Die Erfindung des Nordens - Bernd Brunner - E-Book

Die Erfindung des Nordens E-Book

Bernd Brunner

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Beschreibung

Der Norden: Mythos und SehnsuchtsortBernd Brunner erkundet die Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung. Für die einen eisgefrorenes Niemandsland voll kampflustiger Wikinger, für die anderen Wiege der Zivilisation: Der Norden war schon immer Projektionsfläche für allerlei Fantasien. Bernd Brunner beleuchtet, wie sich das Bild des Nordens über die Jahrhunderte gewandelt hat. Lange erschöpfte sich das, was man über den Norden zu wissen glaubte, in Gerüchten und obskuren Reiseberichten – barbarische Wikingerhorden, ewiges Eis und unwirtliche Landschaften prägten viele Jahrhunderte das Bild. Doch die Wahrnehmung änderte sich, spätestens ab dem 18. Jahrhundert, als etwa das Interesse an nordischer Mythologie erwachte und Werke wie die Edda und Ossians Dichtungen als nördliche Gegenstücke zu antiken griechischen Schriften gelesen wurden – sowohl von den von der »reinen Urkraft des Nordens« angetanen Romantikern als auch jenen, die sich mehr zur Klassik hingezogen fühlten. Aus dieser Faszination entstand auch die Theorie, dass die »Urheimat der Germanen« im Norden liege (und Helgoland die Hauptstadt von Atlantis sei) – eine Idee, die in der kultischen Verehrung alles Nordischen durch die Nazis einen irregeleiteten Höhepunkt fand. Bernd Brunner unternimmt einen faszinierenden Streifzug durch Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Was er dabei zusammenträgt, reicht von den Wikingern bis zu IKEA und von Eiszeitrelikten bis zu schmelzenden Gletschern, wirft einen spannenden Blick auf wagemutige Forschungsexpeditionen wie auf allerlei bizarre Auswüchse – und verändert damit nicht nur den Blick nach Norden, sondern den Blick auf die Welt.

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Bernd Brunner

Die Erfindung des Nordens

Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung

Kurzübersicht

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Titelseite

Über Bernd Brunner

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Über Bernd Brunner

Bernd Brunner, 1964 geboren, schreibt vielbeachtete, höchst unterhaltsame Bücher an der Schnittstelle von Kultur und Wissenschaftsgeschichte. Bei Galiani sind zuletzt Die Kunst des Liegens (2012), Ornithomania (2015) und Als die Winter noch Winter waren (2016) erschienen. Seine Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.

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Über dieses Buch

Für die einen eisgefrorenes Niemandsland voll kampflustiger Wikinger, für die anderen Wiege der Zivilisation: Der Norden war schon immer Projektionsfläche für allerlei Fantasien. Bernd Brunner beleuchtet, wie sich das Bild des Nordens über die Jahrhunderte gewandelt hat.

Lange erschöpfte sich das, was man über den Norden zu wissen glaubte, in Gerüchten und obskuren Reiseberichten – barbarische Wikingerhorden, ewiges Eis und unwirtliche Landschaften prägten viele Jahrhunderte das Bild. Doch die Wahrnehmung änderte sich, spätestens ab dem 18. Jahrhundert, als etwa das Interesse an nordischer Mythologie erwachte und Werke wie die Edda und Ossians Dichtungen als nördliche Gegenstücke zu antiken griechischen Schriften gelesen wurden – sowohl von den von der »reinen Urkraft des Nordens« angetanen Romantikern als auch jenen, die sich mehr zur Klassik hingezogen fühlten. Aus dieser Faszination entstand auch die Theorie, dass die »Urheimat der Germanen« im Norden liege (und Helgoland die Hauptstadt von Atlantis sei) – eine Idee, die in der kultischen Verehrung alles Nordischen durch die Nazis einen irregeleiteten Höhepunkt fand.

Bernd Brunner unternimmt einen faszinierenden Streifzug durch Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Was er dabei zusammenträgt, reicht von den Wikingern bis zu IKEA und von Eiszeitrelikten bis zu schmelzenden Gletschern, wirft einen spannenden Blick auf wagemutige Forschungsexpeditionen wie auf allerlei bizarre Auswüchse – und verändert damit nicht nur den Blick nach Norden, sondern den Blick auf die Welt.

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Impressum

Inhaltsverzeichnis

Vorsatzabbildung

Motto

Das Einhorn des Nordens

Jenseits der Grenzen der bekannten Welt

Links vom Sonnenaufgang

Beschwerliche Wege in die mitternächtigen Länder

Die Wunderwelt des Nordens

Des Südens müde: Die neue Schwärmerei für den Norden

Ein Hochstapler und ein blinder Barde

Der Geruch der Arktis

Als der Osten noch Norden war

Das Klima macht den Menschen

Durchgöttert und durchteufelt

Der große Seilwurf nach Norden

Die zweifelhafte Wiege der Menschheit

Die Taktiken der Ureinwohner

Eine ferne Insel im Atlantik

Die Viktorianer entdecken die Wikinger

Arctic Mania und die Entdeckung Amerikas

Dramatische Klippen und farbwechselnde Meeresflut

Um Himmels Willen, nicht nach unten schauen!

Der höchste Norden

In der Zeitenwende: Wir brauchen Norden, Weite, Wind!

Die Abgründe der Rassenkunde

»Arische Brüder« im Süden

Skandinavien, die antifaschistische Festung

Vor dem Zweiten Weltkrieg

Ewige Sehnsucht nach dem kalten Ende der Welt

Und die Bibel hat doch Recht

The True North

Gefährdete Schmuckstücke der Natur

Danksagung

Weiterführende Literatur

Weitere Bücher von Bernd Brunner bei Galiani Berlin

Bildnachweis

Nachsatzabbildung

Der Seefahrer sieht den Norden nicht, weiß aber, dass die Nadel die Richtung kennt.

Emily Dickinson (1862)

Das Einhorn des Nordens

Wagen wir einen Blick in die Wunderkammer des königlichen Antiquars des dänisch-norwegischen Reiches Ole Worm in Kopenhagen – vielmehr auf den Stich, den ein gewisser G. Wingendorp im Jahre 1655 davon gefertigt hat. Dieses Bild findet sich am Anfang des Buches Museum Wormianum, in dem Worm die Bedeutung vieler Objekte seiner Sammlung erläutert. Am rechten Bildrand erkennt man mit etwas Fantasie einen Riesenalk, über den es heißt, er sei Worm von den Färöern geschickt worden und er habe ihn dann als Haustier gehalten. Die letzten Exemplare dieses flugunfähigen Seevogels wurden 1844 auf einer Island vorgelagerten Insel gesehen. Von der Decke hängt neben einem Kajak ein miniaturisierter Eisbär herab. Hinten links sind ein paar Skier und verschiedene Arten von Harpunen und Pfeilen an der Wand angebracht. Im vorderen Teil des Raumes links, schräg unterhalb von ein paar Geweihen, befindet sich ein aus seltsam geformten Teilen zusammengesetztes Objekt: ein aus den Wirbelknochen eines Wals gefertigter Hocker.

Oberhalb davon, ein kleines Stück weiter hinten, am Rande des Fensters, lässt sich ein seltsamer länglich geformter Gegenstand ausmachen: ein Schädel mit einem spitzen Zahn, darauf ein schneckenartiges, nach oben zulaufendes Muster. Er stammt von einem in der Arktis beheimateten Narwal, mit lateinischem Namen Monodon monoceros, der seinen Weg nur selten in südlichere Gewässer findet. Worm konnte mit diesem Fundstück als einer der Ersten belegen, dass das sagenumwobene Einhorn seinen Ursprung nicht in einem pferdeähnlichen Vierfüßer hat, sondern in ebendiesem die Nordmeere bewohnenden Tier. Bis dahin meinte man sowohl in Europa als auch im Fernen Osten, solche Zähne würden von Einhörnern stammen. Der Narwalschädel ist das Prunkstück in Ole Worms Wunderkammer. Das sagenumwobene Elfenbein war so wertvoll, dass es zehnfach in Gold aufgewogen wurde.

Die gewundenen Beine und Speichen des dänischen Thronsessels, der vom biblischen Thron Salomons inspiriert sein soll, bestehen aus solch einem begehrten Knochen. Der mit goldenen Figuren geschmückte Prunkstuhl soll als Erstes im späten 17. Jahrhundert bei der Inthronisierung von Christian V., König von Dänemark und Norwegen, verwendet worden sein.

Doch zurück zu dem Stich: Viele kleinere Gegenstände sind fein säuberlich nach Kategorien gruppiert und mit lateinischen Begriffen ausgezeichnet in diversen Kästen untergebracht. Die dort einsortierten Mineralien hatte er von Markscheidern bekommen, die in Bergwerken in Norwegen, auf den Färöern und in Schonen, dem südlichen Teil Schwedens, tätig waren. Der Tisch in der Raummitte hatte vermutlich die Funktion, ausgewählte Objekte näher in Augenschein nehmen zu können. Möglicherweise diente der abgebildete Tisch aber auch nur als Vorwand für das Etikett auf dem Frontispiz des Buches, das diese Illustration ziert. Von einigen Ausnahmen abgesehen, stammen die naturhistorischen Kostbarkeiten aus dem Norden. Man mag sich darüber wundern, dass die meisten Artefakte mit Jagd und Fischerei zu tun haben, und vielleicht auch darüber, dass – abgesehen von einigen Juwelen dänischen Ursprungs – keine im weitesten Sinne »künstlerischen« Objekte darunter waren. Letztere gerieten erst im 19. Jahrhundert in den Blickpunkt.

Es ist nicht gerade ein Raum, der dafür geschaffen scheint, es sich darin bequem zu machen – man denke an den Knochenhocker. Jedenfalls ist der Norden hier überall anwesend. Worms Museum ist ein Fall von sammlerischer Nordenfaszination par excellence, wie sie nur das Umfeld dieser Zeit hervorbringen konnte. Dieses Museum war nicht das einzige seiner Art. Ole Worm war als Arzt, Runenforscher und Polyhistor eine Persönlichkeit mit ungeheurem Wissensdrang. Nach dem Studium in Marburg, Padua und Basel hatte er während einer langen Studienreise einer Reihe wichtiger Wissenschaftler Europas einen Besuch abgestattet und einige der berühmtesten Sammlungen und Wunderkammern aufgesucht, von denen er sich für sein Vorhaben inspirieren ließ: die des Apothekers Ferrante Imperato in Neapel, die Wunderkammer von Ulisse Aldrovandi in Bologna, das Theatrum Naturae von Francesco Calzolari in Verona, das Raritätenkabinett von Moritz, Landgraf von Hessen-Kassel, und das Museum des berühmten Sammlers Bernhard Paladanus im holländischen Enkhuizen. Zu dieser Zeit fing er auch schon damit an, selbst Objekte zu sammeln und von anderen Sammlern zu akquirieren. Das eigentliche Museum Wormianum entstand um 1620.

Schaut man sich Stiche einiger dieser Sammlungen im Vergleich an, sind Ähnlichkeiten nicht zu übersehen. In allen Fällen ist ein kunstvoll möblierter Raum an den Wänden und an der Decke mit allen möglichen Gegenständen bestückt. Mit Wissenschaft im heutigen Sinne hatte das Sammeln verschiedenster Kuriositäten freilich nichts zu tun. Man interessierte sich im Prinzip für alles und erkannte in den Objekten die große Schaffenskraft Gottes.

Die Auswahl und das Arrangement der Trouvaillen entsprachen nicht nur Worms eigenem Wunsch, sie zu verstehen, sondern auch dem Anliegen, »meinem Publikum möglich zu machen, sie mit den eigenen Händen berühren und den eigenen Augen sehen« zu können. Mehr noch: Da sie von weit entfernten Orten kamen, erlaubten sie den Betrachtern auch, sich einen Begriff von der gewaltigen Ausdehnung des Nordens zu machen – selbst wenn die genaue Herkunftsgeschichte der einzelnen Artefakte nicht immer ganz genau bekannt gewesen war. Worm war zu Recht stolz auf sie und soll über die ausgestellten Stücke Vorträge gehalten haben. Da diese Veranstaltungen auch von Isländern besucht wurden, geht man davon aus, dass sie ihm später einige Ausstellungsobjekte haben zukommen lassen.

Worms Wunderkammer war ein Speicher des kulturellen Gedächtnisses: Mineralien, Pflanzen, Tiere und sogenannte artificialia, also von Menschen gemachte Objekte. Noch nach Worms Tod soll das Kabinett von Besuchern aus ganz Europa aufgesucht worden sein. Etwa vierzig dieser Gegenstände gibt es bis heute; einige davon sind im Naturhistorischen Museum von Kopenhagen untergebracht, andere im Dänischen Nationalmuseum. Soviel auch über die Objekte der Kammer bekannt ist, kann man nur vermuten, wo sie sich befand. Seit damals sind Teile der Stadt von mehreren großen Feuern zerstört worden. Wahrscheinlich lag der Raum in einem der damaligen Universitätsgebäude – er dürfte Teil einer für Professoren vorgesehenen Wohnung gewesen sein, in die Worm nach dem Tode seines Vorgängers Professor Caspar Bartholin gezogen war. Es ist denkbar, dass Worm von seiner Wohnung aus einen Blick auf die im Stadtzentrum gelegene Krystalgade (Kristallstraße) hatte.

Links vom Sonnenaufgang

Gehen wir zunächst einen großen Schritt zurück in die Zeit, als sich die gebildete Welt im weiteren Mittelmeerraum konzentrierte. Dort lag das kulturelle Zentrum Europas. Die Weltsicht des Herodot von Halikarnassos, der fast fünf Jahrhunderte vor Christus lebte, wird auf einer Landkarte wiedergegeben, die dem Mittelmeer, dem Schwarzen Meer und den angrenzenden Regionen schon realistische Formen verleiht, sich im Nordwesten des Kontinents aber mit einer geschwungenen Linie zufriedengibt, die von den Britischen Inseln und den Landmassen Skandinaviens nicht einmal etwas erahnen lässt. Zum Vorwurf kann man ihm das natürlich nicht machen: Mehr als das, was damals bekannt war, konnte man nicht auf einer Karte abbilden. Norden war das phantomhafte, stets von Dunkelheit geprägte Gebiet, das sich jenseits der Nordgrenze der griechisch-römischen Welt, also jenseits der Alpen und des Schwarzen Meeres erstreckte.

Das sagenhafte Land Hyperborea verorteten die Menschen der griechischen Antike im Nordosten Europas, jenseits des Nordwindes Boreas – benannt nach dem gleichnamigen Gott, von dem man meinte, dass er den Winter brachte. Sie stellten es sich als Land des Überflusses vor, in dem Riesen leben, die weise, glücklich und unsterblich sind, sich Musik und Tanz hingeben und weder von Krankheiten noch von anderen Sorgen geplagt werden. Allerdings war es für Sterbliche nicht möglich, dorthin zu gelangen. Für den Geografen Strabo, der um die Zeitenwende lebte, umfasste der Norden dann schon konkreter den nordwestlichen Teil Galliens, die Britischen Inseln, das Niederrheingebiet und Skandinavien.

Und wo lag das sagenhafte Thule, das zum ersten Mal im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung von dem aus Marseilles (Massilia) kommenden griechischen Astronomen Pytheas gesichtet worden sein soll? Angeblich soll es nördlich der Insel Britannien gelegen haben und nach sechs Tagen Fahrt mit einem Segelschiff zu erreichen gewesen sein. Packeis soll es dort gegeben haben; man konnte weder segeln noch sich zu Fuß fortbewegen. War er womöglich bis Island, zu den Färöern oder sogar bis Grönland gekommen? Kenntnis über diese Reise gab ein Dokument, das vermutlich Über den Ozean hieß, aber verschollen ist – Verweise darauf finden sich in den Werken anderer Autoren und Astronomen. Thule bzw. Ultima Thule wurde im weiteren Verlauf mal mit Island, mal mit den Orkneyinseln, ein anderes Mal mit den Färöern oder selbst mit Norwegen gleichgesetzt. »Thule«, »Norden« und »Arktis« wurden sogar oft wie Synonyme verwendet. Dabei wurde »Arktis« von »Arktikos« abgeleitet: »von dem großen Bären«, also »Ursa Major«, dem gut sichtbaren Sternbild am Nordhimmel. Zweifel an der genauen geografischen Lage hinderten Kartografen noch im 16. Jahrhundert nicht daran, Thule als Insel auf einer Landkarte einzutragen – wie man eben generell auch Leerstellen nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllte, wenn nichts Genaueres darüber bekannt war.

Schon früh war klar, dass sich die bekannte Welt kontinuierlich erweiterte. Im 1. Jahrhundert nach Christus griff der Philosoph Lucius Annaeus Seneca das Motiv in seiner Tragödie Medea auf. Prophetisch singt der Chor:

»Es durchsteuert schon jeder Nachen die Flut. / Kein Markstein verbleibt. In Neuland verlegt / nun manch eine Stadt ihrer Mauern Ring. Nichts lässt, wo es war, die erschlossene Welt. / Das eisige Nass des Araxes schlürft / der Inder, es trinkt der Perser bereits / aus Elbe und Rhein. Es wird kommen die Zeit, / wenn die Jahre vergeh’n, wo des Ozeans Strom / den Erdenring sprengt und ein riesiges Land / sich weithin erstreckt, wo Tethys enthüllt / was an Räumen sie barg – das Ende der Welt / ist Thule nicht mehr.«

Der Chor sollte recht behalten, denn der Horizont verschob sich tatsächlich immer weiter nach Norden. In einer Arbeit des irischen Mönches Dícuil, Liber de Mensura Orbis Terrae, die aus der Zeit um 825 stammt, taucht »Thule« erneut auf, und aus dem Zusammenhang lässt sich schließen, dass in diesem Fall damit Island gemeint war. Bis zum 9. Jahrhundert, als auf den Färöern und Island die ersten norwegischen Siedlungen gegründet wurden, galten die Shetlandinseln als Grenze der bewohnten Welt. Die Strecke von dort nach Island entspricht etwa jener nach Nordwestengland. Neben Orkney und den Hebriden stellten die Inseln so etwas wie das Sprungbrett nach Norwegen einerseits und andererseits nach Island und Grönland dar.

Der Norden galt lange als Hort des Teufels, es war der Ort, von dem das Unheil über die Welt kommen werde, im Süden hingegen, so hieß es, befinde sich die leuchtende Heimstatt Gottes. Der Prophet Jeremia spitzte den Dualismus noch weiter zu: Ihm zufolge werde das Unheil in Gestalt der Völker aus dem Norden hereinbrechen. Die Menschen des Nordens – wer auch immer im Einzelnen damit gemeint war – wurden im Volksglauben verschiedener Kulturen als Boten des Unheils gesehen.

Seit der Antike galt der Norden (wie auch der Westen) als Region der Kälte und Dunkelheit, ebenso als sonnenlos und lebensfeindlich. Dieses handliche Deutungssystem blieb das Mittelalter hindurch lebendig und fand seine Fortsetzung sogar in den alchemistischen Spekulationen des 16. und 17. Jahrhunderts.

Für Hildegard von Bingen war im 12. Jahrhundert die Hinwendung Adams nach Osten bei seiner Erschaffung Ausgangspunkt ihrer Überlegungen: Zu seiner Rechten habe der Süden der Seligkeit und zu seiner Linken der Norden der Finsternis gelegen. Die Himmelsrichtungen in der Kosmologie der Heiligen korrespondieren auch mit Winden. Der Norden sei die Himmelsrichtung, aus der der Kirche Schaden drohe, und »der bedrohlich im Zorn brummende Bär« stelle den Ausgangspunkt des »von Gott entfremdeten« und »von jeder Nützlichkeit, Glückseligkeit und Heiligkeit getrennten« Nordwindes dar, der Unheil und Unwetter mit sich bringe. Der Charakter des Nordwindes begründe dann sogar die Notwendigkeit der anderen Winde, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Der Norden selbst war für Hildegard von Bingen ein Unort.