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Es werden verschiedene Paare in ihren Beziehungsentwicklungen vorgestellt, die positiv oder negativ ausgehen können. Es kommt auch zu dramatischen Szenen. Die einzelnen Kapitel sollen das reale Leben widerspiegeln. Eine der Geschichten führt uns auch zurück zum 19. Jahrhundert.
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Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Joachim Strecker
Die erste Liebe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Hannes und Lilien
Thorsten und Jutta
Kevin und Joy
Bernhardt und Annegret
Kasper und Louise
Georg und Gudrun
Lars und Lea
Eine kalte Frau
Der Aufreißer
Liebe, Liebe
Impressum neobooks
Lilien stand mit einigen Mädchen aus ihrer Grundschule auf dem Hof des Gymnasiums, in das sie eingeschult werden sollten. Die Mädchen beobachteten die ihnen unbekannten Mitschüler und tauschten ihre Beobachtungen aus. Ein wenig Beklemmung erfasste die meisten von ihnen, und so war es nur gut, sich im vertrauten Kreis aufzuhalten.
Einige hatten bereits abgesprochen, wer neben wem sitzen wollte. Zwei von ihnen sprachen sich auch mit Jungen ihrer ehemaligen Klasse ab, vorsichtshalber für den Fall, dass die sie nun übernehmende Lehrkraft darauf bestehen würde, es sollte stets ein Junge neben einem Mädchen sitzen. Die meisten fanden das zwar blöd, hätten dagegen aber wohl wissend nichts ausrichten können. Für einige Lehrer schien das nämlich der einzig richtige Weg in der modernen Zeit zu sein. Was vermochten sie als junge Menschen schon dagegen auszurichten, hätten sich lediglich vom Schwall der Begründungen abwenden können, um dennoch insgeheim zähneknirschend an ihrem eigenen Wunsch festzuhalten.
Lehrer waren wortgewandter und ihnen in ihrer geistigen Schulung und Kapazität überlegen, was aber – und das fühlten sie tief im Inneren – noch lange nicht bedeutete, stets die richtige Ansicht auf ihrer Seite zu haben.
Die Heranwachsenden standen eben als kleines Licht in einer Welt der Erwachsenen, durch die sie schon manch Gutes, aber auch einiges Unangenehme erfahren hatten.
Es hieß eben abzuwarten, bis die eigene Person herangewachsen war und der Widerstand mit treffenden Argumenten eher Erfolg versprechend vorgetragen werden konnte.
Einige Klassenkameraden hatten es bei ihren älteren Geschwistern bereits mit Genugtuung erlebt.
Wen gegenwärtig diese Gedanken bewegten, der wurde augenblicklich abgelenkt und richtete seine Aufmerksamkeit dem etwa fünfzigjährigen Mann zu, der sich als ihr neuer Klassenlehrer vorstellte.
Lilien verzog den Mund. Sie hing noch sehr an ihrer ehemaligen jungen Grundschullehrerin, mit der sie ein prima Auskommen gehabt hatte, deren gute Laune ansteckte und die stets wohlwollend den ihr anvertrauten Schülern begegnet war.
Es würde auf der neuen Schule nun anders werden, das hatte ihr die große Schwester Kristina wiederholt sehr deutlich mitgeteilt. Dennoch hoffte Lilien im Stillen, der Übergang würde nicht so abrupt vor sich gehen.
Lilien wusste, dass sie wohl ihren Vater und ebenso den Großvater ins Herz geschlossen hatte, gegenüber fremden Männern aber strikt Distanz bewahrte. Sie konnte ihrer sechszehnjährigen Schwester nur zustimmen, wenn die äußerte: „Männer haben häufig eine raue Note in ihrer Ausstrahlung, und das Lächeln scheint ihnen schwerer als Frauen zu fallen.“
Was Kristina allerdings hinzufügte: „Aber wer sie näher kennenlernt, der entdeckt durchaus auch nette Seiten“, diese Erfahrung besaß Lilien einfach noch zu wenig.
Anna-Lena stupste Lilien in die Seite und sagte: „Träum nicht, es geht rein. Wir wollen beim Betreten der Klasse nicht die Letzten sein, um mit dem Vorlieb nehmen zu müssen, was übrig bleibt.“
Lilien beeilte sich, der Freundin zu folgen und dachte dabei: „Eins aber weiß ich bereits: „Männer sind in der Regel großzügiger als Frauen und seltener verbissen. Und das heißt wohl gegenwärtig für mich, es wird kein Zwang ausgeübt werden, dass ich neben einem Jungen sitzen muss. Durchaus sehr wichtig!“
Mit neugierigen Blicken betraten die Kinder den ihnen zugewiesenen Klassenraum. „Wie kahl und nüchtern!“, stieß Anna-Lena neben ihr aus. Anfänglich noch mit anderen Gedanken beschäftig, schaute auch Lilien jetzt in ihr neues schulisches Zuhause. In der Tat, die Freundin hatte recht. Man sollte schleunigst wieder zur ehemaligen Schule zurückkehren.
„Komm!“, rief Anna-Lena und stürmte auf einen Tisch in der Mitte der linken Reihe zu. Fast hätte es dabei noch eine Rangelei mit zwei anderen Schülerinnen gegeben. Aber die Freundin setzte sich durch. Burschikos, nicht ohne einen leichten Schubs, hatte sie als Erste auf dem Stuhl Platz genommen. Mit schnellem Überblick machte sie dabei einen weiteren Tisch aus und wies die beiden ihnen noch unbekannten Mitschülerinnen darauf hin. So kam es zum Glück bei der Platzsuche nicht gleich zum Streit.
Der Klassenlehrer, Herr Boje, überließ den Fünftklässlern das Belegen der Sitzplätze und schien ein wenig amüsiert zuzuschauen.
Sicher gehörte es zu seinem pädagogischen Grundsatz: Die Schüler sollten die altersgemäß zu erledigenden Dinge selbstständig regeln.
*
Ein Jahr war auf dem Gymnasium für Lilien vergangen. Man kannte sich mittlerweile, und es hatten sich einige neue Freundschaften ergeben. Das galt aber nicht für Lilien. Sie hielt lange an „Bewährtem“ fest. Ganz anders stand es um Anna-Lena. Die war bereits wiederholt zu Geburtstagen eingeladen worden und verbrachte manchmal ihre Hofpause mit lebhafter Unterhaltung auch zwischen ehemals fremden Jungen. „Das wäre nichts für mich“, sagte sich Lilien.
Ihre Zurückgezogenheit fiel auf und hatte mitunter kleinere Sticheleien zur Folge. Doch Lilien war selbstbewusst, und wollte man ihr zu nahe treten, vermochte sie sich energisch zu wehren. Das verschaffte ihr mit der Zeit Respekt und Anerkennung.
Ein Mitschüler hatte ihr anfangs beistehen wollen, doch Lilien erklärte: „Danke für deine Unterstützung gegenüber diesen ‚Kameraden’, aber das schaffe ich schon alleine.“
Der Klassenlehrer machte sich seine Gedanken über die einzelnen Schüler und urteilte über Lilien: „Eine sensible und zurückhaltende, gegebenenfalls jedoch auch energisch handelnde Person. Vom Äußeren ein zierliches Mädchen, das sich aber nicht unterkriegen lässt. Sofern ich es gestehen darf: Dieses Mädchen hätte mich in jungen Jahren einfangen können.“
Zum Ende der sechsten Klasse warfen einige Mitschülerinnen verstärkt Blicke auf die Vertreter des anderen Geschlechts. Teils auf Jungen der eigenen Klasse, teils auf Schüler ein oder zwei Jahrgangsstufen über ihnen.
Lilien stand noch nicht der Sinn nach einer solchen Freundschaft, obwohl sich zwei Jungen für sie interessierten. Aus Frühreife, die die gegenwärtige Zeit nicht selten mit sich brachte, resultierte nach ihrer konsequenten Ablehnung die Bemerkung: „Die will wohl immer eine Jungfrau bleiben.“
Dieser unpassende Hinweis schreckte Lilien gänzlich, ab und sie verschloss sich hinfort allen pubertären Avancen sehr ernsthaft.
Lilien hörte von ihrer Schwester Kristina, dass ein Ball der gymnasialen Oberstufe stattfand, zu dem der Vater seine Tochter hinfahren wollte. Spontan äußerte Lilien: „Da begleite ich euch. Es interessiert mich, ob die dort erscheinenden Jungen ebenfalls so flapsig sind, wie ich sie aus der Mittelstufe kenne.“
„Bitte gerne“, erwiderte die große Schwester, „mich dünkt, in unserer Kleinen keimt eine besondere Neugier.“
„Ganz und gar nicht“, wehrte Lilien ab, „ es handelt sich lediglich um eine ganz neutrale Orientierung.“ „Das redet man sich in deinem Alter gerne selber ein, ist mir nicht unbekannt“, bemerkte die ältere. Rücksichtsvoll wechselte die Schwester aber schnell das Thema, zumal sie bemerkte, wie Lilien leicht errötete.
Mit Sinn für die Ausgestaltung eines Festes bat Lilien bei der Ankunft, einen Blick in den Saal werfen zu dürfen. Das gestattete man ihr ganz selbstverständlich. Sie blickte sich sehr intensiv um und unterbreitete Verbesserungsvorschläge.
Die Primaner hingegen schaute sie sich lediglich bei ihrem Rückweg zu Vaters Wagen an und dann eine zeitlang aus dem Auto heraus, bis der Herr Papa meinte: „Hat die junge Dame nun genug gesehen?“ „Du kannst fahren“, erwiderte Lilien, „zudem glaube ich, für mich ist nichts dabei.“ „Das will ich doch stark hoffen“, meinte Herr Danzer. Worauf Lilien mutig erwiderte: „Du verstehst mich nicht. Mir geht es lediglich um den Typ.“
Vater und Tochter schwiegen sich auf der Rückfahrt aus. Als Lilien nach der Heimkehr die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufstieg, rief ihr der Papa noch nach: „Abholen werde ich Sybille allein. Du solltest dann schon schlafen.“
„Natürlich“, erwiderte Lilien ohne Groll. Zum Nachtschwärmen tendierte sie in diesem Alter so gar nicht.
*
Lilien war nun selbst zur Primanerin geworden, und wie es zu ihrer Jugendzeit öfters passierte, wurde bei dem einen oder anderen Mitschüler eine Party veranstaltet, zu der Lilien hin und wieder eine Einladung erhielt. „Soll ich zusagen oder nicht?“, fragte sie sich manchmal zweifelnd, entschied aber, sich von diesen Festlichkeiten nicht gänzlich fernzuhalten.
„Ich muss mich auskennen, sollte nicht naiv unwissend bleiben, was da so abgeht“, dachte Lilien und wurde natürlich auch enttäuscht. Aber das hatte sie einkalkuliert. Da diese Partys im Rahmen zumindest größtenteils bekannter Personen stattfanden, in der Regel in von den Eltern zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten eines Einzelhauses, durfte sie sich hinsichtlich der eigenen Sicherheit eigentlich nicht gefährdet sehen.
Ihre Teilnahme sollte anfänglich sehr bewusst auch dazu dienen, sich selbst in ihren individuellen Wünschen auszuloten und nach den gewonnenen Erfahrungen hinfort bei einer Zusage sehr bewusst nur den eigenen Grundsätzen zu folgen.
Lilien sagte sich bei dieser Sondierung: „Da gibt es ja notfalls eine Tür fürs Fortgehen“, und ihr Sicherheitsgefühl geriet nicht ins Wanken.
Dann aber kam es einmal doch zu einer brenzligen Situation. Es war spät geworden auf dieser Feier. Lilien hatte längst aufbrechen wollen, doch ein interessantes Gespräch mir einer etwas älteren Schülerin des letzten Abiturjahrgangs hatte sie festgehalten, und ehe sich Lilien versah, schlug die Standuhr eine Stunde nach Mitternacht. „Oh!“, entfuhr es ihr und sie blickte um sich.
Im nunmehr eingeschalteten Dämmerlicht hatten sich die verbliebenen männlichen Jugendlichen teilweise mit ihren Mädchen in halbdunkle Ecken zurückgezogen und nahmen sich der Damen recht intensiv an.
„Hier muss ich raus!“, entschied Lilien umgehend und sprang auf. „Bleib doch!“, vernahm sie ihre Gesprächspartnerin, die überraschenderweise Gefallen an dem Geschehen zu erkennen gab und sich suchend nach einem ihr zusagenden Jungen umsah.
Lilien war leicht geschockt, gerade weil sie die junge Frau anders eingeschätzt hatte. Als sie sich davonmachte, rief ihr die Susi nach: „Jetzt kommt doch das Schönste.“
Der Klang dieser Worte hallte in Lilien fort und sie musste sich sagen: „Es lag nichts Unmoralisches in der Stimme, auch keine abstoßende Gier, sondern geradezu angenehme Sehnsucht. Seltsam.“ Lilien fragte sich später: „Bin ich noch zu unreif und daher unempfänglich für dieses Zueinanderfinden?“ Sie entschied: „Das müssen mich spätere Jahre lehren. Auch sollte ich den individuellen Hintergrund der mir weitestgehend unbekannten jungen Frau kennen, um speziell über sie ein zutreffendes Urteil abgeben zu können.
Momentan aber bin ich auf der Flucht und daran wird festgehalten.“
Lilien hatte mit den Eltern verabredet, ihr Fortgehen von der Veranstaltung über Mobilfunk mitzuteilen, damit der Vater sie an diesem Sonnabendabend mit dem Auto abholte.
Aber oh Schreck, das Handy befand sich nicht am üblichen Ort.
Lilien durchsuchte alle Taschen, jedoch erfolglos. Die junge Frau blieb dennoch gefasst. An Selbstvertrauen und Mut mangelte es ihr nicht und daher überlegte sie, wie am besten aus dieser Situation herauszukommen sei.
Es würde sich um einen 5 Kilometer langen Fußweg durch die Nacht handeln, der im Dauerlauf in etwa zwanzig Minuten zu bewältigen war. Aber sollte sie das riskieren? In diesem Vorort tauchte nur hin und wieder ein Auto auf, und welche Gefahr aus einem unbekannten Fahrzeug drohen konnte, wurde ihr erst kürzlich im Fernsehen verdeutlicht. Sicherheit verhieß in dieser Hinsicht auch ein gesichtetes Pärchen nicht.
Was also tun? Eine Buslinie verkehrte auf der angrenzenden Straße. Ob es da am Wochenende eine Nachtbedienung gab? Doch alleine an einer Haltestelle zu warten, gab sicher einen bedenklich sichtbaren Blickfang ab.
Lilien überlegte: „Soll ich hier am Haus warten, bis ein anderes Mädchen abgeholt wird oder mit eigenem Auto zur Heimfahrt aufbricht?“
Beschloss aber, sich diese Blöße nicht zu geben.
Auch sagte sie sich: „Vielleicht knutscht das Pärchen weiter ungestört im irgendwo geparkten Wagen. Im ‚günstigsten Falle’ dürfte ich dann zusehen oder würde unter Umständen sogar zum Mitmachen aufgefordert. Nein, danke.“
So lenkte Lilien rein mechanisch ihre Schritte zur Bushaltestelle. Bald überlegte sie: „Das ist auch die Strecke zum Elternhaus, vielleicht begegne ich Vater, der sorgenvoll nach Gutdünken aufbricht, um die ‚überfällige Tochter’ endlich heimzuholen.“
„Wie unangenehm kann doch die Nacht sein“, dachte Lilien fröstelnd auf der Bank der Haltestelle. Da hielt ein Wagen. Der Fahrer ließ das Seitenfenster herunter und rief: „Hat man Sie vergessen? Es verkehrt kein Bus mehr, der Fahrplan ist geändert worden. Jetzt in der Dunkelheit sind die neuen Abfahrtzeiten nicht zu lesen.
Steigen Sie ein, ich bringe Sie zügig nach Hause.“
Die Primanerin war für solch eine ungebetene Ansprache psychologisch geschult worden und wusste, wenn man zumindest eine notdürftige Schutzwand um sich aufbauen wollte, dann dadurch, dass jede eigene Reaktion unterblieb. Es durfte keinen Anknüpfungspunkt geben, sondern alles musste an dem Adressaten abprallen. Das verunsicherte den anderen und schuf die Chance, eine mögliche Zudringlichkeit abzuwehren.
Die Stimme des fremden Herrn klang sympathisch, aber was besagte das schon? Raffiniert maskiert vermag sich das Böse zu nähern.
Es schien sich jedoch um ein ehrliches Angebot zu handeln, denn das Fenster wurde wieder geschlossen und der Wagen fuhr fort.
„Hätte wohl eine gute Gelegenheit abgegeben“, dachte Lilien. „Aber“, so setzte sie ihre Überlegungen fort, „wenn auch von vornherein nichts Verwerfliches geplant sein dürfte, es könnte sich dennoch ergeben. Man sagt: Ich sei eine attraktive junge Frau und meine lebendige Nähe mit dem Duft des Parfüms … Führe uns nicht in Versuchung. Da bleibe ich lieber auf der sicheren Seite.“
Ein Junge aus der Partygesellschaft tauchte aus der Dunkelheit auf.
„Hallo Lilien!“, hieß es, „du wohnst doch nicht weit von uns, gehen wir gemeinsam nach Hause.“
Der junge Mann stammte nicht aus der eigenen Klasse und Lilien hatte ihn in inniger Umarmung mit Joy gesehen. So antwortete sie denn sogleich: „Mein Vater holt mich hier ab.“ „Na denn“, hieß es und schon hatte die Nacht den Tobias verschluckt.
„Wieder nichts“, dachte Lilien durchaus auch ein wenig im Selbstvorwurf. Eine Viertelstunde verstrich, Autoscheinwerfer näherten sich und bald schon verloren sich die Rückleuchten in der Ferne. „Ich werde hier noch Wurzeln schlagen“, dachte Lilien und der Gedanke an die sicher sehr beunruhigten Eltern quälte sie. Dann stieg unvermittelt Zorn in Lilien auf, und sie rief in die Finsternis: „Rührt sich denn kein Instinkt bei euch? Es liegt doch nahe, dass irgendetwas nicht stimmt. Da kommt man und schaut nach, ihr Eltern! Euer Verhalten ist erbärmlich, ich bin enttäuscht.“
Ein fremder Wagen hielt. Und diesmal stieg der Fahrer gleich aus. Lilien, noch in ihrer Wut befangen, bemerkte den Unbekannten erst, als er unmittelbar vor ihr stand.
Sie sprang auf, schüttelte die Berührung ab und spurtete davon.
Der fremde, etwas beleibte Mann schätzte seine „Chancen“ richtig ein und folgte dem sportlichen Mädchen nicht mit eigenem Lauf. Aber es stand ihm das Auto zur Verfügung. Bald befand er sich damit parallel zu Lilien und schätzte die Möglichkeit ab, durch einen plötzlichen Schwenk dem Mädchen den Weg abzuschneiden. Oder sollte er abwarten, bis die Davonstrebende erschöpft innehielt und sich dann leicht in ihr Schicksal ergeben würde?
Diese Gefahr war Lilien wohl bewusst.
Auf der linken Seite der Straße lagen Felder, ein verborgenes und finsteres Terrain, das nicht dazu einlud, dorthin zu fliehen. Zur rechten standen hin und wieder Einzelhäuser. Lilien schaute mit gehetztem Blick, wo zu dieser späten Stunde noch Licht brannte, um dort Sturm zu klingeln.
Endlich hatte sie ein Gebäude entdeckt, eilte durch die Eingangspforte und drückte den Klingelknopf.
Das Auto mit dem wohl als Unhold einzuschätzenden Menschen hielt in knapp zwanzig Meter Entfernung, und der furchterregende Mann wartete ab, was sich tun würde. Sein rückwärtiges Nummernschild hatte er inzwischen abgedeckt.
In dem Haus regte sich nichts, allem Anschein nach hatten die Bewohner lediglich zur Abschreckung gegenüber Einbrechern im Inneren die Lampen eingeschaltet. Da die Bewegungsmelder den Vorplatz hell erleuchteten, war das sich an die Tür pressende Mädchen von der Straße her deutlich zu erkennen.
Langsam setzte der Wagen nun rückwärts auf den Eingang zu. Lilien erkannte ihre bedrohliche Lage.
Sie blickte um sich und entdeckte einen um das Grundstück installierten hohen Zaun, bei dem oben Stacheldraht verlief. War sie in eine Falle geraten?
Im Gespräch von Frau zu Frau hatte eine Verwandte ihr einmal gesagt: „Beschädigst du einem Mann sein geschätztes Spielzeug, das Auto, dann hat er in der Regel durch den ausgelösten, tief sitzenden Schmerz für einen Moment nur Sinn für das geliebte Fahrzeug. Da ergibt sich im Bedarfsfall unter Umständen die Möglichkeit zu entkommen.“ In Liliens Kopf arbeitete es. Sie suchte den rettenden Ausweg. Da fiel ihr Blick auf die rundlichen, weißen Steine, die wie eine Perlenschnur die Rabatten zierten.
Kurz entschlossen bückte sie sich und warf den größten von ihnen gegen das Heck des parkenden Wagens. Mit einen zweiten, kleineren, bedachte sie den erschreckten Fremden und traf ihn am Kopf. Ach, können Männer wehleidig sein! Und Lilien ergriff die sich bietende Gelegenheit zur Flucht. Diesmal zurück zum Ort des geselligen Zusammenseins.
Nun hatte sie keine Hemmungen, auch einen gerade im Flur aufbruchbereiten Gast um sein Handy zu bitten. Die Mutter nahm ab, doch bevor Lilien zu sprechen begann, hörte sie die Stimme ihres Vaters aus dem Wohnzimmer. Sie übergab hastig das Mobilfunkgerät, eilte zu dem seinerzeit fluchtartig verlassenen Raum und umklammerte die so vertraute Person, die während ihrer gerade überstandenen Odyssee vergeblich herbeigewünscht worden war.
Welche Erklärung gab es für dieses unvermutete Zusammentreffen?
Auf Mutters Drängen war der Vater schließlich ohne den abgesprochnen vorherigen Telefonkontakt verdrießlich losgefahren.
Es war ein Glücksumstand, dass Herr Danzer von Liliens Verlassen der Party nichts erfahren hatte. Die daraus für seine Fahrtüchtigkeit resultierende Gefahr blieb deshalb außen vor. Zum Vorteil gereichte paradoxerweise, dass die Telefonnummer der die Party ausrichtende Familie nicht im Telefonbuch verzeichnet war. Zugute kam ihnen auch, dass der Vater mit seiner sportlichen Tochter Schlagballwerfen trainiert hatte.
Lilien bemerkte in den unteren Klassen ärgerlich, wie ungeschickt sich Mädchen beim Werfen anstellten. Das gefiel ihr gar nicht, zumal beim Laufen manch eine Mitschülerin der Grundschule den Jungen durchaus davonzurennen vermochte.
„Wie kommt das?“, fragte sie damals ihren Vater. Und der erklärte: „Die weibliche Anatomie ist anders angelegt. Die Muskelstränge der Arme nehmen einen besonderen, geschlechtsspezifischen Verlauf.“
„Hmm“, entgegnete Lilien, „und lässt sich da nicht nachhelfen? Wir sind doch auf manch einem Gebiet unleugbar geschickter und fixer als ihr teilweise weniger wendigen Männer.“
„Mit geeignetem Training kannst du dich verbessern“, antwortete der Vater und schlug vor: „Lass uns am Wochenende damit anfangen.“ Und Lilien machte Fortschritte. Schon bald verfehlte kein Ball mehr die beabsichtigte Richtung, geschweige denn, dass er wie bei Mitschülerinnen beobachtet gar nach hinten flog.
Diese Übungen kamen der Tochter in ihrer Ausnahmesituation nun zu Hilfe. Von Nachteil allerdings war, dass Herr Danzer einen anderen Weg als auf der Hinfahrt benutzte, so dass er nicht als rettender Engel bei seiner bedrohten Tochter auftauchen konnte.
Aber immerhin fanden sie sich und Lilien blieb unversehrt.
Übrigens Nachforschungen hinsichtlich des Unholds blieben ergebnislos. Lilien jedoch hatte das Geschehen einen Schock versetzt. Sie mied lange Zeit Partys und meinte zu ihrer Mutter: „Ich werde mich von dem männlichen Geschlecht zurückziehen. So schnell kriegt mich keiner.“ Was die Eltern teils begrüßten, ihnen aber auch zu denken gab.
Doch Lilien besaß eine robuste seelische Konstitution. Der Wunsch, erst vollständig heranzuwachsen und in punkto Zweisamkeit noch einige Jahre abzuwarten, war bereits in ihrer Natur angelegt und wurde als persönliche Ausrichtung durch das besondere Erlebnis lediglich begrenzt verstärkt.
*
Lilien verließ als Abiturientin die Schule. Zahlreiche Mitschüler nahmen ein Studium auf, doch dafür vermochte sich die junge Frau nicht zu erwärmen, obwohl befreundete Klassenkameraden sie gerne überredet hätten.
„Nein“, sagte sie auch zu ihren Eltern, „das ist mir zu intellektuell. Ich möchte mit mehr Konkretem zu tun haben, und dabei sollte die Begegnung mit anderen Menschen nicht zu kurz kommen.“
Worauf der Vater vorschlug: „Wie wäre es mit der Im- und Exportfirma, in der ich tätig bin? Du musst nicht befürchten, dort stets unter väterlicher Aufsicht zu stehen. Durch meine leitende Stellung könnte ich dir hingegen im Bedarfsfall vielleicht einmal behilflich sein. Der raue Wind, der mitunter in der Geschäftswelt weht, dürfte dich damit nicht schonungslos treffen. Wie ich meine Tochter kenne, besitzt sie eine sensible Seite, durch die sie bei Auseinandersetzungen besonders belastet werden dürfte.“
Lilien sah ihren Vater an, überlegte kurz und meinte dann: „Ich bleibe aber nicht für immer nur die Tochter?“ „In gewisser Hinsicht hoffentlich schon, aber deine Persönlichkeit soll sich frei entfalten, “ entgegnete der Vater.
„Gib mir Bedenkzeit“, bat Lilien.
Am übernächsten Tag lautete die Antwort: „Einverstanden.“
Der Einstieg in Vaters Firma brachte – zumindest fürs Erste – durchaus die erwarteten Vorteile mit sich. Die Angestellten hielten sich bei eigener unguter Gemütsverfassung in ihrem aggressiven Verhalten gegenüber der Tochter des Vorgesetzten zurück.
Und es gelang der Auszubildenden trotz der gewahrten Distanz, sich mit sympathischen Mitarbeitern anzufreunden, ohne dass es jedoch zu einem betont vertrauten Kontakt kam. Was Lilien ihrer Natur nach nur recht sein konnte. Denn sie selbst hielt grundsätzlich gerne Abstand und beschränkte die emotionale Nähe sehr bewusst auf die Familie und ihre einzige wirkliche Freundin, Anna-Lena.
Einen Gewinn bewirkte Vaters Gegenwart gerade in Bezug auf die männlichen Betriebsangehörigen. Sie hielten sich in Äußerungen und Avancen sehr zurück, so dass sich eine heranwachsende junge Frau, jedenfalls in den Firmenräumen, in einer Art Schutzzone befand und nicht frühzeitig Unannehmlichkeiten von Seiten männlicher Angestellter ausgesetzt war. Dass Lilien dennoch nicht verzärtelt und mit Illusionen aufwuchs, dafür sorgte ihre Tätigkeit im Außendienst.
Die Begegnung mit Kunden bereitete ihr in der Regel Freude. Sie vermochte sich dabei ohne Beistand eines anderen selbständig zu entwickeln und verstand es obendrein, manche sich in den Weg stellende Klippe alleine zu meistern.
Die dadurch erfahrene Anerkennung des Firmenbesitzers machte sie stolz und motivierte zu weiteren Erfolgen.
Als der Chef Liliens Vater seine Zufriedenheit mit der Arbeit der Tochter bekundete, vernahm Herr Danzer das mit Stolz nur zu gern. Und er sagte sich: „Nun trägt doch tatsächlich Lilien mit dazu bei, dass meine Stellung weiter gefestigt wird. Ich würde überzeugt sagen: ‚Das Experiment Tochter beim Vater mit im Betrieb ist zum Vorteil beider gediehen.’“
Herr Danzer lud Lilien anschließend ohne seine Ehefrau zu einem Essen in einem vornehmen Lokal ein. Als Lilien nachfragte, womit sie das verdient habe, erhielt sie zur Antwort: „Weil wir alle mit dir zufrieden sind.“ Worauf Lilien bewegt und etwas verschämt den Blick senkte. Was ihr ausgezeichnet stand.
Herr Danzer erwähnte bei dieser Gelegenheit nicht, dass er und die Mutter es für an der Zeit hielten, Lilien würde nun bald den richtigen Mann kennenlernen und die Eltern sich hoffentlich eines Tages über Enkel erfreuen dürften.
Nein, dieser so schöne Abend mit seiner Tochter im Restaurant bei vorzüglichem Essen durfte nicht durch einen als bedrängend zu verstehenden Wunsch überschattet werden.
Zudem sollte man sich an die Weisheit halten: „Gut Ding will Weile haben.“ Zumal der Vater sich entschieden sagte: „So eine Frau wie meine Tochter bleibt nicht sitzen. Das gibt es gar nicht. Aber wertvolle Männer sind dünn gesät, die laufen einem nicht täglich über den Weg. Es heißt eben vertrauensvoll abzuwarten.“
Und seine Zuversicht sollte sich bestätigen.
Lilien hatte ihre Ausbildungszeit beendet und wurde erwartungsgemäß nach erfolgreicher Prüfung von der Firma gerne übernommen.
Es vergingen zwei Jahre, da stellte ihr Betrieb im Frühjahr einen jungen Mann ein, der mit guter Beurteilung seine Lehrjahre gerade hinter sich gebracht hatte und durch einen Wechsel die eigenen Kenntnisse zu erweitern suchte.
Hannes Böse wurde erstaunlich schnell von den Kollegen akzeptiert und erfreute sich bald einer allgemeinen Beliebtheit.
Lilien begegnete diesem Neuen zunächst nur im Vorbeigehen und hatte häufig dringende Termine im Außendienst, so dass es zu keinem gegenseitigen Vorstellen kam.
Herr Danzer nun hätte ein Kennenlernen initiieren können, störte sich aber erstaunlicherweise an dem Nachnamen von Hannes. Zu seiner Ehefrau sagte er eines Abends: „Wir haben einen Mitarbeiter dazubekommen, wirklich sympathischer Mensch, könnte zu Lilien passen. Aber sollte unsere Tochter einmal Böse heißen?“
Sybille Danzer runzelte die Stirn und entgegnete: „Aber Egmont, ein Name ist doch nur Schall und Rauch. Hinter manch wohlklingendem Von und Zu verbirgt sich nicht selten ein enttäuschender Charakter. Du solltest mir diesen Angestellten mal vorstellen.“
„Wir müssen äußerste Zurückhaltung walten lassen“, betonte der Ehemann. „Wenn der Jüngling oder unsere Tochter bemerken würden, es soll ihrem Näherkommen nachgeholfen werden, dann wäre es kontraproduktiv und könnte das Gegenteil unserer Intention hervorrufen. Und überhaupt, sind zwei füreinander bestimmt, dann ergibt sich das sich Finden auf natürliche Weise.“
„Dem möchte ich nicht uneingeschränkt zustimmen“, erwiderte Frau Danzer, „manche Ehe ist durch ein Arrangement eines Außenstehenden auf die Spur gebracht worden.
Denk mal an deinen Cousin Walter. Walter besuchte seine verwitwete Tante einmal wöchentlich, beriet sie bei Behördenangelegenheiten, nahm ihr Besorgungen ab und begleitete die Tante zum Arzt. Sie revanchierte sich, indem eine nette junge Dame aus dem Bekanntenkreis zu ihrer Geburtstagsfeier mit eingeladen wurde und den Platz neben Walter erhielt. Der damals gegenüber dem weiblichen Geschlecht recht gehemmte Cousin ließ sich einfangen und die eingefädelte Ehe ist dauerhaft und durchaus als glücklich zu bezeichnen. Du siehst, gute Ehen werden nicht nur im Himmel oder an einem nämlichen Ort geschlossen, sondern manchmal ganz profan durch eine feine Steuerung eines nahestehenden Menschen.“
„Was heißt das nun für uns?“, fragte der Vater unsicher.
Die Ehefrau überlegte, dann sagte sie: „Ich möchte ganz zufällig meinen Gatten in seinem Büro aufsuchen, während er gerade eine Unterredung mit dem jungen Herrn hat. Überlass es dann mir, bei dieser Gelegenheit ein paar Worte mit Hannes Böse zu wechseln. Wenn meine erste Beurteilung positiv verläuft, werden wir über die weiteren Schritten nachdenken.“
Der Ehemann stimmte zu.
Doch der Mensch denkt und Gott lenkt. Ehe es zu dem geplanten Aufeinandertreffen kam, wurde die fachliche Kompetenz von Hannes bei einem Kundenbesuch Liliens benötigt.
Also machten sich die beiden jungen Leute durch Anordnung des Chefs auf den Weg.
Hannes war ein Jahr jünger als Lilien und im Auftreten gegenüber Kunden schüchtern. „Der entspricht nicht dem Bild von einem Mann, das ich in mir trage“, dachte Lilien spontan und distanzierte sich innerlich bereits von diesem Hannes, den sie unschön überheblich als Hanswurst titulierte.
Lilien stieß jedoch während ihres gemeinsamen Außendienstes im Kundengespräch bei der Vorstellung eines Produkts an ihre fachlichen Grenzen. Ihr Kollege sprang hilfreich ein und gewann mit dieser Aufgabe als versierter Experte auch an Persönlichkeit. Hannes erklärte mit treffendem, geradezu geschliffenem Ausdruck und blieb trotzdem für den Laien gut verständlich. Der Kunde durchschaute anschließend die Apparatur, ohne dass er weiter nachfragen musste und dankte beim Ausprobieren für den zusätzlichen, uneigennützigen Beistand des routinierten Verkäufers.
Lilien hörte und sah bewundernd zu und überlegte: „Bin ich als Lieferant auch so gut?“
Besonders rechnete sie dem Hannes an, dass er anschließend nicht herablassend auf sie selbst schaute, sondern kameradschaftlich meinte: „Da haben wir einen schönen Erfolg eingefahren. Dieser Kunde wird uns erhalten bleiben.“
„Du bist toll!“, äußerte Lilien und gestand ehrlich: „Ich hatte dich vorher unterschätzt.“
Als Frau sagte sie sich insgeheim: „Dieser Mann wird mir nie über den Mund fahren und mich stets mit Achtung behandeln. Keine schlechte Grundlage für eine Beziehung.“
Entscheidend aber sollte schließlich für sie werden: „Kann ich den mir noch weitgehend unbekannten Menschen lieben?“
Und dafür musste sie sich dessen Gefühlswelt einfach nachhaltig erschließen.
Entschlossen und dabei über den eigenen Schatten springend, fragte sie zum Ende der Kundentour: „Gehst du gerne ins Kino?“
Sie hörte: „Manchmal, eher selten. Es kommt ganz auf den gezeigten Film an.“
Das entsprach auch Liliens Einstellung.
Beide saßen bald in einer Vorstellung und schauten einen Film über Afrika an, der sie nicht enttäuschte. Was sie jedoch störte, war das Verhalten von einem Teil des Publikums: die unangebrachten Bemerkungen, das Rascheln der Bonbon- oder Salzgebäcktüten und die sich rollend verselbständigenden Trinkflaschen. Welch eine Rücksichtslosigkeit wurde damit offenbart! Lilien schämte sich für diese Zuschauer und entschied, keine weiteren Besuche in solch einem Veranstaltungsraum mehr folgen zu lassen.
Wie wohltuend war dagegen das Verhalten ihres Begleiters, der das schummrige Licht nicht, wie bisweilen zu beobachten, zum frühzeitigen Austausch von Zärtlichkeiten nutzte.
„Hannes scheint in vielfacher Hinsicht ein anständiger Kerl mit Stil zu sein“, sagte sich Lilien und überlegte, worin ihre gemeinsamen Aktivitäten in Zukunft bestehen sollten.
Auf dem Heimweg tauschten die jungen Menschen ihre Ansichten über das abstoßende Benehmen anderer aus und stimmten erfreulich überein.
Hannes brachte seine Begleiterin nach Hause. Beim Verabschieden fragte er: „Gehst du gern spazieren?“
Und es wurde recht deutlich, wie er die bejahende Antwort begrüßte.
„In der Natur“, gab Hannes zu bedenken, „da stört uns kaum jemand mit einer unangebrachten Verhaltensweise. Die heimischen Tiere verstehen sich angemessen, für Menschen oft belebend aufzuführen.“
Sie verabredeten sich für den kommenden Sonntag. Lilien beachtete intensiv die Wettervorhersage und meinte bei Dienstschluss am Freitag: „Es sieht gut aus. Die Sonne wird uns scheinen.“
„Das erwarte ich einfach auch“, erwiderte Hannes, und ein angenehmes Lächeln huschte über sein Gesicht. Sie gingen nach einem kurzen, aber innigen Händedruck guter Dinge auseinander. Wie synchronisiert drehten sich beide auf der Straße noch zweimal zueinander um. Dann tauchten Hannes und Lilien zwischen anderen Menschen unter.
Hannes hatte sich vor kurzem einen kleinen Gebrauchtwagen zugelegt, den er – aus Sparsamkeit – lediglich für von öffentlichen Verkehrsmitteln umständlich zu erreichende Ziele benutzte.
„Ich hole dich ab“, hatte er Lilien zugesichert und stand pünktlich um 11 Uhr vor ihrer Tür.
Frau Danzer hatte sich inzwischen im Büro ihres Mannes mit Hannes bekannt gemacht und sich sehr schnell von der Seriosität des jungen Mannes überzeugt. Eine gewisse Unsicherheit blieb natürlich nach ihren zwei kurzen Begegnungen noch zurück, aber die gestandene Frau sagte sich: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ Hatte sie doch in jungen Jahren schon nach einer relativ kurzen Kennenlernphase und einer noch kürzeren Verlobungszeit ihren Mann geheiratet. Und die guten eigenen Erfahrungen machten Frau Danzer zuversichtlich.
Als die Mutter nun aber, vorher nicht informiert, ihre Tochter in den Kleinwagen einsteigen sah, beschlich sie ein mulmiges Gefühl. „Jung und verliebt“, äußerte die Ehefrau zu ihrem Gatten, „hoffentlich leidet darunter nicht die Konzentration auf den Verkehr.“
Herr Danzer versuchte seine besorgte Gattin mit dem Hinweis zu beruhigen: „Nach meinen Beobachtungen lässt sich der Hannes nicht ablenken, bei der Erledigung all seiner Aufgaben habe ich ihn stets überlegt und aufmerksam erlebt.“
„Aber was die Liebe betrifft, so ist das doch etwas elementar anderes“, gab die Mutter zu bedenken. Worauf ihr Mann antwortete: „So verliebt erscheinen mir die beiden noch gar nicht zu sein, sie befinden sich erst in der Anfangszeit ihrer Beziehung, beim gegenseitigen Erforschen. Von einem unter Umständen blind machenden Gefühlsrausch dürfte daher nicht die Rede sein. Zudem haben wir eine hellwache Tochter, die selbst mit Acht geben wird.“
„Wenn du meinst“, erwiderte die Ehefrau nicht vollständig überzeugt und versuchte, ihre Bedenken zu verdrängen.
Hannes Böse besaß noch keine ausgeprägte Fahrpraxis, fuhr jedoch vorsichtig und überschätzte sein Können nicht. Zudem hatte er aus gegebenem Anlass die Strecke zu dem jetzigen Ausflugsziel bereits zweimal zurückgelegt und sich vorgenommen, den Wagen nur bei mäßiger Geschwindigkeit zu steuern. Obendrein lag ihm ein Angebertum ganz und gar nicht. Gegenwärtig hatte er nun zusätzlich eine für ihn besonders wertvolle Begleiterin dabei und war sich der Verantwortung auch gegenüber ihren Eltern sehr bewusst.
Kurz zusammengefasst: Die Hin- und Rückfahrt verlief unter dieser Voraussetzung reibungslos.
Sie unternahmen einen ausgedehnten Spaziergang bei angenehmer Temperatur und nur hin und wieder von einigen Wolkenfeldern verdecktem Sonnenschein.
Hannes und Lilien beflügelten sich gegenseitig durch ihren Frohsinn, wobei besonders Lilien auf die Gemütsbewegungen ihres Begleiters achtete, um ihn dadurch möglichst unverfälscht zu erfahren. Sie stellte fest: „Hannes’ Psyche erweist sich bei den auf uns einstürmenden Eindrücken als ein intensiv reagierender Resonanzboden.“ Und sie musste ihrem Bekannten zubilligen, eine ihr überlegene Aufnahmefähigkeit für die Natur zu besitzen.
Für einen Mann nicht gerade selbstverständlich. So lehrte es zumindest die eigene Erfahrung ihrer noch jungen Jahre. Und dieses feine seelische Schwingen, das keinesfalls übertriebene Emotionen oder gar krankhafte Züge hervorkehrte, ließ schnell ein gemeinsames Band knüpfen.
Als die jungen Leute bei einer Rast auf ausgebreiteter Decke ihre eigenen Auffassungen recht konform austauschten und auch in der Beurteilung einiger Mitmenschen größtenteils zum Konsens fanden, dachte jeder für sich: „Es ist stimmig. Dieser gemeinsame Ausflug hat bereits viel gebracht. Aber wo liegen die Sonderbarkeiten und Schwächen des anderen, die der Alltag erst sehr verlangsamt zu Tage treten lassen wird?“
Es war erstaunlich, dass diese jungen Menschen ganz untypisch sich nicht der Annehmlichkeit eines Gefühlsrausches hingaben und dabei alle mit hoher Wahrscheinlichkeit einmal auftauchenden Probleme ausblendeten. Bemerkenswert gerade deshalb, weil jedem die Gegenwart des anderen sehr zusagte, und sie sich dadurch sehr verständlich über ihre schon asketisch anmutende Zurückhaltung hätten hinwegsetzen können. Zumal zu bedenken ist, dass eine dauerhafte, liebevolle Zweisamkeit kein noch so gründliches Erforschen eines Partners garantiert, sondern nur begnadet erlebt werden kann.
Daher hätte gut und gerne der Drang entstehen können: Nutze die Zeit der unbekümmerten Jugend. Die Beschwernisse des Lebens werden sich ganz von alleine einstellen. Doch bei diesen jungen Menschen blieb eine überraschende Selbstdisziplin im Verlangen nach vollständigem Besitz des anderen auch zukünftig ihr Begleiter.
Das letzte Stück des Rückweges schwiegen sich Hannes und Lilien aus. Jeder beschäftigte sich mit eigenen Gedanken. Doch schließlich fragte Hannes: „Ist alles in Ordnung?“
„In jeder Beziehung“, versicherte Lilien, griff intensiv nach Hannes Hand und drückte damit mehr, vor allem unmissverständlich und überzeugend aus, was mit Worten nicht so eindeutig hätte rüberkommen können.
Ehe sie in den Wagen stiegen, kam von Hannes die Frage: „Was fassen wir für unser nächstes Treffen ins Auge?“
Lilien überlegte kurz und meinte dann: „Du erzähltest mir von verschiedenen Videoaufnahmen in deiner Sammlung. Wähle doch eine Kassette aus, wir sehen sie dann in meinem Zimmer an. Die Eltern werden es begrüßen, dich in unserem Haus willkommen zu heißen.“ „Eine gute Idee“, unterstrich Hannes. „Gern hätte ich dich natürlich bei mir. Aber es wäre sicher nicht angebracht, diese entzückende junge Frau in meine sturmfreie Junggesellenbude zu bitten.“ „Da stimme ich mit dir überein“, erwiderte Lilien, „doch lass mich gleich mal keck fragen: ‚Hatte sich bereits Damenbesuch bei dir eingefunden?’“ „Ja“, antwortete Hannes, „meine Mutter und meine Schwester. Und damit keine direkte Konkurrenz für dich.“
Sie lachten beide. Lilien mit freudiger Genugtuung, obwohl sie Hannes nichts Unverzeihliches vorgeworfen hätte. Dennoch war es schön so, auch wenn ihr mitgeteilt wurde: „Ein Mann ohne Erfahrung bricht später leichter von der Beziehung aus.“
Der so erfreulich verlaufende Ausflug wirkte in Hannes und Lilien nach. Und mit ihren Gedanken schwebten sie vor dem Einschlafen in anderen Sphären. Aber dann standen wieder die Erfordernisse des nüchternen, allerdings durchaus nicht widerwillig in Angriff zu nehmenden Arbeitstages vor ihnen. Der erdete die Verliebten gleichsam nachhaltig.
Dass sich zwischen diesen beiden etwas entwickelte, war durch ihr übereinstimmendes Strahlen nicht zu verheimlichen. Die wohlwollende Kenntnisnahme der Kollegen hatten sie erfreulich auf ihrer Seite.
Nur dem Chef gefiel diese Beziehung nicht, denn er besaß einen Sohn im für seine Angestellte passenden Alter und wollte nicht wahrhaben, dass sich Zuneigung keineswegs nachhelfen ließ.
„Hannes und Lilien schicke ich nicht mehr gemeinsam zu den Kunden“, dachte er grimmig.
Sein Sohn Markus arbeitete nicht in der Firma, sondern studierte Medizin. Doch Herr Kurz plante schon länger, Lilien für einen Tee am Wochenende zu sich einzuladen.
Der Herr Chef warf sich vor, nicht sogleich zugegriffen zu haben, war aber überzeugt, dass ein Studiosus und werdender Arzt diese junge Frau bestimmt beeindrucken müsste.
„Was stellt denn schon der Hannes Böse dar?“, fragte sich der gut situierte und erfolgsverwöhnte Firmenbesitzer.
Herr Kurz lebte in Kreisen, in denen die gesellschaftliche Stellung und der Besitz betont hervorgekehrt wurden, und man häufig in dem Denken befangen blieb, mit Geld sei viel, wenn nicht gar alles zu erreichen.
Eine Auffassung, die von Hannes und Liliens Einstellung grundlegend abwich. Man sollte mit Nachdruck unterstreichen, beide Seiten lebten in verschiedenen Welten.
Als Lilien nun zur großen Enttäuschung ein anderer Kollege im Außendienst mitgegeben wurde, blickte Hannes seiner Kollegin nicht gerade erfreut nach. Bevor Lilien die Firma verließ, drehte sie sich zu ihrem Hannes um und machte eine wegwerfende Handbewegung. Das war deutlich, dennoch arbeitete es in dem jung Verliebten und er stellte erstaunt fest, dass ungewohnte Gedanken in ihm aufstiegen.
Am harmlosesten war noch, dass sich die Überlegung aufdrängte: „Ich werde viel eher als gedacht mit Lilien schlafen. Damit wären dann unumstößliche Fakten geschaffen.“
Hannes zeigte sich mit einmal besitzergreifend und von „reiner“ Liebe konnte keine Rede mehr sein. Wobei er ausblendete, dass ein Beischlaf schnell abgetan werden konnte, es sei denn, der würde Folgen haben.
Und darin bestand ernsthaft wohl hoffentlich kaum seine Intention.
Als Lilien von ihrer Geschäftstour äußerlich ganz wohlgemut zurückkehrte, bat Hannes um ein Gespräch nach Dienstschluss.
„Ist was zwischen euch?“, fragte Hannes dabei unvermittelt.
Lilien blickte erstaunt und durch Hannes bösen Blick zugleich irritiert leicht auf und schwieg empört.
Damit gab sich der eifersüchtige Liebhaber nicht zufrieden, fasste an die Schulter der vor ihm stehenden jungen Frau, rüttelte sie kräftig und schrie heiser: „Nun sag schon!“
„Das geht zu weit, du siehst Gespenster!“, rief Lilien aus, befreite sich aus dem Griff und lief davon.
Ein hilflos erregter Hannes blieb zurück.
In den folgenden Tagen herrschte Funkstille zwischen ihnen. Sie arbeiteten zwangsläufig weiter nebeneinander im selben Betrieb, gingen sich aber aus dem Wege.
Der Chef frohlockte und gedachte, seine geplante Einladung nun schnellstens auszusprechen.
Lilien trug Hannes weiter in ihrem Herzen, versuchte dessen Verhalten psychologisch zu erklären und überlegte, wie sie wieder zueinander kommen könnten. Sichtbar litten beide unter der Trennung.
Nachdem Lilien die schriftliche Einladung von Herrn Kurz übermittelt worden war, und sie ihre Eltern um Rat gefragt hatte, fing sie Hannes umgehend auf dem Nachhauseweg ab und erklärte: „Ich möchte dich dringend sprechen, wir müssen da etwas klären.“
Hannes hatte seinen Groll inzwischen abgeschüttelt und sagte fast gierig: „Ja, möglichst bald, damit ich mich vielmals entschuldigen kann und hoffentlich wieder von dir angenommen werde.“
Das hörte sich für Lilien gut an, und sie antwortete darauf: „Unser Treffen muss umgehend zustande kommen, damit es nicht erneut zu einem Missverständnis kommt.“
Bei der Zusammenkunft begann Lilien: „Der Chef hat mich zu sich nach Hause eingeladen, was er bezweckt, ist mir klar. Ich mag aber seinen Sohn nicht und möchte absagen. Davon rät mir jedoch mein Vater mit Nachdruck ab, denn das könnte als Beleidigung aufgefasst werden und auch für ihn negative Folgen nach sich ziehen.
Bitte vertraue mir. Am besten du bringst mich dort hin und wir machen ebenfalls eine Zeit zum Abholen aus.
Du bist doch mutig, und wir sollten diesem Mann die Stirn bieten und uns als Paar bekennen, auch wenn damit unser Arbeitsverhältnis gefährdet wird. Notfalls werfe ich dem Herrn Chef meine Kündigung vor die Füße. In diesem Fall geht es ganz entschieden um mein Leben, und ich kann ausnahmsweise selbst auf die Eltern keine Rücksicht nehmen.“
Hannes machte keine Einwände, und Herr Kurz schluckte die Kröte der auffallenden Distanz seiner Angestellten gegenüber seinem Sohn. Dennoch blieb etwas zurück und Lilien musste sich sagen: „In dieser Firma werde ich nicht alt. Bei passender Gelegenheit wird der Absprung gemacht.“
Lilien verkehrte bald wiederholt auch im Haus von Hannes Eltern. Besonders zur Mutter ihres Freundes baute sie ein Vertrauensverhältnis auf.
Frau Böse hatte wohl bemerkt, dass es zwischen Lilien und Hannes seinerzeit fast zum Bruch gekommen wäre, und sie hielt es für angebracht, mit der erwünschten Schwiegertochter unverblümt über die Stärken und Schwächen des eigenen Sohnes zu sprechen.
So fand denn bei sich ergebender Gelegenheit zwischen den beiden Frauen ein ehrlicher und nicht alltäglicher Austausch statt.
Dabei erfuhr Lilien, dass Hannes ein zuverlässiger, kameradschaftlicher und hilfsbereiter Mensch sei, aber zur cholerischen Reaktion neige, wenn er sich hintergangen fühlt.
Er bereue zwar bald das überzogene Verhalten, vermag seinen Fehler einzusehen und entschuldigt sich. Was aber nicht ausschließt, dass er, vermeintlich erneut herausgefordert, wieder in gleicher Weise reagiert. „Damit wirst du leben müssen“, hieß es von Seiten der Mutter, „denn bedenke, mein Sohn vermag tiefe Zuneigung zu empfinden, hat viel Herz und steht unverbrüchlich zu seinem Wort.
Hannes ist rein äußerlich kein attraktiver Mann, doch das Leben lehrt, im Zusammensein kommt es vor allem auf die inneren Werte an. Schönheit allein schafft kein erfülltes Miteinander.“
Lilien war inzwischen bereits zu einem ähnlichen Bild von ihrem Geliebten gekommen, nahm die Bestätigung durch die angehende Schwiegermutter dennoch gerne an, zugleich hoch erfreut, mit dieser Frau durch deren Offenheit und der für die eigene Person verdeutlichte nachhaltige Sympathie eine Freundin, vielleicht sogar eine „zweite Mutter“ gewonnen zu haben. Was ja bekanntlich in einem solchen Verhältnis keinesfalls selbstverständlich ist.
Die eigene Mutter sagte nach der Eheschließung einmal: „Mir scheint, du verkehrst häufiger bei deinen Schwiegereltern als bei uns. Ich komme als Mutter nicht gerne an zweiter Stelle.“
„Aber Mutti“, erwiderte die Tochter, „das natürliche Band zwischen uns hat einen nicht austauschbaren Wert. Ihr werdet mir nach meinem Mann immer am Nächsten stehen.“
Worauf Frau Danzer, allerdings nicht ohne Humor, meinte: „Es fällt besonders deinem Vater schwer genug, dich an einen anderen Mann abzugeben.“
Doch kommen wir zurück zur der sich verfestigenden Zuneigung zwischen den jungen Menschen.
Lilien kündigte überraschend und zum Unwillen von Herrn Kurz. Sie stellte auch ihre wenig erfreuten Eltern vor die vollendete Tatsache. Vater Danzer wiegte mit dem Kopf und äußerte: „Wurde doch nicht zum Vorteil für uns: Vater und Tochter in einer Firma. Hoffentlich muss ich mich in meinem Alter nicht um eine neue Stelle bemühen. Erfolgreich woanders einzusteigen, würde nicht einfach sein. Und wer zahlt einem älteren Neuen schon das erwünschte Gehalt? Hättest du nicht mehr Stehvermögen aufbringen können?“
Dieser Vorwurf traf Lilien, doch sie sagte sich: „Auch wenn ich erneut in mich gehe, es gibt nur diese Entscheidung, denn es ist einfach unerträglich, ständig der spürbaren Verärgerung des Chefs ausgesetzt zu sein. Obendrein taucht jetzt sein Sohn mit deutlicher Absicht öfter im Betrieb auf. Was denken sich diese Menschen? Ich stehe doch für mein Privatleben nicht zu ihren Diensten. Welch ein absurdes Theater in unserer Zeit! Jede Frau besitzt als Privatperson ihre selbstbestimmte Freiheit und steht niemals unter dem Willen eines anderen Individuums.“
Als Lilien die Firma bereits verlassen hatte, stieg die Erinnerung an das Widerfahrene manchmal unvermittelt in ihr auf, und sie kochte vor Zorn. Wenn sie dabei gerade mit Hannes zusammen war, musste der junge Mann sich anhören: „Vorsicht, die Erinnerung an meinen ehemaligen Chef mit Sohn wird mir gerade gegenwärtig und schon eine geringfügig falsche Bemerkung, selbst ein Scherz, kann mich deshalb im Augenblick explodieren lassen. Ich weiß, es ist ein wunder Punkt bei mir, aber den besitzen nicht wenige Frauen meiner Generation.
Es ist wohl ein nachwirkender, aufgestauter Protest durch früher nicht selten unserem Geschlecht entgegengebrachte Herabsetzung. Entschuldige, ich weiß, es würde mit dir den Falschen treffen.“ Doch Hannes nahm es gelassen, ja, ein wenig erleichtert erwiderte er: „Dann trägst du einen meinem Jähzorn entfernt verwandten Zug in dir, das entlastet mich ein wenig.“
„Ach, Hannes“, meinte Lilien und schmiegte sich an ihn, „du bist doch wunderbar.“ „Na, na“, erhielt sie zur Antwort, „bitte jetzt kein Himmelhochjauchzen. Du kennst mich inzwischen schon ziemlich gut und meine Mutter hat wohl auch dazu beigetragen, dir die Augen zu öffnen.“
„Was!?“, entfuhr es Lilien, „hat deine Mama etwa so etwas angedeutet?“
Lilien biss sich auf die Lippen. Hoffentlich entstand wegen des vertrauten Gesprächs keine Zwietracht zwischen Mutter und Sohn. Sie überlegte fieberhaft. Dann erklärte Lilien nicht wahrheitsgemäß: „Ich habe lediglich Gesprächsfetzen, die zufällig von einer Unterredung deiner Eltern zu mir gedrungen sind, aufgeschnappt. Das ist wohl bemerkt worden. Mehr nicht.“
