazu fehlt Ihnen das Geld, oder?“ Middlehurst erwartete gar keine Antwort. Er steckte den Kopf aus dem Fenster und befahl dem Kutscher anzuhalten. „Suchen Sie einen Gasthof für uns. Wir bleiben über Nacht hier.“

Es war gerade noch hell genug, damit Middlehurst beobachten konnte, wie Buckle seine Soldaten herumkommandierte. Irgendwie erinnerte er ihn an Major Tucker, schwarzhaarig wie dieser, einen kurzen Zopf im Nacken, mit grauen Augen wie er selbst, darüber die zusammengewachsenen Brauen, wie ein schwarzer Strich quer über die Stirn. Buckle hatte die gleiche Art wie Tucker, mit den Soldaten umzugehen. Unduldsam, mit harter Hand, wie es sich gehörte, jeden Befehl fraglos ausführend und unbedingten Gehorsam fordernd. Als er ihn in der Kutsche vor sich sitzen sah, hatte er seine Schlussfolgerungen gezogen. Er kannte sich ja aus mit Menschen. Der kleine Kopf auf breitem Hals ließ wenig Platz für anspruchsvolles Denken, die herabfallenden Schultern mit den wuchtigen Armen darunter ließen nicht auf einen schnellen Fechter schließen, schon gar nicht auf diesen prallen Oberschenkeln und dicken Waden. Doch Buckle war groß, so groß wie er selbst, er würde sich mit seiner Kraft durchsetzen können, zu denken bräuchte er nicht viel, dafür würde er, Middlehurst, besorgt sein. Zu fechten bräuchte er auch nicht, dafür gab es Pistolen und Soldaten oder beides. Für Middlehurst war der Fall klar – Simon Buckle war der richtige Mann für die Aufgaben, die er ihm zu übertragen gedachte.

Buckle kam zurück. „Da vorne, Platz genug für die Kutsche und Unterkunft für die Soldaten. Ein Zimmer für Sie steht zur Verfügung.“

„Gut gemacht, Buckle, steigen Sie wieder ein. Haben Sie sich meine Fragen überlegen können?“

Des Leutnants Augenbrauen zogen sich zusammen und bildeten über seiner Nase eine dicke Brücke. „Ja, Sir, schon. Aber ich weiß nicht so recht, wie Sie es gemeint haben.“ Er ließ sich wieder auf seinen Platz fallen.

„Ganz einfach, Buckle, Ihre Zeit bei der Armee ist bald abgelaufen. Sie werden also Knecht oder Fischer oder sowas. Oder können Sie etwas, um sich ein besseres Leben zu leisten?“

Buckle stieg der säuerliche Geruch seines Obersten in die Nase. Er fasste den Ledervorhang am Fenster.

„Lassen Sie das!“ Die Stimme war kalt und barsch.

Buckles Hand zuckte zurück. „Ich bin seit ich denken kann, bei der Armee. Zwanzig Jahre bald. Bin immerhin Leutnant geworden“, meinte er trotzig.

„Die Armee braucht Sie bald nicht mehr. Da kommen Jüngere nach. Und für den Hauptmannsrang fehlt Ihnen das Geld.“

Buckle schwieg. Es wurde ihm plötzlich bewusst, dass Middlehurst recht hatte. Er hatte kein Geld auf die Seite legen können. Der knappe Sold reichte dafür nicht aus. Er war fünfzehn gewesen, als ihn die Armee sozusagen auf der Straße aufgelesen hatte. Seither hatte er stets genug zu essen gehabt. Irgendwann war er Unteroffizier geworden und es war eher Zufall gewesen, dass er zum erweiterten Stab von Middlehurst gekommen war und man ihm den Rang eines Leutnants gegeben hatte, was zwar einige Pfund mehr Sold, aber keinerlei Rente bedeutete. Er kriegte eine neue rote Jacke und neues Lederzeug, zwar gleicher Machart wie für die gewöhnlichen Soldaten. Aber immerhin hatte er dann seinen hohen Soldatenhut abgelegen und einen Dreispitz aufsetzen können, für den er selbst zu bezahlen hatte. Er ertastete ihn auf dem Sitz neben sich und stülpte ihn sich über. Als er das Schweigen nicht mehr aushielt, fragte er zögerlich: „Was bleibt mir denn anderes übrig?“

Middlehurst zögerte seine Antwort lange heraus. „Ich könnte Sie allenfalls weiter beschäftigen.“ Er hörte, wie Buckle den Atem anhielt und er wartete, bis sein Gegenüber wieder normal atmete, allerdings schneller als vorher. „Ich denke langfristig und habe auch Pläne für meine Zeit nach der Armee. Ich würde Sie als meinen Adjutanten bestellen.“

Buckles Stimme klang flach. „Das würden Sie tun, Sir, wirklich?“ Er zog seine Augenbraue hoch. „Aber für was brauchen Sie denn einen Adjutanten, wenn Sie nicht mehr in der Armee sind?“

Middlehurst sprach ungerührt weiter. „Vorläufig bin ich noch in der Armee. Mein Plan ist noch geheim. Aber ich werde etliche Männer brauchen, Männer wie Sie, Buckle. Sie können es sich ja noch überlegen. Aber wenn ich Ihre Antwort dann brauche, müssen Sie sich entscheiden.“

Als sie vor dem Gasthaus anhielten und Buckle am Aussteigen war, hielt er ihn kurz zurück. „Sie werden zehnmal mehr verdienen als jetzt.“ Buckle schaute zu Middlehurst hin, der sich seine Perücke aufstülpte, lächelte etwas verkrampft und sprang auf den Boden. Beinahe wäre er über seine eigenen Beine gestolpert.

Margaret und Cremor lagen zusammen auf einem der beiden Betten. Die Kerzen waren kürzer geworden, das Zimmer im Gasthof hatte die Kühle der Nacht aufgenommen.

Cremor holte eine Decke und breitete sie über Margaret aus. „Das war ein langer Tag, Margaret.“ Er streckte sich und unterdrückte ein Gähnen. „Und ein schöner Abend. Wie früher.“

Margaret erwiderte sein Lächeln. „Ja, wie früher. Wie wenn wir nie getrennt gewesen wären.“

Cremor legte sich wieder neben sie und schmunzelte. „Eigentlich hätten wir gar kein zweites Bett gebraucht.“ Er betrachtet sie liebevoll. „Du bist so schön wie eh und je.“ Er blies die letzte noch brennende Kerze aus und hörte noch, wie Margaret flüsterte: „Halt mich fest, Cremor, lass mich nie mehr los.“

Bald hörte er ihr ruhiges Atmen. Die Ereignisse des Tages zogen nochmals durch seine Gedanken. Die ungewisse Zukunft belastete ihn. Morgen ging es wieder zurück in die Highlands. Wieder eine Reise von etlichen Tagen, beschwerlich, gefährlich. Er war froh, hatten sie Finn dabei und die Soldaten vom Regiment. Einen ganzen Monat waren sie weg gewesen. Er hoffte, dass sie zu Hause keine schlechten Nachrichten erwarteten. Tröstlich war für ihn, dass da Freunde waren, auf die er sich verlassen konnte – Roderick und James Moore, sie würden für die Sicherheit von Mary und Seumas, von Maggie und allen anderen besorgt sein. Garantien gab es keine. Blair Mhor und die Brennerei waren zwar so etwas wie eine geschützte Insel, aber darum herum herrschte nach wie vor große Unruhe. Die Engländer waren immer noch hinter den Rebellen her, die Vertreibung der Bauern dauerte an und jeder musste, zu Recht oder zu Unrecht, um sein Hab und Gut oder sein Leben fürchten. Und über Recht oder Unrecht urteilten die Engländer; sie zerrten jeden, arm oder reich, Bauer oder Adliger, vor ihre Gerichte und wehe, wenn sie auch nur das Geringste mit dem Aufstand zu tun gehabt hatten.

Er hörte noch, wie im Gang vor ihrem Zimmer eine Tür zuschlug. Schwere Schritte ließen den Boden knarren und verklangen in der Tiefe der Treppe. Armeestiefel, dachte er. Seine Sorgen wären nicht geringer geworden, wenn er gewusst hätte, dass sich Oberst Middlehurst im gleichen Gasthaus einquartiert hatte.

Middlehurst hockte auf dem einzigen Stuhl in seinem Zimmer und starrte das Bett an. Es widerstrebte ihm, sich hineinzulegen. Seine Gedanken hingen immer noch an der verlorenen Auktion. Er hatte es als selbstverständlich betrachtet, dass er obsiegen würde. Triumphale Rückkehr zum Schloss Summerset, den Verwaltern und Dienern den Marsch blasen, sie auf sein Regime einstellen, die Verpächter aufbieten, ihnen zu sagen – nein, zu befehlen, dass sie die Unterpächter vor die Wahl zu stellen hätten, entweder Schafzucht oder Entlassung.

Ein schwarzer Käfer tauchte aus einer Falte der Bettdecke auf. Middlehurst klatschte beide Hände um ihn zusammen. Angewidert betrachtet er den großen schwarzen Fleck in seiner Hand und strich ihn an der Unterseite des Bettes ab. So ähnlich würde es den Bauern ergehen. Er konnte sich dieses Gedankens nicht erwehren. Abrupt erhob er sich, ergriff die Öllampe und trat in den Gang hinaus. In der Kutsche würde er einen Krug finden, der es ihm erleichtern würde, zur Ruhe zu kommen.

Er suchte im dunklen Gang den Weg in den Hinterhof, wo die Kutschen eingestellt waren. Er trat zur seinigen und rüttelte mit seinem Stiefel an der Federung. Der schlafende Soldat auf dem Kutschbock fuhr auf und griff zu seiner Pistole.

Middlehurst streckte ihm die flache Hand entgegen. „Ich bin's. Schlafen Sie ruhig weiter.“ Sein Blick fiel auf die Türe einer anderen Kutsche. Er brauchte eine Weile, bis er das Wappen auf der Türe erkannte. Als er nähertrat, erkannte er den Schriftzug unter dem gemalten Schild The Royal Summerset Highland Regiment. Seine Augen wurden schmal, sein Mund ging langsam auf und zu. Hier hatte er den Beweis vor sich, dass James Moore und Cremor unter einer Decke steckten. Er spürte seinen Puls im Hals schlagen. Er musterte die einzelnen Buchstaben. Seine Schlauheit ließ ihn ahnen, dass sich die beiden abgesichert haben würden. Er atmete tief und versuchte, sich zu beruhigen. Cremor hatte bestimmt irgendeinen offiziellen Auftrag von Moore erhalten, um die Reise nach Edinburgh zu rechtfertigen. Ohne solchen wäre er kaum durch eine Kontrolle der Armee gelangt. Für ihn war sonnenklar, dass Cremor einzig und allein wegen der Auktion hierhergekommen war.

Middlehurst fand den Schlafraum der Reisenden und seiner Soldaten. Als er die Türe öffnete, schlug ihm der stickige Geruch schlafender Menschen entgegen. „Buckle!“, schrie er ins Dunkel und schloss sofort wieder die Türe.

Es dauerte nicht lange, der Leutnant tauchte auf, in Hemd und Hose. Er war froh, dass er vor dem Oberst den Missmut in seinem Gesicht im Dunkel des Ganges nicht verbergen musste.

„Ziehen Sie sich an und kommen Sie mit zwei Mann zum Einspannen. Die anderen sollen sich reisefertig machen. Ich will keinen einzigen Ton hören, verstanden? Wir sehen uns im Hof.“

Middlehurst kehrte ihm den Rücken. Ein Rätsel konnte er nicht ergründen – woher nur hatte Cremor das viele Geld? Soviel konnte die Brennerei in all den Jahren gar nicht hergegeben haben. Lady Charlotte? Sie war ihrer Ländereien zwar verlustig geworden, aber vielleicht hatte sie genügend Mittel auf die Seite schaffen können?

Die Stimme von Buckle riss ihn aus seinen Gedanken. „Wir können einspannen. Zwei oder vier?“

„Vierspännig, Buckle, wir ändern den Plan. Wir reisen ab. Alle und sofort. “

Buckle stutzte, seine Schultern zuckten. Dann nickte er und kehrte auf dem Absatz.

„Und seien Sie, verdammt noch mal, leise!“, rief ihm Middlehurst nach. Er ging zurück in sein Zimmer und machte sich reisefertig. Alles, was an einen Offizier der englischen Armee erinnern könnte, packte er in seinen massiven Holzkoffer, auch die Perücke. Er schaute sich im Raum um, die Öllampe in der Hand, um sich zu vergewissern, dass er nichts vergessen würde. Er stülpte einen schwarzen hohen Hut mit breiter Krempe über, duckte sich unter der Türe und verließ den Raum.

Seine Truppe wartete reisefertig im Hof. Er wies zwei Diener mit einer Kopfbewegung an, seinen Reisekoffer zu holen. Dann winkte er den Kutscher und Buckle zu sich. „Wir reiten heute Nacht durch. Die erste Wechselstation lassen wir aus. In der zweiten müssen wir gegen Abend eintreffen, also beeilen wir uns. Dort nehmen wir Quartier und wechseln die Pferde.“ Er stieg in die Kutsche. Buckle machte einen Schritt hinzu, doch der Befehl von Middlehurst, die Türe zu schließen, zeigte ihm, dass seine Gesellschaft nicht erwünscht war.

Middlehurst öffnete den Deckel im Boden und holte seinen Krug hervor. Er nahm ein paar Schlucke und fluchte, als die Kutsche plötzlich anzog. Er wischte sich die übergeschwappte Flüssigkeit vom Gesicht und stellte den Krug zurück. Dann legte er seine Füße auf das gegenüberliegende Sitzpolster und starrte durch das Fenster ins Dunkel der Nacht.

Er hatte sich lange überlegt, ob er dem Herzog von Cumberland seine Demission aus der Armee einreichen sollte. Dann käme er um den unangenehmen Auftrag herum, sich auf die Jagd auf Prinz Charles Stuart zu machen. Da gab es zwar eine riesige Belohnung, aber die würde sich die Regierung für einen Obersten sparen. Es sei schließlich sein offizieller Auftrag gewesen, würde es heißen. Immerhin würde er in die Geschichte eingehen, wenn er seiner habhaft werden würde. Arthur Middlehurst, der Mann der Prinz Charles fing und ihn seiner gerechten Strafe zuführte. Doch er betrachtete die Sache als aussichtslos. Zu lange schon war der Prinz auf der Flucht, vielleicht hatte er das Land auf einem französischen Schiff bereits verlassen können.

Der Gin hatte seine Gedanken angeheizt und wieder spürte er den Zorn in sich aufwallen. Cumberland wollte ihn nicht mehr in seinem Stab, daran gab es nichts zu rütteln. Seine Generäle und Obersten bezögen ihre Pfründe als die Sieger von Culloden, versehen entweder mit ehrenvollen Ämtern oder mit neuen Kommandoposten in der Armee. Sein eigener Name würde vergessen werden, es würde für ihn nicht einmal mehr für eine offizielle Verabschiedung mit allem Drum und Dran reichen.

Middlehurst griff nochmals in den Zwischenboden und holte den Ginkrug hervor. Beim ersten Schluck entschied er, sein Kommando trotz des widrigen Auftrages nicht abzugeben. Er würde zwar keine Zeit darauf verwenden, aber die Vorteile, bei Bedarf seinen Rang als Oberst hervorzukehren, überwogen.

Beim zweiten Schluck dachte er an Cremor und James Moore. Sie würden seiner Rache nicht entgehen.

Beim dritten und den nachfolgenden Schlucken überdachte er seine Pläne.

Kaum ein halbes Jahr war vergangen, seit er mit Cumberland aus Frankreich zurückgekehrt war. Der Sieg der Franzosen über die Engländer bei der Schlacht von Fontenoy hatte der Überlegenheit der englischen Armee ein Ende bereitet. Er, Middlehurst, hatte vergeblich versucht, die Schuld für die Niederlage den verbündeten Holländern in die Schuhe zu schieben. Cumberland musste dem Ruf seines Vaters, König George II, folgen. Zurück nach London.

Prinz Charles Stuart, hatte den Zeitpunkt für seine Rebellion gut gewählt, um die britische Krone wieder in seine Hände und damit in die Hände der Katholiken zu bringen. Er wusste, dass fast die ganze englische Armee auf dem Kontinent gebunden war. Sein Feldzug hatte ihn bis kurz vor London geführt. Dort war Panik ausgebrochen, Banken waren gestürmt worden, und die Reichen und Vornehmen hatten ihre Koffer gepackt. Doch Prinz Charles hatte vergebens auf die Unterstützung durch die Franzosen gehofft und er blies zum Rückzug in die Highlands. London atmete auf. Cumberland erhielt den Auftrag, den Aufstand niederzuschlagen. Am 16. April 1746 versanken alle Träume der Highlander in einer Flut von Blut und Tränen.

Für Middlehurst hatte sich das Schicksal der Highlander nach der verlorenen Schlacht besiegelt. Den Auftrag von Cumberland, dem er mitgeholfen hatte, als „der Schlachter“ in die Geschichte einzugehen, hatte er erfüllt. Dorf um Dorf war abgebrannt worden, die Bewohner vertrieben oder umgebracht. Major Tucker und die anderen Offiziere unter dem Kommando von James Moore, sowie alle anderen Abschnittskommandanten hatten dem Auftrag von Cumberland nachgelebt; geplant und umgesetzt von ihm, Oberst Middlehurst – nur ein toter Highlander ist ein guter Highlander. Keine Gnade.

Andere würden die Lorbeeren kriegen, er nicht. Er nahm einen großen Schluck aus dem Krug. Die Menschenjagd war in vollem Gange. Gerichtsurteile wurden zuhauf gefällt und meist war es Verbannung und Tod. Verbannung konnte heißen zum Militärdienst in den Kolonien in Amerika oder unter der heißen Sonne der Karibik gezwungen zu werden. Oder als Arbeiter und Diener in die Baumwollplantagen und Tabakfeldern, ob Männer, Frauen, Jungen oder Mädchen. Weiße Sklaven.

Middlehurst hatte gut beobachtet. Bei ihm kamen die Informationen zusammen.

Da gab es Menschen, die waren Geld wert und es gab es einen Markt dafür. Er würde in diesem Markt mitmischen. Dafür brauchte er Simon Buckle und noch ein paar Helfer mehr. Solche vom Kaliber Buckle, lieber noch darüber. Aber alle mit den gleichen Eigenschaften – skrupellose Halsabschneider, erbarmungslos, gewissenlos. Wie er selbst. Und geldgierig dazu. Wie er selbst. Er wusste, wo diese zu finden waren und er wusste auch, wo er sein Material, wie er es nannte, finden würde. Nicht auf Schloss Summerset, vorläufig wenigstens. Dort gab es noch jene, die sich auf die Seite der Engländer geschlagen hatten. Was nicht hieß, dass ihre Untertanen plötzlich königstreu geworden waren. Nein, das war alles das gleiche Pack – Barbaren des Norden, rückständig, ungebildet, nicht würdig in das britische Königreich aufgenommen zu werden.

„Ha!“, rief er, nicht laut. Dann schlief er ein. Nicht einmal das Rütteln der Kutsche vermochte ihn zu wecken.

Gegen Abend des zweiten Tages erreichten sie die Poststation, wo sie ihre Zugpferde auswechseln konnten. Auf einer Weide tummelten sich gut zwei Dutzend Pferde. Die Kutscher und die Soldaten wurden von Buckle angehalten, sich nicht zu betrinken und am anderen Morgen bei Tagesanbruch wieder reisefertig zu sein. Je zwei Soldaten sollten abwechselnd die Kutsche bewachen. Der Stallmeister der Station ließ die erschöpften Pferde in einen separaten Pferch treiben, trug sie in seine Bücher ein, überwachte deren Pflege und bestimmte die Ersatztiere für den Weiterritt. Die Reitpferde wurden von den Soldaten in den Stall geführt, gestriegelt und getränkt und in eine abgezäumte Weide gelassen. Vor einer Taverne neben einer zweistöckigen Herberge waren etliche gesattelte Tiere angebunden. Man sah mehrere englische Soldaten, Reisende in edlen Kleidern und Perücken samt ihren Dienern sowie Knechte, die hin und her eilten. Die wenigen Frauen erregten sofort Aufmerksamkeit; man sah sie nur kurz, entweder warteten sie in ihren Kutschen oder hatten sich rasch in die Herberge verzogen. Unter einem Vordach glühte das Feuer einer Esse, ein Knecht trieb den Blasebalg. Der Schmied hämmerte auf seinem Amboss ein Hufeisen in seine Form. Mehrere Fuhrleute warteten mit ihren Pferden, bis sie an die Reihe kamen. Es ging laut zu und her, derbe Sprüche wechselten mit Befehlen.

Überall hing Rauch in der Luft, von der Esse und einzelnen Feuerstellen, an denen Männer lagerten und zechten. Da gab es jede Menge Wegelagerer die ihre Spitzel zu den Vorreitern der Kutschen schickten, um zu erfahren, welches Gefährt für einen Überfall am meisten Ertrag versprach. Die Kutscher selbst waren ziemlich unbestechlich, um ihren Ruf zu wahren. Doch die Vorreiter, positioniert auf dem Zugpferd vorne rechts, hatten nichts zu verlieren außer ihrem Leben, welches sie solange auf dem Pferderücken verbrachten, bis sie entweder altershalber vom diesen fielen oder bei einem Überfall zum Schweigen gebracht wurden.

Hier auf der Wechselstation kamen alle zusammen. Einige für längere Zeit, gar für immer, die meisten für kurze. Hier trafen sich Hoffnungen und Enttäuschungen, Trunkenbolde, Reiche, Arme, Diener, Herren und auch lose Damen, Spieler, Heilsversprecher und Gesundbeter. Man lebte den Tag, entweder man konnte ihn loben oder hoffte auf den nächsten. Keiner trug Verantwortung für den anderen, nicht wie in einem Dorf, das für ewig angelegt war, hier war ein Kommen und Gehen, jeder nahm seine Gelegenheiten nach seinen Fähigkeiten und seinem Glück war. Dann waren da noch diejenigen, die von den ersteren lebten. Zuoberst die Besitzer der Taverne, der Herberge, der Ställe, der Weiden. Dann der Schmied, auf gleicher Stufe wie der Metzger und der Bäcker, alle stets auf der Hut, weil sie kein Land besaßen. Zuunterst die Arbeiter, Knechte und Diener. Auswechselbar, ausgebeutet, kämpfend um ihr täglich Brot. Auch der Totengräber musste stets um seinen kargen Lohn bangen, denn die meisten kamen nicht zum Sterben hierher, und es war der Landeigner, der ihn nach Abzug seiner eigenen Spesen aus dem verwertbaren Nachlass des Toten entschädigte.

Middlehurst war nicht zum ersten Mal auf solch einer Station, er wusste wie sie funktionierten, diese hier kannte er besonders gut von mehreren Besuchen. Und er wusste, dass er, was er suchte, nicht zuunterst suchen musste, den dort waren nur die Ärmsten, die Bettler und die Dümmsten, wie er meinte. Gegen oben war er offen, Deserteure, Wegelagerer würden gut genug sein, Hasardeure waren willkommen. Er hatte Simon Buckle mit Bedacht auserkoren, um jene, die er auswählen würde, zu führen. Er, Middlehurst, würde nachher im Hintergrund bleiben. Er wusste, dass sich in der Kneipe die gesuchten Talente offenbaren würden.

Er trat ins Halbdunkel des großen Raumes, gefolgt von Buckle, und musste seinen Kopf einziehen, um mit seinem Hut nicht an die niedrige Decke zu stoßen, die mit mehreren Holzbalken abgestützt war. An ihnen hingen flackernde Öllampen. Die Luft war stickig, ein Gemisch von Schweiß und Rauch aus dem Ofenfeuer der offenen Küche, wo riesige Eintöpfe dampften. Middlehurst drängte sich durch die Menge, die ein lautes Sprachgewirr lieferte. Er erkannte Brocken von Deutsch und Holländisch. Dicht an dicht standen Männer an der Theke und forderten Nachschub für ihre Becher. Aus der Küche wurden gefüllte Teller herausgereicht und von den hin und her eilenden Kellnern zu den Tischen getragen. Sie kassierten sofort, maulten über schlechte Trinkgelder und holten die nächsten Mahlzeiten.

„Machen Sie einen Tisch frei, Buckle. Dort, in der Ecke.“ Er schaute zu, wie Buckle hinging und sich vor den dort sitzenden Männern aufpflanzte. Er sah, wie diese zornig auffuhren, als Buckle sein Begehren nannte, doch seine Körpermasse und die rote Uniformjacke ließen keinen Widerspruch zu. Sie schnappten sich ihre Krüge und räumten das Feld. Buckle kippte den Tisch kurz, um die Essensreste loszuwerden, rückte zwei Stühle zurecht und wartete bis Middlehurst hinzugekommen war und sich gesetzt hatte.

„Gut gemacht, Buckle, holen Sie uns Wein und etwas zu essen!“ Der Oberst schaute um sich und musterte Gesichter und Gestalten. Um ihn herum flossen Rum und wasserklarer Whisky in gierige Kehlen. Er schaute auf Kleidung und Verhalten, schloss jene aus, die einzeln oder in kleinen Gruppen da waren, auch jene, die ihm zu gut gekleidet erschienen.

Buckle brachte einen Krug Wein und zwei Becher. „Essen kommt gleich.“

„Sehen Sie den langhaarigen Kerl dort, den Rücken zur Theke?“

Buckle sah sofort, wen er meinte. Er war ihm schon vorher aufgefallen, nicht nur wegen der Lautstärke seiner Stimme, sondern weil sein Kopf, wie sein eigener, beinahe bis zur Decke reichte, und an der Art und Weise wie er seine Kumpane auf Distanz hielt oder sie an sich zog, in dem er ihnen auf die Schultern klopfte, oder sie am Kragen packte, oder ihre Sprüche lobte oder zurückwies.

„Der Kerl führt eine größere Gruppe. Selbst am Tisch da drüben achten sie auf ihn. Schätze mindestens ein Dutzend. Er hat den Überblick. Seine Leute sammeln Informationen.“ Er sprach es mehr zu sich selbst.

Buckle schaute ratlos. „Warum …?“

„Später, Buckle, holen Sie ihn her!“ Er beobachtete, wie sich Buckle durch die Menge drängte und dann auf den Mann einredete. Dieser schaute zu ihm hin, dann wieder zu Buckle und schob ihn schließlich beiseite.

Als er vor ihm stand, erhob sich Middlehurst. Er musste seinen dünnen Hals höher recken, um ihm in die Augen zu blicken. Der Mann sah jünger aus, als es seine fast weißen Haare, die ihm bis zur Schulter reichten, vermuten ließen. Er stiess ihm gleich die Frage ins Gesicht: „Was willst Du von mir?“

„Ich hätte eine Aufgabe für Dich. Wie viele seid ihr?“

Der Mann musterte ihn misstrauisch. „Wer bist Du? Was für eine Aufgabe?“

„Wie heißt Du?“

„Hans.“

„Deutscher?“

„Möglich. Nun sprich schon. Um was geht es?“

„Wie viele Leute hast Du dabei?“

Der Mann, der sich Hans nannte, stiess ihm mit der flachen Hand auf die Brust, so dass er zurücktaumelte. „Vergiss es!“ Er dreht ihm den Rücken zu und wollte zurück zu seinen Kumpanen.

„Einhundert!“, rief ihm Middlehurst nach.

Hans wandte den Kopf zurück. Der Kellner stellte zwei dampfende Teller auf den Tisch.

„Pro Kopf“, ergänzte Middlehurst. „Und pro Monat.“

Der Deutsche baute sich wieder vor ihm auf. „Macht fünfzehnhundert. Zahlbar an mich. Fünfhundert vorweg. Um was geht es?“

„Wir gehen nachher nach draußen.“ Middlehurst drückte ihm ein paar Pfundnoten in die Hand. „Zahlen Sie Ihren Männern noch eine Runde. Wir sehen uns nachher, sobald ich gegessen habe.“ Er setzte sich wieder, stocherte mit dem Löffel im Teller und schlürfte von der Löffelkante. „Nicht schlecht.“ Er schaute dem Langen zu, wie dieser Leute zur Seite schob und zurück an die Theke ging. Buckle pflichtete ihm bei. „Wirklich nicht schlecht.“

Middlehurst sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Ich meine nicht das Essen, Buckle.“ Er kaute langsam und beobachtete das Geschehen an der Theke. Hans sprach mit einem der Kellner. Dieser nickte und bald wanderten etliche frisch gefüllte Krüge zu den ausgestreckten Händen. Middlehurst sah die dazu gehörenden Gesichter und machte sich ein Bild jedes einzelnen. Zwischendurch murmelte er: „Nicht schlecht, gar nicht schlecht.“

Buckle nickte, obwohl er nicht wusste, wofür er zustimmte.

Als Middlehurst den letzten Bissen geschluckte hatte, suchte er den Blickkontakt zu Hans und wies mit einer Kopfbewegung nach draußen.

Als Margaret erwachte, vermisste sie sofort die Wärme von Cremors Körper. Ihre Hand fuhr über das Bett. „Cremor?“

„Ich bin hier, Margaret.“

Sie setzte sich auf. Das Morgenlicht drang schwach zwischen den Ritzen der Fensterläden hindurch und sie erkannte Cremor auf einem Stuhl in der Ecke des Zimmers. „Schon auf, mein Liebster? Es ist doch noch fast dunkel. Komm zurück ins Bett.“

„Ich kann nicht mehr schlafen, Margaret. Wir müssen sowieso bald aufbrechen.“ Er ging zu Bett und setzte sich auf die Bettkante. Sanft strich er ihr über die Haare.

Sie zog ihn zu sich, um seine Augen sehen zu können. „Was bedrückt Dich? Was ist geschehen?“ Sie ertastete seine Jacke und stellte fest, dass er bereits angezogen war.

Cremor holte tief Luft. „Ich habe Dir nicht gesagt, wie die Auktion ablief.“

Margaret setzte sich auf. „Du hast obsiegt, nicht wahr? Also …“

„Middlehurst war an der Auktion. Ich war völlig überrascht, als er ein Gebot abgab. Er wollte Schloss Summerset für sich. Die Brennerei hatte er ja schon.“

„Du hast ihn überboten. Ist doch gut, oder?“

„Du kennst Middlehurst nicht. Er verliert nicht gerne. Ich habe sein Gesicht gesehen. Er wird alles tun, um sich zu rächen.“

„Aber er ist doch ein Offizier der englischen Armee. Er kann doch nicht einfach …“

„Die Engländer haben Schottland im Griff. Es gilt das Recht des Siegers. Sie werden das erbarmungslos ausnützen.“ Seine Stimme wurde eindringlich. „Wir müssen uns vorsehen, Margaret.“