Die erste Fahrt des Orient-Express - David Janz - E-Book

Die erste Fahrt des Orient-Express E-Book

David Janz

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Beschreibung

Steigen Sie ein zur ersten Reise im sagenhaften Orient-Express!

Paris 1883. Für Georges Nagelmackers steht alles auf dem Spiel: Seine neueste Unternehmung, der Orient-Express, startet zur ersten Fahrt quer durch die verfeindeten Staaten Europas. Der luxuriös ausgestattete Zug will ein Symbol des Friedens sein. Mit dabei: ein Dutzend Diplomaten, die ihre politischen Differenzen beilegen sollen. Nur ein Erfolg kann den verschuldeten Georges vor dem Ruin retten. Und er würde damit das Herz der jungen Frauenrechtlerin Hubertine Berthier zurückgewinnen. Sie hat ihn verlassen, weil er ständig in großem Stile scheitert. Diesmal soll alles anders werden. Doch dann erfährt Georges, dass sich ein Attentäter an Bord befindet ...

David Janz erweckt den Mythos Orient-Express in all seiner Pracht zu neuem Leben.

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2024

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über dieses buch

Steigen Sie ein zur ersten Reise im sagenhaften Orient-Express! Paris 1883. Für Georges Nagelmackers steht alles auf dem Spiel: Seine neueste Unternehmung, der Orient-Express, startet zur ersten Fahrt quer durch die verfeindeten Staaten Europas. Der luxuriös ausgestattete Zug will ein Symbol des Friedens sein. Mit dabei: ein Dutzend Diplomaten, die ihre politischen Differenzen beilegen sollen. Nur ein Erfolg kann den verschuldeten Georges vor dem Ruin retten. Und er würde damit das Herz der jungen Frauenrechtlerin Hubertine Berthier zurückgewinnen. Sie hat ihn verlassen, weil er ständig in großem Stile scheitert. Diesmal soll alles anders werden. Doch dann erfährt Georges, dass sich ein Attentäter an Bord befindet … David Janz erweckt den Mythos Orient-Express in all seiner Pracht zu neuem Leben.

über den autor

David Janz ist das Pseudonym eines erfolgreichen Autors historischer Romane und Wissenschaftsthriller. Als Fachjournalist schreibt er für mehrere deutsche Zeitschriften – über Museen auf dem Meeresboden, Sound-Archäologinnen auf der Suche nach den Geräuschen der Vergangenheit und Postboten auf den Eisplatten der zugefrorenen Ostsee. Janz studierte Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und Ethnologie in Münster. 2022 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Lünen.

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2024 byBastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Textredaktion: René Stein, Kusterdingen

Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille

Umschlagmotiv: © Shutterstock: AlexanderLipko | Evannovostro | Frame Art | g_tech | Kiselev Andrey Valerevich | Locomotive74 | Ton Bangkeaw | Ysbrand Cosijn © Vorsatz-/Nachsatzillustrationen: Markus Weber/Guter Punkt, München

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-5582-5

luebbe.de

lesejury.de

tag 1

kapitel 1

Donnerstag, 4. Oktober 1883, 18.30 Uhr

Paris, Gare de Strasbourg

»Alle einsteigen!« Der Ruf des Schaffners hallte über Bahnsteig 1 im Gare de Strasbourg. Georges blieb vor einem der dunkelgrünen Waggons stehen, zog die Uhr aus der Westentasche und klappte sie auf. Zwölf Minuten blieben bis zur Abfahrt. Das Ziffernblatt mit dem Rankenmuster verwischte vor seinen Augen, er schloss eine Faust darum, in der Hoffnung, dass die Zeit darin eingesperrt bleibe. Nach zehn Jahren Vorbereitung, nach unzähligen Rückschlägen und Krisen würde endlich der Zug, der die Welt verändern sollte, aus Paris heraus- und seinem Ziel entgegenfahren: Konstantinopel, dem äußersten Ende Europas.

Nur von Blowitz fehlte jede Spur.

Reisende und Schaulustige drängten sich auf dem Bahnsteig. Georges blickte in Gesichter, auf denen sich Staunen, Skepsis und Erwartung mischten. Durch das gläserne Dach des Bahnhofs fielen die letzten Sonnenstrahlen des Oktobertags, Lichtsprenkel überzogen die mit Früchten, Schleifen und Federn geschmückten Hüte der Damen, die gebürsteten Zylinder der Herren und die Schirmmützen der einfachen Leute. Sie alle waren hier, um den Zug zu sehen, seinen Zug, das Wunderwerk der Technik, die Zukunft auf Rädern, die Mona Lisa der Ingenieurskunst: den Orient-Express. Wo blieb Blowitz?

Seit Wochen schon ratterte der Zug durch die Spalten der Zeitungen. Die Journalisten von Le Figaro bejubelten die Tapferkeit des Unternehmers Georges Nagelmackers, der sich vorgenommen hatte, eine Zugverbindung zwischen Westeuropa und dem Schwarzen Meer zu schaffen. Die Kolumnisten von Le Petit Parisien hielten es hingegen für unmöglich, dass die Waggons ihr Ziel erreichen konnten, mussten sie doch sechs miteinander verfeindete Staaten durchqueren. Die Chronisten der Klatschblätter wiederum beschrieben mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Hohn jedes Detail der luxuriösen Innenausstattung, die vierarmigen Gas-Kronleuchter im Speisewagen ebenso wie die Seidenlaken auf den Betten der neuartigen Schlafwagen.

»Monsieur Nagelmackers?« Ein junger Zugbegleiter in brauner Uniform näherte sich. Unter seinem runden Hut schauten die Spitzen karottenfarbenen Haars hervor.

Georges fühlte in seiner Faust das Uhrwerk ticken. »Warum sind Sie noch nicht im Zug, Pascal?«

»Es gibt ein Problem mit einem Gepäckstück.« Der Junge deutete hinter sich. Zwischen den Fahrgästen und Schaulustigen auf dem Bahnsteig ragte ein Schrankkoffer auf, er war bezogen mit braunem Leder. Davor stand mit verschränkten Armen Missak Effendi, der Chefsekretär der Osmanischen Botschaft in Paris. Georges kannte ihn aus der Zeitung. Obwohl der Diplomat einen Zylinder trug, überragte ihn das Gepäckstück.

»Für den Koffer des Monsieurs ist in dem Gepäckwagen kein Platz mehr.« Pascal zog die Schultern hoch. »Es ist aber auch nicht möglich, etwas daraus zurückzulassen. Der Monsieur sagt, darin seien die Geschenke für den Kalifen in Konstantinopel.«

Georges wurde es heiß in seinem grauen Paletot. In diesem Moment ließ der Zugführer weiter vorn etwas Dampf ab, um Druck aus dem Kessel zu nehmen. »Werfen Sie das Werkzeug und die Ersatzteile aus dem hinteren Gepäckwagen«, wies Georges den Zugbegleiter an und zog die Aufschläge seines taillierten Mantels straff. »Dann wird der Koffer hineinpassen.«

Pascal verzog das Gesicht, und seine Sommersprossen tanzten. »Aber Monsieur! Wenn wir unterwegs eine Panne erleiden, sind wir ohne Werkzeug und Ersatzteile verloren.«

Georges’ Blick ruhte auf dem Jungen. »Wenn Monsieur Missak dem Kalifen nicht genug Geschenke aus Paris mitbringt, wird es sogar das Beste sein, wir erreichen Konstantinopel erst gar nicht. Raus mit dem Werkzeug, raus mit den Ersatzteilen und rein mit dem Koffer! Beeilen Sie sich!«

Pascal schlug die Hacken zusammen. »In zehn Minuten ist der Koffer an Bord.« Er lief davon.

»In fünf!«, rief Georges ihm hinterher. Er ließ den Zeitmesser zurück in die Westentasche gleiten.

»Alle einsteigen!«, rief der Schaffner noch einmal.

Türen klappten. Aus den Fenstern des Zugs lehnten Männer und winkten mit Hüten. Eine junge Frau stand vor dem tannengrün lackierten Speisewagen, der sich in der Mitte der Waggons befand, und hielt ihre mit Spitzenhandschuhen geschmückten Hände vor den Mund. Sie weinte und blickte aus den feuchten Augen einen Herrn mit eisgrauem Vollbart an, der aus dem Zugfenster heraus versuchte, sie zu beruhigen. Georges erkannte Monsieur Verne und seine Tochter.

»Mademoiselle Valentine«, er verneigte sich, »seien Sie ohne Sorge. In zwei Wochen wird Ihr Vater unbeschadet wieder in Paris ankommen. Dafür werde ich persönlich Sorge tragen.«

Valentine Verne ließ zu, dass Georges ihre Hände mit den seinen umschloss und von ihrem Mund nahm. »Aber auf dem Balkan wimmelt es von Barbaren und wilden Tieren. Ich habe Geschichten gehört …«

Er reichte ihr sein Taschentuch, damit sie ihre Tränen trocknen konnte. »Mademoiselle, Sie sind die Tochter eines Schriftstellers. Sie wissen, wie Geschichten entstehen. Der Balkan ist nicht mehr wie früher. Die Osmanen sind vertrieben, Bulgaren, Rumänen und Serben sind frei und entwickeln ihre Länder zu modernen Staaten. Unser Zug wird die jungen Nationen mit dem alten Europa verbinden. Ihr Vater wird Teil dieses Ereignisses sein.«

Die Worte verfehlten nicht ihre Wirkung: Stolz blitzte in Valentine Vernes geröteten Augen auf – bis zu dem Moment, als ihr Vater eine Pistole aus dem Zugfenster schwenkte. »Zur Not habe ich immer noch die hier.«

Schüsse fielen, und die Menge schrie auf. Monsieur Verne starrte die Waffe in seiner Hand an.

»Stecken Sie das Ding weg!«, rief Georges und hastete zum hinteren Teil des Zugs, denn von dort waren die Schüsse gekommen. Schon folgten weitere. Im Laufen lupfte er seinen Zylinder und schwenkte ihn, während er den Leuten ringsumher zurief, es sei alles in Ordnung. Allerdings war er sich da selbst nicht ganz sicher.

Sechs Soldaten in der roten Paradeuniform des britischen Militärs hatten neben dem Zug Aufstellung genommen. Sie hielten Gewehre im Anschlag und feuerten gerade eine weitere Salve in die Luft. Tauben flogen auf. Glas klirrte, als eine der Scheiben im Dach des Bahnhofs zersplitterte, Scherben regneten auf den Orient-Express herab, die Menschen auf dem Bahnsteig wurden zum Glück nicht getroffen.

Georges fiel einem Soldaten in den Arm und drückte den Lauf seines Gewehrs nach unten. »Wollen Sie einen Krieg anzetteln?«, schimpfte er. »Das ist ein Zug des Friedens. Wir versuchen Länder zu verbinden, nicht gegeneinander aufzubringen. Wer ist Ihr Kommandeur?«

»Das wäre in diesem Fall ich«, ertönte eine sonore Stimme, die zu einem Mann mit einem langen Schnurrbart gehörte. Er war hinter der Ehrengarde aufgetaucht, trug einen wadenlangen, karierten Wollmantel mit Schultercape und eine graue Melone. Mit der silbernen Spitze seines Gehstocks tippte er Georges auf die Hand, die das Gewehr festhielt. »Lassen Sie die Sergeanten ihre Arbeit tun, sonst wird Ihr Zug zwei seiner bedeutendsten Passagiere verlieren.«

»Sir Edmond Laycock, wie ich vermute.« Es war für Georges nicht schwer zu erraten, wer ihm gegenüberstand. Der britische Minister für öffentliche Arbeiten war bekannt wie ein bunter Hund. Georges schob die Spitze des Stocks von seinem Handgelenk. »Ich dachte, die Briten ständen den Franzosen in nichts nach, was gutes Benehmen angeht, und würden sie sogar noch übertreffen, wenn Zurückhaltung gefragt ist. Stattdessen führen Sie sich auf wie die Preußen.«

Laycock lächelte überlegen. Dabei geriet sein Bart in Bewegung. »Sie als Belgier, Monsieur Nagelmackers, sind mit den Gepflogenheiten der internationalen Diplomatie naturgemäß wenig vertraut. Ich entschuldige das. Die Salutschüsse fallen zu Ehren unseres Gastes Sayadschi Rao III. Er ist der Großkönig des Indischen Reichs von Baroda. Bei seinem Besuch in London wurde ihm vor drei Tagen der Stern von Indien verliehen, und als Träger dieses Ordens stehen ihm bei öffentlichen Anlässen zwölf Schuss Salut zu.«

Die Stockspitze schwenkte herum und zeigte Richtung Schlafwagen Nummer 1. In der Tür stand ein Mann dunkler Hautfarbe, dessen weiße, mit Orden gespickte Uniform seinen kräftigen Körperbau unterstrich. Er hatte ein rundes Gesicht mit einem breiten Kinn und einem buschigen Oberlippenbart. Das Haar trug er zurückgekämmt zum Zopf gebunden, sodass die goldenen Ohrgehänge zur Geltung kamen, in denen rote Edelsteine blitzten. Auch die Augen des Großkönigs funkelten. Er starrte Georges an.

»Hören Sie, Sir Laycock«, Georges senkte die Stimme, »ich habe dafür gesorgt, dass der Maharadscha ein Raubtier mitnehmen kann. Aber das hier, das geht zu weit.«

»Zu weit?«, echote Laycock. »Dann dürfte es Sie interessieren, dass die Salutschüsse eigentlich von Kanonen abgefeuert werden müssten, sich Seine Exzellenz in seiner Bescheidenheit aber damit einverstanden erklärt hat, dass wir Gewehre verwenden.«

»Alle einsteigen. Türen schließen.« Die dritte Aufforderung war die letzte. Die hydraulischen Bremsen zischten, und schon ruckten die Waggons an. Georges half Laycock in den Zug, blieb aber selbst auf dem Perron, dem Bahnsteig, mit einer Hand an der Haltestange. Noch einmal suchte er Blowitz in der Menge. Aussichtslos! Henri Opper von Blowitz hatte ihn versetzt. Nun würde Georges ohne den berühmten Reisejournalisten auskommen müssen. Dabei war er auf einen wohlwollenden Bericht aus dessen Feder angewiesen, der die erste Fahrt des Orient-Express in The London Times feierte und damit den Erfolg des Unternehmens garantierte, denn alle großen Tageszeitungen Europas würden in den Jubel einstimmen.

Der Zug fuhr los. Hände, Hüte und Taschentücher wurden aus den Fenstern geschwenkt. Aus der Zuschauermenge ragten Papierfähnchen mit den Flaggen Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens, des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarns heraus, dazwischen leuchtete das Rot und Gold des osmanischen Halbmonds.

Georges lief neben dem Zug her. Die Vernunft drängte ihn, endlich aufzuspringen. Seine Hand krampfte sich um die Haltestange. Der Zug zog ihn mit sich fort. Mit einem Satz landete er auf dem Trittbrett. Da hörte er Anfeuerungsrufe vom Bahnsteig her.

Er reckte den Kopf. Nur wenige Meter hinter ihm, neben dem Gepäckwagen, rannte Blowitz, seinen Koffer gegen den Bauch gepresst. Sein Wollmantel mit Pelzbesatz flatterte, und die Haare seines Backenbarts zitterten. Der schwarze glänzende Zylinder rutschte mit jedem Schritt und offenbarte den nur von einem rötlichen Haarkranz umflorten Kopf des Journalisten. Seine Gesichtsfarbe konkurrierte mit der seines Haars. Sein Mund stand offen, seine Lippen bewegten sich. Zweifellos hatte er Georges erkannt und wollte ihm etwas zurufen.

Der Zug wurde schneller, der Journalist fiel zurück. Georges hielt sich fest und beugte sich aus der Tür, soweit es ging. Dabei streckte er eine Hand aus. Blowitz ließ den Koffer los, um sie zu ergreifen, schlang seine Finger aber sofort wieder um das Gepäckstück.

»Werfen Sie den Koffer weg!« Georges war sicher, dass Blowitz ihn hören konnte, dennoch umklammerte der Reporter mit beiden Armen seinen Besitz.

Da fühlte sich Georges hinten am Mantel gepackt. »Lehnen Sie sich hinaus«, sagte eine tiefe Stimme mit fremdländischem Akzent, »ich halte Sie.« Er zögerte keinen Augenblick. Seine Zukunft lag nun in den Händen des indischen Großfürsten. War es nicht sein Ziel, dass zwischen den Ländern Frieden herrschte, dass sich die Menschen vertrauten? Er ließ sich nach vorn fallen, packte Blowitz am Rockaufschlag und zerrte den Reporter zu sich heran.

kapitel 2

Donnerstag, 4. Oktober

Von Paris nach Strasbourg

Georges stand in einer Waschkabine im hinteren Schlafwagen, hielt sein Taschentuch unter den aufgedrehten Wasserhahn und tupfte sich die Stirn. Vor dem kleinen Fenster rechts neben ihm zog das Umland von Paris vorbei. Er schloss die Augen und genoss das leise Rattern unter seinen Füßen.

Der Orient-Express hatte sich in Bewegung gesetzt – mit allen Passagieren an Bord. Mantel und Zylinder hatte Georges in seinem Abteil abgelegt. Hüte trug er ohnehin nicht gern, denn er war hochgewachsen und stach aus jeder Gruppe heraus. Auch jetzt musste er sich bücken, um einen Blick in den Spiegel über dem Waschbecken zu werfen, sonst hätte er nur sein Kinn gesehen, das ein wenig schief war. Er musterte das Gesicht eines Mannes am Beginn des mittleren Alters. Nichts daran war symmetrisch, trotzdem verzichtete Georges darauf, es hinter einem Bart zu verstecken. Sein dunkles Haar war zerzaust worden, als er Blowitz in den Zug gezogen hatte. Er strich es nachlässig zurück, und sofort schnellte eine Strähne wieder nach vorn. In Konstantinopel würde er zu einem Barbier gehen.

Bevor er den Waschraum verließ, zog er die Uhr aus der Westentasche. Mit dem Daumen rieb er über das ziselierte Silber. Die Uhr war ein Geschenk seines Vaters, eine Larcum Kendall, einer der genauesten und zuverlässigsten Zeitmesser der Welt. Edmond Nagelmackers hatte seinem Sohn gesagt, er wolle das Präsent als Symbol der Beständigkeit verstanden wissen, doch Georges war viel mehr davon fasziniert, dass James Cook einen solchen Chronographen auf seinen Reisen benutzt hatte, um seine Position an Orten zu bestimmen, die auf keiner Landkarte verzeichnet waren. Georges klappte den Deckel auf, die Larcum Kendall zeigte 18.57 Uhr an. Er lauschte. Das Ticken des Uhrwerks und das Rattern der Räder folgten einem unterschiedlichen Rhythmus. Die kleine und die große Maschine arbeiteten unermüdlich gegeneinander – der Zug fuhr ein Rennen gegen die Zeit. Und ihm, Georges Nagelmackers, musste es gelingen, beide Kräfte in Einklang zu bringen.

Vor dem Waschraum warteten zwei Männer, die in ein Gespräch vertieft waren. Der eine war Missak Effendi, der Osmane mit dem Schrankkoffer. Den anderen hatte Georges noch nicht kennengelernt, dafür würde später noch Gelegenheit sein. Er nickte den beiden zu, ging den Gang hinunter und blieb vor einer Tür stehen. Noch einmal strich er sich das Haar zurück, schließlich fuhr er mit den Händen über die Weste und richtete die Manschetten an seinem Hemd. Dann klopfte er.

Die Tür wurde aufgezogen, und Henri Opper von Blowitz schaute heraus. Georges setzte eine freundliche Miene auf. »Haben Sie sich ein wenig erholt, Monsieur?«

»Erholt?«, fragte Blowitz und bat Georges mit einer schwungvollen Geste hinein. »Ich bin doch nicht in der Sommerfrische!« Er lachte. Hinter ihm war jemand damit beschäftigt, seine Garderobe zu verstauen. Georges hatte dafür gesorgt, dass Blowitz eines der wenigen Zweibettabteile erhielt, um im Zug den größtmöglichen Luxus zu genießen. Alles hing davon ab, was der Reporter in The London Times über die erste Fahrt des Orient-Express berichten würde.

Georges trat ein und begrüßte den Mann, der sich als Fürst Ludomir Orjol vorstellte und dann wieder seiner Beschäftigung zuwandte. Auf Blowitz’ Scherz wusste Georges keine Erwiderung. Er war ohnehin niemand, der in Salons und Soireen mit blitzgescheiter Konversation zu glänzen verstand, er war allenfalls gewitzt. Sein Zuhause waren Zahlen und Pläne. »Sie wollten darüber informiert werden, wer sich mit uns im Zug befindet.« Er überreichte Blowitz eine Liste der Passagiere, verbunden mit der Hoffnung, dass der Journalist später in seinem Artikel die Namen richtig schrieb.

Blowitz faltete das Blatt auseinander. »Aber das sind ja nur zwölf Personen. Ich habe mit vierzig gerechnet. Ist der Zug denn nicht ausgebucht?«

Passagiere des Orient-Express

Paris-Konstantinopel, Oktober 1883

Deutsches Reich: Dr. Volker von Diehl, Arzt

Frankreich: M. Gustave Grimprel, Finanzministerium

Frankreich: M. Jules Verne, Schriftsteller

Frankreich/Großbritannien: M. Henri Opper de Blowitz, Reporter für The London Times

Großbritannien: Sir Edmond Laycock, Mitglied des Oberhauses

Indien: Seine Majestät Sayadschi Rao III. Gaekwad, Großfürst von Baroda, und sein Diener Kiran

Osmanisches Reich: Missak Effendi, Chefsekretär der Osmanischen Botschaft in Paris

Österreich-Ungarn: Hr. Wilhelm von Flattich, Betriebsdirektor der Staatseisenbahn

Russland: Fürst Ludomir Orjol, Gesandter des Zaren in Paris

Vereinigte Staaten von Amerika: Mr. Mortimer Pullman, Unternehmer

sowie Ihr ergebener Zugleiter M. Georges Nagelmackers, Belgien

Georges lächelte vorsichtig. »Es befinden sich vierzig Fahrgäste an Bord, aber die meisten werden in Wien aussteigen.« Er tippte auf die Liste. »Diese zwölf fahren bis Konstantinopel.«

»Warum nur zwölf?« Blowitz runzelte die Stirn.

»Weil dreizehn eine Unglückszahl ist, Monsieur«, entgegnete Georges. »N’est-ce pas?«

Die Falten über Blowitz’ buschigen Brauen glätteten sich. »Sie haben Humor, Georges, das gefällt mir. Aber genügt das, um zwölf Menschen nach Konstantinopel zu bringen?«

Der Journalist wartete die Antwort nicht ab, sondern kramte in seinem Koffer, jenem Gepäckstück, das er trotz aller Not nicht auf dem Bahnsteig hatte zurücklassen wollen, und holte einen in schwarzes Leder gebundenen Notizblock und einen Bleistift hervor. Zwischen den Seiten ließ er die zusammengefaltete Passagierliste verschwinden. »Bewaffnet und geladen«, sagte er, während er seine Werkzeuge in der Luft schwenkte. »Erzählen Sie mir mehr, Monsieur.«

»Ich schlage vor, wir lassen den Zug mitreden«, sagte Georges. »Wollen Sie mich auf einer Runde durch die Wagen begleiten?«

»Eine Runde?« Blowitz schlug mit dem Stift auf das Leder. »Ist er denn rund, der Zug, oder dreht er sich etwas im Kreis?«

Georges lachte pflichtschuldig und begann damit, Blowitz den Aufbau des Zuges zu erläutern. »Es ist ein organisches System«, er deutete in Fahrtrichtung, »vorne zieht die Dampflokomotive. Daran hängt der Schlepptender mit den Kohlen. Dieses Kraftwerk bewegt fünf Waggons: einen Gepäckwagen, einen Schlafwagen, den Speisewagen, danach einen weiteren Schlafwagen und zum Schluss wieder einen Gepäckwagen.«

»Demnach fährt der Speisewagen in der Mitte und bildet das Herz des Zuges.« Blowitz’ Bleistift tanzte über den Notizblock. Er kritzelte eine Reihe von Ovalen.

»Ich würde eher die Lok als das Herz bezeichnen. Sie werden erleben, wie kräftig es schlägt. Da der Speisewagen in der Mitte fährt, könnte man ihn vielleicht als Bauch des Orient-Express bezeichnen.«

Blowitz schmunzelte und schrieb.

»Wir befinden uns im hinteren der beiden Schlafwagen«, fuhr Georges fort. »Erlauben Sie mir, dass wir uns Ihr Compartiment näher ansehen?« Er reckte den Kopf. »Vorausgesetzt, Ihr Mitreisender hat nichts dagegen.«

Fürst Ludomir Orjol, der Gesandte des Zaren, der ebenfalls bis nach Konstantinopel weiterreiste, drehte sich zu den Männern um. Orjol war ebenso elegant gekleidet wie Blowitz, doch im Gegensatz zu dem voluminösen Franzosen war der Russe untergewichtig und hatte Schatten unter den Augen. Seine Haut hatte die Farbe einer Opferkerze. Der Fürst wirkte nervös und krank. Er tat mit einem kurzen Nicken seine Zustimmung kund.

»Die beiden Schlafwagen verfügen über je zwanzig Betten«, erklärte Georges und blickte von einem zum anderen. »Es gibt Zweibettabteile wie dieses hier, aber auch solche mit drei oder vier Betten. Die Schlafplätze sind übereinander angeordnet, damit die Passagiere nicht nebeneinanderliegen müssen, denn sie sind in der Regel nicht miteinander bekannt. Um nach oben zu gelangen, benutzen Sie diese Trittleiter.« Er klopfte auf die Sprossen, sie waren aus Messing und mit rotem Filz belegt, um ein Abrutschen zu vermeiden. »Wenn die Leiter nicht mehr benötigt wird, kann sie eingeklappt werden. Sehen Sie?« Georges betätigte den Mechanismus, und die Trittleiter verschwand. Ihre Unterseite war aus demselben dunklen Holz wie die Wände der Kabine, sodass sie kaum noch auffiel.

»Darf ich?« Blowitz griff nach dem Mechanismus und löste ihn aus. Die Leiter schwang zurück und traf ihn am Schienbein. Er fluchte in einer Mischung aus Englisch und Französisch. »Wollen Sie Ihre Fahrgäste verstümmeln?«

»Wir lassen die Leiter einfach ausgeklappt«, schlug Fürst Orjol vor. »Dann passiert schon nichts. Platz ist hier drin ja genug.«

»Weiter«, knurrte Blowitz und schrieb in sein Notizbuch. Dabei machte er ausholende Bewegungen mit den Ellbogen. »Was ist mit den Gaslampen? Sind die nicht gefährlich?«

Eigentlich hatte Georges noch gar nicht zu den Lampen kommen wollen. Von der Trittleiter aus ließ sich viel besser auf die Wandvertäfelung hinweisen. Sie war aus Teakholz und benötigte keinen Anstrich, deshalb herrschte auch kein unangenehmer Farbgeruch im Abteil. Stattdessen duftete es nach frischer Wäsche, denn das Bettzeug wurde jeden Morgen gewechselt, und die Schlafplätze wurden so zusammengeklappt, dass sich der Raum in einen kleinen Salon mit einem dick gepolsterten Diwan voller Keilkissen und zwei samtbezogenen Clubsesseln verwandelte. Nun gut! Blowitz würde all das von selbst herausfinden.

»Die Gaslampen«, sagte Georges, »beleuchten das Abteil in zwei Lichtstärken.« Er ging zum Fenster, vor dem die Felder der Champagne vorbeizogen, und sperrte das Abendlicht aus, indem er die Vorhänge aus Genfer Velours vorzog. Dann drehte er den Stift an einer der beiden Gaslampen. Die Kabine wurde in warmes Licht getaucht. »Wenn Sie lesen oder schreiben wollen, ist diese Beleuchtung perfekt. Ich selbst habe die Konstruktionspläne des Orient-Express unter einer dieser Lampen gezeichnet.«

»Aber gemütlich ist das Licht nicht«, hob Blowitz an.

Georges zupfte aus einem kleinen Fach am Messingarm der Lampe ein Stück grünen Seidenstoff hervor und breitete ihn auf dem zarten Gitter aus, von dem die Lampe eingefasst war. Sofort wurde das Abteil in dämmrigen Schein getaucht, wie er in einem Boudoir oder einem Rauchsalon herrschen würde.

Fürst Orjol ließ sich auf einen der Sessel fallen, die neben dem Klapptisch am Fenster standen. »Einfach, aber effektvoll. Jetzt fehlen nur noch ein Satz Spielkarten und eine Flasche Absinth.« In seinen Augen erschien ein ungesundes Leuchten.

»Das ist ja alles gut und schön«, ließ sich Blowitz vernehmen und tastete mit der Spitze seines Bleistifts an die Lampe, wobei der Seidenschirm herunterfiel, den Georges geschickt auffing. »Aber«, fuhr der Journalist fort, »wie steht es mit der Sicherheit? Gaslampen können explodieren. Warum beleuchten Sie Ihre Waggons nicht mit Öllichtern?«

»Weil Öl durch das Missgeschick eines Passagiers auslaufen und den Zug in Brand setzen kann«, antwortete Georges. »Fragen Sie Mister Pullman, den Amerikaner, der mit uns an Bord ist. Er unterhält Schlafwagen in den Vereinigten Staaten und hat diesbezüglich schon eine Menge erlebt.«

»Gas ist viel gefährlicher«, beharrte Blowitz. »Öl kann einen Brand hervorrufen, den man löschen könnte, aber Gas kann in die Luft gehen.«

Es war offensichtlich, dass Blowitz versuchte zu provozieren, doch Georges blieb ruhig. »Schauen Sie, Henri«, er drehte das Gaslicht wieder herunter und zog die Vorhänge auf. Das Abendlicht modellierte die Formen der Inneneinrichtung heraus und ließ die fein aufeinander abgestimmten Farben leuchten, »die Gasleitung verläuft hinter den Verkleidungen des Zuges. Niemand kommt da ran. Die Gastanks sind sicher am Ende der Waggons untergebracht und mit Stahlplatten verkleidet. Es kann nichts geschehen.«

Blowitz zog die Lippen zurück und tippte mit der Kante seines Notizbuchs gegen seine kleinen Schneidezähne. »Von der Sicherheit eines solchen Konzepts werden Sie mich noch überzeugen müssen, Georges. Bis dahin glaube ich: Dieser Zug ist eine rollende Bombe.«

»Der Orient-Express ist ein rollendes Luxushotel«, widersprach Georges. »Diese Waggons sind die schwersten und geräumigsten, die es zurzeit auf der Welt gibt. Sie liegen auf Drehgestellen, die eine exzellente Laufruhe ergeben. Das Fahrgeräusch, das werden Sie bereits festgestellt haben, ist kaum wahrnehmbar, ebenso wenig wie Erschütterungen. Die Gasleitungen genießen im Orient-Express dieselbe Ruhe wie die Fahrgäste.« Er war in seinem Element, mit Spurweiten war er ebenso vertraut wie mit dem Profil der Räder, und die Suche nach dem perfekten Stahl hatte ihn nicht nur fast den Verstand, sondern auch ein Vermögen gekostet. Bei der Konstruktion des Orient-Express hatte es Stunden voller Verzweiflung gegeben, und wenn Hubertine ihn nicht dazu gedrängt hätte weiterzumachen, wäre dieser Zug ein Traum geblieben – oder ein Albtraum.

»Sie haben recht«, schaltete sich Orjol ein. »Man hört fast keine Geräusche von draußen.«

Für einen Moment war es still in dem Abteil. Das Rattern der Räder war so leise, dass es vom Geräusch des eigenen Herzschlags übertönt zu werden schien.

»Hokuspokus«, sagte Blowitz. »Sie wollen uns weismachen, dass der Zug ruhig läuft, während er in Wirklichkeit schaukelt …« Er ließ sich auf den Sessel gegenüber von Fürst Orjol sinken und legte sein Notizbuch auf den Klapptisch. »Lassen Sie es uns herausfinden!« Er leckte die Spitze des Bleistifts an, streckte den Arm aus und setzte das Schreibgerät auf das Papier. Er hielt es locker fest und schien darauf zu warten, dass es zu tanzen begann und eine Linie entstand, das Kardiogramm des Zuges, der Beweis seines Rüttelns und Schlagens.

Der Stift rührte sich nicht.

Blowitz warf einen raschen Blick zu Orjol hinüber und räusperte sich. »Also gut, dann werde ich jetzt etwas aufschreiben, und Sie, mein lieber Fürst, werden versuchen, es zu lesen. Einverstanden?«

Orjol nickte. »Einem Spiel bin ich niemals abgeneigt.«

Während Blowitz schrieb, blieb Georges äußerlich reglos. War es ein Fehler gewesen, den Journalisten einzuladen? Er entpuppte sich schon am ersten Tag als Nörgler, als jemand, der nach dem Fehler im Detail sucht, nicht aber die Perfektion des Ganzen sieht. Georges hatte mit einem Kritiker gerechnet, der zwar die Makel erkannte, aber auch empfänglich war für das Wunderbare. Weitere Erklärungen würden zwecklos sein. Er musste dabei bleiben, den Orient-Express für sich sprechen zu lassen.

Blowitz machte einen demonstrativen Punkt ans Ende der Seite. Darauf schlängelten sich die grauen Linien seiner Handschrift. Er drehte den Notizblock herum und schob ihn Fürst Orjol zu mit den Worten: »Lesen Sie, wenn Sie können.«

Der Russe holte ein Monokel aus der Westentasche und hielt es sich vor das linke Auge.

Georges stützte sich an der kunstvoll gestalteten Hutablage ab.

Orjol las mit brüchiger Stimme: »So wartet der Verfasser dieser Zeilen darauf, dass der Zug in eine Kurve fährt, denn dann wird sich zeigen, dass die Federung quietscht, dass die Waggons schaukeln und dass dieser Text von Krakeleien durchzogen ist.«

Der Russe ließ das Monokel sinken. »Der Text ist gut lesbar. Sie haben eine angenehme Handschrift, Monsieur Blowitz. Allerdings sind Ihre Unterlängen ein wenig übertrieben, und Sie könnten den Bogen über dem kleinen a dichter schließen, da man es sonst mit einem u verwechseln könnte.« Er schmunzelte. »Ein A für ein U vormachen. Sagt man nicht so bei Ihnen in Frankreich?«

Blowitz nahm das Angebot, seine Niederlage in einen Scherz zu verwandeln, nicht an. Er ließ sich von Orjol das Notizbuch zurückgeben und klappte es zusammen. »Dass Sie den Text lesen konnten, liegt daran, dass es auf diesem Streckenabschnitt keine Kurven gab.«

Georges verzichtete darauf, Blowitz zu korrigieren. »Unser Zug«, sagte er und ließ die Hutablage los, »fährt wie auf Schienen.« Er lächelte.

»Nun gut.« Blowitz schaute Georges herausfordernd an und kratzte sich über die Wange. »Der Zug läuft wie auf Schienen? Sie haben sicher nichts dagegen, dass ich diese Behauptung überprüfe. Ich benötige ohnehin dringend eine Rasur.« Er stand auf, wühlte in seinem Koffer, bis er ein Etui aus rotem Leder hervorholte, und öffnete den Knopf an der Seite. Der Rasierpinsel sah ein wenig ausgefranst aus, aber das Rasiermesser glänzte wie neu. Blowitz zog es hervor und klappte es auf. Die Klinge blitzte.

Bis zu diesem Moment war Georges von Zuversicht erfüllt gewesen. Er kannte seinen Zug wie sich selbst. Er wusste, was die Technik leisten konnte und wo sie an ihre Grenzen stieß. Er hatte miteinbezogen, dass sich die Fahrgäste unterwegs rasieren mussten, schließlich fuhren ausschließlich Männer mit, und Männern wuchsen nun mal Bärte. Aber für die Rasur waren die Stopps an den Bahnhöfen vorgesehen; die beste Zeit dafür war, wenn der Zug stand, wenn Wasser und Kohlen nachgeladen wurden und der Zugführer die Maschine überprüfte, denn dann herrschte so viel Ruhe, dass man sich eine scharfe Klinge über den Hals ziehen konnte. In einem fahrenden Zug war das etwas anderes, selbst in einem Wunderwerk der Technik wie diesem.

Blowitz schien Georges’ Zögern zu bemerken. »Was ist los?«, fragte der Reporter. »Befürchten Sie etwa, ich könnte mich schneiden? Haben Sie Angst um mich oder um Ihr kostbares Compartiment, das von meinem Blut befleckt werden könnte?« Er klappte das Messer mit einem gemurmelten »dachte ich mir« zusammen.

»Wenn Sie erlauben«, erwiderte Georges, »hole ich Wasser und rasiere Sie eigenhändig. Schließlich sollen meine Gäste den besten Komfort genießen. Lehnen Sie sich zurück, und genießen Sie die Behandlung.« Georges lächelte, umso mehr, als er sah, wie Blowitz versuchte, sein Erschrecken zu verbergen.

»Sie?«, fragte der Journalist. »Ich kann das durchaus selbst erledigen.«

Fürst Orjol sprach aus, was Georges dachte. »Und wenn Sie sich schneiden? Dann stände der Verdacht im Raum, Sie hätten es absichtlich getan. Halten Sie das etwa für Fair Play? Es wäre ungerecht gegenüber Monsieur Nagelmackers und gegen Sie selbst. Wenn hingegen unser Zugleiter Sie verletzt, kann es keinen Zweifel daran geben, dass Sie mit Ihrer Kritik richtigliegen, Monsieur Blowitz.«

»Nehmen Sie schon mal den Kragen ab«, ordnete Georges an. »Öffnen Sie die oberen Knöpfe Ihres Hemds, und ziehen Sie die Weste aus. Ich bin gleich wieder da.«

Er verließ schnell das Abteil, um Blowitz die Gelegenheit zum Widerspruch zu nehmen. Auf dem Gang war niemand zu sehen. Georges zog die Tür hinter sich zu, lehnte sich dagegen und schloss die Augen. Wo war er da nur hineingeraten? Er war Ingenieur, kein Barbier. Er konnte mit Schieblehren umgehen, nicht mit Rasiermessern, schon gar nicht in einem fahrenden Zug. Er hob die Hände und öffnete die Augen. Seine Finger waren ruhig. Die Adern, die aus der dünnen Haut an seinen Handflächen hervorragten, schienen zu pulsieren. Er griff in seine Weste und holte die Taschenuhr hervor. 19.30 Uhr. In einer halben Stunde würde das erste Diner serviert, dann musste er im Speisewagen sein. Blieb da überhaupt genug Zeit, um Blowitz zu rasieren?

Georges lief den Gang entlang. An jeweils einem Ende waren die Waschräume und Toiletten untergebracht, zwei pro Schlafwagen, vier im gesamten Zug. Für vierzig Menschen war das nicht gerade viel, aber trotzdem ein bislang unbekannter Luxus für Reisende. Üblicherweise konnten Fahrgäste ihre Notdurft nur an Bahnhöfen erledigen, und da dort meist nur eine einzige Kabine bereitstand, kamen nicht alle an die Reihe, bevor der Zug weiterfuhr. Die modernsten Züge in den USA verfügten über Toiletten an Bord, doch waren sie nur von außen zu erreichen, sodass sie ausschließlich betreten oder verlassen werden konnten, wenn der Zug stand. Unglückselige, die zu lange in diesen Außenkabinen herumtrödelten, mussten stundenlang darin ausharren, bis der Zug den nächsten Bahnhof erreichte und sie vom – mitunter eiskalten – Örtchen befreit werden konnten. Im Orient-Express machte der Luxus nicht vor den Toiletten halt.

Georges hatte die Tür zum Waschraum fast erreicht, als diese aufgestoßen wurde und einer der Zugbegleiter in brauner Uniform herauskam. Das war doch Pascal! Eigentlich waren die Waschräume für die Fahrgäste reserviert.

»He, Pascal!«, rief Georges in der Hoffnung, einen Assistenten für die gefährliche Aufgabe gefunden zu haben.

Der Bursche schaute weg und wandte sich in die Gegenrichtung. Er steuerte auf die Verbindungstür zum hinteren Gepäckwagen zu.

»Pascal«, rief Georges ein zweites Mal, doch der Zugbegleiter ging schneller.

»He, Pascal«, versuchte es Georges wieder, nun in strengem Ton. Seine Worte verhallten unbeachtet.

Jetzt fiel ihm das helle Haar auf, das unter der runden Mütze hervorschaute. Keiner seiner Zugbegleiter hatte so helles Haar.

Die Gestalt verschwand durch die Tür zum hinteren Gepäckwagen. Der Wind pfiff in den Gang und verstummte abrupt, als die Tür zuschlug. Wie seltsam! Georges nahm sich vor, die Zugbegleiter im Gepäckwagen 1 zusammenzutrommeln, sobald … ja, sobald er Blowitz rasiert, sobald er das Diner ausgerichtet, sobald er jeden einzelnen Gast persönlich begrüßt hatte. Es gab genug anderes zu tun.

Er riss die Tür zum Waschraum auf. Ein vertrauter Geruch stieg ihm in die Nase, ein Hauch nur, und im nächsten Moment war er verflogen. Da stand die Schüssel aus Emaille. Georges hielt sie unter den Wasserhahn und drehte das Wasser auf. Er zupfte ein frisches Handtuch aus dem Regal und machte sich auf den Rückweg zu Abteil Nummer 8. Die Oberfläche des Wassers erzitterte leicht.

kapitel 3

Donnerstag, 4. Oktober

Von Paris nach Strasbourg

Von wegen Luxus! Die Uniform war viel zu eng, der Stoff zu steif, die Litzen scheuerten am Hals, die Knöpfe drückten. Hubertine warf die Tür des Gepäckwagens hinter sich zu und fegte den Hut vom Kopf. Ihr langes Haar fiel ihr ins Gesicht, sie pustete es weg. Es war ihr egal, wie sie jetzt aussah. Hier konnte sie ohnehin niemand sehen.

Sie knöpfte die Jacke auf, bis sie besser Luft bekam, und warf einen Blick auf die Tür. Ob Georges sie erkannt hatte, als sie den Waschraum verlassen hatte? Unwahrscheinlich, denn dann wäre er jetzt hier, um sie zur Rede zu stellen.

Sollte er doch! Hatte sie denn etwas Verwerfliches getan, als sie sich die Uniform aus seiner Werkstatt ausgeliehen hatte? Nein. Konnte er ihr vorwerfen, einem anderen Fahrgast den Platz wegzunehmen? Nein. Sie würde sich damit begnügen, als blinder Passagier zu reisen; ausgerechnet sie, die mit Georges so vieles im Leben geteilt hatte, musste sich in seinem Zug verstecken, weil er sie nicht hatte mitfahren lassen. »Kein Platz für Frauen«, sagte sie mit gesenkter Stimme in die Leere des Gepäckwagens hinein und traf Georges’ Tonfall recht gut. »Der Balkan ist zu gefährlich.« Wie oft sie sich das hatte anhören müssen! Er würde schon sehen, wo der Platz der Frauen war. Bestimmt nicht dort, wo er es gern hätte, sondern hier, in seinem Zug. Bis Wien würde Hubertine den Mummenschanz aufrechterhalten und sich verstecken. Danach würde sie sich Georges offenbaren, denn von dort an hatte er keine Möglichkeit mehr, sie nach Hause zu schicken. Und dann würde sie Konstantinopel sehen, den Bosporus, vielleicht würde ihr sogar der Kalif die Hand küssen. Nein, darauf konnte sie verzichten. Nicht aber darauf, den Herrscher des Osmanischen Reichs in einer persönlichen Unterredung davon zu überzeugen, den Frauen in seinem Reich mehr Rechte einzuräumen.

Georges hatte das für blanken Unsinn gehalten. Er war zwar auch der Ansicht, dass Wahlrecht und Mitbestimmung für Frauen in allen Ländern überfällig seien, hielt Hubertines Kampf für Gleichberechtigung aber für aussichtslos. »Wenn du meinst, in Belgien und Frankreich, in der Schweiz und in Preußen würde sich nichts verändern lassen«, hatte sie ihm eines Abends an den Kopf geworfen, »dann fange ich halt beim Kalifen in Konstantinopel an.« Eigentlich hatte sie nur einen Scherz machen wollen. Aber je länger sie darüber nachgedacht hatte, umso mehr hatte ihr die Vorstellung gefallen, den Herrscher des Osmanischen Reichs dazu zu bewegen, etwas für die Frauen zu tun. Und wenn die Könige und Regenten Europas sahen, dass sogar der Kalif ein fortschrittlich denkender Mann war, dann würden sie es sich zweimal überlegen, auf ihren mittelalterlichen Vorstellungen zu beharren. Eine Revolution würde Europa erfassen, und sie würde von diesem Zug ausgehen.

Hubertines Wangen glühten. Mit jedem Meter Schiene kam sie ihrem Ziel näher. Was sie zunächst brauchte, war ein Platz zum Schlafen. In Paris hatte sie sich als Zugbegleiter verkleidet und in den Zug geschlichen. Nun durfte sie die Nacht und den morgigen Tag über nicht auffallen.

Sie sah sich in dem Waggon um. Es war der hintere Gepäckwagen, die Koffer und Reisetaschen der Fahrgäste waren hier verstaut. Hubertine kannte den Zug beinahe so gut wie Georges, schließlich hatte sie die vergangenen Jahre mit ihm verbracht, und einen Großteil dieser Zeit hatte sie nur seinen Rücken und die runden Schultern gesehen, wenn er Abend für Abend über die Konstruktionspläne gebeugt an seinem Schreibtisch gesessen hatte. Zu ihrem Vorteil wusste sie also, dass dieser Waggon wohl kaum von jemandem aufgesucht werden würde.

Wo konnte sie sich verstecken? Hubertine ging an den rechts und links aufgestapelten Gepäckstücken entlang und strich mit den Fingern über die mit Rauleder bezogenen Koffer, über das mit Blumenmuster bedruckte Leinen der Reisetaschen und den steifen Karton der Hutschachteln. Alles war mit Seilen auf Rollwagen festgebunden, was wie eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme schien, denn der Zug fuhr so ruhig dahin wie ein Boot auf spiegelglatter See. Ein Schrankkoffer gewaltigen Ausmaßes ragte aus dem Gepäck heraus, er stand vorne am Gang und ein bisschen im Weg.

Während sie das riesige Gepäckstück und dessen glänzende Messingverschlüsse betrachtete, war ein Geräusch aus dem hinteren Bereich des Waggons zu hören, ein Scharren und Seufzen.

Hubertine erstarrte. War noch jemand hier? Ein weiterer blinder Passagier? Ausgeschlossen war das nicht, schließlich war der Zug schon vor seiner Abreise so berühmt wie eine Fahrkarte unerschwinglich. Gut möglich, dass noch andere mit dem Gedanken gespielt hatten, sich hineinzuschleichen. Aber hatte tatsächlich jemand außer ihr den Mut dazu aufgebracht? Erneut ertönte das Scharren. Da wurde etwas Schweres, Großes über den Boden gezogen.

Hubertine wandte sich von dem Schrankkoffer ab und suchte nach dem Ursprung der Schürflaute. Vorsichtshalber knöpfte sie die Uniform wieder zu, richtete ihr Haar und setzte den Hut auf. Im hinteren Bereich des Waggons standen zwei Kisten, über die violettes Segeltuch gespannt war, sie konnte darauf einen gestickten gelben Stern erkennen. Zwischen den Kisten und der Wand gab es einen Freiraum. Hielt sich dort jemand versteckt? Sie versuchte, einen Blick in den dunklen Winkel zu werfen, doch dafür war die linke Kiste zu hoch und zu lang, also beugte sie sich darüber und stützte sich mit einer Hand darauf ab. Sofort fuhr sie zurück. Unter dem Tuch war ein Knurren hervorgekommen, ein Laut aus einer großen, tiefen Kehle.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie wollte zurückweichen, aber ihre Beine waren wie festgenagelt. Ihre Knie zitterten, als sie sich bückte und eine der Leinen, die das Segeltuch über der Kiste spannten, aus dem Haken löste. Dann hob sie einen Zipfel an. Als Erstes fiel ihr der strenge Geruch auf, der unter dem Tuch hervorkam, es roch nach rohem Fleisch und nach Urin, nach Schweiß und nach Dominanz. Die Mischung war abstoßend und faszinierend zugleich, sie machte Hubertine so neugierig, dass sie das Tuch vollständig hochschlug.

Darunter war keine Kiste verborgen, sondern ein Käfig, und der Tiger darin sah sie aus hellen Augen an. Die Raubkatze lag ausgestreckt an die hinteren Gitterstäbe gelehnt, den Kopf, er hatte die Größe eines Kürbisses, hatte sie erhoben. Das Tier atmete schnell.

Hubertine stieß einen kleinen Schrei aus und ließ das Tuch fallen. Ihre Beine gehorchten ihr wieder, sogar besser als zuvor. Bevor sie wusste, was sie tat, war sie aus dem Waggon gelaufen und stand auf der Plattform zwischen Gepäck- und Schlafwagen, wo ihr der Fahrtwind durch Hut und Haar mähte. Sie legte eine Hand gegen die Brust und schnappte nach Luft. Was hatte ein ausgewachsener Tiger im Orient-Express zu suchen? Wusste Georges davon? Und wenn ja: Warum hatte er ihr nichts davon erzählt?

Sie versuchte, ihre Angst unter Kontrolle zu bekommen. Wenn sie sich vorstellte, dass sie beinahe mit einem lebendigen Tiger den Schlafraum geteilt hatte … Auf jeden Fall würden ihre Freundinnen im Zirkel der Citoyennes staunen, wenn sie ihnen später davon berichtete.

Während sich die Aufregung legte, stieg Sorge in ihr hoch. Wo sollte sie sich jetzt verstecken? Dazu war nur dieser Gepäckwagen geeignet. Dass sie sich zu dem Raubtier gesellte und hoffte, dass der Käfig stabil genug war … schon die Vorstellung ließ Hubertines Puls wieder in die Höhe schnellen. Außerdem würde bestimmt jemand kommen, um das Tier zu füttern.

An der Tür in ihrem Rücken war ein Geräusch zu hören. Es blieb keine Zeit zum Überlegen. Hubertine huschte zurück in den Gepäckwagen. Der Geruch des Tigers hing in der Luft. Sie lief den Gang hinunter und suchte nach einem Versteck, einem Winkel zwischen den Koffern. Aber es gab keinen.

Die Tür wurde aufgezogen, der Wind pfiff hinein.

Mit einem Satz war Hubertine neben dem Käfig und duckte sich. Die Ausdünstungen des Raubtiers waren so atemberaubend, dass sie sich eine Hand vor Mund und Nase halten musste.

Schritte näherten sich, feste Schritte, von Füßen in großen Schuhen. Hubertine hockte am Ende des Wagens, weitgehend verdeckt von dem Käfig, und zog den Kopf zwischen die Schultern. Einige Augenblicke später wagte sie, einen Blick auf den Gang zu werfen, wo zwei Beine in grauen Hosen erschienen. Solche Hosen trug Georges nicht. Einer der anderen Zugbegleiter schied ebenfalls aus, denn der hätte entweder eine braune Uniform getragen oder die Arbeitsmontur der Männer auf der Lok. Also musste es einer der Fahrgäste sein.

Die Beine hielten vor dem Schrankkoffer. Ein Klacken war zu hören. Es wiederholte sich dreimal, dann wurde der Kofferdeckel wie eine Tür aufgezogen.

Der Tiger keuchte. Es war dasselbe Geräusch wie vorhin, als Hubertine auf ihn aufmerksam geworden war, und es war laut genug, dass der Passagier am Schrankkoffer es hören musste. Doch der Mann hantierte einfach weiter. Wie konnte man das Schnauben eines Tigers überhören?

Hubertine reckte den Hals, um besser sehen zu können. Soweit sie es von ihrem Versteck aus erkennen konnte, war das Gepäckstück voller Fächer und Klappen, einem Sekretär ähnlich. Die Innenseite der Tür war mit violettem Samt ausgeschlagen, darauf funkelte etwas. Waren das etwa …? Sie blinzelte. Tatsächlich: Dort hingen Waffen! Dolche mit gebogener Spitze, Säbel mit gekrümmter Klinge, ein Morgenstern und zwei altertümliche Pistolen mit Steinschloss. Allen war gemein, dass sie mit Edelsteinen besetzt waren. Einer der Dolche steckte in einer Scheide aus purem Gold, darin waren Muster gepunzt. Dieser Koffer enthielt einen Schatz!

War der Mann ein Dieb? Nein, er hatte einen Schlüssel. Also war er vermutlich der Besitzer. Seine Finger strichen über die Klingen, die Metallspitzen, die Hefte und Griffe. Schließlich verharrte seine Hand auf dem Dolch in der goldenen Scheide. Die Waffe wurde aus ihrer Halterung genommen und aus der Hülle gezogen. In die Klinge waren Einlegearbeiten eingesetzt, der Mann fuhr mit zwei Fingern darüber. Ein Brummen war zu hören, dem des Tigers nicht unähnlich. Einen Augenblick lang lag der Dolch flach in der Hand des Mannes, so als suche er nach dem Schwerpunkt. Dann wurde die Waffe wieder in die Scheide gesteckt, der Schrankkoffer zugeklappt und abgeschlossen.

Der Dolch jedoch lag nicht wieder an seinem Platz.

kapitel 4

Donnerstag, 4. Oktober

Von Paris nach Strasbourg

Die Klinge schabte über Blowitz’ Kehle. Georges war froh, dass der Journalist ein wenig rundlich war, denn dadurch spannte seine Haut an Wangen und Hals, sodass man leichter mit dem Messer darüberfahren konnte.

Irgendwie gelang Georges das Kunststück, Blowitz zu rasieren und gleichzeitig mit ihm und dem Fürsten Orjol Konversation zu treiben. Der Reporter hatte nach den ersten bangen Momenten mit der Klinge an seinem Hals zu seiner arroganten Dreistigkeit zurückgefunden und wurde nicht müde, Georges nach den Finessen des Orient-Express auszufragen. Weder der weiße Schaumbart aus Rasierseife auf seiner unteren Gesichtshälfte noch die Tatsache, dass er über die Sessellehne nach hinten gebeugt keine Notizen machen konnte, hinderten ihn daran, eine Frage nach der anderen abzufeuern. Gerade wollte er alles über die Waschräume wissen.

»Wie ich hörte, gibt es eine Badewanne an Bord«, sagte der Journalist. »Eine Wanne mit nach innen gebogenem Rand, damit das Wasser nicht herausspritzen kann. Nun frage ich mich: Warum hat sie so einen Rand?«

Auch Georges war dieses Gerücht zu Ohren gekommen, vermutlich hatte er es selbst in die Welt gesetzt. Er tauchte die Rasierklinge in die Emailleschüssel und betrachtete gedankenverloren den darin schwimmenden Schaum. Eine Badewanne mit frischem, warmem Wasser – das war sein größter Wunsch, wenn er auf Reisen war. Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie er vor zwanzig Jahren in der Postkutsche von Brüssel nach Angleur gefahren war, wo seine Großeltern ein kleines Schloss bewohnten. Nichts sehnlicher als ein heißes Bad hatte er sich gewünscht.

Damals hatte alles begonnen: in einer Kutsche, mit den größten Erschütterungen, die Georges jemals erlebt hatte – Erschütterungen, die nicht dem ungefederten Fahrzeug zuzuschreiben gewesen waren.

*

Postkutsche von Brüssel nach Angleur, 1864

Die Kutsche schaukelte über einen Bohlenweg. Es war heiß in der Kabine. Die Sonne brannte auf das Dach aus geteertem Holz, und durch die kleinen Fenster drang so wenig frische Luft herein wie verbrauchte hinaus. Georges brauchte ein Bad und träumte sich zur Ablenkung in einen Zug. Er war erst zweiundzwanzig, aber schon ein paar Mal in Zügen gefahren. Wie er sie liebte, diese Ungetüme aus Stahl, ihre Kraft, ihre Geschwindigkeit, ihren Komfort. Nur auf der Schiene konnte ein Mensch frei sein.

In der Postkutsche erstickte das Holpern und Schlagen, das Rütteln und Stoßen jedes Gespräch im Keim. Um sich die Zeit zu vertreiben, schauten die Fahrgäste aus dem Fenster, an die Decke, oder sie versuchten zu schlafen. Georges beschäftigte sich damit, seine Mitreisenden zu studieren, eine ältere Frau mit unter dem Kinn gebundenem schwarzen Kapotthut, einen Mann mit den Schultern eines Holzfällers und dem Bauch eines Königs sowie eine junge Frau, die versuchte, trotz des Rumpelns eine Zeitung zu lesen. Da sie L’Indépendance Belge seit der Abfahrt vor einer Stunde wie einen Schild vor sich hielt, musste sich Georges damit begnügen, ihre Hände zu betrachten. Sie waren interessanter als die Schlagzeilen der Zeitung, lang und wohlgeformt, feingliedrig und gefühlvoll, die Nägel glänzten von einer frischen Maniküre. Sie trug keinen Ehering.

Nach einer Weile – die Kutsche war gerade wieder durch ein Schlagloch geholpert – ließ sie die Zeitung sinken. Jetzt konnte Georges sie genauer betrachten. Sie hatte langes blondes Haar, das sie leger zusammengesteckt trug, an den Seiten hingen Locken herab, wie es gerade Mode war. Am Hinterkopf war ein Haarknoten von einer Schleife zusammengehalten, und obenauf saß ein kleiner Hut. Unter der hellen Haut ihrer Stirn waren feine Adern zu sehen. Sie hatte ein gewissenhaftes Gesicht mit Augen so blau wie Delfter Kacheln, trug einen goldenen Kneifer auf der etwas zu großen, von Sommersprossen umspielten Nase und einen entschlossenen Zug um den Mund. Sie faltete die Zeitung zusammen, nahm den Kneifer ab und fächerte sich mit der Gazette Luft zu. Ihre Blicke trafen sich kurz. Das genügte, um Georges die Welt außerhalb der Kutsche vergessen zu lassen.

Das Aroma von Rauch und Waschmittel zog durch die Kabine. Und noch etwas lag darunter, ein Unterton von Feuchtigkeit und Reife, von Farn und Früchten. Nie zuvor hatte Georges etwas Ähnliches wahrgenommen. Es schien von der Mitreisenden aufzusteigen und von der Zeitung durch die Luft gewirbelt zu werden.

Sie prustete und ruckte an dem Kragen ihres Kostüms. Georges zwang sich, sie nicht anzustarren, was zunehmend schwerfiel, denn sie beugte sich vor und nestelte an einem ihrer Stiefel, löste die Schnüre und zog den Schuh aus. Dann streckte sie vorsichtig das Bein aus und bewegte die Zehen, jedes Glied einzeln, so wie andere Menschen ihre Finger strecken, um das Blut zirkulieren zu lassen.

Schon zuvor war es Georges warm gewesen. Er trug, wie es der Anstand und seine gesellschaftliche Stellung als Bankierssohn erforderten, eine graue Weste mit schwarzem Gehrock und hielt einen perlgrauen, frisch gebürsteten Zylinder auf den Knien. Als er die wackelnden Zehen in den weißen Seidenstrümpfen sah, wurde die Hitze beinahe unerträglich. Die Dame mit dem Kapotthut warf der jungen Frau immer wieder einen entrüsteten Blick zu.

Georges überlegte, wie er sie ansprechen könnte. Die Nachrichten auf Seite eins wären gewiss ein Thema. Doch er zögerte, verstanden doch Frauen von Wirtschaft und Politik nicht viel. Sie würde rasch an die Grenze ihres Wissens stoßen, und dann würde das Gespräch für sie unangenehm werden.

Er suchte noch nach den richtigen Worten, als die Kutsche Bierbeek erreichte und an der Poststation hielt. Die Unbekannte schlüpfte in ihren Stiefel und stieg aus. Die Gelegenheit verstrich ungenutzt, Georges hatte nicht ein Wort mit ihr gewechselt. Noch hörte er ihre Stimme hinter der Kutsche, als sie dem Fahrer erklärte, welches ihr Gepäckstück war. Sie klang nach einer Mischung aus Bardame und Wahrsagerin. Ihr Geruch hing noch in der Kabine. Farn und Früchte. Georges würde sie nie wiedersehen.

Er sprang ins Freie.

Sie war bereits ein Stück die Straße hinuntergegangen und trug mit beiden Händen eine Reisetasche vor sich her. Georges lief an den dreigeschossigen Fachwerkbauten entlang, bis er sie erreicht hatte. »Darf ich das für Sie tragen, Mademoiselle?«

Sie blieb stehen und musterte ihn. »Wo haben Sie denn Ihr Gepäck?«

Das Klirren des Pferdegeschirrs war die Antwort. Der Kutscher ließ die Peitsche knallen, und das Gespann zog knatternd und rasselnd vorbei. Auf der Ablage am hinteren Ende konnte Georges seinen roten Lederkoffer sehen.

»Mein Gepäck habe ich verloren«, stellte er fest.

»Und Ihren Kopf gleich dazu.« Sie schaute der kleiner werdenden Postkutsche hinterher. »Hoffentlich war nichts Wertvolles drin.«

Sie setzte ihren Weg fort, Georges hielt Schritt. Er streckte eine Hand aus. »Lassen Sie mich Ihnen helfen. Diese Reisetasche sieht furchtbar schwer aus.«

»Sie abzuschütteln ist schwerer«, erwiderte sie. Sie klang ernst, aber er erkannte, dass sie seine Bemühungen amüsierten.

»Glauben Sie vielleicht, ich bin ein Dieb?«

»Dann wären Sie ein dummer Dieb, denn meine Tasche ist voller Papier.«

»Was also haben Sie zu verlieren? Abgesehen von Ihrem Misstrauen.«

»Misstrauen«, wiederholte sie und blieb stehen.

»Ich verstehe das«, sagte Georges, »Frauen sind von Natur aus misstrauisch. Sie sind körperlich schwach, deshalb fehlt ihnen die Courage, sich anderen …«

Er strauchelte, als sie ihm die Reisetasche gegen die Brust rammte und er mit beiden Armen das Gepäckstück auffangen musste. Es war tatsächlich schwer, so schwer, dass er es kaum in den Händen halten konnte. Wie hatte sie es allein so weit tragen können? Sich ihrer prüfenden Blicke bewusst, hielt er die Tasche an einer Hand und brachte es fertig, mit der anderen den Hut zu ziehen. »Ich bin Georges Nagelmackers.«

»Hubertine«, stellte sie sich vor und fügte an: »Berthier. Sie sehen nicht aus wie ein Kofferträger«, sagte sie, nachdem sie ihn gründlich gemustert hatte. »Eher wie ein Student, der versucht, den Anzug eines Geschäftsmanns zu tragen.« Sie setzte sich in Bewegung; wohin es ging, hatte sie nicht verraten, aber das war Georges einerlei – solange er nur in Erfahrung bringen konnte, wer diese Frau war.

»Ich bin tatsächlich Student«, sagte er und verschwieg, dass sein Vater einer der einflussreichsten Bankiers Belgiens war. »Ich studiere Berg- und Hüttenwesen an der École des Mines, der Bergbau-Universität in Lüttich.«

»Wie überraschend«, versetzte sie. »Ein Bergmann.«

Sie ging schneller. Georges hatte Mühe, gleichauf zu bleiben. Der Griff der Tasche schnitt in seine Handfläche, trotzdem gab er sich nicht die Blöße, die Hand zu wechseln, allein schon deshalb, weil dann die Tasche zwischen ihnen gehangen hätte.

»Kein Bergmann. Ich werde nicht in dunklen Schächten herumwühlen, sondern Eisenbahnen bauen.«

»Warum erzählen Sie mir das?«, wollte sie wissen.

»Weil es die Zukunft ist.« Er spürte, wie ihn die Begeisterung erfasste. »An der Universität wird gerade darüber beraten, einen Studiengang für den Eisenbahnbetrieb einzuführen. Ich werde einer der Ersten sein, die das neue Fach belegen.« Und dann erzählte er ihr von seiner Leidenschaft für Züge, wie er schon als Kind an der Bahnsteigkante gesessen und auf den nächsten Zug gewartet hatte, wie er rostige Nägel gesammelt und sich vorgestellt hatte, dass er, wenn er genug zusammenbekam, sein eigenes Schienennetz damit würde bauen können. »Es sollte von der Küche meines Elternhauses bis zu meinem Zimmer führen, damit ich zum Essen nicht mehr ins Esszimmer gehen musste, wo ich eine Krawatte zu tragen hatte.«

Sie lachte. »Das also sind die Vorteile der Eisenbahn. Ich muss gestehen, dass ich noch nie mit einer gefahren bin. Ich habe eine Anstellung als Haushälterin in Brüssel. Mein Geld reicht nur für die Postkutsche.«

Wo der Griff der Reisetasche in seine Hand drückte, spürte Georges seine Finger nicht mehr. Der Rest von ihm war beflügelt, von Hubertine und von Eisenbahnen. Da wusste er noch nicht, dass diese beiden Kräfte die Pole sein würden, die sein Leben bestimmen sollten.

Die Sonne brannte auf sie herab, als sie nach links in eine kleinere Straße einbogen. Ein Klepper zog einen Einspänner vorbei. Jungen in schmutziger Kleidung lehnten an einer Mauer. Sie hatten das Arbeiterviertel von Bierbeek erreicht.

»Eins verstehe ich nicht«, sagte Hubertine. »Warum sollen wir mit der Eisenbahn fahren, wenn wir doch mit der Kutsche reisen können? Warum das eine durch ein anderes ersetzen?«

»Ich wünschte, hier gäbe es einen Bahnhof«, brach es aus Georges hervor. »Dann würde ich Sie zu einer Zugfahrt einladen, egal wohin. Das ist ein Erlebnis, das Sie nie wieder vergessen werden.«

»Ich habe gehört, dass es nicht so schlimm holpern soll.«

»Züge laufen so ruhig, dass man gar nicht merkt, wie man sich fortbewegt, jedenfalls wenn man nicht aus dem Fenster schaut«, schwärmte Georges. »Aber dann würde man das Beste verpassen. Denn draußen zieht die ganze Welt an einem vorbei. Eines Tages wird es möglich sein zu reisen, ohne auf Komfort zu verzichten. Stellen Sie sich eine Küche vor, die unterwegs frische Speisen für Sie zubereitet, ein Bett, in dem Sie schlafen können, um am nächsten Morgen am Ziel zu erwachen, eine Badewanne …«

Sie lachte. »So etwas gibt es nicht.«