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Ruhrgebiet, Mitte der 1990er Jahre. Als letzte Vertreter ihrer Art wohnen Harry und Max noch immer in der in der Katinka - eine Straße, die vor Jahren als Hochburg der regionalen Alternativszene Furore gemacht hatte, inzwischen aber wieder eine ganz normale Arme-Leute-Straße im westlichen Ruhrgebiet ist. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie aus einem „übrig gebliebenen“ Solidaritätskonto zugunsten einer südlichen Befreiungsbewegung. Als diese Einkommensquelle versiegt, beschließen sie, die zahlreichen Produktideen, die sie bisher nur so zum Zeitvertreib kreiert haben, allen Ernstes und meistbietend zu verkaufen. Allerdings ist ihr Verkaufstalent begrenzt, und so bleibt der Erfolg aus. Daran ändert auch die Verkäuferschulung nichts, die ihnen die energische und lebenslustige Tanja angedeihen lässt. Die Sache steht wirklich schlecht für die beiden und würde womöglich in einer depressiven Verstimmung enden, gäbe es da nicht auch noch den algerischen Bauarbeiter Hassan Rahmani, der auf einer in der Nähe entstandenen Großbaustelle, ungeachtet seiner tatsächlichen Herkunft und Nationalität, die Position des „Türken“ innehat. Das Buch erzählt die Geschichte einer irrwitzigen, auf seltsame Art schließlich doch noch erfolgreichen Verkaufskampagne und wirft zugleich einen ironischen Blick auf eine Region, die sich soeben als Metropole Ruhr neu zu erfinden versucht.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Über dieses Buch
1 Rumms!
2 Die Kleinkunst in der Kunst des Jagens
3 Zwei von sechs Millionen
4 Dampf ist die Lösung
5 Ideen kann man nicht wie Schuhe verkaufen
6 Man muss den Lauten machen, wenn man gehört werden will
7 Etwas Schwerwiegendes von langer Hand – aber was?
8 Wie geht Anmut?
9 Bin ich zügellos?
10 Sie will ja nichts gesagt haben …
11 Doppelt verschleift
12 Seiteneinsteiger hin, Seiteneinsteiger her
13 Kämmerlein
14 Relativ schwarze Löcher
15 Ah, Frühling!
16 Besoffenheit ist das eine, ein guter Rausch etwas ganz anderes
17 Eine Mafia von falschen Freunden und sogenannten Helfern
18 Einlass
Johannes Boettner
Die Erfindung der Dampfzigarette
oder: Von der Untreue kreativer Ideen
Roman
Berlin 2023
Lektorat: Juliane Trebus
Umschlaggestaltung und Layout: Miriam Bauer Illustration, Berlin
ISBN: 9783757926069
Autorenanschrift: Bundesplatz 5, 10715 Berlin
Über dieses Buch: Ruhrgebiet. Ende der 1990er Jahre. Als letzte Vertreter ihrer Art leben Harry und Max in der Katinkastraße, die zwanzig Jahre zuvor eine Hochburg der regionalen Alternativszene gewesen war. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie aus einem »übrig gebliebenen« Solidaritätskonto zugunsten einer südlichen Befreiungsbewegung. Als diese Einkommensquelle versiegt, beschließen sie, die zahlreichen Produktideen, die sie bisher nur so zum Zeitvertreib kreiert haben, allen Ernstes und meistbietend zu verkaufen. Allerdings ist ihr Verkaufstalent begrenzt, und so bleibt der Erfolg aus. Daran ändert auch die Verkäuferschulung nichts, die ihnen die energische und lebenslustige Tanja angedeihen lässt. Die Sache steht wirklich schlecht für die beiden und würde womöglich in einer depressiven Verstimmung enden, gäbe es da nicht auch noch den algerischen Bauarbeiter Hassan Rahmani, der auf einer in der Nähe entstandenen Großbaustelle, ungeachtet seiner tatsächlichen Herkunft und Nationalität, die Position des »Türken« innehat.
Triumphierend musterte Planungsdezernent Silberstein die sechs Männer und zwei Frauen, die sich im kleinen Konferenzsaal zur interdisziplinären Taskforce »Rhein.Ruhr.Metropole 2000+« versammelt hatten. In dem halb abgedunkelten Raum war es plötzlich sehr still geworden. An der Wand leuchtete die Projektion eines Stadtplans. Davor stand Silberstein und genoss den Anblick der schockierten Gesichter.
»Hier, ganz genau hier kommt unser Leuchtturm hin«, hatte er zuletzt gesagt und mit dem Pointer die Stelle angezeigt, die er meinte.
»Unser Leuchtturmprojekt? … Da …?«
Als Erste fand die Dame vom Grünflächenamt ihre Sprache wieder. »Aber Herr Silberstein«, stammelte sie, »das ist ja … nein, also wirklich … eine wahnsinnig schwierige Gegend dort, sozial und auch ökologisch, ganz, ganz schwierig. Wer da jetzt noch wohnt … Also ich sag mal so: Normale Leute trauen sich da gar nicht mehr hin.«
»No-go-Area!«, warf der Kollege vom Ordnungsamt ein.
»Wie dem auch sei«, ergriff jetzt der Streber vom Liegenschaftsamt das Wort, »eine derart exponierte bauliche Intervention an dem Standort, das ist – nun ja, ich würde mal sagen, nicht eben frei von Risiken.« Er glaubte, sich so ausdrücken zu müssen, obwohl sein erster Einfall schlicht und einfach »passt wie die Faust aufs Auge« gewesen war.
»Eben drum«, dröhnte Silberstein jetzt, »mitten rein damit in das Desaster! Mit der Faust voll aufs kaputte Auge. Rumms! Den Absturz aufhalten! Den Trend umkehren! Darum geht’s. Und dafür braucht es jetzt mal ein richtig starkes Signal. Etwas Wuchtiges, das jeder sofort mitbekommt, in der ganzen Stadt, im ganzen Ruhrgebiet, ja, sogar in Holland müssen die Leute noch aufhorchen und sagen: Mensch, da passiert ja mal richtig was Neues. Da ist Energie!«
Ja, der Silberstein, so kannten sie ihn. »Wir müssen groß denken!« – Das war bei ihm schon eine Art Spleen. Und alle in der Stadtverwaltung wussten auch, wo er sich den Spleen eingefangen hatte. Aufgewachsen im Bergischen Land und dann ab in die Global City: Wolkenkratzer, Bankenstadt und Häuserkampf und er mittendrin, erst als Student und später auch noch als junger Planer. In der Mainmetropole hatte er seine zweite Geburt erlebt, seine Geburt als Weltstädter und Metropolit, und deshalb musste heute, wer ihm widersprach, immer darauf gefasst sein, von ihm als beschränkt, ängstlich oder gar – Todesurteil! – provinziell abgekanzelt zu werden. Das wollte niemand, weshalb jetzt erneut ein Moment der Stille eintrat. Dann räusperte sich der junge Mann, den der Kämmerer in die Taskforce entsandt hatte.
»Und das Geld von der EU kommt sicher?«, fragte er.
»Alles in trockenen Tüchern«, antwortete der Herr vom Hauptamt, Sachgebiet Organisation und Projektmanagement, der neben Dezernent Silberstein stand und zu dessen Ausführungen wie im Takt genickt hatte. Die Verteilungskämpfe um Fördermittel seien seit der Wende zwar härter geworden, aber als Ziel-2-Gebiet habe die Stadt im Moment immer noch recht gute Karten. Allerdings wisse niemand, wie die Geschichte weitergehe. Es könne durchaus sein, dass der Mittelzufluss in den Westen spätestens ab 96 versiege oder jedenfalls gewaltig schrumpfe, »so laut wie unsere lieben Brüder und Schwestern im Osten zurzeit schreien.« Daher sei es ja auch so wichtig, jetzt noch schnell alles mitzunehmen, was sich irgendwie mitnehmen lasse. »Aber darin sind wir ja eigentlich ganz gut«, fügte er noch leise und zaghaft lächelnd hinzu.
*
Da hatte er recht, und so kam es, dass wenige Jahre später tatsächlich eine Baustelle von beachtlicher Größe in einem jener verlorenen Winkel der Stadt entstanden war, wo zuvor niemand mit einer – und sei es auch nur ganz kleinen – Baustelle gerechnet hätte. Aber jetzt war sie da, und am Bauzaun prangte groß das Logo der Firma »Hoch und Tief – Bauen für die Umwelt«, die ihre besten Mitarbeiter für das Projekt abgestellt hatte. So wurde jedenfalls behauptet.
Zu diesem Kreis der vermeintlich Besten gehörte auch ein Vorarbeiter, der allerdings für Silbersteins unkonventionelle Standortentscheidung von Anfang an wenig Verständnis aufgebracht hatte. Die Gegend gefiel ihm nicht, und sie gefiel ihm von Tag zu Tag weniger. »Alles nur Türken, Kriminelle und arbeitsscheues Gesindel, was hier so rumläuft«, behauptete er. »Leute, passt bloß auf euer Werkzeug auf, die klauen hier wie die Polen.« Der Mann war genervt, und am allermeisten nervte ihn ein Ereignis, das sich an der Baustelle täglich wiederholte und auch jetzt wieder unmittelbar bevorstand.
»Da kommen die beiden Klugscheißer wieder«, stöhnte er und verdrehte die Augen zum Himmel. Seine Männer blickten auf und musterten verstohlen die beiden Gestalten, die soeben aus einer der Nebenstraßen getreten waren und sich nun der Baustelle näherten. Die Bauleute wussten, was als Nächstes geschehen würde. Die beiden würden an der Baustelle stehen bleiben und den Fortgang der Arbeiten eine Weile beobachten. Sie würden das Gesehene ausführlich kommentieren und schließlich Verbesserungsideen erörtern, die dem Vorarbeiter stets aufs Neue bewiesen, dass diese Leute ihr Lebtag noch keine Bekanntschaft mit anständiger Arbeit gemacht hatten. Der Vorarbeiter musste es wissen. Zweiundzwanzig Jahre war er jetzt bei der Firma, aber so einen Quatsch hatte er in all den Jahren noch nicht gehört. Die beiden waren ja noch beschränkter als Hassan, der Türke, und das wollte was heißen. Der Vorarbeiter konnte nur lachen über die dilettantischen Ideen, die da hinter dem Bauzaun allen Ernstes und laut, unverschämt laut, diskutiert wurden. Das war weit, ganz weit unter seinem Niveau und eine fachliche Stellungnahme nicht wert. Deshalb wartete er mit seinen höhnischen Kommentaren, bis die beiden ihren Weg fortgesetzt hatten und außer Hörweite waren.
Der eine Spaziergänger, den der Vorarbeiter seiner dicken Brillengläser wegen Froschgesicht nannte, steuerte dann gewöhnlich einen Kiosk an, wo er Zigaretten kaufte und Coca-Cola in Büchsen. Der andere, der niemals ohne seine auffallende Kopfbedeckung gesehen wurde und deshalb vom Vorarbeiter Rotkäppchen getauft worden war, verschwand in Richtung Hauptstraße und kehrte alsbald mit einer gut gefüllten Brötchentüte zurück. An der Baustelle trafen die beiden wieder zusammen, überdachten ihren Vorschlag noch einmal von allen Seiten und ließen, wenn sie endlich verschwunden waren, einen abfällig grinsenden Vorarbeiter zurück. Die Arbeiter bekundeten dann ihr Einverständnis, indem sie sein Grinsen erwiderten und wie fassungslos die Köpfe schüttelten. Nur einer von ihnen hielt sich auffallend zurück und schien das Gehörte ernsthaft zu bedenken. Das war Hassan Rahmani, der ungeachtet seiner algerischen Herkunft und seiner französischen Staatsbürgerschaft auf der Baustelle die Position des »Türken« innehatte.
Anders als Max, der den grollenden Vorarbeiter zwar bemerkt hatte, ihm aber keine Beachtung schenkte, ahnte Harry, alias Froschgesicht, noch gar nichts von der feindseligen Stimmung, die auf der Baustelle grassierte. Harry war von einer Arglosigkeit, die man auch »Aversionsblindheit« nennen könnte, und auch von dieser Wahrnehmungsstörung wusste er nichts. Im Gegenteil. Er war stolz auf seine scharfsichtige Beobachtungsgabe und seinen hoch entwickelten analytischen Verstand. Er hielt sich für einen Mann, dem nichts entging, für einen begnadeten Entdecker hielt er sich, und so paradox es klingen mag – er hatte recht damit.
Allerdings waren seine Entdeckungen solche besonderer Art. Es ist ja so: Wenn einer ein großer Mathematiker sein will, obwohl er nur das kleine Einmaleins kann, dann bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als dem kleinen Einmaleins eine große mathematische Abhandlung zu widmen. Harry war so einer. Zwar wollte er kein großer Mathematiker sein, aber seine sogenannten Studien hatten etwas mit großen mathematischen Abhandlungen über das kleine Einmaleins vergleichbar Eigenartiges – »Originalität« könnte man sagen, wenn man es gut mit ihm meint.
Max meinte es gut mit Harry. Er bewunderte ihn der Eigenart seiner Forschungen wegen, und es störte ihn auch nicht, dass diese öfter im Liegen als im Sitzen oder Stehen unternommen wurden. Sicher, Harry verhielt sich manchmal ein bisschen schrullig, aber für Max war diese Schrulligkeit nur eine Nebenwirkung seiner Genialität. Er akzeptierte das.
Auch jetzt protestierte er nicht, als Harry mal wieder ein soeben noch lebhaft geführtes Gespräch abrupt unterbrach und in eine Art Wachkoma versank. Max kannte das und wusste, Harry würde bis auf Weiteres unansprechbar bleiben. Es würde eine Weile dauern, doch dann würde er aus seinem derzeitigen Zustand wieder erwachen, er würde seine neuste Entdeckung kundtun und ihm, Max, Gelegenheit geben, sie auf ihre praktische Anwendbarkeit hin zu überdenken. Bis es so weit war, musste Max sich in Geduld üben, und das tat er. Er ging ans Fenster, öffnete es. Dann drehte er sich wieder um und betrachtete den im Bett liegenden Freund, dessen Augen übergroß in den dicken Gläsern seiner Brille schwammen.
Hinter Harrys Kopf glänzte die Raufaser von Haarfett durchtränkt, ein speckiger Heiligenschein auf der sonst kahlen Wand. In den Zimmerecken und an der Decke hingen zahllose Spinnweben flauschig herab oder waren aufgespannt zu großen Netzen, die Harry liebte und vor der Zerstörung bewahrte wie seltenes Gewächs. Wegen der Spinnweben wirkte das Zimmer nicht leer, obwohl es spärlich möbliert war. Außer dem Bett gab es noch einen Tisch und einen zerschlissenen Sessel, der auf eine Holzkiste montiert und dadurch zur Höhe der Tischplatte ins richtige Verhältnis gebracht worden war. Die Tischplatte war überzogen mit einer dicken, klebrigen Glasur, bestehend aus Zucker, Tee, Tabakresten, Zigarettenasche und allerlei Undefinierbarem, abgelagert und verkrustet über Jahre. Darauf klebte ein Schreiben der Stadtbibliothek, Mahngebühren in beachtlicher Höhe betreffend. Die durch ihre Signaturen als öffentliches Eigentum ausgewiesenen Bücher lagen aufgeschlagen oder in kleinen Stapeln auf dem Fußboden und auf einem kniehohen Podest, das ein Drittel der Zimmerfläche einnahm. Das Podest war mit alten, wertlosen Teppichen und zwei Steppdecken belegt. Die Steppdecken dienten als Matratzenersatz. Darauf lag Harry und schwieg.
»Als wär’s eine riesige Landschaft«, hatte er zuletzt gemurmelt und war dann verstummt. Sein Blick haftete an einer Fliege, die in den Falten des Bettlakens herumirrte wie in einer Berglandschaft aus Stoff. Die Fliege erklomm einen Gipfel, machte aber, oben angekommen, sofort wieder Anstalten, hinabzusteigen in die Scharte zwischen Harrys Knien. Sie krabbelte ein Stück in diese Richtung, besann sich dann wieder anders, kehrte um, krabbelte in verschiedene Richtungen, schlug sinnlose Haken, drehte sich um die eigene Achse und war jetzt offenbar vollkommen verwirrt. Schließlich blieb sie stehen und schlang die Vorderbeine umeinander. Als müssten die Beine sich dabei verheddern, so sah es aus, und dann wieder, als kratze sich die Fliege am Kopf. Währenddessen näherte sich ihr langsam, aber stetig Harrys Hand. Zunächst schien die Fliege von der drohenden Gefahr nichts zu bemerken, aber dann plötzlich erstarrte sie. Den Kopf leicht gesenkt wie der Stier in der Arena, wenn alles den Atem anhält und der Torero zum entscheidenden Stoß ansetzt, verharrte die Fliege in angespannter Reglosigkeit. Auch Harry hielt jetzt inne und beließ seine Hand, wo sie war. Das Experiment, denn um ein solches handelte es sich, hatte einen kritischen Punkt erreicht und konnte bei der leisesten Regung in eine neue Phase eintreten. Da die Hand jedoch unbewegt blieb, löste sich die Fliege wieder aus ihrer Erstarrung, setzte ihr Putzen fort und gab Harry so Gelegenheit zu einem ersten Resümee. Unter der Bedingung Sichtkontakt, so viel stand fest, war die langsame Annäherung die einzig mögliche Form des Anschleichens. Harry suchte nach einer griffigen Formel und fand: Langsamkeit ersetzt Deckung – wieder ein Sachverhalt, der in der »Kunst des Jagens«, angeblich ein Standardwerk, mit keiner Silbe erwähnt worden war. Vor Jahren hatte Harry das Buch in der Stadtbücherei entdeckt und nach der Lektüre enttäuscht beiseitegelegt. Nun aber hatte die Fliege in ihm die Erinnerung an die »Kunst des Jagens« geweckt, und mit dem Titel war ihm auch die Ursache seiner damaligen Enttäuschung wieder eingefallen. Der vielversprechende Klappentext hatte das Buch als ein Standardwerk gepriesen, in welchem die Jagd, »diese Urform menschlichen Handelns«, in ihrer ganzen Vielfalt zur Darstellung komme. Tatsächlich hatte der Verfasser sich lang und breit ausgelassen über Treibjagd und Großwildjagd, Jagdstrategien und Jagdtrophäen; sogar die Fotosafari war ihm eine Anmerkung wert gewesen. Und doch war ihm etwas Wichtiges entgangen. Es war ihm entgangen die Kleinkunst in der Kunst des Jagens: die Jagd auf Mücken, Fliegen und andere Insekten – und Harry war im Begriff, diese Lücke zu füllen. Darum führte er seine Hand jetzt doch noch etwas näher an die Fliege heran und – Da! Es war, wie er vermutet hatte. Ein Summen, die Fliege entkam. Harry hatte jenen neuralgischen Punkt erreicht und überschritten, da dem Opfer auch die langsamste Annäherung unbehaglich wird und der Jäger sie deshalb von minimaler auf maximale Geschwindigkeit beschleunigen muss. Eine Sache der Erfahrung, dachte Harry, der kein erfahrener Kleinstwildjäger war und auch nicht werden wollte.
Harry jagte in anderen Revieren. Er war besessen von einem ebenso mächtigen wie diffusen Wunsch nach Erkenntnis. Der Erkenntnis zuliebe hatte er einen beträchtlichen Teil seines nicht mehr ganz jungen Lebens in den Räumen der städtischen Leihbücherei zugebracht. Dort hatte er sich einen verschlungenen Weg gebahnt durch Abteilungen und Unterabteilungen, Standorte, Sachgebiete und Themenfelder und bei diesem interdisziplinären Sturmlauf ein feines Gespür für Wissenslücken entwickelt.
Die Wissenslücken, auf die Harry sich verstand, waren Risse im Alltäglichen; sie klafften zwischen den sogenannten einfachsten Dingen der Welt, die aber in Wahrheit gar nicht einfach waren, sondern nur so schienen und deshalb gewöhnlich übersehen wurden. Nicht so von Harry. Was andere, je öfter sie es sahen, umso weniger bemerkten – Harry bemerkte es. Wissenslücke um Wissenslücke hatte er das Nächstliegende und Selbstverständlichste, das Reich vermeintlicher Ist-doch-Klarheit abgeschritten wie einen fernen, noch unerforschten Kontinent. Und vielleicht würde seine Expedition eines Tages wirklich an ein Ende gelangen. Dann würde er seinen lang gehegten Plan ausführen und die Ergebnisse seiner Erkundungen zu Papier bringen. Unter seiner Autorschaft würde dann jenes epochale Werk erscheinen, das nicht nur eine, sondern gleich mehrere Fachwelten erschüttern würde, denn es enthielte die vergessenen Kapitel zahlreicher Standardwerke.
Wie die Dinge jetzt lagen, würden auch ein paar geistreiche Passagen über die Kleinkunst in der Kunst des Jagens ihren Platz darin finden, eingeleitet vielleicht mit einer humorigen Bemerkung über die Fliege bei Wilhelm Busch. Die Insektenjagd in der komischen Literatur war ja überhaupt ein interessantes Thema. Dann das Jägerlatein auf dem Felde der Kleinstwildjagd mit der Geschichte vom tapferen Schneiderlein als unverzichtbarem Beispiel. Dann die Ausrüstung. Über die Fallenstellerei mittels Fliegenstreifen ließe sich einiges sagen, das aber nur am Rande. Anders die Fliegenklatsche, die ja das klassische Jagdwerkzeug des Kleinstwildjägers war und ausführlich gewürdigt werden musste. Dann die Industrialisierung der Kleinstwildjagd und der Bedeutungsverlust handwerklichen Könnens durch den Gebrauch von Insektensprays. Hier entstand freilich ein terminologisches Problem. Konnte man den Einsatz chemischer Massenvernichtungswaffen überhaupt noch als Jagen bezeichnen? Und mit welchem Recht führten die professionellen Anwender solcher Mittel auch heute noch den Titel Kammerjäger als Berufsbezeichnung? Von einer Jagd im eigentlichen Sinne konnte hier ja wohl nicht mehr die Rede sein – oder doch?
Harry wandte sich an Max, der inzwischen mit dem Rücken zu ihm auf der Fensterbank saß und die Beine nach draußen baumeln ließ.
»Kann man Vergiften als Jagen bezeichnen?«
Normalerweise hätte Max das Gesprächsangebot dankbar aufgegriffen. Doch jetzt überhörte er die Frage. Er blickte in den wolkenlosen Hochsommerhimmel und hatte das ungute Gefühl, dass etwas Grundlegendes nicht in Ordnung war. An der Luft lag es nicht, die war heute sogar ungewöhnlich klar. Ein gnädiger Wind hatte den Industriedunst, der sonst in den Straßen des Viertels hing, über den Fluss in die Wohngebiete der besseren Leute geweht. Und es war auffallend ruhig in der Straße. Normalerweise tobte in der Katinkastraße ein akustischer Kulturkampf, der mithilfe von Autoradios und hochkarätigen Wohnzimmerstereoanlagen bei geöffneten Fenstern oder gleich auf offener Straße ausgetragen wurde. Doch jetzt war in diesem musikalischen Bürgerkrieg – türkische Schicksalsschnulze gegen Heavy Metal, Peter Maffay gegen alle – eine Feuerpause eingetreten. Es fehlte auch das übliche Kindergebrüll und das Gezeter überforderter Mütter. Keine Tür, kein Fenster knallte im Wind, kein Hund kläffte, kein Betrunkener johlte und niemand ließ den Motor seines frisch getunten GTX-SuperST aufheulen. Einen Augenblick lang war es vollkommen still. Max horchte in die Stille hinein – und vernahm einen herzzerreißenden Schrei.
*
Juliane Alsbeck stand im Vorgarten ihres Eigenheims, das nicht nur das einzige Einfamilienhaus in der Katinka war, sondern auch sonst dort reichlich deplatziert wirkte. Ehemals Bestandteil einer inzwischen längst abgerissenen Bergarbeitersiedlung, war das Alsbeck’sche Anwesen in den Sechzigerjahren mittels Rundumverklinkerung, einer repräsentativen Tür und großen Blumenfenstern den Neubauten ähnlich gemacht worden, die damals am Niederrhein in großer Zahl entstanden. Die Alsbecks – damals lebte Herr Alsbeck noch – hatten sich dafür in große Unkosten gestürzt und eine buchstäblich unverrückbare Tatsache schlichtweg übersehen. Das Haus stand ja nicht drüben auf der anderen, der besseren Rheinseite, sondern mitten in der Katinka. Und weil die Katinka eben die Katinka war, waren die alten Nachbarn, sofern sie mit dem hausgewordenen Lebensentwurf der Alsbecks übereinstimmten, einer nach dem anderen weggezogen und hatten Leuten das Feld überlassen, derentwegen Juliane Alsbeck schon ganze Müllberge aus ihrem Vorgarten entfernt hatte. Containerweise hatte sie Plastiktüten, Coca-Cola-Dosen, Papierfetzen und Schnapsflaschen eingesammelt. Mehr als einmal hatte sie durchnässte Polstermöbel, bizarr verbogene Kinderwagen und anderen Sperrmüll gefunden, sogar Kondome und zerrissene Slips hatten schon in den Sträuchern gebaumelt. Jedes Mal hatte Juliane Alsbeck geflucht und gedroht und verbissen ihren Vorgarten verteidigt gegen die Verslumungstendenz, die in der Katinka immer mächtiger wurde. Und nun das!
Blass vor Zorn starrte sie auf das Blumenbeet, in dessen Mitte jemand unverkennbar und mit beträchtlichem Erfolg seine Notdurft verrichtet hatte. Juliane Alsbeck wäre unweigerlich erstickt an ihrer Wut, hätte sie nicht geschrien, aber sie schrie, und wie sie schrie. Ihr Schreien erfüllte die ganze Straße, die Wohnungen, schoss die Fassaden hinauf, übersprang die Dächer und ließ sogar in den Nachbarstraßen die Leute noch aufhorchen.
Die Anwohner erschienen an den Fenstern, einige legten ein Kissen unter, und alle freuten sich auf eine unterhaltsame Vorstellung. Dankbar für jede Abwechslung, begafften sie die arme Juliane Alsbeck, die schreiend und zeternd in ihrem Vorgarten stand wie auf einer Freilichtbühne. Ihr hysterisches Kreischen hatte sogar Harry erreicht und war wie eine verrostete Säge durch das fein gesponnene Netz seiner Hypothesen gefahren.
»Was ist denn da los?«, fragte er und gesellte sich zu Max ans Fenster.
»Die Alsbeck tickt wieder aus«, sagte Max.
»Das asoziale Pack gehört in der eigenen Scheiße ersäuft und an den Eiern und Titten aufgehängt!«, kam es von unten.
»Mein Gott«, staunte Max, »wenn die sich vergisst, dann aber richtig. Dabei tut sie sonst immer so vornehm.«
Harry winkte ab. »Du hättest die früher mal hören müssen«, sagte er und übersah den Ausdruck des Missfallens, der bei dem Wort »früher« über Max’ Gesicht huschte.
Max mochte die Wendung nicht, denn sie schloss ihn aus. Wenn Harry von früher sprach, dann meinte er jene drei bis vier Jahre, da die Katinka eine landauf, landab bekannte Hochburg der Alternativszene gewesen war. Die Spontis, Aussteiger und Lebensreformer der gesamten Region waren damals in diese Straße gezogen, um an der besonderen Atmosphäre teilzuhaben, die man im Jargon der Zeit das »Katinka-Feeling« nannte.
Der armen Juliane Alsbeck hatte sich das alles als ein einziges Sodom und Gomorrha ins Gedächtnis eingebrannt. Sie war der festen Überzeugung, dass die damalige Invasion der Katinka, deren Ruf auch vorher schon nicht mehr der beste gewesen war, endgültig den Rest gegeben hatte. Sogar in der Zeitung war über den »Freistaat Katinka« berichtet worden. Und weil das Schicksal oft ungerecht, aber selten ohne Humor ist, hatte dieser Staat im Staate ausgerechnet im nestflüchtigen Nachwuchs jener mittelständischen Häuslebauer, mit denen Juliane Alsbeck lieber heute als morgen getauscht hätte, seine glühendsten Anhänger gefunden.
Harry hatte das alles selbst miterlebt, aber Max war ein Nachzügler. Als Max nach einer Serie vorzeitig abgebrochener Ausbildungsversuche, einem häuslichen Rausschmiss väterlicherseits, einem geplatzten Existenzgründerkredit und einer gescheiterten Ehe endlich seinen Weg in die Katinka gefunden hatte, traf er dort nicht mehr das bizarre Völkchen idealistischer Weltverbesserer und versponnener Bohemiens an, sondern als deren alleinigen Platzhalter nur noch Harry, der im Freistaat Katinka ein Mann sowohl der ersten wie auch der letzten Stunde war.
Max fand ihn damals trottelig und verschlafen. Von Sympathie konnte nicht die Rede sein, nicht bei ihrer ersten Begegnung. Dieser Mensch kratzte sich in einem fort oder fummelte an seinen Haaren herum, und seine Gestik erinnerte an eine schlecht geführte Marionette.
Immerhin hatte dieser Mensch aber eine sehr geräumige und größtenteils leer stehende Vierzimmerwohnung – Platz genug, die fabrikneue Schrankwand, das Tischchen aus Chrom und Glas und die anderen Möbel aufzunehmen, die Max aus der ehelichen Konkursmasse hatte in Sicherheit bringen können. »Ist ja nur für vorübergehend«, hatte er sich gesagt und war eingezogen mit dem Vorsatz, möglichst bald wieder auszuziehen. Diesen Vorsatz hatte er auch niemals aufgegeben. Er war ihm unmerklich abhandengekommen, seit jenem Abend, der damit begonnen hatte, dass Max den Whisky aus dem Kühlschrank geholt hatte und mit der Flasche in der Hand in Harrys Zimmer getreten war, neugierig zu erfahren, was dieser eigentlich tat, wenn er stundenlang mit leerem Blick auf dem überhöhten Sessel an dem schon damals bekleckerten Tisch saß und allem Anschein nach gar nichts tat. Zuerst hatte Harry sich verlegen gekratzt und dann stockend, fast stammelnd zu reden begonnen. Max’ verständige Fragen, mehr noch als der Whisky, hatten ihm dann aber die Zunge gelöst und Nervosität und Unsicherheit von ihm genommen. Er war ins Plaudern gekommen, und so hatte Max in Harrys Zimmer eine fremde, seltsame und seltsam faszinierende Welt kennengelernt. Die Umzugspläne waren in Vergessenheit geraten, und zwischen ihnen – zwischen dem, was Max seine praktische Ader nannte, und Harrys Hang zur fächerübergreifenden Grundlagenforschung – war eine teils spannungsvolle, teils kongeniale Beziehung entstanden.
Max hatte in dieser Beziehung den Part des Praktikers übernommen und den Ehrgeiz entwickelt, Harrys zweckfreien und gerade seinen zweckfreiesten Grübeleien die nützliche Anwendung beizubringen. Folglich war Max auch weit mehr als Harry für das angeschlagene Nervenkostüm des Vorarbeiters auf der nahegelegenen Baustelle verantwortlich. Es war ja vor allem dieser anmaßende Praxisbezug, was dem Mann so sauer aufstieß an den Unterredungen, die er allmorgendlich mit anzuhören das Missvergnügen hatte. Solche Besserwisserei musste ihn ja in seiner Berufsehre kränken, und die Kränkung wäre sicher noch um einiges schmerzhafter gewesen, hätte er geahnt, dass Max und Harry durchaus kein besonderes Interesse hatten an bautechnischen Fragen.
Wenn sie sich in letzter Zeit regelmäßig mit dieser Thematik befassten, so war das nur ein Zufallseffekt der Silberstein’schen Rumms-Strategie, die ihnen die prächtige Baustelle mit ihren zahlreichen Verbesserungsmöglichkeiten in den Weg gelegt hatte. Harrys Analysen und Max’ praktische Schlussfolgerungen konnten sich aber ebenso gut auch an irgendetwas anderem entzünden, an einem Plakat, einem im Vorbeigehen aufgeschnappten Gesprächsfetzen, einem Werbespot im Fernsehen, einem unzulänglichen Haushaltsgegenstand. Mal erfanden sie den In-alle-Richtungen-Schaukelstuhl, dann den gläsernen Kühlschrank mit Dauerbeleuchtung – Prinzip Backofen –, ein anderes Mal konzipierten sie eine bahnbrechende Werbestrategie für ein Produkt, das ihnen zufällig in den Blick gekommen war. Sie kreierten neuartige Sportarten wie das Zeitlupenlaufen, Slowing genannt; sie entwickelten oscarverdächtige Filmideen, entdeckten ungeahnte Marktlücken und prognostizierten todsichere Trends. Von einer Spezialisierung konnte also nicht die Rede sein, außer vielleicht von der, dass sie mit ihren genialen Projekten noch niemals über das Stadium der zündenden Idee hinausgelangt waren. Ihr unruhiger Geist warf sich bald auf diesen, bald auf jenen Gegenstand und das mit einer Geschwindigkeit, die zur Ausführung gar keine Zeit, ja nicht einmal daran denken ließ. Anders als Harry hielt Max sich zwar für einen Mann der Praxis und war es wohl auch, aber unter Harrys Einfluss war er es doch ausschließlich im Modus des Man-müsste-mal. Solange das Finanzielle stimmte, gab es ja auch gar keine Veranlassung, die Mühen der Realisierung auf sich zu nehmen. Und das Finanzielle stimmte – oder sagen wir richtiger: Es hatte gestimmt.
Eine glückliche Fügung des Schicksals hatte es nämlich so gewollt, dass vor Jahren auf Harrys Namen ein Solidaritätskonto zugunsten einer guten oder jedenfalls revolutionären Sache eingerichtet worden war und einige Spender ihre Daueraufträge lange Zeit ungeprüft hatten weiterbestehen lassen, sei es aus Trägheit, aus Gedankenlosigkeit oder im Ernst. Zwar waren die einlaufenden Beträge im Einzelnen nicht sehr hoch, in der Summe aber doch ausreichend, um Max und Harry einen bescheidenen und für Katinka-Verhältnisse sogar beachtlichen Wohlstand zu ermöglichen. Am beachtlichsten war der schottische Whisky, den Max immer vorrätig hatte und nie zur Neige gehen ließ, ohne rechtzeitig für Ersatz zu sorgen. In allerletzter Zeit waren jedoch Veränderungen eingetreten, die diese Gewohnheit betrafen und Max in stillen Momenten argwöhnen ließen, etwas Grundlegendes sei nicht mehr in Ordnung.
Und in der Tat, genauso wie die hochkomplexe Weltgesellschaft dem Einzelnen ganz unverhofft finanzielle Chancen eröffnen kann, birgt sie auch Risiken und Gefahren, die wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel in die Sphäre des arglosen Privatmenschen einschlagen können. In unserem Fall schlugen die politischen Umwälzungen in einem kleinen, weit jenseits des Äquators gelegenen Land unmittelbar auf die Verhältnisse in Max’ und Harrys Kühlschrank durch. Der Befreiungsbewegung, zu deren Beförderung der Solidaritätsfond, aus dem die beiden ihren Lebensunterhalt bestritten, ursprünglich eingerichtet worden war und von der man jahrelang nichts mehr gehört hatte, war es unlängst gelungen, die Macht im Staate handstreichartig an sich zu reißen. Ein Regime war errichtet worden, dessen nicht eben zimperliche Methoden zunächst Kopfschütteln, dann Abscheu und schließlich einen weltweiten Schrei der Empörung auslösten – mit dem Ergebnis, dass immer mehr Spender sich ihres Dauerauftrags erinnerten und diesen unverzüglich stornierten. Infolgedessen kehrte Max von seinem Morgenspaziergang jetzt nur noch mit Brötchen heim und nicht mehr mit Schinken und Käse, wie es früher normal gewesen war. Harry hatte den Unterschied noch gar nicht bemerkt, und auch Max hätte gut leben können ohne Schinken und Käse. Aber an dem Tag, als es einen Augenblick lang ungewöhnlich still in der Katinka war und Harry über die Kleinkunst in der Kunst des Jagens nachdachte und Juliane Alsbeck in ihrem Vorgarten einen Scheißhaufen entdeckte, an dem Tag ging Max zum Kühlschrank, öffnete ihn und griff, einer alten Gewohnheit folgend, nach der Whiskyflasche, die dort eigentlich hätte stehen müssen, erwischte stattdessen eine Flasche mit Salatöl, goss etwas davon in ein Glas, führte das Glas an die Lippen, bemerkte im letzten Moment seinen Irrtum, kippte das widerliche Getränk in den Spülstein und erkannte, dass etwas Grundlegendes geschehen musste – nicht im Modus des Man-müsste-mal, sondern sofort.
Bahnhofstraße 12a. Die Adresse meinte einen am östlichen Ausgang des Hauptbahnhofs gelegenen Altbau. Die mit dem Emblem des Metropolen-Magazins beklebten Fenster auf der zweiten Etage waren bis auf eines alle geschlossen. Hinter dem geöffneten Fenster flappte ein weißer Vorhang im Wind. Eine leichte Brise war aufgekommen, und vielleicht würde der Abend endlich das Gewitter bringen, das der Wetterdienst schon für den Vortag versprochen hatte. Die Passanten schauten zum Himmel, schnupperten die Luft und gaben sich gegenseitig zu verstehen, da werde wohl bald noch ordentlich was runterkommen. Jetzt aber schnell! Den Büroetagen für heute entronnen, hofften sie den Heimweg noch trockenen Fußes zu schaffen.
Auch die meisten Mitarbeiter des Metropolen-Magazins waren schon gegangen. Nur Eberhardt Nachtigall, seinen Lesern besser bekannt unter dem Pseudonym Vogel, saß noch mit hochgelegten Beinen am Schreibtisch und telefonierte. Wegen der Hitze hatte er sich gegen die Doppelverglasung entschieden und damit für den Verkehrslärm und die blechernen Lautsprecherdurchsagen, die vom Bahnhof herüberschallten.
Ein Luftzug wallte den Vorhang, schlug ihn zur Seite. Vogel schaute auf. Das Deckblatt eines Manuskripts sprang hoch, flatterte durch den Raum und landete in seiner Nähe. Er angelte mit der freien Hand danach, kam aber nicht heran und wandte sich wieder ganz dem Telefongespräch zu. »Sechs Millionen Menschen«, flüsterte er – und noch einmal, beschwörend: »Sechs Millionen Menschen, mach dir das klar. Die leben hier auf einer Fläche wie Groß-London, Los Angeles oder so. Verstehst du, was ich sagen will? Den Dimensionen nach leben wir hier in einer Weltstadt. X Theater, x Unis, x Opernhäuser und sechs Millionen Menschen, und keiner merkt was davon. Das ist der Mist. Ruhrgebiet, Revier, Kohlenpott – wie sich das schon anhört! Erzählst du in Berlin, wo du herkommst, sofort halten sie dich für einen Provinztrottel. So ist das. Und warum?«
Die Frage klang, als hätte Vogel sie am liebsten selbst beantwortet, aber dann schwieg er und hörte, unwillig den Kopf schüttelnd, die Erklärung an, die am anderen Ende der Leitung gegeben wurde. »Sicher, sicher«, sagte er, wie wenn man einen lästigen Widerspruch einräumt, um ihn aus dem Weg zu haben, »die eine, alles überragende City gibt es hier nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, und außerdem könnte man ja in der Dezentralität auch das Besondere sehen. Denk nur mal an Los Angeles. Alle großen Städte haben schließlich ihre Eigenheiten. Nein, nein, daran liegt es nicht. Ich sage dir den wahren Grund. Es gibt hier nicht nur x Museen, Theater, Universitäten und was sonst noch alles, es gibt hier auch x Oberbürgermeister, Stadtdirektoren, Planungsdezernenten und, und, und – durch die Bank mittelmäßige Gestalten, die auch wissen oder jedenfalls ahnen, dass sie mittelmäßig sind, und die deshalb an ihren kommunalen Thrönchen haften wie festgeschweißt.« Vogel verzog das Gesicht zu einem genüsslich angewiderten Grinsen, das aber sofort wieder verschwand.
»Wer sagt das?«, fragte er scharf. Die Antwort brachte ihn vollends in Habachtstellung. Er nahm die Füße vom Tisch, zog den Stuhl näher heran und saß jetzt hinter seinem Schreibtisch wie fertig zum Sprung. Er sprach leise und schnell und erklärte seinem telefonischen Gegenüber, dass der, auf den da die Rede gekommen war, ein gewisser Daniel, neuerdings einen halben Meter über dem Boden schwebe, bloß weil er im FAZ-Magazin eine seiner aufgedonnerten Reportagen untergebracht habe. Seither glänze jener Daniel in der Redaktion des Metropolen-Magazins überwiegend durch Abwesenheit, und wenn er wider Erwarten doch einmal hereingeschneit komme, parliere er nur großartig herum, um alsbald und ohne durch eine nennenswerte Arbeitsleistung aufgefallen zu sein, wieder zu verschwinden. Wenn Daniel so weitermache, dann sei er für das Metropolen-Magazin bald nur noch ein überflüssiger Kostenfaktor. Das klinge zwar hart, sei auch hart, aber professioneller Journalismus …
So flüsterte Vogel ins Telefon, verriet dann aber nicht, was es mit professionellem Journalismus auf sich habe, sondern hielt plötzlich inne und lauschte auf ein Geräusch im Nebenraum.
»Ist da noch jemand?«
Die Tür wurde geöffnet und herein kam Harry.
Vogel blinzelte irritiert, stutzte, erkannte. »Nein!«, rief er, teils ins Telefon, teils an Harry gewandt. »Ich glaube, ich träume.« Er hatte vage mit der Möglichkeit gerechnet, dass Daniel ausgerechnet heute, ausgerechnet jetzt der Redaktion einen seiner überflüssigen Besuche abgestattet und die nicht eben schmeichelhaften Äußerungen über seine Person mitangehört haben könnte. Erleichtert winkte er Harry herein, bedeutete ihm, Platz zu nehmen, und erklärte seinem Gesprächspartner am Telefon, soeben habe der Harry den Raum betreten – jener Harry, der schon damals in der Katinka mit dabei gewesen sei und dem rein äußerlich, man sollte es nicht für möglich halten, kaum eine Veränderung anzumerken sei. Sogar die Haare raufe er sich noch genauso wie früher.
Als Vogel den Telefonhörer aufgelegt hatte, bedachte er seinen Besucher mit einem wohlwollenden Lächeln und lehnte sich dann schweigend zurück, als wollte er das unwahrscheinliche Bild noch auf sich wirken lassen. Endlich erhob er sich und kam, die Arme zur herzlichen Begrüßung ausgebreitet, hinter seinem Schreibtisch hervor. Im letzten Moment ließ er die Arme wieder sinken, knuffte Harry freundschaftlich und sagte: »Menschenskind Harry, dich hat man ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Es hieß, du seist nach Berlin abgewandert wie so viele damals. Aber da sieht man’s wieder: Irgendwann zieht es den Täter an den Ort des Verbrechens zurück. Bist wohl auf dem Biografie-Trip, was?«
Nein, erwiderte Harry, indem er sich auf den Stuhl setzte, den Vogel ihm angewiesen hatte, nein, er sei weder auf dem Biografie-Trip, noch habe er jemals in Berlin gelebt. Vielmehr habe er die ganze Zeit über hier in der Stadt gewohnt, wenngleich etwas zurückgezogen, wie er wohl zugeben müsse. Das habe sich damals einfach so ergeben, als alle Welt aus der Katinka weggezogen sei. Zuerst seien die Musiker gegangen. »Du weißt schon, die im Eckhaus.« Danach habe sich eine Wohngemeinschaft nach der anderen aufgelöst und es seien keine neuen mehr entstanden. Auch vor der Nummer 34 habe die Abwanderungswelle nicht haltgemacht. Erst Klaus und Barbara, dann Hannes, Werner und Irene. Kurz vor Max’ Einzug seien schließlich auch noch Kalle, Hilde und Claudia ausgezogen.
»Was?« Vogel sprang auf. »Willst du damit sagen, du wohnst dort immer noch?«
Obwohl sie gespielt wirkte, war Vogels Bestürzung echt. Die Katinka war für ihn Geschichte: Anekdoten, die man sich bei einem Gläschen Wein erzählte, Ereignisse, an die man sich manchmal im schönen Gegenlicht der Nostalgie erinnerte, doch nun kehrte in Gestalt von Harry die ungeschönte Katinka-Realität in die Gegenwart zurück.
Im Grunde fühle er sich dort nach wie vor recht wohl, erklärte Harry, nachdem Vogel sich wieder hingesetzt hatte. Aber er wisse natürlich, dass die Katinka heute nicht mehr so der Renner sei.
»Nicht mehr so der Renner!«, wiederholte Vogel kopfschüttelnd. Er starrte Harry an und was er sah, ließ ihn an die weißlichen Organismen denken, die zum Vorschein kommen, wenn man einen großen Stein nach langer Zeit aus seinem Bett im Erdreich hebt.
»Und du lebst da noch genauso … genauso … asketisch wie früher?«
In der Tat habe Harry seinen Lebensstil in all den Jahren nicht grundlegend verändert. Eigentlich tue er den ganzen Tag nur das, wozu er gerade Lust habe, aber dafür sei asketisch vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck.
»Nenne es, wie du willst«, sagte Vogel. Sein Tonfall verriet eine leichte Verärgerung. »Ich meine mit asketisch: leere Portemonnaies, leere Kühlschränke und vollgeschissene Katzenklos.«
Harry lenkte ein. Der Geldmangel, in dem Punkt müsse er ihm recht geben, sei wirklich ein gravierendes Problem, ein Problem, das ihm und Max gerade in letzter Zeit sehr unter den Nägeln gebrannt habe, und hier liege denn auch der Hauptgrund für seinen Besuch.
»So?«, fragte Vogel. Seine Stimme klang alarmiert.
Harry kam zur Sache. Angesichts des finanziellen Engpasses, in dem sie sich zurzeit befänden, hätten er und Max beschlossen, das Problem jetzt offensiv anzugehen und ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Sie hätten gründlich über ihr Leben nachgedacht und seien dabei zu dem bemerkenswerten Ergebnis gelangt, dass sie eigentlich von morgens bis abends nichts anderes täten als Ideen auszubrüten, die, realisierte man sie, ein ordentliches Sümmchen Geld einbrächten. Leider sei das Realisieren ihre Sache nicht, und so sei bisher keine einzige ihrer Ideen zur Durchführung gelangt. Auf die Durchführung komme es aber letztendlich an.
»Allerdings!«, warf Vogel an dieser Stelle ein.
Genauso wie es ihnen an Tatkraft fehle, fuhr Harry fort, dürfte es aber wohl auch dem einen oder anderen Tatmenschen an Ideen fehlen. Also habe Max vorgeschlagen, solchen einfallslosen Tatmenschen das zum Kauf anzubieten, wovon sie, Max und Harry, im Übermaß hätten: Einfälle.
Nach diesen Erläuterungen überreichte Harry Vogel einen kurzen Anzeigentext und bat ihn, auch im redaktionellen Teil ihr Angebot wohlwollend zur Sprache zu bringen.
Vogel entfaltete das Papier, las den Text, las ihn ein zweites Mal, als traute er seinen Augen nicht. »Tja«, sagte er nachdenklich und dann minutenlang nichts mehr. Die gefalteten Hände im Nacken, legte er den Kopf zurück und stierte an die Decke. Solche Leute gab es also auch noch. Man sollte es nicht für möglich halten, aber die waren wirklich da, wirklich existent. Zwei von sechs Millionen. Welch ein Chaos! Sein Blick schrumpfte, kehrte sich nach innen, versank in Erinnerung. Schemenhaft erschien die Dachterrasse des Gasometers vor seinem inneren Auge, und jetzt sah er auch Tanja. Mit Tanja hatte er dort oben eng umschlungen im Wind gestanden, als ihm zum ersten Mal klar geworden war, in was für einer riesigen Millionenstadt er lebte, eine Metropole, die größte in Deutschland. Da war Tanjas lebhaftes, begeisterungsfähiges Gesicht, und da war die flüchtig visionäre Geste seiner Hand, und da war das monströse Panorama einer menschlichen Vulkanlandschaft. Da und da und da war die städtische Glut hervorgebrochen, hatte das Land unter sich begraben, war erstarrt zu Mietskasernen, Apartmenthäusern und Villen, zu Kaufhäusern, Fabrikhallen, Bordellen, zu Straßen, Plätzen und U-Bahn-Schächten. Eine bizarre Steinwüste, hier hoch aufgeworfen, dort abflachend und grün durchsetzt wie bemoost. Dazwischen die irrsinnigen Skulpturen der Industrie. Und wie in einem gigantischen Ameisenhaufen hausten in dieser Steinwüste, hurten und flennten, liebten, hassten, träumten und kämpften da sechs Millionen Menschen, kämpften ums nackte Überleben, um Karriere, Reichtum, sogar um ihre Ehre kämpften da welche. Da war Anatolien, da war Chicago. Stunde um Stunde schrien da welche um Hilfe, brachen da Existenzen zusammen, hatte es wieder einer geschafft. Welch ein Chaos! Da wimmelte es von Verlierern, von Wahnsinnigen, Fanatikern, Traumtänzern und Blindgängern, von ewig Scheiternden, die nie damit aufhören würden, ihre Illusionen an der harten Realität in Stücke zu schlagen.
Vogel atmete schwer, draußen krachte ein Donner, und in Stücke fiel jetzt auch die grandiose Szenerie in seinem Kopf und gab den Blick wieder frei auf eine ganz andere Szenerie, in deren Mitte Harry sehr blass hinter seiner dicken Brille saß und sich den Handrücken kratzte.
