Die Erfinderin der Freiheit - Elke Becker - E-Book

Die Erfinderin der Freiheit E-Book

Elke Becker

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Beschreibung

Ein kleines Kleidungsstück verändert die Welt - ein packender historischer Roman über die Erfindung des Büstenhalters

Dresden 1908: Eine neue Zeit beginnt, die Jahre der großen Erfindungen sind angebrochen. Christine arbeitet als Therapeutin im weltbekannten Sanatorium Lahmann. Während ihrer Behandlungen fallen die feinen Damen in ihren engen Korsetts reihenweise in Ohnmacht – was Christine auf eine weltverändernde Idee bringt: Sie entwickelt den ersten Büstenhalter. Die ersten Modelle aus zusammengenähten Stofftaschentüchern und Hosenträgern finden zunächst wenig Anklang in der feinen Gesellschaft, die Damen lehnen das neue Kleidungstück ab. Zum Glück gibt es Julia, Lotta und Amalie, die Christine bei der Weiterentwicklung des BHs unterstützen. Die vier Freudinnen leben in einem gemeinsamen Wohnhaus und befeuern sich gegenseitig beim Ausprobieren und Tüfteln an neuen Ideen. Und sie geben Christine Halt – ganz besonders als der charmante Franz im Sanatorium anreist, der jedoch in Begleitung von Johanna ist …

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Dresden 1908: Eine neue Zeit beginnt, die Jahre der großen Erfindungen sind angebrochen. Christine arbeitet als Therapeutin im weltbekannten Sanatorium Lahmann. Während ihrer Behandlungen fallen die werten Damen in ihren engen Korsetts reihenweise in Ohnmacht – was Christine auf eine weltverändernde Idee bringt: Sie entwickelt den ersten Büstenhalter. Die ersten Modelle aus zusammengenähten Stofftaschentüchern und Hosenträgern finden zunächst wenig Anklang in der feinen Gesellschaft, die Damen lehnen das neue Kleidungstück ab. Zum Glück gibt es Julia, Lotta und Amalie, die Christine bei der Weiterentwicklung des BHs unterstützen. Die vier Freudinnen leben in einem gemeinsamen Wohnhaus und befeuern sich gegenseitig beim Ausprobieren und Tüfteln an neuen Ideen. Und sie geben Christine Halt – ganz besonders als der charmante Franz im Sanatorium anreist, der jedoch in Begleitung von Johanna ist …

Die Autorin

Elke Becker wurde in Ulm geboren, doch seit 2005 ist Mallorca ihr Zuhause. Ihr Fernweh führte sie früh hinaus in die Welt, dennoch besucht sie Deutschland regelmäßig – nicht nur in Gedanken, sondern auch in ihren Geschichten. Die Vielfalt der Städte, die Spuren der Vergangenheit und die besonderen Begegnungen, die sie auf ihren Reisen sammelt, inspirieren sie immer wieder aufs Neue. Besonders Dresden hat sie für ihren neuesten Roman in ihren Bann gezogen – eine Stadt voller Geschichte, Eleganz und verborgenem Zauber. So kehrt sie regelmäßig zurück, um neue Städte zu entdecken und sich von den Begegnungen vor Ort inspirieren zu lassen.

Elke Becker

Die Erfinderin der Freiheit

Ein kleines Kleidungsstück verändert die Welt

Roman

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe 02/2026

Copyright © by Elke Becker

Copyright © 2026 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Ingola Lammers

Umschlaggestaltung: © t.mutzenbach design unter Verwendung von Motiven von © akg-images; © Laurence Winram / Trevillion Images

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-33045-3V001

www.heyne.de

1908

1 Christine

Mit zusammengekniffenen Augen erledigte Christine Hardt die letzten Stiche der leidigen Näharbeit und freute sich schon auf das Ergebnis, als sie sich mit der spitzen Nadel stach. »Mist!«, fluchte sie leise und steckte den Finger in den Mund, bevor der herausquellende Blutstropfen den feinen Stoff beschmutzte.

Mit abgespreiztem Zeigefinger beendete sie ihre Arbeit, biss den Faden ab und verknotete ihr Werk. Aus ihr würde nie eine passable Näherin werden, dazu fehlte ihr jegliches Talent.

Nun wollte Christine sehen, was ihre Freundin Amalie von dem neuen Modell hielt. Bisher trug sie den geschenkten Brusthalter ausschließlich, wenn Christine zu Besuch kam.

Angekündigt.

Andernfalls öffnete Amalie ihr im Mieder unter ihrer Kleidung die Wohnungstür, da halfen Christines Ausführungen zum Thema Gesundheit und die Gefährdung selbiger aufgrund der verschobenen Organe durch die Schnürung wenig. Wenigstens trug sie kein Korsett mehr, das weit enger gezurrt wurde und weiterhin in Mode war. Obschon das Mieder sich in der Mittelschicht verbreitete, legten die Damen der Oberschicht immer noch Wert auf ihre künstlich geschnürte Wespentaille. An manchen Tagen fühlte sich Christine wie Don Quijote im Kampf gegen die Windmühlen der widerspenstigen Konventionen. Die Frauen jagten dem herkömmlichen Schönheitsideal hinterher wie ein Jagdhund einem Fuchs und riskierten, früh an Organschäden zu sterben. Selbst Schwangere schnürten sich, weil es als unweiblich galt, den gewölbten Bauch zu zeigen. Darüber schüttelte Christine am meisten den Kopf: Gab es etwas Weiblicheres als eine Schwangerschaft?

Gedankenverloren nahm sie ihr neu geschneidertes Modell, ging hinüber zur Nachbarwohnung und klopfte an die Wohnungstür. »Bist du zu Hause?«

»Komm rein«, rief Amalie durch die geschlossene Tür.

Beherzt drückte Christine die Türklinke hinunter und fand ihre Freundin über ihrem Haushaltsbuch sitzend am Küchentisch. »In wenigen Tagen ist die Miete fällig«, klagte sie anstelle einer Begrüßung. »Im Kinderzimmer von Horst stapeln sich die Töpfe und die Sparbüchse bleibt leer. Wenigstens bringt Hugo heute seinen Lohn von Herzfeld.«

Die angespannte finanzielle Situation der Familie Bentz war Christine wohlvertraut. Hugo hatte sich mit einem Haushaltswarengeschäft selbstständig gemacht und gehofft, damit mehr zu verdienen als in seiner Festanstellung als Abteilungsleiter der Haushaltswarenabteilung im Kaufhaus Herzfeld. Doch nun standen sie vor der Insolvenz. »Hat er immer noch nichts verkauft?«

Amalie schüttelte den Kopf. »Mit etwas Glück kann ich von seinem Gehalt einen Teil der fälligen Rechnungen für die eingestaubten Töpfe bezahlen, bevor der Gerichtsvollzieher bei uns vor der Tür steht.« Sie wies auf ihren vierjährigen Sohn. »Horst ist noch zu klein, sonst würde ich wie Pauline bei Jasmatzi in der Fabrik anfangen und Zigaretten stopfen.«

Seufzend setzte sich Christine zu ihr. »Es kommen wieder bessere Zeiten, versprochen.«

Horst spielte unter dem Küchentisch mit seiner Holzlokomotive und prustete, als müsse er eine äußerst schwere Fracht einen Berg hochschieben. »Vielleicht kann jemand aus der Nachbarschaft auf ihn aufpassen.«

Amalie überlegte. »Das wäre eine Idee und nach der Schule achtet Willy auf ihn. Er wird zwar maulen, aber gehorchen.« Sie schlug das Buch zu. »Was treibt dich zu mir?«

»Ich brauche deine Hilfe.« Christine schwenkte das neue Leibchen durch die Luft. »Irgendwann werde ich damit Geld verdienen, du wirst sehen!«

»Vermutlich so viel Geld wie wir mit unserem Haushaltsgeschäft im Hinterzimmer«, scherzte Amalie mit einer gewissen Tragik in ihrer Stimme.

Ganz Dresden träumte davon, mit einer Erfindung reich zu werden wie Karl August Lingner mit seinem Odol-Mundwasser. Christine hatte vor zehn Jahren ihr erstes Brusthaltermodell für Frauen erfunden und patentieren lassen, aber selbst die gemächliche Weiterentwicklung zu einem tragbaren Wäschestück schritt schneller voran als die Akzeptanz ihrer Erfindung in der Frauenwelt. »Manches braucht eben Zeit«, meinte Christine lachend, wobei sie selbst kaum noch an einen Erfolg glaubte. »Und jetzt brauche ich deine.« Sie legte das Teil auf den Tisch und betrachtete Amalies Kleid. »Warum trägst du ihn eigentlich nicht?«

»Er ist ungewohnt«, sagte sie und nahm das neue Modell zur Hand. »Der sieht hübsch aus, besser als der Vorgänger.«

Christine trug ihn immer. Sie mochte weder das Mieder noch das Gefühl, wenn ihre Brüste gar keinen Halt in ihrer Kleidung fanden und ihr beim Sport im Weg waren. Über einem eng anliegenden Unterhemd ruhten sie nun in zwei Stoffdreiecken, die sich mit einer Öse auf die passende Brustgröße anpassen ließen. Gehalten wurden sie von einer Art Hosenträger und wenn man nicht aufpasste, klatschten einem die Träger schmerzhaft um die Ohren.

»Außerdem muss ich zuerst meine alten Kleider auftragen«, entschuldigte sich ihre Freundin weiter. »Ohne Mieder bekomme ich die Knöpfe nicht geschlossen.«

»Darum geht es ja!«, schimpfte Christine. »Man kann ohne viel besser atmen. Wie sollst du schnell radfahren, wenn dir die Luft fehlt?«

»Sollte ich es noch erlernen, fahre ich eben gesittet«, erklärte Amalie und zeigte auf den vor ihr liegenden Brustträger. »Wenn du vorhast, dein neues Modell an mir auszuprobieren, koche ich uns vorher eine Tasse Kaffee.«

Christine betrachtete ihr Brusthaltermodell. »Ich habe die Größenverstellung angepasst, Lotta findet es bequemer. Sie musste aber zu den Christstollen, bevor ich damit fertig geworden bin.« Ihre Mitbewohnerin trug ihn bisher trotzdem weder bei ihrer Arbeit in der Bäckerei noch in der Bärenschenke, in der sie abends kellnerte.

Amalie gab Kaffeepulver in einen verfärbten Kaffeesack, verschloss ihn und übergoss ihn mit heißem Wasser. »Lass mal sehen.« Sie begutachtete die schmale Öse, zog daran, und das Stoffdreieck veränderte sich in seiner Größe. »Nicht verkehrt.«

»Sag ich doch!« Aufgeregt knetete Christine die Hände. »Ich bin gespannt, was du sagst.«

»Ich probiere ihn an, solange der Kaffee zieht.« Amalie zog das Kleid samt Mieder aus und stand in Pumphosen sowie in ihrem Unterhemd in der Küche.

Christine wollte ihr beim Anziehen helfen.

»Wenn es so einfach in der Handhabung ist, werde ich es allein schaffen«, lehnte Amalie ab und verschloss das Konstrukt über ihrem flachen Bauch, drehte es herum und platzierte ihre Brüste in die Stoffdreiecke. Mit dem Regulator passte sie die Dreiecke auf ihre Brustgröße an. »Er ist mir zu groß, das Band rutscht von der Schulter.«

»Das ist schnell gelöst«, erklärte Christine, nahm die Schnalle der Träger und verstellte die Länge. »Und? Wie ist es jetzt?«

»Es trägt sich angenehm.« Amalie sah an sich hinunter. »Sieht immer noch etwas fremd aus, ist aber bequemer als deine Vorgängermodelle.«

»Zieh eine Bluse darüber«, bat Christine. »Ich kümmere mich einstweilen um den Kaffee.«

Da Amalie nicht aus dem Schlafzimmer zurückkam, ging Christine ihr nach. In einem dunkelblauen Bleistiftrock und einer weißen Rüschenbluse drehte sich Amalie vor dem Standspiegel. Prüfend vollführte sie einen kleinen Hopser. »Ich kann damit sogar hüpfen, und es verrutscht nichts.«

Christine lachte. »Das ist der Plan. Das war bei den Vorgängermodellen schon so und das wüsstest du, wenn du mein Geschenk anziehen würdest.« Christine begutachtete sie aus allen Blickwinkeln. »Sieht gut aus. Er sitzt hervorragend.«

»Den hier würde ich tragen«, sagte Amalie. »Und damit will ich dir keinesfalls schmeicheln.«

Christines Herz hüpfte ihr vor Freude fast aus der Brust. Sie träumte von dem Tag, an dem alle Frauen das Mieder im Schrank hängen ließen und dieses Kleidungsstück akzeptierten. Es wäre eine Revolution im medizinischen Bereich und eine Befreiung aller Frauen von dieser verstaubten Etikette. »Danke, dann werde ich weitere Exemplare von Julia schneidern lassen.«

Julia Ackermann wohnte in der Wohnung im dritten Stock über Amalie zusammen mit Pauline Beltzig. Sie arbeitete als gelernte Stickerin für den Schneidermeister Petermann aus der ersten Etage. »Der Kaffee wartet«, erklärte Christine. »Das Modell muss ich nachher mitnehmen. Trag es solange.«

Amalie nahm zwei Kaffeetassen aus dem Schrank, stellte sie zum Topf und seufzte. »Wie wäre es, wenn du etwas erfindest, womit ein ordentlicher Kaffee gelingt?« Sie wies auf den im Wasser schwimmenden Kaffeesack. »Das sieht unappetitlich aus, ist unhygienisch und man schämt sich dafür.«

»Das musst du übernehmen.« Christine lachte. »Ich habe mit meiner Erfindung genug zu tun.«

»Ich probiere schon lange neue Möglichkeiten aus«, gab Amalie zu und goss ein. »Es misslingt immer. Egal welchen Stoff ich nehme, er ist innerhalb kürzester Zeit unansehnlich, bei manchen wird der Kaffee bitter, aber bei allen bleibt dieser unerträgliche Kaffeesatz in der Tasse.«

»Dann wirst du auf Tee umstellen müssen, der hängt in seinem Teeei fest«, scherzte Christine und nippte an ihrem Kaffee. »Wenigstens schmeckt er.«

Wenn Kaffee bitter wurde, lag es häufig am benutzten Kaffeesack, der nach einer gewissen Zeit die Bitterstoffe aufnahm und beim Aufbrühen wieder abgab, was den Geschmack verdarb. Trotzdem schmälerte der Satz in der Tasse deutlich den Genuss, da konnte die Kanne noch so hübsch auf dem Tisch aussehen.

»Es muss eine Möglichkeit geben, wie man den Kaffeesatz aus der Tasse fernhält«, hielt Amalie das Thema aufrecht.

»Mit feinem Gardinenstoff?«

Ihre Freundin verneinte. »Das ist nichts anderes als die jetzigen Kaffeesäckchen. Die verfärben sich und werden schnell brüchig, damit hast du noch mehr Satz im Mund, wenn du nicht achtgibst. Das habe ich schon ausprobiert.«

»Ernsthaft?« Ein herzhaftes Lachen drang aus Christines Kehle. »Offenbar stört dich der Kaffeesatz weit mehr als die vielen Haushaltsartikel in Horsts Kinderzimmer.«

»Musst du die erwähnen?« Amalie seufzte. »Ich verstehe nicht, warum mein Mann für das Warenhaus Herzfeld erfolgreich alle möglichen Dinge verkauft, und bei seiner eigenen Ware bleibt alles im Regal liegen.«

»Vermutlich liegt es daran, dass Herzfeld eine große Ladenfläche und einen Katalog hat. Euch fehlt beides. Wie sollen die Kunden von euren Haushaltsartikeln erfahren?« Christine leerte ihre Tasse und verzog das Gesicht. »Wenn du für den Kaffeesatz eine Lösung findest, wirst du vermögend werden wie Lingner.« Er war mit seiner Erfindung innerhalb weniger Jahre zum reichsten Mann der Region aufgestiegen. Sie selbst hatte eine Flasche Odol im Badezimmer stehen und der Drogist Julius Kallnich bot ein ganzes Regal davon in seinem Geschäft im Erdgeschoss ihres Wohnhauses an.

»Du redest Unsinn!«

»Ach, man darf doch träumen!« Christine zwinkerte ihr zu. »Immerhin trägst du meinen Brusthalter. Vielleicht könnte ich den über Katalogwerbung anbieten?«

»Du kannst unmöglich eine halb nackte Frau mit diesem Ding ablichten. Das wäre wahrlich ungehörig, geradezu obszön.«

»Ich könnte eine Zeichnung anfertigen«, spann Christine ihren Gedanken weiter. »Vorerst verkaufe ich sie im Sanatorium, die Genehmigung von Doktor Lahmann habe ich vor seinem Tod erhalten und die Erben haben sie verlängert.« Christine stellte ihre Tasse in die Spüle. »Die Arbeit ruft. Kann ich mein Modell mitnehmen?«

»Fast hatte ich vergessen, dass ich es trage«, gab Amalie zu.

»Dann bin ich einen großen Schritt weitergekommen. Sobald ich ausreichend Modelle habe, bringe ich dir eines vorbei.« Christine lehnte sich an die Spüle. »Und gegen den Kaffeesatz gibt es seit Jahrzehnten keine Lösung, sonst hätte sie schon jemand gefunden, besser, wir finden uns damit ab.«

»Seit diesem Jahr gibt es diese zeitsparenden Suppenbrühwürfel und seit Letztem Persil. Hättest du dir das träumen lassen?«

Jährlich kamen neue Erfindungen auf den Markt, die das Leben erleichterten. »Die Dienstage hasse ich trotzdem.« Christines Waschtag war an diesem Wochentag, der beheizbare Waschkessel stand im Keller und das Haus teilte sich die Kosten für die Instandhaltung und den Betrieb.

Amalie griff nach ihrem Kleid, das immer noch über der Stuhllehne hing. »Ich ziehe mich rasch um.«

Christine setzte sich zu Horst auf den Boden und spielte mit ihm Eisenbahn.

Als sie aufsah, betrachtete Amalie sie mit einem Lächeln. »Wann suchst du dir einen Ehemann? Du bist dreißig, wäre es nicht an der Zeit?«

»Darüber denke ich nach, sobald Männer eine berufstätige Frau dulden. Warum sollte ich als Ehefrau brav zu Hause am Herd stehen und die Kinder großziehen? Es gibt wahrlich Interessanteres zu tun. Warum sollte ich das den Männern überlassen?« Christine stand auf und nahm Amalie das kleine Leibchen ab.

»Es gibt zuweilen auch modernere Männer, denkst du nicht?«

Christine hatte bisher niemanden getroffen. All ihre Verehrer fanden ihr Gesundheitsbewusstsein großartig, doch keiner wollte ihr erlauben, nach der Eheschließung weiterzuarbeiten. Das würde aussehen, als könne der Mann seine Familie nicht ernähren. Aus diesem Grund hatte sie schon drei Anträge abgelehnt. Sie liebte ihre Arbeit im Sanatorium. Noch lieber wäre sie Ärztin geworden, doch dieser Traum starb zusammen mit ihren Eltern beim Unfall mit einem Pferdefuhrwerk. Christine hatte ihre Schwester Agate großgezogen, für ein Studium im Ausland blieb nach dem Verkauf des Hofs kein Geld, das brauchten sie zum Leben in der Stadt. Doch sie haderte nicht mit ihrem Schicksal, alles hatte sich zum Guten gefügt. Seither war sie nur noch für sich allein verantwortlich. Agate war seit drei Jahren mit Alfred Dams verheiratet und betrieb mit ihm das Café Parsifal, das Christine häufig auf eine Tasse heiße Schokolade besuchte. Nirgendwo schmeckte sie so gut wie dort.

Ihr kam eine Idee, wie sie ihrer Freundin den Wind aus den Segeln nehmen konnte, denn Amalie lag ihr mit dem Thema, sich einen Ehemann zu suchen, öfter in den Ohren. »Sobald es eine Erfindung gegen den Kaffeesatz in der Tasse gibt, heirate ich, versprochen.«

»Abgemacht! Da haben wir dann beide etwas davon.« Lachend hielt Amalie ihr die Hand hin. »Mit ein wenig Glück begegnest du vorher einem Mann, der dich nicht an den Herd zwingt.«

»Beides wird nicht geschehen.« Grinsend schlug Christine ein.

2Christine

Christine radelte an der Elbe entlang in Richtung Blasewitz, überquerte die König-Albert-Brücke und hielt an der Schwebebahn-Station in Loschwitz. Für die Fahrt auf den Berg besaß sie eine Monatskarte, da sie täglich in den Weißen Hirsch fuhr, wo sich das Lahmann-Sanatorium befand. Bei sonnigem Wetter radelte sie den Berg hoch in den Vorort, doch an diesem Oktobernachmittag war es empfindlich kalt und der Himmel versprach einen kräftigen Regenschauer, auf den sie gerne verzichtete. Zudem war sie nach ihrem Besuch bei Amalie etwas spät dran.

Gewohnheitsmäßig knöpfte sie ihre Fahrradhosen mit wenigen Handgriffen zu einem sportlichen Rock, wie es sich geziemte, solange man nicht auf einem Rad saß. Es genügte ihr schon, die entrüsteten Blicke zu ertragen, weil sie kein Mieder trug.

»Ach, wertes Fräulein, wie oft muss ich es Ihnen sagen, Ihr Fahrrad stört die anderen Fahrgäste«, meckerte der Fahrkartenkontrolleur.

»Ich brauche es in Oberloschwitz, um damit zur Arbeit zu gelangen«, erklärte Christine mit gespielt niedergeschlagenem Gesichtsausdruck. Das tat sie so regelmäßig, wie er sie darauf hinwies, mit ihrem Rad zu stören, obwohl sich bisher niemand darüber beschwert hatte.

Der Schlagabtausch schien diesem Mann Freude zu bereiten, denn wie gewohnt verdrehte er entnervt die Augen, gab einen Wimpernschlag später aber dennoch den Weg frei. »Dann will ich mal nicht so sein.«

»Vielen Dank.« Routiniert hob sie das Rad über die Einstiegsschwelle, ging in den hinteren Gondelbereich und hoffte, niemanden zu behindern.

Den Blick auf das ihr zu Füßen liegende Dresden genoss Christine bei jeder Fahrt. Bei Sonne glitzerte die Elbe wie ein silberner Pfad, der sich mitten durch die Stadt zog, an diesem Tag wirkte sie mehr wie ein brauner Regenwurm, der sich unter einigen Brücken durchwand. Der kühle Fahrtwind in der offenen Gondel ließ sie die Schultern hochziehen.

Die Fahrt dauerte fünf Minuten.

Christine stieg zuletzt aus, um niemanden zu stören, und beeilte sich, rasch zum Sanatorium zu kommen.

Gerade noch pünktlich schaffte sie es ins Besprechungszimmer, wo Doktor von Düring und weitere Kollegen an einem runden Tisch saßen und auf den Beginn der Besprechung warteten. Nur Doktor Schneider betrat noch später mit einigen Dokumenten in der Hand den Raum.

»Nachdem wir vollzählig sind«, begann Doktor von Düring seine Ansprache, »möchte ich unmittelbar zum Thema kommen. Wir haben zwei besondere Gäste bei uns und ich erwarte von Ihnen allen höchste Diskretion.«

Gespannt wartete Christine, um wen es sich handelte. Zuvor hatte sie schon Thomas Mann, Franz Kafka und Rainer Maria Rilke kennengelernt. Rilke hatte ihr nach einer Massage seiner verspannten Schultern ein Exemplar des Stundenbuchs geschenkt, in dem sie gerne las. Die Patienten kamen inzwischen aus allen Teilen der Welt, weswegen Doktor Lahmann seinen Angestellten noch vor seinem Tod Englischunterricht verordnet hatte, was sich rasch als überaus nützlich erwies.

»Jesko von Puttkamer in Begleitung von Frau von Germar sind für vier Wochen unsere Gäste, beide müssen sich nach der Gerichtsverhandlung dringend erholen.« Doktor von Düring blickte ernst in die Runde. »Niemand wird ein Wort über den Prozess verlieren oder die Dame kompromittieren.«

Nach der öffentlichen Schlammschlacht wunderte es Christine, dass von Puttkamer es wagte, seine verheiratete Geliebte mitzubringen. Seit dem Prozess galt als erwiesen, dass er ihr einen falschen Pass besorgt hatte, damit sie ihn unter dem Namen Freiin von Eckardstein auf seiner Reise nach Kamerun begleiten konnte. In Kamerun sah er einer weiteren Anklage entgegen, da er in einen Skandal um Vorteilsnahme bei einer Pflanzungsgesellschaft verwickelt schien. Die Richter verurteilten ihn zu einer Geldstrafe von eintausend Mark und gaben ihm einen Verweis. Gegen das Urteil ging er in mehreren Instanzen vor, was damit endete, dass ihm die Geldbuße aufgrund seiner wertvollen Dienste in Afrika erlassen wurde. Der Vorfall besiegelte dennoch zeitgleich das Ende seiner politischen Laufbahn; er wurde zwangspensioniert. Andere Menschen hätten sich einer Bezahlung der Strafe nicht entziehen können.

Bei den Geschehnissen verwunderten Christine seine körperlichen Beschwerden nur wenig. Ob es klug war, seine Geliebte mitzubringen, stand auf einem anderen Blatt.

Doktor von Düring sah Christine an. »Fräulein Hardt, Sie kümmern sich um das Wohlergehen von Frau von Germar, beide bekommen eine vegetarische Diät, Schwimm- und Sportübungen, dazu Luftbäder und Massagen verordnet. Herrn von Puttkamer betreue ich mit Doktor Schneider zusammen.« Er wandte sich an den Chefkoch. »Ich erwarte höchste Qualität der Speisen.«

Der Maître sah ihn pikiert an. »Wir verwenden immer beste Zutaten.«

»Dann kennt jeder seine Aufgaben.« Doktor von Düring erhob sich und wandte sich an den Geschäftsführer, Doktor Schneider. »Bitte überwachen Sie die Sportstunden in Abstimmung mit mir, wir dürfen uns keinen Fehler erlauben.«

»Der Meinung schließe ich mich an«, bestätigte Doktor Schneider.

Damit war die Besprechung aufgehoben. Christine wollte sich umgehend bei ihrem Neuzugang vorstellen und den kommenden Tagesablauf planen.

Sie lehnte sich an den Tresen der Rezeption. »Hallo Helene, wo ist Frau von Germar untergebracht?«

»Lass mich rasch nachsehen.« Helene strich sich über ihren Dutt und blätterte in ihrer Kartei. »Ah, hier ist sie ja. Zimmer 416, im Ostflügel.«

»Danke.« Christine nahm die Abkürzung durch den Nordflügel des Hauptgebäudes, in dem es im Moment vor Arbeitern wimmelte, um die Renovierungsarbeiten rasch abzuschließen. Der Ostflügel war weit genug entfernt, um nichts von den Bauarbeiten mitzubekommen. Neugierig auf die Frau, beschleunigte sie ihren Schritt. Hoffentlich hielt sie sich in ihrem Zimmer auf, sonst müsste sie Minna von Germar auf dem weitläufigen Gelände suchen.

Die geschwungenen Zahlen der Zimmernummer glänzten frisch poliert. Christine klopfte drei Mal.

»Moment«, rief eine männliche Stimme.

Verwundert zog Christine die Augenbrauen hoch. Hatte Helene sich in der Nummer geirrt?

Die Tür schwang auf und ein stattlicher Mann stand vor ihr. Problemlos erkannte sie ihn aufgrund der vielen Fotos in der Tageszeitung. »Guten Tag, Herr von Puttkamer, ich hoffte, Frau von Germar hier anzutreffen. Ich muss mich im Zimmer geirrt haben.«

»Keineswegs«, widersprach er. Hinter ihm entdeckte Christine eine schick gekleidete Frau. »Treten Sie ein, ich wollte gerade gehen.« Bevor er in den Gang hinaustrat, verabschiedete er sich von seiner Geliebten mit einem dezenten Wangenkuss. »Wir sehen uns beim Abendessen.« Dann gab er den Weg frei.

»Komme ich ungelegen?«, hakte Christine dennoch nach. »Ich bin für Ihr Wohlergehen zuständig, außerdem möchte ich Ihnen vor dem Essen die Anlage zeigen.«

»Oh, wie wunderbar, treten Sie ein.« Die Frau blieb inmitten ihres komfortablen Zimmers stehen. Ihre Kleider lagen verstreut auf dem Bett, offenbar hatte sie bisher keine Gelegenheit gehabt, ihre Garderobe einzuräumen.

»Ich bin Fräulein Hardt«, stellte sich Christine vor. »Mit mir haben Sie Leibesertüchtigung, außerdem werde ich Sie massieren.« Sie betrachtete das himmelblaue Kleid, sehr schick und extrem geschnürt. »Besitzen Sie Sportkleidung?«

»Gewiss«, erklärte Frau von Germar und schritt auf den Kleiderberg zu. »Einen Moment.« Beinahe hektisch und wenig standesgemäß hängte sie die Abend- und die Tagesgarderobe in den Schrank. Das Gewicht ließ sie schnaufen, die Schnürung des Korsetts raubte ihr wörtlich den Atem. Sie hielt sich einen Moment an der Schranktür fest, bis sie wieder Luft fand. »Ach, hier ist sie ja.«

Das Sportkleid war neu und modern, dabei lag ein Fischbeinkorsett.

»Ein Korsett eignet sich nicht für den Sport.« Christine rechnete mit Widerstand, wie er gewöhnlich kam, wenn sie das Thema anschnitt. »Es gibt eine Neuheit, die ich Ihnen heute gerne zeige, dafür müssten Sie sich frei machen.« Aus ihrer Schultertasche nahm sie ihr neues Brusthaltermodell und hielt es vor die irritierte Frau.

Die Überraschung erlaubte einen Blick in aufgerissene kornblumenblaue Augen, in denen sich ihre Ablehnung abzeichnete. »So ein Teil muss ich tragen?«

»Richtig«, log Christine, nachdem die Frau ihr die Vorlage servierte wie ein Kellner ein verlockendes Dessert. »Wir sind hier in einem Sanatorium. Sehen Sie mich an«, bat sie und zeigte auf ihren natürlichen Körper. »Niemals könnte ich im Mieder den ganzen Tag Sport treiben. Zu den Mahlzeiten können Sie sich umziehen, da steht es Ihnen selbstredend frei, sich nach der aktuellen Mode zu kleiden.« Etwas, das Christine schon seit Jahren nicht mehr tat. »Dieses Brustleibchen ist praktisch, Sie bekommen besser Luft und Ihre Organe bleiben an der medizinisch vorgesehenen Stelle.«

»Was meinen Sie damit?« Das Entsetzen in der Stimme von Frau von Germar war unüberhörbar. »Sind sie das sonst nicht?«

»Nein, die Organe werden durch das Korsett in andere Richtungen gequetscht, je nachdem, wie eng man den Leib schnürt. Sind Sie jemals in Ihrem Leben in Ohnmacht gefallen?«

»Wer tut das nicht?« Die Frau sah sie verständnislos an.

Christine lächelte professionell. »Daran ist ausschließlich die enge Schnürung schuld. Wenn Sie sich hier erholen und zu guter Gesundheit zurückfinden möchten, und dazu sind Sie hergekommen, lassen Sie es bitte während der Anwendungen weg.« Sie reichte ihr den Brusthalter. »Wollen Sie ihn anprobieren?«

Mit spitzen Fingern nahm Minna von Germar das Modell in die Hand. »Und das soll die Brust tragen?«

»Meine stützt es. Zudem ist es eine Empfehlung von Doktor Lahmann«, übertrieb Christine ein wenig die Tatsachen. Der vor drei Jahren verstorbene Gründer des Sanatoriums war ein früher Verfechter für Baumwollunterwäsche und gegen eine Miederschnürung. »Er war eine Koryphäe auf seinem Gebiet.«

»Aus diesem Grund wollte Jesko hierher. Das Haus hat einen Ruf von Welt!« Gemächlich zog sich Frau von Germar aus.

»Ich helfe Ihnen mit dem Korsett«, bot Christine an. »Sollte Ihnen dieses Modell passen, lasse ich über Nacht eines für Sie anfertigen.«

Frau von Germar hielt inne und lächelte. »Man hat uns vom Service dieses Sanatoriums nicht zu viel versprochen.«

Christine half ihr beim Anziehen des Brustleibchens. Sie zog den Stoff passend durch die Öse, fixierte die Körbchen und zurrte die Träger fest. Im gleichen Moment kam ihr der Gedanke, ein leichteres Gummiband zu nehmen, um den Tragekomfort zu erhöhen. Zudem brauchte die Frau kleinere Stoffdreiecke für Ihre Brust, da der Stoff Falten schlug. »Etwas zu groß, aber das lässt sich anpassen. Wie finden Sie es?«

Frau von Germar ging zum Spiegel und betrachtete sich. »Gewagt, fast schon verrucht«, flüsterte sie. »Mit etwas Stickerei wäre es hübsch anzusehen.«

»Hüpfen Sie einige Male auf der Stelle«, bat Christine und notierte im Geiste die Idee mit den Verzierungen.

Auch bei heftigeren Bewegungen verrutschte nichts.

»Beeindruckend«, staunte Frau von Germar. »Sie passen ihn tatsächlich an meinen Körper an?«

»Selbstverständlich.« Christine freute sich über die unverhohlene Begeisterung. »Dann lasse ich Ihnen einen anfertigen?«

»Unbedingt.« Frau von Germar drehte sich erneut vor dem Spiegel und lächelte. »Und jetzt helfen Sie mir wieder in mein Korsett«, bat sie. »In einer Stunde wird das Abendessen serviert.« Die starren Fischbeine wirkten wie ein Panzer. Christine schnürte sie weniger fest und Frau von Germar ließ den Umstand unkommentiert.

»Vorher zeige ich Ihnen die Anlage«, schlug Christine vor. »Nebenbei legen wir den Stundenplan für morgen fest.«

Wenig später schlenderten sie zusammen über den Außenbereich. »Hier nehmen Sie Sonnenbäder, das stärkt Ihre Abwehr, die Schwimmstunde haben Sie im angrenzenden Hallenbad für Damen.«

»Im Freien wäre es mir ohnehin zu kalt«, wandte Frau von Germar ein.

»Um Luftbäder werden Sie nicht herumkommen«, gab Christine zu bedenken.

»Was ist das?«

»Liegekuren im Freien zur Abhärtung, im Anschluss erhalten Sie eine heiße Fangopackung und eine Massage zur Entspannung.« Christine ging weiter. »Sehen Sie diese Räume? Das sind unsere Lufthütten.«

Die Frau betrachtete die auf Stelzen stehenden Bauten ohne Wände. »Wohn- und Schlafzimmer befinden sich im Freien?«

»Vielen Patienten hilft das. Für Sie ist es nicht vorgesehen, für Sie stehen Wanderungen in der Heide auf dem Programm und Gymnastik vor dem Frühstück sowie Tennis.« Christine nahm den Weg zum Speisesaal. »Haben Sie schon von elektrotherapeutischen Behandlungen gehört? Oder von Inhalationen und UV-Licht-Bädern?«

»Nein. Das alles soll ich machen? Das klingt nach einer anstrengenden Tagesbeschäftigung.« Frau von Germar schob ihre Unterlippe vor wie ein trotziges Kind.

»Dafür sind Sie hergekommen, hier werden Sie ganzheitlich behandelt.« Christine kannte die anfänglichen Klagen, die nach drei Tagen abklangen, sobald sich die Patienten daran gewöhnt hatten. Sie blieb vor dem Speisesaal stehen. »Ich hole Sie morgen um sieben Uhr in Ihrem Zimmer ab und bringe Ihnen das neue Brusthaltermodell, damit sie es zur Gymnastik tragen können.«

Frau von Germar seufzte. »Da habe ich wohl keine andere Wahl«, meinte sie schicksalsergeben.

Christine lächelte. »Bis morgen.« Die Frau hatte offenbar mit einer gemütlichen Urlaubsreise gerechnet, doch ging ein Aufenthalt im Lahmann-Sanatorium weit darüber hinaus.

Die Nacht brach herein und verwandelte die Stadt unter ihr purpurfarben, als Christine auf ihr Rad stieg und den Berg hinuntersauste. Sie hatte es eilig, sie musste Julia dazu überreden, für die Erstellung eines neuen Modells mit ihr zusammen eine Nachtschicht einzulegen.

Christines Mitbewohnerin Lotta wäre inzwischen bei ihrer Arbeit in der Bärenschenke. Seit Lotta im Morgengrauen in der Bäckerei arbeitete und abends kellnerte, sahen sie sich nur selten. Gerne hätte sie heute in der Webergasse bei ihr gegessen, doch würde Julia ihr vermutlich im Anschluss nicht mehr öffnen, da sie sich früh schlafen legte. Christine trug ihr Fahrrad in den Hinterhof und eilte hoch in den dritten Stock. »Julia? Bist du zu Hause?«, rief sie, begleitet von einem forschen Anklopfen.

Die Tür schwang auf, und Julias zarte Gestalt erschien im Türrahmen. »Es muss ja kolossal wichtig sein, wenn du so polterst«, kommentierte sie mit einem schiefen Grinsen Christines Auftritt und gab den Weg frei. »Möchtest du mitessen? Pauline hat ihren leckeren Eintopf gekocht.«

Dieses Angebot kam Christine mehr als gelegen. »Wenn es keine Umstände macht. Ich war vormittags mit meinem neuen Modell beschäftigt, Lotta musste es anziehen, Amalie auch, und jetzt habe ich einen Auftrag von einer prominenten Patientin aus dem Sanatorium.«

»Eine echte Bestellung mit Bezahlung?« Julias braune Augen funkelten wie polierte Kohlestücke.

Da fiel Christine etwas ein. Sie hatten keinen Preis vereinbart, aber vermutlich spielte Geld in der Welt dieser Menschen nur eine untergeordnete Rolle. »Kannst du mir helfen? Allein schaffe ich es nicht, du kennst doch meine zwei linken Hände, wenn es ums Nähen geht. Außerdem hätte die Kundin gerne gestickte Verzierungen.«

Pauline rief aus der Küche. »Kommt ihr?, das Essen wird kalt.«

Christine setzte sich an den Tisch, während Julia einen dritten Suppenteller auftrug.

»Wie sieht dein aktuelles Modell aus?«, fragte Pauline und schöpfte die Teller voll.

»Ich muss neue Gummibänder aus meiner Wohnung holen, damit der Brusthalter bequemer ist. Aber erst esse ich, außer dem Frühstück hat mein Magen heute noch nichts gesehen.« Christine schob sich einen Löffel in den Mund. »Lecker«, lobte sie die unverhoffte Mahlzeit. »Diese Frau ist aus der Oberschicht, wenn ich sie von meinem Modell überzeuge, wird sie es weiterempfehlen.«

»Dann solltest du besser bei Schneider Petermann in die Lehre gehen«, meinte Julia lachend. »Bei ihm bin ich nur, weil sich meine Stickarbeiten nicht gut genug verkaufen. Nun ja, auch das Geigenspiel des neuen Mieters gegenüber spielt eine Rolle.« Sie zwinkerte ihr verschwörerisch zu. »Zusätzlich für dich zu nähen, schaffe ich zeitlich niemals.«

Christine wusste von Julias Schwärmerei für Paul Berchhelm. Ihr gefiel nicht nur sein virtuoser Umgang mit der Geige. »Petermann würde mich nach dem ersten Tag entlassen.« Christine lachte und verschluckte sich an der Suppe.

»Ich fürchte, sie hat recht«, hieb Pauline in die gleiche Kerbe. »Die Arbeit wird an dir hängen bleiben. Dazu sind gute Freunde schließlich da.«

3 Julia

Für ihre Freundinnen würde sich Julia vieles aufbürden, ein Geben und Nehmen festigte ihre Beziehung untereinander. Niemals würde sie vergessen, wie Christine ihr das Leben gerettet hatte, nachdem sie sich bei ihrem Vater mit Tuberkulose angesteckt hatte. Die tagelange Pflege bis zu seinem Tod hatte sie selbst krank gemacht. Obwohl Christine erst kurz im Sanatorium gearbeitet hatte, machte sie sich bei Doktor Lahmann dafür stark, Julia kostenlos aufzunehmen und zu behandeln. Seither wurden dort immer wieder mittellose Dresdner Bewohner gratis behandelt.

Ohne ihre Freundin wäre sie tot und begraben wie ihr Vater. Dankbar saß Julia an der Nähmaschine und nähte die komplizierten Säume des neuen Brusthaltermodells für die Patientin aus dem Sanatorium, anstatt friedlich in ihrem Bett zu schlafen. Mit den leichteren Gummibändern kam sie besser zurecht als mit den zugkräftigen, die sie mit Gewalt in die Länge ziehen musste, damit die Naht unter der Belastung der Verstellbänder nicht riss. Die Bänder würden zusätzlich weniger in die Schultern schneiden. Der zarte Rosaton der Dreiecke wirkte hübscher als das bisherige Wollweiß.

Julia gähnte, als sie den Schlitten der Maschine ausspannte, ihr Werk besah und sich auszog, um das Modell anzuprobieren. Die Veränderung spürte sie sofort, der Tragekomfort hatte sich um ein Vielfaches verbessert. Obwohl die Küchenuhr zweimal schlug und sie sich hundemüde fühlte, holte Julia weißes Nähgarn und begann zu sticken. Die kleinen Röschen auf den Stoffdreiecken verband sie mit Ranken. Die Arbeit ging ihr routiniert von der Hand, dennoch stach sie sich manchmal in die Fingerkuppe, weil sie es hasste, mit einem Fingerhut zu sticken. Das Gefühl für das Material fehlte ihr dabei. Sie schnitt den Faden ab, steckte den Finger in den Mund und schmeckte Blut. Es würde bald aufhören, das war immer so. Zufrieden mit ihrem Werk, legte sie sich um halb vier Uhr morgens schlafen.

»Aufstehen«, weckte Pauline sie. »Sonst kommst du zu spät. Der Brusthalter sieht wunderschön aus, da hast du tolle Arbeit geleistet.«

Julia streckte sich und blinzelte verschlafen, als Pauline die Vorhänge zurückzog und das Fenster öffnete. »Ich bin zufrieden, mal sehen, was Christine sagt.«

»Die wird dir weitere Aufträge zukommen lassen, davon bin ich überzeugt.« Pauline warf ihr eine Kusshand zu. »Ich muss los, sonst komme ich zu spät in die Fabrik, bis nach Striesen brauche ich länger als du zu Petermann.«

»Bring mir eine Schachtel Ramses mit«, bat Julia, da Pauline in der Jasmatzi-Fabrik vergünstigt an die Zigaretten herankam. »Oder Salem, was du billiger bekommst.«

»Mach ich«, rief sie von der Wohnungstür. »Ich lasse Christine rein, steh auf!«

Im Nachthemd und barfuß tapste sie über den kalten Fliesenboden in die Küche. Christine betrachtete das Resultat ihrer Nachtschicht. »Was sagst du?«

»Ich liebe es!« Christine hielt den Brusthalter vor sich. »Die Stickereien sind bezaubernd. Du solltest nur noch sticken.«

»Das wäre herrlich!« Doch unmöglich, Julia verkaufte zu wenig von ihren Arbeiten, um mit dem Einkommen über die Runden zu kommen. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen. »Entschuldige meinen Aufzug. Lass mich wissen, wie deiner Patientin dieses Schmuckstück gefällt.«

»Ich bezahle dich, sobald sie mich bezahlt hat«, sagte Christine und verstaute das Leibchen in ihrer großen Schultertasche. »Ich fürchte, ich werde dir weitere Aufträge bringen, nachdem du so gute Arbeit geleistet hast.«

»Darüber reden wir später«, wandte Julia ein und gähnte. Das Lob freute sie trotzdem. »Jetzt muss ich den Tag bei Fritz Petermann durchstehen, der ist an manchen Tagen schrecklich fordernd.«

Christine küsste sie auf die Wange. »Ich bin dir unendlich dankbar. Ich übernehme zusätzlich zwei Mal deine Kehrwoche, einverstanden?«

Das Angebot rührte Julia. »Das brauchst du nicht, du hast genug für mich getan.«

»Ach, fang nicht wieder mit diesen Kamellen an. Wir sind Freundinnen. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, lass mich das übernehmen, ja?« Christine sah sie flehend an.

Julia hasste es, das Treppenhaus und die Flure zu wischen, also gab sie nach. »Das könnte eine famose Regelung für die Zukunft sein.«

»Danke dir! Ich muss los!« Christine warf ihr eine Kusshand zu und verschwand.

Julia hörte die Tür ins Schloss fallen und setzte Kaffeewasser auf. Bis es kochte, machte sie sich für einen Tag fertig, den sie nur mit einem extrastarken Kaffee überstehen würde. Sie gab den gut gefüllten Kaffeesack in das kochende Wasser und ließ das Gebräu ziehen, bis es eine tiefschwarze Farbe zeigte.

Ein Blick auf die Uhr mahnte sie zum Aufbruch, sie leerte die Kaffeetasse und vergaß den Satz, der sandig in ihrem Mund landete. Genervt spuckte sie ihn zurück in die Tasse. »Verdammt noch mal!« Sie eilte zur Spüle und wusch sich die Mundhöhle aus. So ein Malheur geschah ihr nur, wenn sie unausgeschlafen war. Hastig verließ sie die Wohnung, stürmte die zwei Etagen nach unten und stieß am Treppenabsatz mit Paul Berchhelm zusammen. Sein schwarzes Haar saß perfekt und in seinem Anzug sah er imposant aus. Julias Herzschlag verdoppelte sich beim Blick in seine sanften Augen.

»Guten Morgen, Fräulein Julia, wohin so eilig?«

»Entschuldigen Sie, aber Herr Petermann erwartet mich zur Arbeit«, erklärte sie ihr ungestümes Verhalten. »Sie sehen aus, als würden Sie die Oper besuchen.«

»Wie Sie wissen, bin ich erster Geiger im Orchester und in einer Stunde ist Vorpremierenprobe.« Er lächelte sie an. »Deshalb heute der Anzug. Müsste ich nicht selbst spielen, würde ich Sie zu einer Vorführung einladen.«

Julia fühlte sich geschmeichelt. Sie träumte schon lange davon, von Paul Berchhelm zu einem Spaziergang oder einem Nachmittagstee eingeladen zu werden. »Ich würde gerne mit Ihnen in die Oper gehen.« Bisher schenkten sie sich nur verstohlene Blicke. An manchen Tagen fürchtete sie, er wäre nur höflich in seinen Worten. Mehr als ihm mit so kleinen Hinweisen ihre Gunst zu zeigen, verbot die Etikette.

Er zwinkerte ihr zu. »Um Sie zu begleiten, müsste ich mich krankmelden.«

Paul hatte seine Einladung nicht ernst gemeint. Seine Absage schmerzte sie wie eine Ohrfeige. Enttäuscht zeigte Julia auf die Schneiderei. »Verzeihen Sie, sonst bekomme ich Ärger.«

»Das würde ich nicht verschmerzen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag«, verabschiedete er sich. Für einen Wimpernschlag glaubte Julia, sie hätte ihn unterbrochen und er hätte etwas anderes sagen wollen.

Der Moment verstrich.

»Gute Probe!«, wünschte sie ihm, betrat die Schneiderei und setzte sich nachdenklich an ihren Arbeitsplatz. Sie sollte ihn sich aus dem Kopf schlagen. Das sagte sie sich immer wieder, bis sie sein fast schon liebevolles Geigenspiel hörte. In ihm steckte so viel Gefühl und Leidenschaft, was Julia die Sinne vernebelte und träumen ließ. Doch solche Absagen führten ihr vor Augen, dass ausschließlich sie sich mehr von ihm erhoffte.

Auf ihrem Tisch lagen einige Kleidungsstücke, die ihr Chef ihr am Vortag hingelegt hatte. Wenn sie schnell mit ihrer Arbeit fertig wäre, würde Fritz Petermann sie mit etwas Glück früher gehen lassen. Darauf hoffte sie, zudem verging der Tag leichter, solange sie sich beschäftigt hielt.

Ihr Chef hieß einen Mann willkommen. »Ist mein Anzug fertig?«

»Bis auf die letzten Änderungen, die nach einer Anprobe vielleicht notwendig sind«, wich Petermann aus. »Möchten Sie einen Kaffee, Herr Lingner?«

Den Namen kannte in Dresden jeder. Neugierig unterbrach Julia ihre Näharbeit und sah auf. Im Raum stand ein stattlicher Mann, sicherlich einen Kopf größer als sie, mit einem dichten Bart, der über der Oberlippe keck in Form gezwirbelt war. Trotz seines fortgeschrittenen Alters besaß er eine beeindruckende Erscheinung.

»Lassen Sie uns gleich an die Arbeit gehen, ich werde in der Fabrik erwartet.« Gefolgt von Lingner ging Petermann in den Umkleidebereich. »Wie ergeht es meinem alten Freund?«

»Ausgezeichnet«, gab Petermann zum Besten. »Ich habe mehr Aufträge, als ich bewältigen kann.«

»Famos. Dann sollten Sie jemanden einstellen, der Ihnen zur Hand geht«, schlug Lingner vor.

Petermann lachte. »Mehr als eine Hilfsnäherin bringe ich hier kaum unter.«

»Dann erwägen Sie einen Umzug, mit etwas Reklame würde sich ein eigenes Ladengeschäft für Sie lohnen.«

Karl August Lingner.

Julias Mutter arbeitete für ihn und hielt große Stücke auf den Fabrikanten, der nun ausgerechnet in Petermanns Schneiderei stand. Der Umgang der beiden Männer zeigte eine langjährige Bekanntschaft, was Julia verwunderte, da Petermann nicht zu den reichen Persönlichkeiten Dresdens gehörte.

»Fräulein Julia«, brüllte ihr Chef. »Bringen Sie mir die Abstecknadeln.«

Wie befohlen brachte Julia das auf dem Tisch liegende Nadelkissen. »Bitte, Herr Petermann.« Sie wandte sich an Lingner. »Guten Morgen, der Herr«, gab sie vor, ihn nicht zu kennen.

Er bedachte sie mit einem prüfenden Blick, bevor er ihr ein Lächeln schenkte, das seine Augen aufblitzen ließ. Sein Haar lichtete sich inzwischen, was seiner Attraktivität keinen Abbruch tat. Sein Auftreten und die Aura von Erfolg umhüllten ihn wie verführerisches Parfum.

Petermann steckte einen Ärmel neu ab. »Den müssen wir drei Millimeter kürzen, im Anschluss passt die Anzugjacke perfekt.«

»Dann kleide ich mich wieder um«, antwortete Lingner, und Julia entfernte sich diskret aus dem Raum.

Der Mann blieb im Gang stehen, Julia sah auf und sie blickten sich in die Augen. »Auf Wiedersehen, Fräulein Julia.«

»Auf Wiedersehen«, erwiderte sie den Gruß und wandte sich erneut ihrer Näharbeit zu.

Petermann sagte seinem Kunden an der Tür Lebwohl, bevor er sich an Julia wandte. »Heute nach der Arbeit bringen Sie Herrn Lingner den Anzug.«

Zeitgleich mit Herrn Lingner verabschiedete sich auch Julias Hoffnung auf einen frühzeitigen Feierabend.

Die Änderungsarbeit übernahm ihr Chef persönlich. Kurz vor neunzehn Uhr brachte Petermann den in einer schützenden Schachtel liegenden Anzug. »Leubnitzer Straße 30. Ich verlasse mich auf Sie.«

Der Fußweg würde sie eine halbe Stunde kosten. »Ich hole meinen Mantel, bin gleich zurück.« Nach ihrer Rückkehr würde sie müde ins Bett fallen.

Auf dem Weg durch die Stadt überlegte Julia, wie Lingner wohnte. Man hörte vieles über ihn, angeblich hatte er eines der Elbschlösser gekauft und ließ es aufwendig sanieren und umbauen. Überhaupt rankten sich unzählige Geschichten um diesen erfolgreichen Geschäftsmann. Auf der Leubnitzer Straße reihten sich die Prachtvillen aneinander. Vor der Hausnummer 30 blieb sie stehen. Ein ausladendes, zweigeschossiges Gebäude mit einem erhöhten, säulenbewachten Terrassenbereich ragte über dem Hauseingang in den Nachthimmel. Darüber lag eine weitere Terrasse ohne Überdachung, die Räume dahinter mussten tagsüber durch die hohen Bogenfenster lichtdurchflutet sein. Julia stieg die fünf Stufen nach oben und klopfte an.

Eine schwarz gekleidete Hausangestellte öffnete und sah sie fragend an.

»Ich habe eine Lieferung für Herrn Lingner. Persönlich.« Das hatte Petermann ihr aufgetragen. Lingner sollte den Anzug selbst annehmen, begutachten und bezahlen.

»Einen Moment, ich sehe nach, ob er Sie empfängt.« Sie schloss die Tür und ließ Julia wie einen hungrigen Bettler auf der Treppenstufe stehen.

Nur wenige Minuten später schwang die massive Holztür erneut auf. »Ich bringe Sie in sein Büro.«

Julia folgte der Frau, die durch die offen stehende Tür trat und sie abschätzig anblickte. »Das Lieferantenmädchen.«

»Das werte Fräulein Julia, wie schön!« Lingner stand von seinem Stuhl auf und kam auf sie zu. »Lassen Sie sehen.« Er nahm ihr das Paket ab, ließ sie dabei jedoch kaum aus den Augen. »Margarete, bringen Sie uns Kaffee.« Er wandte sich an Julia. »Sie trinken doch eine Tasse?« Zeitgleich zog er den Anzug aus dem Karton und hielt ihn hoch. »Sehr schön.«

»Ja, danke«, nahm sie das Angebot an. Ein weiterer Kaffee würde ihre Füße etwas leichter nach Hause führen.

»Legen Sie ab und setzen Sie sich«, bat Lingner.

Julia zog den Mantel aus und hängte ihn über eine Sessellehne. »Ist er zu Ihrer Zufriedenheit?«

»Er ist perfekt, wie die Botin, die ihn mir gebracht hat«, meinte er und zwinkerte ihr zu. »Sie sind weit attraktiver als mein Freund Fritz.«

Julia spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. »Herr Petermann bat mich, die offene Summe zu kassieren.«

Lingner legte den Anzug zurück in die Schachtel und entnahm ihm die beigefügte Rechnung. »Wie vereinbart.« Mit einem Lächeln holte er das Geld aus seiner Geldbörse, zählte die Summe ab und ließ sie auf seinem Schreibtisch liegen. »Ich bezahle Ihnen die Hälfte mehr, wenn Sie heute mein Gast zum Abendessen sind. Ich esse ungern allein.«

Das Angebot war verlockend, doch es geziemte sich nicht für eine alleinstehende Frau, im Haus eines fremden Mannes zu speisen. Andererseits waren mehrere Angestellte anwesend. Julia überlegte, was sie tun sollte. Ihr knurrender Magen verriet sie.

»Ich kann Sie unmöglich hungrig zurückgehen lassen. Tun Sie mir den Gefallen.«

»Sehr gerne«, gab Julia, von Neugierde gepackt, nach. Dieser Mann hatte all das erreicht, wovon die anderen Dresdner träumten. Aus dem Nichts hatte er ein unfassbares Vermögen erwirtschaftet. Mit etwas Geschick könnte sie Rat von ihm für den Verkauf ihrer Stickarbeiten einholen.

Margarete brachte den Kaffee.

»Wir trinken ihn später. Lassen Sie ein weiteres Gedeck auftragen, das Fräulein Julia bleibt zum Abendessen. Ich hoffe, das Essen ist servierfertig.«

Die Haushälterin rauschte ab.

Lingner kam auf sie zu, hielt ihr den Arm hin und lächelte sie an. »Danke für Ihre Gesellschaft, so wird der Tag doch noch vergnüglich.«

Ihr fehlten die passenden Worte, also schwieg sie, legte ihre Hand auf den angebotenen Arm und ließ sich wie eine feine Dame in das elegante Esszimmer begleiten. Weiße Damasttischdecke, edles Porzellan, das Besteck funkelte im Kronleuchterschein. Margarete stellte auf dem zweiten Platz noch die Gläser bereit und trat einen Schritt zurück. »Das Essen wird umgehend aufgetragen.«

»Setzen Sie sich«, bat Lingner. »Trinken Sie Wein?«

»Danke.« Sie setzte sich und sah sich um, während Lingner ihr ein Glas Rotwein servierte. Prächtige Lüster hingen von der Decke, der Tisch bot Platz für dreißig Personen, sie saßen sich am Kopfende in diesem perfekt eingerichteten Raum gegenüber. Der Duft von frischen Blumen lag in der Luft, gedämpft vom Duft des leisen Knistern des Kaminfeuers. Es stimmte alles, nur sie passte in ihrem schlichten Kleid nicht an diesen prachtvoll gedeckten Tisch.

»Ich hoffe, Sie mögen Sauerbraten mit Kartoffelklößen und Rotkraut«, plauderte er. »Zumindest habe ich das heute Morgen in Auftrag gegeben.«

»Es ist eine meiner Leibspeisen.« Julia hegte keinen Zweifel daran, was serviert wurde. So dienstbeflissen die Haushälterin ein neues Gedeck aufgetragen hatte, so zuverlässig wurden die Wünsche des Hausherrn erfüllt.

An diesem Abend musste Pauline allein essen. Nachdem Julia oftmals Überstunden schob, wartete ihre Mitbewohnerin wenigstens nicht auf sie. Manchmal ging Pauline auch mit ihrem Verlobten aus.

»Wie lange arbeiten Sie schon bei Fritz Petermann?« Er hob das Rotweinglas an und prostete ihr zu.

Julia erwiderte den Gruß. »Seit eineinhalb Jahren, wobei ich besser sticke als nähe.«

»Sie sind Stickerin?«, fasste er interessiert nach. »Warum arbeiten Sie in einem anderen Beruf?«

Sie stellte das Glas ab. »Ich bin in beiden Bereichen tätig, meine Stickarbeiten werfen zu wenig Geld ab.«

»Was gut ist, hat Erfolg, Sie müssen sich nur mehr trauen«, gab Lingner zum Besten. »Wissen Sie, meine Reklame war damals verhasst, sie galt als zu plakativ, aber sie hat funktioniert und mich zu einem so reichen Mann gemacht, dass ich mir eines der Elbschlösser gekauft habe. Ich lasse es im Moment sanieren.«

Das Gerücht schien der Wahrheit zu entsprechen. Julia vermochte sich kaum auszumalen, wie teuer ein solches Schloss sein mochte.

Ein Hausmädchen unterbrach ihr Gespräch, trug die morgens gewünschten Speisen auf, wünschte einen guten Appetit und verschwand auf leisen Sohlen.

»Sie haben hier eine herrschaftliche Villa«, hakte Julia nach. »Wozu benötigen Sie ein Schloss?«

»In der Stadt ist es im Sommer etwas beengt, die Region der Elbschlösser liegt im Grünen mit Blick auf die Elbe und ich habe einen eigenen Park. Ich lasse es nach meinen Vorstellungen umbauen. So lässt sich die Hitze besser aushalten. Im Moment arbeiten sie an einer privaten Standseilbahn ins Elbtal, dann können meine Gäste bequem zu mir hochfahren.« Lingner sah sie an. »Aber bitte, essen Sie, nur weil ich plaudere, sollten Sie den Braten nicht kalt werden lassen.«

Ohne seine dekadenten Pläne zu kommentieren, aß Julia. Fleisch stand selten genug auf ihrem Speiseplan. Sie fragte sich insgeheim, warum er ihr das erzählte. Wollte er ihr imponieren? Ihr, einer kleinen Stickerin?

»Geben Sie mir die Ehre, es Ihnen mal zu zeigen?« Forschend sah er sie an, seine Gabel mit einem Stück in Soße getauchtem Kloß schwebte in der Luft.

»Ich arbeite sehr viel«, wich Julia aus, um ihn nicht zu kränken.

»Vielleicht an einem Sonntag?«, insistierte Lingner.

Julia zögerte, kaute extra langsam, um sich mehr Zeit für eine Antwort zu nehmen. Für sie war der Umgang mit solchen Menschen ungewohnt. »Ich bin mir unsicher.«

»Weshalb?« Lingner zwirbelte sich seinen Oberlippenbart. »Und ich dachte immer, jede Frau träumt von einem Abendessen auf einem Schloss.«

»Die meisten werden das tun. Ich jedoch kenne meinen Platz«, erklärte Julia ihre Beweggründe. »Das Essen ist vorzüglich«, wechselte sie das Thema. »Zudem hat mir Herr Petermann erzählt, dass Sie mit Julia Serda ausgehen«, log sie, denn mit ihrem Chef hatte sie darüber kein Wort verloren. Das wusste sie aus der Tageszeitung, die häufig über Lingner und die Schauspielerin berichtete.

»Was kann ich dafür, wenn ich ein Faible für Damen mit Ihrem wundervollen Namen habe?« Er lächelte amüsiert und suchte ihren Blick.

Julia sah auf ihren Teller und setzte verunsichert ihre Mahlzeit fort.

»Es ist nichts Ernstes«, erklärte er. »Ich bin ein freier Mann und kann tun, wonach mir der Sinn steht.«

Julia lächelte. »Ein Luxus, den sich nur wenige leisten können.« Sie trank einen herzhaften Schluck Rotwein. Nach dem Essen wollte sie rasch aufbrechen, bevor sie sich in eine noch schwierigere Situation brachte als ohnehin.

»Wie ist Ihr Familienname?«, wechselte er endlich das Thema.

»Ackermann. Doch warum interessiert Sie das?« Sie beendete die Mahlzeit, tupfte sich die Lippen ab und legte die Stoffserviette neben ihren Teller.

»Sie interessieren mich, das dürfen Sie mir nicht übel nehmen.« Erneut strich er sich über den Bart. »Ackermann«, wiederholte er nachdenklich. »In meinem Werk arbeitet eine Anne Ackermann, sind Sie mir ihr verwandt?«

Sollte sie lügen? Sie brachte es nicht über sich. »Anne Ackermann ist meine Mutter, sie arbeitet seit dem Tod meines Vaters in Ihrer Fabrik.« Sie sah ihn überrascht an. »Kennen Sie alle Ihre Lohnarbeiter?«

»Wer seine Mitarbeiter nicht kennt, darf von ihnen keine Höchstleistungen erwarten«, erklärte er sich. »Wann zeigen Sie mir Ihre Stickarbeiten? Mit Ihnen als Katalogmotiv könnten Sie alles erfolgreich absetzen.« Lingner legte sein Besteck auf den Teller und goss Julia und sich nach. »Die Kunst des Verkaufens ist es, beim Kunden Begehrlichkeiten zu wecken und ihn vom Nutzen zu überzeugen. Dann kauft er, ob er den Artikel benötigt, ist nebensächlich.«

Versonnen nippte Julia am Wein. »So einfach soll es sein?«

»Ach, Fräulein Julia, es hört sich leichter an, als es ist, glauben Sie mir«, widersprach er ihr. »Dennoch kann es mit etwas Verstand gelingen.«

»Ich werde Ihren Ratschlag auf dem Striezelmarkt beherzigen.« Mit einem Lächeln stand sie auf. »Nun sollte ich aufbrechen. Vielen Dank für die Einladung.«

»Ich bedanke mich für die reizende Gesellschaft.« Lingner stand auf, begleitete sie zurück ins Büro, wo Julia ihren Mantel anzog und Lingner ihr wie versprochen die halbe Rechnungssumme Trinkgeld übergab.

»Das ist zu viel«, lehnte Julia ab. »Ich habe Ihre Einladung nicht wegen des Geldes angenommen.«